Was nutzt das Modell der vier Seiten einer Nachricht eigentlich praktisch?

Kürzlich bekam ich von einem Auftraggeber die Unterlagen eines recht erfolgreichen Kollegen gezeigt. Der Kollege ist seit 25 Jahren im Geschäft, sein Haupteinsatzgebiet sind Kommunikations- und Managementschulungen, und er hat sich einen guten Kundenkreis vor allem in zwei Branchen aufgebaut. Mit guten Tagessätzen und exzellenten Referenzen. Doch als ich die Unterlagen sah, dachte ich: Was ist das denn?! Drei Grundlagenbücher über Kommunikation gewälzt, jeweils die ersten dreißig Seiten in powerpointfähige Slogans verhackstückt, fix eine hemdsärmelige Präsentation draus gebastelt und diese schließlich als Trainingsdokumentation für eine zweieinhalbbtägige Schulung unter die Leute gebracht. Vier Ohren und vier Schnäbel á 1500 Euro netto pro Tag? So kann man das also auch machen – jeder einigermaßen helle Student der Kommunikationspsychologie könnte das am Ende des zweiten Semesters besser, dachte ich angesichts der Unterlagen weiter. Geht es also doch nicht um Inhalt, sondern um Entertainment und die richtige Akquise? Wahrscheinlich oft genug.

Jetzt aber mal im Ernst: Gibt es wirklich noch Trainingsteilnehmer in Deutschland, die noch nichts von vier Ohren, Schnäbeln und so weiter gehört haben? Und wenn ja, welchen praktischen Nutzen hat dieses Modell über das reine – von der Sache her durchaus interessante – Wissen hinaus? Und was KANN man in der eigenen Gesprächs- und Lebenspraxis nachher besser, wenn man dieses Modell kennt? Ich fürchte, kaum etwas. Zumindest ist mir noch kaum jemand begegnet, die oder der mir darauf eine gute Antwort geben konnte. Was von den Antworten tatsächlich bleibt, ist die Unterscheidung zwischen Sach- und Beziehungsaspekt. Aber diese Unterscheidung ist schlicht, fast selbsterklärend, die Schlussfolgerungen leuchten ein, und man kann sie auch als Fachfremder ganz gut selber ziehen. Man kann das auch schon bei Watzlawick lesen und braucht das ganze Modell-Brimborium nicht.

Teamleiter

Aber was bewirkt mehr Lerneffekt und ist nützlicher für die tägliche Praxis von Trainingsteilnehmern?

Beschäftigt man sich mit Kommunikation aus psychoanalytischer Sicht, landet man schnell bei den Abwehrmechanismen. Man lernt dann, dass offene, authentische Kommunikation nur sehr selten möglich ist, und dass es eine sehr schwierige Aufgabe ist, die eigene Unsicherheit zu ertragen, die es bedeutet, wirklich aus Erfahrungen zu lernen und selbst offen zu kommunizieren. Es gibt kaum Forscher, die das besser auf den Punkt bringen als – jeweils für sich – Wilfred Bion und Chris Argyris. Nach Bion ist die wichtigste Voraussetzung zum Lernen aus Erfahrung (etwas anderes sind gute Trainings ja nicht) das Ertragen von Unsicherheit. Aber wann ist das schon möglich? Und Argyris, der erst vor wenigen Wochen im Alter von 90 Jahren verstorben ist, meinte, dass Menschen in der Regel immer andere Ziele und Absichten vorgeben, als ihren Handlungen tatsächlich zugrunde liegen, und dass Kommunikation sehr selten offen, sondern in den allermeisten Fällen verdeckt abläuft. Eine der großartigsten Übungen für Kommunikationstrainings, die ich kenne, stammt von Argyris und geht so: Die Teilnehmer nehmen ein Blatt Papier und teilen es mit einem senkrechten Strich in zwei etwa gleichbreite Spalten. In der linken Spalte führen die Teilnehmer (jede/r für sich) nun schriftlich ein fiktives Gespräch mit einer Person, mit der sie „ein Problem“ haben. Das kann ein ganz profanes Organisationsproblem oder auch ein persönliches Problem sein. Die Teilnehmer sollen sich ein Thema und vielleicht auch ein Ziel oder eine Strategie für das Gespräch überlegen und es beginnen (A: …). Dann überlegen die Teilnehmer, was die jeweilige Person antworten würde und schreiben auch das auf (B: …). Dann überlegen die Teilnehmer, was sie selbst wieder antworten bzw. wie sie das Gespräch weiterführen würden (A: …). Das wird so fortgeführt, bis das Gespräch beendet ist oder bspw. drei Seiten voll sind. Wenn alle Teilnehmer fertig sind (die Bearbeitungszeiten können sehr unterschiedlich sein), folgt der zweite Teil der Aufgabe: Die Teilnehmer werden gebeten, in der rechten Spalte entlang des Gesprächs all diejenigen Dinge aufzuschreiben, die sie zwar gedacht oder gefühlt, aber, aus welchen Gründen auch immer, nicht zum Ausdruck gebracht hätten. Die Auswertung dieser Übung kann zu zweit, in kleinen Gruppen oder im Plenum erfolgen. Hilfreiche Fragen für die Auswertung sind: Was war das für eine Erfahrung? (Da geht es um die Diskrepanz zwischen den beiden Spalten.) und: Was lernen Sie daraus über menschliche Kommunikation? Insbesondere die Antworten auf die zweite Frage haben einen großen Lerneffekt für die Teilnehmer. Als dann kann man, so es der Trainingszweck erlaubt und die Teilnehmer das möchten, konkrete Gesprächsbeispiele analysieren, Abwehrmechanismen und entsprechende defensive und manipulative Gesprächsmuster herausarbeiten und konkrete (weil fallbezogene und datenbasierte) Wege zu mehr Offenheit und Lernen suchen.

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Und nun: Guten Rutsch und alles Gute für 2014!

Jörg Heidig