Fremdes Leben, falsche Liebe

Man kann sich seine Eltern nicht aussuchen. Auch nicht die Zeit, in die man geboren wurde. Ob Du Dich in der Welt, in der Du lebst, willkommen oder hineingeworfen fühlst, ist der Welt herzlich egal. Ob Du es leicht hast oder kämpfen musst, kannst Du Dir also erst einmal nicht aussuchen. Dennoch hast Du die Wahl, die Dinge so oder so zu sehen. Es gibt immer zwei Blickwinkel, aus denen Du eine Sache, einen anderen Menschen oder eine Situation betrachten kannst. Du kannst die Dinge als unveränderlich betrachten. Dann bist Du das Opfer der Umstände, Deiner Erziehung, Deiner Vorgesetzten usw. Oder Du kannst Dich fragen, welche Optionen Du hast, wie Du vielleicht anders über die Dinge denken kannst. Denn Du siehst die Dinge keineswegs so, wie die Dinge sind. Du siehst sie vielmehr so, wie Du bist. Oder anders: Die Art und Weise, wie Du die Dinge siehst, sagt weniger über die Dinge aus, als vielmehr etwas über Dich selbst. Es fängt also immer bei Dir an. 

Im Grunde gibt es zwei Arten aufzuwachsen. Entweder haben die Eltern ihr Kind angenommen und zu dem einzigartigen Menschen heranwachsen lassen, der zu werden in ihrem Kind angelegt war. Oder die Eltern haben dies nicht getan und ihre Liebe an bestimmte Forderungen geknüpft. Dann wurde das Kind nicht zu dem Menschen, der es hätte werden können, sondern dann wurde aus dem Kind, wer es werden sollte. Natürlich sind diese beiden Erziehungsstile in ihrer reinen Form eher selten. Die meisten Menschen sind also zum Teil das, was sie werden konnten, und zum Teil das, was sie werden sollten. 

Du kannst nun einmal überlegen, ob Du eher geworden bist, was Du werden solltest, oder ob Du mehr Deine Potentiale entfalten konntest. Die Antwort auf diese Frage ist wichtig. Sie bestimmt darüber, ob Du Dich selbst lieben kannst. Denn wer dafür geliebt wurde, wer sie oder er ist, der kann sich selbst auch so lieben, wie er oder sie eben ist. Wer aber für die Erfüllung von Erwartungen oder Forderungen geliebt wurde, der hat oft Probleme, sich selbst zu mögen – oder überhaupt zu kennen. Diese Menschen kennen von sich nur, was sie für andere darstellen, tun oder leisten. Wer für seine Eltern nur tat, was die Eltern wollten, wird sich später nicht mit der Betrachtung der eigenen Person zufrieden geben, sondern sie oder er wird sich immer – gewissermaßen durch eine von den Eltern übernommene und unbewusst angewöhnte Außenperspektive – anhand seiner dargestellten Eigenschaften, vollbrachten Leistungen usw. bewerten. Der Selbstwert ist dann nicht gegeben, sondern er muss immer wieder von Neuem hergestellt werden, und weil dieses Fass keinen Boden hat, wird daraus eine Lebensaufgabe, die kein Ende hat und jeden Tag von Neuem beginnt. Viele Menschen schlafen am Abend mit dem Gedanken ein, am Tag nicht genug geschafft zu haben. Das heißt so viel wie: „Ich habe den Erwartungen nicht entsprochen, ich muss noch mehr tun, noch besser sein.“ Hinter dem Perfektionismus steckt der (unbewusste) Verdacht gegen sich selbst, nicht genug zu sein.

Ob sich jemand selbst genügt oder für seinen Selbstwert immer etwas tun muss, hängt also zunächst von der Erziehung ab. Unter Erwachsenen lassen sich dementsprechend zunächst zwei Formen von Selbstbildern beobachten. Zum einen gibt es die Menschen, die sich selbst lieben können, weil sie für sich selbst und ihr so-Sein geliebt wurden. Zum anderen gibt es jene Menschen, die vor allem dafür Zuneigung erhalten haben, was sie – in Abweichung von sich selbst – dargestellt oder getan haben. Diese Menschen haben ein Selbstbild, das vor allem davon abhängt, was sie für andere sind oder leisten. Sie brauchen auch im Erwachsenenleben mehr oder weniger ständig Bestätigung dafür, dass sie in Ordnung sind. Nicht selten sind diese Menschen, was sie tun. Sie sind nicht sie selbst, sondern bestehen gleichsam aus Handlungen für andere, weil dies die Art und Weise ist, durch die sie sich erfahren, durch die sie gleichsam sind.

Es gibt eine tragische Steigerungsform, nämlich wenn die elterliche Anerkennung überhaupt nicht vorhanden war. Wenn Eltern ihr Kind mehr oder minder komplett ablehnen, entwickelt sich weder eine gesunde Selbstliebe noch ein auf die Erfüllung von Erwartungen anderer oder Leistung gerichtetes Selbstbild. In ihrer Jugend werden diese Menschen versuchen, der elterlichen Welt zu entkommen. Sie suchen sich nicht selten ein „größeres Ganzes“ und bauen eine Art kompensatorischen Selbstbildes auf, das vor allem in Abgrenzung zu den eigenen Eltern definiert wird. Weil diese Menschen wissen, wie sie gewiss nicht sein wollen und welche Fehler sie ganz bestimmt nicht wiederholen wollen, wünschen sie sich umso mehr, ganz anders zu sein und suchen nach Erfahrungen und Menschen, die sie in diesem Wunsch bestätigen. Sie bauen sich also ein neues Selbstbild auf, das ihren Wünschen von einem besseren Leben, von besseren Eigenschaften usw. entspricht. Das bedeutet aber nicht, dass sich diese Menschen selbst lieben können. Tief im Herzen bleibt das erfahrene Defizit am Leben. Sie suchen zwar nach Bestätigung und finden sie auch, aber in ihnen lebt eine starke Angst, den Maßgaben des selbst geschaffenen Bildes von sich doch nicht zu entsprechen. Diese Angst ähnelt der eines Lügners, entdeckt zu werden. Und so setzen sich diese Menschen umso mehr unter Druck, dem Bild von sich zu entsprechen, noch perfekter zu werden. Im Alltag äußert sich dies in Gedanken ähnlich diesem: „Wenn ich das noch schaffe, dann passt es endlich. Dann kann ich mich zurücklehnen, dann bin ich zufrieden.“ Aber diese Zufriedenheit kommt nicht. Ein Vorhaben folgt dem nächsten, nach kurzer Entspannung kehrt die Angst, doch nicht genug zu sein, zurück und treibt die betreffende Person zu neuen Leistungen an. Die Welt ringsum und die eigene „Performance“ werden immer perfekter, oft so perfekt, dass andere Menschen Bewunderung für die Leistungen, manchmal aber auch Angst vor den Maßstäben der Betreffenden verspüren.

Eine interessante Frage ist nun, was geschieht, wenn Menschen mit solchen kompensatorischen Selbstbildern lieben und Beziehungen führen. Du hast bestimmt schon einmal irgendwo gehört oder gelesen, dass nur lieben könne, wer sich selbst liebt, oder dass es egal sei, wen man heiratet, wenn man sich nur selbst liebe. Da ist etwas dran, aber das zu verstehen oder gar, wenn man selbst davon betroffen ist, zu ändern, ist alles andere als einfach.

Wenn ich nicht so recht weiß, wer ich bin, weil ich mein eigentliches, von meinen Eltern geschaffenes negatives Selbstbild tief in mir vergraben und mir stattdessen ein kompensatorisches Selbstbild geschaffen habe, dann suche ich mehr oder minder ständig nach Gelegenheiten, mein Selbstbild zu bestätigen. Ich handle also nicht aus mir selbst, sondern aus meinem Wunsch-Selbst heraus. So auch in der Liebe. Ich bewundere mein Gegenüber, weil ich selbst bewundert werden möchte. Ich bin großzügig mit den Fehlern des anderen („Das spielt keine Rolle. Du bist gut so. Ich liebe Dich, wie Du bist.“), weil ich hoffe, dass dann der andere auch so mit meinen Fehlern umgeht. Ich zeige aber meine Fehler nicht, weil ich sie selbst nicht sehen will. Ich lebe ja aus meinem Wunschbild heraus und will dieses Wunschbild bestätigt bekommen. Nun kann man sich aber nicht nahekommen, ohne dass der eigentliche Kern sichtbar wird. Spätestens unter Druck oder im Streit kommt mein negatives Selbstbild ans Licht. Ich kann aber, weil ich die negativen Seiten an mir vor mir selbst verberge, schlecht mit Kritik umgehen. Also schütze ich mich vor dieser Kritik: „Das war nicht so gemeint.“ ist die harmloseste Variante. „Du hast mich falsch verstanden.“ ist schon deutlicher. „Du bist doch selbst auch so.“ ist eine Steigerungsform, die deutlich macht, das man die Kritik nicht annehmen kann, weil sie das Bild, das man von sich selbst aufgebaut hat, in Gefahr bringt.

Wenn zwei Menschen mit kompensatorischen Selbstbildern zusammenkommen, lieben sich quasi nicht die Menschen selbst, sondern die Selbstbilder verbinden sich zu einer Hoffnung, endlich jemanden gefunden zu haben, der passt. Das bedeutet: Hinter dem Gefühl, dass da endlich jemand ist, der mich wirklich liebt, steckt die Hoffnung – und später im Konfliktfall: die Forderung – dass ich jemanden gefunden habe, der mein kompensatorisches Selbstbild bestätigt und mich nicht in die Gefahr bringt, mich mit mir selbst bzw. den abgelehnten Teilen meines Selbstes zu konfrontieren. Nun gibt es aber keine Beziehung ohne Probleme, Konflikte usw. Kritik wird also kommen. Da ich aber mein kompensatorisches Selbstbild wie ein Schild vor mir hertrage und die Beziehung aus diesem Wunschbild heraus führe, erlebe ich Kritik als Erschütterung nicht nur meines Selbstbilds, sondern – weil dieses Wunschbild ja der Ersatz für mein eigentliches (abgelehntes) Selbst ist – als existentiellen Angriff. Dementsprechend hart und bedrohlich sind dann oftmals die Verteidigungsstrategien. Was vielleicht als Kritik aus der Nähe, als aus Liebe heraus formulierter Wunsch gemeint war, wird als existentielle Bedrohung verstanden. Nicht selten wird dann sehr schnell mit dem Ende der Beziehung gedroht und/oder mit beinahe vollständigem Rückzug reagiert. Die Rückzugsreaktion stellt quasi das Selbstbild wieder her. Wenn ich allein bin, kann ich wieder der sein, der ich sein will. Die Drohung des Beziehungsabbruchs bringt den anderen dazu, sich zurückzunehmen und die Kritik nicht mehr zu äußern. Dass man damit die Beziehung immer weiter einschränkt, ihr so mit der Zeit die Lebendigkeit raubt und etwas tut, was man angesichts der Liebe, die man ja trotzdem spürt, eigentlich gar nicht will, wird einem kaum bewusst. Und wenn es bewusst wird, nimmt man sich vor, es nicht mehr zu tun. Weil aber der Selbstschutz, also der Schutz vor der Einsicht, dass man sich selbst eigentlich ablehnt, immer stärker ist, nimmt man die allmähliche Erosion der Liebe mehr oder minder bewusst in Kauf.

In der Anfangszeit solcher Beziehungen entwickeln Paare aus ihren kompensatorischen Selbstbildern heraus oft Phantasien gemeinsamer Stärke oder Größe. Das klingt dann in etwa so: „Was den anderen geschieht, kann uns gar nicht passieren. So etwas wie zwischen uns gibt es kein zweites Mal. Wir schaffen das.“ Diese Phantasien könnte man als eine Art „Versicherung“ oder Bollwerk gegen Kritik und Erschütterung verstehen. Freilich ist der Grat, um den es hier geht, schmal: Liebe ist etwas einzigartiges. Aber aus dem Willen, sich selbst im weiteren Leben vor der in der Kindheit erfahrenen Ablehnung zu schützen, wird, gerade wenn dies beide Partner betrifft, ein „Bündnis der Schilde“. Man versichert sich gegenseitig durch eine gewissermaßen symbiotische Verbindung, die durch die gemeinsamen Phantasien überhöht und damit gegen potentielle Kritik im Voraus geschützt wird. Ein bisweilen unbedingter Wille, es gemeinsam zu schaffen – eben wegen jener Einzigartigkeit – ist die Folge. Dieser unbedingte Wille und die beschriebenen Phantasien sind im Konfliktfall dann jene Linien oder Ausgangspunkte, die man nach Eskalationen beschwört, um in der Beziehung bleiben zu können: „Aber wir beide, wir waren doch einzigartig. Wir wollten es doch schaffen. Wer, wenn nicht wir?“

Hinzu kommt, dass die gemeinsamen Phantasien bzw. das „Bündnis der Schilde“ für die Beteiligten auch eine entlastende Funktion haben. Wenn ich mich selbst nicht kenne, weil ich mein abgelehntes Selbst nicht mag und vor mir verberge, dann bin ich mehr oder minder ständig damit beschäftigt, mein kompensatorisches Selbstbild aufrecht zu erhalten und aus diesem heraus zu handeln, denn ich muss es ja durch meine Handlungen bestätigen lassen, damit ich mir das glaube. Ich glaube ja nicht an mich selbst und brauche daher den anderen, um mein Geheimnis vor mir selbst verbergen zu können. Das kostet Kraft. Und weil es mich mit der Zeit erschöpft, diese Kraft ständig aufzubringen, lasse ich mich ggf. nur zu bereitwillig in eine Symbiose fallen, in der die Phantasie zwar gemeinsam entwickelt wird, mein Gegenüber aber fortan eine dominante und mich entlastende Rolle übernimmt. Zu meinem Geheimnis vor mir selbst („Ich will nicht wissen, dass ich mich eigentlich ablehne. Bestätige mir bitte, dass Du mich liebst, wie ich mich selbst gern sehe. Ich will nicht wissen, dass ich eigentlich anders bin.“) kommt dann noch eine weitere Selbstaufgabe hinzu. Nach der Schaffung der gemeinsamen Phantasie wird der Kraftaufwand zur Aufrechterhaltung des eigenen kompensatorischen Selbsts minimiert. Man gibt sein eigenes kompansatorisches Selbst ein Stück weit auf und ersetzt es durch die gemeinsame (kompensatorische) Phantasie. Man geht ganz in der Beziehung auf und negiert nicht nur das eigene abgelehnte (negative, durch Erziehung geprägte) Selbstbild, sondern gibt auch die Erwartungen, die aus dem kompensatorischen Selbstbild resultieren würden, weitgehend auf. So überlässt man es seinem Gegenüber, mehr oder minder vollständig zu definieren, wer man selbst ist und was man denkt, fühlt, will usw. Ist das Gegenüber ein Mensch, der anderen gern hilft und dessen kompensatorisches Selbstbild einer Helferpersönlichkeit entspricht („Ich kann mich selbst nicht leiden, aber wenn ich anderen helfe, fühle ich mich bestätigt und sicher.“), dann übernimmt dieses Gegenüber eine solche Aufgabe nur zu bereitwillig und fühlt sich gut dabei. Eine solche Beziehung kann über Jahre hinweg stabil funktionieren. Regt sich dann aber mit der Zeit doch der eine oder andere eigene Lebenswille, so glaubt man sich diesen Impuls zunächst nicht. Bringt man ihn dennoch – vielleicht als Wunsch nach mehr Eigenständigkeit – zum Ausdruck, reagiert das bislang dominante (im Selbstverständnis: helfende) Gegenüber entsprechend heftig, weil man ja nun das über Jahre bestätigte und stabilisierte kompensatorische Selbstbild des Gegenübers in Gefahr bringt. Die Beteiligten erschrecken nun womöglich darüber, wo sie hingekommen sind. Vor allem fällt es ihnen schwer zu begreifen, wie sie dort hingekommen sind.

Die bisherigen Betrachtungen führen nun zu zwei Fragen:

  1. Wie kann man lernen, sich selbst zu lieben?
  2. Lassen sich Beziehungen weiterführen, wenn die Beteiligten entdeckt haben, dass sie, anstatt sich tatsächlich zu lieben, eine gewissermaßen symbiotische Verbindung ihrer kompensatorischen Selbstbilder gelebt haben?

Bezüglich der ersten Frage gilt es voranzuschicken, dass es sich dabei wahrscheinlich um eine der schwersten Aufgaben handelt, vor der ein Mensch im Laufe seines Lebens stehen kann. Es ist auch davon auszugehen, dass diese Aufgabe im besten Sinne des Wortes eine „Lebensaufgabe“ ist, denn ihre Bewältigung ist Teil des ganzen Lebens und als solches ein langer Prozess. Wenn man als Kind nicht geliebt wurde und/oder sich nicht geliebt gefühlt hat oder schwerwiegende Ereignisse die Kindheit erschüttert haben, dann lässt sich das nicht einfach „korrigieren“. Es kommt nicht einfach und geht wieder weg wie eine Erkältung. Die Narben wird man sein ganzes Leben lang tragen, und die Eigenheiten, die man sich im Umgang mit dem eigenen Leid angewöhnt hat, bleiben. Man kann lernen, damit zu leben. Der erste Schritt besteht darin, die eigene Geschichte anzunehmen, sie nicht zu bewerten. Die meisten Betroffenen hadern mit den Erinnerungen an ihre Kindheit und mit dem Bild, das sie von ihren Eltern haben. Dieses Hadern kann in die Distanz führen und in eine andauernde negative Bewertung der Kindheit und der Eltern. Es gilt zu lernen, dass diese Sichtweise nicht hilft, sondern nur zu einer Konservierung des eigenen Leidens führt. Der zweite Schritt besteht in der Frage nach dem eigenen Selbst, nach dem, was sich entfalten will, nach dem, was man will, wer man ist und werden möchte. Der Zugang zu diesen Ebenen der eigenen Person ist schwer, weil man lange gewohnt war, diese Aspekte abzulehnen. Findet man hier Antworten, so folgt die schwerste Aufgabe. Im dritten Schritt gilt es, sich zu äußern, die eigenen Gefühle und Wünsche zu äußern, Grenzen zu setzen usw. Das erfordert in erster Linie Mut und den Willen, sich selbst zu ertragen, also die Reaktionen anderer Menschen auf das eigentliche Selbst zu ertragen. Gerade die eigenen Partner, aber auch die Eltern, so sie noch leben, werden zunächst versuchen, einen in das „alte Selbst“ bzw. in die gewohnte Beziehungskonstellation zurückzuziehen. Zur Infragestellung durch die eigene Unsicherheit in Bezug auf das eigentliche Selbst kommt so noch die Infragestellung durch das nähere Umfeld hinzu. Hier hat man also nicht nur die eigene Unsicherheit, sondern auch die Angst zu ertragen, die durch die Wünsche, Ermahnungen, Belehrungen, Zurechtweisungen und Bedrohungen der Menschen im näheren Umfeld hervorgerufen wird. Man braucht dazu viel Hoffnung und Zutrauen in die eigene Stärke – also Dinge, die man erst sehr langsam entwickelt. Aber der Weg zurück in die frühere Anpassung würde zu einer umso stärkeren Empfindung einer „falschen Liebe“ oder eines „falschen Lebens“ führen. Durch die Veränderung der Perspektive auf das eigene Leben und vor allem durch neue Handlungen (indem man eigenen Impulsen folgt) wird das Umfeld mit der Zeit anders reagieren und man kann lernen, dass mit der Zeit immer weniger negative Reaktionen (Ablehnung) erfolgen, wenn man sich äußert. Dazu braucht man aber auch neue Interaktionspartner. In vielen Fällen ist dies der vierte Schritt. Dem Äußern eigener Wünsche folgt eine Veränderung des Umfelds. Bei manchen geschieht dies sehr schnell – und oft genug folgt dann der Sturz in eine neue Symbiose aus der Hoffnung heraus, dass nun endlich alles besser würde. Es ist daher besser, all das langsam zu gestalten, damit das Selbst tatsächlich lernen kann, auch wenn dies sehr schmerzhaft ist. 

Mit den letzten Sätzen deutet sich auch eine Antwort auf die zweite Frage an: Wenn sich das tatsächliche Selbst äußert, neue Erfahrungen macht und durch neue Interaktionen lernt, dass es nicht nur abgelehnt, sondern auch akzeptiert wird, kommt es darauf an, ob das Gegenüber in der Beziehung diese Entfaltung anerkennt oder nicht. Mit einer Aufgabe des kompensatorischen Selbstes ist auch eine persönliche Veränderung verbunden, die sehr tief reichen kann. Gelingt es tatsächlich, die eigene Geschichte anzunehmen und zu sich selbst nicht mehr auf Distanz zu gehen, sondern sich selbst zu akzeptieren oder gar zu lieben, kommen die eigenen Gefühle, Wünsche und Grenzen zunehmend selbstverständlicher zum Ausdruck. Das irritiert die bisherige Beziehung zutiefst. Es kann sein, dass die Person, die das Gegenüber eigentlich liebt, eine völlig andere wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass mit solchen Veränderungen auch eine Trennung einhergeht, ist also hoch.

Wenn hier von „Schritten“ und „Lernen“ die Rede ist, dann impliziert dies möglicherweise eine Art Machbarkeit, wie man sie aus Ratgebern mit Weisheiten zur Lebensführung kennt. Sollte dieser Eindruck entstehen, so sei noch einmal betont: Es handelt sich um den wahrscheinlich schmerzlichsten und irritierendsten Entwicklungsprozess, den ein Mensch durchleben kann, abgesehen freilich von schweren Krankheiten oder lebensbedrohlichen Ereignissen.

Zurück zu Dir: Es gibt wenig, was Menschen so bewegt wie die Liebe. Viele halten die Liebe für das Wichtigste in ihrem Leben. Falls Du zu denen gehörst, die sich selbst nicht lieben, oder falls Du mit jemandem zusammen bist, von dem Du den Eindruck hast, dass es ihr oder ihm schwer fällt, sich zu lieben, dann ist dieser Text für Dich. In der Kindheit nicht oder nur für bestimmte Verhaltensweisen oder Leistungen geliebt zu werden, ist eine derart bittere Erfahrung, dass man sie nie wieder machen möchte und sich davor schützen will. Doch dieser Selbstschutz verhindert, dass man erleben kann, was man am meisten braucht: geliebt zu werden. Liebe und Verletzlichkeit sind miteinander verbunden. Die Fähigkeit, sich zu äußern und das Gefühl der Verletzlichkeit zu ertragen, das es bedeutet, sich wirklich zu zeigen, ist die Voraussetzung dafür, zu lieben und geliebt zu werden. Es ist ein Wagnis, und der Preis ist hoch. Der Preis lautet: Du gibst Deinen Selbstschutz, Deine lieb gewordenen Bilder von Dir und alle Distanz auf. Du bist da. Dein Gegenüber kann auf Dich reagieren. Du wirst wahrgenommen und anerkannt, wie Du bist. Nicht, wie Du sein sollst oder sein willst. Dazu gehören auch Dinge, die Dein Gegenüber nicht leiden kann. Aber das muss so sein. Am Anfang tut es weh. Dann ist es großartig.

Jörg Heidig

Erst zu viel Autorität und nun oft gar keine mehr: wie man falsche Selbstbilder prägt, und was passiert, wenn man die Prägung ganz unterlässt

Wenn man sich vorstellen möchte, wie das Selbstbild eines Menschen entsteht, ist es hilfreich, zum Prozess des Erlernens von Bedeutungen in der (frühen) Kindheit zurückzugehen. Mit der Sprache eignet sich ein Kind auch die entsprechenden Bedeutungen an – wobei die Bedeutungen nicht etwa gegeben sind, sondern sich gleichsam aus der Beziehung des jeweils sprechenden Menschen zum durch den Sprechakt bezeichneten Gegenstand ergeben. Hat ein Mensch keine Beziehung zu einem Gegenstand (etwa wenn er ihn nicht gebrauchen oder keine Erinnerungen damit verbinden kann), wird ihm dieser auch kaum etwas bedeuten. Die Eltern reagieren auf das primäre Bindungsbedürfnis ihres Kindes – sind diese Reaktionen halbwegs gleichbleibend und sicher, bildet sich daraus ein konsistentes Bindungsmuster. Durch die Reaktionen der Eltern auf ihr Kind erfährt das Kind auch etwas über sich – beispielsweise dass es geliebt wird. Ein Kind kann aus sich selbst heraus nichts über sich erfahren – alles, was ein Kind über sich weiß, haben andere (zuallererst die Eltern) in das Kind „hineingelesen“. Das Kind handelt zunächst auf der Basis seiner Bedürfnisse – und erfährt durch die Reaktionen seiner Eltern, was seine Handlungen bedeuten. Durch halbwegs gleichbleibende Reaktionen – eine spezielle Handlung des Kindes führt im Wiederholungsfall zu einer etwa gleichen oder mindestens ähnlichen Reaktion der Eltern – bilden sich mit der Zeit stabile Bedeutungs- und Handlungsmuster. So lernt ein Kind, wer es selbst ist, und wie es handeln soll. Später sind dieses Bild und die entsprechenden Handlungsmuster fast selbstverständlich und dementsprechend kaum hinterfragbar.

Bei einem so sensiblen Prozess wie der Prägung eines Selbstbildes kann es zu einer ganzen Reihe von Störungen oder Verzerrungen kommen. Eine der wahrscheinlich häufigsten Störungen tritt auf, wenn Kinder abwertend oder gar gewalttätig erzogen werden. Das Resultat ist häufig eine zutiefst unsichere Persönlichkeit. Befragt man selbstunsichere Personen, so wird man hören, dass eine so geprägte Unsicherheit nicht „weggeht“, sondern dass sie nur „kompensierbar“ ist – nicht selten durch berufliche Tätigkeit. Die berufliche Leistung und der Status, den man dadurch gewinnt, „heilt“ die Verletzungen – ein wenig, aber nie vollständig (die Wirkung bleibt meist situations- oder bereichsbezogen: berufliche Leistung reduziert die Unsicherheit in beruflichen Umgebungen, hat aber nur eine geringe und oft nur vorübergehende Wirkung auf die Lebensbereiche über die berufliche Welt hinaus). Manche entwickeln einen regelrechten „Hunger nach Leistung“, werden zu bisweilen sehr erfolgreichen Persönlichkeiten – nur eben oft mit dem Manko, dass es nie genug ist, dass sie immer weiter müssen, und dass sie sich auf jeder erklommenen Stufe wieder genauso fühlen wie am Anfang aller anderen Stufen davor. Der „Hunger“ – das Bedürfnis nach Kompensation – bleibt schwer zu stillen.

Ist man nun als Kind beispielsweise abwertend erzogen worden – hat man also über sich gelernt, „nicht genug“ zu sein, oder schlimmer noch: nichts wert zu sein – so wird man aus Gründen des Selbstschutzes lernen, dies zu verbergen, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen. Eine mögliche – und nicht seltene – Reaktion besteht im Ergreifen eines Helferberufs. Da Menschen, denen man geholfen hat, in der Regel dankbar sind, und da Hilfe einem Helfer auch die statusmäßig „höhere“, weniger verletzliche Status-Position sichert (die hilfesuchende Seite macht sich verletzlich, indem sie zugibt, Hilfe zu brauchen; die helfende Seite gewinnt an Status, weil ihr die Kompetenz zu helfen zugeschrieben wird), suchen selbstwertverletzte Menschen gern die – oft als „professionelle Distanz“ umformulierte – emotionale „Ruhe“ der statusmäßig höheren Position des Helfers auf. Drastisch formuliert: Hilfe ist eine Form von Macht, und – mit Epikur gesprochen – Macht verschafft eine gewisse „Seelenruhe“ (durch die mit der Macht einhergehende Distanz).

Weil das tatsächlich anerzogene Selbstbild schwer erträglich ist, bauen viele selbstunsichere Menschen ein „kompensatorisches Selbstbild“ auf und lernen so zu handeln, dass die Umwelt fortan vor allem das „kompensatorische Selbstbild“ bestätigt. Bei einem selbstunsicheren Menschen, der einen Helferberuf ergreift, wird das sehr deutlich: aus dem „Ich bin nicht genug!“ wird eine hohe Helfermotivation, die für anerkennende und dankbare Reaktionen sorgt – was schnell zu „Helfers Opium“ werden kann, wenn sie oder er davon nicht genug bekommen kann. Im Prinzip leben Menschen mit solchen „kompensatorischen Selbstbildern“ dann eine Art Lüge – die zwar alles andere als unverständlich ist, aber trotzdem eine Lüge bleibt. Und da man sich schlecht selbst belügen kann, weil man sein Selbstbild immer aus den Reaktionen anderer generiert, „benutzt“ man quasi die Reaktionen anderer, um seine eigene Lüge aufrechtzuerhalten. Ein trauriger, im Grunde unverschuldeter Teufelskreis, aus dem man später höchstens durch Reflexion, Infragestellung, Beratung, Supervision, Therapie o. ä. aussteigen kann.

So viel zu den „kompensatorischen Selbstbildern“. Über die Folgen von Abwertung und Gewalt in der Erziehung ist viel geforscht und geschrieben worden, und es ist auch klar, wie Beraterinnen und Therapeuten damit umgehen können – auch wenn es nicht immer hilft. Durch die Veränderung des Erziehungsstils in den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch noch eine andere „Selbstbild-Störung“ entwickelt, die – zumindest noch – zu wenig Beachtung findet angesichts der Dimensionen, die sie mittlerweile angenommen hat. Aber hier streiten sich die Geister, und ich will diesem Streit gern einen weiteren Beitrag hinzufügen:

Was passiert, wenn die ein Kind Erziehenden mehr oder minder gar nichts mehr für die Prägung eines Selbstbilds tun? Wenn die Prägung an und für sich in Frage gestellt wird? Wenn man Angst hat, zu stark zu prägen?

Aus der gut gemeinten Intention des emanzipatorischen Ansatzes ist eine Nicht-Erziehung geworden. An die Stelle von zu viel Autorität ist die Angst vor Autorität getreten. Wie soll aber ein Kind lernen, wer es ist, wenn ich mich als Mutter oder Vater unterordne, wenn ich ihm Entscheidungen überlasse, wenn ich kaum mehr reagiere?

Das Kind entwickelt dann überhaupt kein Selbstbild mehr – es bleibt quasi allein in seiner Welt, weil es die kategoriale Voraussetzung des Begreifens anderer nicht erworben hat. Diese „kategoriale Voraussetzung“ besteht in der Fähigkeit zur Anerkenntnis anderer Menschen – durch die ich dann erfahren könnte, wer ich eigentlich bin. Für eine ausführlichere und verständlichere Erklärung dieses Zusammenhangs siehe diesen Beitrag  oder Winterhoffs Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“.

Der „pädagogische Supergau“ passiert, wenn Helfer mit „kompensatorischen Selbstbildern“ auf Kinder treffen, die gar keine Grenzen mehr kennen und ein „um sich selbst rotierendes, hochgradig narzisstisches Selbstbild“ entwickelt haben: manche dieser Helfer halten den ungebremsten Ego-Trip der betroffenen Kinder für Selbstbewusstsein und argumentieren, diskutieren, beten gesund – immer in dem Glauben, dass sie von den Kindern nur das verlangen können, was sie selbst auch vertreten – womit sie den Fehler begehen, den viele Eltern und Erzieher heute unbewusst machen: Kinder zu behandeln wie Erwachsene. Die Frage, wie man überhaupt in die Lage versetzt wird, etwas vertreten zu können, stellen sie sich nicht. Haben wir Kinder früher unnötig – und teils mit verheerenden Folgen – klein gemacht, machen wir sie heute – mit ebenso verheerenden Folgen – groß.

Die zentrale Frage bleibt meines Erachtens, wie sich sichere Kinder entwickeln. Ein sicheres Kind braucht sichere Reaktionen vonseiten seiner Eltern und Erzieher. Um überhaupt Empathie zu entwickeln, gehört die Grunderfahrung, dass es Grenzen gibt, die andere Menschen setzen. Nur so merkt ein Kind, dass es (a) andere Menschen gibt, und dass diese (b) womöglich etwas anderes wollen als man selbst. So entsteht die Fähigkeit zum Verständnis anderer Menschen. Haben die selbstunsicheren Menschen, von denen oben die Rede war, oft zu viel Empathie, haben die kleinen „BIG MEs“ oft gar keine Empathie. Um es mit Jesper Juul zu sagen: Es ist ein Liebesdienst, Grenzen zu setzen. Und können es die Eltern schon nicht, dann müssen es wenigstens die am Kind arbeitenden Pädagogen können. Augenhöhe mit Fünfjährigen ist nicht nur eine pädagogische Traumtänzerei – sie ist gefährlich, weil sie Kinder zu Ego-Raketen macht. (Siehe dazu auch einen interessanten Artikel in der Welt.)

Wir glauben nur so gern daran, weil wir ja alles besser machen wollen als früher. Die Frage ist, wo der funktionierende Mittelweg zwischen „Autorität“ einerseits und dem „Vermeiden der negativen Folgen von kalter oder gar gewalttätiger Autorität“ andererseits verläuft. Jedenfalls liegt die Antwort nicht im heute stark verbreiteten „Behandeln von Kindern wie Erwachsene“, sondern eher im „Setzen von Grenzen als notwendige Entwicklungsvoraussetzung“.

Jörg Heidig

Über den Zusammenhang zwischen der Art und Weise der Erziehung und der Entstehung von Störungsbildern bei Kindern

Wer hat so ein Kind nicht schon einmal gesehen: es wendet sich alle paar Sekunden etwas anderem zu, wobei es schwer ist, Kriterien dafür zu erkennen – mal sind es Geräusche, mal Dinge, mit denen andere Kinder spielen, mal scheint es darum zu gehen, Aufmerksamkeit zu erregen, und mal sieht es danach aus, als müsse schlicht überschüssige Energie abgebaut werden. Meist geht es laut, schnell und halbwegs aggressiv zu. Kaum wendet man sich um, schreit ein anderes Kind, weil es vom besagten Kandidaten was abgekriegt hat. Spürt der Betreffende dann die Sanktion kommen, fliegen prophylaktisch ein paar Sachen durch die Gegend. Kurz zusammengefasst: auszurasten scheint nicht die Ausnahme, sondern der Grundmodus zu sein.

In der Regel ist der Weg vorprogrammiert: Überforderung bei Eltern und Genervtheit oder Hilflosigkeit bei Pädagogen führen zu Diagnostik – und die in der Folge oft zu Erleichterung, später aber zu Passivität oder zu noch mehr Hilflosigkeit. Wenn es einmal soweit ist, sind guter Rat teuer und Ritalin nicht weit.

Dieser Text will keine generellen Antworten liefern oder gar „die eine Alternative“ aufzeigen. Wirkliche Verbesserungen ohne Diagnostik und Medikamente sind in der Realität nur langsam zu erreichen und das Ergebnis langen Beobachtens, Nachdenkens, Ausprobierens, wieder Beobachtens, Nachdenkens und so weiter. Wenn es einfach wäre, könnte es jede und jeder. Dann müssten wir auch nicht darüber reden.

Erstens ist es nicht einfach zu verstehen – wir wollen also fragen, wie derlei „Störungsbilder“ entstehen können. Zweitens ist es nicht einfach, hilfreiche Schritte zu finden – hierbei stehen uns zudem einige Dinge im Weg, beispielsweise die weitgehende Abwesenheit von Intuition bei manchen Eltern einschließlich des Problems, dass manch hübsche Ideologie den Realitätssinn ersetzt.

Wir wollen die aufgeworfenen Fragen umfassend beantworten, weshalb dies kein kurzer Text mit ein paar „Dos & Don’ts“ wird. Wir beginnen mit einer kurzen Reise in die Geschichte und klären zunächst, warum die Lehrmeinungen heute sind, wie sie sind. Danach stellen wir das Spektrum möglicher Erziehungsstile dar und machen an Beispielen deutlich, wie dieser oder jener Erziehungsstil in der Praxis aussieht und welche Folgen er hat. Dann wechseln wir mit Absicht die Perspektive und klären, wie unsere Fähigkeit zu kommunizieren entstanden ist, und welche Schlussfolgerungen sich daraus für die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern ergeben. Wiederum an Beispielen machen wir deutlich, wie aus der Eltern-Kind-Interaktion solche Dynamiken entstehen können, die wir gemeinhin als „Störungen“ bezeichnen. Wenn die Entstehung klar ist, werden auch die Handlungsmöglichkeiten zur Gegensteuerung klar.

Eine kurze Geschichte der Erziehungsstile
Um zu verstehen, was die meisten von uns heute für gut und richtig bei der Erziehung von Kindern halten, ist es meines Erachtens erhellend, wenn wir uns vergegenwärtigen, aus welchen Welten wir kommen, und wie sich die entsprechenden Ideen in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben. Aus Gründen der begrenzten Kapazität eines Textes wie diesem möchte ich dabei nicht in der Antike beginnen, sondern bei einer unserem heutigen kollektiven Gedächtnis noch recht zugänglichen Zeit, nämlich der wilhelminischen. Man sehe mir nach, dass ich hier nur – grob verallgemeinernd und reduzierend – die wesentlichsten Linien nachzeichnen kann.

Man stelle sich zunächst die wilhelminische Zeit vor – die Gesellschaft war verglichen mit der heutigen Zeit stark strukturiert, und die Erziehung war streng und „leibfeindlich“. Man hatte sich in Disziplin zu üben, Bedürfnissen nachzugeben war verpönt. Nicht von ungefähr war die Hysterie eine zeitgemäße Krankheit – wo sollten all die Impulse hin, wenn die gesellschaftlich vorgegebene Rolle keinen Platz dafür ließ? Werke wie „Der Untertan“ illustrieren eindringlich, welche Folgen die auf Reinlichkeit und Disziplin ausgerichtete strenge Erziehung jener Zeit hatte – von Entfaltung konnte keine Rede sein, Menschen wurden klein gehalten, mussten sich fügen, fanden ihren Sinn im Funktionieren oder in der Aufopferung für einen höheren Zweck. Am deutlichsten wird dies, wenn man sich einen von Klaus Theweleit herausgearbeiteten Zusammenhang verdeutlicht: Den Kern der nationalsozialistischen Bewegung bildeten die zwischen 1900 und 1910 Geborenen. Diese Menschen sind in der Mehrheit streng erzogen worden. Gleichzeitig haben sie den Ersten Weltkrieg nicht direkt, sondern durch Geschichten und Propagandabilder vermittelt erlebt. Diese Kombination – die Erfahrung der eigenen Kleinheit verbunden mit Heldengeschichten – bildete den Nährboden für die „Eisenphantasien“ von der eigenen Unbesiegbarkeit. „Im Feld sind wir unbesiegt geblieben!“ wird als kompensatorische Phantasie einer ganzen Generation plausibel, wenn man sich die züchtigende, unterdrückende Autorität der Erziehung jener Zeit vergegenwärtigt. Die „Männer aus Eisen“ sind ein Mythos, der geglaubt wurde, weil er sowohl der eigenen Gewalterfahrung während der Kindheit als auch der Niederlage im Herbst 1918 einen – gleichsam kompensatorischen – Sinn verlieh. Wer diese – zugegeben auf den ersten Blick nicht ganz einfach nachvollziehbaren – Thesen nachlesen will, wird bei Klaus Theweleit oder – etwas kürzer und verständlicher – Jonathan Littell fündig.

Nun ist die Welt der Nationalsozialisten bekanntlich zwischen dem Spätherbst 1944 und Mai 1945 „zusammengebrochen“ oder „untergegangen“. Die Reaktion der Bevölkerung war eine nach großen Krisen oder Zusammenbrüchen häufige – man verdrängt und besinnt sich auf das, was noch einigermaßen „heile“ geblieben ist – im Westen waren das vor allem die christlichen Werte, die man nun fleißig restaurierte. Heraus kam die später von den Achtundsechzigern als „spießig“, „miefig“ und so weiter charakterisierte Welt des Wirtschaftswunders.

Wir halten heute sehr viel von Aufarbeitung, wir wollen den Dingen kritisch ins Auge blicken. Nur wenige machen darauf aufmerksam, dass die natürliche Reaktion auf große Katastrophen eben jene der Verdrängung ist. Viele Vertreter der Erlebnisgeneration haben dementsprechend von einem „Zusammenbruch“ gesprochen und weniger von einer „Befreiung“. Anders als im Westen hat man im Osten Deutschlands das eine totalitäre System schlicht durch ein anderes ersetzt – mit bisweilen erstaunlichen Parallelen. Doch hier geht es zunächst nicht um die ehemalige Sowjetische Besatzungszone, sondern um den Westen: der Kern der 68er Bewegung waren wiederum Vierziger Jahrgänge, also Menschen, die in ihrer frühen Kindheit zum Teil Angst und Entbehrung erfahren hatten – ein Umstand, der die „Theorielastigkeit“ bzw. „emotionale Distanz“ der Revolte gut erklären kann. Man revoltierte vor allem gegen die Verdrängung der Elterngeneration. Man warf der älteren Generation vor, zunächst mitgemacht und dann geschwiegen zu haben. Damit das nie wieder passiere, wollte man fortan mündige Menschen erziehen – Menschen, die nicht einfach mitmachten, sondern frei genug seien, Nein zu sagen. Man wollte keine autoritär verformten, gestanzten Menschen mehr, sondern freie Individuen, die sich kritisch mit sich und der sie umgebenden Welt auseinandersetzen. Zugespitzt formuliert: man wollte Kinder von blinder Autorität emanzipieren. Es sollte die Verformungen (oder: Anpassungen), die Angst, Gewalt und kollektiver Drill erzeugen, nie wieder geben. Es sollte keine funktionierenden Menschen mehr geben, die auf Kommando alles ausführen, was man ihnen befiehlt, um sich dann etwa am Funktionieren zu erfreuen.

Und wenn man heute genau hinschaut: das hat man – zumindest zum Teil – geschafft. Heute junge Menschen sagen eher Nein. Sie machen nicht einfach so mit, nur weil es gefordert wird. Sie nehmen Autorität nicht mehr für selbstverständlich. Dabei ist wichtig, was „selbstverständlich“ bedeutet: wenn etwas durch sich selbst verständlich wird, ist es nicht mehr hinterfragbar. Heute kann Autorität nicht mehr selbstverständlich behauptet werden. Davon können viele Lehrer, Ausbilder und Professoren ein Lied singen: Autorität ist weniger gegeben als früher, Autorität muss sich mehr erarbeitet werden, muss ausgehandelt werden. (Das war grundsätzlich auch früher so, nur war die Autorität, wenn sie erst einmal da war, viel dauerhafter und selbstverständlicher, und der Preis war oft entsetzlich, wollte man bestehende Autoritätsverhältnisse ändern. Insofern leben wir heute in viel „flüssigeren“ oder „offeneren“ Zeiten.)

„Zumindest zum Teil“ deshalb: Der Druck schleicht sich durch die Hintertür wieder herein. Freilich geben viele Eltern ihren Kindern zu verstehen, dass sie sie lieben. Gleichzeitig machen sie ihre Kinder – unterschwellig und leise, aber deshalb nicht weniger wirksam – auf die Mechanismen des allgemein herrschenden Wettbewerbs und die Notwendigkeit des Erreichens aufmerksam.

Doch zurück zu den Achtundsechzigern: in langen Bemühungen ist es ihnen und uns in der Nachfolge in nunmehr fünfzig Jahren gelungen, die Welt zu verändern. Die Enkel leben ein bisschen so, wie es den Großeltern einst vorgeschwebt hat. Wenn es nur eine Emanzipation von blinder Autorität und gewaltsamer Erziehung gewesen wäre, die erreicht wurde, würde das niemand in Frage stellen. Ich argumentiere an keiner Stelle für irgendeine Form von „zurück“ in die alte Welt, die in vielerlei Hinsicht kälter, finsterer, ausschließender, diskriminierender war als die heutige. Die Frage ist nur, ob wir es mittlerweile nicht übertreiben.

Das gegenwärtige Spektrum der Erziehungsstile
Michael Winterhoff liefert eine gute Analyse der gegenwärtigen Erziehungsstile und zeigt die Grenze auf, über die viele der gegenwärtigen Eltern hinweggehen, ohne es zu bemerken.

Unterordnung der Kinder
In der „alten Schule“ ordnen sich die Kinder ihren Eltern unter. Die Belange der Eltern haben Vorrang, Kinder „laufen mit“. Man würde nicht auf die Idee kommen, sich in einer Unterhaltung unter Erwachsenen von Kindern unterbrechen zu lassen. Es wird gemacht, was gesagt wird, die Eltern besitzen eine selbstverständliche Autorität. Kinder werden zurechtgewiesen – nicht um sie zu unterdrücken, sondern um ihnen zu zeigen, was richtig und falsch ist, ihnen etwa Höflichkeitsformen und Werte zu vermitteln.

Augenhöhe zwischen Eltern und Kindern
In der heute in westlichen Ländern am häufigsten vorzufindenden Form der Erziehung werden Kinder wie kleine Erwachsene behandelt – sie werden ernst genommen, es wird mit ihnen diskutiert, man versucht, Kinder zu überzeugen und dazu anzuleiten, ihre Konflikte selbst zu lösen. Eltern und Erzieher werden zu Partnern, Beratern, Freunden, Kollegen und so weiter. Viele der gegenwärtig vorzufindenden Programme in Kindergärten und Grundschulen entsprechen genau dieser Vorstellung von der partnerschaftlichen Erziehungsbegleitung. Die Erfahrung vieler: so funktioniert das auch irgendwie besser, man kann Kinder tatsächlich zu mehr Autonomie und Selbststeuerung erziehen, selbst die Unterrichtsgestaltung kann auf Selbststeuerung umgestellt werden, sodass ein Lehrer kein „Instrukteur“ mehr ist, sondern zum „Begleiter“ wird. Winterhoff meint hier, dass diese Sichtweise den natürlichen Entwicklungsphasen von Kindern widerspricht – kleine Kinder können noch nicht selbst entscheiden, vielmehr müssten sie genau dies erst lernen. Indem Kinder zu früh selbst entscheiden könnten, würden wichtige Entwicklungsschritte ausgelassen. Für weiterführendes Interesse: Sie finden hier unsere Zusammenfassung des Winterhoff-Buches „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ in Form einer Präsentation im PDF-Format.

Unterordnung der Eltern
Die partnerschaftliche Erziehung ist mittlerweile in vielen westlichen Ländern so etwas wie der statistische Normalfall. Niemals in der Geschichte haben Kinder öfter zu hören bekommen, dass sie geliebt werden und etwas ganz Besonderes seien. Das Problem mit dem Begriff der Besonderheit ist, dass das Besondere einer größeren Entität von etwas Normalem oder Durchschnittlichen bedarf, sonst funktioniert der Begriff nicht. Aber gut – ein Kind auf Augenhöhe zu erziehen, es zu beteiligen, ihm etwas zu erklären, es im Rahmen bestimmter Grenzen Entscheidungen zu überlassen – all das hat keine gravierenden Folgen außer selbstbewussteren Kindern. Wenn ein Jugendlicher bereits im Kindergartenalter gelernt hat, dass er diskutieren und seine Mutter bisweilen überzeugen kann, dann sind Aushandlungsprozesse so selbstverständlich, dass sie nicht hinterfragt werden können. Also wird dieser junge Mann mit seinem Ausbilder diskutieren, bis Einsicht eintritt – oder es zur Eskalation kommt. Alle, die noch aus der „alten Schule“ stammen und mit jungen Menschen zu tun haben, werden lernen müssen, damit umzugehen. Zusammengefasst: Augenhöhe hat ungewohnte Folgen, aber ist nicht schlimm. Am Ende waren wir es selbst , die die jetzt jungen Leute großgezogen haben.

Schlimm ist nur die Übertreibung der ansich positiven Intention der Augenhöhe, nämlich die Unterordnung unter das Kind. Es gibt Eltern, die ihre Kinder in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen. Die betreffenden Kinder werden zu Hauptpersonen, noch bevor sie überhaupt wissen, dass sie Personen sind. Solche Eltern setzen keine Grenzen. Die Kinder haben qua Existenz Recht. Sätze wie: „Für mein Kind tue ich alles.“ (vor dem Kind ausgesprochen) oder: „Wenn mein Kind sagt, dass es das nicht gemacht hat, dann hat es das auch nicht gemacht.“ sprechen dafür, dass sich die betreffenden Eltern selbst aufgegeben haben und nur noch für das Kind leben. Wenn eine Mutter etwa nur ein Kind hat und dieses dann zum „Projekt“ der eigenen Selbstverwirklichung macht, dann „gestaltet“ Mutti das Kind, und es kann ja nicht sein, dass bei der „Gestaltung“ etwas schief gelaufen ist, und das „Projekt“ etwa einen Kindkollegen verhauen hat. Eine andere Mutter mag sich aufgrund fortdauernder Misserfolgserfahrungen gar nicht mehr vorstellen können, dass es mit ihr und einem Beruf und irgendeiner standardmäßig erwarteten Position in der Gesellschaft etwas wird. Sie hat die Schule erst im dritten Anlauf geschafft und schmeißt nun die zweite Ausbildung hin, um zu vermeiden, dass es wieder nichts wird. Sie meldet sich quasi von der Gesellschaft und ihren Erwartungen ab und bekommt Kinder. Das ist etwas, das ihr Kontrolle und Status verleiht. Sie hat zwar kaum Kraft, ihre Kinder zu erziehen, aber das Lächeln der Kinder sagt ihr, dass sie wenigstens das richtig gemacht hat. Und damit die Kinder lächeln, werden ihnen Wünsche erfüllt. Ein so nicht erzogenes Kind hat kein Fundament. Es kennt nur sich und seinen Verfügungsraum. Andere Menschen sind Objekte im Verfügungsraum. Und wenn die nicht machen, was man will, wird eskaliert. Geschieht dies von früh an, entwickeln die betreffenden Kinder keinerlei Notwendigkeit, sich an irgendetwas zu halten. Sie rotieren um sich selbst – unfähig zur Bindung, weil sie gar nicht wissen, dass es andere Menschen überhaupt gibt. Und was ist man, wenn man der einzige Mensch auf der Welt ist? Man ist Hauptperson in einem Film, den man nicht gucken kann, weil man weder weiß, was etwas bedeutet, noch, wer man selbst ist. Die Folge: man zappelt um sich selbst herum, ohne Sinn und Ziel, man hat den Hunger der frühkindlichen Phase, ohne diese jemals verlassen zu haben, man behandelt alles und jeden wie Objekte zur Bedürfnisbefriedigung, ohne die eigenen Bedürfnisse zu kennen. Man weiß nicht, was man will (das wechselt im Sekundentakt, je nach dem, wohin das Kind blickt), aber wehe, man bekommt es nicht (dann eskaliert das Kind im Sekundentakt).

Was hilft nun in einem solchen Fall – etwa in dem eingangs beschriebenen Fall durchgängig grenzenlosen Verhaltens? Die Antwort fällt vorerst kurz aus – die späteren Abschnitte erklären, warum die Antwort so und nicht anders lautet: Man muss „nachsozialisieren“, und zwar genau so, wie man es mit Kindern machen würde, die so jung sind, wie die Betreffenden zumindest emotional noch sind. Wenn ich in meiner Entwicklung bestimmte emotionale Reifeprozesse nicht durchlaufe – genauer gesagt: wenn ich nicht weiß, was eine Grenze ist – muss das nachgeholt werden. Das heißt, ein Kind sollte mit stabilen, klaren Reaktionen konfrontiert werden, und zwar so lange, bis sich Lern- und Gewöhnungseffekte einstellen.

Exkurs: Der Ursprung der Kommunikation
Um zu begreifen, wo unsere Fähigkeit zu kommunizieren herkommt bzw. wie sie entstanden ist, ist es hilfreich, sich die Lebenssituation der „Urhorde“ vorzustellen – und zwar zunächst als eine Ansammlung von Primaten, deren „Signale“ noch denen anderer Säugetiere entsprochen haben. Kennzeichen von „Tiersprachen“ ist es, dass ein Signal immer eine bestimmte Reaktion zur Folge hat. Eine Drohgebährde führt zu einer weiteren Drohgebährde – so lange, bis eines der beteiligten Tiere angreift oder flüchtet. Tiere „verstehen“ die Signale nicht – weder die anderer Tiere noch die eigenen. Sie reagieren direkt. Nun muss man sich vorstellen, dass eben jene Primaten irgendwann angefangen haben, sich im Verband zu verhalten, also beispielsweise bestimmte Rollen bei der Jagd auszuprägen. Durch diese Rollenverteilung, also Anfänge von Kooperation, wurde die Jagd effektiver. Durch diese steigende Effektivität entstanden Freiräume – vielleicht hockte man nun um das Feuer herum und hatte so viel zusammengejagt und -getragen, dass man ein wenig Zeit hatte. Die Fähigkeit zum Produzieren von Signalen gab es bereits – nur hatte bis dato ein Signal eine direkte Reaktion zur Folge. Man stelle sich vor, einer der beteiligten Primaten zeigt auf ein Beutestück und macht einen bestimmten Laut dazu – nicht als direktes Signal gedacht, sondern vielleicht als Bezeichnung desselben, um dem Bezeichneten nachher ein bestimmtes Attribut zu verleihen (etwa: besonders groß). Dies könnte als eine „erste signifikante Geste“ verstanden werden – keine Geste mehr im direkten Verhaltensfluss, sondern eine Geste, die etwas bezeichnet. Damit verhält sich der betreffende Primat nicht mehr nur auf Reize oder Gesten hin, sondern er benutzt eine Geste, um einem Objekt eine bestimmte Bedeutung zu verleihen. Damit wird die Bedeutung dem betreffenden Primaten bewusst. Angenommen, er wiederholt seine Zeigehandlung ein paar Mal, bis auch andere Primaten ihn nachahmen – das erste geteilte Symbol ist entstanden. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, dass auch andere Primaten mit einem bestimmten Objekt eine bestimmte Bedeutung verbinden (zum Beispiel: X = groß). Von einer ersten Bedeutung ist es zu anderen Bedeutungen nicht weit, denn nun können Unterschiede gemacht werden (beispielsweise: Y = nicht groß = klein). Nun haben wir das, was uns als Menschen von anderen Säugetieren unterscheidet: wir können Dingen Bedeutung verleihen, was wir mit Hilfe sprachlicher Symbole tun. Der Unterschied zur tierischen Körpersprache ist, dass Tiere nicht wissen, welche Bedeutung bestimmte Gesten haben (sondern direkt reagieren), Menschen hingegen schon – weil wir wissen, was ein bestimmtes Signal bedeutet, indem wir uns nicht direkt dazu verhalten (was bei körpersprachlichen Signalen trotzdem oft genug passiert, etwa wenn wir ärgerlich sind), sondern indem wir prinzipiell dazu in der Lage sind, Bedeutungen zu verstehen, indem wir ihre Konsequenzen mit Hilfe von Symbolen simulieren können. Denken ist also nichts anderes als eine Simulation von Ereignis- oder eben Handlungsketten mit Hilfe von Symbolen. Wir sind also nicht auf das Risiko des direkten Verhaltens angewiesen, sondern können uns – den entsprechenden Abstand von heftigen Affekten vorausgesetzt – von der Verhaltensverkettung „lösen“, die möglichen Konsequenzen anhand entsprechender – sprachlicher – Symbole simulieren. Das erlöst uns von dem Zwang der direkten Reaktion (Verhalten) und ermöglicht uns eine bewusste Wahl (also die Handlung).

Was hat das mit Erziehung zu tun?
Die Frage ist ganz berechtigt: was hat diese eher allgemeine Darstellung der Entstehung der Sprache mit Erziehung zu tun? Nun, die Verbindung liegt nicht direkt auf der Hand, aber sie ist von allergrößter Bedeutung für unsere Fragen.

Besonders wichtig ist die Erkenntnis, dass es für das Erkennen von Bedeutungen immer des anderen bedarf – ich könnte allein nicht wissen, welche Bedeutung ein beliebiges Ding in meiner Umgebung hat. So, wie der eine Primat auf etwas gezeigt und ein Symbol dazu geformt hat, war er ja erst einmal nur alleine. Damit die Bedeutung in die Welt kommt, bedarf es des anderen, der diese Bedeutung teilt. Wenn wir also Symbole gemeinsam benutzen, können wir uns verständigen. Wir müssen also immerhin die Fähigkeit besitzen, auf bestimmte Symbole gleich – oder zumindest ähnlich – zu reagieren. Wenn wir Symbole benutzen, benötigen wir das Wissen darüber, wie man (also der andere, viele andere, zu einem „generalisierten Anderen“ kondensierte Erfahrungen mit vielen anderen) reagiert, damit wir wissen, was bei der Nutzung eines bestimmten Symbols oder einer Handlung wahrscheinlich herauskommt.

Für die Erziehung relevant ist nun die Frage, wie die Bedeutungen in so einen kleinen Menschen kommen, wie sich dieser die Bedeutungen aneignet oder wie die Erwachsenen ihr oder ihm die Bedeutungen beibringen. Hier wird die soziale Natur des Lernens besonders deutlich. Kinder können die Welt zwar ertasten, erblicken und auf viele Weisen erfahren. Was aber welche Bedeutung hat – also letztlich: wie man auf bestimmte Symbole oder Objekte reagieren soll – das lernt ein Kind durch die Interaktion mit Erwachsenen. Wir interagieren die Bedeutungen quasi in unsere Kinder hinein.

Ein Beispiel: Wenn ein Kind hinfällt, kann das mehr oder weniger oder kaum schmerzhaft sein. Zudem wird das Kind dabei mehr oder minder erschrecken. Wer einmal länger mit Kindern zu tun hatte, wird folgenden Ablauf kennen: das Kind fällt hin, fängt sich dabei mehr oder weniger auf, rappelt sich ein ganz klein wenig auf und blickt dann seine am nächsten erreichbare Bezugsperson an. Je nach dem, was diese tut, richtet das Kind dann seine weiteren Reaktionen aus: es bleibt liegen und weint oder es schluchzt ein wenig und steht auf. Die Eltern können sich also überlegen, ob sie zum Kind eilen, ihrer eigenen Angst durch laute Ausrufe Ausdruck verleihen, das Kind aufheben, trösten und ihm damit beibringen, dass Weinen zu allergrößter Aufmerksamkeit und Sorge führt. Beim nächsten Mal versucht es das Kind gleich ein wenig direkter, lauter etc. Ein Muster bahnt sich, bis das Kind womöglich gar nicht mehr aufsteht, wenn es hingefallen ist. Die Eltern können sich andererseits auch überlegen, erstmal zu schauen, wie schlimm es eigentlich ist und sagen: „Das passiert. Steh auf und mach weiter.“ Und etwas später: „Alles gut? Tut etwas weh?“ Dann lernt das Kind, den Schmerz einzuschätzen. Freilich wird es weinen, wenn etwas sehr weh tut, aber es lernt nicht, Schmerz als Rollenspiel aufzuführen. Auf diese Weise bringen wir unseren Kindern quasi die „richtigen“ Reaktionen bei. So erlernen Kinder Bedeutungen (mehr, weniger oder kaum schmerzhaft beispielsweise).

Wie entwickeln sich „sichere“ Kinder?
So entscheidet sich auch, ob ein Kind ein sicheres oder ein unsicheres Selbstbild entwickelt. Indem wir konsistent und sicher – ein Stück weit auch gleichmütig und gleichbleibend konsequent – reagieren, lernt das Kind seine Grenzen kennen und lernt, was richtig und falsch ist. Damit ein Kind sich später bezüglich eigener Werte entscheiden kann, muss es erst einmal Werte vermittelt bekommen. Eltern brauchen dafür ihre Intuition – ich kann in der Regel intuitiv entscheiden, was richtig und falsch ist, und ich kann das auch sagen. Viele Eltern weisen ihre Kinder aber nicht mehr zurecht, lassen sich unterbrechen, stellen ihre Kinder in den Mittelpunkt. Sie diskutieren mit ihren Kindern; sie versuchen, ihre Kinder zu überzeugen.

Was dadurch in Bezug auf die psychische Entwicklung passiert, könnte in etwa wie folgt beschrieben werden: Normalerweise würden sich durch die sicheren, konsistenten Reaktionen der Eltern beim Kind eine Reihe ebenfalls sicherer Reaktionsmuster entwickeln. Diese bilden quasi das „sichere Fundament“ der später immer eigenständigeren Handlungen des Kindes. Geschieht dies nicht, haben die Kinder kein solches Fundament und müssen quasi selbst entscheiden oder herausfinden, was richtig oder falsch ist. Das können sie aber nicht, weil ihnen genau dieses Fundament ja fehlt. Sie können daher nur sich selbst zum Maßstab nehmen, und das sind – etwa bei Vierjährigen – vor allem die eigenen Bedürfnisse. So handelnde Eltern zwingen ihre Kinder geradezu, sich um sich selbst zu drehen.

Aus dem Versuch, der allzu gewaltsamen und verformenden Erziehung früherer Zeiten etwas entgegenzusetzen, sind zwar neue pädagogische Formate erwachsen, die auch funktionieren und alles in allem selbstbewusstere (und damit einhergehend auch: weniger bescheidene) junge Menschen heranwachsen lassen. Aber in der Übertreibung dieser Perspektive haben viele von uns aufgehört, Kinder als das zu behandeln, was sie sind, nämlich kleine Wesen, die erst einmal ein Fundament brauchen, von dem aus sie sich die Welt erschließen können – eben auf der Grundlage der sicheren Reaktionen seiner Eltern und Erzieher. Hat ein Kind dieses Fundament nicht, schwebt es quasi in einem leeren Raum.

Ein Beispiel: Ein Kind von Crystal konsumierenden Eltern ist zuhause mit extrem wechselhaften Handlungs- bzw. Reaktionsmustern konfrontiert und zeigt deshalb auch selbst wenig stabile Reaktionsmuster bis hin zu stärkeren Auffälligkeiten. Damit das Kind stabile Bindungen entwickeln kann und hinsichtlich einiger sprachlicher und kognitiver Defizite gefördert werden kann, weist das Jugendamt das betreffende Kind einer speziellen Betreuungsstelle zu. Dort gibt es ausgebildete Pädagogen, die viele hilfreiche Methoden kennen. Das Kind baut tatsächlich Bindungen auf, aber es kommt immer wieder zu schwereren „Ausrastern“. Diese „Ausraster“ werden dann von den Pädagogen mit dem Kind besprochen – mit dem Ziel und in der Hoffnung, dass bei dem Kind die „Einsicht“ wachse, dies oder jenes fortan nicht mehr zu tun.

Ich meine, dass diese Vorgehensweise nicht besonders hilfreich ist: was richtig oder falsch ist, lernt ein Kind im Kindergartenalter zunächst nicht durch normative Einsicht, sondern durch direkte Reaktionen. Das Kind lernt also anhand der direkten Reaktion des Pädagogen, ob es gerade etwas falsch gemacht hat. Ich kann dazu etwas erklären, aber die Erklärung hilft zunächst weniger als meine entsprechende Reaktion vorher. Ein Kind braucht zuerst ein auf stabilen Bindungs- und Reaktionsmustern beruhendes eigenes Reaktionsmuster, bevor die kognitiven Lernprozesse aufsetzen können. Selbstregulation ist zunächst ein höchst affektives Geschäft – bekomme ich Reaktionsmuster vermittelt, die mir helfen, meine direkten Impulse in den Griff zu bekommen – oder nicht.

Einwand der betreffenden Pädagogen aus der oben beschriebenen Betreuungsstelle: „Wir tun ja selbst nur das, wovon wir überzeugt sind. Wir erwarten deshalb von den Kindern auch, dass sie nur tun, wovon sie auch überzeugt sind. Unsere absolute Grundüberzeugung ist, dass Lernen selbstgesteuert passiert.“

Solcherlei Grundannahme führt dazu, dass Kinder wie kleine Erwachsene behandelt werden. Wenn ein Kind aber aufgrund chaotischer Reaktions- und Bindungsmuster bei den Eltern kein sicheres Fundament hat, wie kommt dann Sicherheit in das Kind? Durch freundliche Erklärungen? Durch Diskussionen? Nein. Durch sichere Reaktionen. Durch ein zugewandtes, bindungsorientiertes Fundament in Verbindung mit klaren Ansagen (Hauptsätze; keine langen Erklärungen) und wohlmeinender Konsequenz (wobei das Ausbleiben einer positiven Konsequenz besser ist als eine Strafe).

Was bedeutet das praktisch?
Die Leitfrage für Fälle wie den eingangs geschilderten lautet: wie kommen Grenzen und Normen in die Welt? Ein Kind muss erst einmal Bedeutungen kennen, damit es später Bedeutungen aushandeln kann. Sonst bleibt das Kind im freien Raum der Rotation um sich selbst. Hyperaktivität oder Aggressivität sind dann nur andere Namen für das Problem.

Damit möchte ich nicht behaupten, dass jeder Fall von Hyperaktivität aus den beschriebenen Dynamiken entsteht. Vielmehr meine ich, dass zu häufig mit Diagnostik auf ein Phänomen geantwortet wird, das auch aus einer Mischung aus Interaktionsdynamik, Ernährung und Medienkonsum entstanden sein könnte. Bevor man zulässt, dass einem Kind eine Diagnose verpasst wird, könnte man im Falle des Verdachts etwa auf ADHS die folgenden Interventionsmöglichkeiten anwenden:

  • Unbedingte Wertschätzung als Grundlage verbunden mit wenigen sehr klaren Regeln und gleichbleibender Konsequenz
  • Ruhe in der Ausstrahlung und ruhige, aber klare Ansagen; nicht diskutieren, sondern nach der Ansage weggehen; mit dem Ausbleiben positiver Konsequenzen anstelle von Strafen arbeiten; trotzdem genug Potential für positive Konsequenzen schaffen
  • Ernährungsumstellung in Richtung Reduktion von Kohlehydraten
  • Fernsehzeiten minimieren und für viel Bewegung sorgen
  • Beobachtung der Interaktion zwischen Kind und einem Elternteil; Feedback durch das andere Elternteil; häufige Wiederholung dieser Prozedur mit dem Ziel des Erkennens von Mustern und des Ausprobierens neuer Interaktionsmuster; wenn dies gelingt, wird es zu einem „kontinuierlichen Verbesserungsprozess“
  • Beratung durch die am Kind arbeitenden Pädagogen (die wissen häufig mehr, als sie sich zu sagen trauen)

Diagnostizieren kann man im bleibenden Zweifelsfall immernoch.

Die „Gesundheitsvermutung“ am Beispiel des Bettnässens
Bisher habe ich vor allem Beispiele aus den Bereichen „Verdacht auf ADHS“ und „Aggressivität“ verwendet. Das sind sehr populäre, viel besprochene Beispiele. Der Vollständigkeit halber will ich noch ein weniger oft diskutiertes, aber nicht minder relevantes Beispiel darstellen, nämlich das des so genannten Bettnässens. Die Ausgangssituation: ein eigentlich schon lange trockener Junge fängt im Alter von fünf Jahren an, nachts einzunässen.

Ein zunächst ganz oberflächlicher psychologischer Ansatz wäre zu fragen, wozu das gezeigte Verhalten nützlich sein könnte, welches Problem oder welchen Konflikt es (vordergründig) zu lösen scheint. Angenommen, man fragte tatsächlich nach dem Wozu der Symptome, dann würde man zwangsläufig auch zu der Frage kommen, wann es denn anders war, und was da ringsherum anders war, als es anders war. Sprich: Wann war der Kleine trocken, und was war da anders als jetzt? Dann würde man weiterdeklinieren, wann es begonnen hat, was sich rundherum verändert hat usw. Man würde eine „Entwicklungsgeschichte“ zeichnen und ggf. schon Muster entdecken.

Eine andere Herangehensweise wäre, die ganze Sache in psychoanalytischer Weise als kindlichen Konflikt zu verstehen. Da ist ein kleiner Junge, der vielleicht mehrere Jahre die volle Aufmerksamkeit seiner Mutter genossen hat, und dessen Vater seinerzeit vergleichsweise häufig zu Hause war. Dann bekam der Junge aber eine kleine Schwester (erster Konflikt). Später merkt er, dass die Aufmerksamkeit seiner Eltern außer auf ihn und auf die Schwester offensichtlich auf noch mehr Dinge verteilt wird (Haus, Beruf). Dann sind seine Eltern nicht mehr in der Weise für ihn da, die er mehrere Jahre gewohnt war (zweiter Konflikt). Nun braucht nur noch ein bißchen kindlicher Vergleich mit der Aufmerksamkeit für das Schwesterchen hinzukommen, und fertig ist die Bettnässerei.

Die Kindheitserinnerungen mancher Menschen besagen, dass sie sich als Kinder selbst Windeln angelegt haben, nachdem kleinere Geschwister hinzukamen. Will sagen: offensichtlich hat das Windeln eine gewisse Versorgungs- oder Aufmerksamkeitsfunktion. Man könnte die Bettnässerei also einstweilen als aufmerksamkeitsorientiertes Verhalten deuten. Damit ist noch niemand krank und hat auch noch niemand irgendwas falsch gemacht. Von tief liegenden – und leider nie klärbaren und deshalb in der Kommunikation darüber hoch gefährlichen – genetischen Ursachen ganz zu schweigen!

Was zunächst helfen könnte, wären meines Erachtens die folgenden Sachen:

  1. Das Kind beobachten: Wie interagiert das Kind, wann ist es entspannt, wann nicht, wie reagiert es auf seine Mutter (und ja: die Mutter bleibt hier wichtiger/bedeutsamer als der Vater, es sei denn, es gibt nur Väter, aber das ist ja selten der Fall)? Man beobachte das Kind einfach mal ein paar Tage ohne großen Input und ohne große Vermutungen. Man mache auch Videoaufnahmen (die vom ersten Tag sind nicht verwendbar, aber ab dem zweiten sind die Kinder dran gewöhnt). Als dann sehe man sich alles an und schaue in der Reflexion, was man daraus lernen kann. Wichtig: Intuition ist hier oftmals hilfreicher als psychologisches Wissen. Besonders gefährlich ist pädagogisch-psychologisches Halbwissen aus der Elternzeitung.
  2. Eine besonders wichtige Frage bleibt: Wann tritt es auf, wann ggf. nicht? Was sind die jeweiligen Rahmenbedingungen? Mit ein bißchen Geduld findet man vielleicht ein paar Muster.
  3. Bettnässer sind in der Regel sensible Kinder. Allein diese Sensibilität reicht nach meinem Dafürhalten aus, auf berufliche (und damit die Aufmerksamkeitskapazität pro Kind betreffende) Veränderungen zu reagieren. Ob diese „Gesundheitsvermutung“ zutrifft, kann man leicht prüfen: sich einfach zwei Wochen „kindkrank“ schreiben lassen und sehen, was passiert. Falls es zutrifft, als dann dem jetzigen Job Good Bye sagen und einen Job machen, der sich besser mit der Familie vereinbaren lässt. Gerade Jungs brauchen Mama, zumindest wenn sie klein sind. Das steht bisweilen anders in den Zeitungen, aber die Zeitungen werden oft von ahnungslosen HobbypsychologINNEN geschrieben, die lieber an ihre jeweiligen Lieblingsideologien glauben, als einen Blick in die Realität zu werfen.
  4. Ein schöner Versuch wäre auch, wenn Mama mit Kind für eine Woche wegfährt. Nur die beiden. Hypothese: mit genug Aufmerksamkeit (von Mama, nicht von Oma, Papa, Schwester etc.) ist die Geschichte kurz- oder mittelfristig eine andere. Vielleicht muss man klare Ansagen dazu kombinieren: indem man unsicher nach Ursachen forschend das Kind anblickt, wird es womöglich nicht besser; strahlt man dagegen eine gewisse Sicherheit aus und macht eine ganz klare Ansage (Hauptsätze!), wirkt sich das auf die Sichtweise des Kindes aus. Zumindest kann man Kindern so einige kritische Dinge beibringen: Schnuller weg, im Zimmer bleiben, bestimmte Dinge unterlassen, letztlich ja auch durchschlafen oder verschiedene Disziplinsachen wie das Händewaschen oder das „bitte“ Sagen.

Zusammenfassung
Das Kind zum Psychologen oder gar zum Psychiater schicken – das kann man immer noch. Starten würde ich zunächst mit einer Gesundheitsvermutung – erst einmal die Interaktion beobachten und vielleicht an den Rahmenbedingungen etwas ändern. Als dann ist die Frage wichtig: was haben die Eltern möglicherweise selbst dazu getan, dass es zum Problem werden konnte? (Stress gehabt, Konflikte vor den Kindern ausgetragen, lange auf Arbeit geblieben, zu viel Oma engagiert, ein Haus gebaut… ?) Erst einmal gilt es, sich selber an die sprichwörtliche eigene Nase zu fassen und etwas zu ändern. Wenn das nicht hilft, kann man immer noch losgehen und Psychologen oder Psychiater fragen. Aber Vorsicht: wenn man den Kollegen Geld gibt, finden sie in der Regel auch etwas. Sie können ja nichts anderes 😉

Jörg Heidig