Der doppelte Boden der Lüge

Im letzten Beitrag habe ich beschrieben, wie durch elterliche Infragestellung des Kindes erst kein Selbstvertrauen entstehen kann und sich dann – quasi als Rettungsversuch in existentieller Not – ein Ersatz-Selbstbild entwickelt. Indem sich das Kind als ungeliebt erfährt oder Liebe an bestimmte Leistungen geknüpft wird, lernt das Kind, nicht sich selbst zu achten und zu vertrauen, sondern es baut ein quasi „kompensatorisches“ Wunsch-Bild von sich auf. Dieses Wunsch-Bild ist heile, verkörpert aber nicht die Realität. Betroffene handeln vor allem aus ihrem Wunsch-Bild heraus, um ihre Unsicherheit in Bezug auf sich selbst nicht spüren zu müssen und um für solche Reaktionen aus ihrem Umfeld zu sorgen, die ihrem Wunsch-Selbstbild entsprechen. Im Grunde belügen sie sich selbst: „Indem ich Leistung bringe, werde ich anerkannt.“ könnte ein Schlüsselsatz lauten. Gerade jenen, die ihr Selbstbild mit einer hohen Leistungsmotivation ersetzt haben, fällt es sehr leicht, ihre Unzulänglichkeiten in unserer heutigen Gesellschaft zu verstecken. „Wenn die Arbeit ruft, bleibt ein Schweizer nie daheim.“, singt Faber. Und das gilt nicht nur für viele Schweizer, sondern auch für viele Deutsche. Leistung und Karriere sind „sozial erwünschte“ Dinge. Maaz behauptet sogar, dass die Mehrheit der Deutschen falsche Selbst-Bilder hätten, sich also nicht vertrauten und stattdessen Ersatz-Bildern von sich hinterherjagten. Diese Menschen belügen sich selbst und machen dadurch anderen permanent vor, wie erfolgreich, selbstsicher, ausgeglichen oder unverletzt sie seien. Sie legen sich soziale Masken zu, damit sie sich selbst glauben können, sie seien so tolle Helfer oder machten eine so tolle Karriere oder seien so aufopferungsvolle Familienmenschen oder, oder, oder. Nur damit sie ihre Unsicherheit und ihre Angst nicht spüren müssen.

Man kann sich den Prozess des Entstehens oder Erlernens eines Wunsch-Selbstbildes und der dazugehörigen Handlungen in etwa so vorstellen: Ein Kind fühlt sich unverstanden oder gar ungeliebt von seinen Eltern. Es wird nach Gelegenheiten suchen, trotzdem anerkannt zu werden. Es merkt bspw. bei außergewöhnlichen Leistungen, dass es dafür gelobt wird. Oder es bemerkt, dass, wenn es sich brav und angepasst zeigt, es im Vergleich zu sonst eher in Ruhe gelassen oder sogar gemocht wird. Diese zunächst eher einzelnen Versuche und Erfahrungen werden später – dann allerdings weniger unabsichtlich, sondern bewusster – wiederholt. Das Kind lernt, nicht es selbst zu sein, sondern Rollen auszuprobieren. Die Reaktionen auf die verschiedenen Rollen werden allerdings nicht einfach erfahren wie in einem beliebigen selbstverständlichen Interaktionsfluss – wenn sich das Kind selbst vertraut, handelt es einfach, die Eltern reagieren darauf usw. -, sondern die Kinder beginnen zu beobachten, welche Handlungen welche Konsequenzen haben und erlernen die entsprechenden Muster. Diese Beobachtung der eigenen Handlungen und insbesondere der Reaktionen darauf ist ein wesentliches kommunikatives Merkmal bei Menschen, die sich nicht selbst vertrauen. Betroffene handeln nicht einfach auf der Basis ihrer Emotionen oder Überlegungen, sondern die Reaktionen der anderen werden zunächst analysiert, um daraufhin die eigenen Handlungen zu planen. Es handelt sich also um ein mehr oder minder absichtsvolles Theaterstück, was im Handlungsvollzug geschrieben wird.

Ein beobachtbares Kennzeichen solcher Theaterstücke sind „prüfende Blicke“, die anderen Menschen während der beschriebenen absichtsvollen Handlungen zugeworfen werden. Diese Blicke tauchen bisweilen mitten im Handlungsvollzug auf und fügen sich nicht so recht in den Kontext bzw. passen nicht in den Interaktionsfluss. So kann es bspw. sein, dass ein Kind weint, dabei aber seine Eltern beobachtet. Oder ein Kind handelt besonders angepasst und beobachtet verstohlen, ob seine ggf. unterwürfigen Handlungen die gewünschte Reaktion erzeugen. Oder ein ehemaliger Strafgefangener zeigt nach einer verbalen Eskalation, auf die hin er von seinem Bewährungshelfer stark konfrontiert wurde, auf einmal Reue, sein Blick geht zu Boden und er gibt zu, dass er noch lernen müsse, seine Impulse unter Kontrolle zu bringen, und dass ihn der Herr Bewährungshelfer gerade sehr „erwischt“ und „getroffen“ habe und dass er ja Recht habe mit seiner Ermahnung. Blitzt zwischendurch ein eher kalter, prüfender Blick auf, kann man zumindest skeptisch bleiben, ob es sich hier nicht um ein „deeskalierendes Rollenspiel“ handelt.

Menschliche Handlungen bekommen auf diese Weise einen „doppelten Boden“. Eigentlich fließen die Interaktionen – eine Äußerung löst beim Gegenüber eine Reaktion aus. Diese Reaktion hat eine emotionale, eine kognitive und eine handlungsbezogene Dimension. „Normalerweise“ fließt die emotionale Bewertung der Situation mehr oder minder automatisch und unreflektiert in die Reaktion ein. Es kann aber auch sein, dass die reagierende Person – etwa in als sehr wichtig empfundenen Gesprächen – den Kognitionen eine stärkere Bedeutung verleiht, indem sie nicht „automatisch“ reagiert, sondern die eigene emotionale Reaktion wahrnimmt und überlegt, was das genau bedeutet und wie sie weiter handeln möchte. Dann haben wir es mit bewussteren Handlungen zu tun. Menschen, die sich nicht vertrauen, haben aber gelernt, ihre eigenen Emotionen gar nicht erst einzubeziehen. Für sie sind die Emotionen des Gegenübers wichtiger. Es geht ja darum, das eigene Wunsch-Selbstbild bestätigen zu lassen. Also steht nicht die eigene Emotion im Vordergrund, sondern die des Gegenübers. Ich darf quasi gar nicht so handeln, wie ich wollen würde, sondern ich handle quasi so, dass mein Gegenüber mein Wunsch-Selbstbild bestätigt. Das führt mehr oder minder konsequent dazu, die eigenen Emotionen zu ignorieren. Der „eigentliche“ Interaktionsfluss findet somit gar nicht statt, weil die eigenen Emotionen ja ausgeblendet werden. Was hingegen stattfindet, ist ein „Als-ob-Interaktionsfluss“. Ich tue quasi so, als wäre alles ganz normal. Ich versuche, meinem Gegenüber dieses Gefühl zu geben. Gleichzeitig analysiere ich dessen Handlungen nicht unter Hinzunahme meiner Emotionen, sondern mit der Maßgabe, was ich tun muss, damit mich mein Gegenüber als den leistungsstarken oder erfolgreichen oder hilfreichen oder so liebevollen oder so hilfebedürftigen Menschen wahrnimmt, der ich gern sein will.

Interessant wird es, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, die beide kompensatorische Selbstbilder entwickelt haben und dazu neigen, sich nicht auf ihre Emotionen zu verlassen, sondern stattdessen gewohnt sind, ihr Gegenüber mehr oder minder zu beobachten und ihre Reaktionen auf der Basis dieser Beobachtungen hin zu planen. Stellen Sie sich bitte einmal das folgende Beispiel vor:

Eine Psychologin, Ende dreißig und seit sechs Jahren als Therapeutin tätig, hat sich den Ruf erarbeitet, mit „Härtefällen“ gut arbeiten zu können. Sie tendiert dazu, nicht lange um den heißen Brei herumzureden. Viele ihrer vornehmlich männlichen Klienten schätzen ihre direkte Art und bringen dies auch zum Ausdruck. Manchmal hat die Therapeutin das Gefühl, selbst ein eher harter Mensch zu sein. Aber, denkt sie dann, so lange es hilft, passt es schon, und ich habe mich lange genug mit mir selbst auseinandergesetzt. Selbsterfahrung während der Therapieausbildung, eine eigene Therapie, häufige Weiterbildungen. Dass sie im Privatleben zwar glücklich scheint, es aber nicht ist, spielt keine Rolle, denkt sie. Das wird schon, man muss sich um Beziehungen immer wieder kümmern. Wann sie das zuletzt getan hat? Naja. Es ist ja bald Urlaub.

Diese Therapeutin bekommt eine neue Klientin, eine junge Frau, der vom lokalen Jobcenter dringend geraten wurde, sich in psychologische Behandlung zu begeben. Die Klientin leidet an Angststörungen und lehnt psychologische Hilfe eigentlich ab. Begründung: negative Erfahrungen während stationärer Aufenthalte in der Psychiatrie. Nun sei sie aber trotzdem hier, irgendetwas müsse ja passieren, so könne es nicht weitergehen, sie könne noch nicht einmal mehr ohne Begleitung das Haus verlassen, um etwa einen möglichen Ausbildungsbetrieb oder das Berufsschulzentrum anzuschauen.

Die ersten Gespräche verlaufen weder gut noch schlecht, man analysiert gemeinsam die Kindheit, frühere Erfolgs- und Misserfolgserlebnisse, die Therapeutin lässt sich ausführlich das Erleben der jungen Frau schildern. Nach dem zweiten Gespräch beginnt die Therapeutin zu zweifeln und nach dem dritten Gespräch will die Therapeutin die Klientin – Zitat – „eigentlich nur noch loswerden“. In der Supervision sagt die Therapeutin, dass sie das Gefühl habe, die Klientin lüge sie an. Es sei, als ob die Klientin sich gar nicht ändern wolle. Sie sage zwar, dass sie Hilfe bräuchte, und dass sie sich wünsche, eine Berufsausbildung zu machen. Aber dann sitze die Klientin nur da und gucke vor sich hin. Sie, die Therapeutin, schwanke zwischen Hilflosigkeit und Wut, weil die Klientin so gar keinen Willen hätte. Sie würde nur dasitzen wie ein – Zitat – „dickes Reh, das sich die Beine gebrochen hat, nur große Augen und Selbstmitleid“.

Nach einer Analyse der Emotionen der Therapeutin wird klar, dass die wie zur Schau getragene Verletzlichkeit der Klientin in der Therapeutin Aggressionen geweckt hat. Diese Aggressionen macht die Therapeutin an dem Gefühl fest, die Klientin spiele ihr etwas vor. Nach einer Weile wird jedoch der „doppelte Boden“ der Interaktion klar: Die Klientin hat tatsächlich Symptome und versucht, damit zu leben. Sie hat allerdings große Angst vor Panikattacken und lebt mit dem ständigen Gefühl, vom Alltag überfordert zu sein. Sie hat gelernt, ihre Angst offen anzusprechen – und hat auch gelernt, dass es an manchen Stellen wie bspw. im Jobcenter, leichter wird, wenn sie ihre Angststörungen betont. Die Therapeutin bemerkte zu Recht die zur Schau getragene Ängstlichkeit und Antriebslosigkeit ihrer Klientin. Aber statt damit zu arbeiten wurde sie wütend, weil die demonstrative Verletzlichkeit sie an ihre eigenen, mehr oder minder verdrängten „weichen Seiten“ erinnerte. Ihr Wunsch-Selbstbild war das einer starken, eher dominanten Frau, die mit Klarheit und einer gewissen „Kante“, wie sie sich auszudrücken pflegt, beruflich erfolgreich ist. Menschliche Schwäche hat sie immer angeekelt, aber sie habe sich damit auseinandergesetzt und habe das im Griff. Auf die Frage hin, wann sie das letzte Mal lieb zu sich selbst war, begann die Therapeutin zu weinen.

Über falsche Selbstbilder und die Fähigkeit zu lügen

Der Verdacht, nicht echt zu sein

Es ist ein Verdacht, der einen beschleicht. Ein komisches Gefühl, das man nicht haben möchte. Gegenüber ein guter Freund. Das Gespräch wird ernster, offener. Es geht darum, was wirklich los ist. Ein Gedanke: „Das passiert selten genug. Sei froh, dass Du so einen Freund hast. Einen, der Dich leiden kann, obwohl er Dich kennt. Einen, der Dich aushält.“ Doch dann dieses Gefühl zu lügen. Nein, das kann nicht sein. Ich sage doch die Wahrheit. Irgendwie traut man sich selbst nicht über den Weg. Die rettenden Reaktionen des Gegenübers: „Mir würde es genauso gehen. Ich verstehe Dich da. Was hättest Du machen sollen?“ Erleichterung. Als hätte man darauf gewartet.

Was ist da los? Woher kommt das Gefühl, sich selbst nicht zu trauen? Als brauche man den anderen, um sich selbst zu glauben.

„Ich will nur Dein Bestes, und Du benimmst Dich so unmöglich, dass ich ganz traurig bin und nicht mehr weiß, was ich noch mit Dir machen soll! Am liebsten würde ich mir einen Strick nehmen, so böse, wie Du bist. Ich schäme mich, dass Du mein Kind bist. Ich habe mir das anders vorgestellt!“

Wie man lernt, sich selbst nicht zu vertrauen

Selbstvertrauen ist etwas, das in der Kindheit entsteht. Es kommt darauf an, ob Eltern ihrem Kind vermitteln, dass es angenommen ist. Oder ob sie ihr Kind hinterfragen, ihre Liebe an Bedingungen knüpfen oder ihm vermitteln, es sei nicht in Ordnung so, wie es ist. Die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit strebt nach Entfaltung. Diese Erkenntnis wird heute oft missverstanden, indem Kindern keine Autorität mehr gegenübergestellt wird. Doch ohne Orientierung kann sich ein Kind nicht entfalten. Doch hier geht es nicht um das Fehlen von Autorität, sondern um die Verhinderung der Entfaltung. Man darf – und sollte – einem Kind sagen, wenn es etwas falsch macht. Aber man darf ihm nicht vermitteln, dass es falsch ist. Für Dinge, die ein Kind tut, kann man das Kind kritisieren. Man darf ihm aber nicht das Gefühl geben, dass es generell unerwünscht oder unmöglich ist. Man sollte nicht mit dem Entzug der Beziehung drohen oder diesen gar durchführen. „Wir bringen Dich jetzt ins Kinderheim, wenn Du nicht aufhörst, uns zu nerven.“ ist eine prototypische Variante einer weitgehenden Infragestellung der Existenz eines Kindes.

„Mein Gefühl stimmt nicht.“ ist ein Satz, zu einer existentiellen Hinterfragung der eigenen Person führt. Anders ausgedrückt: Man kann mit diesem Satz nicht leben.

Weil man aber trotzdem lebt und mit sich und der Welt klarkommen möchte, wird diese existentielle Hinterfragung verdrängt. Man lernt, sich selbst nicht zu vertrauen und sich stattdessen ein Wunschbild von sich aufzubauen – in der Hoffnung, so nach außen das Bild eines liebenswerten Menschen zu erzeugen.

Dieses Wunschbild entspricht nicht der Realität, man handelt aber zunehmend so, als ob es der Realität entspräche. Man sorgt also in der äußeren Welt für Reaktionen, die das Wunschbild bestätigen, und zwar solange, bis wir selbst glauben, dass wir diese Person sind.

Wie sich Lebenslügen vererben

An dieser Stelle sei angemerkt, dass wir alle mehr oder weniger starke Wunsch-Selbstbilder haben und entsprechende Bestätigung brauchen. Es geht hier um die Frage, wo die Grenze zwischen einem gesunden Selbstvertrauen und der Abhängigkeit von der Bestätigung des Ersatz-Selbstbildes durch andere verläuft. Im Falle gesunden Selbstvertrauens ertrage ich es, mit meiner Meinung auch einmal allein zu bleiben. Im Falle der Abhängigkeit von der Bestätigung durch andere kenne ich mich kaum und lebe mehr oder weniger fremdbestimmt, indem ich mich an dem Ziel orientiere, in anderen möglichst solche Reaktionen hervorzurufen, die eben nicht mich, wie ich bin, sondern mein selbst geschaffenes kompensatorisches Bild von mir bestätigen.

Beispiel Helfersyndrom: Weil ich mich nicht so aushalte, wie ich bin, und weil ich die Unsicherheit, die mich in der Nähe anderer Menschen befällt, kaum ertrage, suche ich mir eine Rolle, in der ich einen herausgehobenen Status genieße. Helfern ist man dankbar. Bleibt die Dankbarkeit aber aus, reagiere ich entsprechend unsicher bzw. verärgert. Man bestätigt mich nicht – was mich entweder anspornt, noch mehr zu helfen, oder, falls dies nicht funktioniert, das jeweilige Gegenüber abzuwerten („Die haben so viele Probleme, sehen das aber gar nicht ein!“) oder mich komplett abzuwenden („So ein undankbarer Mensch! Was ich alles für ihn gemacht habe. Dafür kann ich doch mindestens ein bißchen Dankbarkeit erwarten, oder?“).

Im Grunde wiederholt man dann, was die Eltern einem vorgelebt haben, und zwar ebenso unbeabsichtigt wie unbemerkt. Viele handeln sogar in dem Glauben, dass sie völlig anders als ihre Eltern seien. Und sind von der Erkenntnis, dass dem nicht so ist, so geschockt, dass sie dies nicht wahrhaben wollen und demjenigen, der die entsprechende Konfrontation ausgesprochen hat, mit dem Abbruch der Beziehung drohen. Ihrerseits haben es die Eltern in der Regel nicht böse gemeint. Sie wussten es ihrerseits zumeist nicht besser und haben selbst nur versucht, ihre eigenen Wunden zu verbergen. Auch die Eltern hatten in der Regel Wunschbilder von sich, also – drastisch formuliert – Lebenslügen, die sie aufrecht erhalten wollten.

Die schwerste Lektion

„Dein Gefühl stimmt nicht!“ heißt im Grunde: „Ich stelle Dich in Frage, weil ich dadurch an meiner Welt festhalten kann. Ich weiß, dass ich überfordert und genervt bin, aber das gebe ich nicht zu. Ich will auch nicht wissen, warum ich so bin. Ich will, dass Du mir das Gefühl gibst, dass alles in Ordnung ist. Deshalb kann es nicht sein, dass Du so fühlst, wie Du fühlst. Schau, was ich alles für Dich getan habe! Ich meine es doch gut! Dafür darf ich auch erwarten, dass Du sorgsam mit mir umgehst. Ach, ich weiß, Du bist zu jung dazu. Aber das lernst Du schon noch. Komm, sei schön lieb, setz Dich her, Dein Anfall geht schon wieder vorbei. Ich habe Dich lieb, wenn Du lieb zu mir bist. Alles andere würde mich umbringen, und Du willst doch nicht, dass ich mir einen Strick nehme, oder?“

Diese Sätze sind eine Mischung aus Gedanken, die kaum jemand so aussprechen würde, und Sätzen, die Kindern tatsächlich gesagt werden. Durch solche Gedanken und Sätze werden Kinder manipuliert und dazu gebracht, die Welt des betreffenden Elternteils zu bestätigen. Und das alles, weil sich jemand selbst nicht lieb haben kann! Weil es ihm ausgetrieben bzw. „wegmanipuliert“ wurde. Sich selbst lieb haben – klingt einfach, aber ist wohl die schwerste Lektion, die ein Mensch im Leben lernen kann.

Menschen mit Wunsch-Selbstbildern brauchen die Bestätigung von außen und machen sich vom Urteil anderer abhängig. Sie leben quasi für die Meinung anderer und nicht für sich selbst. Weil man nicht weiß, wer man selbst ist, lässt man das von sich geschaffene Bild von anderen bestätigen. Deshalb sind die Gefühle anderer wichtiger als die eigenen Gefühle. Daher der Verdacht, im Grunde nicht echt zu sein.

Innere Kälte als Preis für das Ersatz-Selbstbild

Ein Ersatz-Selbstbild zu schaffen und zu seiner Erhaltung sich selbst und andere zu belügen, bedeutet letztlich eine Entfernung von sich selbst. Weil sich jemand nicht so annehmen kann, wie er ist und sich nicht vertraut, geht er in die Distanz zu sich selbst – aber nicht im Sinne eines reflektierenden Nachdenkens über sich, sondern im Sinne eines vom „Anders-Sein“ träumenden, das eigentliche Selbst verleugnenden Ersatz-Selbstbildes. Man sorgt durch entsprechende Handlungen für die Bestätigung durch andere und stabilisiert so das Ersatz-Selbst immer mehr, bis man sich soweit von seinem eigentlichen Selbst entfernt hat, dass man nicht mehr darauf zugreifen kann. Das Resultat ist eine beinahe vollständige Fokussierung auf die Emotionen anderer unter Vernachlässigung der eigenen Emotionen. Man „erkaltet“ in Bezug auf sich selbst – und damit auch anderen gegenüber. 

Das klingt zunächst paradox, richten Betroffene doch ihren Fokus auf die Emotionen anderer. Sie tun dies aber nicht in erster Linie empathisch, sondern zunächst in gewisser Weise „berechnend“, denn sie beobachten die Reaktionen ihres Gegenübers, um ihre eigenen Handlungen auf das Gegenüber „abzustimmen“. Wirkliche Empathie würde ein „echtes Selbst“ voraussetzen, genau diesem traut man aber nicht – und damit auch nicht den eigenen Emotionen. Der Preis für das Ersatz-Selbst ist also eine mehr oder weniger „kalte Berechnung“ des Miteinanders. Sein falsches Selbst zu erkennen würde zur Folge haben, tiefgreifend über sein Leben nachzudenken und es ggf. zu ändern. Weil man sich aber selbst nicht traut und die Reaktionen des Umfelds auf das eigentliche, unsichere, aus der Erfahrung der Nichtakzeptanz oder des Ungeliebtseins resultierende Selbst kaum ertragen kann, hat man sich ja das andere, das gute, geachtete, angesehene usw. Ersatz-Selbstbild oder Wunsch-Selbstbild geschaffen. Und damit man nie mehr die Erfahrung machen muss, nicht geliebt zu werden, hält man an diesem Ersatz-Selbstbild fest und lebt, zugespitzt formuliert, seine ganz eigene Lebenslüge – allerdings um den Preis einer gewissen Kälte zu sich selbst und zu anderen.

Wie kommt man da heraus?

Manche der bisherigen Darstellungen könnten den Eindruck erwecken, die Schaffung eines Ersatz-Selbstbildes sei ein absichtlicher Prozess, der mit einer bewussten Entscheidung beginnt. Dem ist nicht so. Niemand entscheidet das, es geschieht einfach, und zwar durch ganz selbstverständliche, alltägliche Interaktion. Allein der Umstand, all das in solcher Ausführlichkeit zu beschreiben und Worte zu finden für etwas, das unbewusst abläuft, könnte den besagten Eindruck hinterlassen. Auch die später wirksamen Ersatz-Selbstbilder sind nicht bewusst – sie ersetzen ja das Selbst um den Preis der beschriebenen Selbst-Entfremdung bzw. emotionalen „Erkaltung“. Was bewusst werden kann, ist ein gewisses Unbehagen, sind Fremdheitsgefühle in Bezug auf sich selbst, sind ggf. Symptome. Dass es sich um einen beinahe vollständigen Ersatz handelt und die damit verbundenen Reaktionen „automatisch“ ablaufen, zum Wunsch- oder Ersatz-Selbstbild oder „falschen Selbst“ (Maaz) auch ebensolche „falschen“ Emotionen gehören, wird anhand des folgenden Abschnitts über die „symbiotische Kränkung“ klar. 

Emotionen können ja eigentlich nicht falsch sein – sie sind ja da. Aber wenn die ganze Identität durch die Erfahrung des Ungeliebtseins, der existentiellen Hinterfragung usw. regelrecht ersetzt wurde, dann handelt es sich auch bei den Emotionen um zu einer Maske passenden bzw. entsprechend „berechneten“ Ersatz. Nur mit dem Umstand, dass man das dann nicht bemerkt. Aus dem Bedürfnis, mit einer existentiellen Hinterfragung einhergehenden Schmerz zu vermeiden, erwächst eine Selbst-Entfremdung, die zum Verlust des Selbstvertrauens führt. Die vielversprechende Lösung ist ein Ersatz-Selbstbild, das mühevoll aufgebaut und aufrechterhalten werden muss. Man bleibt quasi in der Verbannung der Selbst-Entfremdung, tut aber so, als wäre dem nicht so, sondern als wäre alles „heile“. Der Preis dafür ist erkaltetes oder „berechnetes“ Leben. Der Ausweg wäre, aus der Verbannung zurückzukehren, das eigene Selbst zu ertragen und langsam zu lernen, dass die anderen einen dennoch mögen – auch wenn man nicht überdurchschnittlich leistet, hilft, liebt usw. Indem man sich selbst erträgt und lernt, dass man lieb zu sich selbst sein darf, sind Korrekturen möglich. 

Die symbiotische Kränkung

Zu einer „symbiotischen Kränkung“ kommt es, wenn man seinem Gegenüber sein Ersatz-Selbstbild zwar präsentiert, das Gegenüber dieses Bild aber nicht oder nicht vollständig bestätigt, also „bei sich“ bleibt und nicht in die symbiotische Verschmelzung mit dem Ersatz-Selbstbild geht. Man erzählt also von seinen besonderen Leistungen oder tut besonders viel für sein Gegenüber oder will jeden Aspekt seines Lebens (bspw. jede einzelne Sekunde des gemeinsamen Lebens) mit dem Gegenüber teilen. Das Gegenüber geht darauf aber nur teilweise ein und handelt in anderen Teilen „abgegrenzt“, unternimmt also weiterhin etwas allein, will nicht alles teilen oder betont, dass es ihm gar nicht auf die Leistungen ankomme, sondern auf einen selbst, und dass er einen als Menschen möge und weniger wegen der besonderen Leistungen. 

Solche Erfahrungen werden für Betroffene zur existentiellen Irritation – was man unbedingt vermeiden wollte (die existentielle Hinterfragung), geschieht wieder. Die Folge: Man hat das Gefühl, sich selbst zu verlieren, wenn das Gegenüber das Wunschbild nicht bestätigt. Man fühlt sich persönlich angegriffen.

Aber so ist es ja nicht. Das meint das Gegenüber gewiss nicht. Es stellt sich nur in der eigenen Erfahrung so dar. Und die Erfahrung ist in solchen Momenten „existentiell“, das heißt, man kann sich dem nicht oder nur sehr schwer entziehen. Jenes Theaterstück, das einen eigentlich „heilen“ sollte, fällt einem nun „voll und ganz“ auf die Füße. Das ist die Erfahrungsqualität. 

Was ist aber tatsächlich passiert? Das Gegenüber hat nur wie ein normaler Mensch gehandelt – ist auf manches eingegangen und auf anderes nicht. Tatsächlich wurde nur ein wenig Luft aus dem Wunschbild gelassen.

Besonders deutlich wird dies, wenn man sich vorstellt, was geschieht, wenn Menschen mit Ersatz-Selbstbildern lieben. Das Ersatz-Ich geht dann im Gegenüber auf, sehnt sich nach vollständiger Verschmelzung und meint, endlich die eine Partnerin oder den einen Partner gefunden zu haben. Es geht einem endlich gut, man ist nicht mehr unsicher, man fühlt sich aufgehoben, bestätigt, geliebt – aber eben nicht aus sich selbst heraus, sondern nur durch den anderen.

Wenn sich nun herausstellt, dass der andere (der geliebte Mensch!) noch ein eigenes Leben hat, es ihm offensichtlich auch ohne mich gut geht, dann kommt es zur Kränkung: Er braucht mich nicht so, wie ich ihn brauche! 

Das Gegenüber fragt man dann: „Warum brauchst Du mich nicht genauso, wie ich Dich brauche?“ 

Eigentlich heißt das aber: „Ich brauche dich so sehr, ich will Zeit mit dir verbringen, will, dass du da bist und mich bestätigst, ich brauche dich als Selbstwertstütze! Ich bin gekränkt darüber, dass Du noch eine eigene Meinung hast. Ich habe doch auch keine Meinung mehr, bin mit Dir verschmolzen, will nur mit Dir, für Dich sein!“

Und dann sagt man: „Ich verletze Dich doch auch nicht so, wie Du mich!“ Was das Gegenüber freilich nicht versteht.

Man liebt das Gegenüber also nicht um seiner selbst willen. Es geht bei solcher Liebe vielmehr um die eigene Person. Um Bestätigung. Um Seelenfrieden. Darum, dass endlich Ruhe ist. Dass es keine existentiellen Hinterfragungen mehr gibt. Das weiß das Gegenüber aber nicht. Man selbst weiß es ja auch nicht. Und wenn, dann würde man es nicht sagen.

Der Ausweg liegt darin, das Gegenüber freizulassen. Aus der unausgesprochenen Verpflichtung zu entlassen, qua symbiotischer Verschmelzung das eigene Wunschbild zu bestätigen. Was auf Dauer ohnehin nicht funktionieren würde, denn irgendwann merkt jedes Gegenüber, dass etwas nicht stimmt. Dass es sich um ein Theaterstück handelt, in dem das Gegenüber eine Rolle spielt. Dass es nicht um das Gegenüber, sondern um mein Theaterstück geht. Lässt man das Gegenüber nicht frei, geht es irgendwann selbst. Oder wird gegangen. Dann sucht man sich ein neues Gegenüber und entwickelt neue Verschmelzungsphantasien.

Lässt man das Gegenüber hingegen wirklich frei, so lebt man plötzlich unsicher. Man muss sich dann selbst ertragen, ist auf sich und seine ganze erlebte existentielle Hinterfragung zurückgeworfen. Wenn man sich dann nicht wieder Halt in der Bestätigung von außen sucht, kann man lernen, sich zu finden, sich auszuhalten, sich mögen zu dürfen, sich zu achten, sich zu vertrauen. Aber das ist ein denkbar schmerzhafter Weg.

Gefangen in der Psychologisierung: Die endlose Hinterfragung seiner selbst

Der soeben beschriebene Weg kann gelingen, aber ihn zu gehen, ist wie gesagt sehr schmerzhaft. Und es gibt unterwegs viele Ablenkungen und Verlockungen, sich einzubilden, man hätte es schon geschafft und dann doch wieder in die alten Muster zu verfallen. Betrachten wir noch einmal den Entstehungs- und Korrekturprozess insgesamt:

  1. Irritation der eigenen Existenz durch die Erfahrung, nicht geliebt zu werden oder nur für bestimmte Leistungen Zuwendung zu erfahren / Erfahrung einer „existentiellen Hinterfragung“
  2. Aufbau eines „kompensatorischen“ oder „Ersatz-Selbstbildes“
  3. Interaktion mit anderen vor allem zur Bestätigung des Ersatz-Selbstbildes, zunehmend Erfahrung von Sicherheit in diesem Ersatz-Selbstbild verbunden mit entsprechenden Erfolgen, Statusgewinnen, Beziehungen etc.
  4. Ggf. Entdeckung des Ersatz-Selbstbildes und der damit verbundenen Muster im Zuge etwa einer Lebenskrise verbunden mit der Erkenntnis, sich selbst und andere zu belügen
  5. Erkenntnis, dass man selbst eigentlich immer noch so unsicher ist wie in jenen Situationen, die man nie wieder erleben wollte
  6. Versuche, die Unsicherheit zu ertragen, sich selbst auszuhalten, die entsprechenden Muster zu ändern, lieb zu sich selbst zu sein 

Letztere Versuche können vor allem gelingen, wenn man lernt, allein zu sein, seine eigene Verletzlichkeit zu erkennen und dennoch zu handeln. Bei sich zu bleiben, die eigene Verletzlichkeit nicht mehr schützen zu wollen, die Harnische der Ersatz-Selbstbilder abzulegen und für sich selbst einzustehen. Gelingt dies nicht – Alleinsein ist eine existentielle Erfahrung, bspw. wenn man in einer Teamsitzung eine abweichende Meinung hat und auf dieser beharren will, weil man gute Argumente hat und obwohl das Team als Ganzes dagegen zu sein scheint – kann es sein, dass man in einer Spirale der permanenten Selbsthinterfragung oder des andauernden Psychologisierens landet. Man hat ja einmal erkannt, dass man sich und anderen etwas vormacht. Das bedeutet auch, dass man dies wieder erkennen wird. Hält man sich dann aber nicht aus – findet man sich nicht, weil der Weg dahin zu scherzhaft ist und man nicht lernt, allein zu sein – bleibt man in einer Art Zwischenwelt gefangen. Diese Zwischenwelt besteht aus falschen Selbstbildern und entsprechend geknüpften Beziehungen auf der einen Seite und der Erkenntnis, dass diese falsch sind, und sich daran anschließender Such- und Orientierungsprozesse auf der anderen Seite. Führt man diese Such- und Orientierungsprozesse nicht zuende, ist die Gefahr groß, dass alles wieder von vorn beginnt und dass dabei die symbiotischen Phantasien mit der Zeit immer größer und bunter bzw. die „Heilungshoffnungen“ immer unrealistischer (und nicht selten: esoterischer) werden.

Kann man Lügen erkennen?

Wir sind uns in der Regel unserer nonverbalen Kommunikation nicht bewusst, vielmehr setzen wir Körpersprache intuitiv ein. Man denkt nicht nach, wenn man sich an der Nase kratzt oder den anderen anlächelt und dabei anstarrt. Ebenso sind sie Reaktionen anderer auf unsere körpersprachlichen Signale kaum oder nicht bewusst, weshalb wir uns auch manchmal über Reaktionen wundern, die andere zeigen, während wir mit ihnen sprechen, oder wir wundern uns im Nachhinein beispielsweise über die Heftigkeit unserer eigenen Reaktionen im Gespräch. Wir können lernen, einen Teil unserer Körpersprache bewusst einzusetzen, etwa um das, was wir sagen wollen, durch Gesten zu unterstreichen. Man kann auch lernen, bestimmte körpersprachliche Elemente wegzulassen. Die Gefahr bei diesen rhetorischen Lernprogrammen ist, dass wir uns selbst etwas überstülpen und nachher nicht mehr authentisch wirken – was sich in der Konsequenz oft negativer auswirkt, als ein paar Fehler zu machen.

Wenn wir mit anderen kommunizieren, löst deren Körpersprache Emotionen in uns aus. Emotionen sind handlungsleitende Signale unseres Körpers – quasi „bewertet“ unser Gehirn eine Situation, indem es Emotionen produziert. Die emotionale Verarbeitung passiert automatisch; was wir davon bewusst mitbekommen, ist nur ein „nebulöses Abbild“, denn die Emotionen waren lange vor der Sprache da (andere Säugetiere haben sie ja auch), und unser Sprachzentrum ist nur begrenzt mit den emotionalen Zentren „verdrahtet“. Bewusstsein ist eine Art Nebenfunktion des Sprachzentrums. Stimmt etwas nicht – passen die Worte nicht zur Körpersprache oder passt die Mimik nicht zur Gestik, dann orientieren wir uns zunächst an der Körpersprache (Körpersprache > Mimik > Worte). Wir „erkennen“ die Körpersprache anderer wahrscheinlich, indem wir sie nachahmen. Kommunikation ist ohne dieses „Hereinholen des anderen“ unmöglich.

Wir bekommen zwar beigebracht, nicht zu lügen, tun es aber trotzdem – häufig, um anderen nicht zu nahe zu treten bzw. um uns sozial erwünscht zu verhalten. Solche Lügen erleichtern das Zusammenleben. Andere Lügen aber dienen der Täuschung, also beispielsweise der Erreichung von Zielen unter Vortäuschung falscher Tatsachen. Solche Lügen würde man gern enttarnen. Aber das ist nicht so einfach. Bekannte Mythen besagen, dass Menschen den Blickkontakt meiden, während sie lügen, oder sich beim Lügen an der Nase kratzen. Wenn es so einfach wäre, könnten Lügen leicht enttarnt werden, und wir würden uns damit gar nicht befassen, eben weil es ja jeder könnte.

Man erkennt Lügen – wenn überhaupt – am ehesten aus dem Kontext bzw. der Interaktionsdynamik heraus. Man kann körpersprachliche Signale nicht direkt interpretieren. Eher kann man zum Beispiel fragen, ob sich jemand so verhält wie immer, oder ob seine Handlungen – insbesondere die nonverbalen – von seinen üblichen Mustern abweichen. Mögliche Anzeichen könnten unter anderem ein geringeres Sprechtempo, begleitet durch einen starren Blick sein. Insbesondere Anzeichen erhöhter Angst sind ein Indiz. Man geht dem am besten durch Nachfragen auf den Grund. Wenn beispielsweise mehrere der folgenden Elemente zusammen auftreten, kann man das als Hinweis verstehen, einmal genauer nachzufragen: die Hände berühren sich gegenseitig (Hände reiben oder dergleichen) oder das Gesicht (zum Beispiel den Hals); Arme verschränken und sich zurücklehnen. Aber Vorsicht: wir können uns hier, wie bei allen körpersprachlichen Interpretationsversuchen, nie sicher sein, sondern müssen immer Kontext und Dynamik betrachten. Hilfreicher ist es deshalb, sich auf das zu konzentrieren, was das Gegenüber sagt. Faustregel: kommt die Antwort kurz und bündig, so handelt es sich wahrscheinlich um die Wahrheit. Dauert es eine Weile und folgen dann lange Erklärungen, ist das als Einladung zu verstehen, genauer nachzufragen.

Beispiel Ausweichmanöver: Auf die Frage „Bist Du fremdgegangen?“ antwortet das Gegenüber nicht mit einem schlichten „Nein.“, sondern mit einem ausweichenden „Sowas würde ich nie machen. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass Treue ganz wichtig ist. Und das ist es auch. Treue ist mir sehr wichtig.“ oder: „Ich bin seit zehn Jahren mit Dir verheiratet. Und das gern. Wieso sollte ich jetzt auf so eine Idee kommen?“

Fazit: Wenn man wissen möchte, ob jemand lügt, kann man diejenigen Signale, die auf Ehrlichkeit und Sympathie hindeuten, einstweilen ignorieren. Wenn man das tut, gibt sich ein – gegebenenfalls lügendes – Gegenüber wahrscheinlich größere Mühe, überzeugend zu wirken. Lügner werden in der Regel versuchen, unsere Sympathie zu gewinnen. Je öfter eine Aussage wiederholt wird, desto glaubwürdiger wird die Aussage – dieser Effekt ist umso stärker, je weniger Ahnung wir vom Thema haben und je sympathischer uns der jeweilige Gesprächspartner ist. Unsere besten Optionen sind also, Sympathien (einstweilen) zu ignorieren, auf Wiederholungen und Steigerungen zu achten, skeptisch zu bleiben und nachzufragen. Den Rest besorgt in der Regel die Intuition. Und: man sollte entsprechend kritische Gespräche nicht allein führen.