Was wir eigentlich wollten und was daraus geworden ist

Ich erinnere mich noch gut an meine Rückkehr aus Bosnien nach Deutschland. Das war 1999. Ich hatte knapp drei Jahre für eine humanitäre Organisation in Zentralbosnien gearbeitet – Notversorgung in Flüchtlingslagern, Bauprojekte, Flüchtlingsrückführung, einkommensschaffende Maßnahmen, Friedensarbeit. Gerade der letztgenannte Anspruch, aktiv zum Frieden beizutragen, war so kurz nach dem Krieg kaum erfüllbar. Zu groß war noch der Hass, und Ruhe blieb nur, weil genug internationales Militär vor Ort war und die Kampfkraft auf der bosnisch-serbischen Seite kurz vor Ende des Krieges merklich zurückgegangen war. Ich frage mich seither, was Frieden eigentlich ausmacht, und ich beobachte mit Schrecken, wie leichtfertig deutsche Politiker heuer unseren Frieden aufs Spielfeld internationaler Verhandlungen setzen – wie schnell „wir“ bspw. gegenüber Russland mit den Säbeln rasseln – und dabei gibt es, was die Bundeswehr angeht, derzeit bekanntlich kaum etwas zu rasseln, zumal ich bezweifle, dass es an dieser Stelle ein „wir“ gibt, sprich, dass eine Mehrheit der Deutschen eine härtere Gangart gegenüber Russland legitimieren würde.

Drei Jahre in einem von Bürgerkrieg und Armut gezeichneten Land veränderten meinen Blick. Mir fiel auf, wie viele Dinge für uns selbstverständlich sind. Die meisten sind frei von materieller Not. Viele haben Autos, mit denen sie fahren können, wohin sie wollen. Wir sind krankenversichert, kaufen in Supermärkten ein und leben vergleichsweise sicher. In jenem Sommer nach meiner Rückkehr fiel es mir schwer nachvollziehen, warum nur wenige der hiesigen Menschen diese Umstände bewusst schätzen – warum die einen die Komfortzonen unserer Zeit ebenso verschwenderisch wie achtlos genießen und die anderen sich dennoch – damals noch leise, heuer viel lauter – beschweren. Damals dachte ich, es seien einfach nur „die einen“ und „die anderen“, zwei Blicke auf ein und die selbe Welt und beide auf ihre Weise speziell – die einen zu positiv, zu verschwenderisch, die anderen zu kritisch, zu negativ, das eigentlich Gute ihres Lebens negierend. Dass beide Seiten womöglich keinen gemeinsamen Maßstab mehr haben, dass sie immer weniger verbindet, dass sich dahinter verschiedene, zunehmend unvereinbare Weltsichten verbergen, die unsere Gesellschaft heute spalten, wollte mir, damals fünfundzwanzigjährig, noch nicht recht einleuchten.

Die Demonstrationen im Herbst des Jahres 1989 waren vielleicht das erste „starke“ oder „prägende“ Erlebnis meines Lebens. Im Juli 1989, das war quasi eine meiner ersten Reisen ohne meine Eltern, nahm ich am Evangelischen Kirchentag in Leipzig teil. Gesprächsrunden in Wohnzimmern oder in Kirchen, Lesungen oder Theaterstücke an den Abenden, zwischendurch lange Nachmittage über Büchern oder bei Orgelkonzerten. Und obwohl es gar nicht so explizit um Opposition ging – klar gab es Samisdat-Schriften auf Büchertischen und wurde mehr oder minder andeutungsreich diskutiert – lag ein Zittern in der Luft, eine leise Spannung, die viele der Anwesenden verband und die nichts mit dem jeweiligen Geschehen im Moment zu tun haben musste. Jene verbindende Spannung war es, die auch bei den Demonstrationen im Herbst zu spüren war. Manche würden vielleicht sagen, dass es ein „starkes Gefühl“ war, das die Menschen verband, ein Gefühl, aus dem eine Kraft erwuchs. Jene Kraft hat seinerzeit viel bewirkt. Doch später ist etwas passiert, mit dem die Wenigsten gerechnet hatten. Die verbindende Spannung, die Kraft war mit einer Hoffnung verbunden gewesen. Vielleicht eine Hoffnung auf „Öffnung“, auf neue Möglichkeiten, auf Freiheit. Die viel beschworene Reisefreiheit war nur der vielleicht am Ehesten fassbare – und entsprechend oberflächliche – Ausdruck dieser Hoffnung auf Freiheit. Nachdem ich endlich einen Führerschein besaß, führten meine ersten längeren Reisen geradewegs nach Westen, nach Frankreich. Und ja, das war großartig! Man konnte sich bewegen, wie und wohin man wollte, man konnte essen und kaufen und ansehen, was man wollte. Besonders deutlich erinnere ich mich daran, in Straßencafés gesessen und „Grand Café“ bestellt zu haben – nur weil ich es konnte, weil der Kaffee schmeckte und weil genau das dem Kern meiner damaligen Vorstellungen von einer Reise nach Frankreich entsprach. Doch zurück zum Thema: Vielleicht war der Kern jener Hoffnung die Aussicht, dass sich für die Beteiligten noch im Laufe ihrer eigenen Lebensspanne die Dinge deutlich zum Positiven entwickelten, was auch immer das für jeden einzelnen Menschen geheißen haben mag. Der eine wollte vielleicht reisen, ein anderer lesen oder sagen, was er wollte, ein dritter wollte vielleicht seine Kinder erziehen, wie er wollte, ein vierter wollte vielleicht einfach nur in Ruhe gelassen werden. Doch genau diese Hoffnungen, so will ich meinen, sind für viele nicht aufgegangen – individuell vielleicht aus sehr verschiedenen Gründen, blickt man jedoch über ganz Ostdeutschland hinweg, so lassen sich doch einige ganz wesentliche Linien ausmachen.

Es ist ein Hohn, wenn heute von „Abgehängten“ gesprochen oder geschrieben wird. Solcherlei Herablassungen beschreiben zwar ein Phänomen, das von Weitem durchaus so anmuten kann, aber es zeugt – im weniger dramatischen Fall – von Ahnungslosigkeit oder – im tatsächlich schlimmen, weil mittlerweile Realitäten schaffenden Fall – von Vorurteilen.

Man kann dieser Tage viel über die Themen „Kultur“ und „Sozialisation“ lesen, und das auch ohne Wissenschaftler zu sein. Beiden Begriffen ist gemein, dass sie die Bedeutung der sich aus der Vergangenheit ergebenden „Gewordenheiten“, Prägungen oder – neutraler – Anknüpfungen betonen. Im Prinzip beeinflusst vorher Gesagtes später Gesagtes, ergeben sich aus erfolgreich werdenden Versuchen erfolgreich bleibende Muster, die immer weniger hinterfragt werden, wobei „Erfolg“ hier auch dysfunktionale Selbstverstärkung bedeuten kann. Unsere Kultur ist uns selbstverständlich, das heißt, wir können sie nicht hinterfragen, und wir werden alle anderen Kulturen durch die Brille unserer Selbstverständlichkeiten betrachten. Sozialisation bedeutet nichts anderes als das Hineinwachsen in eine Kultur, wobei es hier vor allem darauf ankommt, in welche Schicht oder Gruppierung einer Gesellschaft man hineinwächst. Man übernimmt in jedem Fall Gewohnheiten. Man erkennt später „seinesgleichen“ genau und fühlt sich entsprechend fremd, wenn man unter „gewohnheitsmäßig“ Fremden ist. Der französische Philosoph Didier Eribon hat mit „Rückkehr nach Reims“ vor Kurzem ein Buch vorgelegt, das in ebenso persönlicher wie soziologisch klarer Weise darstellt, welch prägende Effekte das jeweilige Herkunftsmilieu hat – man nimmt es als gegeben hin und hinterfragt es nicht – und welche Anstrengungen notwendig sind, um das eigene Milieu tatsächlich zu verlassen – in der Regel muss man mit seiner Herkunft brechen, um den Sprung zunächst zu schaffen, nur um dann ggf. zurückzukehren und zu erkennen. Das gegenseitige Erkennen von kulturellen oder gewohnheitsmäßigen Ähnlichkeiten bzw. die entsprechend tiefen Empfindungen bei Fremdheit gibt es wie gesagt nicht nur zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen (solche Unterschiede sind nur geläufiger), sondern eben auch innerhalb einer Kultur, bspw. wenn Menschen aus unterschiedlichen Schichten stammen.

In diesen kurzen theoretischen Ausführungen ist bereits das ganze gegenwärtige ostdeutsche Bild angelegt. Man muss nur genau hinsehen und nicht aufgrund allzu oberflächlicher Betrachtungen urteilen. Wenn manche Journalisten die deutsch-deutschen Fremdheiten wegzuschreiben versuchen, ähnelt das in gewisser Weise dem Versuch sehr kleiner Kinder, etwas zum Verschwinden zu bringen: wenn ich mir die Augen zuhalte, ist das betreffende Objekt weg. So ist es eben nicht. Versuchen wir also, einmal genauer hinzusehen.

Auf der einen Seite gibt es Menschen, die von der Zeit seit der Wende – wie sagt man das in heutigem Deutsch? – „profitiert“ haben (und ja, Profit ist nach wie vor etwas, das viele Menschen mehr oder minder ablehnen, vielleicht bleibt diese Ablehnung ohne Begründung, intuitiv ist sie aber da, zumindest als Skepsis). Sie konnten den tiefgreifenden Wandel für sich nutzen, haben ausprobiert, konnten machen, was sie wollten, haben sich abgenabelt von der Sozialisation bzw. sind über die Grenzen ihrer Sozialisation hinausgegangen. Diese Menschen sind, drastisch formuliert, ein bißchen wie jene Republikflüchtlinge, die in den Westen geflohen sind, um dort endlich machen zu können, was sie wollten, und denen das gelungen ist. Sie haben sich verwirklicht. Für sie ist die Globalisierung ein willkommenes Geschenk – sie reisen, arbeiten hier und da, gehen in den Möglichkeiten auf, sind Kosmopoliten. Sie leben mehrheitlich in großen Städten, genießen das Leben – schlicht, sie leben, wie sie wollen, und das nicht zuletzt, weil sie es können. Aber diese positiv gefärbte Geschichte stimmt meines Erachtens nicht ganz. In ihnen blieb eine Spur der alten Welt zurück, ein leiser Zweifel, eine Bemühtheit bezüglich der Anforderungen der neuen Welt. Für die einen ist es die Furcht, man könnte bemerken, woher sie wirklich kommen. Für die anderen ist es ein Zweifel, der sich aus der Spannung zwischen den eigentlichen – sozialisierten – Werten und den Maximen der neuen Zeit ergibt. Sind wir wirklich so individuell? Schaffen wir das? Ist das gerecht? Sind andere nicht viel „glatter“ oder „selbstbewusster“? In diesen Menschen wohnt eine ostdeutsch sozialisierte „Restunsicherheit“. Diese „Restunsicherheit“ ist es, die es diesen Menschen ermöglicht oder zumindest ermöglichen kann, jene lange beschwiegene, sich heute aber umso lauter artikulierende „andere Seite“ zu verstehen. Ohne diese Wurzeln in der anderen Sozialisation wird es schwierig, den Kern der heutigen Empörungen wirklich nachzuvollziehen. Wohl auch deshalb ist aus der sicheren Entfernung westdeutscher Redaktionen derzeit wenig Zutreffendes über den Osten zu lesen. Dafür gibt es umso mehr Ferndiagnosen und andere, um es höflich zu sagen, wenig hilfreiche Einlassungen.

Auf der anderen Seite finden wir Menschen, die es zunächst geschafft haben, in der „neuen Welt“ mitzutun, deren Fremdheitsgefühle aber irgendwann überwogen oder die es „dann doch nicht geschafft“ haben. Diese Menschen waren zunächst begeistert von den Möglichkeiten, wunderten sich dann aber, wurden später skeptisch, nur um am Ende nicht selten zu verbittern. Hier finden wir auch jene, die von vornherein zweifelten, ob sie das „schaffen“. Apropos „schaffen“ – was sollte oder soll da eigentlich geschafft werden? Und wo kommt das „Sollen“ her? Die Demonstranten des Jahres 1989 wollten nicht mehr in der DDR leben. Was sie aber wollten – dazu gab es kein gemeinsames Bild. Der schnelle Anschluss an die Bundesrepublik lag allzu nahe, aber die Konsequenzen für die eigene Biographie waren vielen nicht klar, woher auch, schließlich macht man so etwas nicht alle paar Jahre mal so einfach durch. Es gab keine Blaupausen, und vielen erschien es nur zu plausibel, dass wir die Dinge im Osten nun eben so machen wie im Westen. Dass das aber für viele Menschen nicht passte, weil sie ganz andere Dinge als die nun „notwendigen Voraussetzungen“ gelernt hatten, das wurde erst später klar. Mit diesem „Problem“ wurde in einer Weise umgegangen, die viele – zumindest unterschwellig – als herablassend empfanden: Man führte Seminare für die neuen Kulturtechniken durch („Bewerbertrainings“) und investierte viel Geld, und zwar nicht nur in Innenstädte, sondern auch in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Vorruhestandsregelungen. Wenn man diese Leistungen des Aufbaus Ost im Zusammenhang betrachtet (Sanierung UND Sozialleistungen) und ganz drastisch interpretiert, dann wird das heute an vielen Stellen sichtbare Bild plausibel: in schmucken Innenstädten sind die darin lebenden Menschen oft zu einer Art fremder Statisten geworden. Anders ausgedrückt: In manchen ostdeutschen Städten ist der „Abstand“ zwischen vergleichsweise neuen Fassaden und dem Inneren der dahinter lebenden und sich davor bewegenden Menschen in bestürzender Weise fühlbar.

Schließlich finden wir auf der anderen Seite auch jene, die es gar nicht erst probiert haben, aus welchen Gründen auch immer. Die vielleicht konsequenteste Verweigerung, irgendetwas „schaffen“ zu wollen, habe ich einmal in einer Geschichte über einen ehemaligen NVA-Offizier gehört. Wenn die Story stimmt, dann hat sich der Mann nach der Wende regelrecht „abgemeldet“, indem er sich auf sein Gartengrundstück zurückzog, tagsüber lange Spaziergänge unternahm und konsequent jede Bemühung, ihn „in Arbeit zu bringen“ vereitelte und sich im Zweifelsfall mit wahlweise ärztlicher oder juristischer Hilfe zur Wehr setzte. Auch wenn das ein Extremfall sein mag – ich unterstelle, dass jeder Ostdeutsche mehrere Personen kennt, auf die das mehr oder weniger bewusste „Abgemeldetsein“ in graduellen Abstufungen zutrifft. Die hier benannten beiden Seiten sind also keine voneinander getrennten Gruppen, sondern ein Spektrum mit vielen Stufen zwischen den beiden Enden.

Was ist nun aber der Unterschied zwischen „Abgehängten“ und „Abgemeldeten“? Der erstere Begriff ist eine Diagnose – von außen als bewertende Beschreibung verpasst. Der Begriff unterstellt, dass jemand jemanden anders „abhängt“ und wie einen alten, nicht mehr gebrauchten Waggon auf einem Abstellgleis verrotten lässt. Das mag wiederum eine drastische Metapher sein, trifft aber, denke ich, den Kern. Der letztere Begriff unterstellt eine aktive Beteiligung der handelnden Personen. Und genau das geschieht auch: nur wenige lassen sich einfach „abhängen“ ohne zu kämpfen, nur dass von diesen Kämpfen höchstens im privaten Umfeld gesprochen wird und wenig an die Öffentlichkeit dringt.

Und nun warten Sie einmal: haben wir das alles nicht schon einmal gehört? Kommt Ihnen das nicht irgendwie bekannt vor? Was nun folgt, mögen auf den ersten Blick abenteuerliche Gedanken sein, aber ich will meinen, dass es sich lohnt, dieser Spur ein wenig zu folgen…

Es gibt ein Thema, über das im Osten wie im Westen früher viel gesprochen wurde – im Westen insbesondere während des „roten Jahrzehnts“ und im Osten in den vierzig Jahren zwischen Gründung und Ende der DDR. Das Thema, das ich meine, sind „Klassenunterschiede“. Wir wissen, dass Klassenunterschiede – oder etwas „heutiger“ ausgedrückt: die soziale Herkunft – auf sehr dramatische Weise festlegen, was aus einem Menschen werden kann und was nicht. Ein Arbeitersohn an der Spitze eines Unternehmens bleibt eine Ausnahme, auch (oder gerade?) heute. Die „soziale Durchlässigkeit“ ist in Deutschland nach wie vor gering, trotz mittlerweile fast fünfzig Jahre dauernder Anstrengungen, das Gegenteil zu bewirken. Man hat in der Geschichte vielfach versucht, den Schwächeren, den Unterdrückten eine Stimme zu geben, ihnen zu Macht zu verhelfen. Was man dann oft feststellen konnte, war, dass die Unterdrückten ihre Welt gar nicht so sehr in Frage stellten wie jene, die vor allem über die Ungerechtigkeit redeten, selbst aber mehrheitlich gar nicht aus den Schichten stammten, über die sie redeten. Die Schwachen und Unterdrückten dieser Welt litten und leiden, und was ihnen hilft, ist weniger intellektuelles Geschwafel als vielmehr die konkrete Linderung ihrer Not. So auch heute: wir reden seit fünfzig Jahren über gesellschaftliche Veränderungen, aber an der sozialen Durchlässigkeit hat sich nichts geändert. Es bleibt nach wie vor ein Kampf, den Weg über die Grenzen der eigenen sozialen Herkunft hinweg zu finden. Die Gewohnheiten der jeweils „anderen Welt“ irritieren die Angehörigen der eigenen Welt derart, dass das zu Konflikten und – öfter, als man gemeinhin glauben mag – zum Bruch mit dem Kontext der eigenen Herkunft führt, mitunter die eigenen Eltern eingeschlossen. Andererseits sind die Gewohnheiten jener Schicht, in die man sich bewegt, mitunter so anders als die eigenen, dass man sich fremd vorkommt und auch fremd wahrgenommen wird – selbst wenn man die jeweils notwendigen Kulturtechniken beherrscht, beherrscht man sie meist perfekter als die „angestammten“ Mitglieder jener Schicht, was einen wiederum besonders erscheinen lässt, weil dann eine gewisse Lässigkeit und ein „über-sich-selbst-lachen-Können“ fehlen.

Nun war die DDR, wie sie war. Es hilft wenig, wie das heutzutage viele tun, die DDR zu verklären. Andererseits ist es aber ebenso wenig hilfreich, im Pathos der Überwindung eines Unrechtsstaates zu verharren. Zur Bewältigung unserer heutigen gesellschaftlichen Hausaufgaben ist es zunächst hilfreich zu fragen, was eine DDR-Sozialisation bewirkt hat. Eine Bewertung, ob das nun gut (Verklärung) oder schlecht (Unrechtsstaat!) oder verbrecherisch (Stasi!) war, kann man vornehmen, man sollte sich aber ausgehend von solchen moralischen Urteilen nicht dazu verleiten lassen, damit alle Konsequenzen vom Tisch zu wischen. Die einen sagen dann nämlich Varianten der folgenden Sätze: „Das war doch alles Mist im Osten. Haben wir doch gesagt. Warum waren wir denn 89 sonst auf der Straße? Wir waren doch froh, als es endlich vorbei war. Dann müssen wir auch mit den Konsequenzen leben. Jetzt ist es doch in jedem Fall besser als damals. Wollen wir etwa unsere Freiheit nicht? Dann verstehe ich gar nichts mehr.“ Und die anderen? Die klingen etwa so: „Das haben wir uns damals aber anders vorgestellt. Jahrzehntelang als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden, ist alles andere als lustig. Damals waren die Unterschiede nicht so groß. Da war es egal, wer Du warst. Naja, vielleicht waren auch nicht alle gleich, aber es war besser als heute. Heute zählt nur, wer sich durchsetzen kann. Und das, das haben wir damals nicht gewollt.“ Die Konsequenzen treten unabhängig von der Bewertung der Ursachen ein. Die Ursachen liegen in der DDR-typischen Sozialisation, die Konsequenzen bestehen in einer gewissen, nicht vollständigen, aber immerhin tief fühlbaren Fremdheit oder eben „Restunsicherheit“ bezüglich der heute zu verwendenden Kulturtechniken.

Wenn man also den Osten verstehen will, dann gelingt dies nur, wenn man annimmt, dass nicht alle jener Hoffnungen des Herbstes 1989 in Erfüllung gegangen sind. Wie auch, könnte man salopp nachsetzen: „Das ist ja gerade das Wesen der Hoffnung, dass man nicht weiß, was die Zukunft bringt, dass einen die Hoffnung aber leitet.“ Und man könnte noch kritischer werden und rufen: „Die Hoffnung war eine Hoffnung auf Freiheit. Da waren sich seinerzeit fast alle einig. Und wenn man frei sein will, muss man Freiheit auch ertragen! Da sind sich irgendwie nicht mehr so viele einig. Dann wisst Ihr Ostdeutschen jetzt, was Ihr lernen müsst: kommt klar mit der Freiheit!“

Wenn es denn so einfach wäre! Ich halte es für falsch zu vermuten, dass die Menschen nicht mit der Freiheit klarkommen wollten oder konnten. Die meisten, denke ich, genießen die Freiheit sogar. Man wird heuer nicht gegängelt (oder doch? „Mindestens im Jobcenter!“, würden viele rufen), man kann sich hervorragend bilden, man kann reisen – neuerdings gibt es sogar einen „Arbeitnehmermarkt“, sprich, Arbeitnehmer sind in vielen Branchen so knapp, dass sich Arbeitgeber mittlerweile recht zahm verhalten – ein Umstand, der vor fünfzehn oder zwanzig Jahren in Ostdeutschland an vielen Stellen undenkbar erschien.

Meine Vermutung ist, dass die Erwartungen an Freiheit im Osten andere sind als auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik. Man stelle sich ein Spektrum vor zwischen den „durchindividualisierten“ Menschen Westeuropas und den „sozialistischen“ Menschen Osteuropas vor. Ja, diese sozialistischen Menschen hat es gegeben, und auch wenn man heute nicht mehr stolz darauf sein kann, weil es faktisch niemanden mehr gibt, der einen dafür bewundert oder mindestens lobt, heißt das nicht, dass die Prägungen, die Sichtweisen, die Emotionen des sozialistischen Menschen von der Erdoberfläche verschwunden sind. Die Regungen des sozialistischen Menschen liegen heute eher im Verborgenen, werden weniger gezeigt, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht weitergegeben werden. Viele der heutigen Stimmungen im Osten Deutschlands werden plausibel, wenn man sich den sozialistischen Menschen – positiv gesprochen – mit seinen Anpassungsleistungen an das große Ganze oder – kritisch gesprochen – mit seiner Einordnung oder gar seinem „Eingemahlensein“ in ein System vorstellt. Ich will damit nicht behaupten, dass Ostdeutschland noch immer voller sozialistischer Menschen ist, will aber meinen, dass Ostdeutsche auf einem Spektrum zwischen Individualisierung auf der einen und Einfügung in ein System auf der anderen Seite mehrheitlich eine andere Position einnehmen als ihre Landsleute im Westen. Damit gehen andere Erwartungen an Freiheit einher. Man nimmt sich weniger Raum, äußert sich ggf. zurückhaltender – und erwartet das auch von anderen. Man erwartet auch, dass der Staat fürsorglich handelt und in gewissen Lagen auch interveniert.

Der von vielen wahrgenommene Statusunterschied zwischen Ost und West bezieht sich also nicht nur auf politische oder wirtschaftliche Stärke oder Dominanz („Wer hat denn die Straßen im Osten bezahlt?“), sondern hat auch eine habituelle Dimension. Das wäre an und für sich ein Problem, das man zwar in den Zeitungen hin und wieder beschreiben würde, das aber für den Bestand unserer Gesellschaft nicht allzu problematisch wäre. Nach dem Motto: „Da gibt es halt Unterschiede, und die einen nehmen sie so wahr und die anderen so. Und? Was ist das Problem?“ Bis vor wenigen Jahren blieb das ganze Thema also mehr oder minder ein Spielplatz für Intellektuelle, die es nicht lassen konnten, sich damit zu beschäftigen. Doch spätestens 2015 hat sich das geändert. Seither rumort es in Ostdeutschland, und das Rumoren hat auch Teile der westdeutschen Gesellschaft ergriffen. Rein äußerlich regnet sich die ganze Debatte vor allem an den Flüchtlingen ab. Dahinter steckt aber, so möchte ich vermuten, etwas Grundsätzlicheres.

Nehmen wir noch einmal die nur zum Teil oder auch nicht erfüllten Hoffnungen des Herbstes 1989 – auch unter der Einschränkung, dass es in der Natur vieler Hoffnungen liegt, nicht in Erfüllung zu gehen, und auch unter Anerkenntnis des Einwands, dass viele vielleicht gar nicht so recht wussten, worauf genau sich die Hoffnungen richteten. Das Leben wird ja frei nach Kierkegaard vorwärts gelebt und rückwärts verstanden, und da gibt es eben vorwärts die Hoffnung und rückwärts die Enttäuschung, wobei in diesem Zusammenhang die Schreibweise Ent-Täuschung treffender wäre, weil sich einige Hoffnungen eben als Täuschungen entpuppten oder – tragischer noch – einige Hoffnungen erst im Nachhinein in den Herbst 1989 hineinprojiziert wurden, der historische Moment heute also mit schwereren Hypotheken aufgeladen ist, als er eigentlich verdient hat. Nehmen wir also noch einmal die nur zum Teil oder nicht erfüllten Hoffnungen und betrachten diese im Zusammenhang mit den besagten anderen Erwartungen an Freiheit. Und betrachten wir dann einmal die Ereignisse im Sommer und Herbst 2015. Womöglich hätte sich niemand außer den „üblichen Verdächtigen“ daran gestoßen, wenn ein paar Sonderzüge mit Flüchtlingen aus Budapest nach Deutschland geholt worden wären. Aber als die „Willkommenskultur“ ansprang und sich Journalisten reihenweise nach Ungarn begaben, um sich hernach selbst dafür zu feiern, dass sie ihre Handyladegeräte an Flüchtlinge verliehen oder einer Familie Zugtickets nach Deutschland gekauft hatten (ganz nebenbei hatten sie natürlich auch schreckliche Geschichten gehört!), haben das viele nicht mehr begriffen, nach dem Motto: „Was ist los mit einem Land, dem es gut geht (eine mögliche Sicht), das aber seine Hausaufgaben noch nicht fertig hat (wahrgenommene Ungerechtigkeiten; eine weitere mögliche Sicht)?“ Diejenigen, deren Hoffnungen sich seinerzeit nicht erfüllt hatten, sahen nun die Hoffnung in den Gesichtern derer, die „Deutschland, Deutschland!“ riefen. Ein bezeichnenderes „Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Sein“ – im Prinzip eine unerwünschte Konfrontation mit der eigenen Geschichte – lässt sich kaum denken. Und wenn man dazu in der schwächeren Position ist oder glaubt zu sein – auf wen richten sich dann die Emotionen?

So macht die Sache in meinen Augen Sinn, das heißt, so wird die Sache verständlich: Jeder Mensch kennt das von sich selbst. Es gibt Wahrheiten über das eigene Leben, die man nicht oder nur sehr dosiert wissen möchte. Im Falle von als zu krass empfundenen Konfrontationen mit einer der verdrängten Wahrheiten geht der Selbstschutz an. Soziologisch betrachtet sind (und sehen sich auch selbst) die Ostdeutschen in der schwächeren Position. Das zu ertragen ist schon schwer genug. Kommen nun aber andere, die genau solche Hoffnungen haben, wie ein größerer Teil der Ostdeutschen einst hatte, dann wird das Ertragen unerträglich, dann folgen Ärger und Wut. Aber auch das wäre noch gegangen, irgendwie hätte man sich schon arrangieren können, wenn die beteiligten Politiker und Journalisten die Wut hingenommen hätten. Aber nein, es folgte das, was in solchen Situationen gar nicht hilft, sondern alles nur noch schlimmer macht: es wurde diagnostiziert, belehrt und im Zweifel sogar stark abgewertet. Und was tut jemand, der sich ärgert, aber belehrt wird, dass er sich gar nicht ärgern dürfe, und dass er gar ein „Nazi“ sei, wenn er sich ärgert? Nun, wenn man es ihm nur oft genug sagt, dann wird er sich ein bißchen so benehmen, wie man es ihm unterstellt, weil das dann die einzige einigermaßen selbstwerterhaltende Handlungsoption ist. Das heißt nicht, dass es keine Neonazis gibt. Wenn einer ein Flüchtlingsheim anzünden möchte, helfen keine Gespräche, sondern gute Ermittlungsarbeit und konsequentes polizeiliches und juristisches Handeln. Aber die ostdeutsche Empörung generalisierend mit latentem Rassismus oder gar Neonazitum in Verbindung zu bringen, macht das Problem nicht besser, sondern schlimmer, weil die so Vor-Verurteilten erst recht nicht mehr wissen, wohin mit ihren Meinungen. Von dort ist es nicht mehr weit zu dem „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“ der gewohnheitsmäßig Empörten. Als Gesellschaft sollten wir uns genau überlegen, wie vielen wir nicht mehr zuhören – und das „nur“ um des Festhaltens an einigen postmodernistischen Leitvorstellungen willen.

Bisher habe ich vor allem soziologisch und ergänzend psychologisch argumentiert. Da ich aber selbst einige Jahre in der Flüchtlingsarbeit tätig war – zunächst in einem deutschen Asylbewerberheim und später in Bosnien-Herzegowina – möchte ich hier einige persönliche Bemerkungen anfügen:

  1. Es gibt ein „migrantisches Binnenspektrum“. Ein Teil der hier Angekommenen hat tatsächlich eine Geschichte über Not, Bedrohung, Verfolgung, Vertreibung, Folter, Verstümmelung oder anderen Grausamkeiten zu erzählen. Für diejenigen ist unsere Asylgesetzgebung eigentlich gemacht, und das ist und bleibt auch gut so. Wer soll es denn wissen, wenn nicht wir Deutschen? Aber es kommen nicht nur Menschen mit einer Geschichte, die dem Zweck des Asylrechts entspricht. Es kommen auch jene, die eigentlich als „potentielle Einwanderungskandidaten“ bezeichnet werden müssten, für deren Einreise es aber keine legale Grundlage gibt, weil wir keine nennenswerten Einwanderungsgesetze haben. Also „tarnen“ diese Menschen ihre Gründe und erfinden möglicherweise asylrechtlich relevante Gründe. Schließlich, und das muss Anerkennung finden, sonst nehmen die Probleme weiter zu, kommen auch Menschen her, die keine guten Absichten hegen. Ich kenne Leute, die in der Betreuung von Migranten arbeiten und das Gefühl haben, nicht wirklich offen über die Probleme in dieser Arbeit sprechen zu können. Selbst dort! Damit meine ich nicht nur die Probleme, die durch Rassismus entstehen, sondern vor allem negative bis gefährliche Erlebnisse mit Migranten, Bedrohungen, die ausgesprochen werden, kriminelle Handlungen, von denen man erfährt. Wenn man sich zu differenziert äußert und auch die negativen Bereiche des „Binnenspektrums“ beleuchtet, erfahren diese Menschen im Kollegenkreis und vor allem von Vorgesetzten häufig Ablehnung, so als dürfe man nicht über solche Probleme sprechen. Das betrifft auch Bedenken hinsichtlich der Integrierbarkeit der großen Zahl von Migranten und der Integrierbarkeit bestimmter Gruppen. Wo kommen wir hin, wenn ein „Wir schaffen das!“ nicht mit „Was wollen wir schaffen?“ und „Wie schaffen wir das, was wir schaffen wollen?“ hinterfragt werden kann – und wenn selbst in dieser Arbeit Tätige darüber gleichsam prophylaktisch schweigen?
  2. Integration dauert viel länger, als wir uns vorstellen. Erstens gehört, und das vergessen viele in der Diskussion um Flucht, Migration, Asyl usw., zur Flucht oft auch die Rückkehr. Kriege gehen, zumindest in der Regel, nach einigen Jahren zu Ende. Dass sich Kriege selten lohnen, muss hier nicht diskutiert werden. So wie bei der Entstehung eines Krieges irgendwann die Gemäßigten von Radikalen verdrängt werden, diese radikalen Kräfte dann den Krieg vom Zaun brechen oder die Kriegserklärung einer anderen Seite mehr oder minder vorbereitet annehmen, so gewinnen, wenn sich der Krieg langsam seinem Ende entgegenneigt und sich die Kraft der Radikalen „verkämpft“ hat, die gemäßigten Kräfte wieder mehr Gewicht und übernehmen vor oder nach dem Ende des Krieges wieder das Zepter. Das ist nicht immer so, aber oft genug, als dass man nach einem Krieg in der Regel eine gewisse Beruhigung, Befriedung und „Rezivilisierung“ erwarten kann. Dann wird es auch wieder möglich, in den betroffenen Ländern zu leben. Eine besonders tragische Ausnahme bildet Afghanistan mit seinen nun bald ein halbes Jahrhundert dauernden Konflikten. Zweitens, und das ist der Kern dessen, was ich hier sagen möchte, malen wir uns, was Integration betrifft, gern romantische Bilder. Integration verlangt den Beteiligten viel ab. Es ist im Vergleich zu einem Leben in einer angestammten Kultur ein Mehrfaches an Motivation und Aufwand notwendig, seinen Weg in einem fremden Land zu gehen. Ich habe das in einem anderen Text auf diesem Blog bereits ausführlich beschrieben, weshalb ich mich an dieser Stelle entsprechend kurz fasse. Solchen Argumenten wird gern entgegengehalten, dass es so etwas wie „angestammte Kulturen“ mit entsprechend homogenen Bevölkerungen gar nicht mehr gebe, und dass Integration andauernd irgendwie und irgendwo stattfinde. Das stimmt – zum Teil. Das Argument trifft vor allem auf von der Globalisierung profitierende, mehr oder minder „kontinental“ oder gar „transkontinental“ lebende Menschen zu. Es gibt diejenigen, die aus Deutschland stammen, in Spanien geheiratet haben, ihre Kinder in Australien großziehen usw., sprich, die auf dem Globus zuhause sind. Ja. Aber was sind die Voraussetzungen für ein solches Leben? Mindestens hohe Bildung und eine sehr gute materielle Ausstattung. Und auf welche Menschen trifft das vor allem zu? Und ist es – quasi als Norm – auf alle derzeitigen Migrantengruppen verallgemeinerbar? Ist uns wirklich klar, was es heißt, größeren Gruppen aus eher „fernen“ Kulturen hier eine echte Chance zu geben? Ist uns klar, wie weit der Weg für Analphabeten und noch für deren Kinder ist? Haben wir wirklich so viel Geduld? Ich meine nicht, dass wir es lassen sollten, ich meine aber – und dass tue ich vor allem vor dem Hintergrund intensiver Beschäftigung mit dem Thema – dass wir sehr langsam machen sollten.
  3. Willkommenskultur hat mehr damit zu tun, wie sich viele Deutsche sehen wollen, und weniger damit, wie wir Deutschen wirklich sind. Man kann sich bekanntlich nicht selbst betrachten, sondern sieht sich selbst mehr oder minder durch die Augen der anderen. Wie sehen sich die Deutschen? Ich möchte diese Frage hier nicht erschöpfend beantworten, sondern möchte nur zu bedenken geben, dass die „Willkommenskultur“ in der Regel recht bald nach der Ankunft und den ersten Monaten Betreuung endet. Irgendwann kommt der Alltag der Institutionen zurück, irgendwann verliert sich das große ehrenamtliche Engagement. Meine größte Wertschätzung gilt jenen Menschen und Projekten, die es schaffen, über Jahre und alle tiefen Gräben der Frustration und der Desillusionierung hinweg kontinuierlich zu arbeiten. So wie viele Ostdeutsche nicht in der Bundesrepublik angekommen sind, so werden viele Migranten nicht in Deutschland ankommen. Das ist ein weiteres Argument, sich um diejenigen besser zu kümmern, die da sind – und den Zuzug zu regulieren. Eine kürzlich von meinem Team durchgeführte Untersuchung zeigt ziemlich genau auf, was notwendig wäre, um den sozialen Frieden in Deutschland wiederherzustellen – oder, falls das zu pathetisch formuliert ist, was getan werden müsste, um die aktuellen Spaltungen deutlich zu reduzieren und der Radikalisierung in einigen Teilen unserer Gesellschaft Einhalt zu gebieten. Es sind drei relativ machbare Dinge: (a) eine Obergrenze für den Zuzug von Migranten, (b) eine Einwanderungsgesetzgebung, die den Namen verdient, (c) zuzugeben, dass 2015 einiges falsch gelaufen ist und sich dafür zu entschuldigen. Letzteres heißt nicht, dass man Flüchtlinge nicht hätte aufnehmen sollen. Letzteres heißt, dass die Art und Weise und die Dimensionen falsch waren und das Ganze in der Gesellschaft unzureichend legitimiert war. Danach mit „Kommunikation“ irgendetwas zu berichtigen oder zu bearbeiten oder – schlimmer noch – die Leute zu belehren, machte die Sache nur schlimmer und hat zu den heute wahrnehmbaren Wirkungen geführt.

Aus einer solchen Sicht ist es kein Wunder, dass die AfD so erfolgreich wurde. Sie wird – und beinahe: muss – noch stärker werden, wenn nicht ein gewisser Sinn für die ostdeutschen (und bald gesamtdeutschen) abweichenden Sichtweisen erlernt wird. Ich rede hier nicht von den Radikalen. Ich rede hier von Menschen, die sich ehrlich unverstanden fühlen und die – außer im privaten Umfeld – nicht mehr sprechen. Für diese Menschen ist Willkommenskultur schlicht und einfach Ausdruck „elitären Wohlstandswahns“. Im Grunde könnte man einen Teil der ostdeutschen Empörung auch so formulieren: „Passt mal schön auf, den Flüchtlingen geht es irgendwann wie uns: erst werden sie angelockt und als Fachkräfte verklärt, und dann werden sie an der langen Leine der deutschen Bürokratie verhungern gelassen.“ Die etwas freundlichere Formulierung wäre: „Wir sind noch nicht einmal mit der einen Hausaufgabe fertig, da halsen wir uns die nächste, viel größere Herausforderung auf. Wir sollten froh sein, dass es läuft, und wir sollten unseren Teil dazu leisten. Aber doch nicht so! Wir sind nicht die Heilsbringer Europas und schon gar nicht der Welt.“

Zurück zum Anfang – der Versuch eines Fazits: Was wir 1989 und nach der Wende wollten, war Freiheit. Die haben wir auch bekommen. Wir haben die Freiheit unterschiedlich nutzen können – einige hatten mehr Glück als andere. Zwischen den einen und den anderen klafft heute ein tiefer Spalt – und das zeigt sich nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. Aus einem deutsch-deutschen Problem wird so ein gesamtdeutsches Problem zwischen jenen, denen die Globalisierung zu Erfolgen verhilft, und jenen, die zunehmend fassungslos bestaunen, was die anderen so treiben. Die Effekte solcher Spaltungen sind allerorts zu beobachten – in Ungarn genauso wie in den Vereinigten Staaten. Die Art und Weise, wie wir derzeit über diese Dinge sprechen, ist nicht hilfreich – im Gegenteil: die Spaltungen werden dadurch noch verstärkt. Während sich die einen entrüsten (bis hin zur Wut und natürlich angestachelt durch Radikale), meinen die anderen, die einen belehren zu müssen. Herablassung ist keine Frage der Bildung, Herablassung ist eine Frage der Haltung. Und an dieser Stelle haben – und damit tröte ich ausdrücklich nicht in das Horn jener, die „Lügenpresse“ rufen, sondern meine das ganz und gar ernst – viele Politiker und Journalisten noch viel zu lernen. Belehrung wird als Arroganz empfunden. Man schweigt dann, weil man das Gefühl bekommt, minderwertig zu sein und nicht mehr sagen zu können, was man denkt. Davon gehen die Sichtweisen aber nicht weg – im Gegenteil: Die Radikalen bekommen mehr Redezeit und mehr Zulauf.

Jörg Heidig

Drei Reaktionsmuster in Krisen und die Bearbeitung von Konflikten zwischen diesen Gruppen

Manchmal müssen Menschen Dinge durchstehen, die sie an ihre Grenzen bringen. Glaubt man Statistiken, dann nehmen die damit verbundenen psychischen Probleme in erheblichem Maße zu. Die Frage ist hier, ob dem tatsächlich so ist, oder ob hier eine komplexe Interaktion zwischen verschiedenen Faktoren vorliegt:

  1. Unsere Beobachtungs- und Diagnoseinstrumente werden differenzierter und sensibler. Wir „entdecken“ quasi immer neue Störungsbilder, auch solche, über die man noch vor wenigen Jahren vielleicht gelacht hätte.
  2. Wir intervenieren eher und umfassender. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass die Menge an Psychopharmaka, die von amerikanischen Kindern eingenommen wird, die Menge aller anderen von eben diesen Kindern im gleichen Zeitraum eingenommenen Medikamente übersteigt? Kinder werden schneller als noch vor wenigen Jahrzehnten zum Psychologen oder Psychiater geschickt, und nicht selten hat man den Eindruck, dass den betreffenden Kollegen auch etwas einfällt – ob es nun fundiert ist oder nicht. Ich fürchte, dass eine große Anzahl übertriebener – oder im noch schwerer wiegenden Fall: falscher – Diagnosen gestellt wird. Von den (selbst-)stigmatisierenden Folgen vorschneller Diagnosen ganz zu schweigen.
  3. Wie erfinden eine Menge neuer Namen, und wir benennen Dinge gern zeitgemäß. Viele der neueren Störungsbilder klingen nämlich besser als andere. So steht man vor sich selbst und den Kollegen besser da, wenn man sich und anderen sagt, man habe sich überarbeitet und leide deshalb an Burnout-Symptomen. Das kommt irgendwie „sportlicher“ daher als die behäbige alte Depression.
  4. Man kann die neuen Möglichkeiten nutzen, um sich ungeliebten Verpflichtungen zu entziehen. Nicht jede festgestellte posttraumatische Belastungsreaktion ist auch tatsächlich eine, und es ist dramatisch, welche Schäden damit angerichtet werden – insbesondere für diejenigen, die wirklich daran leiden.
Schaut man in die Zeitung, hat man den Eindruck, dass psychische Belastungen erheblich zunehmen. Aber stimmt das tatsächlich? Und wenn nicht: was tun wir, wenn wirklich einmal was passiert? In diesem Text geht es um die verschiedenen Reaktionsmuster in Krisen. Zeichnung: Juliane Wedlich

Ich will den folgenden Betrachtungen also ein gehöriges Maß an Skepsis voranschicken. Man muss sich gut überlegen, wann und wofür man Bezeichnungen wie „Burnout“ oder „PTBS“ benutzt. Man sollte nicht vergessen, dass, wenn sich eine Mär einmal herumgesprochen hat, auch schlechte Beispiele Schule machen. „Man kann auch traumatisiert werden, wenn man eine traumatische Geschichte hört.“ – das ist einer jener Sätze, bei denen man sehr, sehr vorsichtig sein sollte. Auch ist nicht jede Person, die einen Unfall erlebt oder gesehen hat, davon traumatisiert. So etwas kann in einzelnen Fällen passieren, muss aber nicht. Nicht selten hat die Zuschreibung eines Traumas auch und vor allem etwas mit derjenigen Person zu tun, welche die Aussage trifft. Ein gewisses „Über-Mitleid“, im Helferberuf nicht selten anzutreffen, oder eine „eigene Geschichte“ mit dem betreffenden Thema, die durch immer neue Inszenierungen des Themas Stück für Stück verarbeitet – oder meistens: immer wieder von Neuem bearbeitet – wird, könnten manche der mitunter recht anmaßend formulierten und den Betroffenen bisweilen regelrecht übergestülpten Zuschreibungen auch erklären. Oder, und das ist der denkbar schlimmste Fall, die betreffenden Kolleginnen oder Kollegen bohren so lange nach, bis das Trauma, einer Scheinerinnerung gleich, wie von selbst entsteht.

Wenn man eine solche „Kultur des Psychologisierens“ zulässt, dann wird irgendwann auch das Begräbnis des Familienhamsters zum traumatischen Ereignis – von den Auswüchsen der in manchen Fällen vorher jahrelang zelebrierten Anthropomorphisierung ganz zu schweigen. Was soll aus so erzogenen Menschen werden, wenn wirklich einmal etwas passiert?

Das heißt nicht, dass man den familieneigenen Hamster nicht begraben soll, und dass Kinder über den Tod eines geliebten Haustiers nicht traurig sein sollen. Die Frage ist nur, ob man die Trauer hochstilisiert und die Emotionen dadurch quasi konserviert. Wenn ein Tier stirbt, sind Kinder, mitunter auch Erwachsene, traurig. Das ist auch gut so. Trauer ist dazu da, dass Abschiede verarbeitet werden können. Aber wenn es um die Trauer selbst bzw. ihre Inszenierung geht, oder/und wenn die Eltern den Kindern inszenierte Trauer vormachen und durch eigene Handlungen die Trauer der Kinder immer wieder anstacheln, dann stimmt etwas nicht. Mit den Eltern, versteht sich.

Zurück zu den Grenzen: manchmal passiert etwas, das Menschen aus der Bahn werfen kann. Nehmen wir einmal an, es handelt sich um einen schweren Unfall in einem Arbeitsteam. Zwei Teammitglieder sind betroffen, einige haben den Unfall gesehen, andere haben nur die damit verbundenen Geräusche wahrgenommen. Nur ein kleiner Teil des Teams war nicht vor Ort. Man stabilisiert die verletzten Personen und ruft den Notarzt. Retter bringen die Verletzten ins Krankenhaus. In den folgenden Stunden und Tagen lassen sich in dem betreffenden Team drei Arten von Reaktionen beobachten. Die Reaktionen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Intensität und Dauer.

Erste Gruppe: Diese Menschen zeigen recht stabile Reaktionsmuster. Sie erschrecken, erleben vielleicht kurz auch schockähnliche Zustände, stabilisieren sich aber schnell und zeigen auch später in der Regel kaum oder keine Belastungsreaktionen. In der akuten Situation selbst bleiben sie vergleichsweise gefasst und helfen, wo es notwendig ist. Diese Menschen machen in der Regel nicht viel Aufhebens um ihre „Coolness“ und unterscheiden sich darin fundamental von jenen, die keine Gelegenheit auslassen, ihre „Einsatzerfahrung“ oder gar „Härte“ anzupreisen.

Zweite Gruppe: Während die erste Gruppe nach meinen Beobachtungen in der Regel etwa ein Drittel der Betroffenen ausmacht, zeigt ein mindestens genauso großer, mitunter noch etwas größerer Teil der Betroffenen Reaktionsmuster, die sich zu einer zweiten Gruppe zusammenfassen lassen. Oft zeigen diese Menschen in der Situation selbst keine Belastungserscheinungen. Einige werden sogar schildern, regelrecht „neben sich“ gestanden und „funktioniert“ zu haben. Ausschlaggebend sind hier die Tage nach dem Ereignis. Betroffene berichten, dass sie schlecht schlafen, dass die Bilder nicht aus dem Kopf gehen, dass sie die Situation wieder und wieder erleben oder ständig daran denken. Manchmal spielen Selbstvorwürfe eine Rolle, dass das Ereignis womöglich hätte verhindert werden können, wenn der eine oder andere Gedanke eher gedacht worden wäre. Aktive Auseinandersetzung bis hin zur Konfrontation mit dem Ort des Geschehens und der wiederholten Bearbeitung der Schuldfrage sind hier hilfreiche Techniken. Dabei geht es keineswegs um die Klärung der Schuldfrage, sondern eher um deren Umdeutung, bis am Ende etwa eine Variante der folgenden Erkenntnis steht: „Es geht nicht darum, was hätte verhindert werden können, sondern darum, wie das in Zukunft verhindert werden kann.“ Wenn allerdings strafrechtlich relevante Faktoren eine Rolle spielen, kann dieser Prozess sehr lange dauern. In beinahe jedem Fall ist es hilfreich, diejenige Seite, die sich selbst Schuld zuschreibt oder der Schuld zugeschrieben wird, mit derjenigen zusammenzubringen, die betroffen ist, also verletzt wurde. Sind Tote zu beklagen oder liegt jemand im Koma, so sind (relativ zeitnahe) Begegnungen mit Angehörigen hilfreich – natürlich nur, wenn die beteiligten Seiten sich dies auch vorstellen können. Ich spreche hier absichtlich nicht gänzlich von Wollen, denn Wollen ist in solchen Situationen fast immer sehr ambivalent. „Vorstellen können“ trifft es eher. Geschieht dies, passiert Vergebung – und in der Folge vor allem Vergebung vor sich selbst. Auch wenn die ersten Schritte vielleicht marginal sind und lange dauern – solche ausgleichenden Handlungen sind, wenn möglich, mitunter sehr hilfreich, manchmal hilfreicher als manche noch so professionell ausgeführte Krisenintervention. In der Regel erholen sich die zur zweiten Gruppe gehörenden Betroffenen innerhalb einiger Tage bis weniger Wochen. Bilder verblassen, Träume werden seltener. Was bleibt, ist eine gewisse Vorsicht und die Fähigkeit, sensibel und genau hinzuschauen.

Dritte Gruppe: Ein dritter, in der Regel eher kleiner Teil der Betroffenen zeigt tiefer greifende Reaktionen. Im Grunde ähneln die Reaktionsmuster denen der zweiten Gruppe, sind aber schwerer und länger anhaltend. Zudem, und das ist das m. E. zentrale Merkmal, wird die Handlungsfähigkeit der Betroffenen mitunter regelrecht blockiert. Diese Personen brauchen länger, bis sie wieder arbeits- oder einsatzfähig sind. In vielen Fällen ist psychologische Unterstützung hilfreich, allerdings nur, wenn sie zielorientiert bleibt und nicht zu einer von Therapeuten- und Selbstmitleid angetriebenen „Versenkung ins Trauma“ führt. Die Betroffenen müssen sich ihre Handlungsfähigkeit regelrecht „zurückerobern“. Sie müssen lernen, mit ihrer Angst umzugehen. Dabei kann Begleitung helfen, aber falsche Begleitung kann mögliche Blockaden „konservieren“. Mitunter lernen Betroffene erst, dass sie traumatisiert sind, wenn es ihnen jemand einredet. Etwa wie jene Endvierzigerin, die endlich einmal eine Kur bewilligt bekommen hat und während dieser fünf oder sechs Wochen Gespräche mit einem besonders verständnisvollen Psychologen führt, der freundlich und einfühlsam erst alles versteht und sich dann behutsam nach den Vermutungen der Dame bezüglich der Ursachen ihrer Probleme erkundigt. Natürlich kommt dabei die Rede auf den Ehemann, den ach so distanzierten oder zurückgezogenen oder ganz und gar nicht spontanen Herrn zuhause. Und natürlich bleibt der Herr Therapeut ganz Fleisch gewordenes Verständnis. Seine Fragen führen zu intensiver Beschäftigung, und aus Reflexion wird dann nicht selten (Selbst-)Suggestion, und dann fährt die Dame nach Hause, und ihre erste Amtshandlung ist ein Anruf beim Scheidungsanwalt. Ich fürchte, dass es eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen gibt, die sich der mitunter subtilen Wirkungen ihrer Handlungen kaum bewusst sind. So habe ich Kollegen kennengelernt, die in Momenten der Klarheit sagen: „Naja, wenn ich es mir recht überlege, eigentlich coache ich schon auf Trennung. Meistens jedenfalls.“

Zwischen den soeben beschriebenen drei Gruppen von Reaktionen, insbesondere zwischen der ersten und der dritten Gruppe, entstehen in der Regel Konflikte. „Habt Euch nicht so!“ oder „Reißt Euch zusammen!“, sagen die Angehörigen der ersten Gruppe oft. Sie meinen das in der Regel nicht böse, aber insbesondere die dritte Gruppe fühlt sich unter Druck gesetzt, wenn es heißt: „Wir müssen weitermachen! Heulen hilft den Kollegen jetzt auch nicht.“ Während die einen schon wieder loslaufen, müssen sich die anderen ihre Arbeitsfähigkeit erst langsam und unter großem Kraftaufwand zurückerobern. Hier gilt es, im Zuge der Intervention ein Gleichgewicht zu finden, also einerseits nicht zu viel zu psychologisieren und andererseits dem Druck, der von der ersten Gruppe ausgeht, Einhalt zu gebieten – und das insbesondere dann, wenn es um den Ausdruck von Gefühlen geht. Manchmal betreiben einige der Betroffenen aus der dritten Gruppe selbst eine Art „Küchenpsychologie“, mit der sie sich langsam aber sicher weiter in das Problem vertiefen. Sie beobachten sich dann selbst (oft auf der Grundlage von Ratgeberliteratur) und begeben sich so in eine Art Distanz zu ihrem Erleben. Es ist für Interventionisten daher gut, an dem Ziel der Arbeitsfähigkeit festzuhalten, nicht zu viel Psychologisierens zuzulassen und für tatsächlichen Austausch zwischen den Gruppen zu sorgen. Bei den Konflikten geht es nicht um Konsens oder gar „letztendliche Klärung, wer Recht hat“. Eher geht es darum, dass die jeweiligen Akteure die Personen mit den jeweils anderen Reaktionsmustern verstehen. Ziel ist zu akzeptieren, dass es so sein kann, wie es dem anderen geht. Wichtig ist nur dieses Verständnis, nicht jedoch eine tiefgehende Reflexion, bis alle alles nachfühlen können.

Wie gesagt: nicht psychologisieren, sondern die Bewältigungskräfte stärken. Wenn die Teammitglieder einander verstehen und sich gegenseitig helfen, ist erreicht, was zu erreichen war. Der Rest wird durch weitere gegenseitige Hilfe und das daraus erwachsende Verständnis bewirkt.

Jörg Heidig

Das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen und die Lebenskrise um die 50: welche Fragen helfen

Ein interessanter Blickwinkel auf das Leben bietet sich, wenn man es als Muster aus „Geben“ und „Nehmen“ betrachtet. Stark vereinfachend könnte man sagen, dass man als Kind und in der Jugend vor allem nimmt und weniger gibt. Auch während man ausgebildet wird, studiert, ausprobiert o.ä. ist man eher beim Nehmen als beim Geben.

Das mögen Betroffene anders sehen, indem sie etwa ihre Abiturzeit oder ihre Ausbildung als Quälerei empfinden. Allerdings deutet das meines Erachtens weniger auf Quälerei, sondern eher auf die Frage nach dem Sinn hin. Wer seine Ausbildung oder sein Studium als mühselig erlebt, hat für die Mühen keine gute Erklärung. Sobald die Bemühungen einen Sinn haben, können sie quasi instrumentell verstanden werden. Es reicht also in der Regel aus, sich den Sinn seiner momentanen Bemühungen zu verdeutlichen und sich selbst oder durch andere zum Durchhalten aufzufordern. Nicht umsonst zeigen so genannte Selbstimpfungstrainings einige Wirkung. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass ein nicht zu verachtender Teil der heutigen Eltern ihre Kinder erzieht, als seien alle etwas Besonderes. Ist dies der Fall, kann das Problem zwei Gestalten annehmen. Entweder die Eltern rauben ihrem Kind die Anstrengungsbereitschaft, indem immer alles als „super“ bewertet wird, was das Kind tut. Wenn dann noch eine gewisse „Helikoptermentalität“ – also überwachender und allumsorgender Schutz in allen Lebenslagen, vor allem auch bei der Austragung kindlicher Konflikte und bei (an und für sich ja oft notwendigen) Grenzsetzungen oder Maßregelungen durch Lehrer – hinzukommt, geben die betroffenen Kinder schnell auf, wenn es wirklich mal anstrengend wird. Oder die Eltern setzen ihre Kinder unter einen subtilen Leistungsdruck. Die davon betroffenen Kinder werden meist sehr geliebt und wachsen auch in diesem Bewusstsein auf, allerdings bekommen sie auch – meist gut gemeint und unterschwellig – eingeimpft, dass sie besser sein müssen als andere, um in unserer Gesellschaft zu bestehen. Die Liebe wird quasi unbewusst auf Leistung und Verdienst konditioniert (siehe dazu „Love and Merit“ von David Brooks). Grundsätzlich ist Leistungsorientierung nichts Schlechtes, gehört sie doch zu den menschlichen Grundbedürfnissen, aber unter den heute jungen Menschen gibt es nicht wenige, die mit (häufig nur empfundenen, nicht einmal tatsächlichen) Minderleistungen schlecht umgehen können, bspw. heftig weinen, wenn sie keine Eins bekommen. Die Kompetenz, mit Niederlagen oder auch nur der eigenen Durchschnittlichkeit umgehen zu können, ist bei diesen Menschen nicht oder nur gering ausgeprägt. Der Begriff des Besonderen funktioniert nur, wenn es eine jeweils größere Masse des Normalen oder Durchschnittlichen gibt. Das sollten Eltern beachten, wenn sie ihrem Nachwuchs wieder einmal sagen, sie oder er sei etwas ganz, ganz Besonderes. Natürlich sagen Eltern so etwas, und sie sollen auch nicht ganz damit aufhören, die Frage ist nur, wie oft und in welchen Situationen sie das sagen. Wie so oft macht hier die Dosis das Gift.

Zurück zum Geben und Nehmen: Es gibt Phasen im Leben, in denen man nimmt. Die Kindheit und Jugend gehören zu diesen Phasen. Vielleicht ist das ein Grund für die häufige Beschreibung der Kindheit als „unbeschwerte Zeit“. Es gibt andererseits Phasen, in denen man gibt. War die studentische Zeit – zumindest, wenn man nicht drei Jobs hatte, um sich komplett selbst zu finanzieren – auch eine jener „unbeschwerten Phasen“, tritt danach meist der „Ernst des Lebens“ auf die Bühne. Man wird Teil einer Organisation, ist mit Erwartungen konfrontiert, will sich bewähren, vielleicht sogar Karriere machen. Man kann sich plötzlich vorstellen, Kinder zu bekommen, denkt über das Heiraten nach, renoviert eine Wohnung oder sogar ein Haus. Man macht vielleicht Schulden. Und dann findet man sich plötzlich in einem anderen Leben wieder. Frei nach dem Kierkegaardschen Spruch, nach dem das Leben vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden müsse, merkt man das auch nicht gleich, sondern schiebt irgendwann zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Geburtstag an einem ganz schnöden Abend mitten in der Woche den Einkaufskorb durch den Supermarkt und merkt, dass man in der Phase des Gebens angekommen ist. Übrigens hat niemand diese Situation mit dem Wagen im Supermarkt und der damit verbundenen Empfindung der Sinnentleerung und dem sich daraus ergebenden Ärger, der sich vor allem auf andere richtet, aber das eigene Leben meint, besser beschrieben als David Foster Wallace in seinem unübertroffenen Text „Das hier ist Wasser“.

Manchen mag diese Erkenntnis treffen wie ein Schlag. Aber die Verpflichtungen und die Verdrängung tun das ihre: man macht weiter – Haus bauen, Kinder in die Schule bringen, den Job halbwegs gut machen, sich um sein Team kümmern, die Freundin oder den Kumpel trösten, weil dort gerade die Beziehung in die Brüche geht, hoffen, dass einem das erspart bleibt – oder gerade nicht? Aber dann muss man wieder aufstehen, zackzack, ab ins Auto, nur nichts vergessen, wo ist der Einkaufszettel, schnauz mich nicht so an, nein, ich komme heute erst später nach Hause, mach Du bitte die Kinder und nein, ich will jetzt nicht schon wieder diskutieren. Und so weiter. Wenn diese Routinen unterbrochen werden, weil man Urlaub hat oder zur Kur ist oder weil man beim Arzt sitzt und der einen fragt, ob man Stress hat, oder wenn jemand aus dem näheren Umfeld krank wird oder sogar stirbt, dann sind das jene Momente, in denen man das merkt: wie sehr man am Geben ist und wie wenig am Nehmen.

Das sei doch aber nichts Besonderes, könnte man einwenden, das Leben habe nun einmal Phasen des Gebens und des Nehmens, und man solle doch froh sein, dass es immernoch Menschen gebe, die gerne gäben, weil der Anteil der Hedonisten ja steige, und man solle sich einmal das Schicksal vieler Vereine ansehen und den ganzen demographischen Wandel. Auch wenn man den einen oder anderen Teil dieses Einwands für übertrieben hält – im Kern stimmt er: Phasen des Gebens und des Nehmens wechseln sich ab, und mit zunehmender Individualisierung ist die im Westen so wichtige Selbstverwirklichung in vielen Fällen zur Selbstrotation geworden. Es stimmt auch nicht ganz, dass in der Jugend nur genommen wird und in der Hochleistungsphase des Lebens, also in der Regel zwischen dem dreißigsten und dem fünfzigsten Geburtstag, nur gegeben wird. Das wurde hier so dargestellt, weil Vereinfachungen oder Übertreibungen dazu geeignet sind, solche Dinge verständlicher zu machen.

Also doch kein Problem? Nun, gewiss nicht in jedem Fall. Ich beobachte nur, dass viele Menschen gerade am – vom Zeitpunkt her höchst relativen – Ende der Hochleistungsphase, also im weitesten Sinne ein paar Jahre um den fünfzigsten Geburtstag herum, ein mitunter massives Problem mit ihrem Leben bekommen. Das ist grundsätzlich nichts Neues. Entwicklungspsychologen, allen voran Erikson, haben verschiedene Phasen des Lebens erforscht und herausgefunden, dass jede Phase ihre spezifischen Konflikte hat, mit denen sich ein Mensch konfrontiert sieht und die er für sich löst – oder nicht. In Bezug auf das eigene Leben optimistisch zu bleiben und nicht zu verbittern, hat – auch und gerade in unseren eher gottlosen Zeiten – im Grunde mit der Art und Weise der Bewältigung dieser Konflikte zu tun. Es soll hier also keineswegs versucht werden, diesen Modellen ein weiteres hinzuzufügen. Vielmehr soll das bereits Bekannte (dass es eine Krise um das fünfzigste Lebensjahr herum gibt) aus einem besonderen Blickwinkel (dem des Gebens und Nehmens) betrachtet werden, um jenen, die mit Betroffenen beruflich zu tun haben (v. a. Führungskräfte) oder ihnen helfen (Coaches, Berater, u. U. auch Trainer) ein besseres Verständnis der Krise und gleichzeitig ein Handwerkszeug zur Bearbeitung dieser Krise an die Hand zu geben. Denn wenn man weiß, warum die Krise existiert, kommt man auch auf die richtigen Fragen, die in dieser Krise helfen. Kurz gefasst lautet die Antwort: es geht in dieser Krise darum, bzgl. des bisherigen (Berufs-)Lebens Bilanz zu ziehen und sich zu fragen, was noch kommen soll und was man dafür braucht. Ganz reduziert lautet die Frage: was willst Du eigentlich? Was willst Du eigentlich – für andere und für Dich selbst?

Doch langsam: schauen wir uns die Krise erst einmal etwas genauer an, bevor wir zu den Fragen kommen. Folgende Ursachen und „Zuspitzungen“ lassen sich beobachten: nach langen Jahren engagierter Arbeit merken Menschen um die Fünfzig, dass ihnen die Dinge nicht mehr so leicht von der Hand gehen. Die Karriere, so vorhanden, hat sich verlangsamt oder stagniert seit einiger Zeit. War für viele die Arbeit lange der wichtigste Aspekt im Leben, stellen sie ihre Wertehierarchie zunehmend in Frage. Nicht wenige merken, dass sie kaum mehr etwas für sich selbst tun, sondern das meiste für andere (die Firma, die Familie, den Verein usw.). Es fällt ihnen schwer, das bisherige Level zu halten, und schwerer wiegt noch: sie sehen immer weniger Sinn darin, so weiterzumachen. Sie stellen sich die Frage: soll das jetzt immer so weitergehen? Andere bekommen ernstere gesundheitliche Probleme und merken, dass es nicht gesund wäre, so weiterzumachen. Der überwiegende Teil dieser Menschen macht (zunächst) trotzdem so weiter. Ich habe Führungskräfte erlebt, die erst nach dem dritten Herzinfarkt und dem Verdacht, dem vierten um Haaresbreite entkommen zu sein, ein Einsehen hatten und die berufliche Rolle gewechselt haben. Oft ist es in solchen Fällen auch hilfreich, die Branche zu wechseln, also bspw. aus der Wirtschaft kommend im öffentlichen Dienst weiterzumachen.

Im Wesentlichen lassen sich zwei Reaktionen in der Krise beobachten:

  1. Die gesundheitlichen Anzeichen und/oder die eigenen Zweifel werden ernst genommen. Man stellt sich den Fragen und zieht Bilanz. Man fragt sich, was man bisher erreicht hat. Man fragt sich, was man eigentlich will. Irgendwann verschwindet das „eigentlich“. Man fängt an, die neuen Dinge zu tun. Alte Freunde anzurufen, sich ein neues Hobby zu suchen, sich Zeit zu nehmen, Sport zu machen. Indem man diese Dinge tut, gewinnt man einen anderen Blick auf das Leben. Was zunächst kaum zu beantworten scheint (Was willst Du eigentlich?), wird nun immer leichter zu beantworten. In sportlichen Begriffen: man läuft seinem alten Leben davon und fängt vor Erschöpfung an zu lächeln. So lernt man, das Leben anders zu sehen. Dieser Prozess dauert lange, aber er funktioniert. Die nicht auf die sonstige Arbeit oder die im Alltag zu erbringende Leistung gerichteten Aktivitäten bringen dem Körper bei, dass es auch anders geht. Der Verstand folgt irgendwann. Viel später fragt man sich, was man in den nächsten Jahren will, wo man beruflich hin will und welche Qualifikationen, Vertiefungen etc. dafür notwendig sind. Oft führen diese Schritte zu jener tiefen Professionalität, die man schwer erklären kann, und die in manchen Modellen als „Stufe der unbewussten Kompetenz“ beschrieben wird. In vielen Fällen führt die Krise hier nicht zu einem „neuen“ Leben, wohl aber zu einem „tieferen“ und gewissermaßen auch „langsameren“ Leben, indem man einerseits wieder mehr für sich tut und das Leben mehr genießt (also im Sinne des „Nehmens“), dafür aber auch mehr weitergeben kann, etwa als Mentor oder reifere Führungskraft.
  2. Die Anzeichen werden ignoriert, und es wird weitergelebt wie bisher. Man muss leider sagen: oft in der unbewussten Anerkenntnis des eigenen, ggf. früheren Todes. Sätze wie: „Wenn es mich erwischt, dann ist es eben so.“ sind in diesen Fällen nicht selten. Es ist durchaus legitim, so zu handeln, und oft erfüllt mich ein tiefer Respekt vor diesen Menschen, die ihre Aufgabe über sich selbst stellen, manchmal erschrecke ich aber auch vor solchen Sätzen. Ich will erklären, warum. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen „Handlungsfähigkeit auch im Angesicht der Gefahr“ und „Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen“:

Handlungsfähigkeit auch im Angesicht der Gefahr: Es gibt Berufe, die vollen Einsatz erfordern, und bei deren Ausübung der volle Einsatz manchmal die Überschreitung der eigenen Belastungsgrenzen erfordert, in Extremfällen bis zum eigenen Tod. Das kann Soldaten betreffen, aber auch manche Ärzte, Polizisten oder Rettungskräfte. Auch Menschen, die auf ICE-Strecken Oberleitungen reparieren, Waldbrände in den Griff bekommen oder andere schwere und lebensgefährliche Tätigkeiten ausüben, sind davon nicht ausgenommen. In Zeiten, da unsere stereotype Vorstellung von Arbeit zunehmend die eines Büroarbeitsplatzes wird, gerät uns das Verständnis für gefährliche und volle Identifizierung und Involviertheit erfordernde Berufe zunehmend aus dem Blick. Wir sind auf Gesundheit bedacht, achten auf Grenzen usw. Aber was wären wir ohne jene Feuerwehrleute, Polizisten oder Retter, die da sind und in volles Risiko gehen, wenn es brenzlig wird?

Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen: Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum ein Mensch Geheimnisse vor sich hat, und manchmal ist der Schutz dieser Geheimnisse wichtiger als die eigene Gesundheit. Das erklärt, warum sich manche Menschen in Lebenskrisen oder bei drohenden Krankheiten scheinbar dazu entschließen, nichts zu ändern. Sie machen weiter, manchmal regelrecht, bis sie umfallen.

Haben jemandem bspw. die eigenen Eltern beigebracht, sich selbst zu hassen, dann kann es sein, dass er sich einen Beruf gesucht hat, der ihm Anerkennung bringt. Er hat sich so ein „kompensatorisches Selbstbild“ aufgebaut. Die berufliche Rolle ist eine Art „Ersatz-Ich“, das gemocht wird, Dankbarkeit oder Anerkennung erhält o. ä. Das funktioniert, ist aber anstrengend, weil die Befriedigung nur temporär ist und das künstliche Selbstbild ständig neues Futter braucht, damit es existieren kann. Das bedeutet ein permanentes Grundrauschen an Stress. Ein anderer Fall wäre, dass man bestimmte Anteile des eigenen Selbst nicht wahrhaben möchte, bspw. dass man manchmal eben nicht die tolerante, engagierte, fürsorgliche usw. Person ist, sondern Hass empfindet und am liebsten Gewalt ausüben würde, und in der Folge alles dafür tut, dass die Umwelt diese Anteile nicht wahrnimmt. Man engagiert sich dann etwa gegen Rassismus oder für Flüchtlinge, entwickelt dabei aber eine Energie und Radikalität, die sich in Härte und Konsequenz ganz und gar nicht von jener unterscheidet, die man bekämpfen möchte, ja in manchen Fällen sogar noch intoleranter und ausschließender daherkommt. Wer ein solches Selbstbild entwickelt hat, verfügt – in der extremsten Ausprägung – über gute Gründe, für sein Engagement zu sterben. Im Grunde lassen diese Menschen das eigene Ich sterben, um das kompensatorische Ich bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Wollte man diese Sichtweise zuspitzen, müsste man von „Selbstbetrug bis zum Tod“ sprechen oder mit Bertrand Russell schlicht sagen: „Manche Menschen sterben lieber als nachzudenken. Und in der Tat: sie tun es.“

Es gibt sicher Grauzonen zwischen der „Handlungsfähigkeit im Angesicht der Gefahr“ und der „Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen“. Jedoch sind die Extremformen, die letztere gebiert, in der Welt der ersteren nicht möglich. Letztere nehmen Lügen und im Extremfall mitunter schwere Straftaten in Kauf, nur um an dem kompensatorischen Selbstbild festzuhalten, welches das eigene Selbstbild, einem Balsam für die als geschunden empfundene Seele gleich, auf so sanfte und verführerische Weise ersetzt. Nur dass der Balsam ein Gift zum (eigenen) Tode ist, was oft ebenfalls sehend in Kauf genommen wird.

Mit letzteren Darstellungen wird die Gnadenlosigkeit gegenüber dem eigenen Körper, dem eigenen Schicksal und in gewisser Weise auch der eigenen Familie verständlich, die manche Menschen an den Tag legen, wenn es darum geht, eine bestimmte Krise nicht zu bewältigen bzw. sich bestimmte Fragen nicht zu stellen. Man kann dann leider nichts machen außer zu versuchen, die Beziehung aufrechtzuerhalten und in den dafür geeigneten Momenten die richtigen Fragen zu stellen. Man kann aber niemanden vor sich selbst beschützen. In den genannten Ausnahmefällen schwerer Straftaten hilft das freilich nicht. Dann muss man Anzeige erstatten.

Jörg Heidig

Ruhige Präsenz und Hauptsätze: die Quintessenz der Krisenintervention

Wenn Du gerufen wirst, entscheidest Du schnell, ob Du das machen kannst oder nicht. In der Regel wirst Du entscheiden, dass Du kannst. Weil es Deine Pflicht ist. Weil es Dein Beruf von Dir verlangt. Du musst aber Nein sagen, wenn es Dir schlecht geht. Du musst dann entschlossen sagen, dass es Dir schlecht geht. Komm nicht mit „Wenn es sein muss…“ oder „Wenn Sie niemand anderes finden…“. Damit machst Du es den anderen nur schwer.

Wenn Du Teil eines Kriseninterventionsteams bist und Bereitschaft hast, musst Du ohnehin los.

Du hast den Weg dorthin, um Dich darauf einzustellen. Zieh Dir Deine Jacke an. Wenn Du von Berufs wegen eine Uniform trägst, gut. Wenn Du keine Uniform trägst, suche Dir eine Jacke, die Du nur dafür anziehst. Die Jacke kannst Du nachher wieder ausziehen. Ganz bewusst, wie bei einem Ritual. Das hilft.

Wie gesagt: Du hast den Weg, um Dich darauf einzustellen. Auf dem Weg sprichst Du mit niemandem, der nichts davon weiß. Fahre behutsam oder lasse Dich fahren. Höre Musik, die Dich darauf einstellt. Bei mir ist das ganz ruhige Musik. Musik, die kaum noch da ist, wie zum Beispiel manche Stücke von Eleni Karaindrou. Das Gegenteil hat bei mir die gleiche Wirkung, Deafheaven zum Beispiel. Sprich vor Dich hin, übe die ersten Sätze: „Hallo. Mein Name ist… Ich bin jetzt für Sie da.“ Wiederhole das so oft, wie es notwendig ist – bis Du fühlst, dass Du nur noch „ruhige Präsenz“ bist. Wenn es notwendig ist, halte an und sieh dazu in den Spiegel.

Was heißt „ruhige Präsenz“? Das heißt, dass Du da bist und nicht da bist. Du bist ganz für die Person da, zu der Du jetzt fährst. Du bist aber auch nicht da, weil Du nichts willst. Du bist nicht von Belang. Du weißt, dass Du da sein kannst, aber nichts tun kannst, zumindest nicht in dem Sinn des ungeschehen Machens oder des Schuldfrage Klärens. In diesem Sinne kannst Du gar nichts machen – und sollst es auch nicht, aber das muss Dir jedes Mal wieder von Neuem klar werden.

Selbst wenn man jemanden liebt, kann man ihm doch nicht helfen. Das ist ein harter Satz, aber er stimmt. Es ist nicht Dein Leben, Du kannst also nichts machen in dem Sinne, etwas für die andere Person geschehen oder nicht geschehen zu lassen. Du kannst da sein und stabilisieren (und damit auch helfen), aber Du kannst nichts machen. Das muss Dir die ganze Zeit über bewusst sein, aber Du darfst das niemals laut sagen. Du brauchst nichts von dem, was man Mitleid nennt, denn Mitleid hilft nicht, Mitgefühl hingegen schon. Du sprichst in kurzen Hauptsätzen. Du fragst nicht nach dem Hergang, wenn Du nicht musst. Du übernimmst sanft die Führung, wohl wissend, dass die Welt Deines Gegenübers eingestürzt ist. Darum geht es: Du bist ganz ruhige Präsenz und übernimmst die Führung mit sanften Fragen und Hauptsätzen, die sich auf das richten, was vor der Person liegt. Dabei kann es sich zunächst schlicht um Bewegungen handeln.

Wenn Polizisten da sind und alle möglichen Fragen stellen, die zu diesem Zeitpunkt aus Deiner Sicht alles andere als angebracht sind, fange nicht an zu diskutieren. Lass es geschehen, denn Polizisten müssen solche Fragen stellen. Du bist da und kannst durch Deine Präsenz hilfreich sein. Diskussionen oder falsch verstandener „Opferschutz“ sind nicht hilfreich – leider oft genug sind sie sogar Teil einer übertriebenen Selbstinszenierung der Helfer. Freilich machen Menschen Fehler, und freilich führen Dienstvorschriften und Routinen manchmal zu unpassenden Fragen oder Handlungen. Aber das passiert nun mal und ist nichts gegen das, was eigentlich passiert ist. Und dafür bist Du da. Sei hilfreich, nicht kontraproduktiv. Wenn etwas wirklich schief gelaufen ist, musst Du versuchen, das im Nachhinein mit den Betreffenden zu klären. Und glaub mir: auch was Du tust, ist für die anderen nicht gleich klar und selbsterklärend, kann also auch die anderen irritieren. Jede beteiligte Berufsgruppe hat ihre eigenen Prioritäten. Deine Rolle ist wichtig, aber nicht die wichtigste. Wenn Du das so siehst, wirst Du gut klarkommen.

Du gehst rein. Du stellst Dich vor: „Mein Name ist… Ich bin jetzt für Sie da.“ Du setzt Dich hin. Du atmest. Je ruhiger Du bist, desto besser. Du nimmst wahr. Du fragst vielleicht, wie Du hilfreich sein kannst. Oder Du sagst erst einmal nichts. Dein Gegenüber fängt auch von allein an. Wenn gar nichts geht, erkundigst Du Dich nach „primären Lebensfunktionen“: Brauchen Sie etwas? War der Arzt schon da? Sind Angehörige benachrichtigt? Kann ich irgendetwas für Sie tun? Wann haben Sie zum letzten Mal etwas gegessen? Können Sie aufstehen?

Du erträgst das Schluchzen. Du atmest. Du fragst, was die Person braucht. Vielleicht wunderst Du Dich, aus welcher Tiefe ein Schluchzen kommen kann. Du sitzt neben der Person, und wenn Sie beginnt zu erzählen, dann hörst Du zu. Du lenkst nicht. Alles, was stabilisiert, hilft. Du hilfst beim Verdrängen. Oft kommt die Schuldfrage. Mitunter unmittelbar. Du fragst dann, ob Du ein paar Fragen über die letzten Stunden stellen kannst. Und dann verneinst Du die Schuld. Das hilft. Aufarbeiten kommt später, oft erst viel später.

Du begleitest die Person bei ihren ersten Schritten. Ja, ich meine tatsächlich die ersten Schritte. Du hälst ihr den Arm. Wenn Ihr beide raucht, dann geht raus, um zu rauchen. Wenn das Schluchzen nachlässt, redet Ihr über die nächsten Stunden. Und zwar über das, was die Person konkret tun wird, durch welche Türen sie gehen wird, was sie sehen wird, was sie dabei brauchen wird, wer mitkommen soll zum Beispiel. Ihr redet darüber, mit wem sie sprechen wird, ob sie das schaffen wird, wer ihr dabei helfen kann. Wenn die Person zum Beispiel noch einmal zur Polizei muss, dann ist das so etwas, über das Ihr sprechen könnt.

Später besprichst Du mit der Person die nächsten Tage. Vielleicht holst Du die Angehörigen dazu. Gib Hinweise, sage, wie das lang geht, wie die Abläufe sind, wo welche Informationen erfragt werden können. Das hilft. Sag auch, wie die Gefühlswelt aussehen wird, dass es hin und her geht, dass es eine Phase der tiefen Verzweiflung geben wird, auch eine Zeit der Leugnung. Du sagst auch, dass die Person irgendwann wütend sein wird auf die Person, die gestorben ist. Und dass das Auf und Ab irgendwann schwächer wird. Du sagst, dass all diese Phasen normal und notwendig sind und dass nichts erzwungen werden sollte. Alles hat seine Zeit, und man merkt, wann die Zeit kommt. Wenn es Zeit zum Verdrängen ist, merkt man das ebenso, wie wenn es Zeit wird, den Dingen ins Auge zu schauen. Man muss also nicht den Dingen mit Gewalt ins Auge schauen. Man muss nur auf die Zeichen achten – die Dinge stellen sich ganz allein vor das Auge, und man merkt, wie man es immer besser aushält, die Dinge anzusehen.

Geh bitte nicht zu zeitig. Nach zwei Stunden sieht Dein Gegenüber schon viel stabiler aus. Aber das ist nichts gegen den Zustand nach vier Stunden. Wenn Du kannst, biete an, am nächsten Tag noch einmal wiederzukommen. Du wirst sehen, am nächsten Tag geht alles schon ein wenig schneller, fließen die Worte schon ein wenig besser, kann Dein Gegenüber sich die nächsten Schritte schon besser vorstellen. Dein Gegenüber kann nun wieder laufen, vielleicht sogar spazieren gehen, ganz einfache Entscheidungen treffen. Das ist das Wichtigste: kleine Schritte, die Erfahrung, laufen zu können, dem Psychologen einen Kaffee zu kochen, mit den Angehörigen über die nächsten Tage zu reden. Es ist gut, zwischen Zweier-Situation und Gesprächen im größeren Kreis (zwei bis drei Angehörige) zu wechseln. Nur nicht zu lang. Respektiere jede Träne, jedes Absinken in die Verzweiflung, jede Aggression. Je mehr jetzt schon herauskann, desto leichter wird es Dein Gegenüber später haben. Aber forciere das nicht das nicht: was thematisiert wird, ist in Ordnung, was nicht, auch. Verdrängen ist in Ordnung, denn es hilft bei der Stabilisierung. Es geht hier nicht um Aufarbeitung, sondern um Stabilisierung. Was wirkt, ist Deine ruhige Präsenz, sind Deine Hauptsätze. Du bist das Stabilisierungsmodell.

Jörg Heidig

Wie sieht eine Krisenintervention in einem Team nach einer schweren Verletzung aus?

Da gab es einen Unfall. Jemand aus dem Team ist schwer verletzt. Die anderen haben es gesehen und sind geschockt. Du sollst hingehen, um dem Team zu helfen.

Wenn der Unfall gerade erst passiert ist, sprich heute oder gestern, dann gehst Du hin und hörst Dir die Geschichten und die Bilder an. Du stellst Dich vor und fragst, wie Du hilfreich sein kannst. Dann stellst Du Fragen: Was habt Ihr gesehen? Was gehört? Was macht das mit Euch? Welche Fragen habt Ihr? Was könnt Ihr Euch erklären, was nicht? Du lässt sie erzählen. Aber Du steigst nicht tiefer ein. Es geht um das Aussprechen, nicht ums Verarbeiten. Das kommt später, mitunter viel später. In der Diskussion wird es zur Ursachen- oder gar Schuldfrage kommen. Es geht nicht darum, die Ursachen- oder Schuldfrage zu klären. Die unterschiedlichen Meinungen und Versionen der Dinge werden nebeneinandergestellt, nicht ausdiskutiert. Du wirst sehen: das hilft. Es geht um das Aussprechen, nicht um das Aufklären. An diesem Punkt musst Du konsequent bleiben. Du bist kein Ermittler. Du bist Interventionist.

Wenn „erstmal“ alles ausgesprochen ist, bringst Du die Runde zuende. Die nächsten Schritte werden geklärt. Du kannst den Anwesenden auch sagen, was ihnen nun passieren wird: einigen wird gar nichts passieren, sie werden vielleicht vorsichtiger sein, aber ohne Einschränkungen weitermachen. Einige werden träumen und mehr Angst haben, weiterzumachen, aber sie werden es tun. Die Träume werden mit der Zeit weggehen, wenn sie noch ab und an darüber reden. Und einige werden die Angst nicht so schnell wieder los. Sie werden auch träumen, aber die Träume werden nicht weggehen, sondern sich erst langsam verändern. Diese Menschen werden erst einmal nicht weitermachen, sondern sie müssen sich das Terrain erst langsam „zurückerobern“ – Stufe für Stufe, nicht gleich die ganze Treppe auf einmal. Einzelnen hilft es, ins sprichwörtliche „kalte Wasser“ zu springen, aber die meisten gehen Schritt für Schritt. Sie müssen gehen, nicht verharren. Langsam, aber gehen. Sonst entstehen blinde Flecken. Sie werden ein bißchen Begleitung brauchen und Geduld vonseiten der Führung. Dann klappt das schon wieder.

Nach einer Woche machst Du noch eine solche Runde. Diesmal gehst Du richtig rein: wie schlaft Ihr? Was träumt Ihr? Wie geht es Euch? Kommen die Bilder auch am Tag? Wie verändern sich die Bilder? Du hörst nun, wer zu welcher der eben beschriebenen drei Gruppen gehört. Wichtig: lasse sie nicht diskutieren. Die einen werden sagen, dass man sich doch nun mal zusammenreißen müsse (die erste Gruppe). Die anderen werden sich kaum trauen zu sagen, dass man die Angst nicht so schnell überwinden könne (die dritte Gruppe). Lass die Leute zu Wort kommen, aber lass sie nicht ihre Sichtweisen gegeneinander stellen, denn dann besteht die Gefahr, dass sie sich unverstanden fühlen, sich in ihren Positionen „eingraben“ und sich „festdiskutieren“. Wenn Du solchen Diskussionen Einhalt gebietest und die verschiedenen Sichtweisen nebeneinander gestellt werden, lernen die aus der ersten Gruppe, dass sie Rücksicht nehmen müssen. Und die aus der dritten Gruppe lernen, dass sie nicht „falsch“ ticken, nicht an sich selbst zweifeln müssen oder daran, ob sie für den Job möglicherweise geeignet sind. Sie lernen, sich gegenseitig besser zu verstehen und zu unterstützen.

Du wirst sehen: irgendwann geht ein tiefes Ausatmen durch die Runde und die Leute fangen an zu lächeln.

Wenn die Person, die vom Unfall betroffen war, wieder da ist, machst Du noch eine Runde. Diesmal redet vor allem die betroffene Person. Du wirst Schmerz hören und Zweifel, wie es weitergehen soll. Aber Du wirst auch Kraft sehen und den Willen, weiterzumachen, sich das Terrain zurückzuerobern, das Schock, Angst und Schmerz genommen haben. Du erkennst diesen Willen an, bleibst aber nicht dort stehen. Du explorierst auch die Zweifel. Am Ende ist die Offenheit dafür, wie es weitergeht, die heilsamste Sichtweise. Möglicherweise geht es für die betroffene Person in diesem Team weiter, aber nicht so wie bisher. Die Genesung von den Verletzungen nach einem schweren Unfall geht oft mit persönlichen Reifungsprozessen einher. Wenn sich die betroffene Person offen mit ihrer Zukunft auseinandersetzen kann, ist das ein Zeichen solcher Reife. Wichtig ist, dass die Runde das hört. Die anderen Teammitglieder sollen heute weniger die eigenen Erlebnisse noch einmal durchgehen. Wenn es notwendig ist, soll das natürlich Raum finden, aber eher kurz. Ausführlicher lässt Du sie hingegen ihre Gedanken zur Zukunft reflektieren.

Wenn Du Polizist bist und es in Deiner Gruppe einen schweren Einsatz oder eine Verletzung o. ä. gegeben hat, dann kannst Du aus den bisherigen Darstellungen folgende Lehren ziehen:

Grundätzlich gilt: verdonnere die Leute nicht dazu, sich zu öffnen, sondern setze auf Freiwilligkeit. Es gibt auch in solchen Runden wie den oben beschriebenen immer Leute, die wenig oder gar nichts sagen. Forciere nichts, denn das kann nach hinten losgehen. Oft öffnen sich Menschen erst für solche „Psycho-Themen“, wenn sie durch Erfahrungen gelernt haben, wo manche ihrer Grenzen liegen.

Unmittelbar nach dem Ereignis (am gleichen Tag oder am Tag danach) holst Du die Gruppe zusammen. Du sagst, dass Dir das wichtig ist. Du sagst, dass so etwas helfen kann, aber nicht muss. Dass Du niemanden verdonnern willst, dass die Sache freiwillig ist, dass die Leute nur sagen sollen, was sie wollen. Wenn Du jetzt einfach loslegst, bleiben auch die, die sonst nicht gekommen wären. Sie bleiben und hören zu. Wenn jemand gehen will, soll sie oder er gehen. Aber Du bietest es nicht explizit an. Du hast gesagt, dass es freiwillig ist und dass jeder nur sagen soll, was er oder sie sagen will. Das ist eine Gratwanderung zwischen Autorität und Freiwilligkeit. Dafür kann man Dich kritisieren. Aber ich sage Dir: ich würde es so machen, weil ich weiß, dass es für das Team besser ist, wenn solche Dinge im Team geteilt werden – wenn die, die nichts sagen, trotzdem zuhören. Du bist ja am Ende die Führungskraft für die ganze Gruppe. Das ist ein ganz zentraler Punkt: Du führst die ganze Gruppe, nicht eine Ansammlung einzelner Personen. Also gehören wichtige Dinge in die gesamte Gruppe. Niemand muss sich öffnen, aber dabei sein ist gut.

Für die Runde unmittelbar nach dem Ereignis (am gleichen Tag oder am Tag danach) planst Du etwa 60 Minuten ein. Wenn Du 70 brauchst, ist das nicht schlimm, wenn es nach einer halben Stunde erst einmal nichts mehr zu sagen gibt, erst recht nicht. Du fragst, was passiert ist, was die Kolleginnen und Kollegen gesehen haben, wie sie das erlebt haben. Wichtig sind hier erst einmal Beschreibungen, keine Diskussionen oder Ursachenforschungen. Es geht wie oben beschrieben um das Aussprechen, nicht um Aufklärung. Wenn Gefühle zur Sprache kommen, ist das gut. Oft sind Menschen, die direkt Emotionen zeigen, im Nachhinein besser dran als diejenigen, die das verdrängen oder zu stark versachlichen. Wenn nur wenig oder keine Gefühle zur Sprache kommen, ist das auch gut. Wichtig ist, dass sich im Team eine Kultur des Austauschs über schwierige Situationen entwickelt, dass die Kollegen einander zuhören und verstehen, dass es unterschiedliche Arten und Grade der Betroffenheit und des Umgangs mit schwierigen Situationen gibt und dass man diese unterschiedlichen Erlebensarten, Sichtweisen und Handlungsmuster nicht gegeneinander aufwiegen kann. Wächst das gegenseitige Verständnis, wächst auch die gegenseitige Unterstützung. Denn darum geht es: schwierige Lagen im Team so zu bewältigen, dass das Team leistungsfähig bleibt und die Auswirkungen der einsatzbedingten Belastungen in einem erträglichen Rahmen bleiben.

Wenn jemand aus der Gruppe ins Krankenhaus gekommen ist, besprichst Du am Ende dieser ersten Runde noch, wer wann Krankenbesuche übernimmt. Das darfst Du nicht vergessen! Und Du gehst auch selbst ins Krankenhaus. Da gibt es keine Ausnahme. Das ist für die Person, die es getroffen hat, wirklich wichtig. Wie wichtig, kannst Du Dir nur vorstellen, wenn Du selbst mal in einer solchen Lage warst. Auch wenn die Person das ggf. nie sagen wird, Du sie nicht so richtig leiden kannst oder, oder, oder. Du gehst hin. Du musst ja im Zweifel nicht allein hingehen. Und: Du gehst bei längeren Aufenthalten bitte nicht nur einmal hin, sondern zweimal (bspw. relativ am Anfang und relativ am Ende des Krankenhausaufenthalts).

Du wirst in den Tagen nach dem fraglichen Einsatz merken, ob Deine Leute noch eine weitere Runde brauchen oder nicht. Woran Du das merken wirst? Daran, dass der Einsatz immer noch Thema ist. Daran, dass die Leute anders an die Arbeit herangehen. Daran, dass sie bei manchen Dingen leicht zögern oder besonders langsam zum Einsatz fahren. Du siehst es vielleicht auch in ihren Augen. Du musst nicht Psychologie studiert haben, um das zu merken. In der Regel wirst Du es hören: es bleibt Thema; einzelne sprechen Dich vielleicht auch an.

Dann machst Du eine zweite Runde, bspw. eine Woche später. Es kann sein, dass nicht alle kommen. Das ist ok. Du nimmst Dir für die zweite Runde mehr Zeit. Diesmal geht es darum, was das mit den Leuten gemacht hat, wie es ihnen geht, wie sie schlafen, welche Bilder sie sehen, was sie ggf. träumen. Wie es Ihnen auf Arbeit geht, wie sie über den Einsatz denken, wie sich sich seither in Einsätzen fühlen, was sie brauchen, damit es ihnen besser geht, was man als Gruppe aus dem Einsatz lernen kann. Plane ruhig zwei, drei Stunden ein und gib die Runde nicht gleich auf, nur weil mal zehn Sekunden am Stück nichts gesagt wird. Das ist in solchen Runden so. Du bist als Führungskraft der Moderator. Du stellst Fragen, spiegelst, fasst zusammen, malst vielleicht etwas auf. Du diskutierst nicht. Wenn jemand Deine Rolle im Einsatz in Frage stellt, wirst Du Dich nicht rechtfertigen. Du stellst Fragen, Du fragst, was das für zukünftige Einsätze heißt, was das Team lernen kann, was Du lernen kannst. Aber Du lässt keine längeren Diskussionen über den Sinn des Einsatzes zu. Hier musst Du konsequent bleiben. In einer Art „Auskotzrunde“ ist es in Ordnung, den Sinn eines Einsatzes zu hinterfragen. Aber das muss Teil einer ersten Aussprache bleiben und darf sich nicht „festsetzen“. Ansonsten hinterfragen die Kollegen fortan nicht nur die Einsätze (was sich direkt negativ auf das Stresserleben während des Einsatzes auswirkt), sondern später auch Dich und Deine Vorgesetzten. Du darfst auch nie in das „Vorgesetztenbashing“ einstimmen. Hier musst Du klare Grenzen ziehen, sonst höhlt das die Moral der Gruppe aus und belastet Deine Beziehung zu Deinen Leuten. Merke: Solche Dinge sind immer Lernprozesse. Zu jemandem, der sich ausgiebig über vorgeordnete Ebenen auslässt, gehört auch immer jemand, der das zulässt. Sachliche Kritik ist in Ordnung und – hoffentlich – erwünscht. Nur sind endlose Bewertungen und Tratschereien eben keine sachliche Kritik. Deshalb: nicht diskutieren oder gar rechtfertigen, sondern konkretisierend nachfragen („Was meinen Sie genau?“ oder: „Was können wir für den nächsten Einsatz daraus lernen?“) und, wenn es zu viel wird, konsequent Grenzen ziehen („Es geht hier nicht darum, dass … ein dummer Befehl war. Bitte sagen Sie, was Sie zu sagen haben, damit wir daraus lernen können.“).

Auch in der zweiten Runde geht es nicht darum, abschließende Ursachenforschung zu betreiben. Es geht eher darum, die Dinge auszusprechen und die Wirkungen auf die eigene Person und die Gruppe zu reflektieren. Du wirst sehen – nach ein bis zwei Stunden „kippt“ die Stimmung in positive Richtung um. Die Leute sind erleichtert, fassen Mut, unterstützen sich, halten zusammen, wollen weitermachen… Falls dies in der zweiten Runde nicht klappt, solltest Du die Gruppe weiter beobachten und über eine dritte Runde nachdenken. Spätestens wenn die ggf. verletzte Person in den Dienst zurückkehrt, ist es Zeit für eine solche dritte und letzte Runde.

Ein Rat zum Schluss: Bitte nimm nicht jede Stimmungsschwankung in der Gruppe als Zeichen dafür, dass etwas von dem, was Du initiiert hast, nicht geklappt hat. Es ist die Natur der Prozesse nach schwerwiegenden Ereignissen, auf und ab zu schwanken. Hier ist Deine Sicherheit gefragt. Und wenn Du keine Sicherheit spürst, weil Du solche Prozesse noch nie erlebt hast, dann ist Dein Mut gefragt, Dich in diese Prozesse zu begeben in dem Wissen, dass (freiwillig) darüber zu reden hilfreich ist und dass Stimmungsschwankungen normal sind.

Jörg Heidig

Wenn man die Welt zum Einsturz bringen muss: über Todesnachrichten

Es gibt eine ganze Reihe von Situationen, die den meisten Menschen nie oder nur sehr selten passieren, im Berufsleben von Polizisten aber durchaus vorkommen, und die das Potential haben, psychische Belastungserscheinungen zu verursachen. Zu diesen Situationen gehören insbesondere:

  1. der Tod von Kollegen (Im Schnitt erlebt ein Polizeibeamter einmal im Laufe seiner Dienstzeit den Suizid eines Kollegen oder einer Kollegin.),
  2. die Bedrohung bzw. Gefährdung des eigenen Lebens und
  3. die Überbringung von Todesnachrichten (Bspw. waren in 2004 über 30.000 Todesnachrichten zu überbringen.) (Vgl. Lasogga 2016, S. 180)

Im Folgenden wird das Überbringen von Todesnachrichten ausführlicher dargestellt. Als Grundlage der Darstellungen dienen die entsprechenden Texte von Lasogga (2016, S. 204f.) und Rosenberg (2016). Insbesondere den letztgenannten Text möchte ich als beispielhaft hervorheben. Er stammt zwar nicht aus dem polizeilichen Kontext, ist aber hervorragend geschrieben und lässt sich m. E. recht einfach übertragen.

Mindestens genauso wichtig wie die Beachtung einiger Regeln beim Überbringen der Nachricht selbst ist die Vorbereitung. Gehen Sie in einen Raum, in dem Sie allein sind und in dem es einen Spiegel gibt. Zur Not tut es das Dienstfahrzeug. Schauen Sie sich im Spiegel an und sagen Sie mehrfach laut den Namen der Person, der Sie die Nachricht überbringen werden, und der Person, die gestorben ist. Formulieren Sie dann diejenigen Sätze, die Sie in dem Moment sagen werden, in dem Sie die Nachricht überbringen: „Frau …, ich habe schlimme Nachrichten. … ist heute gestorben.“ Nehmen Sie sich Zeit und wiederholen Sie diese Sätze, bis Sie sich vorbereitet fühlen. Dieses Gefühl werden Sie erkennen. Sprechen Sie nach dieser Übung, wenn es geht, wenig und telefonieren Sie nicht. Sie sind jetzt vorbereitet, „eingestellt“. Lassen Sie sich zum Zielort fahren. Nehmen Sie unbedingt eine Kollegin oder einen Kollegen mit – Sie überbringen zwar die Nachricht, aber machen Sie das bitte nicht allein. Überbringen Sie Todesnachrichten niemals telefonisch.

„Zuerst holst du deinen Kittel. Es interessiert mich nicht, wenn du nicht mehr weißt wo du ihn liegen gelassen hast, du findest ihn. Wenn viel Blut im Spiel war bittest du jemanden, schnell in den Keller zu gehen und dir einen neuen Kittel zu holen. Du ziehst deinen Kittel an und gehst zur Toilette. Du schaust in den Spiegel und du sagst es. Du benutzt den Namen der Mutter und du benutzt den Namen ihres Kindes. Du darfst diesen Teil auf keinen Fall verändern.

Ich zeige es dir: Wenn es meine Mutter wäre, würdest du sagen: ‚Frau Rosenberg. Ich habe ganz schreckliche Nachrichten. Naomi ist heute gestorben.‘ Du sagst es laut bis du es klar und deutlich sagen kannst. Wie laut? Laut genug. Wenn du weniger als fünf Versuche brauchst, dann machst du es zu schnell und wirst es nicht richtig machen. Du nimmst dir die Zeit, die du brauchst.

Nach der Toilette tust du nichts bevor du zu ihr gehst. Du telefonierst nicht, du sprichst nicht mit dem Medizinstudenten, du schaffst keine Ordnung. Du lässt sie niemals warten. Sie ist seine Mutter.

Wenn du in den Raum kommst, wirst du wissen wer die Mutter ist. Ja, da bin ich mir ganz sicher. Gib ihr die Hand und sag ihr wer du bist. Wenn du Zeit hast, gibst du jedem die Hand. Ja, du wirst wissen ob du Zeit hast. Du stehst niemals. Wenn kein Platz mehr frei ist, dann haben die Sofas auch Armlehnen.“ (Rosenberg 2016)

Stellen Sie sicher, dass Sie die richtige Person ansprechen, auch wenn die angesprochene Person bei der Frage, ob sie … ist, vielleicht ahnt, dass eine schreckliche Nachricht auf sie zukommt. Verwenden Sie kurze und einfache Sätze. Bereiten Sie Ihr Gegenüber auf eine „schlimme“ oder „schreckliche Nachricht“ vor. Verwenden Sie anstelle „ermordet“ oder „verunglückt“ immer „gestorben“. Sagen Sie nie „Leiche“ sondern „Ihr Mann“ oder „Ihre Tochter“. Und es handelt sich in diesem Fall auch nicht um eine „Obduktion“, sondern um eine „Untersuchung“. Bringen Sie vorher so viele Informationen wie möglich in Erfahrung, um mögliche Fragen zu beantworten. Lügen Sie nicht, sagen Sie aber nichts, nach dem Sie nicht gefragt werden. Nehmen Sie sich Zeit. Planen Sie mindestens 30 Minuten, besser eine bis zwei Stunden ein. Sie werden merken, wann Sie wieder gehen können.

Versuchen Sie, Blickkontakt zu halten. Schauen Sie weg und sehen Sie wieder hin. Auch wenn das schwer ist. Sehen Sie wieder hin. Sie sind das „Echo“, das „Gegenüber“ des Moments, in dem der (mögliche) Schock stattfindet. Nicht Sie als Person sind hier gefragt. Sie können ohnehin nichts „machen“. Ihre Präsenz ist gefragt. Das ist ein Unterschied: Sie sollen nichts „machen“, sondern Sie sollen die Nachricht überbringen und anschließend „da“ sein, gegebenenfalls Fragen beantworten. Bleiben Sie ruhig und seien Sie da. Das reicht. Schauen Sie hin. Warten Sie. Schauen Sie weg. Zählen Sie die Sekunden, beobachten Sie irgendwelche Muster auf der Tischdecke oder zählen Sie die Vögel, die am Fenster vorbei fliegen. Schauen Sie wieder hin. Atmen Sie. Seien Sie da. Es ist nicht schlimm, wenn 30 Sekunden oder länger nichts gesagt wird. Sie hören dann schon die Frage. Dann können Sie wieder loslegen. Dann haben Sie wieder etwas zu tun. Faustregel: alles, was stabilisiert, ist hilfreich. Nach Suiziden sind „Schuldfragen“ der Angehörigen zugunsten der Fragenden zu beantworten: „Nein, ich denke nicht, dass Sie Schuld haben.“

Sprechen Sie in Hauptsätzen und seien Sie da. Richten Sie die Aufmerksamkeit nach dem unmittelbaren Schock zunächst auf die Fragen der Angehörigen. Noch einmal: lügen Sie nicht, aber sagen Sie nur das, worum Sie wirklich gebeten werden. Auch wenn das nach Ihrem Gefühl zu halben Wahrheiten führt. Es ist nicht „Ihre Wahrheit“ und es geht auch nicht um „objektive Wahrheit“. Es geht um das, was in so einem Moment hilfreich ist. Richten Sie Ihr Augenmerk auf ganz praktische Dinge. Es geht bei der Bewältigung von Krisen um die unmittelbaren nächsten Schritte. Während das Bewusstsein eines Menschen unter Schock steht, hilft die Thematisierung ganz praktischer Dinge, die nächsten Schritte zu machen bzw. zu planen. Die (unausgesprochene und auch nicht auszusprechende, schon gar nicht von Ihnen!) stabilisierende Erfahrung der Betroffenen: es gibt Schritte zu gehen, Dinge zu tun.

„Du wirst entscheiden müssen, ob du sie fragst was sie bereits weiß. Wenn du sie angerufen hast und ihr gesagt hast, dass ihr Sohn angeschossen wurde, dann hast du bereits einen Teil erledigt, aber du bist noch nicht fertig. Du wirst es jetzt machen. Du lässt sie niemals warten. Sie ist seine Mutter. Jetzt lässt du die Welt einstürzen. Ja, du musst. Du sagst so etwas wie: ‚Frau Schmidt. Ich habe ganz schreckliche Nachrichten. Thomas ist heute gestorben.‘

Dann wartest du.

Du stehst nicht auf. Du kannst dich auf die Schwere deines Atems oder das Rasen deines Pulses oder den Anblick deiner Schnürsenkel an deinem Schuh konzentrieren, doch du stehst nicht auf. Du bist für sie da. Sie ist seine Mutter.

Wenn die Mutter einen anderen Sohn dabei hat und er ein Loch in die Wand geschlagen oder den Stuhl zerschlagen hat, mach dir keine Gedanken. Der, der ein Loch in die Wand geschlagen oder den Stuhl zerschlagen hat, wird besser sein als der, der nach unten schaute und sich weigerte zu weinen. Der, der ein Loch in die Wand geschlagen oder den Stuhl zerschlagen hat, wird viel einfacher sein, als die Schwester, die nach oben sieht und ihre Augen schließt, während sie sich mit Tränen füllen.“ (Rosenberg 2016)

Sie werden es mit den Reaktionen der Betroffenen zu tun bekommen, wobei das Spektrum von starken emotionalen Reaktionen bis hin zur Leugnung reichen kann. Beides sind Trauerepisoden, wobei die unmittelbare Reaktion als „direktere“ Trauerreaktion verstanden werden kann und die „stoische Leugnung“ dafür spricht, dass die betreffende Person womöglich einen längeren Trauerweg zu gehen haben wird. Aber das tut nichts zur Sache: beide Reaktionen sind natürlich und verständlich, und es ist nicht an Ihnen, die Reaktionen in Frage zu stellen. Wenn jemand regelrecht zusammenbricht, sollten Sie fragen, was oder wen die betreffende Person jetzt braucht. Wenn niemand zum Umarmen da ist, aber eine Umarmung hilfreich wäre, übernehmen Sie das – aber bitte nur von Mann zu Mann oder Frau zu Frau und auch nur, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen. Es ist deshalb gut, wenn Todesnachrichten von einer Polizistin und einem Polizisten überbracht werden.

Es gibt noch eine dritte, aber seltenere Gruppe von Reaktionen. Die Betroffenen reagieren dann sehr gelassen – die Nachricht trifft sie nicht nur scheinbar nicht, sondern tatsächlich nicht. Das ist der Fall, wenn die Angesprochenen ihren Trauerprozess bereits bewältigt haben – etwa indem sie sich Jahre vorher schon losgesagt oder anderweitig abschließend von der gestorbenen Person getrennt haben.

Manchmal gibt es Fragen, die Sie mit Nein beantworten müssen oder zu denen Sie keine Auskunft geben dürfen. Bleiben Sie dann – ebenso sanft wie konsequent – bei Ihrer Version der Dinge. Sätze wie „Dazu kann und möchte ich Ihnen nichts sagen.“ tun, wenn Sie wiederholt (Drei Mal muss nicht genug sein!) und ruhig vorgetragen werden, irgendwann ihre Wirkung. Lassen Sie sich von der emotionalen Situation an dieser Stelle nicht mitreißen. Von Ihnen wird ruhige Präsenz und Sicherheit im Auftreten erwartet. Verdeutlichen Sie, wie der Gang der Dinge ist. Wiederholen Sie das in anderen Worten bei der gleichen Frage noch einmal. Lenken Sie die Aufmerksamkeit auf praktische Dinge, auf die nächsten zu gehenden Schritte.

„Wenn sie dich fragt, wirst du ihr erzählen, was du weißt. Du lügst nicht. Aber sag nicht, dass er ermordet oder getötet wurde. Ja, ich weiß, dass er es wurde, aber das wirst du nicht sagen. Du sagst, dass er gestorben ist; das ist der Teil, bei dem du dabei warst und den du kennst. Wenn sie fragt, ob er Schmerzen hatte, musst du sehr vorsichtig sein. Wenn nicht, versicherst du es ihr schnell. Wenn ja, lügst du nicht. Aber sein Schmerz ist jetzt vorbei. Sag niemals, dass er Glück hatte, dass er keine Schmerzen hatte. Er hatte kein Glück. Sie hat kein Glück. Mach nicht dieses Gesicht. Das Ausmaß der Blödheit der Dinge, die du manchmal sagen wirst, ist unvorstellbar.

Bevor du gehst, brichst du ihr noch einmal das Herz. ‚Nein, es tut mir sehr leid, aber Sie können ihn nicht sehen. Wenn eine Person auf diese Weise stirbt, gibt es strenge Vorschriften und die Polizei muss ihn zuerst sehen. Wir können Sie nicht reinlassen. Es tut mir so leid.‘ Du sagst niemals ‚die Leiche‘. Es ist keine Leiche. Es ist ihr Sohn. Du möchtest ihr sagen, dass du weißt, dass er ihrer war. Aber sie weiß das und braucht dich nicht, um es ihr zu sagen. Stattdessen sagst du ihr, dass du ihr Zeit gibst und dass sie wiederkommen kann, falls sie Fragen hat. Mehr Fragen oder erste Fragen. Wenn sie keine Fragen hat, gibst du ihr nicht die Antworten auf die Fragen, die sie nicht gestellt hat.“ (Rosenberg 2016)

Lassen Sie eine Person nach dem Überbringen einer Todesnachricht nach Möglichkeit nicht allein. Warten Sie notfalls so lange, bis Angehörige, Freunde oder Geistliche eingetroffen sind.

*

Die Zitate stammen aus einem Gastbeitrag mit dem Titel „How to Tell a Mother Her Child is Dead“ in der New York Times vom 3. September 2016. Die Autorin, Naomi Rosenberg, ist Ärztin in der Notaufnahme am Temple University Hospital in Philadelphia (USA). Die hier zitierten Passagen des Originalbeitrags wurden zum Zwecke der Darstellung in diesem Beitrag übersetzt. Hier finden Sie den Originalbeitrag.

Jörg Heidig

Weil wir es können

Fragt man sich, was Menschen antreibt, so geht der Blick gegenwärtig beinahe automatisch in Richtung Psychologie. Diese Disziplin hat wie keine zweite das Thema Motivation für sich in Beschlag genommen. Über die empirisch mitunter sehr gut fundierten Theorien hinaus stellt sich mir aber immer wieder die Frage, ob es nicht die eine oder andere eher anthropologische Konstante gibt, die wir beim Thema Motivation übersehen – gerade als ob uns die eher auf den einzelnen Menschen gerichtete Psychologie regelrecht den Blick für manche Zusammenhänge verstellte.

Eine dieser wirklich interessanten und manche Probleme recht erhellenden anthropologischen Konzepte ist die Theorie der sich über Generationen hinweg verändernden Grundlinien des menschlichen Denkens.

Der andere, von der Psychologie weithin übersehene Motivationsfaktor lässt sich am Ehesten mit der Umschreibung „Weil wir es können“ fassen.

Zuerst habe ich davon bei Jon Krakauer gelesen, der sich in seinem Buch über eine katastrophal misslungene Mount-Everest-Expedition gefragt hat, warum Menschen unter großen Anstrengungen und Gefahren in solche definitiv lebensfeindlichen Umgebungen vorstoßen – und dies nicht nur zu Wenigen, sondern mittlerweile zu Hunderten und Tausenden. Die lapidare – und zunächst verstörende – Antwort lautet: weil wir es können.

Mit diesem Satz macht auch ein Erlebnis Sinn, das ich einmal als Student hatte und das mir lange ein Rätsel war. Bei einer Party fand ich mich in einer Runde von Studenten wieder, die ich kaum kannte. Ich war damals in eine Dame aus dem betreffenden Jahrgang verliebt, weshalb ich mich sehr gern auf diese Party hatte einladen lassen, obwohl ich kaum jemanden kannte. Man unterhielt sich über die gerade absolvierten Praktika. Bei den in der gemütlichen Küchenrunde ausgetauschten Geschichten beschlich mich irgendwann das Gefühl, dass es gar nicht um die Jobs oder die Erfahrungen an und für sich ging, sondern eher darum, wer weiter weg bzw. an möglichst ungewöhnlichen Orten gearbeitet hatte. Das Praktikum im Süden Frankreichs verblasste vor dem in Ecuador. Dann wusste aber jemand „Tokio“ zu sagen, was wiederum eine Steigerung darstellte. Als mich das Thema zu nerven begann, gab ich mit ein paar Jahren Flüchtlingsarbeit im ehemaligen Jugoslawien an, was die Diskussion beendete. In jenem Moment ging es mir wohl darum, die junge Dame zu beeindrucken; im Nachhinein dachte ich aber immer wieder mit vielen Fragezeichen an diese Situation zurück.

Es wäre problemlos möglich, weitere Beispiele solcher Geschichten aufzuzählen. Anstatt in den Urlaub zu fahren und Land und Leute kennenzulernen, springen wir von Besuchermagnet zu Besuchermagnet oder von Event zu Event, machen Fotos, hasten weiter. Damit einhergehend: manchmal erwischen wir uns, wie wir, wenn wir einmal plötzlich nichts zu tun haben, regelrecht erstarren. Wellness-Hotels sind Orte, an denen sich das gut beobachten lässt: gerade eben bewegte sich der Geschäftsführer-A6 noch mit 190 Sachen über die Autobahn, dann wird gebremst, eingeparkt, ausgeladen, der Modus gewechselt, sich auf den Liegestuhl gelegt… Und dann? Nichts.

Oder was?

Warum ist das so? Warum rennen wir regelrecht, nur um quasi „in der Eile zu erstarren“? Mit den herkömmlichen Motivationstheorien ist das Phänomen allenthalben nur teilweise zu erklären. Man könnte etwas über Statusbedürfnisse usw. erzählen, aber das reicht meines Erachtens nicht aus. Gerade die stete Steigerung dessen, was wir pro Zeiteinheit schaffen/konsumieren/entspannen etc. können, stellt mich vor die Frage, was diesen Mechanismus verursacht. Klar: individuell bzw. psychologisch erklärt bin ich beim Statusbedürfnis und beim sozialen Vergleich – was der andere hat, will ich auch, gern auch mehr. Aber das erklärt noch nicht, warum auch Menschen, die erklärtermaßen anders sein und handeln wollen, ebenfalls mitmachen.

„Wir fliegen übers Wochenende mal eben nach Dubrovnik und anschließend nach Budapest. Dubrovnik ist für die Romantik und in Budapest treffen wir Freunde auf einem Festival. Mittwoch sind wir wieder da, dann geht der neue Job los.“ – Originalzitat einer jungen, sich sehr für das Thema Nachhaltigkeit engagierenden Kollegin aus dem vergangenen Sommer.

Was ist da passiert?

Mit den Möglichkeiten wachsen die Ansprüche, könnte man sagen. Aber das unterstellt eine gewisse Absicht. Ansprüche haben auf den ersten Blick etwas Absichtsvolles. Aber genau das möchte ich bezweifeln. Die absichtsvollen Überlegungen sind in der Regel verständlich und gut. Warum soll man 2000 Kilometer mit dem Auto fahren, wenn man die fragliche Strecke in wenigen Stunden – und günstiger – fliegen kann? Und sollen wir nicht auf Work-Life-Balance achten, gerade in Zeiten schneller werdender Abläufe und wachsender Belastungen? Ja, all das klingt vernünftig. Und warum sollte es wie früher ein Privileg weniger Menschen sein, bestimmte Reisen machen zu können? Nun, die Privilegien der Wenigen haben sich seither auch weiterentwickelt. Man blicke dazu nur einmal in die Yachthäfen des Mittelmeers.

Es ist ein Kreislauf zwischen Bedürfnissen und Möglichkeiten, in dem es unbewusst darum geht, was möglich ist und nicht so sehr darum, was nötig ist. Wir tun vieles, weil wir es können, nicht, weil wir es brauchen. Und es ist oft nicht der soziale Vergleich aus den psychologischen Motivationstheorien, sondern viel eher der an und für sich begrenzte Horizont des Denkens – denn unsere Entscheidungen sind in der Regel vernünftig oder lassen sich zumindest recht einfach argumentativ zurechtbiegen (Reduktion kognitiver Dissonanz). Es werden nur insgesamt immer mehr solcher Entscheidungen. Nicht nur die Zahl der Menschen steigt, sondern auch das, was man möglichweise als „Schlagzahl pro Individuum“ bezeichnen könnte.

Wir müssten uns fragen: Was brauche ich?

Aber da wir viele früher bindenden Selbstverständlichkeiten – bspw. den Kirchenbesuch am Sonntag einschließlich der (oft wirkungslosen) Erinnerung ans Maßhalten – abgeschafft haben, sind viele von uns regelrecht auf sich selbst zurückgeworfen. „Ich entscheide. Ich bin glücklich, weil ich entscheide. Ich mache die Dinge nur, wenn ich sie machen will. Ich tue nichts, das ich nicht möchte.“ So oder so ähnlich hört sich das dann in der Praxis an. Viele der heutigen Menschen leben so. Nicht zuletzt ich selbst.

Früher war das einmal ein befreiender Gedanke – raus aus den Familiengefängnissen und Zwangssystemen, weg von der gruseligen, oft genug gewaltschwangeren und regelrecht „einmahlenden“ Erziehung früherer Jahrzehnte. (Großen Teilen der Psychologie wohnt dieser „emanzipatorische Impuls“ inne.)

Hin zu? Ja genau: Wohin sollte die Reise nochmal gehen?

Es sollte eine Befreiung des Menschen werden, eine Welt ohne Druck, ohne gleichsam „gestanzte“, lebenslang in Rollen gezwungene Menschen. Anstelle dessen sind wir, fürchte ich, ins Schlaraffenland der Egomanen unterwegs – weil wir es können.

Jörg Heidig

Wie viele Menschen können wir integrieren?

Der folgende Text ist eine Zusammenfasung meines Beitrags zum Symposium „Transitzonen und Integration“, das am 03.12.2016 an der Hochschule Zittau/Görlitz stattfand. Das Symposium war eine gemeinsame Veranstaltung des KIB-Instituts und des TRAWOS-Instituts.

Lassen Sie mich, bevor ich beginne, einige Begriffe bestimmen. Angesichts der Polarisierungen, mit denen die Diskussionen um Flucht und Migration, ganz zu schweigen von Integration, heuer geführt werden, halte ich das für notwendig. Ich beabsichtige nicht, die folgenden Begriffe abschließend zu definieren, ich will lediglich eine – hoffentlich hilfreiche – Grundlage zum Verständnis und zur Einordnung meiner Ausführungen schaffen.

Zunächst halte ich es für hilfreich, zwischen Flucht und Migration zu unterscheiden, wobei ich unter Flucht all jene Bewegungen verstehe, die von Kriegen und anderen menschengemachten Bedrohungslagen, Katatrophen usw. hervorgerufen werden. Wir werden uns in den kommenden Jahrzehnten beispielsweise mit den bisweilen drastischen Folgen des Klimawandels auseinanderzusetzen haben. Unter Migration sind meines Erachtens hingegen all jene Bewegungen zu verstehen, die aus Gründen der Verbesserung der wirtschaftlichen oder beruflichen Lage, der Gesundheitsversorgung oder anderer, eher allgemeiner Lebensumstände stattfinden. Für Flüchtlinge gelten andere gesetzliche Grundlagen als für Migranten. Hat man, wie in Deutschland der Fall, eher eine schutzorientierte Flüchtlingsgesetzgebung und weniger eine Einwanderungsgesetzgebung, gibt es einen nicht unerheblichen Anteil Migration, die als Flucht dargestellt wird. Ich gebe zudem gern zu, dass die Grenzen zwischen beiden Begriffen bisweilen schwer auszumachen sind. So mag es aus dem gleichen Land Flüchtlinge (etwa mit dem Tod bedrohte Blogger) und Migranten (etwa Menschen, die keiner unmittelbaren Bedrohungslage ausgesetzt waren) geben.

Des Weiteren sollten wir uns verdeutlichen, was bei Flucht oder Migration geschieht. Ein Mensch verlässt dabei seine Heimat und betritt ein Land, dem die Selbstverständlichkeiten seiner Heimat nicht gelten. Dies scheint erst einmal keine besonders dramatische Feststellung zu sein. Es sei denn, wir verdeutlichen uns, was das genau bedeutet. Wenn ein Mensch aufwächst, lernt er nicht nur die Sprache an und für sich. Vielmehr erlernt ein Mensch Bedeutungen und ihren Gebrauch. Dass in Deutschland Pünktlichkeit vielen Menschen beispielsweise wichtiger ist als körperliche Unversehrtheit (trotz vergleichsweise dichten Verkehrs haben wir auf vielen Strecken kein Tempolimit, was manche Anthropologen mit einer höheren Wertigkeit der Pünktlichkeit in Verbindung bringen), ist diesen Menschen selbstverständlich. Das heißt, es ist nicht hinterfragbar, pünktlich sein zu müssen, und es ist in der Konsequenz für manchen Autofahrer (vor sich selbst) legitim, die Verkehrsregeln zu brechen. Solche Selbstverständlichkeiten sind Teil der Kultur, und Kultur ist der Besitz einer Gruppe, die ich verlasse, wenn ich fliehe oder anderweitig migriere. Kultur ist kein Konzept, das man erlernen könnte. Das wollen uns manche Ratgeber weismachen, aber Kultur reicht viel tiefer als das, was beschreibbar ist. Die Techniken einer anderen Kultur zu erlernen, geht weit über das fließende Sprechen einer anderen Sprache hinaus. Im Kern besteht eine Kultur aus – kaum beschreibbaren – Annahmen über den Menschen, die Zeit, den Raum etc. Wir müssen uns nun vorstellen, dass uns unsere Kultur umhüllt – wir wissen ganz selbstverständlich, wie man etwas macht, wie man aufeinander zugeht, was sich in bestimmten Situationen schickt und was nicht. Menschen, die das Gebiet unserer Kultur betreten, wissen dies nicht. Ein Sprachkurs ist nur eine Art notwendige Voraussetzung, für das Erlernen von Kultur hinreichend ist er – so intensiv er sein mag – zunächst nicht.

Ich meine des Weiteren, dass man Kultur nicht lehren kann, sondern durch konkrete Interaktion erlernen muss. Es hilft nur bedingt, wenn mir jemand erklärt, wie die Angehörigen einer bestimmten Kultur „ticken“. Wenn ich wirklich wissen will, wie eine Kultur funktioniert, wenn ich die Techniken der betreffenden Kultur erlernen will, dann muss ich dies anhand der kulturspezifischen Reaktionen der Angehörigen der betreffenden Kultur tun. Durch die schlichte Erläuterung weiß ich noch nicht, wie sich das anfühlt, was ich konkret tun muss.

Wenn wir uns nun vorstellen, dass Kultur eine Art „Umhüllung“, bestehend aus Symbolen und den Regeln zu ihrem Gebrauch und Verständnis, darstellt, dann bedeutet Flucht oder Migration, eine Umhüllung (Heimat) zu verlassen und eine neue, fremde Umhüllung zu betreten. Man kann ein Land verlassen und sich in einem anderen zu integrieren versuchen. Man kann in einer Art Transit zwischen beiden Ländern verharren oder sich in dem neuen Land einen Ort suchen, an dem man möglichst umfassend von seiner ursprünglichen Kultur umgeben ist. Wir wollen diese unterschiedlichen Grade des Verlassens, des Ankommens und des „Schwebens“ dazwischen als „Transitzonen“ bezeichnen.

Wie bereits angedeutet, halte ich es für hilfreich, zwischen Flucht und Migration zu unterscheiden. Aufgrund des größeren Bedeutung des Flüchtlingsschutzes in der deutschen Rechtslage haben wir es in der täglichen Praxis mit einer Vermischung beider Arten zu tun – Migranten geben sich (aus individuell oft recht verständlichen Gründen) als Flüchtlinge aus. Als exemplarischer Beleg mag die Aussage der leitenden Person einer großen Erstaufnahmeeinrichtung gelten, nach der etwa die Hälfte der Ankommenden tatsächlich eine Geschichte über Krieg, Verfolgung, Bedrohung und Not zu erzählen hätten. Die andere Hälfte käme mit, weil sie es könnte. Das Problem dabei: Bei uns kommen Menschen aus anderen Ländern und dementsprechend mit anderen Selbstverständlichkeiten an. Wir kennen ihren Symbolgebrauch nicht, wir können oft gar nicht wissen, was wahr ist und was erfunden. Und bei den erfundenen Geschichten gibt es verständliche Notlügen, mindestens aber auch instrumentelle Notlügen und getarnte Interessen bis hin zur Tarnung der Absicht, im Zielland schwere bis schwerste Straftaten zu begehen. Wir können es nicht wissen, müssen es aber prüfen (zumindest das entsprechende Bundesamt und die betreffenden Gerichte). Dabei geschehen Fehler – und zwar in beide Richtungen. Des Weiteren sind Trends zu beobachten – Menschen aus bestimmten Ländern kommen in bestimmten Zeiträumen gehäuft, was teilweise mit den Ereignissen in den betreffenden Ländern nicht vollständig zu plausibilisieren ist.

Am Ende haben wir aber keine andere Möglichkeit, als den Einzelfall zu prüfen. Unsere Werte verbieten, Hilfe zu verweigern. Das Problem ist festzustellen, wem wir weiterhin helfen und wem nicht. Wir können sicher nicht jedem helfen, denn es gibt eine nicht geringe Menge Menschen, die das ausnutzen würden – von den Abhängigkeiten, die dadurch entstehen würden, ganz zu schweigen. Es wäre also dumm, die Grenzen nicht zu kontrollieren, auch wenn wir nicht alles kontrollieren können. Es geht um die Signale, die dies aussendet. Andererseits haben wir denen, die darum ersuchen, erst einmal zu helfen. Wir dürfen niemandem Hilfe verweigern, wenn er darum bittet. Wir können aber wohl seine Umstände prüfen – bei allen Fehlern, die dabei passieren. Es gibt keine andere Möglichkeit. Die Frage ist allerdings sehr wohl, wie schnell wir dies tun und wie konsequent bzw. mit welchen Konsequenzen.

Was passiert, wenn wir nicht schnell entscheiden? 

Im Grunde ist es ein einfaches Schema: jemand kommt an, stellt einen Asylantrag und wird anerkannt oder nicht. Wenn die betreffende Person als Flüchtling anerkannt wird, gibt es wieder zwei Möglichkeiten: die betreffende Person bleibt eine Weile hier und kehrt, wenn der Krieg oder die anderweitig bedrohliche Situation abflaut, in ihr Heimatland zurück – oder sie bleibt hier. Wenn die betreffende Person bleibt, gibt es wiederum zwei Möglichkeiten: sie integriert sich/wird integriert oder sie integriert sich nicht/wird nicht integriert. In letzterem Fall gerät die Person in eine Art „Limbo“, also in eine Art unbestimmter Zwischenwelt. Die „Lösung“ ist dann oft, in ein „Ghetto“ zu ziehen. Von Integration kann dann keine Rede mehr sein.

Der „psychologische Verlauf“ dieses Nicht-Ankommens ist nicht unähnlich dem, was Langzeitarbeitslosen passiert: einer Phase der Erholung nach den mitunter unvorstellbaren Strapazen der Flucht folgt eine Phase des Optimismus, der Offenheit, der Hoffnung. Wird diese Zeit jedoch mit Warten auf den Bescheid verbracht, dämpft sich die Stimmung bereits. Es gibt wenige Dinge, die einem Menschen die Hoffnung schneller und effektiver rauben können, als Ungewissheit. Kann ich bleiben? Muss ich zurück? Wenn ich bleibe, was kann ich machen?

Das Problem ist, dass die Zeitfenster der Motivierbarkeit, der Hoffnung usw. oft viel kürzer sind, als allein die Verfahren zur Entscheidung über den Aufenthaltsstatus brauchen. Die Folge ist ein langsames Abgleiten in die Hoffnungslosigkeit – die Psyche schützt sich selbst durch Teilnahmslosigkeit – oder die betreffenden Menschen beginnen, sich mit Hilfe ihrer Communities in Deutschland selbst zu organisieren. Auch dies kann zum Gelingen führen – oder nicht.

Die nicht gelingenden Ankommensprozesse stellen bzgl. der ankommenden Generation in der Regel kein Problem dar: die Herkunftskultur bleibt wirksam, und in den entsprechenden „Ghettos“ kann man leben, ohne Teil der Kultur des Ziellandes zu werden. Man verbleibt in Werten und Sprache des Herkunftslandes. Schwieriger ist es für die Nachkommen dieser nicht angekommenen Menschen: für sie ist weder die Herkunftskultur bindend (teilweise schon, aber nicht mehr vollständig sozialisierend, weil die Institutionen des Herkunftslandes fehlen) noch die Kultur des Ziellandes, was ein doppeltes Nicht-Ankommen, eine Art „Heimatlosigkeit“ bedeutet. Dies wird dann in einigen Fällen zu einem Vakuum, das nur zu empfänglich für radikale Tendenzen ist.

Ähnliche Dinge geschehen jenen, die nicht ankommen können, weil ihre Asylanträge abgelehnt werden, der Abschiebung aber bestimmte Hindernisse entgegenstehen. Diese Menschen werden – teilweise jahrelang – mehr oder minder bewusst in jenen „Limbo“ verlagert („Duldung“), der beinahe zwangsläufig in Verzweiflung (passiv) oder – selbstorganisierte – Gegenreaktionen (aktiv) führen muss.

All dies sind Argumente dafür, deutlich schnellere Verfahren zu organisieren und Einwanderungsgesetze zu verabschieden. Es ist aber auch ein Appell an diejenigen, die Integration leisten können – es liegt viel mehr Arbeit vor uns, als die Vertreter einer – an und für sich ja zunächst einmal gut gemeinten – Willkommenskultur womöglich geahnt haben. Gerade angesichts des Umstands, dass es sehr lange dauert, bis ich Sprache und Kultur erlerne – auch wenn mir die Kultur dabei entgegenkommen mag – sind wesentlich größere Anstrengungen notwendig, als wir bisher realisieren. Wir sollten die Integration nicht der Bundesagentur für Arbeit, den Jobcentern und den Jugendämtern überlassen. Es braucht viel Interaktion mit ganz normalen Deutschen – Handwerksmeistern etwa. Und es braucht womöglich eine bewusstere Steuerung des Zuzugs und der Integration, was auch heißt, dass wir eine Antwort auf die Frage brauchen, wie viele Menschen wir aufnehmen wollen und können – und wie viele davon wir integrieren wollen und können.

Jörg Heidig

Der Unterschied zwischen Selbstreflexion und Selbstrotation

Hat ein unsicherer Mensch den Mut, der (erlernten) Welt irgendwann seine eigene Deutung entgegenzusetzen? Das macht den Unterschied zwischen Selbstreflexion und Selbstrotation. Wer unsicher bleibt und nicht wagt, wird weiter um sich selbst rotieren, in den Äußerungen der anderen krampfhaft nach Signalen des Verständnisses und der Akzeptanz suchen, die dann in ein (simuliertes, kaum echtes) Selbst-Verständnis und eine simulierte Selbst-Akzeptanz umgewandelt werden. Mit der Folge, dass der Verdacht, man könnte nicht echt sein, immer stärker wird.

Anders formuliert: Gerade in Helferberufen sind unsichere Menschen überdurchschnittlich häufig vertreten. Für viele ist die Rolle des Helfers oder der Helferin so etwas wie ein „kompensatorisches Selbstbild“. Sie sind sich im realen Leben selbst nicht genug, mögen sich nicht, wie sie sind. Oder sie sind in sozialen Situationen unsicher, wissen bspw. in vielen Situationen nicht, wie sie handeln sollen. Erleben sie dann, wie es ist, anderen Menschen zu helfen, werden sie plötzlich ruhiger: Nun sind sie wer, haben eine Rolle, spüren Dankbarkeit. Diejenigen Inhaber von Helferberufen, auf die das zutrifft, sollten genug Selbstreflexion betrieben haben, um dies nicht nur zu wissen, sondern im Griff zu haben.

Nicht umsonst gehört eine tüchtige Portion Selbsterfahrung zu jeder guten psychologischen oder sozialpädagogischen Ausbildung – schade, dass das in den letzten beiden Jahrzehnten zugunsten der reinen Wissens- und Methodenvermittlung immer weniger geworden ist.

Meine Befürchtung ist, dass viele nur so tun, als seien sie reflektiert – die beschäftigen sich mit sich selbst mit dem Ziel der Selbstbestätigung, nicht der Selbsterkenntnis. Da liegt der Unterschied.

Jörg Heidig

Ein jedes hat seine Zeit: Methoden für die (Neu-)Bestimmung der so genannten Work-Life-Balance

Der folgende Text fasst die wichtigsten Inhalte eines Vortrags zusammen, den ich auf dem Symposium „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ am 10. Juli 2015 an der Dresden International University gehalten habe. Das Symposium hat anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Masterstudiengangs Human Communication (Kommunikationspsychologie) stattgefunden. Zum Symposium ist auch unser neues Buch „Gesprächsführung im Jobcenter“ in der Edition Humanistische Psychologie erschienen.

Wir leben in Zeiten, die uns zu Recht so vorkommen, als würde (fast) alles schneller und gleichzeitig komplexer werden. Viele aktuelle Texte beginnen mit einer Variante dieser Feststellung. Für arbeitende Menschen bedeuten unsere aktuellen Möglichkeiten, Arbeit zu organisieren, dass man mehr in kürzerer Zeit schafft. Die zunehmende Komplexität – man nehme etwa als Beispiel nur die Entwicklung eines beliebigen technischen Geräts und vergleiche die technische Dokumentation oder allein das Vertragswerk für ein zugeliefertes Element des betreffenden Geräts mit den entsprechenden Dokumenten vor dreißig Jahren – sorgt dafür, dass man dabei immer engere und intensivere Abstimmungsprozesse gestalten muss. Ein Manager etwa kann vielleicht einen Prozess insgesamt überschauen, um Entscheidungen bezüglich der Lösung für ein auftretendes Problem zu treffen, reicht sein Wissen aber in der Regel nicht mehr aus. Vielmehr braucht er die Fähigkeit, Wissensträger schnell zusammenzubringen und arbeitsfähig zu machen. Die Kommunikation über Fachgrenzen hinweg ist sicher nicht einfach, aber genau darauf kommt es zukünftig an. Das meines Erachtens gegenwärtig hilfreichste Buch dazu stammt von Amy Edmondson und trägt den Titel „Teaming“.

Angesichts dieser Beschleunigung bei gleichzeitiger Zunahme von Komplexität und Interaktionsdichte verwundert es nicht, dass die empfundene Arbeitsbelastung zunimmt. Zumindest für Menschen über 40 stimmt in der Regel die Aussage, dass unsere Gewohnheiten noch aus einer „alten“, langsameren Zeit stammen. Eine Weile waren die neuen Tools gut: Smartphones, vernetzte Kalender, Projektmanagement-Tools oder Dokumentationswerkzeuge mit Echtzeit-Aktualisierung sind sehr hilfreich. Aber wenn man erst einmal ein paar Jahre sein Handy nicht ausgemacht hat, oft oder immer erreichbar war und so weiter, dann kann es passieren, dass der Körper irgendwann nicht mehr mitmacht. Und Schlaflosigkeit ist da nur ein eher leichtes Symptom. Schlimm wird es, wenn Menschen irgendwann plötzlich stark depressiv werden und nicht mehr denken können.

Die Frage, wie viel Arbeit wir brauchen, und wo wir vielleicht Grenzen ziehen, ist also durchaus eine sinnvolle. Vor dem Hintergrund der Frage „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ habe ich eine Reihe von Methoden zusammengetragen, die im Coaching, aber auch ganz individuell in der Selbstklärung dabei helfen können, die eigenen Prioritäten zu hinterfragen und neu zu justieren.

Vorab sei jedoch zur Vorsicht geraten: Einige der Methoden können recht intensive Wirkungen haben. Wenn man sie zur Selbstklärung anwendet, kann man selbst entscheiden, wie weit man geht. Werden sie im Coaching oder in Beratungssettings, etwa in der Arbeit mit Langzeitarbeitslosen eingesetzt, sind Vorsicht und ein hohes Maß an Empathie und Beratungskompetenz gefragt. Methoden sind niemals nur darum einzusetzen, weil sie wirken, oder weil man sie gerade spannend findet, oder weil sie gerade irgendwie passen könnten. Der Einsatz von Methoden folgt immer der Beziehungsdynamik zwischen beratender und beratener Person. Diese Beziehung muss erst zu einer helfenden Beziehung werden, sprich, die hilfesuchende Seite muss sich erst sicher genug fühlen, sich zu öffnen. Doch auch dann sind thematisch geeignete Tools noch kein Garant, dass auch erreicht wird, was intendiert wird. Vielmehr kommt es auf die Grundhaltung an: Habe ich die Rogersschen Grundhaltungen Empathie, Echtheit und Wertschätzung wirklich „drauf“ – auch in der jeweiligen, gerade aktuellen Beratungssituation mit dieser individuellen Klientin? Kann ich meine/n Gesprächspartner/in respektieren, akzeptieren, ernst nehmen, so wie er oder sie gerade ist? Kann ich ihr oder ihm „demütig fragend“ folgen, oder schubse ich ihn oder sie vor mir her – in eine von mir für richtig erachteten Richtung? All das sind wichtige Fragen, wenn es um den Einsatz von Methoden geht. So gut und wirkungsvoll manche der nachfolgend dargestellten Methoden also sein mögen – prüfen Sie bitte lange und sorgsam, ob und wann sich ein Einsatz lohnt. Fragen Sie lieber zehn Mal mehr, hören Sie lieber drei Stunden länger zu, bevor Sie intervenieren. Tooligans gibt es nämlich schon genug 😉

„Lebe so, wie wenn Du noch einmal leben könntest!“ (Friedrich Nietzsche)

Als ich diesen Satz vor einigen Jahren las, fragte ich mich zunächst, was Nietzsche damit gemeint haben könnte. Als ich den Satz zur Frage umformulierte, wurde mir die Bedeutung schlagartig klar: „Was würdest Du an Deinem Leben ändern (nicht mehr tun, stattdessen tun), wenn Du noch einmal leben könntest?“ Die Anworten auf diese Frage können sehr schmerzhaft sein. Aber beantwortet man die Frage ehrlich, führt dies – trotz vielleicht allen Schmerzes – zu dem speziellen Gefühl von Erleichterung, das mit Klarheit einhergeht. Nietzsche selbst hat seinerzeit viel vom Übermenschen schwadroniert, der, habe er sich einmal „ins Eis“ gewagt, klar sieht. Lässt man die Schwülstigkeit solcher Metaphern einmal weg, wird klar, was er damit (auch) meinte: Diejenigen Menschen sehen klarer, die in der Lage sind, sich jenseits der „Fallstricke der eigenen Existenz“ – also jenseits aller Verdrängungen, aller „Lieber lasst es so schön!“-(Und redet nicht darüber!)-Einladungen, aller Lebenslügen – dem zu stellen, was sie tatsächlich betrifft. Dann ist das Leben zwar kein Schlagerlied, aber Schlager sind ja ohnehin nur eine Variante der eben gemeinten kontraphobischen Selbstbetrügereien 😉

Aber auch hier Vorsicht: Stellen Sie diese Frage zunächst einmal sich selbst, finden Sie Antworten und handeln Sie gegebenenfalls danach. Erst dann können Sie die Konsequenzen erfassen, die Antworten auf diese Frage haben können. Dann wissen Sie auch, wann diese Frage vielleicht geeignet ist, und wann Sie die Frage besser nicht stellen. Es gibt weit mehr als tausend gute Gründe, sich Wahrheiten, Lebenslügen et cetera nicht einzugestehen. Und oft genug sollte man seine Klienten auch dort, wo sie sich eingerichtet haben, leben lassen. Kurz: Die Frage kann viel zu existenziell sein.

Was würden Sie bereuen, wenn Ihr Leben morgen enden würde?

Auch diese Frage ist in ganz ähnlicher Weise geeignet, die Prioritäten „zurechtzurücken“. Hintergrund: Bronnie Ware hat Sterbende dazu befragt, was sie bereuen, und fand heraus, dass es sich bei den meisten Antworten auf diese Frage um Varianten von lediglich fünf Sätzen handelt. Wie diese Frage als Methode angewendet werden kann, haben wir hier ausführlicher dargestellt. Schlussfolgerung aus der Methode: Unser Bedürfnis nach Bindung scheint am Ende des Lebens das wichtigste, bleibendste zu sein. Eingeklemmt zwischen Nähebedürfnis, Statusstreben, Selbstverwirklichung und oft genug auch dem Ziel, anderen vorzumachen, man sei jemand, der man gar nicht ist (nur damit man selbst glauben kann, man sei jemand anders als das ungeliebte Selbst), verbringt man sein Leben zwischen (empfundenen) Verpflichtungen. Die Methode kann helfen herauszufinden, wo man selbst gerade steht, was wirklich wichtig ist und was (oder auch: wen) man besser lassen sollte.

Die „Wippe“

Eine hilfreiche Methode, die Dynamik der inneren Konflikte zwischen dem, was eine Person an Rollen im Leben gelernt hat und den „ursprünglichen“ beziehungsweise ganz ureigenen, ganz persönlichen Impulsen zu klären, ist, die jeweiligen Impulse als „Wippe“ zu visualisieren. Ich bitte meine Klienten, einmal die verantwortungsbezogenen inneren Stimmen zu benennen. Häufig werden dann „Treiber“ benannt wie „Leiste!“ und „Mache, was andere wollen!“. Auf der anderen Seite werden dann die auf die eigene Person gerichteten Impulse positioniert. In der Regel werden die Verantwortungsimpulse bezüglich der inneren Treiber und der Erwartungen anderer Menschen viel größer oder „schwerer“ dargestellt als die Impulse der Selbstsorge und der eigenen Prioritäten. Durch die „Wippe“ kommt das – oft vorzufindende – Ungleichgewicht zwischen den Erwartungen anderer Menschen (häufigste Nennungen: Familienmitglieder, Vorgesetzte) und den ganz persönlichen Dingen (das kommt am ehesten dem nahe, was oft als das „innere Kind“ bezeichnet wird) zum Vorschein. Den betreffenden Personen wird dann klar, unter welchem Erwartungsdruck sie eigentlich stehen. Insbesondere wenn es um psychosomatische Beschwerden geht, werden diese mit Hilfe der Methode kognitiv zugänglich. In einem Fall war die „Verantwortungsrolle“, also ein Handlungsmuster, in den allermeisten Situationen „groß“ und „stark“ und „erwachsen“ sein zu müssen und für beinahe alles (in der eigenen Familie, für die eigenen Eltern, im eigenen Team, gegenüber dem Chef) verantwortlich zu sein, so stark, dass die betreffende Person in Anbetracht der Wippe sagte: „Um die Kleine da muss ich mich mal kümmern.“ Doch das ist falsch. Man kann sich um das innere Kind nicht „kümmern“. Wenn man Mitleid mit ihm hat, hilft das nichts. Man muss vielmehr „in das Kind hineingehen“, etwas tun, was das Kind tun würde, das Kind sein, dem Kind Raum geben. Beispielsweise könnte die Person sagen: „Es geht mir besonders gut, wenn ich über freie Felder wandere.“ Oder: „Als Kind war ich viel draußen und habe Tiere beobachtet.“ Dann sind es Wanderungen über freie Felder und Tierbeobachtungen, die helfen, nicht aber Mitleid für das innere Kind oder Wellness oder „etwas für sich tun“, was sich die Person in der „Verantwortungsrolle“ ausgedacht hat.

In einem Fall mit starken psychosomatischen Beschwerden wurde klar, dass die betreffende Person außer gelegentlichen Wanderungen gar nichts mehr nur aus sich heraus tat. Sie las keine Bücher mehr, hatte keine unstrukturierte Zeit mehr mit der Familie, stand auch bei ihrer Arbeit unter wachsendem Druck. Alle Reservate waren der Verantwortung zum Opfer gefallen. In der Firma gab es Umstrukturierungen, zuhause mussten die eigenen Eltern gepflegt werden, die Kinder brauchten finanzielle Unterstützung. Nach einem Zusammenbruch merkte die Person während der Wiedereinarbeitung, dass nichts mehr so flott und unproblematisch ging wie vorher. Nun war die Angst da, dass sie wieder zusammenbrechen könnte. Auf der Wippe standen links drei große Figuren: die Erwartungen des Chefs, die eigenen Treiber aus der Kindheit („Mach! Streng Dich an!“) und die Erwartungen der Familie. Rechts stand ein kleiner Zwerg, der Sport machen und lesen wollte, aber zu erschöpft war und keine Zeit dafür fand. Die Lösung lag darin, der eigenen Familie mitzuteilen, dass die Person nach dem Zusammenbruch jemand anders war als vorher und dass sie nicht mehr allen Erwartungen entsprechen konnte. Die Familie reagierte mit Erwartungsdruck, mit Tränen und so weiter. Die Reaktion war wiederum ein heftiges schlechtes Gewissen mit sehr deutlichen Erinnerungen an Ereignisse aus der Kindheit, in denen es darum ging, den Erwartungen der Eltern nicht entsprochen zu haben. Die Erleichterung, ausgesprochen zu haben, dass man jemand anderes sei, war das einzige, was half, das schlechte Gewissen zu ertragen.

Die Linien-Methode

Linienmethode_1

Von Irvin Yalom stammt die folgende, ebenfalls recht „existenzialistische“ Methode: Man zeichne einen Strich und markiere mit je einem Symbol die Geburt am Anfang und den Tod am Ende der Linie. Dann markiere man mit Hilfe eines Kreuzes diejenige Position auf der Linie, von der man glaubt, dass sie etwa dem gegenwärtigen Lebensalter entspricht (beispielsweise: „Halbzeit“). Dann schreibe man unter die Linie die fünf, sechs Dinge, die einem im Leben am wichtigsten sind. Das Wichtigste am Anfang, die weniger wichtigen Dinge dann je nach eingeschätzter Relevanz auf den entsprechenden Positionen. Nun kommt der wichtigste Schritt: Streichen Sie nun die erste Position durch. Stellen Sie sich dann Ihr Leben vor, wie es ohne das, was Ihnen am wichtigsten ist, wäre. Nehmen Sie sich Zeit, versetzen Sie sich hinein. Was macht das mit Ihnen? Welche Gefühle oder Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf? Betrachten Sie dann noch einmal Ihr Leben, wie es gerade ist. Hat sich die Perspektive geändert? Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie?

Linienmethode_2

In Ergänzung der Übung kann es hilfreich sein, das folgende Dalai-Lama-Zitat zu reflektieren: „Es ist besser zu wollen, was man hat, als zu haben, was man will.“ Die Übung eignet sich auch, in Weiterbildungen mit Menschen, die in Helferberufen arbeiten, das Thema Empathie zu bearbeiten. In Helferberufen, beispielsweise in Familienhelferteams oder im Jobcenter, hat man es oft mit Menschen zu tun, denen das Wichtigste im Leben entweder sehr schwierig vorkommt (beispielsweise die Familie) oder ganz abhanden gekommen ist (beispielsweise eine Arbeit als primäre Quelle für Status und Sinnerleben). Wenn man lange mit Menschen in schwierigen Lebenslagen arbeitet, kann es passieren, dass man beginnt, die Lebensführung dieser Menschen zu bewerten. Dann hilft diese Übung, sich gegebenenfalls wieder besser in Klientinnen und Klienten hineinzuversetzen.

Linienmethode_3

Verändere Deine Fragen!

Eine der für mich persönlich wichtigsten Methoden überhaupt habe ich in einem klugen Buch mit dem Titel „Change your questions!“ gefunden. Kurz gesagt kann man sich in jeder Situation entscheiden, ob man die Situation bewerten möchte, oder ob man etwas daraus lernen möchte. Emotionen können als „handlungsvorbereitende Situationsbewertungen“ verstanden werden. Und in der Regel machen wir uns über unsere Bewertungen keinen Kopf: wir nehmen etwas wahr und haben eine Emotion dazu – in alltäglichen Situationen bekommen wir das nicht mit. Emotionale Reaktionen sind so normal und automatisiert, dass wir sie nicht steuern können. Wir können uns höchstens beobachten und uns fragen: „Was war das, was ich denke, bevor ich es gedacht habe?“ Ganz im Sinne von: „Was war das für eine Emotion, bevor das ein Gedanke wurde?“ Denn: In der Regel wird aus einer Emotion eine recht direkte Reaktion und wir machen uns – quasi im Nachhinein – einen Reim darauf. Deshalb wehren wir alle möglichen Dinge, die uns gesagt werden, einfach ab. „Hast Du mein… gesehen?“ – „Nee, ich habe es nicht versteckt. Was soll ich denn damit?“ Das ist kein Gespräch, sondern reine Abwehr. Ich habe nicht die Frage verstanden, sondern sofort reagiert, und zwar mit Selbstschutz. Wenn mein Gegenüber nun sagt: „Ich wollte nicht wissen, ob Du… genommen oder versteckt hast, ich wollte wissen, ob Du es gesehen hast, weil ich es suche.“ antworte ich: „Naja, ich wollte nur sagen, dass ich es nicht war, weil ich es ja sonst immer bin.“ Sie sehen: es schaukelt sich hoch, nun haben wir sogar noch das Wort „immer“ eingebaut. Der Tag kann also noch spannend werden 😉

Dieses denkbar belanglose Beispiel soll nur die Natur des oben dargestellten Prozesses verdeutlichen – wir reagieren emotional. Die Emotion an sich – also das, was wirklich passiert, wird dabei kaum zum Gedanken. Was hingegen zum Gedanken – und damit überhaupt kommunizierbar – wird, sind die Dinge, die wir uns dazu – immer uns selbst schützend – zurechtlegen. Aber genau das führt in die Sackgasse aus einem Wechselspiel gegenseitiger Bewertungen – natürlich unbewusst beziehungsweise automatisch. Wenn ich jemanden nicht überzeugen kann, frage ich mich, was ich falsch gemacht habe. Oder warum der so blöd ist, das nicht zu verstehen. Ich verlasse aber keinesfalls meine Position.

Wenn ich mich nun stattdessen frage, was mein Gegenüber eigentlich will, welche Informationen ich habe und welche vielleicht noch nicht, welche Optionen ich habe et cetera, dann wird das Gespräch ein völlig anderes.

Sie können sich entscheiden, ob Sie eine Situation bewerten möchten oder ob Sie etwas aus einer Situation lernen möchten.
Sie können sich entscheiden, ob Sie eine Situation bewerten möchten oder ob Sie etwas aus einer Situation lernen möchten.

In problematischen Situationen passiert die Eskalation sowieso. Konflikte sind nicht aus der Welt zu schaffen – sie passieren einfach. Die Frage ist, was ich nach einer Eskalation mache. Verletzter Stolz? Gesichtswahrendes Schweigen? Die meisten erwarten, dass die andere Seite einlenkt. Man selbst hätte ja schon dies oder das… Pustekuchen. Die einzigen Menschen, an deren Handlungen wir etwas ändern können, sind wir selbst. Indem wir uns andere Fragen stellen. Auf andere Gedanken kommen. Indem wir unsere Emotionen (die sowieso passieren), in wichtigen Fällen im Nachhinein „umdenken“. Denken ist Probehandeln. Ich kann mir im Konflikt (wenn ich das überhaupt schaffe, unter Druck ist das Denken fast unmöglich) oder besser danach Fragen stellen, wie sie auf der nachfolgend dargestellten Karte verzeichnet sind. Ich kann mich also immer entscheiden, ob ich eine Abkürzung hinüber auf den „Pfad des Lernens“ suche und den „Pfad des Bewertens“ verlasse.

Die Landkarte der Wahlmöglichkeiten nach Marilee Adams (2009); Zeichnung: Juliane Wedlich

Presencing

Der Begriff des Presencings geht auf Otto Scharmer zurück und meint im Wesentlichen eine Verbindung aus „Hier und Jetzt“ und „nachspüren“. Früher, als mir solche Dinge nicht geläufig waren, habe ich auf solche „quasi-esoterischen“ Methoden mit etwas reagiert, das man bei gutem Willen „bodenständige Skepsis“ nennen könnte. Aber die Erfahrung lehrt: es ist, wenn es um das eigene Stresserleben geht oder – allgemeiner noch – um das eigene „Sein in der Welt“, dann kann man tatsächlich viel lernen, wenn man auf seinen eigenen Atem hört, sich auf sich selbst im „Hier und Jetzt“ konzentriert, lernt, nichts (haben) zu wollen, sondern zu sein und so weiter. Eine schöne Methode, sich auf diesen Weg zu begeben und sich selbst auf andere, ganzheitlichere und auch nachhaltigere (bei Scharmer heißt das „Ego to Eco“) Weise kennenzulernen, bietet die folgende Übung. Ich habe die Übung hier in Anlehnung an einen Artikel von Patrick Kinzler in der Zeitschrift Organisationsentwicklung dargestellt (vgl. Kinzler, P. (2014): «Stimmige» Selbstentwicklung mit der Theorie U. In: Zeitschrift Organisationsentwicklung, Nr. 1/2014. S. 16-17). Eine Darstellung des allgemeinen Prinzips, das hinter der Übung liegt, finden Sie hier. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass ich nach wie vor gerne „bodenständig skeptisch“ bin, wenn es um solcherlei Übungen und Veranstaltungen geht, wie man hier nachlesen kann. Doch nun zur Übung:

  1. Downloading: Sprechen Sie Ihren Namen laut aus, und zwar so, wie Sie ihn aussprechen, wenn Sie sich jemandem vorstellen.
  2. Seeing: Nun atmen Sie tief ein und wieder aus und sagen lediglich Ihren Vornamen. Was spüren Sie? Wenn Sie wollen, schneiden Sie die Übung mit. Hören Sie sich die Aufnahme bis hierher noch einmal an. Spüren Sie nach, was Sie empfinden. Welche positiven Empfindungen haben Sie? Gibt es Dinge, die Ihnen auffallen? Wenn ja, welche?
  3. Sensing: Atmen Sie noch einmal durch und sprechen Sie Ihren Vornamen zunächst lautlos im Kopf vor sich hin. Danach sprechen Sie Ihren Vornamen bitte in Verbindung mit dem Ausatmen laut aus. Was nehmen Sie wahr? Gibt es vielleicht Aspekte/Details, die noch nicht stimmig sind? Wie klingt Ihr Name? Welche „alten Dinge“ (Sachen, die Sie vielleicht schon hinter sich gelassen haben) hören Sie vielleicht noch?
  4. Presencing: Nun wiederholen Sie den letzten Schritt (durchatmen, im Kopf vorsagen), nur dass Sie diesmal warten, bis in Ihnen ein Impuls entsteht, Ihren Namen zu sagen. Nehmen Sie sich Zeit dafür. Sprechen Sie erst, wenn der Impuls da ist. Sagen Sie Ihren Namen, während Sie ausatmen. Nun lautet die Frage anders: Welche Potentiale schwingen mit, wenn Sie Ihren Namen sagen? Welche Aspekte wollen sich da gegebenenfalls entfalten? Was können Sie in Zukunft stärker in Ihr Handeln integrieren? Welche Kraft schwingt mit, die Sie noch nicht in Gänze kennen? Oder der Sie vielleicht bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben? Schreiben Sie Ihre Gedanken auf!
  5. Cristallizing: Lesen Sie sich Ihre Notizen bitte durch: Welche Gedanken oder Ideen lösen in Ihnen Resonanz aus? Wo ist diese Resonanz am stärksten? Was bedeutet das für Ihre Zukunft?
  6. Prototyping: Kommen Sie nun zurück zu Ihrem Namen. Sprechen Sie diesen nun mehrfach laut aus und versuchen Sie, die neuen Ideen und Potentiale zu integrieren. Bewegen Sie sich gern dabei, wiederholen Sie die Übung so lange, bis Sie lächeln. Dann überlegen Sie, was Sie tun wollen, um diese gewonnenen Ideen und Einsichten in Ihr Leben zu integrieren.
  7. Performing: Atmen Sie noch einmal tief durch und sagen Sie dann noch einmal Ihren Namen, und zwar so, wie Sie sich in Zukunft anderen Menschen gern vorstellen würden. (Vgl. Kinzler 2014)

Bei ungeübten Teilnehmern oder am Anfang von Trainings sollte die Übung in kleinen Gruppen durchgeführt werden, damit sich die Teilnehmer gegenseitig Rückmeldungen geben können (ebd.).

Nun der Vollständigkeit halber noch zwei Methoden, die ich zwar erwähnt, aber nicht näher beschrieben habe: Edgar Schein hat vor vielen Jahren einen Test entwickelt, der Menschen dabei helfen kann, sehr bewusst Karriere-Entscheidungen zu treffen. Der Test (Online-Version hier) basiert auf einer typenbildenden Exploration der Karrieren von Fach- und Führungskräften. Es werden neun karrierebezogene Muster unterschieden, so genannte Karriere-Anker. Eine weitere, sehr hilfreiche Selbstklärungsmethode ist das archetypenbasierte Modell von Erica Ariel Fox, das wir bereits an anderer Stelle auf diesem Blog beschrieben haben.

Zum Schluss ein Wort zur „so genannten“ Work-Life-Balance

Der Begriff unterstellt, dass Arbeit etwas anderes wäre als Leben. Oder andersherum. Das ist meines Erachtens Quatsch. Sinnvolle Tätigkeit (und deshalb – wenn schon nicht in jedem Fall, dann hoffentlich oft genug – auch Arbeit) ist ein Teil des Lebens wie Schlaf auch. Sonst wäre die Bilanz ja gruselig: ein Drittel des Lebens wird verpennt, ein Drittel in die Schule gerannt, gearbeitet und so weiter. Bleibt ein weiteres Drittel, in dem man dann neben Kindererziehung, Wege zur und von der Arbeit, Gartenarbeit und so weiter noch „leben“ soll. Diese Perspektive ist nicht hilfreich. Arbeit sollte vielmehr etwas sein, in dem man einen Sinn sieht. Menschen, die sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren, denen es um die Arbeit selbst geht und nicht etwa darum, was man mit der Arbeit alles erreichen kann (Karriere, Status, Geld, die Welt retten etc.), haben am ehesten die Chance, glücklich zu sein. Wobei es dann nicht mehr um Glück im heute verstandenen Sinne geht, sondern um Sinn:

  1. Konzentriere Dich auf das, was vor Dir ist, was Du gestalten kannst. Finde eine Berufung.
  2. Höre auf, jemand oder etwas in den Augen anderer sein zu wollen.
  3. Damit hast Du genug zu tun. Die Balance kommt dann von ganz alleine, weil es die Frage nach der Work-Life-Balance dann gar nicht mehr gibt 😉

Und schlussendlich, weil ich es nicht lassen kann, ein wunderschönes Buch dazu: „The Road to Character“ by David Brooks

Jörg Heidig

PS: Ich bedanke mich bei allen, die das Symposium „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ zu einer gelungenen Veranstaltung haben werden lassen – bei unseren Gästen, mit denen wir sehr anregende und interessante Diskussionen führen durften, und bei allen, die organisiert und Vorträge oder Workshops gehalten haben: Herbert BockGermaine HaaseIna JäkelAxel Krüger, Tanja Matthes, Lars OttoMatthias Schmidt, Fabian Starosta, Markus Will, Sandra Wolf und Benjamin Zips. Herzlichen Dank!