Was wir eigentlich wollten und was daraus geworden ist

Ich erinnere mich noch gut an meine Rückkehr aus Bosnien nach Deutschland. Das war 1999. Ich hatte knapp drei Jahre für eine humanitäre Organisation in Zentralbosnien gearbeitet – Notversorgung in Flüchtlingslagern, Bauprojekte, Flüchtlingsrückführung, einkommensschaffende Maßnahmen, Friedensarbeit. Gerade der letztgenannte Anspruch, aktiv zum Frieden beizutragen, war so kurz nach dem Krieg kaum erfüllbar. Zu groß war noch der Hass, und Ruhe blieb nur, weil genug internationales Militär vor Ort war und die Kampfkraft auf der bosnisch-serbischen Seite kurz vor Ende des Krieges merklich zurückgegangen war. Ich frage mich seither, was Frieden eigentlich ausmacht, und ich beobachte mit Schrecken, wie leichtfertig deutsche Politiker heuer unseren Frieden aufs Spielfeld internationaler Verhandlungen setzen – wie schnell „wir“ bspw. gegenüber Russland mit den Säbeln rasseln – und dabei gibt es, was die Bundeswehr angeht, derzeit bekanntlich kaum etwas zu rasseln, zumal ich bezweifle, dass es an dieser Stelle ein „wir“ gibt, sprich, dass eine Mehrheit der Deutschen eine härtere Gangart gegenüber Russland legitimieren würde.

Drei Jahre in einem von Bürgerkrieg und Armut gezeichneten Land veränderten meinen Blick. Mir fiel auf, wie viele Dinge für uns selbstverständlich sind. Die meisten sind frei von materieller Not. Viele haben Autos, mit denen sie fahren können, wohin sie wollen. Wir sind krankenversichert, kaufen in Supermärkten ein und leben vergleichsweise sicher. In jenem Sommer nach meiner Rückkehr fiel es mir schwer nachvollziehen, warum nur wenige der hiesigen Menschen diese Umstände bewusst schätzen – warum die einen die Komfortzonen unserer Zeit ebenso verschwenderisch wie achtlos genießen und die anderen sich dennoch – damals noch leise, heuer viel lauter – beschweren. Damals dachte ich, es seien einfach nur „die einen“ und „die anderen“, zwei Blicke auf ein und die selbe Welt und beide auf ihre Weise speziell – die einen zu positiv, zu verschwenderisch, die anderen zu kritisch, zu negativ, das eigentlich Gute ihres Lebens negierend. Dass beide Seiten womöglich keinen gemeinsamen Maßstab mehr haben, dass sie immer weniger verbindet, dass sich dahinter verschiedene, zunehmend unvereinbare Weltsichten verbergen, die unsere Gesellschaft heute spalten, wollte mir, damals fünfundzwanzigjährig, noch nicht recht einleuchten.

Die Demonstrationen im Herbst des Jahres 1989 waren vielleicht das erste „starke“ oder „prägende“ Erlebnis meines Lebens. Im Juli 1989, das war quasi eine meiner ersten Reisen ohne meine Eltern, nahm ich am Evangelischen Kirchentag in Leipzig teil. Gesprächsrunden in Wohnzimmern oder in Kirchen, Lesungen oder Theaterstücke an den Abenden, zwischendurch lange Nachmittage über Büchern oder bei Orgelkonzerten. Und obwohl es gar nicht so explizit um Opposition ging – klar gab es Samisdat-Schriften auf Büchertischen und wurde mehr oder minder andeutungsreich diskutiert – lag ein Zittern in der Luft, eine leise Spannung, die viele der Anwesenden verband und die nichts mit dem jeweiligen Geschehen im Moment zu tun haben musste. Jene verbindende Spannung war es, die auch bei den Demonstrationen im Herbst zu spüren war. Manche würden vielleicht sagen, dass es ein „starkes Gefühl“ war, das die Menschen verband, ein Gefühl, aus dem eine Kraft erwuchs. Jene Kraft hat seinerzeit viel bewirkt. Doch später ist etwas passiert, mit dem die Wenigsten gerechnet hatten. Die verbindende Spannung, die Kraft war mit einer Hoffnung verbunden gewesen. Vielleicht eine Hoffnung auf „Öffnung“, auf neue Möglichkeiten, auf Freiheit. Die viel beschworene Reisefreiheit war nur der vielleicht am Ehesten fassbare – und entsprechend oberflächliche – Ausdruck dieser Hoffnung auf Freiheit. Nachdem ich endlich einen Führerschein besaß, führten meine ersten längeren Reisen geradewegs nach Westen, nach Frankreich. Und ja, das war großartig! Man konnte sich bewegen, wie und wohin man wollte, man konnte essen und kaufen und ansehen, was man wollte. Besonders deutlich erinnere ich mich daran, in Straßencafés gesessen und „Grand Café“ bestellt zu haben – nur weil ich es konnte, weil der Kaffee schmeckte und weil genau das dem Kern meiner damaligen Vorstellungen von einer Reise nach Frankreich entsprach. Doch zurück zum Thema: Vielleicht war der Kern jener Hoffnung die Aussicht, dass sich für die Beteiligten noch im Laufe ihrer eigenen Lebensspanne die Dinge deutlich zum Positiven entwickelten, was auch immer das für jeden einzelnen Menschen geheißen haben mag. Der eine wollte vielleicht reisen, ein anderer lesen oder sagen, was er wollte, ein dritter wollte vielleicht seine Kinder erziehen, wie er wollte, ein vierter wollte vielleicht einfach nur in Ruhe gelassen werden. Doch genau diese Hoffnungen, so will ich meinen, sind für viele nicht aufgegangen – individuell vielleicht aus sehr verschiedenen Gründen, blickt man jedoch über ganz Ostdeutschland hinweg, so lassen sich doch einige ganz wesentliche Linien ausmachen.

Es ist ein Hohn, wenn heute von „Abgehängten“ gesprochen oder geschrieben wird. Solcherlei Herablassungen beschreiben zwar ein Phänomen, das von Weitem durchaus so anmuten kann, aber es zeugt – im weniger dramatischen Fall – von Ahnungslosigkeit oder – im tatsächlich schlimmen, weil mittlerweile Realitäten schaffenden Fall – von Vorurteilen.

Man kann dieser Tage viel über die Themen „Kultur“ und „Sozialisation“ lesen, und das auch ohne Wissenschaftler zu sein. Beiden Begriffen ist gemein, dass sie die Bedeutung der sich aus der Vergangenheit ergebenden „Gewordenheiten“, Prägungen oder – neutraler – Anknüpfungen betonen. Im Prinzip beeinflusst vorher Gesagtes später Gesagtes, ergeben sich aus erfolgreich werdenden Versuchen erfolgreich bleibende Muster, die immer weniger hinterfragt werden, wobei „Erfolg“ hier auch dysfunktionale Selbstverstärkung bedeuten kann. Unsere Kultur ist uns selbstverständlich, das heißt, wir können sie nicht hinterfragen, und wir werden alle anderen Kulturen durch die Brille unserer Selbstverständlichkeiten betrachten. Sozialisation bedeutet nichts anderes als das Hineinwachsen in eine Kultur, wobei es hier vor allem darauf ankommt, in welche Schicht oder Gruppierung einer Gesellschaft man hineinwächst. Man übernimmt in jedem Fall Gewohnheiten. Man erkennt später „seinesgleichen“ genau und fühlt sich entsprechend fremd, wenn man unter „gewohnheitsmäßig“ Fremden ist. Der französische Philosoph Didier Eribon hat mit „Rückkehr nach Reims“ vor Kurzem ein Buch vorgelegt, das in ebenso persönlicher wie soziologisch klarer Weise darstellt, welch prägende Effekte das jeweilige Herkunftsmilieu hat – man nimmt es als gegeben hin und hinterfragt es nicht – und welche Anstrengungen notwendig sind, um das eigene Milieu tatsächlich zu verlassen – in der Regel muss man mit seiner Herkunft brechen, um den Sprung zunächst zu schaffen, nur um dann ggf. zurückzukehren und zu erkennen. Das gegenseitige Erkennen von kulturellen oder gewohnheitsmäßigen Ähnlichkeiten bzw. die entsprechend tiefen Empfindungen bei Fremdheit gibt es wie gesagt nicht nur zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen (solche Unterschiede sind nur geläufiger), sondern eben auch innerhalb einer Kultur, bspw. wenn Menschen aus unterschiedlichen Schichten stammen.

In diesen kurzen theoretischen Ausführungen ist bereits das ganze gegenwärtige ostdeutsche Bild angelegt. Man muss nur genau hinsehen und nicht aufgrund allzu oberflächlicher Betrachtungen urteilen. Wenn manche Journalisten die deutsch-deutschen Fremdheiten wegzuschreiben versuchen, ähnelt das in gewisser Weise dem Versuch sehr kleiner Kinder, etwas zum Verschwinden zu bringen: wenn ich mir die Augen zuhalte, ist das betreffende Objekt weg. So ist es eben nicht. Versuchen wir also, einmal genauer hinzusehen.

Auf der einen Seite gibt es Menschen, die von der Zeit seit der Wende – wie sagt man das in heutigem Deutsch? – „profitiert“ haben (und ja, Profit ist nach wie vor etwas, das viele Menschen mehr oder minder ablehnen, vielleicht bleibt diese Ablehnung ohne Begründung, intuitiv ist sie aber da, zumindest als Skepsis). Sie konnten den tiefgreifenden Wandel für sich nutzen, haben ausprobiert, konnten machen, was sie wollten, haben sich abgenabelt von der Sozialisation bzw. sind über die Grenzen ihrer Sozialisation hinausgegangen. Diese Menschen sind, drastisch formuliert, ein bißchen wie jene Republikflüchtlinge, die in den Westen geflohen sind, um dort endlich machen zu können, was sie wollten, und denen das gelungen ist. Sie haben sich verwirklicht. Für sie ist die Globalisierung ein willkommenes Geschenk – sie reisen, arbeiten hier und da, gehen in den Möglichkeiten auf, sind Kosmopoliten. Sie leben mehrheitlich in großen Städten, genießen das Leben – schlicht, sie leben, wie sie wollen, und das nicht zuletzt, weil sie es können. Aber diese positiv gefärbte Geschichte stimmt meines Erachtens nicht ganz. In ihnen blieb eine Spur der alten Welt zurück, ein leiser Zweifel, eine Bemühtheit bezüglich der Anforderungen der neuen Welt. Für die einen ist es die Furcht, man könnte bemerken, woher sie wirklich kommen. Für die anderen ist es ein Zweifel, der sich aus der Spannung zwischen den eigentlichen – sozialisierten – Werten und den Maximen der neuen Zeit ergibt. Sind wir wirklich so individuell? Schaffen wir das? Ist das gerecht? Sind andere nicht viel „glatter“ oder „selbstbewusster“? In diesen Menschen wohnt eine ostdeutsch sozialisierte „Restunsicherheit“. Diese „Restunsicherheit“ ist es, die es diesen Menschen ermöglicht oder zumindest ermöglichen kann, jene lange beschwiegene, sich heute aber umso lauter artikulierende „andere Seite“ zu verstehen. Ohne diese Wurzeln in der anderen Sozialisation wird es schwierig, den Kern der heutigen Empörungen wirklich nachzuvollziehen. Wohl auch deshalb ist aus der sicheren Entfernung westdeutscher Redaktionen derzeit wenig Zutreffendes über den Osten zu lesen. Dafür gibt es umso mehr Ferndiagnosen und andere, um es höflich zu sagen, wenig hilfreiche Einlassungen.

Auf der anderen Seite finden wir Menschen, die es zunächst geschafft haben, in der „neuen Welt“ mitzutun, deren Fremdheitsgefühle aber irgendwann überwogen oder die es „dann doch nicht geschafft“ haben. Diese Menschen waren zunächst begeistert von den Möglichkeiten, wunderten sich dann aber, wurden später skeptisch, nur um am Ende nicht selten zu verbittern. Hier finden wir auch jene, die von vornherein zweifelten, ob sie das „schaffen“. Apropos „schaffen“ – was sollte oder soll da eigentlich geschafft werden? Und wo kommt das „Sollen“ her? Die Demonstranten des Jahres 1989 wollten nicht mehr in der DDR leben. Was sie aber wollten – dazu gab es kein gemeinsames Bild. Der schnelle Anschluss an die Bundesrepublik lag allzu nahe, aber die Konsequenzen für die eigene Biographie waren vielen nicht klar, woher auch, schließlich macht man so etwas nicht alle paar Jahre mal so einfach durch. Es gab keine Blaupausen, und vielen erschien es nur zu plausibel, dass wir die Dinge im Osten nun eben so machen wie im Westen. Dass das aber für viele Menschen nicht passte, weil sie ganz andere Dinge als die nun „notwendigen Voraussetzungen“ gelernt hatten, das wurde erst später klar. Mit diesem „Problem“ wurde in einer Weise umgegangen, die viele – zumindest unterschwellig – als herablassend empfanden: Man führte Seminare für die neuen Kulturtechniken durch („Bewerbertrainings“) und investierte viel Geld, und zwar nicht nur in Innenstädte, sondern auch in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Vorruhestandsregelungen. Wenn man diese Leistungen des Aufbaus Ost im Zusammenhang betrachtet (Sanierung UND Sozialleistungen) und ganz drastisch interpretiert, dann wird das heute an vielen Stellen sichtbare Bild plausibel: in schmucken Innenstädten sind die darin lebenden Menschen oft zu einer Art fremder Statisten geworden. Anders ausgedrückt: In manchen ostdeutschen Städten ist der „Abstand“ zwischen vergleichsweise neuen Fassaden und dem Inneren der dahinter lebenden und sich davor bewegenden Menschen in bestürzender Weise fühlbar.

Schließlich finden wir auf der anderen Seite auch jene, die es gar nicht erst probiert haben, aus welchen Gründen auch immer. Die vielleicht konsequenteste Verweigerung, irgendetwas „schaffen“ zu wollen, habe ich einmal in einer Geschichte über einen ehemaligen NVA-Offizier gehört. Wenn die Story stimmt, dann hat sich der Mann nach der Wende regelrecht „abgemeldet“, indem er sich auf sein Gartengrundstück zurückzog, tagsüber lange Spaziergänge unternahm und konsequent jede Bemühung, ihn „in Arbeit zu bringen“ vereitelte und sich im Zweifelsfall mit wahlweise ärztlicher oder juristischer Hilfe zur Wehr setzte. Auch wenn das ein Extremfall sein mag – ich unterstelle, dass jeder Ostdeutsche mehrere Personen kennt, auf die das mehr oder weniger bewusste „Abgemeldetsein“ in graduellen Abstufungen zutrifft. Die hier benannten beiden Seiten sind also keine voneinander getrennten Gruppen, sondern ein Spektrum mit vielen Stufen zwischen den beiden Enden.

Was ist nun aber der Unterschied zwischen „Abgehängten“ und „Abgemeldeten“? Der erstere Begriff ist eine Diagnose – von außen als bewertende Beschreibung verpasst. Der Begriff unterstellt, dass jemand jemanden anders „abhängt“ und wie einen alten, nicht mehr gebrauchten Waggon auf einem Abstellgleis verrotten lässt. Das mag wiederum eine drastische Metapher sein, trifft aber, denke ich, den Kern. Der letztere Begriff unterstellt eine aktive Beteiligung der handelnden Personen. Und genau das geschieht auch: nur wenige lassen sich einfach „abhängen“ ohne zu kämpfen, nur dass von diesen Kämpfen höchstens im privaten Umfeld gesprochen wird und wenig an die Öffentlichkeit dringt.

Und nun warten Sie einmal: haben wir das alles nicht schon einmal gehört? Kommt Ihnen das nicht irgendwie bekannt vor? Was nun folgt, mögen auf den ersten Blick abenteuerliche Gedanken sein, aber ich will meinen, dass es sich lohnt, dieser Spur ein wenig zu folgen…

Es gibt ein Thema, über das im Osten wie im Westen früher viel gesprochen wurde – im Westen insbesondere während des „roten Jahrzehnts“ und im Osten in den vierzig Jahren zwischen Gründung und Ende der DDR. Das Thema, das ich meine, sind „Klassenunterschiede“. Wir wissen, dass Klassenunterschiede – oder etwas „heutiger“ ausgedrückt: die soziale Herkunft – auf sehr dramatische Weise festlegen, was aus einem Menschen werden kann und was nicht. Ein Arbeitersohn an der Spitze eines Unternehmens bleibt eine Ausnahme, auch (oder gerade?) heute. Die „soziale Durchlässigkeit“ ist in Deutschland nach wie vor gering, trotz mittlerweile fast fünfzig Jahre dauernder Anstrengungen, das Gegenteil zu bewirken. Man hat in der Geschichte vielfach versucht, den Schwächeren, den Unterdrückten eine Stimme zu geben, ihnen zu Macht zu verhelfen. Was man dann oft feststellen konnte, war, dass die Unterdrückten ihre Welt gar nicht so sehr in Frage stellten wie jene, die vor allem über die Ungerechtigkeit redeten, selbst aber mehrheitlich gar nicht aus den Schichten stammten, über die sie redeten. Die Schwachen und Unterdrückten dieser Welt litten und leiden, und was ihnen hilft, ist weniger intellektuelles Geschwafel als vielmehr die konkrete Linderung ihrer Not. So auch heute: wir reden seit fünfzig Jahren über gesellschaftliche Veränderungen, aber an der sozialen Durchlässigkeit hat sich nichts geändert. Es bleibt nach wie vor ein Kampf, den Weg über die Grenzen der eigenen sozialen Herkunft hinweg zu finden. Die Gewohnheiten der jeweils „anderen Welt“ irritieren die Angehörigen der eigenen Welt derart, dass das zu Konflikten und – öfter, als man gemeinhin glauben mag – zum Bruch mit dem Kontext der eigenen Herkunft führt, mitunter die eigenen Eltern eingeschlossen. Andererseits sind die Gewohnheiten jener Schicht, in die man sich bewegt, mitunter so anders als die eigenen, dass man sich fremd vorkommt und auch fremd wahrgenommen wird – selbst wenn man die jeweils notwendigen Kulturtechniken beherrscht, beherrscht man sie meist perfekter als die „angestammten“ Mitglieder jener Schicht, was einen wiederum besonders erscheinen lässt, weil dann eine gewisse Lässigkeit und ein „über-sich-selbst-lachen-Können“ fehlen.

Nun war die DDR, wie sie war. Es hilft wenig, wie das heutzutage viele tun, die DDR zu verklären. Andererseits ist es aber ebenso wenig hilfreich, im Pathos der Überwindung eines Unrechtsstaates zu verharren. Zur Bewältigung unserer heutigen gesellschaftlichen Hausaufgaben ist es zunächst hilfreich zu fragen, was eine DDR-Sozialisation bewirkt hat. Eine Bewertung, ob das nun gut (Verklärung) oder schlecht (Unrechtsstaat!) oder verbrecherisch (Stasi!) war, kann man vornehmen, man sollte sich aber ausgehend von solchen moralischen Urteilen nicht dazu verleiten lassen, damit alle Konsequenzen vom Tisch zu wischen. Die einen sagen dann nämlich Varianten der folgenden Sätze: „Das war doch alles Mist im Osten. Haben wir doch gesagt. Warum waren wir denn 89 sonst auf der Straße? Wir waren doch froh, als es endlich vorbei war. Dann müssen wir auch mit den Konsequenzen leben. Jetzt ist es doch in jedem Fall besser als damals. Wollen wir etwa unsere Freiheit nicht? Dann verstehe ich gar nichts mehr.“ Und die anderen? Die klingen etwa so: „Das haben wir uns damals aber anders vorgestellt. Jahrzehntelang als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden, ist alles andere als lustig. Damals waren die Unterschiede nicht so groß. Da war es egal, wer Du warst. Naja, vielleicht waren auch nicht alle gleich, aber es war besser als heute. Heute zählt nur, wer sich durchsetzen kann. Und das, das haben wir damals nicht gewollt.“ Die Konsequenzen treten unabhängig von der Bewertung der Ursachen ein. Die Ursachen liegen in der DDR-typischen Sozialisation, die Konsequenzen bestehen in einer gewissen, nicht vollständigen, aber immerhin tief fühlbaren Fremdheit oder eben „Restunsicherheit“ bezüglich der heute zu verwendenden Kulturtechniken.

Wenn man also den Osten verstehen will, dann gelingt dies nur, wenn man annimmt, dass nicht alle jener Hoffnungen des Herbstes 1989 in Erfüllung gegangen sind. Wie auch, könnte man salopp nachsetzen: „Das ist ja gerade das Wesen der Hoffnung, dass man nicht weiß, was die Zukunft bringt, dass einen die Hoffnung aber leitet.“ Und man könnte noch kritischer werden und rufen: „Die Hoffnung war eine Hoffnung auf Freiheit. Da waren sich seinerzeit fast alle einig. Und wenn man frei sein will, muss man Freiheit auch ertragen! Da sind sich irgendwie nicht mehr so viele einig. Dann wisst Ihr Ostdeutschen jetzt, was Ihr lernen müsst: kommt klar mit der Freiheit!“

Wenn es denn so einfach wäre! Ich halte es für falsch zu vermuten, dass die Menschen nicht mit der Freiheit klarkommen wollten oder konnten. Die meisten, denke ich, genießen die Freiheit sogar. Man wird heuer nicht gegängelt (oder doch? „Mindestens im Jobcenter!“, würden viele rufen), man kann sich hervorragend bilden, man kann reisen – neuerdings gibt es sogar einen „Arbeitnehmermarkt“, sprich, Arbeitnehmer sind in vielen Branchen so knapp, dass sich Arbeitgeber mittlerweile recht zahm verhalten – ein Umstand, der vor fünfzehn oder zwanzig Jahren in Ostdeutschland an vielen Stellen undenkbar erschien.

Meine Vermutung ist, dass die Erwartungen an Freiheit im Osten andere sind als auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik. Man stelle sich ein Spektrum vor zwischen den „durchindividualisierten“ Menschen Westeuropas und den „sozialistischen“ Menschen Osteuropas vor. Ja, diese sozialistischen Menschen hat es gegeben, und auch wenn man heute nicht mehr stolz darauf sein kann, weil es faktisch niemanden mehr gibt, der einen dafür bewundert oder mindestens lobt, heißt das nicht, dass die Prägungen, die Sichtweisen, die Emotionen des sozialistischen Menschen von der Erdoberfläche verschwunden sind. Die Regungen des sozialistischen Menschen liegen heute eher im Verborgenen, werden weniger gezeigt, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht weitergegeben werden. Viele der heutigen Stimmungen im Osten Deutschlands werden plausibel, wenn man sich den sozialistischen Menschen – positiv gesprochen – mit seinen Anpassungsleistungen an das große Ganze oder – kritisch gesprochen – mit seiner Einordnung oder gar seinem „Eingemahlensein“ in ein System vorstellt. Ich will damit nicht behaupten, dass Ostdeutschland noch immer voller sozialistischer Menschen ist, will aber meinen, dass Ostdeutsche auf einem Spektrum zwischen Individualisierung auf der einen und Einfügung in ein System auf der anderen Seite mehrheitlich eine andere Position einnehmen als ihre Landsleute im Westen. Damit gehen andere Erwartungen an Freiheit einher. Man nimmt sich weniger Raum, äußert sich ggf. zurückhaltender – und erwartet das auch von anderen. Man erwartet auch, dass der Staat fürsorglich handelt und in gewissen Lagen auch interveniert.

Der von vielen wahrgenommene Statusunterschied zwischen Ost und West bezieht sich also nicht nur auf politische oder wirtschaftliche Stärke oder Dominanz („Wer hat denn die Straßen im Osten bezahlt?“), sondern hat auch eine habituelle Dimension. Das wäre an und für sich ein Problem, das man zwar in den Zeitungen hin und wieder beschreiben würde, das aber für den Bestand unserer Gesellschaft nicht allzu problematisch wäre. Nach dem Motto: „Da gibt es halt Unterschiede, und die einen nehmen sie so wahr und die anderen so. Und? Was ist das Problem?“ Bis vor wenigen Jahren blieb das ganze Thema also mehr oder minder ein Spielplatz für Intellektuelle, die es nicht lassen konnten, sich damit zu beschäftigen. Doch spätestens 2015 hat sich das geändert. Seither rumort es in Ostdeutschland, und das Rumoren hat auch Teile der westdeutschen Gesellschaft ergriffen. Rein äußerlich regnet sich die ganze Debatte vor allem an den Flüchtlingen ab. Dahinter steckt aber, so möchte ich vermuten, etwas Grundsätzlicheres.

Nehmen wir noch einmal die nur zum Teil oder auch nicht erfüllten Hoffnungen des Herbstes 1989 – auch unter der Einschränkung, dass es in der Natur vieler Hoffnungen liegt, nicht in Erfüllung zu gehen, und auch unter Anerkenntnis des Einwands, dass viele vielleicht gar nicht so recht wussten, worauf genau sich die Hoffnungen richteten. Das Leben wird ja frei nach Kierkegaard vorwärts gelebt und rückwärts verstanden, und da gibt es eben vorwärts die Hoffnung und rückwärts die Enttäuschung, wobei in diesem Zusammenhang die Schreibweise Ent-Täuschung treffender wäre, weil sich einige Hoffnungen eben als Täuschungen entpuppten oder – tragischer noch – einige Hoffnungen erst im Nachhinein in den Herbst 1989 hineinprojiziert wurden, der historische Moment heute also mit schwereren Hypotheken aufgeladen ist, als er eigentlich verdient hat. Nehmen wir also noch einmal die nur zum Teil oder nicht erfüllten Hoffnungen und betrachten diese im Zusammenhang mit den besagten anderen Erwartungen an Freiheit. Und betrachten wir dann einmal die Ereignisse im Sommer und Herbst 2015. Womöglich hätte sich niemand außer den „üblichen Verdächtigen“ daran gestoßen, wenn ein paar Sonderzüge mit Flüchtlingen aus Budapest nach Deutschland geholt worden wären. Aber als die „Willkommenskultur“ ansprang und sich Journalisten reihenweise nach Ungarn begaben, um sich hernach selbst dafür zu feiern, dass sie ihre Handyladegeräte an Flüchtlinge verliehen oder einer Familie Zugtickets nach Deutschland gekauft hatten (ganz nebenbei hatten sie natürlich auch schreckliche Geschichten gehört!), haben das viele nicht mehr begriffen, nach dem Motto: „Was ist los mit einem Land, dem es gut geht (eine mögliche Sicht), das aber seine Hausaufgaben noch nicht fertig hat (wahrgenommene Ungerechtigkeiten; eine weitere mögliche Sicht)?“ Diejenigen, deren Hoffnungen sich seinerzeit nicht erfüllt hatten, sahen nun die Hoffnung in den Gesichtern derer, die „Deutschland, Deutschland!“ riefen. Ein bezeichnenderes „Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Sein“ – im Prinzip eine unerwünschte Konfrontation mit der eigenen Geschichte – lässt sich kaum denken. Und wenn man dazu in der schwächeren Position ist oder glaubt zu sein – auf wen richten sich dann die Emotionen?

So macht die Sache in meinen Augen Sinn, das heißt, so wird die Sache verständlich: Jeder Mensch kennt das von sich selbst. Es gibt Wahrheiten über das eigene Leben, die man nicht oder nur sehr dosiert wissen möchte. Im Falle von als zu krass empfundenen Konfrontationen mit einer der verdrängten Wahrheiten geht der Selbstschutz an. Soziologisch betrachtet sind (und sehen sich auch selbst) die Ostdeutschen in der schwächeren Position. Das zu ertragen ist schon schwer genug. Kommen nun aber andere, die genau solche Hoffnungen haben, wie ein größerer Teil der Ostdeutschen einst hatte, dann wird das Ertragen unerträglich, dann folgen Ärger und Wut. Aber auch das wäre noch gegangen, irgendwie hätte man sich schon arrangieren können, wenn die beteiligten Politiker und Journalisten die Wut hingenommen hätten. Aber nein, es folgte das, was in solchen Situationen gar nicht hilft, sondern alles nur noch schlimmer macht: es wurde diagnostiziert, belehrt und im Zweifel sogar stark abgewertet. Und was tut jemand, der sich ärgert, aber belehrt wird, dass er sich gar nicht ärgern dürfe, und dass er gar ein „Nazi“ sei, wenn er sich ärgert? Nun, wenn man es ihm nur oft genug sagt, dann wird er sich ein bißchen so benehmen, wie man es ihm unterstellt, weil das dann die einzige einigermaßen selbstwerterhaltende Handlungsoption ist. Das heißt nicht, dass es keine Neonazis gibt. Wenn einer ein Flüchtlingsheim anzünden möchte, helfen keine Gespräche, sondern gute Ermittlungsarbeit und konsequentes polizeiliches und juristisches Handeln. Aber die ostdeutsche Empörung generalisierend mit latentem Rassismus oder gar Neonazitum in Verbindung zu bringen, macht das Problem nicht besser, sondern schlimmer, weil die so Vor-Verurteilten erst recht nicht mehr wissen, wohin mit ihren Meinungen. Von dort ist es nicht mehr weit zu dem „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“ der gewohnheitsmäßig Empörten. Als Gesellschaft sollten wir uns genau überlegen, wie vielen wir nicht mehr zuhören – und das „nur“ um des Festhaltens an einigen postmodernistischen Leitvorstellungen willen.

Bisher habe ich vor allem soziologisch und ergänzend psychologisch argumentiert. Da ich aber selbst einige Jahre in der Flüchtlingsarbeit tätig war – zunächst in einem deutschen Asylbewerberheim und später in Bosnien-Herzegowina – möchte ich hier einige persönliche Bemerkungen anfügen:

  1. Es gibt ein „migrantisches Binnenspektrum“. Ein Teil der hier Angekommenen hat tatsächlich eine Geschichte über Not, Bedrohung, Verfolgung, Vertreibung, Folter, Verstümmelung oder anderen Grausamkeiten zu erzählen. Für diejenigen ist unsere Asylgesetzgebung eigentlich gemacht, und das ist und bleibt auch gut so. Wer soll es denn wissen, wenn nicht wir Deutschen? Aber es kommen nicht nur Menschen mit einer Geschichte, die dem Zweck des Asylrechts entspricht. Es kommen auch jene, die eigentlich als „potentielle Einwanderungskandidaten“ bezeichnet werden müssten, für deren Einreise es aber keine legale Grundlage gibt, weil wir keine nennenswerten Einwanderungsgesetze haben. Also „tarnen“ diese Menschen ihre Gründe und erfinden möglicherweise asylrechtlich relevante Gründe. Schließlich, und das muss Anerkennung finden, sonst nehmen die Probleme weiter zu, kommen auch Menschen her, die keine guten Absichten hegen. Ich kenne Leute, die in der Betreuung von Migranten arbeiten und das Gefühl haben, nicht wirklich offen über die Probleme in dieser Arbeit sprechen zu können. Selbst dort! Damit meine ich nicht nur die Probleme, die durch Rassismus entstehen, sondern vor allem negative bis gefährliche Erlebnisse mit Migranten, Bedrohungen, die ausgesprochen werden, kriminelle Handlungen, von denen man erfährt. Wenn man sich zu differenziert äußert und auch die negativen Bereiche des „Binnenspektrums“ beleuchtet, erfahren diese Menschen im Kollegenkreis und vor allem von Vorgesetzten häufig Ablehnung, so als dürfe man nicht über solche Probleme sprechen. Das betrifft auch Bedenken hinsichtlich der Integrierbarkeit der großen Zahl von Migranten und der Integrierbarkeit bestimmter Gruppen. Wo kommen wir hin, wenn ein „Wir schaffen das!“ nicht mit „Was wollen wir schaffen?“ und „Wie schaffen wir das, was wir schaffen wollen?“ hinterfragt werden kann – und wenn selbst in dieser Arbeit Tätige darüber gleichsam prophylaktisch schweigen?
  2. Integration dauert viel länger, als wir uns vorstellen. Erstens gehört, und das vergessen viele in der Diskussion um Flucht, Migration, Asyl usw., zur Flucht oft auch die Rückkehr. Kriege gehen, zumindest in der Regel, nach einigen Jahren zu Ende. Dass sich Kriege selten lohnen, muss hier nicht diskutiert werden. So wie bei der Entstehung eines Krieges irgendwann die Gemäßigten von Radikalen verdrängt werden, diese radikalen Kräfte dann den Krieg vom Zaun brechen oder die Kriegserklärung einer anderen Seite mehr oder minder vorbereitet annehmen, so gewinnen, wenn sich der Krieg langsam seinem Ende entgegenneigt und sich die Kraft der Radikalen „verkämpft“ hat, die gemäßigten Kräfte wieder mehr Gewicht und übernehmen vor oder nach dem Ende des Krieges wieder das Zepter. Das ist nicht immer so, aber oft genug, als dass man nach einem Krieg in der Regel eine gewisse Beruhigung, Befriedung und „Rezivilisierung“ erwarten kann. Dann wird es auch wieder möglich, in den betroffenen Ländern zu leben. Eine besonders tragische Ausnahme bildet Afghanistan mit seinen nun bald ein halbes Jahrhundert dauernden Konflikten. Zweitens, und das ist der Kern dessen, was ich hier sagen möchte, malen wir uns, was Integration betrifft, gern romantische Bilder. Integration verlangt den Beteiligten viel ab. Es ist im Vergleich zu einem Leben in einer angestammten Kultur ein Mehrfaches an Motivation und Aufwand notwendig, seinen Weg in einem fremden Land zu gehen. Ich habe das in einem anderen Text auf diesem Blog bereits ausführlich beschrieben, weshalb ich mich an dieser Stelle entsprechend kurz fasse. Solchen Argumenten wird gern entgegengehalten, dass es so etwas wie „angestammte Kulturen“ mit entsprechend homogenen Bevölkerungen gar nicht mehr gebe, und dass Integration andauernd irgendwie und irgendwo stattfinde. Das stimmt – zum Teil. Das Argument trifft vor allem auf von der Globalisierung profitierende, mehr oder minder „kontinental“ oder gar „transkontinental“ lebende Menschen zu. Es gibt diejenigen, die aus Deutschland stammen, in Spanien geheiratet haben, ihre Kinder in Australien großziehen usw., sprich, die auf dem Globus zuhause sind. Ja. Aber was sind die Voraussetzungen für ein solches Leben? Mindestens hohe Bildung und eine sehr gute materielle Ausstattung. Und auf welche Menschen trifft das vor allem zu? Und ist es – quasi als Norm – auf alle derzeitigen Migrantengruppen verallgemeinerbar? Ist uns wirklich klar, was es heißt, größeren Gruppen aus eher „fernen“ Kulturen hier eine echte Chance zu geben? Ist uns klar, wie weit der Weg für Analphabeten und noch für deren Kinder ist? Haben wir wirklich so viel Geduld? Ich meine nicht, dass wir es lassen sollten, ich meine aber – und dass tue ich vor allem vor dem Hintergrund intensiver Beschäftigung mit dem Thema – dass wir sehr langsam machen sollten.
  3. Willkommenskultur hat mehr damit zu tun, wie sich viele Deutsche sehen wollen, und weniger damit, wie wir Deutschen wirklich sind. Man kann sich bekanntlich nicht selbst betrachten, sondern sieht sich selbst mehr oder minder durch die Augen der anderen. Wie sehen sich die Deutschen? Ich möchte diese Frage hier nicht erschöpfend beantworten, sondern möchte nur zu bedenken geben, dass die „Willkommenskultur“ in der Regel recht bald nach der Ankunft und den ersten Monaten Betreuung endet. Irgendwann kommt der Alltag der Institutionen zurück, irgendwann verliert sich das große ehrenamtliche Engagement. Meine größte Wertschätzung gilt jenen Menschen und Projekten, die es schaffen, über Jahre und alle tiefen Gräben der Frustration und der Desillusionierung hinweg kontinuierlich zu arbeiten. So wie viele Ostdeutsche nicht in der Bundesrepublik angekommen sind, so werden viele Migranten nicht in Deutschland ankommen. Das ist ein weiteres Argument, sich um diejenigen besser zu kümmern, die da sind – und den Zuzug zu regulieren. Eine kürzlich von meinem Team durchgeführte Untersuchung zeigt ziemlich genau auf, was notwendig wäre, um den sozialen Frieden in Deutschland wiederherzustellen – oder, falls das zu pathetisch formuliert ist, was getan werden müsste, um die aktuellen Spaltungen deutlich zu reduzieren und der Radikalisierung in einigen Teilen unserer Gesellschaft Einhalt zu gebieten. Es sind drei relativ machbare Dinge: (a) eine Obergrenze für den Zuzug von Migranten, (b) eine Einwanderungsgesetzgebung, die den Namen verdient, (c) zuzugeben, dass 2015 einiges falsch gelaufen ist und sich dafür zu entschuldigen. Letzteres heißt nicht, dass man Flüchtlinge nicht hätte aufnehmen sollen. Letzteres heißt, dass die Art und Weise und die Dimensionen falsch waren und das Ganze in der Gesellschaft unzureichend legitimiert war. Danach mit „Kommunikation“ irgendetwas zu berichtigen oder zu bearbeiten oder – schlimmer noch – die Leute zu belehren, machte die Sache nur schlimmer und hat zu den heute wahrnehmbaren Wirkungen geführt.

Aus einer solchen Sicht ist es kein Wunder, dass die AfD so erfolgreich wurde. Sie wird – und beinahe: muss – noch stärker werden, wenn nicht ein gewisser Sinn für die ostdeutschen (und bald gesamtdeutschen) abweichenden Sichtweisen erlernt wird. Ich rede hier nicht von den Radikalen. Ich rede hier von Menschen, die sich ehrlich unverstanden fühlen und die – außer im privaten Umfeld – nicht mehr sprechen. Für diese Menschen ist Willkommenskultur schlicht und einfach Ausdruck „elitären Wohlstandswahns“. Im Grunde könnte man einen Teil der ostdeutschen Empörung auch so formulieren: „Passt mal schön auf, den Flüchtlingen geht es irgendwann wie uns: erst werden sie angelockt und als Fachkräfte verklärt, und dann werden sie an der langen Leine der deutschen Bürokratie verhungern gelassen.“ Die etwas freundlichere Formulierung wäre: „Wir sind noch nicht einmal mit der einen Hausaufgabe fertig, da halsen wir uns die nächste, viel größere Herausforderung auf. Wir sollten froh sein, dass es läuft, und wir sollten unseren Teil dazu leisten. Aber doch nicht so! Wir sind nicht die Heilsbringer Europas und schon gar nicht der Welt.“

Zurück zum Anfang – der Versuch eines Fazits: Was wir 1989 und nach der Wende wollten, war Freiheit. Die haben wir auch bekommen. Wir haben die Freiheit unterschiedlich nutzen können – einige hatten mehr Glück als andere. Zwischen den einen und den anderen klafft heute ein tiefer Spalt – und das zeigt sich nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. Aus einem deutsch-deutschen Problem wird so ein gesamtdeutsches Problem zwischen jenen, denen die Globalisierung zu Erfolgen verhilft, und jenen, die zunehmend fassungslos bestaunen, was die anderen so treiben. Die Effekte solcher Spaltungen sind allerorts zu beobachten – in Ungarn genauso wie in den Vereinigten Staaten. Die Art und Weise, wie wir derzeit über diese Dinge sprechen, ist nicht hilfreich – im Gegenteil: die Spaltungen werden dadurch noch verstärkt. Während sich die einen entrüsten (bis hin zur Wut und natürlich angestachelt durch Radikale), meinen die anderen, die einen belehren zu müssen. Herablassung ist keine Frage der Bildung, Herablassung ist eine Frage der Haltung. Und an dieser Stelle haben – und damit tröte ich ausdrücklich nicht in das Horn jener, die „Lügenpresse“ rufen, sondern meine das ganz und gar ernst – viele Politiker und Journalisten noch viel zu lernen. Belehrung wird als Arroganz empfunden. Man schweigt dann, weil man das Gefühl bekommt, minderwertig zu sein und nicht mehr sagen zu können, was man denkt. Davon gehen die Sichtweisen aber nicht weg – im Gegenteil: Die Radikalen bekommen mehr Redezeit und mehr Zulauf.

Jörg Heidig

Veränderung beginnt im Kopf

Am 05.02.2018 teilten unter dem #Zirkeltag viele Menschen ihre Erinnerung an die Berliner Mauer. An diesem Tag existierte sie exakt 28 Jahre, zwei Monate und 27 Tage – so lange, wie sie auch einst stand. Viele nahmen den Anlass dazu, ihr bisheriges Leben zu reflektieren und erzählten kurze Geschichten darüber, inwiefern die Wiedervereinigung ihr Leben beeinflusst hatte bzw. wo und wie sie vermutlich leben würden, wenn die Mauer noch stehen würde. Parallel dazu kursierten ebenso Artikel darüber, dass sie aber nach wie vor noch existiere – zumindest in den Köpfen vieler Menschen.

Ich selber habe weder die Teilung, noch den Fall der Mauer aktiv miterlebt, da ich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Schritt auf der Erde getan hatte. Allerdings bin ich mittlerweile 27 Jahre alt und habe seitdem schon diverse Mauern kennengelernt, die in einer Vielzahl von Köpfen errichtet wurden und dort existieren. Daher kann ich meine ganz persönlichen Geschichten von ihnen erzählen.

Als Kind habe ich mir nie bewusst Gedanken über meine Herkunft und meine Identität gemacht. Für mich gab es auch nicht das „Deutsche“ und das „Griechische“ in mir. Ich bin in NRW geboren, in Berlin aufgewachsen, habe die griechische Staatsangehörigkeit, spreche beide Sprachen fließend und fühle mich zu beidem verbunden. Irgendwann, als ich älter wurde, habe ich aber dann doch bemerkt, dass es für mich Unterschiede gibt und dass ich manchmal Nina Eleni Sarakini und manchmal Νινα Ελενη Σαρακινη bin.

Als ich im Sommer 2014 Freunde von mir in Südfrankreich besuchte, ist mir aufgefallen, dass sich alle von ihnen wie selbstverständlich als Franzosen bezeichneten. Auch dann, wenn ihre Eltern einen Migrationshintergrund hatten. Aus Deutschland kannte ich das bisher nicht und irgendwie war das für mich etwas befremdlich. Dann habe ich herausgefunden warum: Ich selber bezeichne mich nicht als Deutsche und habe manchmal auch den Eindruck, ich hätte nicht das Recht dazu, dies zu tun.

Mich hat diese Erkenntnis ziemlich lange beschäftigt und ich wollte herausfinden, woran das liegt. Wie gesagt, als Kind war das nie ein Thema, aber scheinbar ist es unbemerkt zu einem geworden. Irgendwann ist mir die Schlüsselsituation wieder eingefallen, die dazu geführt hat, dass ich plötzlich daran gezweifelt habe, dass ich von anderen als dazugehörig wahrgenommen werde und mich auch selber nicht bedingungslos als dazugehörig empfinde.

Von außen gesehen war es nichts Weltbewegendes, was passierte. Nur ein einziger Satz, den meine Praxisanleiterin damals zu mir gesagt hatte, als ich in der 8. Klasse ein Praktikum in einer Redaktion absolvierte. Ich saß am Schreibtisch und adressierte gerade die Post. Ganz sauber und ordentlich schrieb ich:

An Annelise Schmidt Am Pfauenweg 7 13047 Berlin

Meine Anleiterin kam vorbei, warf einen Blick über meine Schulter und sagte dann, in einem äußerst maßregelnden Ton: „Nee, nee, nee. So nicht. Also bei uns hier in Deutschland, da schreiben wir immer noch Herr oder Frau dazu“.

Die Zurechtweisung beschäftigte mich. Vor allem zwei Äußerungen hatten mich sehr getroffen und noch Jahre später viel in mir ausgelöst: „Bei uns“ und „wir“. Innerhalb von Sekunden hatte meine Anleiterin eine Mauer zwischen uns errichtet, oder war sie die ganze Zeit schon da und ich hatte sie nur nicht gesehen?

Und dann ist mir erstmal aufgefallen, wie oft ich schon in solche Situationen geraten bin, in denen ich eben als „anders“, „nicht dazugehörig“, „exotisch“ wahrgenommen werde. Früher wurde ich oft als Türkin gehalten und selbst der Verkäufer im türkischen Supermarkt war irritiert, wenn ich mit ihm deutsch und nicht türkisch gesprochen habe. Mittlerweile bin ich mal Syrerin, Iranerin oder Inderin. Es ist wirklich spannend zu beobachten, wie groß das Bedürfnis ist, jemanden einordnen zu wollen. Wir labeln alle fleißig vor uns her und drücken einander Identitäten auf. Die Identität muss aber auch immer schön zu der Mauer passen, die wir in unserem Kopf erschaffen haben.

Ich merke immer wieder, dass mein Aussehen und meine Art und Weise deutsch zu sprechen, für viele Menschen irgendwie irritierend ist. Von dem Bankangestellten wurde ich für eine Kontoeröffnung nach meinem Geburtsort gefragt. Ich antwortete ihm, dass ich in Hagen, in NRW geboren wurde, was er mit „Aha, das ist ja interessant“ kommentierte. Nach der Bearbeitung meines Anliegens musste er aber doch noch etwas loswerden: „Mensch, sagen Sie mal, wie lange leben Sie denn schon in Deutschland?“. Etwas verwundert antwortete ich „Seit 27 Jahren, ich bin ja hier geboren“. Die Verwunderung übertrug sich auch auf ihn: „Ach was? Dafür sprechen Sie aber wirklich ausgesprochen gut Deutsch“. Ich bedankte mich und gab das Kompliment an ihn zurück.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich mal auf einer Zugfahrt, als ich mir mit 12 Jahren eine Linsensuppe im Bordrestaurant kaufen wollte. Sie wissen schon, kleiner Tresen, eine stark eingegrenzte Auswahl an Speisen und Getränken. Ich bin dann zu dem Angestellten hin und habe gesagt: „Hallo, ich hätte gerne einmal die Linsensuppe, bitte“. Völlige Irritation, Schweißausbrüche, große Augen und Stottern folgten. „Äh, äh. Ja, äh, Linsensuppe. Äh, also die da?“. Er drehte sich um und zeigte auf eine Werbetafel auf der „Linsensuppe 2,60€“ stand. – „Joa, also wie viele Linsensuppen haben Sie denn?“

– „Ja, eine. Nur die.“
– „Prima, dann nehme ich genau die“

Und wie jede Person, die mit der Ausländerbehörde zu tun hat, habe auch ich dort schon die ein oder andere Anekdote erlebt. Wie das eine mal, als ich mit einem Sachbearbeiter telefonierte: „Guten Tag, Sarakini mein Name. Ich benötige für meinen Bafög-Antrag eine Bescheinigung von Ihnen. Leider habe ich gesehen, dass Ihre Öffnungszeiten in meiner Schulzeit liegen. Da wollte ich fragen, ob ich einen Termin mit Ihnen vereinbaren könnte“. Die Antwort kam prompt und sehr durchdringend: „Nee, Termine machen wir hier gar nicht. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Menschen wie Sie nicht gerade die Zuverlässigsten sind“.

Diese Gespräche, die sich so ergeben, die ermöglichen es mir ganz gut zu erkennen, mit welchen Gedankenmustern Menschen durchs Leben gehen und es ist häufig ein Zusammenspiel aus Neugier und Interesse, mit dem mir begegnet wird. Das merke ich schon und ja, ganz oft auch eine ordentliche Portion Unbeholfenheit.

„Ähm, und? Wo kommen Sie her?“

Ich weiß nicht, wie oft Ihnen schon diese Frage gestellt wurde und ob es für Sie immer ganz eindeutig war, was Sie darauf antworten. Für mich ist es manchmal schwierig eine Antwort darauf zu geben, obwohl das eine der Fragen ist, die mir bisher am häufigsten gestellt wurde. Ich habe in all den Jahren gelernt, dass es gar nicht um die Frage geht, wo ich herkomme, sondern woher mein ausländisches Aussehen stammt. Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass ich zwei Möglichkeiten habe auf diese Frage zu antworten und inwiefern meine Antwort den weiteren Verlauf des Gespräches beeinflusst. Ich kann das Muster der Leute bedienen und ganz brav antworten, dass ich aus Griechenland komme und nochmal betonen, dass sowohl meine Mama als auch mein Papa eine griechische Staatsbürgerschaft haben. Meistens endet das Gespräch dann aber ganz schnell, schließlich ist ja alles geklärt, oder aber es folgen weiterführende Dialoge über die aktuelle politische und finanzielle Lage in Griechenland und ob meine Familie da unten am Verhungern ist.

Eine Alternative ist es, das Muster zu durchbrechen, indem ich die Erwartungen auf eine humorvolle Weise nicht erfülle, indem ich ganz ehrlich sage, wo ich denn gerade herkomme: Vom Einkaufen, aus der Hochschule oder einem Besuch aus dem Pub. Das kostet mich aber ehrlich gesagt auch viel Mut.

Besonders erschreckend ist es immer dann, wenn ich Angelegenheiten nicht erledigen kann, weil die Mauer in dem Kopf meines Gegenübers viel zu hoch und grau ist. Dann habe ich keine Chance sie etwas einzustampfen oder bunt zu bemalen, wenigstens ein bisschen. Zu hohe und eintönige Mauern können zu erheblichen Kommunikationsstörungen führen, wie ich es mal mit einer Sachbearbeiterin eines Bürgeramts erlebt habe, bei der ich mich mit folgendem Anliegen meldete:

„Guten Tag, ich würde mich gerne Ummelden und wollte fragen, welche Unterlagen ich dazu einreichen muss“. Schon beim Aussprechen starrte sie mich mit großen Augen an und fixierte meine Lippen so nach dem Motto: „Jetzt muss ich mich besonders anstrengen, um zu verstehen, was sie sagt“. Als ich fertig war, schaute sie mich weiter an antworte etwas holprig: „Du wollen machen…“ –

Ich unterbrach sie direkt: „Wissen Sie, Sie können ganz normal mit mir reden“. Wieder schaute sie meine Lippen an. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nicht gewusst, wie unangenehm das sein kann. Dann sagte sie: „Ähm, okay, also, du wollen machen was?“. Ich fürchtete schon, dass ich so nicht weit kommen würde und probierte es anders: „Will isch machen das Anmeldung fur noie Wohnunk, ey!“. Dann lächelte sie verständnisvoll und nahm ein Blatt Papier von einem Stapel und informierte mich sehr langsam und sehr deutlich: „Ah, ja. Du machen Formular, diese hier, schreiben und geben mir“. Besonders hilfreich war es, dass sie das Ganze noch gestisch untermalte. Bei „du“ zeigte sie auf mich, bei „Formular“ auf das Papier und bei „mich“ auf sich.

„Läuft doch!“, dachte ich erfreut über diesen kleinen Fortschritt, aber nur bis sich Enttäuschung und Entsetzen bei mir breitmachten und dann war da noch etwas: Angst. Was, wenn die Mauer am Ende siegt und ich in Zukunft zu keinem Bewerbungsgespräch eingeladen werde, weil mein Nachname Sarakini und nicht Schmidt oder Müller lautet? „Wenn ich Glück habe, denken die, Sara ist der Vor- und Kini der Nachname“, versuchte ich mich zu beruhigen. Trotzdem stellte ich mir die Frage, ob es meinen Kindern und Enkelkindern auch eines Tages so ergehen wird.

Wie gesagt, ich habe eher das Gefühl, dass dieses Verhalten primär geprägt ist durch Unbeholfenheit, gekoppelt mit sehr starken Gedankenmustern, die eben irgendwo herkommen. Ich freue mich darüber, wenn Menschen mich ansprechen und sich austauschen wollen und ich habe den Eindruck, dass die Unbeholfenheit immer dann besonders stark ist, wenn die Leute wenig Berührungspunkte mit Menschen haben, die eben keine deutsche Staatsbürgerschaft haben oder eben nicht aussehen wie Bernd oder Hannelore. In Sachsen habe ich auch schon viele solcher Erlebnisse gehabt. Manche waren amüsant, manche schon sehr schockierend.

Bei einem Optiker in Sachsen wurde ich darauf hingewiesen, dass ich einen Sehtest für amtliche Angelegenheiten nur machen kann, wenn ich einen deutschen Pass habe. Alternativ könne ich aber auch einfach meinen Asylantrag vorlegen. Das ist dann der Moment, wo ich dastehe und paranoid werde: „Wo sind jetzt hier die Kameras?“ und mich frage, ob ich lachen oder schreien soll. Ich hatte aber Glück. Griechenland ist ja noch in der EU, deshalb ging es auch mit dem griechischen Pass.

Das mit dem Pass ist sowieso etwas paradox. Ich habe Freunde mit einem Deutschen Pass die sagen: „Ach Nina, weißt du was? Ich werde sowieso immer gefragt wo ich denn nun wirklich herkomme. Deutscher Pass hin oder her!“ Und dann treffe ich Leute, die es völlig absurd finden, dass ich keinen deutschen Pass habe: „Hä? Aber du bist doch in Deutschland geboren. Du bist Deutsche!“

Klar, Identität, das hat auch immer was mit der Herkunft und der Kultur zu tun und natürlich prägen mich meine Einflüsse da sehr, sowohl das Griechische, als auch das Deutsche. Ich möchte aber meine Persönlichkeit nicht ausschließlich aus diesen zwei Bausteinen aufbauen. Für mich gehört da noch so viel mehr rein, als die Herkunft. Was meine Leidenschaft ist, wofür ich einstehe, was mich bewegt und was ich bewegen will, genauso wie das, was ich ablehne.

Bezogen auf die griechischen und deutschen Einflüsse mache ich es ein bisschen wie meine Oma, die als klassische Gastarbeiterin gemeinsam mit meinem Opa aus einem griechischen Dorf in Nordgriechenland nach NRW gezogen ist, um in einer Fabrik zu arbeiten. Sie kreiert ständig neue Wörter, wie z.B. „Brotáki“. Das Wort setzt sich zusammen aus dem deutschen Wort „Brot“ und der griechischen Verniedlichungsform „áki“. So wird aus einem Brot ein Brötchen.

Wissen Sie, eins ist mir wichtig. Ich möchte mich nicht als Opfer darstellen und sagen: „Das ist alles so schrecklich, so schlimm und gemein“. Ich mag diese Zuschreibung und Annahme der Opferrolle nicht. Das will ich nicht und das ist es auch nicht. Viel mehr finde ich es spannend zu erleben, mit welchen (Gedanken-)Konstrukten Menschen durchs Leben gehen, welche Mauern errichtet wurden und wie schwer es ist, diese zu durchbrechen und selbst der lebende Beweis für das Gegenteil dessen, was wir denken, ist nicht stark genug um die Mauern zu Fall zu bringen.

Manchmal, da finde ich es sehr amüsant, diese Erlebnisse zu machen. Das war nicht immer so, aber ich habe für mich festgestellt, dass Humor ein gutes Mittel sein kann, um mit solchen Situationen umzugehen. Stören und wirklich wütend macht es mich nur dann, wenn ich mitbekomme, dass ich aufgrund meines Aussehens oder eines ausländischen Passes ungerecht behandelt werde. In diesen Situationen wird mir dann bewusst, welch machtvolles Werkzeug die Sprache ist. Die hilft mir in solchen Momenten mich abzugrenzen und für mich einzustehen und dafür bin ich sehr dankbar.

Und bezogen auf die Frage, wo jemand herkommt, sollte am Ende nur entscheidend sein, dass wir alle aus dem Bauch unserer Mütter kommen und was die Mauern angeht: Veränderung beginnt im Kopf.

Nina Eleni Sarakini 14.02.2018

Wie Kulturen entstehen, und was das mit interkultureller Kooperation zu tun hat

Mit diesem Beitrag versuche ich, drei Fragen zu beantworten: 

  1. Wie ist unsere Fähigkeit zu kommunizieren entstanden?
  2. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse lässt sich die Frage beantworten, wie Kultur entsteht und weitergegeben wird.
  3. Schließlich kommen wir zu einer Antwort auf die Frage, was das mit interkultureller Kooperation zu tun hat.

Es kommt alles aus der Sprache

Um zu begreifen, wo unsere Fähigkeit zu kommunizieren herkommt bzw. wie sie entstanden ist, ist es hilfreich, sich die Lebenssituation der „Urhorde“ vorzustellen – und zwar zunächst als eine Ansammlung von Primaten, deren „Signale“ noch denen anderer Säugetiere entsprochen haben. Kennzeichen von „Tiersprachen“ ist es, dass ein Signal immer eine bestimmte Reaktion zur Folge hat. Eine Drohgebährde führt zu einer weiteren Drohgebährde – so lange, bis eines der beteiligten Tiere angreift oder flüchtet. Tiere „verstehen“ die Signale nicht – weder die anderer Tiere noch die eigenen. Sie reagieren direkt. Nun muss man sich vorstellen, dass eben jene Primaten irgendwann angefangen haben, sich im Verband zu verhalten, also beispielsweise bestimmte Rollen bei der Jagd auszuprägen. Durch diese Rollenverteilung, also Anfänge von Kooperation, wurde die Jagd effektiver. Durch diese steigende Effektivität entstanden Freiräume – vielleicht hockte man nun um das Feuer herum und hatte so viel zusammengejagt und -getragen, dass man ein wenig Zeit hatte. Die Fähigkeit zum Produzieren von Signalen gab es bereits – nur hatte bis dato ein Signal eine direkte Reaktion zur Folge. Man stelle sich vor, einer der beteiligten Primaten zeigt auf ein Beutestück und macht einen bestimmten Laut dazu – und zwar nicht als direktes Signal, sondern vielleicht als Bezeichnung desselben, um dem Bezeichneten nachher ein bestimmtes Attribut zu verleihen (etwa: besonders groß). Dies könnte als eine „erste signifikante Geste“ verstanden werden – keine Geste mehr im direkten Verhaltensfluss, sondern eine Geste, die etwas bezeichnet. Damit verhält sich der betreffende Primat nicht mehr nur auf Reize oder Gesten hin, sondern er benutzt eine Geste, um einem Objekt eine bestimmte Bedeutung zu verleihen. Damit wird die Bedeutung dem betreffenden Primaten bewusst. Angenommen, er wiederholt seine Zeigehandlung ein paar Mal, bis auch andere Primaten ihn nachahmen: das erste geteilte Symbol ist entstanden. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, dass auch andere Primaten mit einem bestimmten Objekt eine bestimmte Bedeutung verbinden (zum Beispiel: X = groß). Von einer ersten Bedeutung ist es zu anderen Bedeutungen nicht weit, denn nun können Unterschiede gemacht werden (beispielsweise: Y = nicht groß = klein). Nun haben wir das, was uns als Menschen von anderen Säugetieren unterscheidet: wir können Dingen Bedeutung verleihen, was wir mit Hilfe sprachlicher Symbole tun. Der Unterschied zu tierischen „Sprachen“ ist, dass Tiere nicht wissen, welche Bedeutung bestimmte Gesten haben (sondern direkt reagieren), Menschen hingegen schon – weil wir wissen, was ein bestimmtes Signal bedeutet, indem wir uns nicht direkt dazu verhalten (was bei körpersprachlichen Signalen trotzdem oft genug passiert, etwa wenn wir ärgerlich sind), sondern indem wir prinzipiell dazu in der Lage sind, Bedeutungen zu verstehen, indem wir ihre Konsequenzen mit Hilfe von Symbolen simulieren können. Denken ist also nichts anderes als eine Simulation von Ereignis- oder eben Handlungsketten mit Hilfe von Symbolen. Wir sind also nicht auf das Risiko des direkten Verhaltens angewiesen, sondern können uns – den entsprechenden Abstand von heftigen Affekten vorausgesetzt – von der Verhaltensverkettung „lösen“ und die möglichen Konsequenzen anhand entsprechender – sprachlicher – Symbole simulieren. Das erlöst uns von dem Zwang der direkten Reaktion (Verhalten) und ermöglicht uns eine bewusste Wahl (also die Handlung).

Auf diese Weise konnten sich unsere Vorfahren aus der direkten Verkettung von Reiz-Reaktions-Abfolgen lösen – die unmittelbare Bindung des Tieres an das Geschehen im Hier und Jetzt wurde durch die Symbolisierbarkeit und die wechselseitige Weitergabemöglichkeit von Symbolen bei gleichzeitigem Verständnis gelöst. Das Denken als Probehandeln und die Thematisierung von Vergangenheit und Zukunft – als Voraussetzung für Lernen im Sinne einer Auswertung von Vergangenem und einer darauf basierenden, alternativen Planung der Zukunft – wurden möglich.

Wie entsteht Kultur?

Nun müssen wir uns weiter vorstellen, dass ein so mit „Symbolisierungskompetenz“ (also der Fähigkeit, etwas zu benennen und die Benennung interindividuell nachvollziehbar zu machen, also gemeinsam zu symbolisieren) ausgestatteter Verband unserer Vorfahren bestimmte Erfahrungen macht. Indem etwa im Falle einer ungünstigen Erfahrung die entsprechenden Ereignisse symbolisiert und denkend „ausgewertet“ werden – einschließlich der Entwicklung einer alternativen Handlungsoption -, haben wir das, was wir eine Idee nennen. Nun hatten unsere Vorfahren sicher viele Ideen – sie hatten ja auch eine ganze Reihe von Problemen. Einige dieser Ideen erwiesen sich als hilfreich oder wirksam, andere weniger. Die zum Handlungserfolg führenden Ideen wurden freilich mit Symbolen versehen – sie waren ja selbst durch Denken entstanden – und damit vom unmittelbaren Kontext des Auftretens des Bedarfs bzw. der Anwendung gelöst. Diese Symbolisierung macht die entsprechenden Ideen wiederholbar – vorausgesetzt natürlich, die entsprechenden problematischen Situationen und die Erfahrungen wurden ebenfalls signifikant symbolisiert und damit aus der – tierischen – unmittelbaren Bindung an das Hier und Jetzt gelöst. Weiterhin können wir annehmen, dass der betreffende Primatenverband die besagten Probleme immer wieder vorfand und die entsprechenden Ideen immer wieder erfolgreich anwandte. Aus der Idee wurde auf diese Weise mit der Zeit ein Muster. Angenommen, diese Muster bestanden über viele Jahre hinweg – in gleichen oder ähnlichen Situationen kamen immer wieder die gleichen Handlungsmuster zur Anwendung – andere, ursprünglich vielleicht ebenfalls vorhandene Handlungsmuster traten dabei in den Hintergrund – dann wurde die Anwendung dieser Handlungsmuster immer weiter verstärkt, immer selbstverständlicher. Die Handlungsmuster wurden durch den bleibenden Erfolg immer weiter verstärkt, bis sie durch sich selbst verständlich wurden. Das Problem dabei: wenn etwas selbstverständlich ist, ist es kaum mehr hinterfragbar. Spätestens dann sprechen wir von Kultur – ein weit über das Individuum hinausreichendes, für einen ganzen Verband gültiges „Sammelsurium“ von zu Regeln, Normen, kollektiv gültigen Restriktionen usw. geronnenen Handlungsmustern, die nicht hinterfragbar sind und mehr oder minder unbewusst weitergegeben werden. Die Betonung liegt dabei auf „geronnen“ – es handelt sich nicht etwa um konkrete Erfahrungen oder Handlungen, sondern aus der Musterbildung heraus entstandene Grundannahmen über das Wesen der Dinge oder das Wesen der Menschen (oder: andere Menschen, Tiere, Nahrung, Gott, Raum, Zeit et cetera).

Man kann sich den Kulturbegriff auf vielen Ebenen vorstellen. Jede Familie und jedes Team entwickelt mit der Zeit eine spezifische Kultur. Am Beispiel eines neu zusammengetretenen Teams lässt sich dieser Prozess einfach veranschaulichen: Das Team kommt zusammen; die Teammitglieder kannten sich vorher nicht. Die erste Besprechung steht an. Die Teamleiterin denkt sich möglicherweise, dass es für den Start günstig sein könnte, den informellen Rahmen eines gemeinsamen Essens zu wählen. Die Besprechung soll nicht förmlich ablaufen, sondern es soll Raum für die Entwicklung von Beziehungen geben. Stellen wir uns vor, ein Teammitglied geht auf ein anderes zu und spricht es an, stellt sich vor, erzählt etwas. Reagiert das angesprochene Teammitglied offen und interessiert, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Person, die auf sie zugekommen ist, dies wieder tut. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein ggf. angesprochenes Thema wieder aufgegriffen wird – zwischen diesen beiden und auch, wenn die beiden beteiligten Personen ihrerseits auf Dritte zugehen. Reagiert die angesprochene Person neutral oder negativ, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Personen noch einmal spontan miteinander sprechen. Gleichzeitig hat dies auch eine – vorerst noch geringe – Wirkung auf die Themenauswahl. Nun finden solche bilateralen Interaktionen in einem neuen Team vielfach statt. Hinzu kommen die Interaktionen im gesamten Team und in den langsam entstehenden kleinen Gruppen. Diese kleinen Gruppen sind sozusagen „Musterbildungen“ – war eine Kontaktaufnahme erfolgreich, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wieder Kontakt aufgenommen wird. Gibt es dazu noch ein gemeinsames Thema, wird man sich ggf. sogar sympathisch. Diese vielen kleinen und größeren Interaktionssequenzen führen zu einer Musterbildung – bestimmte Bindungen werden stärker, manche melden sich häufiger zu Wort als andere, bestimmte Themen kommen öfter zur Sprache, spezielle Sichtweisen breiten sich aus, die Breite des Spektrums der in der Gruppe geäußerten Meinungen nimmt ab (Das so genannte „Gruppendenken“ bezeichnet die oft vorkommende Homogenisierung des Spektrums möglicher Meinungen in einer Gruppe.) und so weiter. Über die Zeit entstehen Muster: wie beispielsweise an Projekte herangegangen wird, wer die Themen für Besprechungen festlegt, wie mit Konflikten umgegangen wird, wie „man halt bei uns die Dinge so macht“. Solche Selbstverständlichkeiten gibt es auf allen sozialen Ebenen – auf Gruppenebene, auf Abteilungsebene, auf Organisationsebene, auf örtlicher Ebene (etwa: „Die aus dem Nachbardorf haben sie nicht alle!“) oder regionaler Ebene (etwa: „Mia sann mia!“), auf nationaler Ebene und kulturräumlicher Ebene (etwa: „der Westen“) oder auch auf der Ebene von Berufsgruppen (etwa: Management-Kultur vs. Ingenieur-Kultur) oder themenbezogenen Gruppen.

Edgar Scheins Drei-Ebenen-Modell ist zwar ein speziell für den Begriff der Organisationskultur entwickeltes Modell, aber die soeben beschriebenen grundlegenden Merkmale des Kultur-Begriffs werden in einzigartiger Weise anschaulich, weshalb es hier stellvertretend für viele mögliche Definitionen und Modelle dargestellt werden soll.

Der Kulturbegriff am Beispiel von Edgar Scheins Modell der Organisationskultur

„Schein (2010b, S. 23ff.) hat ein Modell geschaffen, das sowohl Erklärungen zulässt, warum Veränderungen schwierig sind oder scheitern, als auch Hinweise darauf gibt, wie die jeweilige Spezifität einer Unternehmenslage verständlich und zugänglich wird. Demnach bilden sich, sobald Menschen miteinander kooperieren bzw. Erfahrungen teilen, mit der Zeit bestimmte Muster. Eine Gruppe, bspw. ein Arbeitsteam, kommt zusammen, um bestimmte Aufgaben zu lösen. Anfangs werden zur Lösung dieser Aufgaben Vorschläge gemacht, von denen einige aufgegriffen werden. Erweisen sich davon wiederum einige Vorschläge als erfolgreich, werden die entsprechenden Handlungsweisen beim erneuten Auftreten der betreffenden Aufgabe mit einer höheren Wahrscheinlichkeit wieder angewendet. Langsam bilden sich so aus erfolgreichen Einzelhandlungen Muster. Bleiben diese Muster erfolgreich, nehmen sie langsam die Gestalt von Überzeugungen an („So macht man das bei uns…“). Mit fortschreitender Zeit kristallisieren sich die zugrunde liegenden Prinzipien heraus und verdichten sich zu Regeln. Diese Regeln stellen – bei bleibendem Erfolg – fortan die Grundlage für das erfolgreiche Funktionieren des Teams dar und nehmen die Gestalt von Werten an, die von der Gruppe entsprechend verteidigt werden. Dauern die Existenz und der Erfolg des Teams an, werden die Werte immer weniger in Frage gestellt und mit der Zeit habituiert, also zur zunehmend unbewussten (und damit immer weniger hinterfragbaren) Gewohnheit. Die Ergebnisse dieser Entwicklung von Versuch-und-Irrtum-Erfolgen über zunächst bewusste Überzeugungen zu am Ende unbewussten Gewissheiten bezeichnet Schein als Grundannahmen. Wandel bedeutet, dass durch die Veränderung externer Bedingungen die Grundannahmen und damit das über lange Zeiträume habituierte Erfolgsrezept eines Teams oder eines ganzen Unternehmens in Frage gestellt werden, was existentielle Ängste und dementsprechende Widerstände auslöst. Veränderungen gehen also mit einer In-Frage-Stellung der existentiellen Basis bzw. des „genetischen Codes“ einer Organisation einher, indem die Kultur der Organisation – als implizite Gesamtheit des gewonnenen und tradierten Wissens – erschüttert wird.“ (Heidig et al. 2012)

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Abbildung: Das Drei-Ebenen-Modell der Unternehmenskultur nach Schein (2010, S. 23ff.); eigene Darstellung

Was heißt das für die interkulturelle Kooperation?

Wenn nun klar ist, was Kultur ist und wie sie entsteht, dann wird auch klar, was das Problem bei der interkulturellen Kommunikation ist – es handelt sich um unterschiedliche Selbstverständlichkeiten, die für den Träger oder die Trägerin einer Kultur kaum oder nicht hinterfragbar sind. Meine Stereotype und Vorurteile sind quasi mein Bild von den Selbstverständlichkeiten des anderen – aber gefärbt durch meine eigenen Selbstverständlichkeiten. Und da diese mir ja unbewusster Weise aus sich selbst heraus verständlich sind, hinterfrage ich sie auch nicht. Fertig ist das Missverständnis. Vorurteile sind quasi völlig normal – eine einfache Folge grundlegender Operationen unseres Geistes, beispielsweise des Kategorisierens, also des Zuordnens von Objekten zu Klassen auf der Grundlage von Merkmalen bzw. Merkmalsausprägungen und -unterschieden.

Was bei der Bearbeitung von – ohnehin und selbstverständlich auftretenden – interkulturellen Irritationen hilft, ist Dialog auf der Grundlage tragfähiger Beziehungen. Bringt mir jemand Interesse entgegen, besteht die Chance, dass ich Vertrauen aufbaue. Lerne ich den anderen kennen, tritt er gleichsam langsam „vor“ das Vorurteil, wird also einzigartiges Individuum mit Namen und Geschichte. Das heißt nicht, dass die Vorurteile oder Sterotype deshalb verschwinden würden; sie besitzen vielmehr eine erstaunliche Überlebensfähigkeit. Aber indem ich verstehe, wie der betreffende einzelne andere Mensch etwas tut, baue ich eine Beziehung auf und damit Vertrauen.

Mit einem so wachsenden gegenseitigen Verständnis schaffen wir die Voraussetzung, dass wir gemeinsam eine Arbeitsbasis schaffen – und damit eine spezifisch zwischen uns oder in unserem Team existierende kulturelle Insel, auf der wir neue, uns gemeinsame und für unsere spezifische Situation passende Handlungsmuster entwickeln. Später werden die wieder selbstverständlich. Aber das ist dann ein neues Kapitel.

Jörg Heidig

Die deutsche Minderheit auf polnisch denken

In Polen gibt es eine Reihe von – vornehmlich kulturellen – Organisationen der dort lebenden deutschen Minderheit, für die zu arbeiten ich hin und wieder die Freude habe. Dieser Text handelt von einigen interessanten Beobachtungen über Heimat, Identität und den Wandel der Kultur.

Der Wandel der Bedeutungen

Die Bedeutung der Dinge ergibt sich aus der Beziehung zu ihnen. Die Bedeutung wohnt also nicht den Dingen selbst inne, sondern ergibt sich „zwischen“ den Menschen und den Dingen. Mit Blick auf die deutsche Minderheit ist deshalb zu fragen, welche Bedeutung die kulturelle Herkunft für diejenigen hat, die nachkommen, die nicht mehr zur Erlebnisgeneration gehören. Hier ist ein Wandel festzustellen. Die „Alten“ sagen, dass die „Jungen“ sich nicht mehr für ihre Herkunft, die Traditionen und so weiter interessieren. Vielen Enkeln sei es wichtiger, die englische Sprache gut zu beherrschen, als vernünftig deutsch zu lernen. Man wolle vielfach lieber nach England gehen, anstatt in der Heimat zu bleiben.

Was ist Heimat?

An dieser Stelle scheint eine interessante Frage auf, nämlich die nach den unterschiedlichen Begriffen von „Heimat“. Für Vertriebene oder Geflohene ist „Heimat“ etwas anderes als für die dort Gebliebenen. Während die ferne Heimat irgendwann zur ehemaligen Heimat – und damit zum im Herzen mehr oder minder eingeschlossenen Sehnsuchtsort – wurde, entwickelte sich die Heimat für die anderen fort – man lebte nicht mehr in Deutschland, sondern in Polen. Die nachfolgenden Generationen sprachen immer weniger deutsch, auch bedingt durch den zeitweise immensen Druck, dem die Deutschen in Polen ausgesetzt waren. Die Enkel und Urenkel der Erlebnisgeneration sehen sich nun vor allem als Polen – mit deutschen Vorfahren oder mit einem gewissen Interesse an der deutschen Kultur, aber als Polen.

Die spezifischen Weltsichten der verschiedenen Generationen

Die Erlebnisgeneration durfte sich viele Jahre nicht zum Deutschtum bekennen, nach 1990 konnten sie das wieder und holten nach, was so viele Jahre verboten war. Die heute junge Generation ist aber erst 1990 oder später geboren. Weder die Sichtweise der Erlebnisgeneration – also eine gewisse Kontinuität deutscher Kultur über die Zeit -, noch die Sozialisation der Generationen dazwischen, die vom Kommunismus „eingemahlen“ wurden und sich nicht bekennen durften, ist für die jüngere Generation prägend. Die jungen Leute verstehen sich eher als Polen mit deutschen Wurzeln oder als Polen mit einem gewissen Interesse für die deutsche Kultur und das Erbe, auf das es in Schlesien oder etwa im Ermland hinzuweisen gilt. Aber sie bewahren dieses Erbe auf polnisch, vor dem Hintergrund ihrer Identitäten als Polen und als Menschen mit deutschen Wurzeln und/oder Interessen. Neben diesen Interessen stehen, und das eint diese jungen Menschen mit Vertretern ihrer Generation aus anderen Ländern, auch einige »europäische« Interessen. Der Austausch mit anderen Kulturen scheint vielen, zumindest nach meinem Eindruck, genauso wichtig – oder sogar wichtiger – zu sein wie das Interesse für die eigenen (deutschen) Wurzeln oder die Kultur der Heimat Polen.

Die Lebensrealität der jungen Generation sieht ganz anders aus als die der mittleren oder gar der älteren Generation. Und diese jüngere Generation definiert ihre Identität auf eigene Weise, und sie sollte auch die Möglichkeit dazu bekommen. Die Älteren tun ihren Enkeln einen Gefällen, wenn sie Geschichten erzählen. Die Werte einer Gemeinschaft und die Weisheit des Lebens stecken in Geschichten. Wenn man Werte und Identität proklamiert oder gar verlangt, erreicht man oft das Gegenteil. Identität schreibt sich fort, verändert sich – man kann nichts gegen die Veränderung tun, man kann nur mittun, indem man seine eigene Sicht der Dinge erzählt.

Man kann Geschichte auf vielerlei Weise verstehen – als Mahlstrom, der am Ende alles verschlingt, und dem man sich so lange es geht entgegenstellen muss, oder als endlose Kette von Ereignissen, die erst in der Rückschau Sinn machen – wir begreifen Veränderungen oft erst dann, wenn sie schon lange wirken. Mit letzterer Sichtweise gibt man sich und seinen Nachfahren die größere Chance, etwas zu bewahren. Es ist dann ein Bewahren ohne Zwang, und das ist eine Fähigkeit, die Europa wirklich gut gebrauchen kann – vorausgesetzt natürlich, man stellt Europa nicht in Frage. Tut man das, dann machen die hier vorgetragenen Argumente freilich keinen Sinn.

Entscheidende Fragen

Es geht für die deutsche Minderheit heute darum, sich zu fragen, wie sich die Zukunft gestalten lässt. Eine mögliche Antwort liegt meines Erachtens darin, die deutsche Minderheit auf polnisch zu denken. Wem das zunächst fremd vorkommt, der versetze sich einmal ins heutige Ostdeutschland, zum Beispiel in die Niederlausitz. Dort leben zwar noch Sorben, aber es werden weniger. Es ist gut und richtig, wenn sich diejenigen, die noch sorbisch sprechen, auf ihre Traditionen besinnen und diese so lange weitertragen, wie sie können. Aber selbst in den Dörfern, wo viele zwar noch sorbische Familiennamen tragen, aber niemand mehr sorbisch spricht, ist deshalb die sorbische Kultur noch lange nicht verschwunden. Sie wirkt fort, auch wenn die nicht mehr „hörbar“ ist.

Ein konkreter Weg, die Frage nach der Zukunft zu stellen, wäre, sich vorzustellen, wer in zehn oder mehr Jahren diejenigen sein werden, die sich für die deutsche Identität und Geschichte etwa in Masuren oder in Oberschlesien interessieren. Als nächstes kann man dann fragen, was genau diese Menschen interessieren wird. Wenn man darauf Antworten gefunden hat, kann man bereits heute Schritte einleiten, um als Organisationen der deutschen Minderheit genau das zu ermöglichen. Einige Beispiele:

  1. Wenn sich junge Menschen zwar für ihre Identität und Herkunft interessieren, dies aber auf eine Weise tun, die sich von der Art und Weise der Erlebnisgeneration unterscheidet, ist die Struktur der Zukunft möglicherweise ein nicht mehr an örtliche Vereinsstrukturen mit traditionsorientierten Begegnungs- und Kulturprogrammen gebundenes, regionales Netzwerk, das auch europäisch orientierte Projekte (Jugendaustausch, identitätsbezogene Veranstaltungen) anbietet und – losgelöst von der örtlichen Anbindung an die Bevölkerung einer bestimmten Stadt – ein regionales internetbasiertes Netzwerk organisiert, in dem auf regionale Veranstaltungen hingewiesen werden und Austausch stattfinden kann. Man kann die bisherigen, ortsbezogenen Organisationen weiterführen, muss aber damit leben, dass viele dieser Organisationen mit dem Aussterben der Erlebnisgeneration geschlossen werden. Neue, regional größere oder übergreifende Organisationen mit an der künftigen „Zielgruppe“ ausgerichteten Inhalten wären meines Erachtens eine vielversprechende Option. Einige Organisationen haben dies bereits erkannt und richten einen Teil ihrer Aktivitäten seit einiger Zeit darauf aus.
  2. In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Angehörige der deutschen Minderheit ihre Heimatregionen verlassen. Womöglich will ein Teil dieser Menschen zurückkehren, etwa wenn es um die Frage geht, wo man seinen Lebensabend verbringen möchte. Die „angestammte Heimat“ (oder: die „Heimat der Kindheit“) hat für viele Menschen einen höheren Wert als die „berufliche Heimat“ der mittleren Lebensjahrzehnte. Es wäre durchaus ein spannender Versuch, mit gezielten „Rückkehreraktionen“ auf diese Menschen zuzugehen – etwa in der Art, wie das manche ostdeutsche Regionen tun. In Zeiten der internetbasierten sozialen Netzwerke wäre das noch nicht einmal sehr teuer.
  3. Der Tourismus der Erlebnisgeneration wird nachlassen, nicht aber der allgemeine Tourismus und derjenige aus Interesse an einer Kulturlandschaft, die lange deutsch geprägt war. Die Frage wäre, wie man hierauf reagieren könnte. Wer weiß besser über die Orte, ihre Geschichte, ihre Kultur Bescheid, als die Menschen, die dort leben?

Die Organisationen der deutschen Minderheit werden sich in den kommenden zehn Jahren stark verändern. Einige Organisationen werden aus Mitgliedermangel schlicht geschlossen, andere werden weiter bestehen. Die Frage, an der sich vieles entscheidet, lautet, wie die heutigen Entscheider mit dem jetzigen Wandel umgehen.

Jörg Heidig

Wie man die frühere Heimat später in Erinnerungen einschließt

Mein früherer Kollege Zeljko Cumbo hat auf Facebook einen Text geteilt, den ich sehr interessant fand – nicht, weil er mich an meine „alten Zeiten“ in Bosnien erinnert, sondern weil er das Gefühl gut beschreibt, das viele „Ex-Jugoslawen“ damals hatten und zum Teil auch heute noch haben. Und weil der Text am Ende sehr viel mit dem Thema „Flüchtlinge“ zu tun hat, das heuer so kontrovers diskutiert wird. Ich fand den Text so gut, dass ich ihn übersetzt habe:

Ich lebe seit 1993 in Kanada, fast ein Vierteljahrhundert. Wir sind am Anfang des Krieges hergekommen, als wir gesehen haben, dass es für uns keine Rückkehr nach Sarajewo gab, und dass es auch nirgendwo anders in unserer früheren Heimat mehr einen Platz für uns gab. Vom ersten Moment an fühlten wir uns in Kanada zuhause. Wir haben dieses Land lieben gelernt, ein Land, in dem Ordnung herrscht und Arbeit, Toleranz, Sauberkeit und Liebenswürdigkeit wichtig sind. Uns ist wohl bewusst, dass die Liebenswürdigkeit der Kanadier nicht immer ehrlich ist, aber uns ist das auch nicht wichtig: die Leute sind höflich, sie haben uns in ihrem Land willkommen geheißen und uns die Möglichkeit geboten, in den Berufen zu arbeiten, die wir erlernt hatten; sie ermöglichten uns, ein normales Leben zu leben und uns nicht wie Ausländer zu fühlen; sie akzeptierten unseren Akzent in der englischen Sprache, so stark er auch gewesen sein mag.

Was könnten wir uns mehr wünschen?

Es gibt hier Menschen aus der ganzen Welt. Man sagt, Toronto sei die multikulturellste Stadt der Welt. Wenn man hierher kommt, versteht man erst, wie klein man ist, dass man nur ein Mensch ist unter den Millionen, die hierher kommen, um ihren Platz unter der Sonne zu finden. Wie schafft man es dann, dass einen jemand bemerkt und einem die Chance gibt zu zeigen, was man kann? Wie soll man sich von der Masse abheben, deren größter Teil zumal hochgebildete Menschen sind? Unter allen anderen Komponenten des anfänglichen Kulturschocks (es liegt nicht ein einziger Papierfetzen auf der Straße, man darf niemanden berühren, wenn man in einer Schlange steht oder mit dem Bus fährt, Verkehrsregeln werden strikt eingehalten, kein Hupen, wenn man während der Fahrt die Geduld verliert) war es die Erkenntnis der eigenen Größe und Bedeutung, oder besser gesagt, der eigenen Kleinheit und Bedeutungslosigkeit, die am schwersten anzunehmen war.

Aber mit der Zeit, wenn man ein wenig Selbstvertrauen gewinnt und sieht, wie viel man tatsächlich weiß und wie viel man kann, findet man zur Normalität und zum eigenen Identitätsbewusstsein zurück. Man arbeitet hierzulande viel und lange, das Leben ist stressig und vollgestopft, die Jahre vergehen in dem Rennen darum, dass man ankommt und etwas erreicht, und dann merkt man auf einmal, dass man 50 und ein paar Jahre alt ist und die besten Jahre hinter einem liegen. Wo sind die Jahre hin? Irgendwie fehlen sie mir… Ich betrachte mich selbst immer noch als einen jungen Menschen, sowohl wenn ich allein bin als auch in Gesellschaft – ich kann nicht glauben, dass jemand in mir eine Frau im mittleren Alter oder gar eine ältere Person erblickt. Die folgenden Dinge haben meinen Mann und mich in den letzten zwanzig Jahren über die Maßen beschäftigt: Arbeit finden, auf Arbeit Fortschritte machen, sich in das hiesige kapitalistische System einfügen – und das mit unserer emotionalen slawischen und im Grunde sozialistischen Seele, ein Haus kaufen, einrichten und abzahlen, Autos, Reisen, ein Kind auf bestmögliche Weise erziehen, dem Kind ermöglichen, gute Schulen zu besuchen und sich mit Dingen zu beschäftigen, die es liebt, die Eltern aus Sarajewo herholen, sich um sie bis zum heutigen Tag sorgen, mit ihnen all ihre Schwierigkeiten bewältigen – mit der Sprache, dem Verlust all dessen, was sie einst besaßen, mit der neuen Kultur, dem Geld, mit Krankheiten, mit Bekannten, mit dem Tod… Das ist eine große Verantwortung für zwei junge (und nun nicht mehr so junge) Menschen, von daher ist es kein Wunder, dass 20 Jahre vergangen sind wie nichts.

Auch wenn wir nach wie vor denken, dass der Umzug nach Kanada unter den damaligen Umständen das beste war, was wir tun konnten, und auch wenn wir sehr glücklich und stolz auf das Leben sind, das wir hier aufgebaut haben, erinnern wir uns oft an andere, weit zurückliegende Zeiten. Unsere schönsten Jahre verbrachten wir im Sarajewo der Vorkriegszeit, als wir am frühen Morgen heiße Hörnchen aus der Bäckerei auf der Bascarsija und Brezeln aus dem Kiosk neben dem Ersten Gymnasium gegessen haben, als wir uns abends getroffen haben, als wir mit der Seilbahn auf die Berge vor der Stadt gefahren sind und uns von dort oben an der Schönheit unserer Stadt erfreut haben, als wir an Wintertagen den Geruch von heißen Maronen einsogen, bis uns der Sarajewoer Smog in Nase und Augen kniff. Interessant ist, welche dieser Details die stärksten Erinnerungen an die Vergangenheit, die frühere Heimat wachrufen und bisweilen einen kleinen Tränenausbruch verursachen, bevor man sich wieder im Griff hat. Das sind nie Bücher, Filme oder Fotos, das ist immer ein vertrauter Geruch (heiße Maronen oder Wintersmog) oder der Klang eines Songs, den man lange nicht gehört hat. Unser Leben in Sarajewo kommt mir heute vor wie ein wundervoller, sorgloser Traum, eigefangen in schönen Pastelltöne und angenehmen Gerüchen, abgerundet durch ein warmes Gefühl der Sicherheit und Zufriedenheit. Trotzdem wir nicht viel hatten, war es irgendwie gut und genug. Heute lesen wir Zeitungen und Portale und verfolgen, was dort geschieht. Es gefällt uns nicht, was wir sehen und hören. Das sind jetzt andere, uns fremde Länder mit Mentalitäten und Standards, die wir nicht verstehen. Deshalb haben wir uns entschlossen, dass wir unser Sarajewo so in Erinnerung behalten, wie es einst war – aus der Erinnerung kann man es uns nicht wegnehmen – und dass wir Jugoslawien in der Seele tragen, auch wenn wir uns voll und ganz bewusst sind, dass es dieses Land schon lange nicht mehr gibt.

Vesna

Toronto, Kanada

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Einige grundlegende Sätze über Kommunikation

Die Ursprünge der Kommunikation
Primaten haben wahrscheinlich durch erste Anfänge von Arbeitsteilung bzw. ersten Ansätzen gemeinsam koordinierter Handlungen Freiräume geschaffen, durch die es zur Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten kommen konnte. Indem die ersten Menschen Symbole zur Abbildung der Realität erfanden, wurde es ihnen möglich, nicht nur direkt auf Reize zu reagieren (instinktives Verhalten anderer Säugetiere), sondern sich auch bei Abwesenheit der Reize über vergangene Ereignisse oder zukünftig vielleicht eintretende Situationen auszutauschen.
Indem ein Mensch Objekte aus der Umwelt sprachlich repräsentiert, kann er – gleichsam aus der Distanz bzw. bei Nichtanwesenheit der Objekte – verschiedene Konstellationen und alternative Handlungsabläufe simulieren, das heißt, er kann denken. Deshalb hat Freud das menschliche Denken als Probehandeln bezeichnet. Das menschliche Denken ist unmittelbar an die Fähigkeit zur Sprache bzw. zur sprachlichen Repräsentation von Objekten in der Umwelt geknüpft.
Am Anfang waren also die ersten Ansätze koordinierter Handlungen im Verband (der Sippe o. ä.). Diese Koordination führte zu einigen Freiräumen – man saß vielleicht am Abend am Lagerfeuer und hatte den Freiraum, die Ereignisse des Tages zu symbolisieren. Auf der Grundlage dieser Symbolisierungen konnte man nun alternative Handlungsabläufe durchdenken und neue Strategien (bspw. für die Jagd) „planen“. Mit Sloterdijk (1995, S. 14ff.) können wir uns diese Lagerfeuersituation als „psycho-akustische Zauberkugel“ vorstellen, aus der die menschliche Fähigkeit zur Kommunikation entstanden ist. Das Zusammenwirken von Kooperation und Kommunikation bildet die Voraussetzung für die Entstehung von Kultur, und Kultur wiederum kann als das zentrale Unterscheidungsmerkmal der Menschen von anderen Säugetieren angesehen werden (Vgl. Bischof 1991, S. 35ff.; Hall 1976, S. 15).

Wir kommunizieren auf der Grundlage von Bedeutungen
Wir können zwar allein bzw. als Einzelne denken, aber wie wir bereits gesehen haben, ist die Fähigkeit zu denken direkt an Sprache und damit an Kommunikation geknüpft; die Fähigkeit zu denken hat sich quasi erst durch Kommunikation entwickelt. Wenn wir denken, bleibt dieser kollektive Ursprung der Kommunikation erhalten, und zwar wie folgt:
Wenn wir kommunizieren, dann geht es nicht etwa um die Dinge selbst, sondern um deren Symbolisierungen. Ein Ding und sein Symbol können weit auseinanderliegen, wie schon daran deutlich wird, dass ein Gegenstand für verschiedene Menschen ganz unterschiedliche Bedeutungen haben kann und entsprechend anders bezeichnet wird. Man kann dies an den Problemen erkennen, die Angehörige unterschiedlicher Fachrichtungen oder Branchen haben, einander zu verstehen. Man muss sich dann oft zunächst auf eine „gemeinsame Sprache“ einigen. Eine Voraussetzung, dass wir einander überhaupt verstehen, ist, dass wir über ein geteiltes Repertoire an Bedeutungen bzw. Symbolen verfügen. Wenn ich kommuniziere, habe ich eine Annahme darüber, was der andere versteht. Ich muss also wissen, was der andere, dem ich etwas sage, überhaupt verstehen kann. Der Philosoph George Herbert Mead hat diesen Vorgang einmal so beschrieben:

»Was ist nun der grundlegende Mechanismus, durch den der gesellschaftliche Prozeß angetrieben wird? Es ist der Mechanismus der Geste, der die passenden Reaktionen auf das Verhalten der verschiedenen individuellen Organismen ermöglicht, die in einen solchen Prozeß eingeschaltet sind. Innerhalb jeder gesellschaftlichen Handlung wird durch Gesten eine Anpassung der Handlungen eines Organismus an die Tätigkeit anderer Organismen verursacht. Gesten sind Bewegungen des ersten Organismus, die als spezifische Reize auf den zweiten Organismus wirken und die (gesellschaftlich) angemessenen Reaktionen auslösen. Die Geburt und Entwicklung der menschlichen Intelligenz spielte sich im Bereich der Gesten ab, durch den Prozess der Symbolisierung von Erfahrungen, den die Gesten – insbesondere vokale Gesten – möglich machten. Die Spezialisierung des Menschen auf diesem Gebiet der Gesten war im Endeffekt verantwortlich für die Entwicklung und das Wachstum der gegenwärtigen menschlichen Gesellschaft und des menschlichen Wissens mit der ganzen Kontrolle über die Natur und die menschliche Umwelt, wie sie durch die Wissenschaft ermöglicht wird.« (Mead 1973, S. 46)

Die Voraussetzung für Kommunikation: der generalisierte Andere
Meine Gesten, das, was ich etwa zeige oder sage, löst also bei meinem Gegenüber bestimmte Reaktionen aus. Welche Gesten oder Worte in einer Situation angemessen sind und bestimmte Wirkungen entfalten, ist dabei in der Regel allen Kommunikationsteilnehmern bekannt. Das Wissen darum, was in einer Gemeinschaft kommunikativ angemessen ist, was mögliche oder schickliche Reaktionen etc. sind, ist laut Mead (1973) im „generalisierten Anderen“ organisiert. Ich weiß, was eine bestimmte Aussage bei meinem Gegenüber bewirken kann, weil ich in der Lage bin, auf der Grundlage der gemeinsam geteilten Symbole die Rolle des anderen einzunehmen. Ich kann mich fragen – und unbewusst tun wir das andauernd –, was meine Handlungen bei meinem Gegenüber auslösen. Indem ich die gleichen Bedeutungen kenne wie mein Gegenüber, kann ich, indem ich mich in ihn hineinversetze (quasi über den „generalisierten Anderen“) meine eigenen Handlungen analysieren. Dadurch werde ich mir selbst überhaupt verständlich. Denken kann ich zwar alleine, aber so lange ich über soziale Dinge nachdenke und spätestens sobald ich etwas sage, impliziert dies die (gedachte oder reale) Anwesenheit eines Anderen, in den ich mich hineinversetze und über dessen angenommene (und später tatsächliche) Reaktionen ich meine eigenen Handlungen verstehen kann. Wir haben diesen Anderen soweit verinnerlicht, dass er immer anwesend ist, eben als „generalisierter Anderer“. Wir unterstellen in jedem Gespräch, dass uns unser Gegenüber jeweils versteht, und wir strukturieren unsere Äußerungen auf der Grundlage unserer Annahmen darüber, wie unsere Handlungen bei ihr oder ihm ankommen. Wir fragen nicht erst, was er versteht oder wissen möchte, sondern wir handeln auf der Grundlage unserer Annahmen darüber, wie unsere Handlungen bei ihm oder ihr ankommen.
Salopp formuliert heißt das, dass wir nie allein sind. Wir haben mindestens den generalisierten Anderen immer „mitlaufen“. Wir schätzen die Konsequenzen unserer Handlungen ein, indem wir vorwegnehmen, was unsere Handlungen beim anderen auslösen. Wir betrachten unsere eigenen Handlungen gleichsam durch die Brille unseres Gegenübers, indem wir versuchen vorwegzunehmen, wie die oder der andere auf unsere Handlungen reagieren wird. Das bedeutet auch, dass wir in der Regel nicht das sagen, was wir wirklich denken oder meinen. Vielmehr drücken wir uns so aus, dass wir beim anderen das erreichen, was wir wollen – dass er gut über uns denkt beispielsweise oder sich von uns überzeugen lässt.

Warum es bei der Kommunikation auch und vor allem um den Status geht
Kommunikationspartner kommunizieren auf Augenhöhe, wenn es keine Statusunterschiede gibt (beide Seiten streben nach Gleichheit; Partner sind etwa gleich stark). Beruht die Kommunikation andererseits auf einem Ungleichheitsverhältnis, nennt man sie komplementär (eine Seite hat die Oberhand; die andere Seite ordnet sich unter; die Handlungen beider Seiten ergänzen einander: „zu jemandem, der dominiert, gehört auch immer jemand, der sich dominieren lässt“).
Dieses Merkmal der menschlichen Kommunikation ist, wenn es um Beziehungen – private ebenso wie berufliche – geht, das bedeutsamste, denn es erklärt eine ganze Reihe von Störungen. Wenn sich eine Seite „oben“ wähnt, die andere Seite aber von Augenhöhe ausgeht, kommt es zur Eskalation, denn keine der beiden Seiten macht mit, was die andere Seite „anleiert“. Im Gegenteil: beide Seiten fühlen sich jeweils nicht akzeptiert (die Seite, die sich „oben“ wähnt) oder herabgesetzt (die Seite, die sich auf Augenhöhe wähnt). Am deutlichsten wird dies an so genannten „helfenden Beziehungen“.
Vergegenwärtigen wir uns die Bedeutsamkeit dieses Merkmals am Beispiel helfender Beziehungen: Hilfe impliziert, dass es eine Seite gibt, die etwas kann oder weiß, was der anderen Seite helfen kann bzw. das letztere nicht weiß. Diese beiden Rollen führen zu dem charakteristischen Über- bzw. Unterordnungsverhältnis von Hilfe – diejenige Seite, welche die Hilfe gewährt, steht, was den sozialen Status betrifft, über der die Hilfe empfangende Seite. Normalerweise sind Menschen in ihren Beziehungen darauf aus, ihren sozialen Status zu erhöhen, mindestens jedoch zu wahren. Zuzugeben, dass ich Hilfe brauche, macht mich hingegen verletzlich und zwingt mich zur Dankbarkeit gegenüber der Person, die mir Hilfe gewährt. Also stehe ich für den Zeitraum der Hilfe und auch danach, was meinen sozialen Status betrifft, unter der anderen Person. Genau deshalb ist es für viele so schwierig, überhaupt um Hilfe zu bitten. Andererseits erklären sich auch die Emotionen, die entstehen, wenn man Hilfe gewährt, aber keinen Dank dafür erhalten hat. Des Weiteren wird auch deutlich, warum es viele Menschen als Herabsetzung empfinden, Hilfe angeboten oder gar aufgenötigt zu bekommen, um die man nicht gebeten hat. Wie viele Eltern oder auch Vorgesetzte meinen es nur gut, wenn sie helfen wollen. Sie bieten Hilfe an, und insistieren, wenn die andere Seite die Hilfe ablehnt, weil die Hilfe anbietende Seite meint, die Hilfebedürftigkeit sei doch offensichtlich. So hilflos jemand auch wirken mag – das Problem gehört immer dem, der es hat, und wenn er meint, keins zu haben oder selbst damit klarzukommen, hilft es nicht, Hilfe anzubieten, weil die Person, die das Angebot erhält, eine Statusstufe nach unten treten und sich damit verletzlich machen müsste. Deshalb ist es so schwierig, Hilfe anzunehmen. Es wird als Anmaßung empfunden – die Hilfe anbietende Seite erhebt sich quasi über die andere, vermeintlich hilfebedürftige Seite. (Vgl. Schein 2010)
Ein Beispiel: Viele junge Menschen sind es heute aufgrund ihrer (zumeist partnerschaftlichen) Erziehung gewohnt, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Wer mit drei Jahren entscheiden konnte, was er essen möchte und in der Schule und erst recht beim Studium vieles hinterfragen durfte, ja sogar sollte, der begegnet anderen Menschen in der Regel zunächst auf Augenhöhe. In diesem Fall reicht es nicht, gegenüber diesen jungen Menschen Autorität zu behaupten, denn damit können viele nichts mehr anfangen. Autorität (eines Vorgesetzten oder Lehrmeisters) ist nicht mehr selbstverständlich (= nicht hinterfragbar), sondern muss sich tatsächlich erarbeitet werden. Beginnt ein solcher junger Mensch, sich im Prozess beweisende Autorität zu respektieren, geht er freiwillig auf der Statusleiter eine Stufe nach unten und lässt sich führen, ausbilden und helfen. Die Anerkennung vieler junger Menschen muss man sich, so paradox das klingen mag, erarbeiten. Anderenfalls mag sich ein junger Mensch zwar zunächst in die statusmäßig untergeordnete Rolle fügen. Spätestens jedoch, wenn es Probleme gibt und Druck entsteht, ist er (wie jeder andere Mensch auch) kaum oder nicht mehr in der Lage, bewusst und überlegt zu handeln, sondern aktiviert unter Druck die in der Kindheit erlernten Muster, die in der Regel auf Selbstschutz ausgerichtet sind. Wenn nun mein in der Kindheit gelernte Mechanismus der ist, dass ich mich im Zweifelsfall gegen meine Eltern durchsetzen konnte, so werde ich auch bei Problemen in der Ausbildung oder an meinem ersten Arbeitsplatz unter entsprechendem Druck versuchen, mich durchzusetzen. Das erklärt die von vielen Ausbildern, Personalverantwortlichen und Hochschullehrern heute als „Arroganz“ oder „übersteigertes Selbstbewusstsein“ beschriebenen Verhaltensweisen mancher Azubis, Studenten, Praktikanten oder Berufsanfänger in problematischen Situationen. Die jungen Leute wiederholen gleichsam ihre während der Kindheit in der Interaktion mit ihren Eltern erlernten Muster.

Kommunikation ist in der Regel auf Selbstschutz ausgerichtet
Um zu verstehen, warum Selbstschutz eines der grundlegenden Merkmale menschlicher Kommunikation ist, gestatten Sie uns einige kleine Ausflüge. Überall, wo Menschen miteinander kommunizieren, gibt es spezifische „Verteidigungsmechanismen“, die in der Regel zu Problemen in der Kommunikation und – nach vielfachen frustrierenden Erfahrungen – fast zwingend zu strategischer Kommunikation führen. Die strategische Kommunikation soll hier nicht diskreditiert werden, wird sie jedoch von der „manipulierten“ Seite bemerkt, führt dies gegebenenfalls zu noch mehr Ablenkungsmanövern und noch mehr verdeckter Kommunikation auf der Gegenseite und damit wiederum auch auf unserer Seite. Daraus kann schnell ein eskalierender Teufelskreis werden. Doch dazu später noch einmal ausführlicher. Wie gesagt: Gestatten Sie uns hier zunächst einige kleine Ausflüge, die klare Sicht am Ende lohnt sich.

Das Ich und die Abwehrmechanismen
Am Anfang ist der Mensch, was er bekommt (Winterhoff 2008). Am Anfang sind also nur Bedürfnisse, und der Mensch verfügt zunächst über keinerlei „Gewahr-Sein“ seiner selbst oder gar anderer Personen im Sinne dessen, was als Bewusstsein bezeichnet wird. Wenn dies zutrifft, dann wird deutlich, warum die ersten – vollständig vorsprachlichen und deshalb rational überhaupt nicht zugänglichen – Erfahrungen so prägend sind. Wenn der Mensch sein Bedürfnis ist, dann sind sein ganzes Sein und seine gesamten Erfahrungen zunächst von der Befriedigung seiner Bedürfnisse abhängig. Bei Nichtbefriedigung hingegen entstehen Ängste von existentiellem Ausmaß. Es kann wohl als eine der Urformen von Angst angesehen werden, wenn ein Säugling Hunger hat und nichts bekommt. Dies ist eine Erfahrung, gegen die Kinder noch keine Schutzmechanismen haben. Diesen ursprünglichen Zustand hat Melanie Klein den paranoid-schizoiden Modus genannt. Diese Bezeichnung ist hier nicht mit den gleichnamigen Störungsbegriffen zu verwechseln. Vielmehr meint Klein damit die Verletzbarkeit der seelischen Entwicklung durch zu wenige positive bzw. zu viele negative Erfahrungen. Alle Erfahrung in dieser Phase ist vorsprachlich, und das Kind verfügt noch über keinerlei Konzept davon, dass die Mutter eine andere Person ist. Das Kind ist „allein auf der Welt“, das heißt, das Bedürfnis des Kindes bzw. dessen Befriedigung oder Nicht-Befriedigung entspricht der Welt des Kindes. Das Kind ist also psychisch in gewisser Weise auf sich alleine gestellt, ist sich dessen allerdings nicht gewahr, denn es hat noch keine kognitive Instanz, die all dies regeln könnte. Das Kind erfährt die Welt auf einem Spektrum zwischen der Befriedigung von Bedürfnissen und existentiellen Bedrohungen. Durch den Kontakt mit der als bedrohlich erlebten Welt treten erste psychische Differenzierungen auf. Indem die Psyche versucht, mit den Bedrohungen umzugehen bzw. sie zu kontrollieren, entwickelt sich aus einem Teil des Es eine zweite Instanz. Das Ich tritt fortan als Mittler zwischen den Bedürfnissen des Kindes und der Umwelt auf. Die Herausbildung des Ichs bildet auch die Voraussetzung für die Konzeptualisierung des Selbst und des Anderen, also die Erfahrung, dass die Mutter eine andere Person ist als das Kind selbst, und dass sie die Bedürfnisse des Kindes manchmal befriedigt und manchmal nicht.
Wenn (a) sich die Instanz des Ichs langsam vom Es differenziert und das Kind die Grundlagen des Verständnisses verschiedener Personen entwickelt, und wenn (b) während der ersten Phase (paranoid-schizoider Grundmodus) genügend positive Erfahrungen gesammelt wurden, dann besteht die Chance für einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt. Dieser Schritt besteht darin, die Ambivalenz der Erfahrungen mit der Mutter zu bewältigen. Mal ist die Mutter anwesend und damit die Quelle von Nähe und Bedürfnisbefriedigung. Mal ist sie abwesend und dadurch furchteinflößende Auslöserin existentieller Bedrohungen. Beide Erfahrungen müssen in ein und derselben Person verortet werden. Wenn diese Herausforderung gelingt, ist der Grundstein für das gelegt, was als Frustrationstoleranz bezeichnet wird – eine der zentralen Funktionen des Ichs als der psychischen Instanz, die zwischen den menschlichen Bedürfnissen und der Außenwelt vermittelt. Melanie Klein hat diese Entwicklungsstufe den depressiven Modus genannt und damit die Fähigkeit zur Integration äußerst ambivalenter Erfahrungen (sowohl positiver als auch negativer Erlebnisse) in dasselbe Konzept (die Person der Mutter) bezeichnet. Das Adjektiv „depressiv“ hat hier wiederum nichts mit dem gleichnamigen Störungsbild zu tun.
Das psychische Geschehen während des ersten und zum Teil auch des zweiten Lebensjahres verläuft vollständig vorsprachlich. Geschehen in dieser Zeit psychische Verletzungen, so wiegen diese besonders schwer, denn sie betreffen die psychische Entwicklung in ihrer grundlegenden Phase und sind später mit sprachlichen Mitteln kaum bearbeitbar.
Aus den bisherigen Darstellungen wird deutlich, wie wichtig ausreichend positive Erfahrungen eines Kindes während der ersten Lebensjahre sind. Allerdings – und dies wird oft weniger betont – ist die Erfahrung der eigenen Grenzen ebenfalls von elementarer Bedeutung für die Entwicklung. Die Welt des Kindes entspricht, wie wir gesehen haben, am Anfang mehr oder minder seinen Bedürfnissen – das Kind ist, was es bekommt. In dieser Zeit werden die ersten Grundlagen für eine psychische Differenzierung gelegt, die in die Herausbildung des Ichs als zweite psychische Instanz neben dem Es mündet. Ein anderer psychoanalytischer Begriff für die Selbstbezogenheit insbesondere des ersten Lebensjahres ist der des primären Narzissmus‘. Der primäre Narzissmus bezeichnet die zwangsläufige Auf-sich-selbst-Geworfenheit des Kindes in den frühen Entwicklungsstadien – das Kind ist gleichsam seine Welt, weil es noch über keine psychischen Differenzierungen verfügt, die zwischen sich und anderen bzw. der äußeren Welt unterscheiden könnten. Wenn nun ausreichend positive Erfahrungen möglich sind, verläuft die Entwicklung ohne Beeinträchtigungen, möchte man meinen. Doch dem ist nicht immer so, wie Michael Winterhoff (2008) eindrucksvoll darstellt. Über die positiven Grunderfahrungen hinaus sind auch Grenzerfahrungen für eine gelingende psychische Entwicklung notwendig. Werden diese Grenzerfahrungen im Sinne allgemein gültiger Regeln bzw. dessen, was ein Kind nicht darf, nicht gemacht, verbleibt das Kind im Zustand des primären Narzissmus. Dies äußert sich, indem andere Menschen nicht als eigenständige Wesen, sondern als Teil der eigenen Welt betrachtet werden. Ursache dafür ist der fehlende Entwicklungsschritt, über die Integration von ambivalenten Erfahrungen – zunächst mit der Mutter und dann mit anderen Menschen – Frustrationstoleranz zu erlernen. Werden dem Kind keine Grenzen gesetzt, kann es keine oder zu wenige der besagten ambivalenten Erfahrungen machen, und die Integration der Ambivalenz in ein Konzept („Die Mutter ist manchmal da, dann ist alles gut. Aber manchmal ist sie auch nicht da, das ist zwar nicht gut, aber es ist trotzdem dieselbe Person, die mich liebt und die ich liebe.“) kann nicht erreicht werden. Nach Winterhoff (2008) kann solche eine fehlgehende Entwicklung in die Unfähigkeit, andere Menschen als selbstständige, gleichberechtigte Wesen zu behandeln, münden. Andere Personen werden dann behandelt, als seien sie Teil der eigenen Welt. Eine Tendenz zur Unfähigkeit sich unterzuordnen und ein gering ausgeprägtes Durchhaltevermögen aufgrund fehlender Frustrationstoleranz sind dann entsprechende Folgen.
Das Beispiel des Verbleibens im primären Narzissmus verweist auf einen weiteren wichtigen psychischen Entwicklungsschritt. Der zunehmende Kontakt mit der Umwelt führt immer wieder zu Konflikten zwischen den Impulsen des Es und dem, was die Umwelt erlaubt. Die Erfahrungen mit diesen Konflikten führen mit der Zeit (etwa zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr) zu einer weiteren Differenzierung des psychischen Apparats. Das Über-Ich geht als die Instanz der Regeln und Verbote, der Moral und der gesellschaftlichen Normen aus dem Ich hervor. Nach der Vorstellung Freuds übt das Über-Ich dauernd Druck auf das Ich aus, um das Es unter Kontrolle zu halten.
Das Es löst nach der psychoanalytischen Vorstellung mehr oder minder dauernd Konflikte aus, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zunächst richten sich die Impulse auf die Umwelt, und das Ich hat als Anpassungsinstanz die Aufgabe, zwischen den Impulsen des Es und der – ggf. bedrohlichen – Umwelt zu „vermitteln“. Dabei bringt das Ich zunächst eine weitere psychische Instanz hervor, die dem Ich bei der Anpassungsleistung mit Regeln und Normen behilflich ist: Im Über-Ich werden die normierenden Einflüsse von Eltern, Erziehern und Gesellschaft wirksam. Dem Ich obliegt nun die immense Aufgabe, die Bedrohungen der Umwelt, die Impulse des Es und den Druck des Über-Ichs zu integrieren. Zum Umgang mit diesen in ihrem Ausmaß angstauslösenden Impulsen bzw. zur Reduktion des durch die Gegensätzlichkeit der Anforderungen entstehenden Drucks entwickelt das Ich Abwehrmechanismen, die verhindern, dass das ganze ambivalente Ausmaß der Impulse bewusst wird. Abwehrmechanismen sind demnach im positiven Sinne als Anpassungen an die Realität zu verstehen. So macht ein Kind bspw. mehrfach die Erfahrung der Ablehnung und wird daraufhin schrittweise Mechanismen entwickeln, sich fortan anders zu verhalten. Der wohl bekannteste Abwehrmechanismus ist die Verdrängung – „was zu große Angst auslöst, findet fortan nicht mehr statt“, zumindest nicht bewusst. Das bezieht sich sowohl auf furchterregende Faktoren der Realität, indem angstauslösende Elemente gleichsam aus dem bewussten Abbild der Wirklichkeit entfernt und ins Unbewusste verdrängt werden, als auch auf diejenigen Impulse des Es, die zu starken Konflikten führen – etwa indem das Ich lernt, den Impuls zu verdrängen, die Mutter zu hassen, um wieder Zuneigung zu erfahren.

Verdrängung: Auf der Grundlage unangenehmer oder sogar schmerzhafter Erfahrungen lernt ein Mensch, Vorstellungen, die entweder mit einem bestimmten, in der betreffenden Situation nicht auslebbaren Bedürfnis verbunden sind oder die mit moralischen Maßgaben in Konflikt stehen, ins Unbewusste zu verdrängen. Da die Vorstellungen und Impulse dadurch jedoch nicht einfach verschwinden, ist immer ein gewisser Aufwand an psychischer Energie notwendig, die Verdrängung aufrecht zu erhalten.

Projektion: Der Abwehrmechanismus der Projektion bewirkt, dass eine Person Empfindungen und Wünsche, die sie an sich selbst unerträglich findet, zunächst leugnet. Bis hierher ähnelt der Vorgang der Verdrängung. Das Spezifische an der Projektion ist, dass die (im Unbewussten wirksam bleibenden) Gefühle und Impulse unbewusst einer anderen Person zugeschrieben werden. Beinahe klassische Beispiele sind besonders dominante Menschen, die ihre eigene Aggressivität leugnen und dafür andere Menschen als besonders dominant und aggressiv kritisieren. Den Mechanismus der Projektion gibt es auch in umgekehrter Richtung (Introjektion), indem sich eine Person, um bestimmte Situationen zu bewältigen, Gefühle und Verhaltensweisen anderer Personen in sich hineinprojiziert und so empfindet und handelt, wie die andere Person vermeintlich empfunden und gehandelt hätte.

Sublimierung: Manche Impulse können aus moralischen (ethische Verbote, gesellschaftliche Normen oder Traditionen) oder sozialen (bspw. wenn Ablehnung oder gar Ausschluss drohen) Gründen nicht ausgelebt werden. Gibt man diesen Impulsen hingegen ein sozial akzeptiertes Ziel, wird es möglich, diesen Wünschen dennoch nachzugeben – bspw. in dem man sie mit einer beruflichen Rolle „umhüllt“. Die klassische Variante: Sadismus „läßt sich zum Beispiel in Berufen wie Metzger, Chirurg oder Polizist abreagieren“ (Mucchielli 1980, S. 14).

Verschiebung: Manche Impulse können gegenüber bestimmten „Objekten“ – zumeist Personen, es kann sich aber auch um Institutionen oder Gruppen oder Objekte aus anderen Kategorien handeln – nicht realisiert werden – ggf. weil dies nachteilige Konsequenzen für die betreffende Person hätte. Die mit dem betreffenden Objekt verbundenen Affekte und Handlungsimpulse werden von diesem Objekt gelöst und auf ein anderes übertragen. So kann es bspw. sein, dass ein Mitarbeiter wütend über einen Kollegen ist. Der betreffende Kollege wird aber vom Team sehr geschätzt. Ihn anzugreifen hätte also ggf. negative Auswirkungen auf den Stand des Mitarbeiters. Dieser nun „verschiebt“ seine Wut auf einen anderen Kollegen, den zu beschuldigen im Kreis der Kollegen ohne Gefahr für den eigenen Status möglich ist. Diese Person dient nun als Sündenbock. Der Abwehrmechanismus der Verschiebung funktioniert nicht nur mit aggressiven Affekten, sondern auch mit Angst, etwa indem die Angst vor einem Vorgesetzten auf eine andere Person oder die Angst vor einem Familienmitglied auf eine bestimmte Klasse von Objekten (bspw. alle Tiere, die ein Fell haben) übertragen wird. Ist die Angstübertragung besonders manifest, spricht man auch von „phobischer Fixierung“.

Von erfolgreicher Problemlösung zu unbewussten Handlungsmustern
Im Laufe ihrer Entwicklung – während der Kindheit und des Heranwachsens und während der ersten beruflichen Lernprozesse – sind Menschen mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert, die sie lösen müssen. Aus den ersten Versuchen der Problemlösung bilden sich langsam Muster heraus, wie ein Mensch an die ihm gestellten Aufgaben herangeht. Die erfolgreichen Muster – zu denen auch Abwehrmechanismen gehören – festigen sich mit der Zeit und geben der betreffenden Person ein Gefühl von Sicherheit in Bezug auf kommende Herausforderungen. Es liegt in der Natur des Menschen, nicht an jede neue berufliche Situation oder jede neue Beziehung – sei es Freundschaft oder Liebe – auch neu heranzugehen. Vielmehr greift man auf das bereits erlernte Repertoire an Handlungsstrategien zurück. Vieles in diesem Repertoire festigt sich mit den Jahren soweit, dass es nicht mehr in Frage gestellt wird. Aus erfolgreichen Handlungsstrategien werden habituierte – und damit weniger bewusste Handlungsstrategien. Kommt es nun zu einer Situation des Wandels und damit zu neuen Herausforderungen, so werden Menschen zunächst auf ihre geläufigen Handlungsweisen zurückgreifen und diejenigen Aspekte der Herausforderung, die tatsächlich neu sind, ausblenden bzw. vermeiden. Der Anreiz für ein derartiges Vermeidungsverhalten liegt in der Reduzierung von Angst, die durch neue Situationen zwangsläufig ausgelöst wird. Widerstände bei Veränderungen haben also eine Schutzfunktion – indem man die vermeintlichen Risiken der Veränderung ausblendet, lebt man angstfreier.

Die Konformisierung der Kommunikation in Gruppen
Die Zugehörigkeit zu Gruppen erscheint als ein paradoxes Phänomen: Auf der einen Seite stehen das Zugehörigkeitsmotiv des Individuums und die generelle Verheißung von Gruppen, für bestimmte Bedürfnisse des Individuums zu sorgen. Gruppen gehören zu den urtümlichsten und unabdingbarsten Erscheinungsformen menschlichen Lebens, was insbesondere daran deutlich wird, dass jeder Mensch (a) ständig in Beziehung mit Gruppen steht und (b) die Einstellungen dieser Gruppen ihm gegenüber – zumeist mehr unbewusst als bewusst – einschätzt. Andererseits weisen Gruppen ein starkes Eigenleben auf, was sich dadurch äußert, dass Gruppen vor allem dazu tendieren, sich selbst zu erhalten. Diese Selbsterhaltung geht allerdings zu Lasten der individuellen Bedürfnisse der Gruppenmitglieder. Insofern stehen individuelle Interessen (Zugehörigkeit, Bedürfnisbefriedigung) und Gruppenbelange (möglichst spannungsfreier Selbsterhalt, Vermeidung von Veränderungen) im Gegensatz zueinander. Es ist das Wesen von Gruppen, einige Bedürfnisse zu befriedigen und andere nicht, worin der spezifisch „konservative“ Charakter (Lazar 2004) des Phänomens Gruppe liegt. Der kollektiv normierende und das Individuum zur Anpassung zwingende Charakter wird besonders am Begriff der Gruppenmentalität deutlich. Demnach verhindern Gruppen das differenzierte Denken einzelner Personen (und damit auch das Lernen von Individuen aus den Beziehungen zur Gruppe) durch eine spezifische Form anonymen Drucks. Manche Äußerungen können offen vorgebracht werden, andere werden verdeckt geäußert. Es entstehen plötzlich Stimmungen und Verhaltensweisen, die nicht direkt einzelnen Personen zugeordnet werden können. Auf dieser anonymen Ebene der Gruppenmentalität findet die Selbsterhaltung von Gruppen statt: Das Denken des Einzelnen tritt hinter das genormte Denken der „Gruppe als Ganzes“ zurück. Dabei ist die Akzeptanz der Gruppenmentalität durch das Individuum impliziter Natur – man trägt ja anonym und großteils unbewusst zur Gruppenmentalität bei. Explizit danach gefragt, werden Menschen meist behaupten, die Gruppe habe keinen oder allenfalls einen sehr geringen Einfluss auf ihr Denken. (Vgl. Bion 2001, S. 31ff.; Lazar 2004, S. 48ff.)
Gruppen können als menschheitsgeschichtlich sehr alte Formen der Daseinsvorsorge verstanden werden. Kommen Menschen zu einer Gruppe oder einem Team zusammen, bilden sich sehr schnell (oft unausgesprochene) Gruppenregeln. Die Belange der Gruppe werden wichtiger als die des einzelnen Gruppenmitglieds. Praktisch bedeutet das, dass Gruppen die Aktivitäten Einzelner nur dann belohnen, wenn sie der Gruppe als Ganzer nutzen. Die Bedürfnisse nach Wertschätzung und Status der einzelnen Gruppenmitglieder werden also nur dann befriedigt, wenn diese sich der Gruppenmentalität fügen, was auf Dauer zu einer – psychologisch gesprochen – Verengung des Fokus der Gruppe führen kann. Praktisch heißt das, dass in Gruppen nicht mehr alles sagbar ist, sondern sich eine unbewusste Selbstzensur der Gruppenmitglieder entwickelt. Damit sind eine Reihe von die Vielfalt der verfügbaren Informationen und zum Ausdruck gebrachten Meinungen einschränkenden Effekten verbunden, deren bekanntester das so genannte „Gruppendenken“ ist.
Falls Sie ein Team übernehmen, dass Ihnen, aus welchen Gründen auch immer, zunächst feindlich gegenübersteht, werden Sie diesen Gruppendruck zunächst als Widerstand zu spüren bekommen. Mit Widerstand können Sie dann nicht anders umgehen, als ihn zu akzeptieren. Oberhandtechniken oder Drohungen würden das Problem nur verschärfen. Die betreffenden Menschen sind dann durch Fragen und Dialog langsam in einen Veränderungs- und Erkenntnisprozess zu ziehen. Das kann zunächst dauern. Andererseits führt es in der Regel zu einer Verstärkung der Ablehnung, wenn man versucht, dem Widerstand mit eigenen Argumenten entgegenzutreten (etwa: „Was Sie da sagen, ist ein Gerücht. Das stimmt nicht. Es ist so und so.“; besser funktioniert: „Ich verstehe Ihre Bedenken, und auch wenn nicht alles ganz genau stimmen mag, was Sie gesagt haben, möchte ich Sie einladen, sich selbst ein Bild zu machen.“). Die beste Strategie, die starre Homogenität von Gruppenmeinungen zu verändern, ist das gezielte Erfragen und Fördern von Minderheitenmeinungen. Wenn Sie Beobachtungen anstellen und fragen, werden Sie bemerken, dass die Landschaft in einem keineswegs so homogen ist, wie es Ihnen zunächst vorgekommen sein mag. Ein Rat an Teamleiter: Kümmern Sie sich um Minderheiten! Sie sichern die Meinungsvielfalt – auch wenn die Minderheitenmeinung in der Sache sogar „falsch“ sein sollte. Psychologische Experimente haben eindrucksvoll gezeigt, dass die allermeisten Menschen – wir reden von rund 90 Prozent – vor anonymem Gruppendruck kapitulieren. Gibt es aber bereits eine Minderheit, steigt die Wahrscheinlichkeit enorm, dass Einzelne eine von der Gruppenmeinung abweichende Sicht vortragen. Wichtig dabei ist nur die Existenz einer Minderheit, unabhängig davon, wie objektiv kompetent oder inkompetent (bis hin zu offensichtlich falsch) der Standpunkt der Minderheit ist. Schließen Sie also Bündnisse mit denjenigen, die offen für Veränderungen sind, aber auch mit allen anderen, die nach „Minderheit“ aussehen. Das hilft Ihnen, im Bedarfsfall den Lernprozess schneller voranzubringen. Ein großer Teil der praktischen Arbeit in Teamentwicklungen besteht im (Wieder-)Herstellen von Meinungsvielfalt und im Ermutigen von Minderheiten. Für die betroffenen Akteure ist es eine harte Erfahrung – für die Personen mit abweichenden Meinungen ist es alles andere als einfach, angefeindet zu werden, und für die Gruppenmitglieder ist es schmerzhaft, die Erfahrung zu machen, dass sie die Anonymität und Sicherheit der Gruppe einer wirklich offenen Suche nach Lösungen vorziehen. Schaffen die Beteiligten diese Hürde, finden sie fortan zu besseren Entscheidungen und können aus Erfahrungen lernen.

Jörg Heidig

Genuss vs. Leben. Keine Auflösung eines Widerspruchs.

Steht ein sogenanntes verantwortungsvolles Leben, ein Leben welches als Geschenk verstanden und angenommen wird im Gegensatz zu einem ungezügelten, möglicherweise auch selbstzerstörerischen Genuss? Ungezügelt möchte ich hier als personalisiert verstanden wissen. Für die fromme Helene mag der Genuss einer zweiten Tasse Melissentee bereits triebhaft und sündig scheinen. Harry Rowolth hatte in dieser Hinsicht ein anderes Maß und verließ seine legendären Lesungen selten unter einer Flasche Hochprozentigem. Immerhin wurde er dafür zum Ambassador of Irish Whiskey ernannt.

In einem Essay der Süddeutschen Zeitung vom 8. Juni wird die steinalte Frage aufgewärmt, was das gute Leben ist. Als „ungeheuerliches historische Novum“ bezeichnet es der Autor Bernd Graff, dass unsere Zeit darauf keine verbindende Antwort mehr hat.

Leider nur annähernd wissenschaftlich korrekt leitet er seine These aus einer von ihm in statistischer Relevanz wiederholt wahrgenommenen Werbung einer Baumarktkette ab. Zentrale Aussage des Reklamefilmchens: „Jeder hat sein ganz persönliches gut. Gut hierbei in Kleinschreibung, und damit ein großartiges Stück Selbstvergewisserung des unbekannten Werbetexters, den wir uns vermutlich als linksseitig tätowierten Gummersbacher Einstiegshipster vorstellen dürfen.

Will die Baumarkt-Werbung an die von Prof. Matthias Schmidt, in dessen Schatten ich mich gerne bewege, oft bemühte calvinistisch-preußische Arbeitsethik anknüpfen, nach der fleißiges Bohren, Sägen, Schrauben und Hämmern Bonus-Credits auf dem Weg zur Himmelpforte verschafft? Oder aber befreit nicht gerade der Slogan „Jeder hat sein persönliches gut“ aus der erdrückenden Verbindlichkeit eines Wertekanons hinein in die individuelle Verantwortung, dieses „gut“ zu suchen?

Die Christenlehre bietet ja einen reichen Kanon für vielerlei Geschmäcker. Dass Adam dazu verdammt wird, das Brot im Schweiße seines Angesichts zu verzehren taugt modernen wie antiken Sklavenhalten als gern zitierte Schablone für ihr Handeln. Aber bei Matthäus 6 finden wir ebenso das Hohelied des Nichtstuns: „Sehet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen, sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht, und doch sage ich euch, dass Salomo in all seiner Pracht nicht herrlicher gekleidet war.“ Diese Stelle muss Paul Lafargue, der kubanische Schwiegersohn von Karl Marx übersehen haben, als er in seinem Buch „Das Recht auf Faulheit“ kämpferisch fordert:

„Damit ihm seine Kraft bewusst wird, muss das Proletariat die Vorurteile der christlichen, ökonomischen und liberalistischen Moral überwinden. Es muss zu seinen natürlichen Instinkten zurückkehren, muss die Faulheitsrechte ausrufen, die tausendfach edler und heiliger sind als die schwindsüchtigen Menschenrechte, die von den metaphysischen Advokaten der bürgerlichen Revolution wiedergekäut werden. Es muss sich zwingen, nicht mehr als drei Stunden täglich zu arbeiten, um den Rest des Tages und der Nacht müßig zu gehen und flott zu leben.“

Wer aber bestimmt den Wert meines Lebens? Der besorgte Arzt, der sich düster Fachvokabeln murmelnd über meine Leberwerte beugt oder der Dealer des Vertrauens mit seinen unfehlbaren Tipps für einen auf Muschelkalkboden gezogenen Sauvignon blanc? Gälte es nicht mit entschlossener Hand die Verlogenheit eines Aufdruckes „Trinke mit Verstand“ zurückzuweisen, der die deutsche Bierflasche ziert. Ist nicht, wer mit Verstand trinkt, frisst und raucht gleich doppelt dumm? Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder heißt es im Bibelvers. Diese aber, an Verstand im Sinne der Bildungskultur, armen Wesen, verbringen doch den Großteil ihrer Zeit mit Trinken und Fressen und wachsen darüber zu wunderschönen Menschen heran.

Um im Leistungssystem unseren hübschen Kopf über Wasser zu halten, lehren uns seit Albert Camus und seinem „Sisyphos im Glück“ gut bezahlte Trainer die Techniken der Resilienz. Damit kann man fröhlich weiter tanzen, wenn das Leben einem ordentlich in die Fresse schlägt.

Gleichzeitig himmeln wir das neue goldene Kalb namens Nachhaltigkeit an und schicken uns an, mit dem Verzehr von fairen Bionaden die Welt nach unserem Bild besser zu machen. Ist es möglich, dass das die Welt nicht will, diese durch und durch arrogante Form des Kulturkolonialismus? Beides macht unser Leben nicht zwingend gut, dient aber immerhin dem Systemerhalt. Und das Bewahren lieben wir ja sehr, spätestens seit Candides vehement verteidigter These, in der Besten aller Welten zu leben.

Muss, um ein gutes Leben zu ermöglichen, nicht erst das Böse zerstört werden? Wer dem zustimmt, muss der dann nicht gleich den allmächtigen Gott töten, der das Böse ebenso wie die Liebe, Schmetterlinge und Mangoeis ermöglicht hat? Das angenehme sichere Leben für den einzelnen erscheint uns als erstrebenswert. Bleibt dahinter der ethisch-moralische Aspekt zunehmend zurück? So zumindest wollen es uns die Hedonisten-Basher glauben machen. Sie praktizieren ihren ausgeprägten Sado-Masochismus in der Askese und berichten mit heiligem Ernst, dass die erste Dattel nach Sonnenuntergang die köstlichste aller Früchte ist.
Führt der ein schlechteres Leben, dem Verzicht keine Freude ist? Und ist nicht die Freude am Verzicht vom Metahügel der reinen Lehre aus betrachtet wiederum eine Sünde? Absolution darf in dieser Religion natürlich nur erhalten, wer konsequent auch auf die Freude am Verzicht verzichtet.

Die Psychologie definiert Leistung als den Vollzug und das Ergebnis von Tätigkeiten in den unterschiedlichsten Handlungsfeldern. Dient dieser Ansatz möglicherweise als tragendes Fundament für die Brücke zwischen Ausschweifung und Sinnsuche? Wilhelm Hehlmann schreibt dazu im Wörterbuch der Psychologie:

„Sozialpsychologisch gilt die Leistung als unterscheidendes Merkmal der einzelnen im Aufbau der Leistungsgesellschaft. Die Diagnose der individuellen Leistungsfähigkeit gibt sogleich den Ort der Person im sozialen Gefüge an. Die Erziehung und Ausbildung zielen auf Leistungssteigerung in den Grenzen der Veranlagung. Doch ist die Leistung in hohem Grade auch vom Anspruchsniveau abhängig.“

Daraus könnte sich uns die Frage stellen, an welchem Ort wir in welchem sozialen Gefüge stehen wollen, um unsere Wohlbefindensbalance zu erlangen. In dieser Betrachtung ist Genuss, auch ungezügelter, rauschhafter, nicht von Vernunft beschränkter Genuss durchaus eine Leistung, in der selbst Steigerung durch diszipliniertes Training erzielbar ist. Auch ist die Verortung im sozialen Gefüge in Form von Anerkennung unter den gleichfalls trinkenden Freunden nicht von der Hand zu weisen. Daniel Goleman spricht in seinem Werk über soziale Intelligenz vom „geselligen Gehirn“, ein Wortspiel, welches von wiederum von der Werbeindustrie unter dem Slogan „Genuss verbindet“ aufgenommen wird.

In anderem Kontext wollen wir gleichzeitig das harte Brot der Erkenntnissuche kauen, wissend, dass uns unser Umfeld für jede gestellte Frage, für jeden angebrachten Zweifel verachten wird, da wir am Gefüge kratzen. Der Mensch, so heißt es bei Wilhelm Schmid, der die Schule der antiken Lebenskunst über den französischen Philosophen Michel Foucault mit seiner Aufforderung der „Sorge um sich“ in die Moderne weiter entwickelt, „der Mensch ist kein isoliertes Objekt. Menschliches Verhalten ist ein komplexes emotionales System in einer komplexen Umwelt. Dieser ganzheitliche Ansatz führt zu einem Begriff der Lebenskunst, der den modernen Individualisten ein ökologisch abgefedertes Zeitalter des Ausgleichs verspricht.“

Daran genießend zu arbeiten scheint mir eine angenehme Vorstellung. Focault forderte dem Fehlen einer allgemeinen Moral die Suche einer neuen Ästhetik der Existenz entgegen zu setzen.
Einen solchen Diskurs wünschte ich mir anstelle der unsäglichen Kultur wechselseitiger Vorhaltungen. Es gibt keinen zureichenden Grund dafür.

axel krüger

Ein jedes hat seine Zeit: Methoden für die (Neu-)Bestimmung der so genannten Work-Life-Balance

Der folgende Text fasst die wichtigsten Inhalte eines Vortrags zusammen, den ich auf dem Symposium „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ am 10. Juli 2015 an der Dresden International University gehalten habe. Das Symposium hat anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Masterstudiengangs Human Communication (Kommunikationspsychologie) stattgefunden. Zum Symposium ist auch unser neues Buch „Gesprächsführung im Jobcenter“ in der Edition Humanistische Psychologie erschienen.

Wir leben in Zeiten, die uns zu Recht so vorkommen, als würde (fast) alles schneller und gleichzeitig komplexer werden. Viele aktuelle Texte beginnen mit einer Variante dieser Feststellung. Für arbeitende Menschen bedeuten unsere aktuellen Möglichkeiten, Arbeit zu organisieren, dass man mehr in kürzerer Zeit schafft. Die zunehmende Komplexität – man nehme etwa als Beispiel nur die Entwicklung eines beliebigen technischen Geräts und vergleiche die technische Dokumentation oder allein das Vertragswerk für ein zugeliefertes Element des betreffenden Geräts mit den entsprechenden Dokumenten vor dreißig Jahren – sorgt dafür, dass man dabei immer engere und intensivere Abstimmungsprozesse gestalten muss. Ein Manager etwa kann vielleicht einen Prozess insgesamt überschauen, um Entscheidungen bezüglich der Lösung für ein auftretendes Problem zu treffen, reicht sein Wissen aber in der Regel nicht mehr aus. Vielmehr braucht er die Fähigkeit, Wissensträger schnell zusammenzubringen und arbeitsfähig zu machen. Die Kommunikation über Fachgrenzen hinweg ist sicher nicht einfach, aber genau darauf kommt es zukünftig an. Das meines Erachtens gegenwärtig hilfreichste Buch dazu stammt von Amy Edmondson und trägt den Titel „Teaming“.

Angesichts dieser Beschleunigung bei gleichzeitiger Zunahme von Komplexität und Interaktionsdichte verwundert es nicht, dass die empfundene Arbeitsbelastung zunimmt. Zumindest für Menschen über 40 stimmt in der Regel die Aussage, dass unsere Gewohnheiten noch aus einer „alten“, langsameren Zeit stammen. Eine Weile waren die neuen Tools gut: Smartphones, vernetzte Kalender, Projektmanagement-Tools oder Dokumentationswerkzeuge mit Echtzeit-Aktualisierung sind sehr hilfreich. Aber wenn man erst einmal ein paar Jahre sein Handy nicht ausgemacht hat, oft oder immer erreichbar war und so weiter, dann kann es passieren, dass der Körper irgendwann nicht mehr mitmacht. Und Schlaflosigkeit ist da nur ein eher leichtes Symptom. Schlimm wird es, wenn Menschen irgendwann plötzlich stark depressiv werden und nicht mehr denken können.

Die Frage, wie viel Arbeit wir brauchen, und wo wir vielleicht Grenzen ziehen, ist also durchaus eine sinnvolle. Vor dem Hintergrund der Frage „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ habe ich eine Reihe von Methoden zusammengetragen, die im Coaching, aber auch ganz individuell in der Selbstklärung dabei helfen können, die eigenen Prioritäten zu hinterfragen und neu zu justieren.

Vorab sei jedoch zur Vorsicht geraten: Einige der Methoden können recht intensive Wirkungen haben. Wenn man sie zur Selbstklärung anwendet, kann man selbst entscheiden, wie weit man geht. Werden sie im Coaching oder in Beratungssettings, etwa in der Arbeit mit Langzeitarbeitslosen eingesetzt, sind Vorsicht und ein hohes Maß an Empathie und Beratungskompetenz gefragt. Methoden sind niemals nur darum einzusetzen, weil sie wirken, oder weil man sie gerade spannend findet, oder weil sie gerade irgendwie passen könnten. Der Einsatz von Methoden folgt immer der Beziehungsdynamik zwischen beratender und beratener Person. Diese Beziehung muss erst zu einer helfenden Beziehung werden, sprich, die hilfesuchende Seite muss sich erst sicher genug fühlen, sich zu öffnen. Doch auch dann sind thematisch geeignete Tools noch kein Garant, dass auch erreicht wird, was intendiert wird. Vielmehr kommt es auf die Grundhaltung an: Habe ich die Rogersschen Grundhaltungen Empathie, Echtheit und Wertschätzung wirklich „drauf“ – auch in der jeweiligen, gerade aktuellen Beratungssituation mit dieser individuellen Klientin? Kann ich meine/n Gesprächspartner/in respektieren, akzeptieren, ernst nehmen, so wie er oder sie gerade ist? Kann ich ihr oder ihm „demütig fragend“ folgen, oder schubse ich ihn oder sie vor mir her – in eine von mir für richtig erachteten Richtung? All das sind wichtige Fragen, wenn es um den Einsatz von Methoden geht. So gut und wirkungsvoll manche der nachfolgend dargestellten Methoden also sein mögen – prüfen Sie bitte lange und sorgsam, ob und wann sich ein Einsatz lohnt. Fragen Sie lieber zehn Mal mehr, hören Sie lieber drei Stunden länger zu, bevor Sie intervenieren. Tooligans gibt es nämlich schon genug 😉

„Lebe so, wie wenn Du noch einmal leben könntest!“ (Friedrich Nietzsche)

Als ich diesen Satz vor einigen Jahren las, fragte ich mich zunächst, was Nietzsche damit gemeint haben könnte. Als ich den Satz zur Frage umformulierte, wurde mir die Bedeutung schlagartig klar: „Was würdest Du an Deinem Leben ändern (nicht mehr tun, stattdessen tun), wenn Du noch einmal leben könntest?“ Die Anworten auf diese Frage können sehr schmerzhaft sein. Aber beantwortet man die Frage ehrlich, führt dies – trotz vielleicht allen Schmerzes – zu dem speziellen Gefühl von Erleichterung, das mit Klarheit einhergeht. Nietzsche selbst hat seinerzeit viel vom Übermenschen schwadroniert, der, habe er sich einmal „ins Eis“ gewagt, klar sieht. Lässt man die Schwülstigkeit solcher Metaphern einmal weg, wird klar, was er damit (auch) meinte: Diejenigen Menschen sehen klarer, die in der Lage sind, sich jenseits der „Fallstricke der eigenen Existenz“ – also jenseits aller Verdrängungen, aller „Lieber lasst es so schön!“-(Und redet nicht darüber!)-Einladungen, aller Lebenslügen – dem zu stellen, was sie tatsächlich betrifft. Dann ist das Leben zwar kein Schlagerlied, aber Schlager sind ja ohnehin nur eine Variante der eben gemeinten kontraphobischen Selbstbetrügereien 😉

Aber auch hier Vorsicht: Stellen Sie diese Frage zunächst einmal sich selbst, finden Sie Antworten und handeln Sie gegebenenfalls danach. Erst dann können Sie die Konsequenzen erfassen, die Antworten auf diese Frage haben können. Dann wissen Sie auch, wann diese Frage vielleicht geeignet ist, und wann Sie die Frage besser nicht stellen. Es gibt weit mehr als tausend gute Gründe, sich Wahrheiten, Lebenslügen et cetera nicht einzugestehen. Und oft genug sollte man seine Klienten auch dort, wo sie sich eingerichtet haben, leben lassen. Kurz: Die Frage kann viel zu existenziell sein.

Was würden Sie bereuen, wenn Ihr Leben morgen enden würde?

Auch diese Frage ist in ganz ähnlicher Weise geeignet, die Prioritäten „zurechtzurücken“. Hintergrund: Bronnie Ware hat Sterbende dazu befragt, was sie bereuen, und fand heraus, dass es sich bei den meisten Antworten auf diese Frage um Varianten von lediglich fünf Sätzen handelt. Wie diese Frage als Methode angewendet werden kann, haben wir hier ausführlicher dargestellt. Schlussfolgerung aus der Methode: Unser Bedürfnis nach Bindung scheint am Ende des Lebens das wichtigste, bleibendste zu sein. Eingeklemmt zwischen Nähebedürfnis, Statusstreben, Selbstverwirklichung und oft genug auch dem Ziel, anderen vorzumachen, man sei jemand, der man gar nicht ist (nur damit man selbst glauben kann, man sei jemand anders als das ungeliebte Selbst), verbringt man sein Leben zwischen (empfundenen) Verpflichtungen. Die Methode kann helfen herauszufinden, wo man selbst gerade steht, was wirklich wichtig ist und was (oder auch: wen) man besser lassen sollte.

Die „Wippe“

Eine hilfreiche Methode, die Dynamik der inneren Konflikte zwischen dem, was eine Person an Rollen im Leben gelernt hat und den „ursprünglichen“ beziehungsweise ganz ureigenen, ganz persönlichen Impulsen zu klären, ist, die jeweiligen Impulse als „Wippe“ zu visualisieren. Ich bitte meine Klienten, einmal die verantwortungsbezogenen inneren Stimmen zu benennen. Häufig werden dann „Treiber“ benannt wie „Leiste!“ und „Mache, was andere wollen!“. Auf der anderen Seite werden dann die auf die eigene Person gerichteten Impulse positioniert. In der Regel werden die Verantwortungsimpulse bezüglich der inneren Treiber und der Erwartungen anderer Menschen viel größer oder „schwerer“ dargestellt als die Impulse der Selbstsorge und der eigenen Prioritäten. Durch die „Wippe“ kommt das – oft vorzufindende – Ungleichgewicht zwischen den Erwartungen anderer Menschen (häufigste Nennungen: Familienmitglieder, Vorgesetzte) und den ganz persönlichen Dingen (das kommt am ehesten dem nahe, was oft als das „innere Kind“ bezeichnet wird) zum Vorschein. Den betreffenden Personen wird dann klar, unter welchem Erwartungsdruck sie eigentlich stehen. Insbesondere wenn es um psychosomatische Beschwerden geht, werden diese mit Hilfe der Methode kognitiv zugänglich. In einem Fall war die „Verantwortungsrolle“, also ein Handlungsmuster, in den allermeisten Situationen „groß“ und „stark“ und „erwachsen“ sein zu müssen und für beinahe alles (in der eigenen Familie, für die eigenen Eltern, im eigenen Team, gegenüber dem Chef) verantwortlich zu sein, so stark, dass die betreffende Person in Anbetracht der Wippe sagte: „Um die Kleine da muss ich mich mal kümmern.“ Doch das ist falsch. Man kann sich um das innere Kind nicht „kümmern“. Wenn man Mitleid mit ihm hat, hilft das nichts. Man muss vielmehr „in das Kind hineingehen“, etwas tun, was das Kind tun würde, das Kind sein, dem Kind Raum geben. Beispielsweise könnte die Person sagen: „Es geht mir besonders gut, wenn ich über freie Felder wandere.“ Oder: „Als Kind war ich viel draußen und habe Tiere beobachtet.“ Dann sind es Wanderungen über freie Felder und Tierbeobachtungen, die helfen, nicht aber Mitleid für das innere Kind oder Wellness oder „etwas für sich tun“, was sich die Person in der „Verantwortungsrolle“ ausgedacht hat.

In einem Fall mit starken psychosomatischen Beschwerden wurde klar, dass die betreffende Person außer gelegentlichen Wanderungen gar nichts mehr nur aus sich heraus tat. Sie las keine Bücher mehr, hatte keine unstrukturierte Zeit mehr mit der Familie, stand auch bei ihrer Arbeit unter wachsendem Druck. Alle Reservate waren der Verantwortung zum Opfer gefallen. In der Firma gab es Umstrukturierungen, zuhause mussten die eigenen Eltern gepflegt werden, die Kinder brauchten finanzielle Unterstützung. Nach einem Zusammenbruch merkte die Person während der Wiedereinarbeitung, dass nichts mehr so flott und unproblematisch ging wie vorher. Nun war die Angst da, dass sie wieder zusammenbrechen könnte. Auf der Wippe standen links drei große Figuren: die Erwartungen des Chefs, die eigenen Treiber aus der Kindheit („Mach! Streng Dich an!“) und die Erwartungen der Familie. Rechts stand ein kleiner Zwerg, der Sport machen und lesen wollte, aber zu erschöpft war und keine Zeit dafür fand. Die Lösung lag darin, der eigenen Familie mitzuteilen, dass die Person nach dem Zusammenbruch jemand anders war als vorher und dass sie nicht mehr allen Erwartungen entsprechen konnte. Die Familie reagierte mit Erwartungsdruck, mit Tränen und so weiter. Die Reaktion war wiederum ein heftiges schlechtes Gewissen mit sehr deutlichen Erinnerungen an Ereignisse aus der Kindheit, in denen es darum ging, den Erwartungen der Eltern nicht entsprochen zu haben. Die Erleichterung, ausgesprochen zu haben, dass man jemand anderes sei, war das einzige, was half, das schlechte Gewissen zu ertragen.

Die Linien-Methode

Linienmethode_1

Von Irvin Yalom stammt die folgende, ebenfalls recht „existenzialistische“ Methode: Man zeichne einen Strich und markiere mit je einem Symbol die Geburt am Anfang und den Tod am Ende der Linie. Dann markiere man mit Hilfe eines Kreuzes diejenige Position auf der Linie, von der man glaubt, dass sie etwa dem gegenwärtigen Lebensalter entspricht (beispielsweise: „Halbzeit“). Dann schreibe man unter die Linie die fünf, sechs Dinge, die einem im Leben am wichtigsten sind. Das Wichtigste am Anfang, die weniger wichtigen Dinge dann je nach eingeschätzter Relevanz auf den entsprechenden Positionen. Nun kommt der wichtigste Schritt: Streichen Sie nun die erste Position durch. Stellen Sie sich dann Ihr Leben vor, wie es ohne das, was Ihnen am wichtigsten ist, wäre. Nehmen Sie sich Zeit, versetzen Sie sich hinein. Was macht das mit Ihnen? Welche Gefühle oder Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf? Betrachten Sie dann noch einmal Ihr Leben, wie es gerade ist. Hat sich die Perspektive geändert? Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie?

Linienmethode_2

In Ergänzung der Übung kann es hilfreich sein, das folgende Dalai-Lama-Zitat zu reflektieren: „Es ist besser zu wollen, was man hat, als zu haben, was man will.“ Die Übung eignet sich auch, in Weiterbildungen mit Menschen, die in Helferberufen arbeiten, das Thema Empathie zu bearbeiten. In Helferberufen, beispielsweise in Familienhelferteams oder im Jobcenter, hat man es oft mit Menschen zu tun, denen das Wichtigste im Leben entweder sehr schwierig vorkommt (beispielsweise die Familie) oder ganz abhanden gekommen ist (beispielsweise eine Arbeit als primäre Quelle für Status und Sinnerleben). Wenn man lange mit Menschen in schwierigen Lebenslagen arbeitet, kann es passieren, dass man beginnt, die Lebensführung dieser Menschen zu bewerten. Dann hilft diese Übung, sich gegebenenfalls wieder besser in Klientinnen und Klienten hineinzuversetzen.

Linienmethode_3

Verändere Deine Fragen!

Eine der für mich persönlich wichtigsten Methoden überhaupt habe ich in einem klugen Buch mit dem Titel „Change your questions!“ gefunden. Kurz gesagt kann man sich in jeder Situation entscheiden, ob man die Situation bewerten möchte, oder ob man etwas daraus lernen möchte. Emotionen können als „handlungsvorbereitende Situationsbewertungen“ verstanden werden. Und in der Regel machen wir uns über unsere Bewertungen keinen Kopf: wir nehmen etwas wahr und haben eine Emotion dazu – in alltäglichen Situationen bekommen wir das nicht mit. Emotionale Reaktionen sind so normal und automatisiert, dass wir sie nicht steuern können. Wir können uns höchstens beobachten und uns fragen: „Was war das, was ich denke, bevor ich es gedacht habe?“ Ganz im Sinne von: „Was war das für eine Emotion, bevor das ein Gedanke wurde?“ Denn: In der Regel wird aus einer Emotion eine recht direkte Reaktion und wir machen uns – quasi im Nachhinein – einen Reim darauf. Deshalb wehren wir alle möglichen Dinge, die uns gesagt werden, einfach ab. „Hast Du mein… gesehen?“ – „Nee, ich habe es nicht versteckt. Was soll ich denn damit?“ Das ist kein Gespräch, sondern reine Abwehr. Ich habe nicht die Frage verstanden, sondern sofort reagiert, und zwar mit Selbstschutz. Wenn mein Gegenüber nun sagt: „Ich wollte nicht wissen, ob Du… genommen oder versteckt hast, ich wollte wissen, ob Du es gesehen hast, weil ich es suche.“ antworte ich: „Naja, ich wollte nur sagen, dass ich es nicht war, weil ich es ja sonst immer bin.“ Sie sehen: es schaukelt sich hoch, nun haben wir sogar noch das Wort „immer“ eingebaut. Der Tag kann also noch spannend werden 😉

Dieses denkbar belanglose Beispiel soll nur die Natur des oben dargestellten Prozesses verdeutlichen – wir reagieren emotional. Die Emotion an sich – also das, was wirklich passiert, wird dabei kaum zum Gedanken. Was hingegen zum Gedanken – und damit überhaupt kommunizierbar – wird, sind die Dinge, die wir uns dazu – immer uns selbst schützend – zurechtlegen. Aber genau das führt in die Sackgasse aus einem Wechselspiel gegenseitiger Bewertungen – natürlich unbewusst beziehungsweise automatisch. Wenn ich jemanden nicht überzeugen kann, frage ich mich, was ich falsch gemacht habe. Oder warum der so blöd ist, das nicht zu verstehen. Ich verlasse aber keinesfalls meine Position.

Wenn ich mich nun stattdessen frage, was mein Gegenüber eigentlich will, welche Informationen ich habe und welche vielleicht noch nicht, welche Optionen ich habe et cetera, dann wird das Gespräch ein völlig anderes.

Sie können sich entscheiden, ob Sie eine Situation bewerten möchten oder ob Sie etwas aus einer Situation lernen möchten.
Sie können sich entscheiden, ob Sie eine Situation bewerten möchten oder ob Sie etwas aus einer Situation lernen möchten.

In problematischen Situationen passiert die Eskalation sowieso. Konflikte sind nicht aus der Welt zu schaffen – sie passieren einfach. Die Frage ist, was ich nach einer Eskalation mache. Verletzter Stolz? Gesichtswahrendes Schweigen? Die meisten erwarten, dass die andere Seite einlenkt. Man selbst hätte ja schon dies oder das… Pustekuchen. Die einzigen Menschen, an deren Handlungen wir etwas ändern können, sind wir selbst. Indem wir uns andere Fragen stellen. Auf andere Gedanken kommen. Indem wir unsere Emotionen (die sowieso passieren), in wichtigen Fällen im Nachhinein „umdenken“. Denken ist Probehandeln. Ich kann mir im Konflikt (wenn ich das überhaupt schaffe, unter Druck ist das Denken fast unmöglich) oder besser danach Fragen stellen, wie sie auf der nachfolgend dargestellten Karte verzeichnet sind. Ich kann mich also immer entscheiden, ob ich eine Abkürzung hinüber auf den „Pfad des Lernens“ suche und den „Pfad des Bewertens“ verlasse.

Die Landkarte der Wahlmöglichkeiten nach Marilee Adams (2009); Zeichnung: Juliane Wedlich

Presencing

Der Begriff des Presencings geht auf Otto Scharmer zurück und meint im Wesentlichen eine Verbindung aus „Hier und Jetzt“ und „nachspüren“. Früher, als mir solche Dinge nicht geläufig waren, habe ich auf solche „quasi-esoterischen“ Methoden mit etwas reagiert, das man bei gutem Willen „bodenständige Skepsis“ nennen könnte. Aber die Erfahrung lehrt: es ist, wenn es um das eigene Stresserleben geht oder – allgemeiner noch – um das eigene „Sein in der Welt“, dann kann man tatsächlich viel lernen, wenn man auf seinen eigenen Atem hört, sich auf sich selbst im „Hier und Jetzt“ konzentriert, lernt, nichts (haben) zu wollen, sondern zu sein und so weiter. Eine schöne Methode, sich auf diesen Weg zu begeben und sich selbst auf andere, ganzheitlichere und auch nachhaltigere (bei Scharmer heißt das „Ego to Eco“) Weise kennenzulernen, bietet die folgende Übung. Ich habe die Übung hier in Anlehnung an einen Artikel von Patrick Kinzler in der Zeitschrift Organisationsentwicklung dargestellt (vgl. Kinzler, P. (2014): «Stimmige» Selbstentwicklung mit der Theorie U. In: Zeitschrift Organisationsentwicklung, Nr. 1/2014. S. 16-17). Eine Darstellung des allgemeinen Prinzips, das hinter der Übung liegt, finden Sie hier. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass ich nach wie vor gerne „bodenständig skeptisch“ bin, wenn es um solcherlei Übungen und Veranstaltungen geht, wie man hier nachlesen kann. Doch nun zur Übung:

  1. Downloading: Sprechen Sie Ihren Namen laut aus, und zwar so, wie Sie ihn aussprechen, wenn Sie sich jemandem vorstellen.
  2. Seeing: Nun atmen Sie tief ein und wieder aus und sagen lediglich Ihren Vornamen. Was spüren Sie? Wenn Sie wollen, schneiden Sie die Übung mit. Hören Sie sich die Aufnahme bis hierher noch einmal an. Spüren Sie nach, was Sie empfinden. Welche positiven Empfindungen haben Sie? Gibt es Dinge, die Ihnen auffallen? Wenn ja, welche?
  3. Sensing: Atmen Sie noch einmal durch und sprechen Sie Ihren Vornamen zunächst lautlos im Kopf vor sich hin. Danach sprechen Sie Ihren Vornamen bitte in Verbindung mit dem Ausatmen laut aus. Was nehmen Sie wahr? Gibt es vielleicht Aspekte/Details, die noch nicht stimmig sind? Wie klingt Ihr Name? Welche „alten Dinge“ (Sachen, die Sie vielleicht schon hinter sich gelassen haben) hören Sie vielleicht noch?
  4. Presencing: Nun wiederholen Sie den letzten Schritt (durchatmen, im Kopf vorsagen), nur dass Sie diesmal warten, bis in Ihnen ein Impuls entsteht, Ihren Namen zu sagen. Nehmen Sie sich Zeit dafür. Sprechen Sie erst, wenn der Impuls da ist. Sagen Sie Ihren Namen, während Sie ausatmen. Nun lautet die Frage anders: Welche Potentiale schwingen mit, wenn Sie Ihren Namen sagen? Welche Aspekte wollen sich da gegebenenfalls entfalten? Was können Sie in Zukunft stärker in Ihr Handeln integrieren? Welche Kraft schwingt mit, die Sie noch nicht in Gänze kennen? Oder der Sie vielleicht bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben? Schreiben Sie Ihre Gedanken auf!
  5. Cristallizing: Lesen Sie sich Ihre Notizen bitte durch: Welche Gedanken oder Ideen lösen in Ihnen Resonanz aus? Wo ist diese Resonanz am stärksten? Was bedeutet das für Ihre Zukunft?
  6. Prototyping: Kommen Sie nun zurück zu Ihrem Namen. Sprechen Sie diesen nun mehrfach laut aus und versuchen Sie, die neuen Ideen und Potentiale zu integrieren. Bewegen Sie sich gern dabei, wiederholen Sie die Übung so lange, bis Sie lächeln. Dann überlegen Sie, was Sie tun wollen, um diese gewonnenen Ideen und Einsichten in Ihr Leben zu integrieren.
  7. Performing: Atmen Sie noch einmal tief durch und sagen Sie dann noch einmal Ihren Namen, und zwar so, wie Sie sich in Zukunft anderen Menschen gern vorstellen würden. (Vgl. Kinzler 2014)

Bei ungeübten Teilnehmern oder am Anfang von Trainings sollte die Übung in kleinen Gruppen durchgeführt werden, damit sich die Teilnehmer gegenseitig Rückmeldungen geben können (ebd.).

Nun der Vollständigkeit halber noch zwei Methoden, die ich zwar erwähnt, aber nicht näher beschrieben habe: Edgar Schein hat vor vielen Jahren einen Test entwickelt, der Menschen dabei helfen kann, sehr bewusst Karriere-Entscheidungen zu treffen. Der Test (Online-Version hier) basiert auf einer typenbildenden Exploration der Karrieren von Fach- und Führungskräften. Es werden neun karrierebezogene Muster unterschieden, so genannte Karriere-Anker. Eine weitere, sehr hilfreiche Selbstklärungsmethode ist das archetypenbasierte Modell von Erica Ariel Fox, das wir bereits an anderer Stelle auf diesem Blog beschrieben haben.

Zum Schluss ein Wort zur „so genannten“ Work-Life-Balance

Der Begriff unterstellt, dass Arbeit etwas anderes wäre als Leben. Oder andersherum. Das ist meines Erachtens Quatsch. Sinnvolle Tätigkeit (und deshalb – wenn schon nicht in jedem Fall, dann hoffentlich oft genug – auch Arbeit) ist ein Teil des Lebens wie Schlaf auch. Sonst wäre die Bilanz ja gruselig: ein Drittel des Lebens wird verpennt, ein Drittel in die Schule gerannt, gearbeitet und so weiter. Bleibt ein weiteres Drittel, in dem man dann neben Kindererziehung, Wege zur und von der Arbeit, Gartenarbeit und so weiter noch „leben“ soll. Diese Perspektive ist nicht hilfreich. Arbeit sollte vielmehr etwas sein, in dem man einen Sinn sieht. Menschen, die sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren, denen es um die Arbeit selbst geht und nicht etwa darum, was man mit der Arbeit alles erreichen kann (Karriere, Status, Geld, die Welt retten etc.), haben am ehesten die Chance, glücklich zu sein. Wobei es dann nicht mehr um Glück im heute verstandenen Sinne geht, sondern um Sinn:

  1. Konzentriere Dich auf das, was vor Dir ist, was Du gestalten kannst. Finde eine Berufung.
  2. Höre auf, jemand oder etwas in den Augen anderer sein zu wollen.
  3. Damit hast Du genug zu tun. Die Balance kommt dann von ganz alleine, weil es die Frage nach der Work-Life-Balance dann gar nicht mehr gibt 😉

Und schlussendlich, weil ich es nicht lassen kann, ein wunderschönes Buch dazu: „The Road to Character“ by David Brooks

Jörg Heidig

PS: Ich bedanke mich bei allen, die das Symposium „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ zu einer gelungenen Veranstaltung haben werden lassen – bei unseren Gästen, mit denen wir sehr anregende und interessante Diskussionen führen durften, und bei allen, die organisiert und Vorträge oder Workshops gehalten haben: Herbert BockGermaine HaaseIna JäkelAxel Krüger, Tanja Matthes, Lars OttoMatthias Schmidt, Fabian Starosta, Markus Will, Sandra Wolf und Benjamin Zips. Herzlichen Dank!

Warum sind Facebook und andere soziale Netzwerke so erfolgreich?

Über die Auswirkungen der Nutzung von Medien und dabei insbesondere der sozialen Netzwerke auf das menschliche Denken wird derzeit viel diskutiert. Weniger Beachtung findet dabei die Frage, warum soziale Netzwerke so ausgiebig genutzt werden. Meine Antwort aus psychologischer Sicht lautet wie folgt: Soziale Netzwerke sind deshalb so populär, weil sie die durch zunehmende Abschottung dünner werdenden Beziehungsnetze im realen Lebensraum durch Beziehungen im virtuellen Raum ersetzen. Die Ursache dafür sehe ich in dem während der vergangenen 200 Jahre immens gestiegenen Wohlstand. Der individuelle Lebensraum hat sich deutlich vergrößert, allerdings sind dadurch auch die Abstände zwischen den Menschen größer geworden. Lebte man früher mit mehreren Generationen unter einem Dach, und lebten nicht selten ganze Familien in einem Zimmer, und gab es also immer eine Art permanenten sozialen Grundrauschens, so kann heute davon keine Rede mehr sein. Singlehaushalte, Kleinfamilien und kinderlose Paare prägen das Bild. Vor diesem Hintergrund erscheint die Aufmerksamkeitszerstäubung, zu der die intensive Nutzung des Internets und besonders der sozialen Netzwerke angeblich führt, in einem ganz anderen Licht: Wir holen uns mit Facebook ein Stück Höhle oder Dorf zurück. Die Bedürfnisse des Menschen sind im Grunde die selben wie ehedem geblieben, nur die Umwelt hat sich rasant verändert.

Ich habe das in etwas ausführlicherer Form und verbunden mit der Frage, welche ethischen Bedenken sich mit Blick auf den Erfolg sozialer Netzwerke ergeben, in einem Artikel aufgeschrieben, der kürzlich in einem Tagungsband des Internationalen Hochschulinstituts Zittau im Rainer-Hampp-Verlag erschienen ist.

Jörg Heidig

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