Der doppelte Boden der Lüge

Im letzten Beitrag habe ich beschrieben, wie durch elterliche Infragestellung des Kindes erst kein Selbstvertrauen entstehen kann und sich dann – quasi als Rettungsversuch in existentieller Not – ein Ersatz-Selbstbild entwickelt. Indem sich das Kind als ungeliebt erfährt oder Liebe an bestimmte Leistungen geknüpft wird, lernt das Kind, nicht sich selbst zu achten und zu vertrauen, sondern es baut ein quasi „kompensatorisches“ Wunsch-Bild von sich auf. Dieses Wunsch-Bild ist heile, verkörpert aber nicht die Realität. Betroffene handeln vor allem aus ihrem Wunsch-Bild heraus, um ihre Unsicherheit in Bezug auf sich selbst nicht spüren zu müssen und um für solche Reaktionen aus ihrem Umfeld zu sorgen, die ihrem Wunsch-Selbstbild entsprechen. Im Grunde belügen sie sich selbst: „Indem ich Leistung bringe, werde ich anerkannt.“ könnte ein Schlüsselsatz lauten. Gerade jenen, die ihr Selbstbild mit einer hohen Leistungsmotivation ersetzt haben, fällt es sehr leicht, ihre Unzulänglichkeiten in unserer heutigen Gesellschaft zu verstecken. „Wenn die Arbeit ruft, bleibt ein Schweizer nie daheim.“, singt Faber. Und das gilt nicht nur für viele Schweizer, sondern auch für viele Deutsche. Leistung und Karriere sind „sozial erwünschte“ Dinge. Maaz behauptet sogar, dass die Mehrheit der Deutschen falsche Selbst-Bilder hätten, sich also nicht vertrauten und stattdessen Ersatz-Bildern von sich hinterherjagten. Diese Menschen belügen sich selbst und machen dadurch anderen permanent vor, wie erfolgreich, selbstsicher, ausgeglichen oder unverletzt sie seien. Sie legen sich soziale Masken zu, damit sie sich selbst glauben können, sie seien so tolle Helfer oder machten eine so tolle Karriere oder seien so aufopferungsvolle Familienmenschen oder, oder, oder. Nur damit sie ihre Unsicherheit und ihre Angst nicht spüren müssen.

Man kann sich den Prozess des Entstehens oder Erlernens eines Wunsch-Selbstbildes und der dazugehörigen Handlungen in etwa so vorstellen: Ein Kind fühlt sich unverstanden oder gar ungeliebt von seinen Eltern. Es wird nach Gelegenheiten suchen, trotzdem anerkannt zu werden. Es merkt bspw. bei außergewöhnlichen Leistungen, dass es dafür gelobt wird. Oder es bemerkt, dass, wenn es sich brav und angepasst zeigt, es im Vergleich zu sonst eher in Ruhe gelassen oder sogar gemocht wird. Diese zunächst eher einzelnen Versuche und Erfahrungen werden später – dann allerdings weniger unabsichtlich, sondern bewusster – wiederholt. Das Kind lernt, nicht es selbst zu sein, sondern Rollen auszuprobieren. Die Reaktionen auf die verschiedenen Rollen werden allerdings nicht einfach erfahren wie in einem beliebigen selbstverständlichen Interaktionsfluss – wenn sich das Kind selbst vertraut, handelt es einfach, die Eltern reagieren darauf usw. -, sondern die Kinder beginnen zu beobachten, welche Handlungen welche Konsequenzen haben und erlernen die entsprechenden Muster. Diese Beobachtung der eigenen Handlungen und insbesondere der Reaktionen darauf ist ein wesentliches kommunikatives Merkmal bei Menschen, die sich nicht selbst vertrauen. Betroffene handeln nicht einfach auf der Basis ihrer Emotionen oder Überlegungen, sondern die Reaktionen der anderen werden zunächst analysiert, um daraufhin die eigenen Handlungen zu planen. Es handelt sich also um ein mehr oder minder absichtsvolles Theaterstück, was im Handlungsvollzug geschrieben wird.

Ein beobachtbares Kennzeichen solcher Theaterstücke sind „prüfende Blicke“, die anderen Menschen während der beschriebenen absichtsvollen Handlungen zugeworfen werden. Diese Blicke tauchen bisweilen mitten im Handlungsvollzug auf und fügen sich nicht so recht in den Kontext bzw. passen nicht in den Interaktionsfluss. So kann es bspw. sein, dass ein Kind weint, dabei aber seine Eltern beobachtet. Oder ein Kind handelt besonders angepasst und beobachtet verstohlen, ob seine ggf. unterwürfigen Handlungen die gewünschte Reaktion erzeugen. Oder ein ehemaliger Strafgefangener zeigt nach einer verbalen Eskalation, auf die hin er von seinem Bewährungshelfer stark konfrontiert wurde, auf einmal Reue, sein Blick geht zu Boden und er gibt zu, dass er noch lernen müsse, seine Impulse unter Kontrolle zu bringen, und dass ihn der Herr Bewährungshelfer gerade sehr „erwischt“ und „getroffen“ habe und dass er ja Recht habe mit seiner Ermahnung. Blitzt zwischendurch ein eher kalter, prüfender Blick auf, kann man zumindest skeptisch bleiben, ob es sich hier nicht um ein „deeskalierendes Rollenspiel“ handelt.

Menschliche Handlungen bekommen auf diese Weise einen „doppelten Boden“. Eigentlich fließen die Interaktionen – eine Äußerung löst beim Gegenüber eine Reaktion aus. Diese Reaktion hat eine emotionale, eine kognitive und eine handlungsbezogene Dimension. „Normalerweise“ fließt die emotionale Bewertung der Situation mehr oder minder automatisch und unreflektiert in die Reaktion ein. Es kann aber auch sein, dass die reagierende Person – etwa in als sehr wichtig empfundenen Gesprächen – den Kognitionen eine stärkere Bedeutung verleiht, indem sie nicht „automatisch“ reagiert, sondern die eigene emotionale Reaktion wahrnimmt und überlegt, was das genau bedeutet und wie sie weiter handeln möchte. Dann haben wir es mit bewussteren Handlungen zu tun. Menschen, die sich nicht vertrauen, haben aber gelernt, ihre eigenen Emotionen gar nicht erst einzubeziehen. Für sie sind die Emotionen des Gegenübers wichtiger. Es geht ja darum, das eigene Wunsch-Selbstbild bestätigen zu lassen. Also steht nicht die eigene Emotion im Vordergrund, sondern die des Gegenübers. Ich darf quasi gar nicht so handeln, wie ich wollen würde, sondern ich handle quasi so, dass mein Gegenüber mein Wunsch-Selbstbild bestätigt. Das führt mehr oder minder konsequent dazu, die eigenen Emotionen zu ignorieren. Der „eigentliche“ Interaktionsfluss findet somit gar nicht statt, weil die eigenen Emotionen ja ausgeblendet werden. Was hingegen stattfindet, ist ein „Als-ob-Interaktionsfluss“. Ich tue quasi so, als wäre alles ganz normal. Ich versuche, meinem Gegenüber dieses Gefühl zu geben. Gleichzeitig analysiere ich dessen Handlungen nicht unter Hinzunahme meiner Emotionen, sondern mit der Maßgabe, was ich tun muss, damit mich mein Gegenüber als den leistungsstarken oder erfolgreichen oder hilfreichen oder so liebevollen oder so hilfebedürftigen Menschen wahrnimmt, der ich gern sein will.

Interessant wird es, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, die beide kompensatorische Selbstbilder entwickelt haben und dazu neigen, sich nicht auf ihre Emotionen zu verlassen, sondern stattdessen gewohnt sind, ihr Gegenüber mehr oder minder zu beobachten und ihre Reaktionen auf der Basis dieser Beobachtungen hin zu planen. Stellen Sie sich bitte einmal das folgende Beispiel vor:

Eine Psychologin, Ende dreißig und seit sechs Jahren als Therapeutin tätig, hat sich den Ruf erarbeitet, mit „Härtefällen“ gut arbeiten zu können. Sie tendiert dazu, nicht lange um den heißen Brei herumzureden. Viele ihrer vornehmlich männlichen Klienten schätzen ihre direkte Art und bringen dies auch zum Ausdruck. Manchmal hat die Therapeutin das Gefühl, selbst ein eher harter Mensch zu sein. Aber, denkt sie dann, so lange es hilft, passt es schon, und ich habe mich lange genug mit mir selbst auseinandergesetzt. Selbsterfahrung während der Therapieausbildung, eine eigene Therapie, häufige Weiterbildungen. Dass sie im Privatleben zwar glücklich scheint, es aber nicht ist, spielt keine Rolle, denkt sie. Das wird schon, man muss sich um Beziehungen immer wieder kümmern. Wann sie das zuletzt getan hat? Naja. Es ist ja bald Urlaub.

Diese Therapeutin bekommt eine neue Klientin, eine junge Frau, der vom lokalen Jobcenter dringend geraten wurde, sich in psychologische Behandlung zu begeben. Die Klientin leidet an Angststörungen und lehnt psychologische Hilfe eigentlich ab. Begründung: negative Erfahrungen während stationärer Aufenthalte in der Psychiatrie. Nun sei sie aber trotzdem hier, irgendetwas müsse ja passieren, so könne es nicht weitergehen, sie könne noch nicht einmal mehr ohne Begleitung das Haus verlassen, um etwa einen möglichen Ausbildungsbetrieb oder das Berufsschulzentrum anzuschauen.

Die ersten Gespräche verlaufen weder gut noch schlecht, man analysiert gemeinsam die Kindheit, frühere Erfolgs- und Misserfolgserlebnisse, die Therapeutin lässt sich ausführlich das Erleben der jungen Frau schildern. Nach dem zweiten Gespräch beginnt die Therapeutin zu zweifeln und nach dem dritten Gespräch will die Therapeutin die Klientin – Zitat – „eigentlich nur noch loswerden“. In der Supervision sagt die Therapeutin, dass sie das Gefühl habe, die Klientin lüge sie an. Es sei, als ob die Klientin sich gar nicht ändern wolle. Sie sage zwar, dass sie Hilfe bräuchte, und dass sie sich wünsche, eine Berufsausbildung zu machen. Aber dann sitze die Klientin nur da und gucke vor sich hin. Sie, die Therapeutin, schwanke zwischen Hilflosigkeit und Wut, weil die Klientin so gar keinen Willen hätte. Sie würde nur dasitzen wie ein – Zitat – „dickes Reh, das sich die Beine gebrochen hat, nur große Augen und Selbstmitleid“.

Nach einer Analyse der Emotionen der Therapeutin wird klar, dass die wie zur Schau getragene Verletzlichkeit der Klientin in der Therapeutin Aggressionen geweckt hat. Diese Aggressionen macht die Therapeutin an dem Gefühl fest, die Klientin spiele ihr etwas vor. Nach einer Weile wird jedoch der „doppelte Boden“ der Interaktion klar: Die Klientin hat tatsächlich Symptome und versucht, damit zu leben. Sie hat allerdings große Angst vor Panikattacken und lebt mit dem ständigen Gefühl, vom Alltag überfordert zu sein. Sie hat gelernt, ihre Angst offen anzusprechen – und hat auch gelernt, dass es an manchen Stellen wie bspw. im Jobcenter, leichter wird, wenn sie ihre Angststörungen betont. Die Therapeutin bemerkte zu Recht die zur Schau getragene Ängstlichkeit und Antriebslosigkeit ihrer Klientin. Aber statt damit zu arbeiten wurde sie wütend, weil die demonstrative Verletzlichkeit sie an ihre eigenen, mehr oder minder verdrängten „weichen Seiten“ erinnerte. Ihr Wunsch-Selbstbild war das einer starken, eher dominanten Frau, die mit Klarheit und einer gewissen „Kante“, wie sie sich auszudrücken pflegt, beruflich erfolgreich ist. Menschliche Schwäche hat sie immer angeekelt, aber sie habe sich damit auseinandergesetzt und habe das im Griff. Auf die Frage hin, wann sie das letzte Mal lieb zu sich selbst war, begann die Therapeutin zu weinen.

Über falsche Selbstbilder und die Fähigkeit zu lügen

Der Verdacht, nicht echt zu sein

Es ist ein Verdacht, der einen beschleicht. Ein komisches Gefühl, das man nicht haben möchte. Gegenüber ein guter Freund. Das Gespräch wird ernster, offener. Es geht darum, was wirklich los ist. Ein Gedanke: „Das passiert selten genug. Sei froh, dass Du so einen Freund hast. Einen, der Dich leiden kann, obwohl er Dich kennt. Einen, der Dich aushält.“ Doch dann dieses Gefühl zu lügen. Nein, das kann nicht sein. Ich sage doch die Wahrheit. Irgendwie traut man sich selbst nicht über den Weg. Die rettenden Reaktionen des Gegenübers: „Mir würde es genauso gehen. Ich verstehe Dich da. Was hättest Du machen sollen?“ Erleichterung. Als hätte man darauf gewartet.

Was ist da los? Woher kommt das Gefühl, sich selbst nicht zu trauen? Als brauche man den anderen, um sich selbst zu glauben.

„Ich will nur Dein Bestes, und Du benimmst Dich so unmöglich, dass ich ganz traurig bin und nicht mehr weiß, was ich noch mit Dir machen soll! Am liebsten würde ich mir einen Strick nehmen, so böse, wie Du bist. Ich schäme mich, dass Du mein Kind bist. Ich habe mir das anders vorgestellt!“

Wie man lernt, sich selbst nicht zu vertrauen

Selbstvertrauen ist etwas, das in der Kindheit entsteht. Es kommt darauf an, ob Eltern ihrem Kind vermitteln, dass es angenommen ist. Oder ob sie ihr Kind hinterfragen, ihre Liebe an Bedingungen knüpfen oder ihm vermitteln, es sei nicht in Ordnung so, wie es ist. Die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit strebt nach Entfaltung. Diese Erkenntnis wird heute oft missverstanden, indem Kindern keine Autorität mehr gegenübergestellt wird. Doch ohne Orientierung kann sich ein Kind nicht entfalten. Doch hier geht es nicht um das Fehlen von Autorität, sondern um die Verhinderung der Entfaltung. Man darf – und sollte – einem Kind sagen, wenn es etwas falsch macht. Aber man darf ihm nicht vermitteln, dass es falsch ist. Für Dinge, die ein Kind tut, kann man das Kind kritisieren. Man darf ihm aber nicht das Gefühl geben, dass es generell unerwünscht oder unmöglich ist. Man sollte nicht mit dem Entzug der Beziehung drohen oder diesen gar durchführen. „Wir bringen Dich jetzt ins Kinderheim, wenn Du nicht aufhörst, uns zu nerven.“ ist eine prototypische Variante einer weitgehenden Infragestellung der Existenz eines Kindes.

„Mein Gefühl stimmt nicht.“ ist ein Satz, zu einer existentiellen Hinterfragung der eigenen Person führt. Anders ausgedrückt: Man kann mit diesem Satz nicht leben.

Weil man aber trotzdem lebt und mit sich und der Welt klarkommen möchte, wird diese existentielle Hinterfragung verdrängt. Man lernt, sich selbst nicht zu vertrauen und sich stattdessen ein Wunschbild von sich aufzubauen – in der Hoffnung, so nach außen das Bild eines liebenswerten Menschen zu erzeugen.

Dieses Wunschbild entspricht nicht der Realität, man handelt aber zunehmend so, als ob es der Realität entspräche. Man sorgt also in der äußeren Welt für Reaktionen, die das Wunschbild bestätigen, und zwar solange, bis wir selbst glauben, dass wir diese Person sind.

Wie sich Lebenslügen vererben

An dieser Stelle sei angemerkt, dass wir alle mehr oder weniger starke Wunsch-Selbstbilder haben und entsprechende Bestätigung brauchen. Es geht hier um die Frage, wo die Grenze zwischen einem gesunden Selbstvertrauen und der Abhängigkeit von der Bestätigung des Ersatz-Selbstbildes durch andere verläuft. Im Falle gesunden Selbstvertrauens ertrage ich es, mit meiner Meinung auch einmal allein zu bleiben. Im Falle der Abhängigkeit von der Bestätigung durch andere kenne ich mich kaum und lebe mehr oder weniger fremdbestimmt, indem ich mich an dem Ziel orientiere, in anderen möglichst solche Reaktionen hervorzurufen, die eben nicht mich, wie ich bin, sondern mein selbst geschaffenes kompensatorisches Bild von mir bestätigen.

Beispiel Helfersyndrom: Weil ich mich nicht so aushalte, wie ich bin, und weil ich die Unsicherheit, die mich in der Nähe anderer Menschen befällt, kaum ertrage, suche ich mir eine Rolle, in der ich einen herausgehobenen Status genieße. Helfern ist man dankbar. Bleibt die Dankbarkeit aber aus, reagiere ich entsprechend unsicher bzw. verärgert. Man bestätigt mich nicht – was mich entweder anspornt, noch mehr zu helfen, oder, falls dies nicht funktioniert, das jeweilige Gegenüber abzuwerten („Die haben so viele Probleme, sehen das aber gar nicht ein!“) oder mich komplett abzuwenden („So ein undankbarer Mensch! Was ich alles für ihn gemacht habe. Dafür kann ich doch mindestens ein bißchen Dankbarkeit erwarten, oder?“).

Im Grunde wiederholt man dann, was die Eltern einem vorgelebt haben, und zwar ebenso unbeabsichtigt wie unbemerkt. Viele handeln sogar in dem Glauben, dass sie völlig anders als ihre Eltern seien. Und sind von der Erkenntnis, dass dem nicht so ist, so geschockt, dass sie dies nicht wahrhaben wollen und demjenigen, der die entsprechende Konfrontation ausgesprochen hat, mit dem Abbruch der Beziehung drohen. Ihrerseits haben es die Eltern in der Regel nicht böse gemeint. Sie wussten es ihrerseits zumeist nicht besser und haben selbst nur versucht, ihre eigenen Wunden zu verbergen. Auch die Eltern hatten in der Regel Wunschbilder von sich, also – drastisch formuliert – Lebenslügen, die sie aufrecht erhalten wollten.

Die schwerste Lektion

„Dein Gefühl stimmt nicht!“ heißt im Grunde: „Ich stelle Dich in Frage, weil ich dadurch an meiner Welt festhalten kann. Ich weiß, dass ich überfordert und genervt bin, aber das gebe ich nicht zu. Ich will auch nicht wissen, warum ich so bin. Ich will, dass Du mir das Gefühl gibst, dass alles in Ordnung ist. Deshalb kann es nicht sein, dass Du so fühlst, wie Du fühlst. Schau, was ich alles für Dich getan habe! Ich meine es doch gut! Dafür darf ich auch erwarten, dass Du sorgsam mit mir umgehst. Ach, ich weiß, Du bist zu jung dazu. Aber das lernst Du schon noch. Komm, sei schön lieb, setz Dich her, Dein Anfall geht schon wieder vorbei. Ich habe Dich lieb, wenn Du lieb zu mir bist. Alles andere würde mich umbringen, und Du willst doch nicht, dass ich mir einen Strick nehme, oder?“

Diese Sätze sind eine Mischung aus Gedanken, die kaum jemand so aussprechen würde, und Sätzen, die Kindern tatsächlich gesagt werden. Durch solche Gedanken und Sätze werden Kinder manipuliert und dazu gebracht, die Welt des betreffenden Elternteils zu bestätigen. Und das alles, weil sich jemand selbst nicht lieb haben kann! Weil es ihm ausgetrieben bzw. „wegmanipuliert“ wurde. Sich selbst lieb haben – klingt einfach, aber ist wohl die schwerste Lektion, die ein Mensch im Leben lernen kann.

Menschen mit Wunsch-Selbstbildern brauchen die Bestätigung von außen und machen sich vom Urteil anderer abhängig. Sie leben quasi für die Meinung anderer und nicht für sich selbst. Weil man nicht weiß, wer man selbst ist, lässt man das von sich geschaffene Bild von anderen bestätigen. Deshalb sind die Gefühle anderer wichtiger als die eigenen Gefühle. Daher der Verdacht, im Grunde nicht echt zu sein.

Innere Kälte als Preis für das Ersatz-Selbstbild

Ein Ersatz-Selbstbild zu schaffen und zu seiner Erhaltung sich selbst und andere zu belügen, bedeutet letztlich eine Entfernung von sich selbst. Weil sich jemand nicht so annehmen kann, wie er ist und sich nicht vertraut, geht er in die Distanz zu sich selbst – aber nicht im Sinne eines reflektierenden Nachdenkens über sich, sondern im Sinne eines vom „Anders-Sein“ träumenden, das eigentliche Selbst verleugnenden Ersatz-Selbstbildes. Man sorgt durch entsprechende Handlungen für die Bestätigung durch andere und stabilisiert so das Ersatz-Selbst immer mehr, bis man sich soweit von seinem eigentlichen Selbst entfernt hat, dass man nicht mehr darauf zugreifen kann. Das Resultat ist eine beinahe vollständige Fokussierung auf die Emotionen anderer unter Vernachlässigung der eigenen Emotionen. Man „erkaltet“ in Bezug auf sich selbst – und damit auch anderen gegenüber. 

Das klingt zunächst paradox, richten Betroffene doch ihren Fokus auf die Emotionen anderer. Sie tun dies aber nicht in erster Linie empathisch, sondern zunächst in gewisser Weise „berechnend“, denn sie beobachten die Reaktionen ihres Gegenübers, um ihre eigenen Handlungen auf das Gegenüber „abzustimmen“. Wirkliche Empathie würde ein „echtes Selbst“ voraussetzen, genau diesem traut man aber nicht – und damit auch nicht den eigenen Emotionen. Der Preis für das Ersatz-Selbst ist also eine mehr oder weniger „kalte Berechnung“ des Miteinanders. Sein falsches Selbst zu erkennen würde zur Folge haben, tiefgreifend über sein Leben nachzudenken und es ggf. zu ändern. Weil man sich aber selbst nicht traut und die Reaktionen des Umfelds auf das eigentliche, unsichere, aus der Erfahrung der Nichtakzeptanz oder des Ungeliebtseins resultierende Selbst kaum ertragen kann, hat man sich ja das andere, das gute, geachtete, angesehene usw. Ersatz-Selbstbild oder Wunsch-Selbstbild geschaffen. Und damit man nie mehr die Erfahrung machen muss, nicht geliebt zu werden, hält man an diesem Ersatz-Selbstbild fest und lebt, zugespitzt formuliert, seine ganz eigene Lebenslüge – allerdings um den Preis einer gewissen Kälte zu sich selbst und zu anderen.

Wie kommt man da heraus?

Manche der bisherigen Darstellungen könnten den Eindruck erwecken, die Schaffung eines Ersatz-Selbstbildes sei ein absichtlicher Prozess, der mit einer bewussten Entscheidung beginnt. Dem ist nicht so. Niemand entscheidet das, es geschieht einfach, und zwar durch ganz selbstverständliche, alltägliche Interaktion. Allein der Umstand, all das in solcher Ausführlichkeit zu beschreiben und Worte zu finden für etwas, das unbewusst abläuft, könnte den besagten Eindruck hinterlassen. Auch die später wirksamen Ersatz-Selbstbilder sind nicht bewusst – sie ersetzen ja das Selbst um den Preis der beschriebenen Selbst-Entfremdung bzw. emotionalen „Erkaltung“. Was bewusst werden kann, ist ein gewisses Unbehagen, sind Fremdheitsgefühle in Bezug auf sich selbst, sind ggf. Symptome. Dass es sich um einen beinahe vollständigen Ersatz handelt und die damit verbundenen Reaktionen „automatisch“ ablaufen, zum Wunsch- oder Ersatz-Selbstbild oder „falschen Selbst“ (Maaz) auch ebensolche „falschen“ Emotionen gehören, wird anhand des folgenden Abschnitts über die „symbiotische Kränkung“ klar. 

Emotionen können ja eigentlich nicht falsch sein – sie sind ja da. Aber wenn die ganze Identität durch die Erfahrung des Ungeliebtseins, der existentiellen Hinterfragung usw. regelrecht ersetzt wurde, dann handelt es sich auch bei den Emotionen um zu einer Maske passenden bzw. entsprechend „berechneten“ Ersatz. Nur mit dem Umstand, dass man das dann nicht bemerkt. Aus dem Bedürfnis, mit einer existentiellen Hinterfragung einhergehenden Schmerz zu vermeiden, erwächst eine Selbst-Entfremdung, die zum Verlust des Selbstvertrauens führt. Die vielversprechende Lösung ist ein Ersatz-Selbstbild, das mühevoll aufgebaut und aufrechterhalten werden muss. Man bleibt quasi in der Verbannung der Selbst-Entfremdung, tut aber so, als wäre dem nicht so, sondern als wäre alles „heile“. Der Preis dafür ist erkaltetes oder „berechnetes“ Leben. Der Ausweg wäre, aus der Verbannung zurückzukehren, das eigene Selbst zu ertragen und langsam zu lernen, dass die anderen einen dennoch mögen – auch wenn man nicht überdurchschnittlich leistet, hilft, liebt usw. Indem man sich selbst erträgt und lernt, dass man lieb zu sich selbst sein darf, sind Korrekturen möglich. 

Die symbiotische Kränkung

Zu einer „symbiotischen Kränkung“ kommt es, wenn man seinem Gegenüber sein Ersatz-Selbstbild zwar präsentiert, das Gegenüber dieses Bild aber nicht oder nicht vollständig bestätigt, also „bei sich“ bleibt und nicht in die symbiotische Verschmelzung mit dem Ersatz-Selbstbild geht. Man erzählt also von seinen besonderen Leistungen oder tut besonders viel für sein Gegenüber oder will jeden Aspekt seines Lebens (bspw. jede einzelne Sekunde des gemeinsamen Lebens) mit dem Gegenüber teilen. Das Gegenüber geht darauf aber nur teilweise ein und handelt in anderen Teilen „abgegrenzt“, unternimmt also weiterhin etwas allein, will nicht alles teilen oder betont, dass es ihm gar nicht auf die Leistungen ankomme, sondern auf einen selbst, und dass er einen als Menschen möge und weniger wegen der besonderen Leistungen. 

Solche Erfahrungen werden für Betroffene zur existentiellen Irritation – was man unbedingt vermeiden wollte (die existentielle Hinterfragung), geschieht wieder. Die Folge: Man hat das Gefühl, sich selbst zu verlieren, wenn das Gegenüber das Wunschbild nicht bestätigt. Man fühlt sich persönlich angegriffen.

Aber so ist es ja nicht. Das meint das Gegenüber gewiss nicht. Es stellt sich nur in der eigenen Erfahrung so dar. Und die Erfahrung ist in solchen Momenten „existentiell“, das heißt, man kann sich dem nicht oder nur sehr schwer entziehen. Jenes Theaterstück, das einen eigentlich „heilen“ sollte, fällt einem nun „voll und ganz“ auf die Füße. Das ist die Erfahrungsqualität. 

Was ist aber tatsächlich passiert? Das Gegenüber hat nur wie ein normaler Mensch gehandelt – ist auf manches eingegangen und auf anderes nicht. Tatsächlich wurde nur ein wenig Luft aus dem Wunschbild gelassen.

Besonders deutlich wird dies, wenn man sich vorstellt, was geschieht, wenn Menschen mit Ersatz-Selbstbildern lieben. Das Ersatz-Ich geht dann im Gegenüber auf, sehnt sich nach vollständiger Verschmelzung und meint, endlich die eine Partnerin oder den einen Partner gefunden zu haben. Es geht einem endlich gut, man ist nicht mehr unsicher, man fühlt sich aufgehoben, bestätigt, geliebt – aber eben nicht aus sich selbst heraus, sondern nur durch den anderen.

Wenn sich nun herausstellt, dass der andere (der geliebte Mensch!) noch ein eigenes Leben hat, es ihm offensichtlich auch ohne mich gut geht, dann kommt es zur Kränkung: Er braucht mich nicht so, wie ich ihn brauche! 

Das Gegenüber fragt man dann: „Warum brauchst Du mich nicht genauso, wie ich Dich brauche?“ 

Eigentlich heißt das aber: „Ich brauche dich so sehr, ich will Zeit mit dir verbringen, will, dass du da bist und mich bestätigst, ich brauche dich als Selbstwertstütze! Ich bin gekränkt darüber, dass Du noch eine eigene Meinung hast. Ich habe doch auch keine Meinung mehr, bin mit Dir verschmolzen, will nur mit Dir, für Dich sein!“

Und dann sagt man: „Ich verletze Dich doch auch nicht so, wie Du mich!“ Was das Gegenüber freilich nicht versteht.

Man liebt das Gegenüber also nicht um seiner selbst willen. Es geht bei solcher Liebe vielmehr um die eigene Person. Um Bestätigung. Um Seelenfrieden. Darum, dass endlich Ruhe ist. Dass es keine existentiellen Hinterfragungen mehr gibt. Das weiß das Gegenüber aber nicht. Man selbst weiß es ja auch nicht. Und wenn, dann würde man es nicht sagen.

Der Ausweg liegt darin, das Gegenüber freizulassen. Aus der unausgesprochenen Verpflichtung zu entlassen, qua symbiotischer Verschmelzung das eigene Wunschbild zu bestätigen. Was auf Dauer ohnehin nicht funktionieren würde, denn irgendwann merkt jedes Gegenüber, dass etwas nicht stimmt. Dass es sich um ein Theaterstück handelt, in dem das Gegenüber eine Rolle spielt. Dass es nicht um das Gegenüber, sondern um mein Theaterstück geht. Lässt man das Gegenüber nicht frei, geht es irgendwann selbst. Oder wird gegangen. Dann sucht man sich ein neues Gegenüber und entwickelt neue Verschmelzungsphantasien.

Lässt man das Gegenüber hingegen wirklich frei, so lebt man plötzlich unsicher. Man muss sich dann selbst ertragen, ist auf sich und seine ganze erlebte existentielle Hinterfragung zurückgeworfen. Wenn man sich dann nicht wieder Halt in der Bestätigung von außen sucht, kann man lernen, sich zu finden, sich auszuhalten, sich mögen zu dürfen, sich zu achten, sich zu vertrauen. Aber das ist ein denkbar schmerzhafter Weg.

Gefangen in der Psychologisierung: Die endlose Hinterfragung seiner selbst

Der soeben beschriebene Weg kann gelingen, aber ihn zu gehen, ist wie gesagt sehr schmerzhaft. Und es gibt unterwegs viele Ablenkungen und Verlockungen, sich einzubilden, man hätte es schon geschafft und dann doch wieder in die alten Muster zu verfallen. Betrachten wir noch einmal den Entstehungs- und Korrekturprozess insgesamt:

  1. Irritation der eigenen Existenz durch die Erfahrung, nicht geliebt zu werden oder nur für bestimmte Leistungen Zuwendung zu erfahren / Erfahrung einer „existentiellen Hinterfragung“
  2. Aufbau eines „kompensatorischen“ oder „Ersatz-Selbstbildes“
  3. Interaktion mit anderen vor allem zur Bestätigung des Ersatz-Selbstbildes, zunehmend Erfahrung von Sicherheit in diesem Ersatz-Selbstbild verbunden mit entsprechenden Erfolgen, Statusgewinnen, Beziehungen etc.
  4. Ggf. Entdeckung des Ersatz-Selbstbildes und der damit verbundenen Muster im Zuge etwa einer Lebenskrise verbunden mit der Erkenntnis, sich selbst und andere zu belügen
  5. Erkenntnis, dass man selbst eigentlich immer noch so unsicher ist wie in jenen Situationen, die man nie wieder erleben wollte
  6. Versuche, die Unsicherheit zu ertragen, sich selbst auszuhalten, die entsprechenden Muster zu ändern, lieb zu sich selbst zu sein 

Letztere Versuche können vor allem gelingen, wenn man lernt, allein zu sein, seine eigene Verletzlichkeit zu erkennen und dennoch zu handeln. Bei sich zu bleiben, die eigene Verletzlichkeit nicht mehr schützen zu wollen, die Harnische der Ersatz-Selbstbilder abzulegen und für sich selbst einzustehen. Gelingt dies nicht – Alleinsein ist eine existentielle Erfahrung, bspw. wenn man in einer Teamsitzung eine abweichende Meinung hat und auf dieser beharren will, weil man gute Argumente hat und obwohl das Team als Ganzes dagegen zu sein scheint – kann es sein, dass man in einer Spirale der permanenten Selbsthinterfragung oder des andauernden Psychologisierens landet. Man hat ja einmal erkannt, dass man sich und anderen etwas vormacht. Das bedeutet auch, dass man dies wieder erkennen wird. Hält man sich dann aber nicht aus – findet man sich nicht, weil der Weg dahin zu scherzhaft ist und man nicht lernt, allein zu sein – bleibt man in einer Art Zwischenwelt gefangen. Diese Zwischenwelt besteht aus falschen Selbstbildern und entsprechend geknüpften Beziehungen auf der einen Seite und der Erkenntnis, dass diese falsch sind, und sich daran anschließender Such- und Orientierungsprozesse auf der anderen Seite. Führt man diese Such- und Orientierungsprozesse nicht zuende, ist die Gefahr groß, dass alles wieder von vorn beginnt und dass dabei die symbiotischen Phantasien mit der Zeit immer größer und bunter bzw. die „Heilungshoffnungen“ immer unrealistischer (und nicht selten: esoterischer) werden.

Das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen und die Lebenskrise um die 50: welche Fragen helfen

Ein interessanter Blickwinkel auf das Leben bietet sich, wenn man es als Muster aus „Geben“ und „Nehmen“ betrachtet. Stark vereinfachend könnte man sagen, dass man als Kind und in der Jugend vor allem nimmt und weniger gibt. Auch während man ausgebildet wird, studiert, ausprobiert o.ä. ist man eher beim Nehmen als beim Geben.

Das mögen Betroffene anders sehen, indem sie etwa ihre Abiturzeit oder ihre Ausbildung als Quälerei empfinden. Allerdings deutet das meines Erachtens weniger auf Quälerei, sondern eher auf die Frage nach dem Sinn hin. Wer seine Ausbildung oder sein Studium als mühselig erlebt, hat für die Mühen keine gute Erklärung. Sobald die Bemühungen einen Sinn haben, können sie quasi instrumentell verstanden werden. Es reicht also in der Regel aus, sich den Sinn seiner momentanen Bemühungen zu verdeutlichen und sich selbst oder durch andere zum Durchhalten aufzufordern. Nicht umsonst zeigen so genannte Selbstimpfungstrainings einige Wirkung. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass ein nicht zu verachtender Teil der heutigen Eltern ihre Kinder erzieht, als seien alle etwas Besonderes. Ist dies der Fall, kann das Problem zwei Gestalten annehmen. Entweder die Eltern rauben ihrem Kind die Anstrengungsbereitschaft, indem immer alles als „super“ bewertet wird, was das Kind tut. Wenn dann noch eine gewisse „Helikoptermentalität“ – also überwachender und allumsorgender Schutz in allen Lebenslagen, vor allem auch bei der Austragung kindlicher Konflikte und bei (an und für sich ja oft notwendigen) Grenzsetzungen oder Maßregelungen durch Lehrer – hinzukommt, geben die betroffenen Kinder schnell auf, wenn es wirklich mal anstrengend wird. Oder die Eltern setzen ihre Kinder unter einen subtilen Leistungsdruck. Die davon betroffenen Kinder werden meist sehr geliebt und wachsen auch in diesem Bewusstsein auf, allerdings bekommen sie auch – meist gut gemeint und unterschwellig – eingeimpft, dass sie besser sein müssen als andere, um in unserer Gesellschaft zu bestehen. Die Liebe wird quasi unbewusst auf Leistung und Verdienst konditioniert (siehe dazu „Love and Merit“ von David Brooks). Grundsätzlich ist Leistungsorientierung nichts Schlechtes, gehört sie doch zu den menschlichen Grundbedürfnissen, aber unter den heute jungen Menschen gibt es nicht wenige, die mit (häufig nur empfundenen, nicht einmal tatsächlichen) Minderleistungen schlecht umgehen können, bspw. heftig weinen, wenn sie keine Eins bekommen. Die Kompetenz, mit Niederlagen oder auch nur der eigenen Durchschnittlichkeit umgehen zu können, ist bei diesen Menschen nicht oder nur gering ausgeprägt. Der Begriff des Besonderen funktioniert nur, wenn es eine jeweils größere Masse des Normalen oder Durchschnittlichen gibt. Das sollten Eltern beachten, wenn sie ihrem Nachwuchs wieder einmal sagen, sie oder er sei etwas ganz, ganz Besonderes. Natürlich sagen Eltern so etwas, und sie sollen auch nicht ganz damit aufhören, die Frage ist nur, wie oft und in welchen Situationen sie das sagen. Wie so oft macht hier die Dosis das Gift.

Zurück zum Geben und Nehmen: Es gibt Phasen im Leben, in denen man nimmt. Die Kindheit und Jugend gehören zu diesen Phasen. Vielleicht ist das ein Grund für die häufige Beschreibung der Kindheit als „unbeschwerte Zeit“. Es gibt andererseits Phasen, in denen man gibt. War die studentische Zeit – zumindest, wenn man nicht drei Jobs hatte, um sich komplett selbst zu finanzieren – auch eine jener „unbeschwerten Phasen“, tritt danach meist der „Ernst des Lebens“ auf die Bühne. Man wird Teil einer Organisation, ist mit Erwartungen konfrontiert, will sich bewähren, vielleicht sogar Karriere machen. Man kann sich plötzlich vorstellen, Kinder zu bekommen, denkt über das Heiraten nach, renoviert eine Wohnung oder sogar ein Haus. Man macht vielleicht Schulden. Und dann findet man sich plötzlich in einem anderen Leben wieder. Frei nach dem Kierkegaardschen Spruch, nach dem das Leben vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden müsse, merkt man das auch nicht gleich, sondern schiebt irgendwann zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Geburtstag an einem ganz schnöden Abend mitten in der Woche den Einkaufskorb durch den Supermarkt und merkt, dass man in der Phase des Gebens angekommen ist. Übrigens hat niemand diese Situation mit dem Wagen im Supermarkt und der damit verbundenen Empfindung der Sinnentleerung und dem sich daraus ergebenden Ärger, der sich vor allem auf andere richtet, aber das eigene Leben meint, besser beschrieben als David Foster Wallace in seinem unübertroffenen Text „Das hier ist Wasser“.

Manchen mag diese Erkenntnis treffen wie ein Schlag. Aber die Verpflichtungen und die Verdrängung tun das ihre: man macht weiter – Haus bauen, Kinder in die Schule bringen, den Job halbwegs gut machen, sich um sein Team kümmern, die Freundin oder den Kumpel trösten, weil dort gerade die Beziehung in die Brüche geht, hoffen, dass einem das erspart bleibt – oder gerade nicht? Aber dann muss man wieder aufstehen, zackzack, ab ins Auto, nur nichts vergessen, wo ist der Einkaufszettel, schnauz mich nicht so an, nein, ich komme heute erst später nach Hause, mach Du bitte die Kinder und nein, ich will jetzt nicht schon wieder diskutieren. Und so weiter. Wenn diese Routinen unterbrochen werden, weil man Urlaub hat oder zur Kur ist oder weil man beim Arzt sitzt und der einen fragt, ob man Stress hat, oder wenn jemand aus dem näheren Umfeld krank wird oder sogar stirbt, dann sind das jene Momente, in denen man das merkt: wie sehr man am Geben ist und wie wenig am Nehmen.

Das sei doch aber nichts Besonderes, könnte man einwenden, das Leben habe nun einmal Phasen des Gebens und des Nehmens, und man solle doch froh sein, dass es immernoch Menschen gebe, die gerne gäben, weil der Anteil der Hedonisten ja steige, und man solle sich einmal das Schicksal vieler Vereine ansehen und den ganzen demographischen Wandel. Auch wenn man den einen oder anderen Teil dieses Einwands für übertrieben hält – im Kern stimmt er: Phasen des Gebens und des Nehmens wechseln sich ab, und mit zunehmender Individualisierung ist die im Westen so wichtige Selbstverwirklichung in vielen Fällen zur Selbstrotation geworden. Es stimmt auch nicht ganz, dass in der Jugend nur genommen wird und in der Hochleistungsphase des Lebens, also in der Regel zwischen dem dreißigsten und dem fünfzigsten Geburtstag, nur gegeben wird. Das wurde hier so dargestellt, weil Vereinfachungen oder Übertreibungen dazu geeignet sind, solche Dinge verständlicher zu machen.

Also doch kein Problem? Nun, gewiss nicht in jedem Fall. Ich beobachte nur, dass viele Menschen gerade am – vom Zeitpunkt her höchst relativen – Ende der Hochleistungsphase, also im weitesten Sinne ein paar Jahre um den fünfzigsten Geburtstag herum, ein mitunter massives Problem mit ihrem Leben bekommen. Das ist grundsätzlich nichts Neues. Entwicklungspsychologen, allen voran Erikson, haben verschiedene Phasen des Lebens erforscht und herausgefunden, dass jede Phase ihre spezifischen Konflikte hat, mit denen sich ein Mensch konfrontiert sieht und die er für sich löst – oder nicht. In Bezug auf das eigene Leben optimistisch zu bleiben und nicht zu verbittern, hat – auch und gerade in unseren eher gottlosen Zeiten – im Grunde mit der Art und Weise der Bewältigung dieser Konflikte zu tun. Es soll hier also keineswegs versucht werden, diesen Modellen ein weiteres hinzuzufügen. Vielmehr soll das bereits Bekannte (dass es eine Krise um das fünfzigste Lebensjahr herum gibt) aus einem besonderen Blickwinkel (dem des Gebens und Nehmens) betrachtet werden, um jenen, die mit Betroffenen beruflich zu tun haben (v. a. Führungskräfte) oder ihnen helfen (Coaches, Berater, u. U. auch Trainer) ein besseres Verständnis der Krise und gleichzeitig ein Handwerkszeug zur Bearbeitung dieser Krise an die Hand zu geben. Denn wenn man weiß, warum die Krise existiert, kommt man auch auf die richtigen Fragen, die in dieser Krise helfen. Kurz gefasst lautet die Antwort: es geht in dieser Krise darum, bzgl. des bisherigen (Berufs-)Lebens Bilanz zu ziehen und sich zu fragen, was noch kommen soll und was man dafür braucht. Ganz reduziert lautet die Frage: was willst Du eigentlich? Was willst Du eigentlich – für andere und für Dich selbst?

Doch langsam: schauen wir uns die Krise erst einmal etwas genauer an, bevor wir zu den Fragen kommen. Folgende Ursachen und „Zuspitzungen“ lassen sich beobachten: nach langen Jahren engagierter Arbeit merken Menschen um die Fünfzig, dass ihnen die Dinge nicht mehr so leicht von der Hand gehen. Die Karriere, so vorhanden, hat sich verlangsamt oder stagniert seit einiger Zeit. War für viele die Arbeit lange der wichtigste Aspekt im Leben, stellen sie ihre Wertehierarchie zunehmend in Frage. Nicht wenige merken, dass sie kaum mehr etwas für sich selbst tun, sondern das meiste für andere (die Firma, die Familie, den Verein usw.). Es fällt ihnen schwer, das bisherige Level zu halten, und schwerer wiegt noch: sie sehen immer weniger Sinn darin, so weiterzumachen. Sie stellen sich die Frage: soll das jetzt immer so weitergehen? Andere bekommen ernstere gesundheitliche Probleme und merken, dass es nicht gesund wäre, so weiterzumachen. Der überwiegende Teil dieser Menschen macht (zunächst) trotzdem so weiter. Ich habe Führungskräfte erlebt, die erst nach dem dritten Herzinfarkt und dem Verdacht, dem vierten um Haaresbreite entkommen zu sein, ein Einsehen hatten und die berufliche Rolle gewechselt haben. Oft ist es in solchen Fällen auch hilfreich, die Branche zu wechseln, also bspw. aus der Wirtschaft kommend im öffentlichen Dienst weiterzumachen.

Im Wesentlichen lassen sich zwei Reaktionen in der Krise beobachten:

  1. Die gesundheitlichen Anzeichen und/oder die eigenen Zweifel werden ernst genommen. Man stellt sich den Fragen und zieht Bilanz. Man fragt sich, was man bisher erreicht hat. Man fragt sich, was man eigentlich will. Irgendwann verschwindet das „eigentlich“. Man fängt an, die neuen Dinge zu tun. Alte Freunde anzurufen, sich ein neues Hobby zu suchen, sich Zeit zu nehmen, Sport zu machen. Indem man diese Dinge tut, gewinnt man einen anderen Blick auf das Leben. Was zunächst kaum zu beantworten scheint (Was willst Du eigentlich?), wird nun immer leichter zu beantworten. In sportlichen Begriffen: man läuft seinem alten Leben davon und fängt vor Erschöpfung an zu lächeln. So lernt man, das Leben anders zu sehen. Dieser Prozess dauert lange, aber er funktioniert. Die nicht auf die sonstige Arbeit oder die im Alltag zu erbringende Leistung gerichteten Aktivitäten bringen dem Körper bei, dass es auch anders geht. Der Verstand folgt irgendwann. Viel später fragt man sich, was man in den nächsten Jahren will, wo man beruflich hin will und welche Qualifikationen, Vertiefungen etc. dafür notwendig sind. Oft führen diese Schritte zu jener tiefen Professionalität, die man schwer erklären kann, und die in manchen Modellen als „Stufe der unbewussten Kompetenz“ beschrieben wird. In vielen Fällen führt die Krise hier nicht zu einem „neuen“ Leben, wohl aber zu einem „tieferen“ und gewissermaßen auch „langsameren“ Leben, indem man einerseits wieder mehr für sich tut und das Leben mehr genießt (also im Sinne des „Nehmens“), dafür aber auch mehr weitergeben kann, etwa als Mentor oder reifere Führungskraft.
  2. Die Anzeichen werden ignoriert, und es wird weitergelebt wie bisher. Man muss leider sagen: oft in der unbewussten Anerkenntnis des eigenen, ggf. früheren Todes. Sätze wie: „Wenn es mich erwischt, dann ist es eben so.“ sind in diesen Fällen nicht selten. Es ist durchaus legitim, so zu handeln, und oft erfüllt mich ein tiefer Respekt vor diesen Menschen, die ihre Aufgabe über sich selbst stellen, manchmal erschrecke ich aber auch vor solchen Sätzen. Ich will erklären, warum. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen „Handlungsfähigkeit auch im Angesicht der Gefahr“ und „Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen“:

Handlungsfähigkeit auch im Angesicht der Gefahr: Es gibt Berufe, die vollen Einsatz erfordern, und bei deren Ausübung der volle Einsatz manchmal die Überschreitung der eigenen Belastungsgrenzen erfordert, in Extremfällen bis zum eigenen Tod. Das kann Soldaten betreffen, aber auch manche Ärzte, Polizisten oder Rettungskräfte. Auch Menschen, die auf ICE-Strecken Oberleitungen reparieren, Waldbrände in den Griff bekommen oder andere schwere und lebensgefährliche Tätigkeiten ausüben, sind davon nicht ausgenommen. In Zeiten, da unsere stereotype Vorstellung von Arbeit zunehmend die eines Büroarbeitsplatzes wird, gerät uns das Verständnis für gefährliche und volle Identifizierung und Involviertheit erfordernde Berufe zunehmend aus dem Blick. Wir sind auf Gesundheit bedacht, achten auf Grenzen usw. Aber was wären wir ohne jene Feuerwehrleute, Polizisten oder Retter, die da sind und in volles Risiko gehen, wenn es brenzlig wird?

Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen: Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum ein Mensch Geheimnisse vor sich hat, und manchmal ist der Schutz dieser Geheimnisse wichtiger als die eigene Gesundheit. Das erklärt, warum sich manche Menschen in Lebenskrisen oder bei drohenden Krankheiten scheinbar dazu entschließen, nichts zu ändern. Sie machen weiter, manchmal regelrecht, bis sie umfallen.

Haben jemandem bspw. die eigenen Eltern beigebracht, sich selbst zu hassen, dann kann es sein, dass er sich einen Beruf gesucht hat, der ihm Anerkennung bringt. Er hat sich so ein „kompensatorisches Selbstbild“ aufgebaut. Die berufliche Rolle ist eine Art „Ersatz-Ich“, das gemocht wird, Dankbarkeit oder Anerkennung erhält o. ä. Das funktioniert, ist aber anstrengend, weil die Befriedigung nur temporär ist und das künstliche Selbstbild ständig neues Futter braucht, damit es existieren kann. Das bedeutet ein permanentes Grundrauschen an Stress. Ein anderer Fall wäre, dass man bestimmte Anteile des eigenen Selbst nicht wahrhaben möchte, bspw. dass man manchmal eben nicht die tolerante, engagierte, fürsorgliche usw. Person ist, sondern Hass empfindet und am liebsten Gewalt ausüben würde, und in der Folge alles dafür tut, dass die Umwelt diese Anteile nicht wahrnimmt. Man engagiert sich dann etwa gegen Rassismus oder für Flüchtlinge, entwickelt dabei aber eine Energie und Radikalität, die sich in Härte und Konsequenz ganz und gar nicht von jener unterscheidet, die man bekämpfen möchte, ja in manchen Fällen sogar noch intoleranter und ausschließender daherkommt. Wer ein solches Selbstbild entwickelt hat, verfügt – in der extremsten Ausprägung – über gute Gründe, für sein Engagement zu sterben. Im Grunde lassen diese Menschen das eigene Ich sterben, um das kompensatorische Ich bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Wollte man diese Sichtweise zuspitzen, müsste man von „Selbstbetrug bis zum Tod“ sprechen oder mit Bertrand Russell schlicht sagen: „Manche Menschen sterben lieber als nachzudenken. Und in der Tat: sie tun es.“

Es gibt sicher Grauzonen zwischen der „Handlungsfähigkeit im Angesicht der Gefahr“ und der „Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen“. Jedoch sind die Extremformen, die letztere gebiert, in der Welt der ersteren nicht möglich. Letztere nehmen Lügen und im Extremfall mitunter schwere Straftaten in Kauf, nur um an dem kompensatorischen Selbstbild festzuhalten, welches das eigene Selbstbild, einem Balsam für die als geschunden empfundene Seele gleich, auf so sanfte und verführerische Weise ersetzt. Nur dass der Balsam ein Gift zum (eigenen) Tode ist, was oft ebenfalls sehend in Kauf genommen wird.

Mit letzteren Darstellungen wird die Gnadenlosigkeit gegenüber dem eigenen Körper, dem eigenen Schicksal und in gewisser Weise auch der eigenen Familie verständlich, die manche Menschen an den Tag legen, wenn es darum geht, eine bestimmte Krise nicht zu bewältigen bzw. sich bestimmte Fragen nicht zu stellen. Man kann dann leider nichts machen außer zu versuchen, die Beziehung aufrechtzuerhalten und in den dafür geeigneten Momenten die richtigen Fragen zu stellen. Man kann aber niemanden vor sich selbst beschützen. In den genannten Ausnahmefällen schwerer Straftaten hilft das freilich nicht. Dann muss man Anzeige erstatten.

Jörg Heidig

Weil wir es können

Fragt man sich, was Menschen antreibt, so geht der Blick gegenwärtig beinahe automatisch in Richtung Psychologie. Diese Disziplin hat wie keine zweite das Thema Motivation für sich in Beschlag genommen. Über die empirisch mitunter sehr gut fundierten Theorien hinaus stellt sich mir aber immer wieder die Frage, ob es nicht die eine oder andere eher anthropologische Konstante gibt, die wir beim Thema Motivation übersehen – gerade als ob uns die eher auf den einzelnen Menschen gerichtete Psychologie regelrecht den Blick für manche Zusammenhänge verstellte.

Eine dieser wirklich interessanten und manche Probleme recht erhellenden anthropologischen Konzepte ist die Theorie der sich über Generationen hinweg verändernden Grundlinien des menschlichen Denkens.

Der andere, von der Psychologie weithin übersehene Motivationsfaktor lässt sich am Ehesten mit der Umschreibung „Weil wir es können“ fassen.

Zuerst habe ich davon bei Jon Krakauer gelesen, der sich in seinem Buch über eine katastrophal misslungene Mount-Everest-Expedition gefragt hat, warum Menschen unter großen Anstrengungen und Gefahren in solche definitiv lebensfeindlichen Umgebungen vorstoßen – und dies nicht nur zu Wenigen, sondern mittlerweile zu Hunderten und Tausenden. Die lapidare – und zunächst verstörende – Antwort lautet: weil wir es können.

Mit diesem Satz macht auch ein Erlebnis Sinn, das ich einmal als Student hatte und das mir lange ein Rätsel war. Bei einer Party fand ich mich in einer Runde von Studenten wieder, die ich kaum kannte. Ich war damals in eine Dame aus dem betreffenden Jahrgang verliebt, weshalb ich mich sehr gern auf diese Party hatte einladen lassen, obwohl ich kaum jemanden kannte. Man unterhielt sich über die gerade absolvierten Praktika. Bei den in der gemütlichen Küchenrunde ausgetauschten Geschichten beschlich mich irgendwann das Gefühl, dass es gar nicht um die Jobs oder die Erfahrungen an und für sich ging, sondern eher darum, wer weiter weg bzw. an möglichst ungewöhnlichen Orten gearbeitet hatte. Das Praktikum im Süden Frankreichs verblasste vor dem in Ecuador. Dann wusste aber jemand „Tokio“ zu sagen, was wiederum eine Steigerung darstellte. Als mich das Thema zu nerven begann, gab ich mit ein paar Jahren Flüchtlingsarbeit im ehemaligen Jugoslawien an, was die Diskussion beendete. In jenem Moment ging es mir wohl darum, die junge Dame zu beeindrucken; im Nachhinein dachte ich aber immer wieder mit vielen Fragezeichen an diese Situation zurück.

Es wäre problemlos möglich, weitere Beispiele solcher Geschichten aufzuzählen. Anstatt in den Urlaub zu fahren und Land und Leute kennenzulernen, springen wir von Besuchermagnet zu Besuchermagnet oder von Event zu Event, machen Fotos, hasten weiter. Damit einhergehend: manchmal erwischen wir uns, wie wir, wenn wir einmal plötzlich nichts zu tun haben, regelrecht erstarren. Wellness-Hotels sind Orte, an denen sich das gut beobachten lässt: gerade eben bewegte sich der Geschäftsführer-A6 noch mit 190 Sachen über die Autobahn, dann wird gebremst, eingeparkt, ausgeladen, der Modus gewechselt, sich auf den Liegestuhl gelegt… Und dann? Nichts.

Oder was?

Warum ist das so? Warum rennen wir regelrecht, nur um quasi „in der Eile zu erstarren“? Mit den herkömmlichen Motivationstheorien ist das Phänomen allenthalben nur teilweise zu erklären. Man könnte etwas über Statusbedürfnisse usw. erzählen, aber das reicht meines Erachtens nicht aus. Gerade die stete Steigerung dessen, was wir pro Zeiteinheit schaffen/konsumieren/entspannen etc. können, stellt mich vor die Frage, was diesen Mechanismus verursacht. Klar: individuell bzw. psychologisch erklärt bin ich beim Statusbedürfnis und beim sozialen Vergleich – was der andere hat, will ich auch, gern auch mehr. Aber das erklärt noch nicht, warum auch Menschen, die erklärtermaßen anders sein und handeln wollen, ebenfalls mitmachen.

„Wir fliegen übers Wochenende mal eben nach Dubrovnik und anschließend nach Budapest. Dubrovnik ist für die Romantik und in Budapest treffen wir Freunde auf einem Festival. Mittwoch sind wir wieder da, dann geht der neue Job los.“ – Originalzitat einer jungen, sich sehr für das Thema Nachhaltigkeit engagierenden Kollegin aus dem vergangenen Sommer.

Was ist da passiert?

Mit den Möglichkeiten wachsen die Ansprüche, könnte man sagen. Aber das unterstellt eine gewisse Absicht. Ansprüche haben auf den ersten Blick etwas Absichtsvolles. Aber genau das möchte ich bezweifeln. Die absichtsvollen Überlegungen sind in der Regel verständlich und gut. Warum soll man 2000 Kilometer mit dem Auto fahren, wenn man die fragliche Strecke in wenigen Stunden – und günstiger – fliegen kann? Und sollen wir nicht auf Work-Life-Balance achten, gerade in Zeiten schneller werdender Abläufe und wachsender Belastungen? Ja, all das klingt vernünftig. Und warum sollte es wie früher ein Privileg weniger Menschen sein, bestimmte Reisen machen zu können? Nun, die Privilegien der Wenigen haben sich seither auch weiterentwickelt. Man blicke dazu nur einmal in die Yachthäfen des Mittelmeers.

Es ist ein Kreislauf zwischen Bedürfnissen und Möglichkeiten, in dem es unbewusst darum geht, was möglich ist und nicht so sehr darum, was nötig ist. Wir tun vieles, weil wir es können, nicht, weil wir es brauchen. Und es ist oft nicht der soziale Vergleich aus den psychologischen Motivationstheorien, sondern viel eher der an und für sich begrenzte Horizont des Denkens – denn unsere Entscheidungen sind in der Regel vernünftig oder lassen sich zumindest recht einfach argumentativ zurechtbiegen (Reduktion kognitiver Dissonanz). Es werden nur insgesamt immer mehr solcher Entscheidungen. Nicht nur die Zahl der Menschen steigt, sondern auch das, was man möglichweise als „Schlagzahl pro Individuum“ bezeichnen könnte.

Wir müssten uns fragen: Was brauche ich?

Aber da wir viele früher bindenden Selbstverständlichkeiten – bspw. den Kirchenbesuch am Sonntag einschließlich der (oft wirkungslosen) Erinnerung ans Maßhalten – abgeschafft haben, sind viele von uns regelrecht auf sich selbst zurückgeworfen. „Ich entscheide. Ich bin glücklich, weil ich entscheide. Ich mache die Dinge nur, wenn ich sie machen will. Ich tue nichts, das ich nicht möchte.“ So oder so ähnlich hört sich das dann in der Praxis an. Viele der heutigen Menschen leben so. Nicht zuletzt ich selbst.

Früher war das einmal ein befreiender Gedanke – raus aus den Familiengefängnissen und Zwangssystemen, weg von der gruseligen, oft genug gewaltschwangeren und regelrecht „einmahlenden“ Erziehung früherer Jahrzehnte. (Großen Teilen der Psychologie wohnt dieser „emanzipatorische Impuls“ inne.)

Hin zu? Ja genau: Wohin sollte die Reise nochmal gehen?

Es sollte eine Befreiung des Menschen werden, eine Welt ohne Druck, ohne gleichsam „gestanzte“, lebenslang in Rollen gezwungene Menschen. Anstelle dessen sind wir, fürchte ich, ins Schlaraffenland der Egomanen unterwegs – weil wir es können.

Jörg Heidig

Der Unterschied zwischen Selbstreflexion und Selbstrotation

Hat ein unsicherer Mensch den Mut, der (erlernten) Welt irgendwann seine eigene Deutung entgegenzusetzen? Das macht den Unterschied zwischen Selbstreflexion und Selbstrotation. Wer unsicher bleibt und nicht wagt, wird weiter um sich selbst rotieren, in den Äußerungen der anderen krampfhaft nach Signalen des Verständnisses und der Akzeptanz suchen, die dann in ein (simuliertes, kaum echtes) Selbst-Verständnis und eine simulierte Selbst-Akzeptanz umgewandelt werden. Mit der Folge, dass der Verdacht, man könnte nicht echt sein, immer stärker wird.

Anders formuliert: Gerade in Helferberufen sind unsichere Menschen überdurchschnittlich häufig vertreten. Für viele ist die Rolle des Helfers oder der Helferin so etwas wie ein „kompensatorisches Selbstbild“. Sie sind sich im realen Leben selbst nicht genug, mögen sich nicht, wie sie sind. Oder sie sind in sozialen Situationen unsicher, wissen bspw. in vielen Situationen nicht, wie sie handeln sollen. Erleben sie dann, wie es ist, anderen Menschen zu helfen, werden sie plötzlich ruhiger: Nun sind sie wer, haben eine Rolle, spüren Dankbarkeit. Diejenigen Inhaber von Helferberufen, auf die das zutrifft, sollten genug Selbstreflexion betrieben haben, um dies nicht nur zu wissen, sondern im Griff zu haben.

Nicht umsonst gehört eine tüchtige Portion Selbsterfahrung zu jeder guten psychologischen oder sozialpädagogischen Ausbildung – schade, dass das in den letzten beiden Jahrzehnten zugunsten der reinen Wissens- und Methodenvermittlung immer weniger geworden ist.

Meine Befürchtung ist, dass viele nur so tun, als seien sie reflektiert – die beschäftigen sich mit sich selbst mit dem Ziel der Selbstbestätigung, nicht der Selbsterkenntnis. Da liegt der Unterschied.

Jörg Heidig

Erst zu viel Autorität und nun oft gar keine mehr: wie man falsche Selbstbilder prägt, und was passiert, wenn man die Prägung ganz unterlässt

Wenn man sich vorstellen möchte, wie das Selbstbild eines Menschen entsteht, ist es hilfreich, zum Prozess des Erlernens von Bedeutungen in der (frühen) Kindheit zurückzugehen. Mit der Sprache eignet sich ein Kind auch die entsprechenden Bedeutungen an – wobei die Bedeutungen nicht etwa gegeben sind, sondern sich gleichsam aus der Beziehung des jeweils sprechenden Menschen zum durch den Sprechakt bezeichneten Gegenstand ergeben. Hat ein Mensch keine Beziehung zu einem Gegenstand (etwa wenn er ihn nicht gebrauchen oder keine Erinnerungen damit verbinden kann), wird ihm dieser auch kaum etwas bedeuten. Die Eltern reagieren auf das primäre Bindungsbedürfnis ihres Kindes – sind diese Reaktionen halbwegs gleichbleibend und sicher, bildet sich daraus ein konsistentes Bindungsmuster. Durch die Reaktionen der Eltern auf ihr Kind erfährt das Kind auch etwas über sich – beispielsweise dass es geliebt wird. Ein Kind kann aus sich selbst heraus nichts über sich erfahren – alles, was ein Kind über sich weiß, haben andere (zuallererst die Eltern) in das Kind „hineingelesen“. Das Kind handelt zunächst auf der Basis seiner Bedürfnisse – und erfährt durch die Reaktionen seiner Eltern, was seine Handlungen bedeuten. Durch halbwegs gleichbleibende Reaktionen – eine spezielle Handlung des Kindes führt im Wiederholungsfall zu einer etwa gleichen oder mindestens ähnlichen Reaktion der Eltern – bilden sich mit der Zeit stabile Bedeutungs- und Handlungsmuster. So lernt ein Kind, wer es selbst ist, und wie es handeln soll. Später sind dieses Bild und die entsprechenden Handlungsmuster fast selbstverständlich und dementsprechend kaum hinterfragbar.

Bei einem so sensiblen Prozess wie der Prägung eines Selbstbildes kann es zu einer ganzen Reihe von Störungen oder Verzerrungen kommen. Eine der wahrscheinlich häufigsten Störungen tritt auf, wenn Kinder abwertend oder gar gewalttätig erzogen werden. Das Resultat ist häufig eine zutiefst unsichere Persönlichkeit. Befragt man selbstunsichere Personen, so wird man hören, dass eine so geprägte Unsicherheit nicht „weggeht“, sondern dass sie nur „kompensierbar“ ist – nicht selten durch berufliche Tätigkeit. Die berufliche Leistung und der Status, den man dadurch gewinnt, „heilt“ die Verletzungen – ein wenig, aber nie vollständig (die Wirkung bleibt meist situations- oder bereichsbezogen: berufliche Leistung reduziert die Unsicherheit in beruflichen Umgebungen, hat aber nur eine geringe und oft nur vorübergehende Wirkung auf die Lebensbereiche über die berufliche Welt hinaus). Manche entwickeln einen regelrechten „Hunger nach Leistung“, werden zu bisweilen sehr erfolgreichen Persönlichkeiten – nur eben oft mit dem Manko, dass es nie genug ist, dass sie immer weiter müssen, und dass sie sich auf jeder erklommenen Stufe wieder genauso fühlen wie am Anfang aller anderen Stufen davor. Der „Hunger“ – das Bedürfnis nach Kompensation – bleibt schwer zu stillen.

Ist man nun als Kind beispielsweise abwertend erzogen worden – hat man also über sich gelernt, „nicht genug“ zu sein, oder schlimmer noch: nichts wert zu sein – so wird man aus Gründen des Selbstschutzes lernen, dies zu verbergen, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen. Eine mögliche – und nicht seltene – Reaktion besteht im Ergreifen eines Helferberufs. Da Menschen, denen man geholfen hat, in der Regel dankbar sind, und da Hilfe einem Helfer auch die statusmäßig „höhere“, weniger verletzliche Status-Position sichert (die hilfesuchende Seite macht sich verletzlich, indem sie zugibt, Hilfe zu brauchen; die helfende Seite gewinnt an Status, weil ihr die Kompetenz zu helfen zugeschrieben wird), suchen selbstwertverletzte Menschen gern die – oft als „professionelle Distanz“ umformulierte – emotionale „Ruhe“ der statusmäßig höheren Position des Helfers auf. Drastisch formuliert: Hilfe ist eine Form von Macht, und – mit Epikur gesprochen – Macht verschafft eine gewisse „Seelenruhe“ (durch die mit der Macht einhergehende Distanz).

Weil das tatsächlich anerzogene Selbstbild schwer erträglich ist, bauen viele selbstunsichere Menschen ein „kompensatorisches Selbstbild“ auf und lernen so zu handeln, dass die Umwelt fortan vor allem das „kompensatorische Selbstbild“ bestätigt. Bei einem selbstunsicheren Menschen, der einen Helferberuf ergreift, wird das sehr deutlich: aus dem „Ich bin nicht genug!“ wird eine hohe Helfermotivation, die für anerkennende und dankbare Reaktionen sorgt – was schnell zu „Helfers Opium“ werden kann, wenn sie oder er davon nicht genug bekommen kann. Im Prinzip leben Menschen mit solchen „kompensatorischen Selbstbildern“ dann eine Art Lüge – die zwar alles andere als unverständlich ist, aber trotzdem eine Lüge bleibt. Und da man sich schlecht selbst belügen kann, weil man sein Selbstbild immer aus den Reaktionen anderer generiert, „benutzt“ man quasi die Reaktionen anderer, um seine eigene Lüge aufrechtzuerhalten. Ein trauriger, im Grunde unverschuldeter Teufelskreis, aus dem man später höchstens durch Reflexion, Infragestellung, Beratung, Supervision, Therapie o. ä. aussteigen kann.

So viel zu den „kompensatorischen Selbstbildern“. Über die Folgen von Abwertung und Gewalt in der Erziehung ist viel geforscht und geschrieben worden, und es ist auch klar, wie Beraterinnen und Therapeuten damit umgehen können – auch wenn es nicht immer hilft. Durch die Veränderung des Erziehungsstils in den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch noch eine andere „Selbstbild-Störung“ entwickelt, die – zumindest noch – zu wenig Beachtung findet angesichts der Dimensionen, die sie mittlerweile angenommen hat. Aber hier streiten sich die Geister, und ich will diesem Streit gern einen weiteren Beitrag hinzufügen:

Was passiert, wenn die ein Kind Erziehenden mehr oder minder gar nichts mehr für die Prägung eines Selbstbilds tun? Wenn die Prägung an und für sich in Frage gestellt wird? Wenn man Angst hat, zu stark zu prägen?

Aus der gut gemeinten Intention des emanzipatorischen Ansatzes ist eine Nicht-Erziehung geworden. An die Stelle von zu viel Autorität ist die Angst vor Autorität getreten. Wie soll aber ein Kind lernen, wer es ist, wenn ich mich als Mutter oder Vater unterordne, wenn ich ihm Entscheidungen überlasse, wenn ich kaum mehr reagiere?

Das Kind entwickelt dann überhaupt kein Selbstbild mehr – es bleibt quasi allein in seiner Welt, weil es die kategoriale Voraussetzung des Begreifens anderer nicht erworben hat. Diese „kategoriale Voraussetzung“ besteht in der Fähigkeit zur Anerkenntnis anderer Menschen – durch die ich dann erfahren könnte, wer ich eigentlich bin. Für eine ausführlichere und verständlichere Erklärung dieses Zusammenhangs siehe diesen Beitrag  oder Winterhoffs Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“.

Der „pädagogische Supergau“ passiert, wenn Helfer mit „kompensatorischen Selbstbildern“ auf Kinder treffen, die gar keine Grenzen mehr kennen und ein „um sich selbst rotierendes, hochgradig narzisstisches Selbstbild“ entwickelt haben: manche dieser Helfer halten den ungebremsten Ego-Trip der betroffenen Kinder für Selbstbewusstsein und argumentieren, diskutieren, beten gesund – immer in dem Glauben, dass sie von den Kindern nur das verlangen können, was sie selbst auch vertreten – womit sie den Fehler begehen, den viele Eltern und Erzieher heute unbewusst machen: Kinder zu behandeln wie Erwachsene. Die Frage, wie man überhaupt in die Lage versetzt wird, etwas vertreten zu können, stellen sie sich nicht. Haben wir Kinder früher unnötig – und teils mit verheerenden Folgen – klein gemacht, machen wir sie heute – mit ebenso verheerenden Folgen – groß.

Die zentrale Frage bleibt meines Erachtens, wie sich sichere Kinder entwickeln. Ein sicheres Kind braucht sichere Reaktionen vonseiten seiner Eltern und Erzieher. Um überhaupt Empathie zu entwickeln, gehört die Grunderfahrung, dass es Grenzen gibt, die andere Menschen setzen. Nur so merkt ein Kind, dass es (a) andere Menschen gibt, und dass diese (b) womöglich etwas anderes wollen als man selbst. So entsteht die Fähigkeit zum Verständnis anderer Menschen. Haben die selbstunsicheren Menschen, von denen oben die Rede war, oft zu viel Empathie, haben die kleinen „BIG MEs“ oft gar keine Empathie. Um es mit Jesper Juul zu sagen: Es ist ein Liebesdienst, Grenzen zu setzen. Und können es die Eltern schon nicht, dann müssen es wenigstens die am Kind arbeitenden Pädagogen können. Augenhöhe mit Fünfjährigen ist nicht nur eine pädagogische Traumtänzerei – sie ist gefährlich, weil sie Kinder zu Ego-Raketen macht. (Siehe dazu auch einen interessanten Artikel in der Welt.)

Wir glauben nur so gern daran, weil wir ja alles besser machen wollen als früher. Die Frage ist, wo der funktionierende Mittelweg zwischen „Autorität“ einerseits und dem „Vermeiden der negativen Folgen von kalter oder gar gewalttätiger Autorität“ andererseits verläuft. Jedenfalls liegt die Antwort nicht im heute stark verbreiteten „Behandeln von Kindern wie Erwachsene“, sondern eher im „Setzen von Grenzen als notwendige Entwicklungsvoraussetzung“.

Jörg Heidig

Über den Zusammenhang zwischen der Art und Weise der Erziehung und der Entstehung von Störungsbildern bei Kindern

Wer hat so ein Kind nicht schon einmal gesehen: es wendet sich alle paar Sekunden etwas anderem zu, wobei es schwer ist, Kriterien dafür zu erkennen – mal sind es Geräusche, mal Dinge, mit denen andere Kinder spielen, mal scheint es darum zu gehen, Aufmerksamkeit zu erregen, und mal sieht es danach aus, als müsse schlicht überschüssige Energie abgebaut werden. Meist geht es laut, schnell und halbwegs aggressiv zu. Kaum wendet man sich um, schreit ein anderes Kind, weil es vom besagten Kandidaten was abgekriegt hat. Spürt der Betreffende dann die Sanktion kommen, fliegen prophylaktisch ein paar Sachen durch die Gegend. Kurz zusammengefasst: auszurasten scheint nicht die Ausnahme, sondern der Grundmodus zu sein.

In der Regel ist der Weg vorprogrammiert: Überforderung bei Eltern und Genervtheit oder Hilflosigkeit bei Pädagogen führen zu Diagnostik – und die in der Folge oft zu Erleichterung, später aber zu Passivität oder zu noch mehr Hilflosigkeit. Wenn es einmal soweit ist, sind guter Rat teuer und Ritalin nicht weit.

Dieser Text will keine generellen Antworten liefern oder gar „die eine Alternative“ aufzeigen. Wirkliche Verbesserungen ohne Diagnostik und Medikamente sind in der Realität nur langsam zu erreichen und das Ergebnis langen Beobachtens, Nachdenkens, Ausprobierens, wieder Beobachtens, Nachdenkens und so weiter. Wenn es einfach wäre, könnte es jede und jeder. Dann müssten wir auch nicht darüber reden.

Erstens ist es nicht einfach zu verstehen – wir wollen also fragen, wie derlei „Störungsbilder“ entstehen können. Zweitens ist es nicht einfach, hilfreiche Schritte zu finden – hierbei stehen uns zudem einige Dinge im Weg, beispielsweise die weitgehende Abwesenheit von Intuition bei manchen Eltern einschließlich des Problems, dass manch hübsche Ideologie den Realitätssinn ersetzt.

Wir wollen die aufgeworfenen Fragen umfassend beantworten, weshalb dies kein kurzer Text mit ein paar „Dos & Don’ts“ wird. Wir beginnen mit einer kurzen Reise in die Geschichte und klären zunächst, warum die Lehrmeinungen heute sind, wie sie sind. Danach stellen wir das Spektrum möglicher Erziehungsstile dar und machen an Beispielen deutlich, wie dieser oder jener Erziehungsstil in der Praxis aussieht und welche Folgen er hat. Dann wechseln wir mit Absicht die Perspektive und klären, wie unsere Fähigkeit zu kommunizieren entstanden ist, und welche Schlussfolgerungen sich daraus für die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern ergeben. Wiederum an Beispielen machen wir deutlich, wie aus der Eltern-Kind-Interaktion solche Dynamiken entstehen können, die wir gemeinhin als „Störungen“ bezeichnen. Wenn die Entstehung klar ist, werden auch die Handlungsmöglichkeiten zur Gegensteuerung klar.

Eine kurze Geschichte der Erziehungsstile
Um zu verstehen, was die meisten von uns heute für gut und richtig bei der Erziehung von Kindern halten, ist es meines Erachtens erhellend, wenn wir uns vergegenwärtigen, aus welchen Welten wir kommen, und wie sich die entsprechenden Ideen in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben. Aus Gründen der begrenzten Kapazität eines Textes wie diesem möchte ich dabei nicht in der Antike beginnen, sondern bei einer unserem heutigen kollektiven Gedächtnis noch recht zugänglichen Zeit, nämlich der wilhelminischen. Man sehe mir nach, dass ich hier nur – grob verallgemeinernd und reduzierend – die wesentlichsten Linien nachzeichnen kann.

Man stelle sich zunächst die wilhelminische Zeit vor – die Gesellschaft war verglichen mit der heutigen Zeit stark strukturiert, und die Erziehung war streng und „leibfeindlich“. Man hatte sich in Disziplin zu üben, Bedürfnissen nachzugeben war verpönt. Nicht von ungefähr war die Hysterie eine zeitgemäße Krankheit – wo sollten all die Impulse hin, wenn die gesellschaftlich vorgegebene Rolle keinen Platz dafür ließ? Werke wie „Der Untertan“ illustrieren eindringlich, welche Folgen die auf Reinlichkeit und Disziplin ausgerichtete strenge Erziehung jener Zeit hatte – von Entfaltung konnte keine Rede sein, Menschen wurden klein gehalten, mussten sich fügen, fanden ihren Sinn im Funktionieren oder in der Aufopferung für einen höheren Zweck. Am deutlichsten wird dies, wenn man sich einen von Klaus Theweleit herausgearbeiteten Zusammenhang verdeutlicht: Den Kern der nationalsozialistischen Bewegung bildeten die zwischen 1900 und 1910 Geborenen. Diese Menschen sind in der Mehrheit streng erzogen worden. Gleichzeitig haben sie den Ersten Weltkrieg nicht direkt, sondern durch Geschichten und Propagandabilder vermittelt erlebt. Diese Kombination – die Erfahrung der eigenen Kleinheit verbunden mit Heldengeschichten – bildete den Nährboden für die „Eisenphantasien“ von der eigenen Unbesiegbarkeit. „Im Feld sind wir unbesiegt geblieben!“ wird als kompensatorische Phantasie einer ganzen Generation plausibel, wenn man sich die züchtigende, unterdrückende Autorität der Erziehung jener Zeit vergegenwärtigt. Die „Männer aus Eisen“ sind ein Mythos, der geglaubt wurde, weil er sowohl der eigenen Gewalterfahrung während der Kindheit als auch der Niederlage im Herbst 1918 einen – gleichsam kompensatorischen – Sinn verlieh. Wer diese – zugegeben auf den ersten Blick nicht ganz einfach nachvollziehbaren – Thesen nachlesen will, wird bei Klaus Theweleit oder – etwas kürzer und verständlicher – Jonathan Littell fündig.

Nun ist die Welt der Nationalsozialisten bekanntlich zwischen dem Spätherbst 1944 und Mai 1945 „zusammengebrochen“ oder „untergegangen“. Die Reaktion der Bevölkerung war eine nach großen Krisen oder Zusammenbrüchen häufige – man verdrängt und besinnt sich auf das, was noch einigermaßen „heile“ geblieben ist – im Westen waren das vor allem die christlichen Werte, die man nun fleißig restaurierte. Heraus kam die später von den Achtundsechzigern als „spießig“, „miefig“ und so weiter charakterisierte Welt des Wirtschaftswunders.

Wir halten heute sehr viel von Aufarbeitung, wir wollen den Dingen kritisch ins Auge blicken. Nur wenige machen darauf aufmerksam, dass die natürliche Reaktion auf große Katastrophen eben jene der Verdrängung ist. Viele Vertreter der Erlebnisgeneration haben dementsprechend von einem „Zusammenbruch“ gesprochen und weniger von einer „Befreiung“. Anders als im Westen hat man im Osten Deutschlands das eine totalitäre System schlicht durch ein anderes ersetzt – mit bisweilen erstaunlichen Parallelen. Doch hier geht es zunächst nicht um die ehemalige Sowjetische Besatzungszone, sondern um den Westen: der Kern der 68er Bewegung waren wiederum Vierziger Jahrgänge, also Menschen, die in ihrer frühen Kindheit zum Teil Angst und Entbehrung erfahren hatten – ein Umstand, der die „Theorielastigkeit“ bzw. „emotionale Distanz“ der Revolte gut erklären kann. Man revoltierte vor allem gegen die Verdrängung der Elterngeneration. Man warf der älteren Generation vor, zunächst mitgemacht und dann geschwiegen zu haben. Damit das nie wieder passiere, wollte man fortan mündige Menschen erziehen – Menschen, die nicht einfach mitmachten, sondern frei genug seien, Nein zu sagen. Man wollte keine autoritär verformten, gestanzten Menschen mehr, sondern freie Individuen, die sich kritisch mit sich und der sie umgebenden Welt auseinandersetzen. Zugespitzt formuliert: man wollte Kinder von blinder Autorität emanzipieren. Es sollte die Verformungen (oder: Anpassungen), die Angst, Gewalt und kollektiver Drill erzeugen, nie wieder geben. Es sollte keine funktionierenden Menschen mehr geben, die auf Kommando alles ausführen, was man ihnen befiehlt, um sich dann etwa am Funktionieren zu erfreuen.

Und wenn man heute genau hinschaut: das hat man – zumindest zum Teil – geschafft. Heute junge Menschen sagen eher Nein. Sie machen nicht einfach so mit, nur weil es gefordert wird. Sie nehmen Autorität nicht mehr für selbstverständlich. Dabei ist wichtig, was „selbstverständlich“ bedeutet: wenn etwas durch sich selbst verständlich wird, ist es nicht mehr hinterfragbar. Heute kann Autorität nicht mehr selbstverständlich behauptet werden. Davon können viele Lehrer, Ausbilder und Professoren ein Lied singen: Autorität ist weniger gegeben als früher, Autorität muss sich mehr erarbeitet werden, muss ausgehandelt werden. (Das war grundsätzlich auch früher so, nur war die Autorität, wenn sie erst einmal da war, viel dauerhafter und selbstverständlicher, und der Preis war oft entsetzlich, wollte man bestehende Autoritätsverhältnisse ändern. Insofern leben wir heute in viel „flüssigeren“ oder „offeneren“ Zeiten.)

„Zumindest zum Teil“ deshalb: Der Druck schleicht sich durch die Hintertür wieder herein. Freilich geben viele Eltern ihren Kindern zu verstehen, dass sie sie lieben. Gleichzeitig machen sie ihre Kinder – unterschwellig und leise, aber deshalb nicht weniger wirksam – auf die Mechanismen des allgemein herrschenden Wettbewerbs und die Notwendigkeit des Erreichens aufmerksam.

Doch zurück zu den Achtundsechzigern: in langen Bemühungen ist es ihnen und uns in der Nachfolge in nunmehr fünfzig Jahren gelungen, die Welt zu verändern. Die Enkel leben ein bisschen so, wie es den Großeltern einst vorgeschwebt hat. Wenn es nur eine Emanzipation von blinder Autorität und gewaltsamer Erziehung gewesen wäre, die erreicht wurde, würde das niemand in Frage stellen. Ich argumentiere an keiner Stelle für irgendeine Form von „zurück“ in die alte Welt, die in vielerlei Hinsicht kälter, finsterer, ausschließender, diskriminierender war als die heutige. Die Frage ist nur, ob wir es mittlerweile nicht übertreiben.

Das gegenwärtige Spektrum der Erziehungsstile
Michael Winterhoff liefert eine gute Analyse der gegenwärtigen Erziehungsstile und zeigt die Grenze auf, über die viele der gegenwärtigen Eltern hinweggehen, ohne es zu bemerken.

Unterordnung der Kinder
In der „alten Schule“ ordnen sich die Kinder ihren Eltern unter. Die Belange der Eltern haben Vorrang, Kinder „laufen mit“. Man würde nicht auf die Idee kommen, sich in einer Unterhaltung unter Erwachsenen von Kindern unterbrechen zu lassen. Es wird gemacht, was gesagt wird, die Eltern besitzen eine selbstverständliche Autorität. Kinder werden zurechtgewiesen – nicht um sie zu unterdrücken, sondern um ihnen zu zeigen, was richtig und falsch ist, ihnen etwa Höflichkeitsformen und Werte zu vermitteln.

Augenhöhe zwischen Eltern und Kindern
In der heute in westlichen Ländern am häufigsten vorzufindenden Form der Erziehung werden Kinder wie kleine Erwachsene behandelt – sie werden ernst genommen, es wird mit ihnen diskutiert, man versucht, Kinder zu überzeugen und dazu anzuleiten, ihre Konflikte selbst zu lösen. Eltern und Erzieher werden zu Partnern, Beratern, Freunden, Kollegen und so weiter. Viele der gegenwärtig vorzufindenden Programme in Kindergärten und Grundschulen entsprechen genau dieser Vorstellung von der partnerschaftlichen Erziehungsbegleitung. Die Erfahrung vieler: so funktioniert das auch irgendwie besser, man kann Kinder tatsächlich zu mehr Autonomie und Selbststeuerung erziehen, selbst die Unterrichtsgestaltung kann auf Selbststeuerung umgestellt werden, sodass ein Lehrer kein „Instrukteur“ mehr ist, sondern zum „Begleiter“ wird. Winterhoff meint hier, dass diese Sichtweise den natürlichen Entwicklungsphasen von Kindern widerspricht – kleine Kinder können noch nicht selbst entscheiden, vielmehr müssten sie genau dies erst lernen. Indem Kinder zu früh selbst entscheiden könnten, würden wichtige Entwicklungsschritte ausgelassen. Für weiterführendes Interesse: Sie finden hier unsere Zusammenfassung des Winterhoff-Buches „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ in Form einer Präsentation im PDF-Format.

Unterordnung der Eltern
Die partnerschaftliche Erziehung ist mittlerweile in vielen westlichen Ländern so etwas wie der statistische Normalfall. Niemals in der Geschichte haben Kinder öfter zu hören bekommen, dass sie geliebt werden und etwas ganz Besonderes seien. Das Problem mit dem Begriff der Besonderheit ist, dass das Besondere einer größeren Entität von etwas Normalem oder Durchschnittlichen bedarf, sonst funktioniert der Begriff nicht. Aber gut – ein Kind auf Augenhöhe zu erziehen, es zu beteiligen, ihm etwas zu erklären, es im Rahmen bestimmter Grenzen Entscheidungen zu überlassen – all das hat keine gravierenden Folgen außer selbstbewussteren Kindern. Wenn ein Jugendlicher bereits im Kindergartenalter gelernt hat, dass er diskutieren und seine Mutter bisweilen überzeugen kann, dann sind Aushandlungsprozesse so selbstverständlich, dass sie nicht hinterfragt werden können. Also wird dieser junge Mann mit seinem Ausbilder diskutieren, bis Einsicht eintritt – oder es zur Eskalation kommt. Alle, die noch aus der „alten Schule“ stammen und mit jungen Menschen zu tun haben, werden lernen müssen, damit umzugehen. Zusammengefasst: Augenhöhe hat ungewohnte Folgen, aber ist nicht schlimm. Am Ende waren wir es selbst , die die jetzt jungen Leute großgezogen haben.

Schlimm ist nur die Übertreibung der ansich positiven Intention der Augenhöhe, nämlich die Unterordnung unter das Kind. Es gibt Eltern, die ihre Kinder in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen. Die betreffenden Kinder werden zu Hauptpersonen, noch bevor sie überhaupt wissen, dass sie Personen sind. Solche Eltern setzen keine Grenzen. Die Kinder haben qua Existenz Recht. Sätze wie: „Für mein Kind tue ich alles.“ (vor dem Kind ausgesprochen) oder: „Wenn mein Kind sagt, dass es das nicht gemacht hat, dann hat es das auch nicht gemacht.“ sprechen dafür, dass sich die betreffenden Eltern selbst aufgegeben haben und nur noch für das Kind leben. Wenn eine Mutter etwa nur ein Kind hat und dieses dann zum „Projekt“ der eigenen Selbstverwirklichung macht, dann „gestaltet“ Mutti das Kind, und es kann ja nicht sein, dass bei der „Gestaltung“ etwas schief gelaufen ist, und das „Projekt“ etwa einen Kindkollegen verhauen hat. Eine andere Mutter mag sich aufgrund fortdauernder Misserfolgserfahrungen gar nicht mehr vorstellen können, dass es mit ihr und einem Beruf und irgendeiner standardmäßig erwarteten Position in der Gesellschaft etwas wird. Sie hat die Schule erst im dritten Anlauf geschafft und schmeißt nun die zweite Ausbildung hin, um zu vermeiden, dass es wieder nichts wird. Sie meldet sich quasi von der Gesellschaft und ihren Erwartungen ab und bekommt Kinder. Das ist etwas, das ihr Kontrolle und Status verleiht. Sie hat zwar kaum Kraft, ihre Kinder zu erziehen, aber das Lächeln der Kinder sagt ihr, dass sie wenigstens das richtig gemacht hat. Und damit die Kinder lächeln, werden ihnen Wünsche erfüllt. Ein so nicht erzogenes Kind hat kein Fundament. Es kennt nur sich und seinen Verfügungsraum. Andere Menschen sind Objekte im Verfügungsraum. Und wenn die nicht machen, was man will, wird eskaliert. Geschieht dies von früh an, entwickeln die betreffenden Kinder keinerlei Notwendigkeit, sich an irgendetwas zu halten. Sie rotieren um sich selbst – unfähig zur Bindung, weil sie gar nicht wissen, dass es andere Menschen überhaupt gibt. Und was ist man, wenn man der einzige Mensch auf der Welt ist? Man ist Hauptperson in einem Film, den man nicht gucken kann, weil man weder weiß, was etwas bedeutet, noch, wer man selbst ist. Die Folge: man zappelt um sich selbst herum, ohne Sinn und Ziel, man hat den Hunger der frühkindlichen Phase, ohne diese jemals verlassen zu haben, man behandelt alles und jeden wie Objekte zur Bedürfnisbefriedigung, ohne die eigenen Bedürfnisse zu kennen. Man weiß nicht, was man will (das wechselt im Sekundentakt, je nach dem, wohin das Kind blickt), aber wehe, man bekommt es nicht (dann eskaliert das Kind im Sekundentakt).

Was hilft nun in einem solchen Fall – etwa in dem eingangs beschriebenen Fall durchgängig grenzenlosen Verhaltens? Die Antwort fällt vorerst kurz aus – die späteren Abschnitte erklären, warum die Antwort so und nicht anders lautet: Man muss „nachsozialisieren“, und zwar genau so, wie man es mit Kindern machen würde, die so jung sind, wie die Betreffenden zumindest emotional noch sind. Wenn ich in meiner Entwicklung bestimmte emotionale Reifeprozesse nicht durchlaufe – genauer gesagt: wenn ich nicht weiß, was eine Grenze ist – muss das nachgeholt werden. Das heißt, ein Kind sollte mit stabilen, klaren Reaktionen konfrontiert werden, und zwar so lange, bis sich Lern- und Gewöhnungseffekte einstellen.

Exkurs: Der Ursprung der Kommunikation
Um zu begreifen, wo unsere Fähigkeit zu kommunizieren herkommt bzw. wie sie entstanden ist, ist es hilfreich, sich die Lebenssituation der „Urhorde“ vorzustellen – und zwar zunächst als eine Ansammlung von Primaten, deren „Signale“ noch denen anderer Säugetiere entsprochen haben. Kennzeichen von „Tiersprachen“ ist es, dass ein Signal immer eine bestimmte Reaktion zur Folge hat. Eine Drohgebährde führt zu einer weiteren Drohgebährde – so lange, bis eines der beteiligten Tiere angreift oder flüchtet. Tiere „verstehen“ die Signale nicht – weder die anderer Tiere noch die eigenen. Sie reagieren direkt. Nun muss man sich vorstellen, dass eben jene Primaten irgendwann angefangen haben, sich im Verband zu verhalten, also beispielsweise bestimmte Rollen bei der Jagd auszuprägen. Durch diese Rollenverteilung, also Anfänge von Kooperation, wurde die Jagd effektiver. Durch diese steigende Effektivität entstanden Freiräume – vielleicht hockte man nun um das Feuer herum und hatte so viel zusammengejagt und -getragen, dass man ein wenig Zeit hatte. Die Fähigkeit zum Produzieren von Signalen gab es bereits – nur hatte bis dato ein Signal eine direkte Reaktion zur Folge. Man stelle sich vor, einer der beteiligten Primaten zeigt auf ein Beutestück und macht einen bestimmten Laut dazu – nicht als direktes Signal gedacht, sondern vielleicht als Bezeichnung desselben, um dem Bezeichneten nachher ein bestimmtes Attribut zu verleihen (etwa: besonders groß). Dies könnte als eine „erste signifikante Geste“ verstanden werden – keine Geste mehr im direkten Verhaltensfluss, sondern eine Geste, die etwas bezeichnet. Damit verhält sich der betreffende Primat nicht mehr nur auf Reize oder Gesten hin, sondern er benutzt eine Geste, um einem Objekt eine bestimmte Bedeutung zu verleihen. Damit wird die Bedeutung dem betreffenden Primaten bewusst. Angenommen, er wiederholt seine Zeigehandlung ein paar Mal, bis auch andere Primaten ihn nachahmen – das erste geteilte Symbol ist entstanden. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, dass auch andere Primaten mit einem bestimmten Objekt eine bestimmte Bedeutung verbinden (zum Beispiel: X = groß). Von einer ersten Bedeutung ist es zu anderen Bedeutungen nicht weit, denn nun können Unterschiede gemacht werden (beispielsweise: Y = nicht groß = klein). Nun haben wir das, was uns als Menschen von anderen Säugetieren unterscheidet: wir können Dingen Bedeutung verleihen, was wir mit Hilfe sprachlicher Symbole tun. Der Unterschied zur tierischen Körpersprache ist, dass Tiere nicht wissen, welche Bedeutung bestimmte Gesten haben (sondern direkt reagieren), Menschen hingegen schon – weil wir wissen, was ein bestimmtes Signal bedeutet, indem wir uns nicht direkt dazu verhalten (was bei körpersprachlichen Signalen trotzdem oft genug passiert, etwa wenn wir ärgerlich sind), sondern indem wir prinzipiell dazu in der Lage sind, Bedeutungen zu verstehen, indem wir ihre Konsequenzen mit Hilfe von Symbolen simulieren können. Denken ist also nichts anderes als eine Simulation von Ereignis- oder eben Handlungsketten mit Hilfe von Symbolen. Wir sind also nicht auf das Risiko des direkten Verhaltens angewiesen, sondern können uns – den entsprechenden Abstand von heftigen Affekten vorausgesetzt – von der Verhaltensverkettung „lösen“, die möglichen Konsequenzen anhand entsprechender – sprachlicher – Symbole simulieren. Das erlöst uns von dem Zwang der direkten Reaktion (Verhalten) und ermöglicht uns eine bewusste Wahl (also die Handlung).

Was hat das mit Erziehung zu tun?
Die Frage ist ganz berechtigt: was hat diese eher allgemeine Darstellung der Entstehung der Sprache mit Erziehung zu tun? Nun, die Verbindung liegt nicht direkt auf der Hand, aber sie ist von allergrößter Bedeutung für unsere Fragen.

Besonders wichtig ist die Erkenntnis, dass es für das Erkennen von Bedeutungen immer des anderen bedarf – ich könnte allein nicht wissen, welche Bedeutung ein beliebiges Ding in meiner Umgebung hat. So, wie der eine Primat auf etwas gezeigt und ein Symbol dazu geformt hat, war er ja erst einmal nur alleine. Damit die Bedeutung in die Welt kommt, bedarf es des anderen, der diese Bedeutung teilt. Wenn wir also Symbole gemeinsam benutzen, können wir uns verständigen. Wir müssen also immerhin die Fähigkeit besitzen, auf bestimmte Symbole gleich – oder zumindest ähnlich – zu reagieren. Wenn wir Symbole benutzen, benötigen wir das Wissen darüber, wie man (also der andere, viele andere, zu einem „generalisierten Anderen“ kondensierte Erfahrungen mit vielen anderen) reagiert, damit wir wissen, was bei der Nutzung eines bestimmten Symbols oder einer Handlung wahrscheinlich herauskommt.

Für die Erziehung relevant ist nun die Frage, wie die Bedeutungen in so einen kleinen Menschen kommen, wie sich dieser die Bedeutungen aneignet oder wie die Erwachsenen ihr oder ihm die Bedeutungen beibringen. Hier wird die soziale Natur des Lernens besonders deutlich. Kinder können die Welt zwar ertasten, erblicken und auf viele Weisen erfahren. Was aber welche Bedeutung hat – also letztlich: wie man auf bestimmte Symbole oder Objekte reagieren soll – das lernt ein Kind durch die Interaktion mit Erwachsenen. Wir interagieren die Bedeutungen quasi in unsere Kinder hinein.

Ein Beispiel: Wenn ein Kind hinfällt, kann das mehr oder weniger oder kaum schmerzhaft sein. Zudem wird das Kind dabei mehr oder minder erschrecken. Wer einmal länger mit Kindern zu tun hatte, wird folgenden Ablauf kennen: das Kind fällt hin, fängt sich dabei mehr oder weniger auf, rappelt sich ein ganz klein wenig auf und blickt dann seine am nächsten erreichbare Bezugsperson an. Je nach dem, was diese tut, richtet das Kind dann seine weiteren Reaktionen aus: es bleibt liegen und weint oder es schluchzt ein wenig und steht auf. Die Eltern können sich also überlegen, ob sie zum Kind eilen, ihrer eigenen Angst durch laute Ausrufe Ausdruck verleihen, das Kind aufheben, trösten und ihm damit beibringen, dass Weinen zu allergrößter Aufmerksamkeit und Sorge führt. Beim nächsten Mal versucht es das Kind gleich ein wenig direkter, lauter etc. Ein Muster bahnt sich, bis das Kind womöglich gar nicht mehr aufsteht, wenn es hingefallen ist. Die Eltern können sich andererseits auch überlegen, erstmal zu schauen, wie schlimm es eigentlich ist und sagen: „Das passiert. Steh auf und mach weiter.“ Und etwas später: „Alles gut? Tut etwas weh?“ Dann lernt das Kind, den Schmerz einzuschätzen. Freilich wird es weinen, wenn etwas sehr weh tut, aber es lernt nicht, Schmerz als Rollenspiel aufzuführen. Auf diese Weise bringen wir unseren Kindern quasi die „richtigen“ Reaktionen bei. So erlernen Kinder Bedeutungen (mehr, weniger oder kaum schmerzhaft beispielsweise).

Wie entwickeln sich „sichere“ Kinder?
So entscheidet sich auch, ob ein Kind ein sicheres oder ein unsicheres Selbstbild entwickelt. Indem wir konsistent und sicher – ein Stück weit auch gleichmütig und gleichbleibend konsequent – reagieren, lernt das Kind seine Grenzen kennen und lernt, was richtig und falsch ist. Damit ein Kind sich später bezüglich eigener Werte entscheiden kann, muss es erst einmal Werte vermittelt bekommen. Eltern brauchen dafür ihre Intuition – ich kann in der Regel intuitiv entscheiden, was richtig und falsch ist, und ich kann das auch sagen. Viele Eltern weisen ihre Kinder aber nicht mehr zurecht, lassen sich unterbrechen, stellen ihre Kinder in den Mittelpunkt. Sie diskutieren mit ihren Kindern; sie versuchen, ihre Kinder zu überzeugen.

Was dadurch in Bezug auf die psychische Entwicklung passiert, könnte in etwa wie folgt beschrieben werden: Normalerweise würden sich durch die sicheren, konsistenten Reaktionen der Eltern beim Kind eine Reihe ebenfalls sicherer Reaktionsmuster entwickeln. Diese bilden quasi das „sichere Fundament“ der später immer eigenständigeren Handlungen des Kindes. Geschieht dies nicht, haben die Kinder kein solches Fundament und müssen quasi selbst entscheiden oder herausfinden, was richtig oder falsch ist. Das können sie aber nicht, weil ihnen genau dieses Fundament ja fehlt. Sie können daher nur sich selbst zum Maßstab nehmen, und das sind – etwa bei Vierjährigen – vor allem die eigenen Bedürfnisse. So handelnde Eltern zwingen ihre Kinder geradezu, sich um sich selbst zu drehen.

Aus dem Versuch, der allzu gewaltsamen und verformenden Erziehung früherer Zeiten etwas entgegenzusetzen, sind zwar neue pädagogische Formate erwachsen, die auch funktionieren und alles in allem selbstbewusstere (und damit einhergehend auch: weniger bescheidene) junge Menschen heranwachsen lassen. Aber in der Übertreibung dieser Perspektive haben viele von uns aufgehört, Kinder als das zu behandeln, was sie sind, nämlich kleine Wesen, die erst einmal ein Fundament brauchen, von dem aus sie sich die Welt erschließen können – eben auf der Grundlage der sicheren Reaktionen seiner Eltern und Erzieher. Hat ein Kind dieses Fundament nicht, schwebt es quasi in einem leeren Raum.

Ein Beispiel: Ein Kind von Crystal konsumierenden Eltern ist zuhause mit extrem wechselhaften Handlungs- bzw. Reaktionsmustern konfrontiert und zeigt deshalb auch selbst wenig stabile Reaktionsmuster bis hin zu stärkeren Auffälligkeiten. Damit das Kind stabile Bindungen entwickeln kann und hinsichtlich einiger sprachlicher und kognitiver Defizite gefördert werden kann, weist das Jugendamt das betreffende Kind einer speziellen Betreuungsstelle zu. Dort gibt es ausgebildete Pädagogen, die viele hilfreiche Methoden kennen. Das Kind baut tatsächlich Bindungen auf, aber es kommt immer wieder zu schwereren „Ausrastern“. Diese „Ausraster“ werden dann von den Pädagogen mit dem Kind besprochen – mit dem Ziel und in der Hoffnung, dass bei dem Kind die „Einsicht“ wachse, dies oder jenes fortan nicht mehr zu tun.

Ich meine, dass diese Vorgehensweise nicht besonders hilfreich ist: was richtig oder falsch ist, lernt ein Kind im Kindergartenalter zunächst nicht durch normative Einsicht, sondern durch direkte Reaktionen. Das Kind lernt also anhand der direkten Reaktion des Pädagogen, ob es gerade etwas falsch gemacht hat. Ich kann dazu etwas erklären, aber die Erklärung hilft zunächst weniger als meine entsprechende Reaktion vorher. Ein Kind braucht zuerst ein auf stabilen Bindungs- und Reaktionsmustern beruhendes eigenes Reaktionsmuster, bevor die kognitiven Lernprozesse aufsetzen können. Selbstregulation ist zunächst ein höchst affektives Geschäft – bekomme ich Reaktionsmuster vermittelt, die mir helfen, meine direkten Impulse in den Griff zu bekommen – oder nicht.

Einwand der betreffenden Pädagogen aus der oben beschriebenen Betreuungsstelle: „Wir tun ja selbst nur das, wovon wir überzeugt sind. Wir erwarten deshalb von den Kindern auch, dass sie nur tun, wovon sie auch überzeugt sind. Unsere absolute Grundüberzeugung ist, dass Lernen selbstgesteuert passiert.“

Solcherlei Grundannahme führt dazu, dass Kinder wie kleine Erwachsene behandelt werden. Wenn ein Kind aber aufgrund chaotischer Reaktions- und Bindungsmuster bei den Eltern kein sicheres Fundament hat, wie kommt dann Sicherheit in das Kind? Durch freundliche Erklärungen? Durch Diskussionen? Nein. Durch sichere Reaktionen. Durch ein zugewandtes, bindungsorientiertes Fundament in Verbindung mit klaren Ansagen (Hauptsätze; keine langen Erklärungen) und wohlmeinender Konsequenz (wobei das Ausbleiben einer positiven Konsequenz besser ist als eine Strafe).

Was bedeutet das praktisch?
Die Leitfrage für Fälle wie den eingangs geschilderten lautet: wie kommen Grenzen und Normen in die Welt? Ein Kind muss erst einmal Bedeutungen kennen, damit es später Bedeutungen aushandeln kann. Sonst bleibt das Kind im freien Raum der Rotation um sich selbst. Hyperaktivität oder Aggressivität sind dann nur andere Namen für das Problem.

Damit möchte ich nicht behaupten, dass jeder Fall von Hyperaktivität aus den beschriebenen Dynamiken entsteht. Vielmehr meine ich, dass zu häufig mit Diagnostik auf ein Phänomen geantwortet wird, das auch aus einer Mischung aus Interaktionsdynamik, Ernährung und Medienkonsum entstanden sein könnte. Bevor man zulässt, dass einem Kind eine Diagnose verpasst wird, könnte man im Falle des Verdachts etwa auf ADHS die folgenden Interventionsmöglichkeiten anwenden:

  • Unbedingte Wertschätzung als Grundlage verbunden mit wenigen sehr klaren Regeln und gleichbleibender Konsequenz
  • Ruhe in der Ausstrahlung und ruhige, aber klare Ansagen; nicht diskutieren, sondern nach der Ansage weggehen; mit dem Ausbleiben positiver Konsequenzen anstelle von Strafen arbeiten; trotzdem genug Potential für positive Konsequenzen schaffen
  • Ernährungsumstellung in Richtung Reduktion von Kohlehydraten
  • Fernsehzeiten minimieren und für viel Bewegung sorgen
  • Beobachtung der Interaktion zwischen Kind und einem Elternteil; Feedback durch das andere Elternteil; häufige Wiederholung dieser Prozedur mit dem Ziel des Erkennens von Mustern und des Ausprobierens neuer Interaktionsmuster; wenn dies gelingt, wird es zu einem „kontinuierlichen Verbesserungsprozess“
  • Beratung durch die am Kind arbeitenden Pädagogen (die wissen häufig mehr, als sie sich zu sagen trauen)

Diagnostizieren kann man im bleibenden Zweifelsfall immernoch.

Die „Gesundheitsvermutung“ am Beispiel des Bettnässens
Bisher habe ich vor allem Beispiele aus den Bereichen „Verdacht auf ADHS“ und „Aggressivität“ verwendet. Das sind sehr populäre, viel besprochene Beispiele. Der Vollständigkeit halber will ich noch ein weniger oft diskutiertes, aber nicht minder relevantes Beispiel darstellen, nämlich das des so genannten Bettnässens. Die Ausgangssituation: ein eigentlich schon lange trockener Junge fängt im Alter von fünf Jahren an, nachts einzunässen.

Ein zunächst ganz oberflächlicher psychologischer Ansatz wäre zu fragen, wozu das gezeigte Verhalten nützlich sein könnte, welches Problem oder welchen Konflikt es (vordergründig) zu lösen scheint. Angenommen, man fragte tatsächlich nach dem Wozu der Symptome, dann würde man zwangsläufig auch zu der Frage kommen, wann es denn anders war, und was da ringsherum anders war, als es anders war. Sprich: Wann war der Kleine trocken, und was war da anders als jetzt? Dann würde man weiterdeklinieren, wann es begonnen hat, was sich rundherum verändert hat usw. Man würde eine „Entwicklungsgeschichte“ zeichnen und ggf. schon Muster entdecken.

Eine andere Herangehensweise wäre, die ganze Sache in psychoanalytischer Weise als kindlichen Konflikt zu verstehen. Da ist ein kleiner Junge, der vielleicht mehrere Jahre die volle Aufmerksamkeit seiner Mutter genossen hat, und dessen Vater seinerzeit vergleichsweise häufig zu Hause war. Dann bekam der Junge aber eine kleine Schwester (erster Konflikt). Später merkt er, dass die Aufmerksamkeit seiner Eltern außer auf ihn und auf die Schwester offensichtlich auf noch mehr Dinge verteilt wird (Haus, Beruf). Dann sind seine Eltern nicht mehr in der Weise für ihn da, die er mehrere Jahre gewohnt war (zweiter Konflikt). Nun braucht nur noch ein bißchen kindlicher Vergleich mit der Aufmerksamkeit für das Schwesterchen hinzukommen, und fertig ist die Bettnässerei.

Die Kindheitserinnerungen mancher Menschen besagen, dass sie sich als Kinder selbst Windeln angelegt haben, nachdem kleinere Geschwister hinzukamen. Will sagen: offensichtlich hat das Windeln eine gewisse Versorgungs- oder Aufmerksamkeitsfunktion. Man könnte die Bettnässerei also einstweilen als aufmerksamkeitsorientiertes Verhalten deuten. Damit ist noch niemand krank und hat auch noch niemand irgendwas falsch gemacht. Von tief liegenden – und leider nie klärbaren und deshalb in der Kommunikation darüber hoch gefährlichen – genetischen Ursachen ganz zu schweigen!

Was zunächst helfen könnte, wären meines Erachtens die folgenden Sachen:

  1. Das Kind beobachten: Wie interagiert das Kind, wann ist es entspannt, wann nicht, wie reagiert es auf seine Mutter (und ja: die Mutter bleibt hier wichtiger/bedeutsamer als der Vater, es sei denn, es gibt nur Väter, aber das ist ja selten der Fall)? Man beobachte das Kind einfach mal ein paar Tage ohne großen Input und ohne große Vermutungen. Man mache auch Videoaufnahmen (die vom ersten Tag sind nicht verwendbar, aber ab dem zweiten sind die Kinder dran gewöhnt). Als dann sehe man sich alles an und schaue in der Reflexion, was man daraus lernen kann. Wichtig: Intuition ist hier oftmals hilfreicher als psychologisches Wissen. Besonders gefährlich ist pädagogisch-psychologisches Halbwissen aus der Elternzeitung.
  2. Eine besonders wichtige Frage bleibt: Wann tritt es auf, wann ggf. nicht? Was sind die jeweiligen Rahmenbedingungen? Mit ein bißchen Geduld findet man vielleicht ein paar Muster.
  3. Bettnässer sind in der Regel sensible Kinder. Allein diese Sensibilität reicht nach meinem Dafürhalten aus, auf berufliche (und damit die Aufmerksamkeitskapazität pro Kind betreffende) Veränderungen zu reagieren. Ob diese „Gesundheitsvermutung“ zutrifft, kann man leicht prüfen: sich einfach zwei Wochen „kindkrank“ schreiben lassen und sehen, was passiert. Falls es zutrifft, als dann dem jetzigen Job Good Bye sagen und einen Job machen, der sich besser mit der Familie vereinbaren lässt. Gerade Jungs brauchen Mama, zumindest wenn sie klein sind. Das steht bisweilen anders in den Zeitungen, aber die Zeitungen werden oft von ahnungslosen HobbypsychologINNEN geschrieben, die lieber an ihre jeweiligen Lieblingsideologien glauben, als einen Blick in die Realität zu werfen.
  4. Ein schöner Versuch wäre auch, wenn Mama mit Kind für eine Woche wegfährt. Nur die beiden. Hypothese: mit genug Aufmerksamkeit (von Mama, nicht von Oma, Papa, Schwester etc.) ist die Geschichte kurz- oder mittelfristig eine andere. Vielleicht muss man klare Ansagen dazu kombinieren: indem man unsicher nach Ursachen forschend das Kind anblickt, wird es womöglich nicht besser; strahlt man dagegen eine gewisse Sicherheit aus und macht eine ganz klare Ansage (Hauptsätze!), wirkt sich das auf die Sichtweise des Kindes aus. Zumindest kann man Kindern so einige kritische Dinge beibringen: Schnuller weg, im Zimmer bleiben, bestimmte Dinge unterlassen, letztlich ja auch durchschlafen oder verschiedene Disziplinsachen wie das Händewaschen oder das „bitte“ Sagen.

Zusammenfassung
Das Kind zum Psychologen oder gar zum Psychiater schicken – das kann man immer noch. Starten würde ich zunächst mit einer Gesundheitsvermutung – erst einmal die Interaktion beobachten und vielleicht an den Rahmenbedingungen etwas ändern. Als dann ist die Frage wichtig: was haben die Eltern möglicherweise selbst dazu getan, dass es zum Problem werden konnte? (Stress gehabt, Konflikte vor den Kindern ausgetragen, lange auf Arbeit geblieben, zu viel Oma engagiert, ein Haus gebaut… ?) Erst einmal gilt es, sich selber an die sprichwörtliche eigene Nase zu fassen und etwas zu ändern. Wenn das nicht hilft, kann man immer noch losgehen und Psychologen oder Psychiater fragen. Aber Vorsicht: wenn man den Kollegen Geld gibt, finden sie in der Regel auch etwas. Sie können ja nichts anderes 😉

Jörg Heidig

Ein jedes hat seine Zeit: Methoden für die (Neu-)Bestimmung der so genannten Work-Life-Balance

Der folgende Text fasst die wichtigsten Inhalte eines Vortrags zusammen, den ich auf dem Symposium „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ am 10. Juli 2015 an der Dresden International University gehalten habe. Das Symposium hat anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Masterstudiengangs Human Communication (Kommunikationspsychologie) stattgefunden. Zum Symposium ist auch unser neues Buch „Gesprächsführung im Jobcenter“ in der Edition Humanistische Psychologie erschienen.

Wir leben in Zeiten, die uns zu Recht so vorkommen, als würde (fast) alles schneller und gleichzeitig komplexer werden. Viele aktuelle Texte beginnen mit einer Variante dieser Feststellung. Für arbeitende Menschen bedeuten unsere aktuellen Möglichkeiten, Arbeit zu organisieren, dass man mehr in kürzerer Zeit schafft. Die zunehmende Komplexität – man nehme etwa als Beispiel nur die Entwicklung eines beliebigen technischen Geräts und vergleiche die technische Dokumentation oder allein das Vertragswerk für ein zugeliefertes Element des betreffenden Geräts mit den entsprechenden Dokumenten vor dreißig Jahren – sorgt dafür, dass man dabei immer engere und intensivere Abstimmungsprozesse gestalten muss. Ein Manager etwa kann vielleicht einen Prozess insgesamt überschauen, um Entscheidungen bezüglich der Lösung für ein auftretendes Problem zu treffen, reicht sein Wissen aber in der Regel nicht mehr aus. Vielmehr braucht er die Fähigkeit, Wissensträger schnell zusammenzubringen und arbeitsfähig zu machen. Die Kommunikation über Fachgrenzen hinweg ist sicher nicht einfach, aber genau darauf kommt es zukünftig an. Das meines Erachtens gegenwärtig hilfreichste Buch dazu stammt von Amy Edmondson und trägt den Titel „Teaming“.

Angesichts dieser Beschleunigung bei gleichzeitiger Zunahme von Komplexität und Interaktionsdichte verwundert es nicht, dass die empfundene Arbeitsbelastung zunimmt. Zumindest für Menschen über 40 stimmt in der Regel die Aussage, dass unsere Gewohnheiten noch aus einer „alten“, langsameren Zeit stammen. Eine Weile waren die neuen Tools gut: Smartphones, vernetzte Kalender, Projektmanagement-Tools oder Dokumentationswerkzeuge mit Echtzeit-Aktualisierung sind sehr hilfreich. Aber wenn man erst einmal ein paar Jahre sein Handy nicht ausgemacht hat, oft oder immer erreichbar war und so weiter, dann kann es passieren, dass der Körper irgendwann nicht mehr mitmacht. Und Schlaflosigkeit ist da nur ein eher leichtes Symptom. Schlimm wird es, wenn Menschen irgendwann plötzlich stark depressiv werden und nicht mehr denken können.

Die Frage, wie viel Arbeit wir brauchen, und wo wir vielleicht Grenzen ziehen, ist also durchaus eine sinnvolle. Vor dem Hintergrund der Frage „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ habe ich eine Reihe von Methoden zusammengetragen, die im Coaching, aber auch ganz individuell in der Selbstklärung dabei helfen können, die eigenen Prioritäten zu hinterfragen und neu zu justieren.

Vorab sei jedoch zur Vorsicht geraten: Einige der Methoden können recht intensive Wirkungen haben. Wenn man sie zur Selbstklärung anwendet, kann man selbst entscheiden, wie weit man geht. Werden sie im Coaching oder in Beratungssettings, etwa in der Arbeit mit Langzeitarbeitslosen eingesetzt, sind Vorsicht und ein hohes Maß an Empathie und Beratungskompetenz gefragt. Methoden sind niemals nur darum einzusetzen, weil sie wirken, oder weil man sie gerade spannend findet, oder weil sie gerade irgendwie passen könnten. Der Einsatz von Methoden folgt immer der Beziehungsdynamik zwischen beratender und beratener Person. Diese Beziehung muss erst zu einer helfenden Beziehung werden, sprich, die hilfesuchende Seite muss sich erst sicher genug fühlen, sich zu öffnen. Doch auch dann sind thematisch geeignete Tools noch kein Garant, dass auch erreicht wird, was intendiert wird. Vielmehr kommt es auf die Grundhaltung an: Habe ich die Rogersschen Grundhaltungen Empathie, Echtheit und Wertschätzung wirklich „drauf“ – auch in der jeweiligen, gerade aktuellen Beratungssituation mit dieser individuellen Klientin? Kann ich meine/n Gesprächspartner/in respektieren, akzeptieren, ernst nehmen, so wie er oder sie gerade ist? Kann ich ihr oder ihm „demütig fragend“ folgen, oder schubse ich ihn oder sie vor mir her – in eine von mir für richtig erachteten Richtung? All das sind wichtige Fragen, wenn es um den Einsatz von Methoden geht. So gut und wirkungsvoll manche der nachfolgend dargestellten Methoden also sein mögen – prüfen Sie bitte lange und sorgsam, ob und wann sich ein Einsatz lohnt. Fragen Sie lieber zehn Mal mehr, hören Sie lieber drei Stunden länger zu, bevor Sie intervenieren. Tooligans gibt es nämlich schon genug 😉

„Lebe so, wie wenn Du noch einmal leben könntest!“ (Friedrich Nietzsche)

Als ich diesen Satz vor einigen Jahren las, fragte ich mich zunächst, was Nietzsche damit gemeint haben könnte. Als ich den Satz zur Frage umformulierte, wurde mir die Bedeutung schlagartig klar: „Was würdest Du an Deinem Leben ändern (nicht mehr tun, stattdessen tun), wenn Du noch einmal leben könntest?“ Die Anworten auf diese Frage können sehr schmerzhaft sein. Aber beantwortet man die Frage ehrlich, führt dies – trotz vielleicht allen Schmerzes – zu dem speziellen Gefühl von Erleichterung, das mit Klarheit einhergeht. Nietzsche selbst hat seinerzeit viel vom Übermenschen schwadroniert, der, habe er sich einmal „ins Eis“ gewagt, klar sieht. Lässt man die Schwülstigkeit solcher Metaphern einmal weg, wird klar, was er damit (auch) meinte: Diejenigen Menschen sehen klarer, die in der Lage sind, sich jenseits der „Fallstricke der eigenen Existenz“ – also jenseits aller Verdrängungen, aller „Lieber lasst es so schön!“-(Und redet nicht darüber!)-Einladungen, aller Lebenslügen – dem zu stellen, was sie tatsächlich betrifft. Dann ist das Leben zwar kein Schlagerlied, aber Schlager sind ja ohnehin nur eine Variante der eben gemeinten kontraphobischen Selbstbetrügereien 😉

Aber auch hier Vorsicht: Stellen Sie diese Frage zunächst einmal sich selbst, finden Sie Antworten und handeln Sie gegebenenfalls danach. Erst dann können Sie die Konsequenzen erfassen, die Antworten auf diese Frage haben können. Dann wissen Sie auch, wann diese Frage vielleicht geeignet ist, und wann Sie die Frage besser nicht stellen. Es gibt weit mehr als tausend gute Gründe, sich Wahrheiten, Lebenslügen et cetera nicht einzugestehen. Und oft genug sollte man seine Klienten auch dort, wo sie sich eingerichtet haben, leben lassen. Kurz: Die Frage kann viel zu existenziell sein.

Was würden Sie bereuen, wenn Ihr Leben morgen enden würde?

Auch diese Frage ist in ganz ähnlicher Weise geeignet, die Prioritäten „zurechtzurücken“. Hintergrund: Bronnie Ware hat Sterbende dazu befragt, was sie bereuen, und fand heraus, dass es sich bei den meisten Antworten auf diese Frage um Varianten von lediglich fünf Sätzen handelt. Wie diese Frage als Methode angewendet werden kann, haben wir hier ausführlicher dargestellt. Schlussfolgerung aus der Methode: Unser Bedürfnis nach Bindung scheint am Ende des Lebens das wichtigste, bleibendste zu sein. Eingeklemmt zwischen Nähebedürfnis, Statusstreben, Selbstverwirklichung und oft genug auch dem Ziel, anderen vorzumachen, man sei jemand, der man gar nicht ist (nur damit man selbst glauben kann, man sei jemand anders als das ungeliebte Selbst), verbringt man sein Leben zwischen (empfundenen) Verpflichtungen. Die Methode kann helfen herauszufinden, wo man selbst gerade steht, was wirklich wichtig ist und was (oder auch: wen) man besser lassen sollte.

Die „Wippe“

Eine hilfreiche Methode, die Dynamik der inneren Konflikte zwischen dem, was eine Person an Rollen im Leben gelernt hat und den „ursprünglichen“ beziehungsweise ganz ureigenen, ganz persönlichen Impulsen zu klären, ist, die jeweiligen Impulse als „Wippe“ zu visualisieren. Ich bitte meine Klienten, einmal die verantwortungsbezogenen inneren Stimmen zu benennen. Häufig werden dann „Treiber“ benannt wie „Leiste!“ und „Mache, was andere wollen!“. Auf der anderen Seite werden dann die auf die eigene Person gerichteten Impulse positioniert. In der Regel werden die Verantwortungsimpulse bezüglich der inneren Treiber und der Erwartungen anderer Menschen viel größer oder „schwerer“ dargestellt als die Impulse der Selbstsorge und der eigenen Prioritäten. Durch die „Wippe“ kommt das – oft vorzufindende – Ungleichgewicht zwischen den Erwartungen anderer Menschen (häufigste Nennungen: Familienmitglieder, Vorgesetzte) und den ganz persönlichen Dingen (das kommt am ehesten dem nahe, was oft als das „innere Kind“ bezeichnet wird) zum Vorschein. Den betreffenden Personen wird dann klar, unter welchem Erwartungsdruck sie eigentlich stehen. Insbesondere wenn es um psychosomatische Beschwerden geht, werden diese mit Hilfe der Methode kognitiv zugänglich. In einem Fall war die „Verantwortungsrolle“, also ein Handlungsmuster, in den allermeisten Situationen „groß“ und „stark“ und „erwachsen“ sein zu müssen und für beinahe alles (in der eigenen Familie, für die eigenen Eltern, im eigenen Team, gegenüber dem Chef) verantwortlich zu sein, so stark, dass die betreffende Person in Anbetracht der Wippe sagte: „Um die Kleine da muss ich mich mal kümmern.“ Doch das ist falsch. Man kann sich um das innere Kind nicht „kümmern“. Wenn man Mitleid mit ihm hat, hilft das nichts. Man muss vielmehr „in das Kind hineingehen“, etwas tun, was das Kind tun würde, das Kind sein, dem Kind Raum geben. Beispielsweise könnte die Person sagen: „Es geht mir besonders gut, wenn ich über freie Felder wandere.“ Oder: „Als Kind war ich viel draußen und habe Tiere beobachtet.“ Dann sind es Wanderungen über freie Felder und Tierbeobachtungen, die helfen, nicht aber Mitleid für das innere Kind oder Wellness oder „etwas für sich tun“, was sich die Person in der „Verantwortungsrolle“ ausgedacht hat.

In einem Fall mit starken psychosomatischen Beschwerden wurde klar, dass die betreffende Person außer gelegentlichen Wanderungen gar nichts mehr nur aus sich heraus tat. Sie las keine Bücher mehr, hatte keine unstrukturierte Zeit mehr mit der Familie, stand auch bei ihrer Arbeit unter wachsendem Druck. Alle Reservate waren der Verantwortung zum Opfer gefallen. In der Firma gab es Umstrukturierungen, zuhause mussten die eigenen Eltern gepflegt werden, die Kinder brauchten finanzielle Unterstützung. Nach einem Zusammenbruch merkte die Person während der Wiedereinarbeitung, dass nichts mehr so flott und unproblematisch ging wie vorher. Nun war die Angst da, dass sie wieder zusammenbrechen könnte. Auf der Wippe standen links drei große Figuren: die Erwartungen des Chefs, die eigenen Treiber aus der Kindheit („Mach! Streng Dich an!“) und die Erwartungen der Familie. Rechts stand ein kleiner Zwerg, der Sport machen und lesen wollte, aber zu erschöpft war und keine Zeit dafür fand. Die Lösung lag darin, der eigenen Familie mitzuteilen, dass die Person nach dem Zusammenbruch jemand anders war als vorher und dass sie nicht mehr allen Erwartungen entsprechen konnte. Die Familie reagierte mit Erwartungsdruck, mit Tränen und so weiter. Die Reaktion war wiederum ein heftiges schlechtes Gewissen mit sehr deutlichen Erinnerungen an Ereignisse aus der Kindheit, in denen es darum ging, den Erwartungen der Eltern nicht entsprochen zu haben. Die Erleichterung, ausgesprochen zu haben, dass man jemand anderes sei, war das einzige, was half, das schlechte Gewissen zu ertragen.

Die Linien-Methode

Linienmethode_1

Von Irvin Yalom stammt die folgende, ebenfalls recht „existenzialistische“ Methode: Man zeichne einen Strich und markiere mit je einem Symbol die Geburt am Anfang und den Tod am Ende der Linie. Dann markiere man mit Hilfe eines Kreuzes diejenige Position auf der Linie, von der man glaubt, dass sie etwa dem gegenwärtigen Lebensalter entspricht (beispielsweise: „Halbzeit“). Dann schreibe man unter die Linie die fünf, sechs Dinge, die einem im Leben am wichtigsten sind. Das Wichtigste am Anfang, die weniger wichtigen Dinge dann je nach eingeschätzter Relevanz auf den entsprechenden Positionen. Nun kommt der wichtigste Schritt: Streichen Sie nun die erste Position durch. Stellen Sie sich dann Ihr Leben vor, wie es ohne das, was Ihnen am wichtigsten ist, wäre. Nehmen Sie sich Zeit, versetzen Sie sich hinein. Was macht das mit Ihnen? Welche Gefühle oder Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf? Betrachten Sie dann noch einmal Ihr Leben, wie es gerade ist. Hat sich die Perspektive geändert? Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie?

Linienmethode_2

In Ergänzung der Übung kann es hilfreich sein, das folgende Dalai-Lama-Zitat zu reflektieren: „Es ist besser zu wollen, was man hat, als zu haben, was man will.“ Die Übung eignet sich auch, in Weiterbildungen mit Menschen, die in Helferberufen arbeiten, das Thema Empathie zu bearbeiten. In Helferberufen, beispielsweise in Familienhelferteams oder im Jobcenter, hat man es oft mit Menschen zu tun, denen das Wichtigste im Leben entweder sehr schwierig vorkommt (beispielsweise die Familie) oder ganz abhanden gekommen ist (beispielsweise eine Arbeit als primäre Quelle für Status und Sinnerleben). Wenn man lange mit Menschen in schwierigen Lebenslagen arbeitet, kann es passieren, dass man beginnt, die Lebensführung dieser Menschen zu bewerten. Dann hilft diese Übung, sich gegebenenfalls wieder besser in Klientinnen und Klienten hineinzuversetzen.

Linienmethode_3

Verändere Deine Fragen!

Eine der für mich persönlich wichtigsten Methoden überhaupt habe ich in einem klugen Buch mit dem Titel „Change your questions!“ gefunden. Kurz gesagt kann man sich in jeder Situation entscheiden, ob man die Situation bewerten möchte, oder ob man etwas daraus lernen möchte. Emotionen können als „handlungsvorbereitende Situationsbewertungen“ verstanden werden. Und in der Regel machen wir uns über unsere Bewertungen keinen Kopf: wir nehmen etwas wahr und haben eine Emotion dazu – in alltäglichen Situationen bekommen wir das nicht mit. Emotionale Reaktionen sind so normal und automatisiert, dass wir sie nicht steuern können. Wir können uns höchstens beobachten und uns fragen: „Was war das, was ich denke, bevor ich es gedacht habe?“ Ganz im Sinne von: „Was war das für eine Emotion, bevor das ein Gedanke wurde?“ Denn: In der Regel wird aus einer Emotion eine recht direkte Reaktion und wir machen uns – quasi im Nachhinein – einen Reim darauf. Deshalb wehren wir alle möglichen Dinge, die uns gesagt werden, einfach ab. „Hast Du mein… gesehen?“ – „Nee, ich habe es nicht versteckt. Was soll ich denn damit?“ Das ist kein Gespräch, sondern reine Abwehr. Ich habe nicht die Frage verstanden, sondern sofort reagiert, und zwar mit Selbstschutz. Wenn mein Gegenüber nun sagt: „Ich wollte nicht wissen, ob Du… genommen oder versteckt hast, ich wollte wissen, ob Du es gesehen hast, weil ich es suche.“ antworte ich: „Naja, ich wollte nur sagen, dass ich es nicht war, weil ich es ja sonst immer bin.“ Sie sehen: es schaukelt sich hoch, nun haben wir sogar noch das Wort „immer“ eingebaut. Der Tag kann also noch spannend werden 😉

Dieses denkbar belanglose Beispiel soll nur die Natur des oben dargestellten Prozesses verdeutlichen – wir reagieren emotional. Die Emotion an sich – also das, was wirklich passiert, wird dabei kaum zum Gedanken. Was hingegen zum Gedanken – und damit überhaupt kommunizierbar – wird, sind die Dinge, die wir uns dazu – immer uns selbst schützend – zurechtlegen. Aber genau das führt in die Sackgasse aus einem Wechselspiel gegenseitiger Bewertungen – natürlich unbewusst beziehungsweise automatisch. Wenn ich jemanden nicht überzeugen kann, frage ich mich, was ich falsch gemacht habe. Oder warum der so blöd ist, das nicht zu verstehen. Ich verlasse aber keinesfalls meine Position.

Wenn ich mich nun stattdessen frage, was mein Gegenüber eigentlich will, welche Informationen ich habe und welche vielleicht noch nicht, welche Optionen ich habe et cetera, dann wird das Gespräch ein völlig anderes.

Sie können sich entscheiden, ob Sie eine Situation bewerten möchten oder ob Sie etwas aus einer Situation lernen möchten.
Sie können sich entscheiden, ob Sie eine Situation bewerten möchten oder ob Sie etwas aus einer Situation lernen möchten.

In problematischen Situationen passiert die Eskalation sowieso. Konflikte sind nicht aus der Welt zu schaffen – sie passieren einfach. Die Frage ist, was ich nach einer Eskalation mache. Verletzter Stolz? Gesichtswahrendes Schweigen? Die meisten erwarten, dass die andere Seite einlenkt. Man selbst hätte ja schon dies oder das… Pustekuchen. Die einzigen Menschen, an deren Handlungen wir etwas ändern können, sind wir selbst. Indem wir uns andere Fragen stellen. Auf andere Gedanken kommen. Indem wir unsere Emotionen (die sowieso passieren), in wichtigen Fällen im Nachhinein „umdenken“. Denken ist Probehandeln. Ich kann mir im Konflikt (wenn ich das überhaupt schaffe, unter Druck ist das Denken fast unmöglich) oder besser danach Fragen stellen, wie sie auf der nachfolgend dargestellten Karte verzeichnet sind. Ich kann mich also immer entscheiden, ob ich eine Abkürzung hinüber auf den „Pfad des Lernens“ suche und den „Pfad des Bewertens“ verlasse.

Die Landkarte der Wahlmöglichkeiten nach Marilee Adams (2009); Zeichnung: Juliane Wedlich

Presencing

Der Begriff des Presencings geht auf Otto Scharmer zurück und meint im Wesentlichen eine Verbindung aus „Hier und Jetzt“ und „nachspüren“. Früher, als mir solche Dinge nicht geläufig waren, habe ich auf solche „quasi-esoterischen“ Methoden mit etwas reagiert, das man bei gutem Willen „bodenständige Skepsis“ nennen könnte. Aber die Erfahrung lehrt: es ist, wenn es um das eigene Stresserleben geht oder – allgemeiner noch – um das eigene „Sein in der Welt“, dann kann man tatsächlich viel lernen, wenn man auf seinen eigenen Atem hört, sich auf sich selbst im „Hier und Jetzt“ konzentriert, lernt, nichts (haben) zu wollen, sondern zu sein und so weiter. Eine schöne Methode, sich auf diesen Weg zu begeben und sich selbst auf andere, ganzheitlichere und auch nachhaltigere (bei Scharmer heißt das „Ego to Eco“) Weise kennenzulernen, bietet die folgende Übung. Ich habe die Übung hier in Anlehnung an einen Artikel von Patrick Kinzler in der Zeitschrift Organisationsentwicklung dargestellt (vgl. Kinzler, P. (2014): «Stimmige» Selbstentwicklung mit der Theorie U. In: Zeitschrift Organisationsentwicklung, Nr. 1/2014. S. 16-17). Eine Darstellung des allgemeinen Prinzips, das hinter der Übung liegt, finden Sie hier. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass ich nach wie vor gerne „bodenständig skeptisch“ bin, wenn es um solcherlei Übungen und Veranstaltungen geht, wie man hier nachlesen kann. Doch nun zur Übung:

  1. Downloading: Sprechen Sie Ihren Namen laut aus, und zwar so, wie Sie ihn aussprechen, wenn Sie sich jemandem vorstellen.
  2. Seeing: Nun atmen Sie tief ein und wieder aus und sagen lediglich Ihren Vornamen. Was spüren Sie? Wenn Sie wollen, schneiden Sie die Übung mit. Hören Sie sich die Aufnahme bis hierher noch einmal an. Spüren Sie nach, was Sie empfinden. Welche positiven Empfindungen haben Sie? Gibt es Dinge, die Ihnen auffallen? Wenn ja, welche?
  3. Sensing: Atmen Sie noch einmal durch und sprechen Sie Ihren Vornamen zunächst lautlos im Kopf vor sich hin. Danach sprechen Sie Ihren Vornamen bitte in Verbindung mit dem Ausatmen laut aus. Was nehmen Sie wahr? Gibt es vielleicht Aspekte/Details, die noch nicht stimmig sind? Wie klingt Ihr Name? Welche „alten Dinge“ (Sachen, die Sie vielleicht schon hinter sich gelassen haben) hören Sie vielleicht noch?
  4. Presencing: Nun wiederholen Sie den letzten Schritt (durchatmen, im Kopf vorsagen), nur dass Sie diesmal warten, bis in Ihnen ein Impuls entsteht, Ihren Namen zu sagen. Nehmen Sie sich Zeit dafür. Sprechen Sie erst, wenn der Impuls da ist. Sagen Sie Ihren Namen, während Sie ausatmen. Nun lautet die Frage anders: Welche Potentiale schwingen mit, wenn Sie Ihren Namen sagen? Welche Aspekte wollen sich da gegebenenfalls entfalten? Was können Sie in Zukunft stärker in Ihr Handeln integrieren? Welche Kraft schwingt mit, die Sie noch nicht in Gänze kennen? Oder der Sie vielleicht bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben? Schreiben Sie Ihre Gedanken auf!
  5. Cristallizing: Lesen Sie sich Ihre Notizen bitte durch: Welche Gedanken oder Ideen lösen in Ihnen Resonanz aus? Wo ist diese Resonanz am stärksten? Was bedeutet das für Ihre Zukunft?
  6. Prototyping: Kommen Sie nun zurück zu Ihrem Namen. Sprechen Sie diesen nun mehrfach laut aus und versuchen Sie, die neuen Ideen und Potentiale zu integrieren. Bewegen Sie sich gern dabei, wiederholen Sie die Übung so lange, bis Sie lächeln. Dann überlegen Sie, was Sie tun wollen, um diese gewonnenen Ideen und Einsichten in Ihr Leben zu integrieren.
  7. Performing: Atmen Sie noch einmal tief durch und sagen Sie dann noch einmal Ihren Namen, und zwar so, wie Sie sich in Zukunft anderen Menschen gern vorstellen würden. (Vgl. Kinzler 2014)

Bei ungeübten Teilnehmern oder am Anfang von Trainings sollte die Übung in kleinen Gruppen durchgeführt werden, damit sich die Teilnehmer gegenseitig Rückmeldungen geben können (ebd.).

Nun der Vollständigkeit halber noch zwei Methoden, die ich zwar erwähnt, aber nicht näher beschrieben habe: Edgar Schein hat vor vielen Jahren einen Test entwickelt, der Menschen dabei helfen kann, sehr bewusst Karriere-Entscheidungen zu treffen. Der Test (Online-Version hier) basiert auf einer typenbildenden Exploration der Karrieren von Fach- und Führungskräften. Es werden neun karrierebezogene Muster unterschieden, so genannte Karriere-Anker. Eine weitere, sehr hilfreiche Selbstklärungsmethode ist das archetypenbasierte Modell von Erica Ariel Fox, das wir bereits an anderer Stelle auf diesem Blog beschrieben haben.

Zum Schluss ein Wort zur „so genannten“ Work-Life-Balance

Der Begriff unterstellt, dass Arbeit etwas anderes wäre als Leben. Oder andersherum. Das ist meines Erachtens Quatsch. Sinnvolle Tätigkeit (und deshalb – wenn schon nicht in jedem Fall, dann hoffentlich oft genug – auch Arbeit) ist ein Teil des Lebens wie Schlaf auch. Sonst wäre die Bilanz ja gruselig: ein Drittel des Lebens wird verpennt, ein Drittel in die Schule gerannt, gearbeitet und so weiter. Bleibt ein weiteres Drittel, in dem man dann neben Kindererziehung, Wege zur und von der Arbeit, Gartenarbeit und so weiter noch „leben“ soll. Diese Perspektive ist nicht hilfreich. Arbeit sollte vielmehr etwas sein, in dem man einen Sinn sieht. Menschen, die sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren, denen es um die Arbeit selbst geht und nicht etwa darum, was man mit der Arbeit alles erreichen kann (Karriere, Status, Geld, die Welt retten etc.), haben am ehesten die Chance, glücklich zu sein. Wobei es dann nicht mehr um Glück im heute verstandenen Sinne geht, sondern um Sinn:

  1. Konzentriere Dich auf das, was vor Dir ist, was Du gestalten kannst. Finde eine Berufung.
  2. Höre auf, jemand oder etwas in den Augen anderer sein zu wollen.
  3. Damit hast Du genug zu tun. Die Balance kommt dann von ganz alleine, weil es die Frage nach der Work-Life-Balance dann gar nicht mehr gibt 😉

Und schlussendlich, weil ich es nicht lassen kann, ein wunderschönes Buch dazu: „The Road to Character“ by David Brooks

Jörg Heidig

PS: Ich bedanke mich bei allen, die das Symposium „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ zu einer gelungenen Veranstaltung haben werden lassen – bei unseren Gästen, mit denen wir sehr anregende und interessante Diskussionen führen durften, und bei allen, die organisiert und Vorträge oder Workshops gehalten haben: Herbert BockGermaine HaaseIna JäkelAxel Krüger, Tanja Matthes, Lars OttoMatthias Schmidt, Fabian Starosta, Markus Will, Sandra Wolf und Benjamin Zips. Herzlichen Dank!