Psychohygiene für Helferberufe, Teil 2: Die zugrundeliegenden Motive

„Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt“, heißt der Werbespruch einer Bank. Übetragen auf Berufe heißt das, dass viele Menschen ihren Beruf nicht von ungefähr, sondern vor dem Hintergrund ihre spezifischen Motivgefüges wählen. So individuell die persönlichen Motive, einen speziellen Beruf zu ergreifen, auch sein mögen – es gibt Erfahrungsmuster, die ein großer Teil der Angehörigen eines bestimmten Berufszweigs teilen. Man sagt beispielsweise oft, dass Psychologen „selbst einen an der Waffel“ haben. Positiv gewendet mag das bedeuten, dass viele Psychologen etwa durch problematische Kindheitserfahrungen eine besondere Sensibilität und ein spezielles Interesse für Störungen entwickelt haben und deshalb diesen Beruf ergriffen haben. Vielen Sozialpädagogen, Psychologen und Angehörigen anderer Helferberufe ist nach meiner Erfahrung ein tief sitzendes „Ich bin nicht genug!“ gemein. Das bedeutet, dass es den betreffenden Menschen schwer fällt, ihr Selbstwertgefühl allein aufrechtzuerhalten. Sie brauchen vielmehr andere Menschen, die sie anerkennen und ihnen das Gefühl vermitteln, „ok“ zu sein. In gewisser Weise brauchen diese Helfer also ihre Klienten, um ihren Selbstwert zu erhalten. Einer meiner Gesprächspartner hat diesen Mechanismus einmal als den „Egoismus der Helfer“ bezeichnet und ausgeführt, dass es vielen Helfern gar nicht um die Person, der sie helfen, geht, sondern im Grunde um sich selbst.

Zwei Beispiele:

  1. Eine Sozialpädagogin schildert in der Supervision einen Fall und erzählt, wie sie für das Kind der Klientin einen Schulranzen von ihrem eigenen Geld gekauft hat.
  2. Eine Fallmanagerin berichtet von einem konflikthaften Gespräch, in dem die Klientin sich weigerte, trotz guten Zuredens ihre Vorschläge anzunehmen. Sie habe daraufhin einen Zielplan auf der Grundlage ihrer Vorschläge ausgearbeitet und von der Klientin unterschreiben lassen.

Meine Lesart dieser Beispiele ist, dass das tief sitzende „Ich bin nicht genug!“ als Motivator für das berufliche Handeln fungiert, und zwar in der Weise, dass man nicht durch Fragen oder andere Beratungstechniken einem Klienten bei seiner Selbstexploration und damit bei der eigenständigen Entwicklung von Handlungsoptionen, Entscheidungen oder Lösungen behilflich ist, sondern dass man direkt „hilft“ (eigentlich: anleitet, schubst, manchmal regelrecht dressiert), also Lösungen für den Klienten entwickelt, ihn bei bestimmten Wegen nicht nur begleitet, sondern regelrecht führt, als direktes Modell fungiert, zu enge Beziehungen eingeht und aus diesen engen Beziehungen heraus versucht, den Klienten direkt zu Handlungen zu bewegen. Gelingen diese direkten Interventionen zunächst, gewinnt man Dankbarkeit, Achtung und Anerkennung. Häufig wird dann von „meinem ADHSer“ oder „meinem Ex-Knacki“ gesprochen, wobei das besitzanzeigende Fürwort einen Distanzverlust anzeigen kann (nicht muss). Gelingen die Interventionen nicht, gerät man in das, was als „Helferfalle“ bezeichnet werden könnte – in einen Kreislauf aus „schubsenden“ (direkt ratgebenden oder vermeintlich unmittelbar helfenden) Helferhandlungen und der Erfahrung der Wirkungslosigkeit dieser Handlungen. („Wenn ich etwas umsonst bekomme, bin ich vielleicht dankbar, aber ich werde mich kaum ändern.“) Wenn dieser Kreislauf eine Weile besteht, höhlt er das Selbstwertgefühl und die Motivation der helfenden Person aus. Immer direktere Hilfen, immer schnellere Interventionen verbunden mit immer mehr Enttäuschung und Frustration sind die Folge. Dem Helfer müsste selbst geholfen werden, aber davor bewahrt ihn nur allzu häufig sein Selbstbild vom guten Menschen, der gern und viel hilft. Wenn es bei einigen Klienten nicht (mehr) klappt, sucht man sich enttäuscht neue. Nachschub gibt es ja genug… Das klingt zynisch, ist aber meines Erachtens oft genug Realität.

Der etwas provozierende Titel „Psychohygiene für Helferberufe“ ist genau aus diesem Grund gewählt: Es ist tatsächlich eine Frage der regelmäßigen Achtsamkeit für die eigenen Körpersignale und der regelmäßigen Analyse der ganz persönlichen Emotionen. In dieser Regelmäßigkeit besteht eine gewisse Analogie zur Hygiene.

Jörg Heidig