Der doppelte Boden der Lüge

Im letzten Beitrag habe ich beschrieben, wie durch elterliche Infragestellung des Kindes erst kein Selbstvertrauen entstehen kann und sich dann – quasi als Rettungsversuch in existentieller Not – ein Ersatz-Selbstbild entwickelt. Indem sich das Kind als ungeliebt erfährt oder Liebe an bestimmte Leistungen geknüpft wird, lernt das Kind, nicht sich selbst zu achten und zu vertrauen, sondern es baut ein quasi „kompensatorisches“ Wunsch-Bild von sich auf. Dieses Wunsch-Bild ist heile, verkörpert aber nicht die Realität. Betroffene handeln vor allem aus ihrem Wunsch-Bild heraus, um ihre Unsicherheit in Bezug auf sich selbst nicht spüren zu müssen und um für solche Reaktionen aus ihrem Umfeld zu sorgen, die ihrem Wunsch-Selbstbild entsprechen. Im Grunde belügen sie sich selbst: „Indem ich Leistung bringe, werde ich anerkannt.“ könnte ein Schlüsselsatz lauten. Gerade jenen, die ihr Selbstbild mit einer hohen Leistungsmotivation ersetzt haben, fällt es sehr leicht, ihre Unzulänglichkeiten in unserer heutigen Gesellschaft zu verstecken. „Wenn die Arbeit ruft, bleibt ein Schweizer nie daheim.“, singt Faber. Und das gilt nicht nur für viele Schweizer, sondern auch für viele Deutsche. Leistung und Karriere sind „sozial erwünschte“ Dinge. Maaz behauptet sogar, dass die Mehrheit der Deutschen falsche Selbst-Bilder hätten, sich also nicht vertrauten und stattdessen Ersatz-Bildern von sich hinterherjagten. Diese Menschen belügen sich selbst und machen dadurch anderen permanent vor, wie erfolgreich, selbstsicher, ausgeglichen oder unverletzt sie seien. Sie legen sich soziale Masken zu, damit sie sich selbst glauben können, sie seien so tolle Helfer oder machten eine so tolle Karriere oder seien so aufopferungsvolle Familienmenschen oder, oder, oder. Nur damit sie ihre Unsicherheit und ihre Angst nicht spüren müssen.

Man kann sich den Prozess des Entstehens oder Erlernens eines Wunsch-Selbstbildes und der dazugehörigen Handlungen in etwa so vorstellen: Ein Kind fühlt sich unverstanden oder gar ungeliebt von seinen Eltern. Es wird nach Gelegenheiten suchen, trotzdem anerkannt zu werden. Es merkt bspw. bei außergewöhnlichen Leistungen, dass es dafür gelobt wird. Oder es bemerkt, dass, wenn es sich brav und angepasst zeigt, es im Vergleich zu sonst eher in Ruhe gelassen oder sogar gemocht wird. Diese zunächst eher einzelnen Versuche und Erfahrungen werden später – dann allerdings weniger unabsichtlich, sondern bewusster – wiederholt. Das Kind lernt, nicht es selbst zu sein, sondern Rollen auszuprobieren. Die Reaktionen auf die verschiedenen Rollen werden allerdings nicht einfach erfahren wie in einem beliebigen selbstverständlichen Interaktionsfluss – wenn sich das Kind selbst vertraut, handelt es einfach, die Eltern reagieren darauf usw. -, sondern die Kinder beginnen zu beobachten, welche Handlungen welche Konsequenzen haben und erlernen die entsprechenden Muster. Diese Beobachtung der eigenen Handlungen und insbesondere der Reaktionen darauf ist ein wesentliches kommunikatives Merkmal bei Menschen, die sich nicht selbst vertrauen. Betroffene handeln nicht einfach auf der Basis ihrer Emotionen oder Überlegungen, sondern die Reaktionen der anderen werden zunächst analysiert, um daraufhin die eigenen Handlungen zu planen. Es handelt sich also um ein mehr oder minder absichtsvolles Theaterstück, was im Handlungsvollzug geschrieben wird.

Ein beobachtbares Kennzeichen solcher Theaterstücke sind „prüfende Blicke“, die anderen Menschen während der beschriebenen absichtsvollen Handlungen zugeworfen werden. Diese Blicke tauchen bisweilen mitten im Handlungsvollzug auf und fügen sich nicht so recht in den Kontext bzw. passen nicht in den Interaktionsfluss. So kann es bspw. sein, dass ein Kind weint, dabei aber seine Eltern beobachtet. Oder ein Kind handelt besonders angepasst und beobachtet verstohlen, ob seine ggf. unterwürfigen Handlungen die gewünschte Reaktion erzeugen. Oder ein ehemaliger Strafgefangener zeigt nach einer verbalen Eskalation, auf die hin er von seinem Bewährungshelfer stark konfrontiert wurde, auf einmal Reue, sein Blick geht zu Boden und er gibt zu, dass er noch lernen müsse, seine Impulse unter Kontrolle zu bringen, und dass ihn der Herr Bewährungshelfer gerade sehr „erwischt“ und „getroffen“ habe und dass er ja Recht habe mit seiner Ermahnung. Blitzt zwischendurch ein eher kalter, prüfender Blick auf, kann man zumindest skeptisch bleiben, ob es sich hier nicht um ein „deeskalierendes Rollenspiel“ handelt.

Menschliche Handlungen bekommen auf diese Weise einen „doppelten Boden“. Eigentlich fließen die Interaktionen – eine Äußerung löst beim Gegenüber eine Reaktion aus. Diese Reaktion hat eine emotionale, eine kognitive und eine handlungsbezogene Dimension. „Normalerweise“ fließt die emotionale Bewertung der Situation mehr oder minder automatisch und unreflektiert in die Reaktion ein. Es kann aber auch sein, dass die reagierende Person – etwa in als sehr wichtig empfundenen Gesprächen – den Kognitionen eine stärkere Bedeutung verleiht, indem sie nicht „automatisch“ reagiert, sondern die eigene emotionale Reaktion wahrnimmt und überlegt, was das genau bedeutet und wie sie weiter handeln möchte. Dann haben wir es mit bewussteren Handlungen zu tun. Menschen, die sich nicht vertrauen, haben aber gelernt, ihre eigenen Emotionen gar nicht erst einzubeziehen. Für sie sind die Emotionen des Gegenübers wichtiger. Es geht ja darum, das eigene Wunsch-Selbstbild bestätigen zu lassen. Also steht nicht die eigene Emotion im Vordergrund, sondern die des Gegenübers. Ich darf quasi gar nicht so handeln, wie ich wollen würde, sondern ich handle quasi so, dass mein Gegenüber mein Wunsch-Selbstbild bestätigt. Das führt mehr oder minder konsequent dazu, die eigenen Emotionen zu ignorieren. Der „eigentliche“ Interaktionsfluss findet somit gar nicht statt, weil die eigenen Emotionen ja ausgeblendet werden. Was hingegen stattfindet, ist ein „Als-ob-Interaktionsfluss“. Ich tue quasi so, als wäre alles ganz normal. Ich versuche, meinem Gegenüber dieses Gefühl zu geben. Gleichzeitig analysiere ich dessen Handlungen nicht unter Hinzunahme meiner Emotionen, sondern mit der Maßgabe, was ich tun muss, damit mich mein Gegenüber als den leistungsstarken oder erfolgreichen oder hilfreichen oder so liebevollen oder so hilfebedürftigen Menschen wahrnimmt, der ich gern sein will.

Interessant wird es, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, die beide kompensatorische Selbstbilder entwickelt haben und dazu neigen, sich nicht auf ihre Emotionen zu verlassen, sondern stattdessen gewohnt sind, ihr Gegenüber mehr oder minder zu beobachten und ihre Reaktionen auf der Basis dieser Beobachtungen hin zu planen. Stellen Sie sich bitte einmal das folgende Beispiel vor:

Eine Psychologin, Ende dreißig und seit sechs Jahren als Therapeutin tätig, hat sich den Ruf erarbeitet, mit „Härtefällen“ gut arbeiten zu können. Sie tendiert dazu, nicht lange um den heißen Brei herumzureden. Viele ihrer vornehmlich männlichen Klienten schätzen ihre direkte Art und bringen dies auch zum Ausdruck. Manchmal hat die Therapeutin das Gefühl, selbst ein eher harter Mensch zu sein. Aber, denkt sie dann, so lange es hilft, passt es schon, und ich habe mich lange genug mit mir selbst auseinandergesetzt. Selbsterfahrung während der Therapieausbildung, eine eigene Therapie, häufige Weiterbildungen. Dass sie im Privatleben zwar glücklich scheint, es aber nicht ist, spielt keine Rolle, denkt sie. Das wird schon, man muss sich um Beziehungen immer wieder kümmern. Wann sie das zuletzt getan hat? Naja. Es ist ja bald Urlaub.

Diese Therapeutin bekommt eine neue Klientin, eine junge Frau, der vom lokalen Jobcenter dringend geraten wurde, sich in psychologische Behandlung zu begeben. Die Klientin leidet an Angststörungen und lehnt psychologische Hilfe eigentlich ab. Begründung: negative Erfahrungen während stationärer Aufenthalte in der Psychiatrie. Nun sei sie aber trotzdem hier, irgendetwas müsse ja passieren, so könne es nicht weitergehen, sie könne noch nicht einmal mehr ohne Begleitung das Haus verlassen, um etwa einen möglichen Ausbildungsbetrieb oder das Berufsschulzentrum anzuschauen.

Die ersten Gespräche verlaufen weder gut noch schlecht, man analysiert gemeinsam die Kindheit, frühere Erfolgs- und Misserfolgserlebnisse, die Therapeutin lässt sich ausführlich das Erleben der jungen Frau schildern. Nach dem zweiten Gespräch beginnt die Therapeutin zu zweifeln und nach dem dritten Gespräch will die Therapeutin die Klientin – Zitat – „eigentlich nur noch loswerden“. In der Supervision sagt die Therapeutin, dass sie das Gefühl habe, die Klientin lüge sie an. Es sei, als ob die Klientin sich gar nicht ändern wolle. Sie sage zwar, dass sie Hilfe bräuchte, und dass sie sich wünsche, eine Berufsausbildung zu machen. Aber dann sitze die Klientin nur da und gucke vor sich hin. Sie, die Therapeutin, schwanke zwischen Hilflosigkeit und Wut, weil die Klientin so gar keinen Willen hätte. Sie würde nur dasitzen wie ein – Zitat – „dickes Reh, das sich die Beine gebrochen hat, nur große Augen und Selbstmitleid“.

Nach einer Analyse der Emotionen der Therapeutin wird klar, dass die wie zur Schau getragene Verletzlichkeit der Klientin in der Therapeutin Aggressionen geweckt hat. Diese Aggressionen macht die Therapeutin an dem Gefühl fest, die Klientin spiele ihr etwas vor. Nach einer Weile wird jedoch der „doppelte Boden“ der Interaktion klar: Die Klientin hat tatsächlich Symptome und versucht, damit zu leben. Sie hat allerdings große Angst vor Panikattacken und lebt mit dem ständigen Gefühl, vom Alltag überfordert zu sein. Sie hat gelernt, ihre Angst offen anzusprechen – und hat auch gelernt, dass es an manchen Stellen wie bspw. im Jobcenter, leichter wird, wenn sie ihre Angststörungen betont. Die Therapeutin bemerkte zu Recht die zur Schau getragene Ängstlichkeit und Antriebslosigkeit ihrer Klientin. Aber statt damit zu arbeiten wurde sie wütend, weil die demonstrative Verletzlichkeit sie an ihre eigenen, mehr oder minder verdrängten „weichen Seiten“ erinnerte. Ihr Wunsch-Selbstbild war das einer starken, eher dominanten Frau, die mit Klarheit und einer gewissen „Kante“, wie sie sich auszudrücken pflegt, beruflich erfolgreich ist. Menschliche Schwäche hat sie immer angeekelt, aber sie habe sich damit auseinandergesetzt und habe das im Griff. Auf die Frage hin, wann sie das letzte Mal lieb zu sich selbst war, begann die Therapeutin zu weinen.

Burnout – Störung oder Trendsportart? Wenn Psychologen nicht mehr hilfreich sind, sondern zum Teil des Problems werden

Wo Psychologie hilfreich sein kann und wo nicht: die Gratwanderung zwischen einer Kultur der Verdrängung und einer Kultur des Psychologisierens

Wir kommen aus einer Zeit, in der seelische Probleme eher verdrängt wurden. Zwar gab es in der Regel Alltagsbezeichnungen für heute diagnostizierbare Phänomene. So wurden etwa Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen als „Kriegszitterer“ bezeichnet. Aber es war Teil der Kultur in vielen Organisationen, solche Dinge nicht zu thematisieren. Man hatte sich zusammenzureißen. In den siebziger, achtziger und neunziger Jahren veränderte sich das diesbezügliche Klima. Die Diagnostik fand Namen für Erschöpfungs- und Belastungszustände, und man fand Wege, betroffenen Menschen zu helfen. Gleichzeitig erhielt die Psychologie in vielen Bildungsgängen, Management-Trainings usw. immer mehr Raum. Man wurde in den Organisationen auf Erschöpfungs- und Belastungsphänomene aufmerksam, wurde sensibler für die Entstehung und die Faktoren, wollte ggf. helfen. So wurde es möglicher, dass Betroffene sich ohne stigmatisierende Folgen helfen lassen konnten. Das war zu Beginn sicher auch gut so. Ein wirklich betroffener Mensch musste weniger Angst haben, stigmatisiert zu werden. Zwar sind in einigen Organisationen die Echos der früheren Kultur des Verdrängens noch zu spüren, aber im Großen und Ganzen ist man heute deutlich offener, was den Umgang mit Erschöpfungs- und Belastungsphänomenen angeht. Allerdings fürchte ich, dass das Pendel an einigen Stellen zu weit ausgeschlagen ist. Die Psychologie blieb nicht nur hilfreich. Diagnosen haben leider eine Tendenz, sich auszubreiten, quasi immer generalisierter angewandt zu werden.

Wenn jemand etwas hat, soll ihm geholfen werden. Aber Teile der Psychologen- und Ärzteschaft sind hier meines Erachtens nicht mehr hilfreich, indem sie – mehr oder minder unbeabsichtigt – bewirken, dass Betroffene ihre Erschöpfungs- oder Belastungssymptome gleichsam „konservieren“. Die sechste Kur kann vielleicht doch noch helfen, aber sie kann auch ein Genuss sein, von dem man langsam abhängig wird. Man hat vielleicht versucht, gegen die Symptome anzukämpfen. Man hat es vielleicht auch gewollt. Aber dann hat der nette Psychologe gesagt, man müsse ja nicht, und man solle sich vor allem Zeit nehmen. Wie lang ist so ein Zeitraum: zwei Wochen, sechs Monate, zwei Jahre? Viele, die vor Erschöpfung aufgeben, kommen nicht mehr hoch, weil sie sich daran gewöhnen. Zur (vorübergehenden) Einschränkung gehört auch die aktive Bewältigung. Wenn es geht. Ob es geht, erfährt man nur, wenn man es probiert. Und gerade diejenigen, die schwerer wieder hochkommen, müssen es öfter probieren, weil sie sonst allzu leicht den Glauben entwickeln, dass es gar nicht mehr gehen kann. Wenn es nicht geht, gut, dann ist es so. Dafür leben wir in einem Sozialstaat. Aber ich bezweifle, dass so viele Menschen, wie heuer diagnostiziert werden, wirklich diagnostiziert werden müssen. Die Ursache liegt meines Erachtens in Wechselwirkungen zwischen verbesserten Diagnoseinstrumenten, dem Umstand, dass man damit Geld verdienen kann, der Unsicherheit vieler Menschen in Bezug auf ihre Selbstheilungskräfte und dem wachsenden „Ratgeberwissen“.

  1. Vermehrung und Verfeinerung der Diagnoseinstrumente: Die psychologische Forschung bleibt nicht stehen, sondern differenziert das vorhandene Instrumentarium immer weiter aus. Psychologen beobachten, überprüfen ihre Beobachtungen und geben dem, was der Überprüfung standhält, Namen. In den vergangenen dreißig Jahren hat sich die Psychologie aber immer weiter davon entfernt, eine hilfreiche Wissenschaft zu sein. Die universitäre Psychologie ist zu einer beinahe reinen Forschungs- und Methodenwissenschaft geworden, die naturwissenschaftliche Routinen anwendet und Ergebnisse generiert, die im wissenschaftlichen Kontext wertvoll sein mögen, für die Praxis der Psychologie aber immer weniger Relevanz besitzen.
  2. Geld verdienen: Indem Krankenkassen Hilfeleistungen bezahlen, die einem relativ starren Kriterienkatalog entsprechen müssen, sind Helfer dazu gezwungen, ihre Darstellungen und Aktivitäten dem Kriterienkatalog anzupassen. So kommt es, dass aus gesunden Menschen solche mit einer Diagnose werden, weil man ihnen sonst nicht (bezahlt) helfen könnte. Hinzu kommt, dass die Helfer-Welten in der Regel keine Instrumente zur Feststellung des Normalfalls haben, sondern nur solche für den Krankheitsfall. Und diese Messinstrumente schlagen unter Umständen auch dann aus, wenn gar nichts ist. Unter amerikanischen Psychologen und Psychiatern gab es eine heftige Diskussion darüber, ob man Donald Trump ferndiagnostizieren dürfe oder nicht. Einer der Autoren der Diagnosekriterien für Narzissmuss meinte dann, es sei egal, ob der Präsident ein Weltklasse-Narzisst sei oder nicht, entscheidend sei, ob er selbst einen Leidensdruck verspüre oder nicht. Außerdem sei die Lösung für das von vielen Psychologen gesehene Problem eine politische und keine mit psychologischen Mitteln herbeiführbare. Das schmerzhafte Fazit lautet hier: wenn man zum Psychologen geht, findet der in der Regel auch etwas, weil er ja darauf spezialisiert ist und sein Geld damit verdient. Hier ist die Ethik der Psychologie gefragt. Allerdings reagieren Psychologen oft recht irritiert, wenn man sie nach ihrer Ethik befragt. Sie reden dann von der Vermeidung von Macht oder von wertschätzender Grundhaltung. An die hinter der Psychologie als gesamter Disziplin liegenden Grundannahmen und Implikationen kommen sie mit ihrem Denken in der Regel nicht heran.
  3. Unsicherheit bzgl. der eigenen Selbstheilungskräfte: Wir leben in Zeiten, in denen wir sehr viel von Selbstreflexion, Aufarbeitung usw. halten. Das Problem hierbei ist, dass mit zunehmender Indiviadualisierung aus einer ansich ja notwendigen und hilfreichen Selbstreflexion eher eine Selbstrotation geworden ist. Das „große Ich“ („Big Me“) steht mit seinen Interessen im Mittelpunkt. Heute junge Menschen träumen häufiger von großen Taten, Erfindungen etc. als frühere Generationen, aber sie tun dies viel weniger mit dem Blick auf andere, sondern eher mit dem Blick auf sich bzw. auf das Bild von sich, das die anderen in ihnen sehen sollen. Mit dieser Fokussierung auf sich selbst geht zunehmend die Intuition verloren. Wenn ich mich immer mehr um mich selbst drehe und selbst mein Maßstab bin, weiß ich immer weniger, was richtig oder falsch ist. Dadurch geht die Intuition verloren, was mir hilft und was nicht, was gut für mich ist und was nicht. Ich werde in Seminaren zunehmend Dinge gefragt, die vor zwanzig Jahren noch selbstverständlich gewesen wären, beispielsweise ob man einem Mitarbeiter in bestimmten Situationen Grenzen setzen sollte.
  4. Ratgeberwissen: Die letzte Entwicklung wird durch einen weiteren Trend verstärkt. Die fehlende Intuition wird mit Ratgeber-Lektüre ersetzt. Daraus resultiert ein Halbwissen, das – vorgeblich der Selbstreflexion dienend – wie eine Art ständig nebenherlaufendes Korrektiv die Selbstrotation noch verstärkt. Niveau und Qualität dieser Erkenntnisse liegen in vielen Fällen auf dem Level dessen, was man als „Küchenpsychologie“ bezeichnet. Kürzlich setzte sich ein Kabarettist zu mir an den Kneipentisch. Wir kannten uns nicht, stellten einander vor, und als ich sagte, ich sei Psychologe, platzte es aus meinem Gegenüber lachend heraus: „Aber das kann doch jeder! Ein bißchen nett, ein bißchen zuhören, und fertig ist die Rechnung!“

Wann haben wir begonnen, es zu übertreiben?

Was ich mit diesen Darstellungen verdeutlichen will, ist die Gratwanderung, die es heutzutage bedeutet, als Psychologe hilfreich zu bleiben. Unser Blick richtet sich gewohnheitsmäßig noch auf die Kultur der Verdrängung. Dabei bekommen viele nicht mit, dass es mittlerweile eine Kultur des Psychologisierens gibt, in der auch früher selbstverständliche Zusammenhänge durch Psychologisierung ausgehebelt werden können. Das folgende Beispiel soll tatsächlich stattgefunden haben:

Situation: Ausbilder mit einigen Rekruten in einem Waldgebiet, vor ihnen eine ausgefahrene Panzerspur; der Ausbilder befiehlt, durch die Rinne zu kriechen; einige Rekruten tun dies, ein Rekrut bleibt stehen.

Ausbilder: „Kriechen Sie hier durch!“

Rekrut: „Nein, der Boden ist nass, und es gibt keine Gefechtserfordernis, das zu machen.“

Ausbilder: wird rot

Rekrut, noch bevor der Ausbilder etwas sagt: „Wenn Sie mich anschreien, gehe ich zum Psychologen.“

Am Ende wurde der Ausbilder laut, war der Rekrut beim Psychologen, gab es eine entsprechende Beschwerde und wurde der Ausbilder verwarnt.

Man mag von diesem Beispiel halten, was man möchte. Für die einen ist es ein Beleg, dass sich die Bundeswehr tatsächlich verändert hat und man heute nicht nur anders als früher führen soll, sondern dass es auch Konsequenzen hat, wenn man es nicht tut. Für die anderen ist es ein Beleg dafür, dass einer der wichtigsten Faktoren für die Einsatzstärke einer Einheit – die Bindung zwischen den Soldaten zum einen und die Bindung zwischen den Soldaten und ihrem jeweiligen Vorgesetzten – durch wachsende Individualisierung und Durchsetzung entsprechender Interessen und Belange zunehmend ausgehöhlt wird. Wie auch immer die Leserin oder der Leser das Beispiel bewerten mag – eines möchte ich festhalten: Wenn Psychologen dabei helfen, eine Organisation, die definitionsgemäß in der Lage sein soll, unter Druck zu funktionieren, derart in Frage zu stellen, dann hat dies Folgen für die betreffende Organisation. Ich will damit nicht den Drill früherer Jahre rechtfertigen. Die Frage, die ich stellen möchte, lautet: wie weit hat sich das Pendel mittlerweile vom Drill wegbewegt, und inwieweit haben die Folgen der Individualisierung, die ja von vielen (und auch von mir!) nach der Wende als Befreiung empfunden wurde, mittlerweile selbst problematische Situationen hervorgerufen? Wann beginnt sich der Charakter der Freiheit („Bürger in Uniform“) in einen Geist der Hinterfragung jedweder Selbstverständlichkeit zu verwandeln? Wann haben wir begonnen, es zu übertreiben? Und wo haben Psychologen dabei geholfen – und tun es noch?

Wenn aus hart erkämpften Rechten zunehmend selbstverständliche Ansprüche werden

Nicht alle Leser werden mir folgen, wenn ich das, was ich hier sagen will, mit Beispielen aus der militärischen Welt zu plausibilisieren versuche. Manchmal werden die tatsächlichen Zusammenhänge durch kontrastreiche Beispiele aber umso deutlicher. Es sei deshalb ein weiteres Beispiel aus eben dieser Welt angeführt: Wie jeder weiß, kann es gefährlich sein, in einen Auslandseinsatz zu gehen. Nun gibt es eine ganze Reihe von Soldaten, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht in einen bestimmten Auslandseinsatz gehen können. Dieses „nicht können“ ist an und für sich eine schützenswerte Einrichtung. Aber Gelegenheit macht Schule, und so gibt es eine nicht näher bestimmbare Zahl von Soldaten, die sich vermittels einer Diagnose gleichsam vor dem Auslandseinsatz schützen. Falls ich hier nicht ganz falsch liege, dann stimmt etwas nicht, und daran sind Psychologen nicht unschuldig. Das Schlimme daran: So etwas kommt für die tatsächlich von Erschöpfungs- oder Belastungssymptomen Betroffenen einem Schlag ins Gesicht gleich. Zu den oben genannten vier Punkten (verbesserte Diagnoseinstrumente bis Ratgeberwissen) kommt also noch ein fünfter Punkt hinzu. „Schlechte Beispiele machen Schule“, könnte man diesen Punkt nennen, oder „Weil sie es können“ oder schlicht „Trittbrettfahrerei“. Eine eigentlich als Hilfesystem gedachte Einrichtung wird auf diese Weise erst langsam ausgehöhlt und dann zur juristisch durchzufechtenden Farce, an die keiner mehr so richtig glaubt, gegen die aber auch keiner etwas machen kann, weil Psychologen und später Juristen die entsprechenden Rechte akribisch bewachen. Aus hart erkämpften Rechten werden so zunehmend selbstverständliche Ansprüche.

Wenn diese Beispiele noch nicht ausreichen, sei hier ein weiterer Zusammenhang dargestellt, den ich für hochgradig problematisch halte:

Wie Suggestion funktioniert

Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: Eine Lehrerin fährt zur Kur. Sie hat ein paar Jahre als Klassenlehrerin hinter sich und ihre Klasse, die sie als anstrengend erlebt hat, endlich abgegeben. Sie hat in den letzten beiden Jahren schlecht geschlafen, ihre Ärztin meinte zuletzt, dass sie schlecht aussehe („ganz grau irgendwie“). Sie hat früher viel Sport getrieben, aber in den letzten Jahren ist das ebenso eingeschlafen wie das Interesse an ihrem Mann. Man lebt so nebeneinander her. Die Möglichkeit einer Kur hat sie begeistert aufgenommen. Und dann ist da dieser Psychologe, ein bißchen jünger als die Dame, einfühlsam und verständnisvoll, mit großem Interesse für sie als Mensch. In der ersten Sitzung fragt er sie nach ihrem Berufsleben, nach ihrer Zufriedenheit, ihren Plänen, ihren Gedanken zu der Frage, was sie alles für sich tun könnte, jetzt, wo sie doch so viel für andere gemacht habe. In der nächsten Sitzung fragt er sie, wo nach ihrer Ansicht die Ursachen liegen könnten. Nachdem sie lange über ihren Beruf, das Lehrerkollegium und die abgegebene Klasse gesprochen hat, fragt er am Ende der Sitzung, ob es vielleicht noch andere Ursachen gebe, möglicherweise auch im Privatleben. Während der Tage bis zur nächsten Sitzung denkt sie nach und erzählt dem Therapeuten dann ausführlich von ihrem Mann. Wie der nette Psychologe da so sitzt und nickt, kommt er ihr wie der Gegenentwurf zu ihrem Ehemann vor. Natürlich verbietet sie sich solche Gedanken. Aber der Zweifel nagt weiter. „Wie könnte Ihr Mann Sie denn besser unterstützen? Oder anders gefragt: Was erwarten Sie eigentlich von Ihrem Mann?“ fragt er. „Das weiß ich gar nicht. Eigentlich nichts mehr.“, antwortet sie. „Inwiefern könnte das Teil des Problems sein?“, fragt er. Und so weiter. Er triggert an, sie vertieft die entsprechenden Gedanken – zweifelt immer mehr. Wenn sie nach der Kur zuhause ankommt, wird sie bereits einen Scheidungsanwalt angerufen haben.

Solcherlei sanfte, kaum merkliche Suggestionen finden – in der Regel ohne böse Absicht, wohl aber oft mit einer Art wenig bewusster Hintergrundtheorie von Gut und Böse, Zusammenbleiben oder Trennung, normaler Erschöpfung oder Burnout usw. – täglich hundertfach statt. In Alltagsgesprächen mag das angehen, problematisch wird es, wenn damit Scheinerinnerungen oder grundlegende Einstellungsänderungen provoziert werden, welche die betroffene Person zu Gefühlen, Entscheidungen usw. bewegen, die sie vorher so nicht gewollt hätte. Das Problem ist hier, dass die Person nachher mit den betreffenden Gefühlen und Entscheidungen in der Regel erst einmal sehr glücklich ist. Einen Rückschluss auf vorher und eine entsprechende Korrektur sind nicht mehr möglich, denn es ist ja augenscheinlich alles gut.

Psychologen besitzen durchaus die Macht, jemanden in Burnout, eine posttraumatische Belastungsstörung etc. „hineinzucoachen“, und zwar nur durch Fragen. Diese Fragen müssen noch nicht einmal vordergründig suggestiv sein. Eine subtile Erwähnung der entsprechenden Faktoren in einem Nebensatz und die beiläufige Wiederholung der Begriffe in anderen, ebenso beiläufigen Nebensätzen, reicht oft schon aus, denn was zwischen Psychologen und Klienten wirkt, ist vor allem die Bindung. Wenn diese geeignet ist, einen innigen Austausch entstehen zu lassen, dann sind Suggestionen mit sehr geringen Mitteln möglich. Die betreffenden Psychologen können hinterher immer behaupten, dass sie dies oder jenes nie gesagt hätten. Haben sie ja auch nicht, sie haben es nur beiläufig suggeriert, indem sie scheinbar offene Fragen gestellt haben.

Es kommt also sehr darauf an, welche „Hintergrundtheorie“ eine Psychologin oder ein Psychologe vertritt. Glaubt sie bspw. nicht an langfristige Beziehungen, sondern hängt dem Konzept der Lebensabschnittspartnerschaften an? Glaubt er bspw. daran, dass Depressionen die „normale Erkältung der Psyche“ sind, und dass Burnout dementsprechend passieren kann und mit bestimmten Schritten unter Umständen von ganz allein wieder weggeht? Oder glaubt er, dass, wer einmal Burnout hatte, wieder dort landet, wenn er nicht eine ganz lange Auszeit nimmt und sein Leben mit zunächst auch medikamentöser Unterstützung radikal ändert? Solche – oft noch nicht einmal ganz bewussten – Glaubenssätze haben, so will ich meinen, einen großen Einfluss auf das psychologische Handeln.

Was hilft, ohne dass man gleich zum Psychologen muss?

Leider gilt in der Praxis oft genug der Satz: Grenzen bemerkt man erst, wenn man dran oder darüber hinweggegangen ist. Im Nachhinein fällt vielen Betroffenen auf, dass sie die Sache kommen sehen haben. Ein latentes Gefühl der Überforderung, immer neue Zielsetzungen, es doch zu schaffen, Durchhalteparolen gegenüber sich selbst, über Monate oder Jahre hinweg immer weniger Schlaf. Erst fallen die Hobbies weg, dann folgen Schlaf- und Bewegungsmangel, schließlich kommt mit dem Stress und der Schlaflosigkeit bei manchen das Übergewicht, bei anderen der Alkohol oder der Dauerstreit zuhause. So manche Beziehung wird eher dem Stress geopfert als tatsächlichen Problemen. Schließlich landet man in der Depression, fühlt sich völlig antriebslos, kann aber kaum schlafen, leidet an Selbstzweifeln bis hin zu Selbstmordgedanken. Ist man voll und ganz „drin“, hilft in der Regel nur der Gang zum Arzt. Da können selbst versierte Psychologen oft nur einen Teil der notwendigen Hilfe leisten. Aber für den Fall, dass man es früh genug merkt – oder man von Kollegen, Familienmitgliedern oder dem Hausarzt angesprochen wird und – wie so oft in solchen Fällen – die Hinweise nicht abblockt, sondern annimmt, was man hört, kann man selbst einiges gegen Burnout tun. Dann geht man einstweilen von einer „Gesundheitsvermutung“ aus. Eine solche Vermutung unterstellt, dass man nicht krank ist, keine Störung o.ä. hat, sondern gesund ist, es zwar übertrieben hat („Erkältung der Psyche“), die Situation aber bewältigen kann. Was dann zu tun ist, hat mehr mit der Veränderung praktischer Dinge im Leben zu tun als mit tiefschürfendem Psychologisieren. Es kann auch um die Sinnfrage gehen, aber auch die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens muss nicht zwingend eine sein, bei deren Beantwortung man einen Psychologen braucht. Hier sind die Dinge, die man tun kann, ohne jemanden konsultieren zu müssen:

  1. Man kann lernen, das Handy auszumachen und weniger zu arbeiten. Gehen Sie zeitiger nach Hause und lernen Sie, dass man ersetzbar ist. Es muss nicht alles gemacht werden. Lehnen Sie sich zurück und lernen Sie, Dinge bewusst auch einmal nicht zu machen. Sie werden sehen: das geht. Das heißt nicht, dass Sie nicht mehr arbeiten sollen. Sie können sich eine Auszeit nehmen, aber gehen Sie recht bald wieder arbeiten. Ziel ist ja zu lernen, die Arbeit anders in den Griff zu kriegen. Das schaffen Sie am Ehesten durch eine Änderung der Haltung. Diese Haltung können Sie sich beibringen, indem sie die gwünschte Haltung regelrecht einüben: Lehnen Sie sich zurück und lernen Sie, in den Situationen, in denen Sie sich bisher engagiert zu Wort gemeldet haben, öfter zu schweigen.
  2. Wenn man zu viel gemacht hat, ist es gut, sich zu zwingen, nichts zu machen. Wenig hilfreich ist es, die Arbeit mit weiteren Zielen (Hobby, Sport etc.) zu ersetzen. Das verlagert nur den Druck. Lernen Sie, zeitweise nichts zu machen. Übersteht man die ersten Stunden, wird es leichter.
  3. Mit dem Nichtstun verändert sich der Fokus. Familie, Hobbies etc. werden wieder wichtiger. Man lernt so, sich ganz beiläufig um die Dinge zu kümmern, die wirklich wichtig sind. Das hat nichts mit dem hippen Selbstoptimierungs-Egoismus zu tun, der aus jeder Aktivität eine Orgie der Selbstdarstellung macht, nach dem Motto: „Guckt mal, ich kann entspannt!“
  4. Nachdem man eine Weile herumgesessen hat, kann man anfangen, sich genügend zu bewegen. 10.000 Schritte am Tag sind nicht zu viel, wenn man sich daran gewöhnt. Man darf nur wie gesagt nicht ein weiteres Projekt draus machen. Viele ersetzen den Druck auf Arbeit durch Ziele beim Sport und verlagern den Druck damit nur. Langsame Steigerung ist hier das Gebot der Stunde.
  5. Versuchen Sie, gut zu schlafen. In der Regel kommt der bessere Schlaf mit zunehmender Entspannung.
  6. Arbeiten Sie weniger und nutzen Sie die frei werdende Zeit, um etwas zu tun, das Ihnen Spaß macht. Bücher, Freunde, ein früheres Hobby beispielsweise. Legen Sie sich ein Reservat zu, das nur Ihnen gehört – zwei Abende in der Woche nur für Sie beispielsweise.
  7. Achten Sie auf Ihre Ernährung. Kontrollieren Sie, was Sie essen, und lernen Sie, sich beim Einkaufen, abends vor dem Kühlschrank und mittags in der Kantine bewusst zu entscheiden. Die Merksätze, die Sie sich in solchen und anderen Situationen immer wieder sagen können, lauten beispielsweise: „Ich kann mich entscheiden. Nichts jagt mich. Ich kann das jetzt machen, muss es aber nicht. Ich lebe entspannt.“

Noch einmal: wer wirklich schwere Symptome hat, soll zum Arzt gehen. Ich fürchte aber, dass sich das Verständnis von schweren Symptomen verschoben hat und wir insgesamt „weicher“ geworden sind – weil wir es können, weil Psychologen und andere Helfer die jeweils eigenen Annahmen („Küchenpsychologie“) bestätigen oder insgesamt mehr diagnostizieren als früher, anstatt zunächst einmal auf die Selbstheilungskräfte zu fokussieren und die häufiger werdenden Eigendiagnosen wohlwollend in Frage stellen. Es ist wie bei angeblich gestörten Kindern: in vielen Fällen wäre die Gesundheitsvermutung hilfreicher als die Diagnose, weil sie den Kontext der Normalität wahrt und nicht zur Selbststigmatisierung beiträgt („Ich habe ADHS und heiße Justin.“). Gerade bei ADHS kann eine Ernährungsumstellung (zuckerarm, viel Gemüse) in Verbindung mit kontrolliertem Medienkonsum, vermehrter Bewegung und der Erfahrung von Liebe einerseits und Grenzen andererseits in der Interaktion mit den Eltern mindestens die gleiche Wirkung entfalten wie Ritalin. Ähnlich ist es bei Burnout: wenn ich erst einmal von einer Gesundheitsvermutung ausgehe, habe ich eine Chance, die ganze Sache ohne tiefgründiges Psychologisieren zu überstehen. Denn das Psychologisieren wird schnell zum Hobby: weiß ich erst einmal, wie das geht, komme ich auf immer mehr Gedanken. Im Extremfall sind flugs Scheinerinnerungen – bspw. an frühkindliche Traumata – herbeigezaubert. Deshalb sollten sich Psychologen der suggestiven Wirkung ihrer Worte bewusst sein. Allein die Motivation zu helfen, ein paar funktionierende Methoden und ein bißchen Wissen reichen nicht.

Fazit

Der heutigen Psychologie fehlt eine Ethik – eine These, die regelmäßig auf Ablehnung stößt, weil dem Beruf ja eine Haltung und damit auch eine Ethik innewohnt. Das stimmt, soweit es sich um Hilfe handelt. Aber die Hilfebedürftigkeit hat sich über die Maßen ausgebreitet. Hilfebedürftigkeit ist eine Frage des Blickwinkels und der Lichtverhältnisse geworden, sprich: sie ist jederzeit herstellbar, auch durch simple Behauptung. Eine Diagnose zur Untermauerung findet sich schon. Anders formuliert: der Normalfall ist uns abhanden gekommen.

Es dauert eine Weile, bis man versteht, dass es manchmal hilfreicher ist, etwas nicht zu tun (zu diagnostizieren zum Beispiel). Die Ethik eines Hilfesystems kippt um, wenn man es zu sehr an Geld bindet. Ohne Geld geht es nicht, das ist eine notwendige Konzession an den Grundmodus von Tauschgeschäften. Aber man muss aufpassen, wie weit man wirtschaftliche Orientierungen in ein System hereinlässt. Die Vermehrung und Verfeinerung der Diagnosen ist Hand in Hand mit einer Verbetriebswirtschaftlichung der Helfersysteme gegangen. Hinzu kam die zunehmende Popularisierung von Diagnosen bis hin zu ihrem – ich unterstelle – strategischen Missbrauch. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass ehemals hart erkämpfte Freiheiten zunehmend zur geforderten Selbstverständlichkeit geworden sind. Waren psychologisch fundierte Interventionen einstmals auch ein emanzipatorisches Instrument, verkommen sie heute stellenweise zum billigen Argument in der Verteidigung – in manchen Fällen recht beliebig erscheinender – individueller Ansprüche. Ein Psychologe muss sich also nicht mehr nur überlegen, ob und wie er hilft, sondern muss sich fragen, bei was er hilft und wozu er möglicherweise verhilft. In vielen Fällen, so fürchte ich, ist weniger Psychologie hilfreicher als mehr Psychologie.

Jörg Heidig

Weil wir es können

Fragt man sich, was Menschen antreibt, so geht der Blick gegenwärtig beinahe automatisch in Richtung Psychologie. Diese Disziplin hat wie keine zweite das Thema Motivation für sich in Beschlag genommen. Über die empirisch mitunter sehr gut fundierten Theorien hinaus stellt sich mir aber immer wieder die Frage, ob es nicht die eine oder andere eher anthropologische Konstante gibt, die wir beim Thema Motivation übersehen – gerade als ob uns die eher auf den einzelnen Menschen gerichtete Psychologie regelrecht den Blick für manche Zusammenhänge verstellte.

Eine dieser wirklich interessanten und manche Probleme recht erhellenden anthropologischen Konzepte ist die Theorie der sich über Generationen hinweg verändernden Grundlinien des menschlichen Denkens.

Der andere, von der Psychologie weithin übersehene Motivationsfaktor lässt sich am Ehesten mit der Umschreibung „Weil wir es können“ fassen.

Zuerst habe ich davon bei Jon Krakauer gelesen, der sich in seinem Buch über eine katastrophal misslungene Mount-Everest-Expedition gefragt hat, warum Menschen unter großen Anstrengungen und Gefahren in solche definitiv lebensfeindlichen Umgebungen vorstoßen – und dies nicht nur zu Wenigen, sondern mittlerweile zu Hunderten und Tausenden. Die lapidare – und zunächst verstörende – Antwort lautet: weil wir es können.

Mit diesem Satz macht auch ein Erlebnis Sinn, das ich einmal als Student hatte und das mir lange ein Rätsel war. Bei einer Party fand ich mich in einer Runde von Studenten wieder, die ich kaum kannte. Ich war damals in eine Dame aus dem betreffenden Jahrgang verliebt, weshalb ich mich sehr gern auf diese Party hatte einladen lassen, obwohl ich kaum jemanden kannte. Man unterhielt sich über die gerade absolvierten Praktika. Bei den in der gemütlichen Küchenrunde ausgetauschten Geschichten beschlich mich irgendwann das Gefühl, dass es gar nicht um die Jobs oder die Erfahrungen an und für sich ging, sondern eher darum, wer weiter weg bzw. an möglichst ungewöhnlichen Orten gearbeitet hatte. Das Praktikum im Süden Frankreichs verblasste vor dem in Ecuador. Dann wusste aber jemand „Tokio“ zu sagen, was wiederum eine Steigerung darstellte. Als mich das Thema zu nerven begann, gab ich mit ein paar Jahren Flüchtlingsarbeit im ehemaligen Jugoslawien an, was die Diskussion beendete. In jenem Moment ging es mir wohl darum, die junge Dame zu beeindrucken; im Nachhinein dachte ich aber immer wieder mit vielen Fragezeichen an diese Situation zurück.

Es wäre problemlos möglich, weitere Beispiele solcher Geschichten aufzuzählen. Anstatt in den Urlaub zu fahren und Land und Leute kennenzulernen, springen wir von Besuchermagnet zu Besuchermagnet oder von Event zu Event, machen Fotos, hasten weiter. Damit einhergehend: manchmal erwischen wir uns, wie wir, wenn wir einmal plötzlich nichts zu tun haben, regelrecht erstarren. Wellness-Hotels sind Orte, an denen sich das gut beobachten lässt: gerade eben bewegte sich der Geschäftsführer-A6 noch mit 190 Sachen über die Autobahn, dann wird gebremst, eingeparkt, ausgeladen, der Modus gewechselt, sich auf den Liegestuhl gelegt… Und dann? Nichts.

Oder was?

Warum ist das so? Warum rennen wir regelrecht, nur um quasi „in der Eile zu erstarren“? Mit den herkömmlichen Motivationstheorien ist das Phänomen allenthalben nur teilweise zu erklären. Man könnte etwas über Statusbedürfnisse usw. erzählen, aber das reicht meines Erachtens nicht aus. Gerade die stete Steigerung dessen, was wir pro Zeiteinheit schaffen/konsumieren/entspannen etc. können, stellt mich vor die Frage, was diesen Mechanismus verursacht. Klar: individuell bzw. psychologisch erklärt bin ich beim Statusbedürfnis und beim sozialen Vergleich – was der andere hat, will ich auch, gern auch mehr. Aber das erklärt noch nicht, warum auch Menschen, die erklärtermaßen anders sein und handeln wollen, ebenfalls mitmachen.

„Wir fliegen übers Wochenende mal eben nach Dubrovnik und anschließend nach Budapest. Dubrovnik ist für die Romantik und in Budapest treffen wir Freunde auf einem Festival. Mittwoch sind wir wieder da, dann geht der neue Job los.“ – Originalzitat einer jungen, sich sehr für das Thema Nachhaltigkeit engagierenden Kollegin aus dem vergangenen Sommer.

Was ist da passiert?

Mit den Möglichkeiten wachsen die Ansprüche, könnte man sagen. Aber das unterstellt eine gewisse Absicht. Ansprüche haben auf den ersten Blick etwas Absichtsvolles. Aber genau das möchte ich bezweifeln. Die absichtsvollen Überlegungen sind in der Regel verständlich und gut. Warum soll man 2000 Kilometer mit dem Auto fahren, wenn man die fragliche Strecke in wenigen Stunden – und günstiger – fliegen kann? Und sollen wir nicht auf Work-Life-Balance achten, gerade in Zeiten schneller werdender Abläufe und wachsender Belastungen? Ja, all das klingt vernünftig. Und warum sollte es wie früher ein Privileg weniger Menschen sein, bestimmte Reisen machen zu können? Nun, die Privilegien der Wenigen haben sich seither auch weiterentwickelt. Man blicke dazu nur einmal in die Yachthäfen des Mittelmeers.

Es ist ein Kreislauf zwischen Bedürfnissen und Möglichkeiten, in dem es unbewusst darum geht, was möglich ist und nicht so sehr darum, was nötig ist. Wir tun vieles, weil wir es können, nicht, weil wir es brauchen. Und es ist oft nicht der soziale Vergleich aus den psychologischen Motivationstheorien, sondern viel eher der an und für sich begrenzte Horizont des Denkens – denn unsere Entscheidungen sind in der Regel vernünftig oder lassen sich zumindest recht einfach argumentativ zurechtbiegen (Reduktion kognitiver Dissonanz). Es werden nur insgesamt immer mehr solcher Entscheidungen. Nicht nur die Zahl der Menschen steigt, sondern auch das, was man möglichweise als „Schlagzahl pro Individuum“ bezeichnen könnte.

Wir müssten uns fragen: Was brauche ich?

Aber da wir viele früher bindenden Selbstverständlichkeiten – bspw. den Kirchenbesuch am Sonntag einschließlich der (oft wirkungslosen) Erinnerung ans Maßhalten – abgeschafft haben, sind viele von uns regelrecht auf sich selbst zurückgeworfen. „Ich entscheide. Ich bin glücklich, weil ich entscheide. Ich mache die Dinge nur, wenn ich sie machen will. Ich tue nichts, das ich nicht möchte.“ So oder so ähnlich hört sich das dann in der Praxis an. Viele der heutigen Menschen leben so. Nicht zuletzt ich selbst.

Früher war das einmal ein befreiender Gedanke – raus aus den Familiengefängnissen und Zwangssystemen, weg von der gruseligen, oft genug gewaltschwangeren und regelrecht „einmahlenden“ Erziehung früherer Jahrzehnte. (Großen Teilen der Psychologie wohnt dieser „emanzipatorische Impuls“ inne.)

Hin zu? Ja genau: Wohin sollte die Reise nochmal gehen?

Es sollte eine Befreiung des Menschen werden, eine Welt ohne Druck, ohne gleichsam „gestanzte“, lebenslang in Rollen gezwungene Menschen. Anstelle dessen sind wir, fürchte ich, ins Schlaraffenland der Egomanen unterwegs – weil wir es können.

Jörg Heidig

Wie viele Menschen können wir integrieren?

Der folgende Text ist eine Zusammenfasung meines Beitrags zum Symposium „Transitzonen und Integration“, das am 03.12.2016 an der Hochschule Zittau/Görlitz stattfand. Das Symposium war eine gemeinsame Veranstaltung des KIB-Instituts und des TRAWOS-Instituts.

Lassen Sie mich, bevor ich beginne, einige Begriffe bestimmen. Angesichts der Polarisierungen, mit denen die Diskussionen um Flucht und Migration, ganz zu schweigen von Integration, heuer geführt werden, halte ich das für notwendig. Ich beabsichtige nicht, die folgenden Begriffe abschließend zu definieren, ich will lediglich eine – hoffentlich hilfreiche – Grundlage zum Verständnis und zur Einordnung meiner Ausführungen schaffen.

Zunächst halte ich es für hilfreich, zwischen Flucht und Migration zu unterscheiden, wobei ich unter Flucht all jene Bewegungen verstehe, die von Kriegen und anderen menschengemachten Bedrohungslagen, Katatrophen usw. hervorgerufen werden. Wir werden uns in den kommenden Jahrzehnten beispielsweise mit den bisweilen drastischen Folgen des Klimawandels auseinanderzusetzen haben. Unter Migration sind meines Erachtens hingegen all jene Bewegungen zu verstehen, die aus Gründen der Verbesserung der wirtschaftlichen oder beruflichen Lage, der Gesundheitsversorgung oder anderer, eher allgemeiner Lebensumstände stattfinden. Für Flüchtlinge gelten andere gesetzliche Grundlagen als für Migranten. Hat man, wie in Deutschland der Fall, eher eine schutzorientierte Flüchtlingsgesetzgebung und weniger eine Einwanderungsgesetzgebung, gibt es einen nicht unerheblichen Anteil Migration, die als Flucht dargestellt wird. Ich gebe zudem gern zu, dass die Grenzen zwischen beiden Begriffen bisweilen schwer auszumachen sind. So mag es aus dem gleichen Land Flüchtlinge (etwa mit dem Tod bedrohte Blogger) und Migranten (etwa Menschen, die keiner unmittelbaren Bedrohungslage ausgesetzt waren) geben.

Des Weiteren sollten wir uns verdeutlichen, was bei Flucht oder Migration geschieht. Ein Mensch verlässt dabei seine Heimat und betritt ein Land, dem die Selbstverständlichkeiten seiner Heimat nicht gelten. Dies scheint erst einmal keine besonders dramatische Feststellung zu sein. Es sei denn, wir verdeutlichen uns, was das genau bedeutet. Wenn ein Mensch aufwächst, lernt er nicht nur die Sprache an und für sich. Vielmehr erlernt ein Mensch Bedeutungen und ihren Gebrauch. Dass in Deutschland Pünktlichkeit vielen Menschen beispielsweise wichtiger ist als körperliche Unversehrtheit (trotz vergleichsweise dichten Verkehrs haben wir auf vielen Strecken kein Tempolimit, was manche Anthropologen mit einer höheren Wertigkeit der Pünktlichkeit in Verbindung bringen), ist diesen Menschen selbstverständlich. Das heißt, es ist nicht hinterfragbar, pünktlich sein zu müssen, und es ist in der Konsequenz für manchen Autofahrer (vor sich selbst) legitim, die Verkehrsregeln zu brechen. Solche Selbstverständlichkeiten sind Teil der Kultur, und Kultur ist der Besitz einer Gruppe, die ich verlasse, wenn ich fliehe oder anderweitig migriere. Kultur ist kein Konzept, das man erlernen könnte. Das wollen uns manche Ratgeber weismachen, aber Kultur reicht viel tiefer als das, was beschreibbar ist. Die Techniken einer anderen Kultur zu erlernen, geht weit über das fließende Sprechen einer anderen Sprache hinaus. Im Kern besteht eine Kultur aus – kaum beschreibbaren – Annahmen über den Menschen, die Zeit, den Raum etc. Wir müssen uns nun vorstellen, dass uns unsere Kultur umhüllt – wir wissen ganz selbstverständlich, wie man etwas macht, wie man aufeinander zugeht, was sich in bestimmten Situationen schickt und was nicht. Menschen, die das Gebiet unserer Kultur betreten, wissen dies nicht. Ein Sprachkurs ist nur eine Art notwendige Voraussetzung, für das Erlernen von Kultur hinreichend ist er – so intensiv er sein mag – zunächst nicht.

Ich meine des Weiteren, dass man Kultur nicht lehren kann, sondern durch konkrete Interaktion erlernen muss. Es hilft nur bedingt, wenn mir jemand erklärt, wie die Angehörigen einer bestimmten Kultur „ticken“. Wenn ich wirklich wissen will, wie eine Kultur funktioniert, wenn ich die Techniken der betreffenden Kultur erlernen will, dann muss ich dies anhand der kulturspezifischen Reaktionen der Angehörigen der betreffenden Kultur tun. Durch die schlichte Erläuterung weiß ich noch nicht, wie sich das anfühlt, was ich konkret tun muss.

Wenn wir uns nun vorstellen, dass Kultur eine Art „Umhüllung“, bestehend aus Symbolen und den Regeln zu ihrem Gebrauch und Verständnis, darstellt, dann bedeutet Flucht oder Migration, eine Umhüllung (Heimat) zu verlassen und eine neue, fremde Umhüllung zu betreten. Man kann ein Land verlassen und sich in einem anderen zu integrieren versuchen. Man kann in einer Art Transit zwischen beiden Ländern verharren oder sich in dem neuen Land einen Ort suchen, an dem man möglichst umfassend von seiner ursprünglichen Kultur umgeben ist. Wir wollen diese unterschiedlichen Grade des Verlassens, des Ankommens und des „Schwebens“ dazwischen als „Transitzonen“ bezeichnen.

Wie bereits angedeutet, halte ich es für hilfreich, zwischen Flucht und Migration zu unterscheiden. Aufgrund des größeren Bedeutung des Flüchtlingsschutzes in der deutschen Rechtslage haben wir es in der täglichen Praxis mit einer Vermischung beider Arten zu tun – Migranten geben sich (aus individuell oft recht verständlichen Gründen) als Flüchtlinge aus. Als exemplarischer Beleg mag die Aussage der leitenden Person einer großen Erstaufnahmeeinrichtung gelten, nach der etwa die Hälfte der Ankommenden tatsächlich eine Geschichte über Krieg, Verfolgung, Bedrohung und Not zu erzählen hätten. Die andere Hälfte käme mit, weil sie es könnte. Das Problem dabei: Bei uns kommen Menschen aus anderen Ländern und dementsprechend mit anderen Selbstverständlichkeiten an. Wir kennen ihren Symbolgebrauch nicht, wir können oft gar nicht wissen, was wahr ist und was erfunden. Und bei den erfundenen Geschichten gibt es verständliche Notlügen, mindestens aber auch instrumentelle Notlügen und getarnte Interessen bis hin zur Tarnung der Absicht, im Zielland schwere bis schwerste Straftaten zu begehen. Wir können es nicht wissen, müssen es aber prüfen (zumindest das entsprechende Bundesamt und die betreffenden Gerichte). Dabei geschehen Fehler – und zwar in beide Richtungen. Des Weiteren sind Trends zu beobachten – Menschen aus bestimmten Ländern kommen in bestimmten Zeiträumen gehäuft, was teilweise mit den Ereignissen in den betreffenden Ländern nicht vollständig zu plausibilisieren ist.

Am Ende haben wir aber keine andere Möglichkeit, als den Einzelfall zu prüfen. Unsere Werte verbieten, Hilfe zu verweigern. Das Problem ist festzustellen, wem wir weiterhin helfen und wem nicht. Wir können sicher nicht jedem helfen, denn es gibt eine nicht geringe Menge Menschen, die das ausnutzen würden – von den Abhängigkeiten, die dadurch entstehen würden, ganz zu schweigen. Es wäre also dumm, die Grenzen nicht zu kontrollieren, auch wenn wir nicht alles kontrollieren können. Es geht um die Signale, die dies aussendet. Andererseits haben wir denen, die darum ersuchen, erst einmal zu helfen. Wir dürfen niemandem Hilfe verweigern, wenn er darum bittet. Wir können aber wohl seine Umstände prüfen – bei allen Fehlern, die dabei passieren. Es gibt keine andere Möglichkeit. Die Frage ist allerdings sehr wohl, wie schnell wir dies tun und wie konsequent bzw. mit welchen Konsequenzen.

Was passiert, wenn wir nicht schnell entscheiden? 

Im Grunde ist es ein einfaches Schema: jemand kommt an, stellt einen Asylantrag und wird anerkannt oder nicht. Wenn die betreffende Person als Flüchtling anerkannt wird, gibt es wieder zwei Möglichkeiten: die betreffende Person bleibt eine Weile hier und kehrt, wenn der Krieg oder die anderweitig bedrohliche Situation abflaut, in ihr Heimatland zurück – oder sie bleibt hier. Wenn die betreffende Person bleibt, gibt es wiederum zwei Möglichkeiten: sie integriert sich/wird integriert oder sie integriert sich nicht/wird nicht integriert. In letzterem Fall gerät die Person in eine Art „Limbo“, also in eine Art unbestimmter Zwischenwelt. Die „Lösung“ ist dann oft, in ein „Ghetto“ zu ziehen. Von Integration kann dann keine Rede mehr sein.

Der „psychologische Verlauf“ dieses Nicht-Ankommens ist nicht unähnlich dem, was Langzeitarbeitslosen passiert: einer Phase der Erholung nach den mitunter unvorstellbaren Strapazen der Flucht folgt eine Phase des Optimismus, der Offenheit, der Hoffnung. Wird diese Zeit jedoch mit Warten auf den Bescheid verbracht, dämpft sich die Stimmung bereits. Es gibt wenige Dinge, die einem Menschen die Hoffnung schneller und effektiver rauben können, als Ungewissheit. Kann ich bleiben? Muss ich zurück? Wenn ich bleibe, was kann ich machen?

Das Problem ist, dass die Zeitfenster der Motivierbarkeit, der Hoffnung usw. oft viel kürzer sind, als allein die Verfahren zur Entscheidung über den Aufenthaltsstatus brauchen. Die Folge ist ein langsames Abgleiten in die Hoffnungslosigkeit – die Psyche schützt sich selbst durch Teilnahmslosigkeit – oder die betreffenden Menschen beginnen, sich mit Hilfe ihrer Communities in Deutschland selbst zu organisieren. Auch dies kann zum Gelingen führen – oder nicht.

Die nicht gelingenden Ankommensprozesse stellen bzgl. der ankommenden Generation in der Regel kein Problem dar: die Herkunftskultur bleibt wirksam, und in den entsprechenden „Ghettos“ kann man leben, ohne Teil der Kultur des Ziellandes zu werden. Man verbleibt in Werten und Sprache des Herkunftslandes. Schwieriger ist es für die Nachkommen dieser nicht angekommenen Menschen: für sie ist weder die Herkunftskultur bindend (teilweise schon, aber nicht mehr vollständig sozialisierend, weil die Institutionen des Herkunftslandes fehlen) noch die Kultur des Ziellandes, was ein doppeltes Nicht-Ankommen, eine Art „Heimatlosigkeit“ bedeutet. Dies wird dann in einigen Fällen zu einem Vakuum, das nur zu empfänglich für radikale Tendenzen ist.

Ähnliche Dinge geschehen jenen, die nicht ankommen können, weil ihre Asylanträge abgelehnt werden, der Abschiebung aber bestimmte Hindernisse entgegenstehen. Diese Menschen werden – teilweise jahrelang – mehr oder minder bewusst in jenen „Limbo“ verlagert („Duldung“), der beinahe zwangsläufig in Verzweiflung (passiv) oder – selbstorganisierte – Gegenreaktionen (aktiv) führen muss.

All dies sind Argumente dafür, deutlich schnellere Verfahren zu organisieren und Einwanderungsgesetze zu verabschieden. Es ist aber auch ein Appell an diejenigen, die Integration leisten können – es liegt viel mehr Arbeit vor uns, als die Vertreter einer – an und für sich ja zunächst einmal gut gemeinten – Willkommenskultur womöglich geahnt haben. Gerade angesichts des Umstands, dass es sehr lange dauert, bis ich Sprache und Kultur erlerne – auch wenn mir die Kultur dabei entgegenkommen mag – sind wesentlich größere Anstrengungen notwendig, als wir bisher realisieren. Wir sollten die Integration nicht der Bundesagentur für Arbeit, den Jobcentern und den Jugendämtern überlassen. Es braucht viel Interaktion mit ganz normalen Deutschen – Handwerksmeistern etwa. Und es braucht womöglich eine bewusstere Steuerung des Zuzugs und der Integration, was auch heißt, dass wir eine Antwort auf die Frage brauchen, wie viele Menschen wir aufnehmen wollen und können – und wie viele davon wir integrieren wollen und können.

Jörg Heidig

Der Unterschied zwischen Selbstreflexion und Selbstrotation

Hat ein unsicherer Mensch den Mut, der (erlernten) Welt irgendwann seine eigene Deutung entgegenzusetzen? Das macht den Unterschied zwischen Selbstreflexion und Selbstrotation. Wer unsicher bleibt und nicht wagt, wird weiter um sich selbst rotieren, in den Äußerungen der anderen krampfhaft nach Signalen des Verständnisses und der Akzeptanz suchen, die dann in ein (simuliertes, kaum echtes) Selbst-Verständnis und eine simulierte Selbst-Akzeptanz umgewandelt werden. Mit der Folge, dass der Verdacht, man könnte nicht echt sein, immer stärker wird.

Anders formuliert: Gerade in Helferberufen sind unsichere Menschen überdurchschnittlich häufig vertreten. Für viele ist die Rolle des Helfers oder der Helferin so etwas wie ein „kompensatorisches Selbstbild“. Sie sind sich im realen Leben selbst nicht genug, mögen sich nicht, wie sie sind. Oder sie sind in sozialen Situationen unsicher, wissen bspw. in vielen Situationen nicht, wie sie handeln sollen. Erleben sie dann, wie es ist, anderen Menschen zu helfen, werden sie plötzlich ruhiger: Nun sind sie wer, haben eine Rolle, spüren Dankbarkeit. Diejenigen Inhaber von Helferberufen, auf die das zutrifft, sollten genug Selbstreflexion betrieben haben, um dies nicht nur zu wissen, sondern im Griff zu haben.

Nicht umsonst gehört eine tüchtige Portion Selbsterfahrung zu jeder guten psychologischen oder sozialpädagogischen Ausbildung – schade, dass das in den letzten beiden Jahrzehnten zugunsten der reinen Wissens- und Methodenvermittlung immer weniger geworden ist.

Meine Befürchtung ist, dass viele nur so tun, als seien sie reflektiert – die beschäftigen sich mit sich selbst mit dem Ziel der Selbstbestätigung, nicht der Selbsterkenntnis. Da liegt der Unterschied.

Jörg Heidig

Mitleid oder Mitgefühl? Ein entscheidender Unterschied…

In Seminaren mit Angehörigen von Helferberufen werden wir oft gefragt, wie es gelingt, belastende Dinge „nicht mit nach Hause zu nehmen“. Bei der Frage, wie man Grenzen ziehen und mit belastenden Situationen umgehen kann, ist es unseres Erachtens hilfreich, zwischen Mitgefühl und Mitleid zu unterscheiden.

Auf den ersten Blick scheint diese Unterscheidung eine theoretische zu sein. Man könnte beispielsweise sagen, dass Empathie in Helferberufen unerlässlich ist, und dass es egal ist, ob man Empathie nun als Mitleid oder Mitgefühl bezeichnet – Hauptsache, man fühlt etwas dabei. Wir meinen, dass es darauf ankommt, was oder wie man fühlt.

Fragen wir uns zunächst, was passiert, wenn man mit-leidet. Wir hören vielleicht die Geschichte eines traurigen Schicksals, wir sind bewegt – in uns entsteht vielleicht der Wunsch zu helfen. Was löst diesen Wunsch aus? Vielleicht die Einsicht, dass die betreffende Person Hilfe braucht, weil wir uns in einer solchen Situation auch Hilfe wünschen würden. Möglicherweise löst aber auch einfach nur das Nachvollziehen des beobachteten oder geschilderten Leids den Wunsch zu helfen aus.

Wenn es so einfach wäre, müßten wir nicht darüber sprechen; Mitleid wäre dann nichts Problematisches. Es lohnt sich deshalb, hier einmal genauer hinzuschauen: Viele Menschen, die mit professionellen Helfern zu tun hatten, meinen später, dass es manchen dieser Helfer auf eine verborgene Weise mehr um sich selbst ging und weniger um den anderen. Als würden diese Helfer etwas für ihre Hilfe erwarten – als sei die Hilfe doch nicht so selbstlos, wie sie zunächst daherkam. Als würden diejenigen, denen geholfen wurden, irgendwie verpflichtet.

Hier finden wir das Unterscheidungskriterium für das, was wir Mitgefühl auf der einen und Mitleid auf der anderen Seite nennen.

Mitgefühl ist das, was passiert, wenn man vom Schicksal des Gegenübers berührt wird, wenn man das, was man sieht oder hört, nachfühlen kann. Das Mitgefühl führt vielleicht zu Fragen, ob und wie man helfen kann. Aber das Mitgefühl bleibt in gewisser Weise meine Reaktion und das geschilderte Schicksal bleibt das der anderen Person. Ich kann helfen, wenn die andere Person dies wünscht, ich muss aber nicht helfen. Ich lebe vielmehr mit der Einsicht, dass ich nicht helfen kann, wenn die andere Person dies nicht wünscht. Und mir ist klar – und diese Einsicht ist mitunter sehr schmerzhaft – dass es – sogar auch und gerade dann, wenn ich jemanden liebe – Umstände gibt, in denen ich nicht helfen kann, so sehr ich es auch wollte.

Mitleid hingegen weist eine gleichsam zwingende Verknüpfung zwischen der empathischen Reaktion und der helfenden Handlung auf – und hat sowohl auf die helfende als auch auf die Hilfe empfangende Seite eine verpflichtende Wirkung („Ich muss helfen!“ einerseits; Gefühl der Verpflichtung zur Dankbarkeit andererseits). Mitleid kommt in diesem Sinne heischend daher. Und zwar nicht als eine vielleicht Mitleid heischende Geschichte, sondern als Hilfe antragende, bisweilen gar zumutende („übergriffige“), das Gegenüber mit der eigenen Mitleidsreaktion bisweilen regelrecht überziehende emotionale Reaktion. Dem Mitleid wohnt der helfende Handlungsimpuls inne – nicht als Frage, sondern quasi als – unterschwellig selbstverständlicher und deshalb nicht hinterfragbarer – Anspruch. Mitleid erhebt den Anspruch, dass das Gehörte oder Beobachtete tatsächlich dramatisch, schwierig, unlösbar und so weiter ist. Die helfende Handlung erhält durch diesen Anspruch etwas Entrücktes und Ehrwürdiges. Man muss dafür dankbar sein. Mitleid hängt sich regelrecht an das Gehörte oder Beobachtete, die eigene – oft nur vorgeblich helfende – Reaktion „übernimmt“ quasi das Geschehen, gerät in den Mittelpunkt, macht eine Performance aus der Hilfe, ist nicht selbstlos, sondern erwartet Dankbarkeit.

Das mag übertrieben, ja regelrecht anmaßend klingen. Was wir meinen, wird klar, wenn wir fragen, warum manche Helfer Dankbarkeit erwarten.

Die – ebenso drastische wie einfache – Antwort lautet: weil man sich selbst nicht genug ist. Weil man nicht gelernt hat, wer man ist, oder weil man nicht zufrieden ist mit dem, was oder wer man ist. Weil man vielleicht irgendwann beschlossen hat, jemand anders sein zu wollen, als man ist, und weil man deshalb seine Umgebung so manipuliert, dass sie einem das bestätigt, was man über sich hören will. Nichts ist dafür geeigneter als das Engagement – oft auch: die Aufopferung – in einer Helferrolle. Manche lösen sich regelrecht in ihrer Helferrolle auf, werden ganz und gar Helfer, sind über ihre Rolle hinaus kaum noch zu erkennen.

Wem das übertrieben vorkommt, dem mögen folgende Beispiele als Anregung für weiterführende Gedanken oder Fragen dienen:

  1. Anfang des Jahres fragte uns der Leiter einer Flüchtlingseinrichtung, wie er dafür sorgen könne, dass Teile seines Teams wieder zuhause schliefen und nicht mehr in der Einrichtung. Einige würden sich bis an die Grenze zur Erschöpfung und darüber hinaus engagieren, und das sei auf Dauer nicht gesund.
  2. Mitte des Jahres fragte eine Sozialpädagogin in einer Supervisionssitzung, wie es sein könne, dass sie beginne, ihre Klienten regelrecht zu hassen. Sie wolle das nicht, aber sie erwische sich zunehmend dabei, wie sie – auch bei minimalen Anlässen – wütend werde und bisweilen auch Hass empfinde. Sie könne manchen ihrer Klienten nicht mehr helfen.

Jörg Heidig

Über die Kartierung der „Grenzen“ in Helferberufen

Opportunisten sind Menschen, die Möglichkeiten nutzen. Gemeinhin wird der Begriff verwendet, um stromlinienförmige Politiker, Wendehälse oder andere „Künstler der schnellen Veränderung“, wie der Wendehals in der englischen Übertragung wörtlich heißt (quick change artist), zu bezeichnen. Kurzum, der Begriff des Opportunisten ist nicht besonders positiv besetzt.

Entledigt man den Begriff jedoch einmal der beschriebenen Bedeutung, und überträgt ihn „leihweise“ in die Welt der sozialen Berufe, kann der Begriff dabei helfen, ziemlich genau zu bestimmen, wo die viel zitierten „Grenzen“ verlaufen, auf die man im Helferberuf achten sollte, damit man „nichts mit nach Hause nimmt“ oder gar krank wird.

Edgar Schein sagt in seinen „Prinzipien der Prozessberatung“, man solle Konfrontationen „konstruktiv opportunistisch“ einsetzen. Damit Hilfe überhaupt funktionieren kann, bedarf es zunächst einer vertrauensvollen, helfenden Beziehung. Konfrontationen sind zum Aufbau einer solchen Beziehung nicht hilfreich, weil sie – zu früh oder zu direkt/heftig eingesetzt – das Gegenüber nur „klein“ machen, anstatt zu helfen. Helfen können Konfrontationen nur, wenn die Beziehung soweit gewachsen ist, dass Vertrauen herrscht – insbesondere das Vertrauen der hilfesuchenden Seite, dass die helfende Seite auf die mit Vertrauen und Offenheit verbundene Verletzlichkeit Rücksicht nimmt. Gerade deshalb können Konfrontationen – an der falschen Stelle platziert und womöglich abwertend formuliert – destruktiv wirken. Berater und andere Angehörige von Helferberufen sollten also mit Konfrontationen vorsichtig sein.

Aber wann und wie helfen Konfrontationen?

Angenommen, eine Beraterin hat das Gefühl, ihr Gesprächspartner macht sich etwas vor. Sie könnte ihn direkt damit konfrontieren. Haben die beiden aber keine entsprechende Beziehung, „darf“ die Beraterin gar nicht konfrontieren. „Darf nicht“ ist hier im Sinne von „keine Erlaubnis haben“ gemeint, denn es gibt in Beziehungen tatsächlich eine – oft unausgesprochene – Erlaubnis, konfrontieren zu dürfen – oder eben nicht. Es ist schon nicht alltäglich und erfordert einen gewissen Mut, wenn ein Mensch selbst Schwächen zugibt oder von Fehlern erzählt. Wird man von jemandem anders darauf angesprochen, wird dies in der Regel als verletzend oder herabsetzend erlebt. Es sei den, man hat es der betreffenden anderen Person erlaubt („Du darfst sowas zu mir sagen. Das dürfte kaum jemand anders.“). Wenn man sich als Berater nicht sicher ist, ob man bereits konfrontieren darf, kann man direkt danach fragen: „Darf ich offen sprechen, auch wenn das jetzt vielleicht nicht besonders angenehm wird für Sie?“ In der Regel wird es dann erlaubt.

Aber wie gesagt, diese Erlaubnis muss erst gegeben werden, und die unmittelbare Voraussetzung dafür ist das entsprechende Vertrauen, das in der Regel langsam wachsen muss. Interessanterweise wird die entsprechende Erlaubnis Helfern oftmals eher gegeben als Mitgliedern der eigenen Familie. Vielleicht haben Sie ja schon einmal den folgenden Satz gehört: „Das darf ich über mich selbst sagen. Aber Du darfst das nicht über mich sagen.“

Konfrontationen (in der Regel in der Gestalt von Vermutungen über die andere Person geäußert) können also als „übergriffig“ oder „anmaßend“ erlebt werden. Letztlich handelt es sich ja bei Konfrontationen um – gut gemeinte, aber deshalb oft nicht weniger verletzende – Unterstellungen.

Deshalb soll mit Konfrontationen „konstruktiv opportunistisch“ umgegangen werden.

Kommen wir nun zur Kartierung der Grenzen: Angenommen, wir würden als Berater „ganz beim Klienten“ bleiben, etwa wie dies Rogers, Schein oder diverse Vertreter nondirektiver Ansätze vorschlagen, dann würden wir keine eigene Agenda verfolgen (was ja die meisten Beratungsansätze ausschließen, hier wird aber besonders deutlich, warum), sondern unseren Klienten Schritt für Schritt im Prozess folgen. Freilich sind wir gleichzeitig einen Schritt im Prozess voraus – wir stellen ja Fragen. Man kann sich das wie eine Art Taschenlampe vorstellen. Wir laufen quasi dem Klienten hinterher, leuchten aber manchmal mit der Taschenlampe an ihm vorbei und richten damit dessen Aufmerksamkeit auf womöglich „blinde Flecken“ oder „unbekanntes Terrain“ auf dem Weg vor ihm. Indem wir nun „hinter“ dem Klienten bleiben, begehen wir nicht den Fehler, dem Klienten vorauszueilen und ihn in die von uns für richtig erachtete Richtung zu „ziehen“. Das ist die womöglich schwierigste Aufgabe im Helferberuf: selbst nichts zu wollen, sondern „nur“ hilfreich zu sein. Freilich kann man auch mal einen Vorschlag machen, aber nur, wenn man quasi explizit darum gebeten wird, und wenn klar ist, was das Problem ist, und wenn man als Helferin tatsächlich für genau dieses Problem eine spezifische Lösung zu liefern hat (der „Spezialistenmodus“ der Hilfe; genauere Beschreibung in diesem Beitrag). In der Regel ist das Problem aber nicht so klar – und die Lösung ist es noch viel weniger. Dann ist Beratung wohl eher eine Art gemeinsamer Suche (der „Prozessmodus“ der Hilfe; genauere Beschreibung in diesem Beitrag).

Beratung bedeutet, Klienten zu folgen, im Prozess aber einen Schritt voraus zu sein. Abbildung: Heidig et al. (2015): Gesprächsführung im Jobcenter. EHP. Zeichnung: Juliane Wedlich
Beratung bedeutet, Klienten zu folgen, im Prozess aber einen Schritt voraus zu sein. Abbildung: Heidig et al. (2015): Gesprächsführung im Jobcenter. EHP. Zeichnung: Juliane Wedlich

Wenn ich es bei dieser Suche nun schaffe, die Angelegenheit und meinen Klienten nicht zu bewerten, sondern mich Mensch und Thema einigermaßen vorurteilsfrei und „affektarm“ zu nähern, dann besteht eine gewisse Möglichkeit, dass ich hilfreich sein kann. Gleichzeitig habe ich keine eigenen Ziele im Spiel (außer hilfreich zu sein). Und wenn ich es weiter schaffe, dass ich meine Gedanken weniger in Hypothesen, sondern zunächst in offene Fragen umzuwandeln, wächst Vertrauen. Konfrontieren kann ich immer noch, aber eben nicht als Test eigener Vermutungen oder gar als Folge eigener Gefühle und Bewertungen, was beides zum „Ziehen“ oder „Schubsen“ des Klienten führt, sondern quasi als Formulieren von wahrgenommenen Ungereimtheiten (nach entsprechender Erlaubnis und ggf. sogar als Frage formuliert). Dann „schubse“ ich nicht, sondern „folge“, indem ich frage. Dann konfrontiere ich nicht im Interesse einer bestimmten Richtung, die ich für richtig erachte („ziehen“ oder „schubsen“), sondern konfrontiere im Hinblick auf Ungereimtheiten unter den Dingen, die bereits ausgesprochen wurden. Ich unterstelle nicht, um zu konfrontieren, sondern ich beobachte sorgfältig und frage. Ich nutze also entsprechende Gelegenheiten, wenn sie sich aus den bereits bekannten Informationen ergeben. Ich schaffe keine solche Gelegenheiten durch Vermutungen und entsprechende Unterstellungen. Damit bin ich ein „hilfreicher Opportunist“, und als solcher begrenze ich mich selbst, indem ich beobachte und interpretiere, was sich darbietet, um daraus Fragen zu machen. Ich setze aber nicht meine Gefühle oder meine Weltsicht gegen die Weltsicht des Klienten und konfrontiere ihn so mit Unterstellungen, die auf „meinem Mist“ gewachsen sind. Eine solche Vorgehensweise gewährleistet mit hoher Sicherheit, dass ich „diesseits der Grenze“ und gesund bleibe.

Jörg Heidig

Eins der großen Missverständnisse unserer Zeit

Beginnen wir mit einer Beobachtung: In meinen Lehrveranstaltungen können Studenten ihre Hausarbeitsthemen in der Regel selbst entwickeln und vorschlagen oder – im selteneren Fall – aus einer Liste wählen. Dabei fällt mir auf, dass der Anteil der auf Selbstreflexion gerichteten Themen stark angestiegen ist. War vor zehn Jahren noch geschätzt eine von zehn Arbeiten selbstreflexionsorientiert, sind es heute deutlich mehr als die Hälfte. Gleichzeitig nimmt der Betreuungsaufwand bzgl. dieser Arbeiten zu. Es scheint, als würden die betreffenden jungen Leute nach Selbstreflexion streben, diese aber nicht erreichen, ja durch das Streben danach sogar davon abgelenkt werden. Nach manchen Gesprächen habe ich das Gefühl, dass es nicht um Selbstreflexion geht, sondern um eine Selbstbetrachtung aus einer seltsamen, zunächst wenig greifbaren „dritten“ Perspektive. An der Perspektive von außen ist erst einmal nichts Ungewöhnliches – man braucht eine gewisse „Distanzierung“ (und die Schilderungen anderer), um sich selbst reflektieren zu können. Das Seltsame an der von mir beobachteten Perspektive ist, dass sie nur selten kritisch oder lernend in Bezug auf eigene Handlungen daherkommt, sondern bestätigend, festigend. Als bräuchten die betreffenden jungen Leute eine Stimme von außen, die sagt: ja, Du bist gut so, wie Du bist. Gleichzeitig erheben diese Menschen aber auch selbst den Anspruch, gut so zu sein. So dreht sich die Sache im Kreis, und wir haben es mit einer Art „Selbstbestätigung aus sich selbst heraus“ zu tun. Oder anders formuliert: es scheint, als würde man die Verdrängung externalisieren. Der Unterschied zur „normalen“ Verdrängung oder auch zur Projektion ist, das letztere einfach stattfinden – etwas, das ein Mensch nicht in sein Selbstkonzept integrieren möchte, findet nicht mehr statt oder wird quasi in anderen Personen wiederentdeckt und kritisiert. Dieser Prozess läuft nun aber „doppelt“ ab: ich verdränge bereits etwas, behaupte, dass ich gut so bin und bestätige mir dann meine Version der Dinge gleichsam selbst von außen, indem ich mich ja selbst reflektiert habe.

Solche Mechanismen sind aus der Supervision mit Angehörigen von Helferberufen bekannt, etwa wenn man sich gegenseitig doppelt oder dreifach überlagernde Abwehrmechanismen vorfindet. So bemerkt man in einer Fallreflexion möglicherweise eine gewisse Identifikation einer Beraterin mit ihrer Klientin in einer Paarberatung mit einer Frau und ihrem Lebensgefährten. Nehmen wir an, die Identifikation kann herausgearbeitet und reflektiert werden. Ergebnis ist vielleicht eine neutralere Haltung der betreffenden Beraterin im Umgang mit dem Fall und eine gewisse Orientierung an Methoden, die auch in der Mediation Anwendung finden, also etwa Abwechslung bei Befragungen (bspw. Einigung darauf, wer beginnt, dann immer abwechselnd) oder eine platzmäßig „gerechte“ Aufteilung des Whiteboards bei der Visualisierung. Solche „kleinen Dinge“ unterstützen die neutrale Haltung ungemein. Was aber durch eine solche Reflexion möglicherweise verdeckt wird und im Falle des Vorhandenseins wirklich schwer ansprechbar ist, sind grundlegende Annahmen der Beraterin über die Natur von Beziehungen, über Trennungen, über Geschlechterrollen und so weiter. So sind mir immer wieder Kolleginnen und Kollegen in verschiedenen Helferberufen begegnet, die – mehr oder weniger unbewusst – in eine Richtung beraten, coachen und so weiter. Wenn etwa eine Lehrerin zur Kur fährt, dort einem freundlichen Therapeuten begegnet, der sie versteht und alles auf der Grundlage ihrer Sichtweise bespricht, weil er ja – bei aller Professionalität – Verständnis haben muss und auch nur die eine Seite der Medaille kennen kann, dann kann die Folge sein, dass die betreffende Lehrerin noch vor ihrer Rückkehr beim Scheidungsanwalt anruft. Es gibt (häufiger) Familienberater, die eher „auf Trennung“ beraten, und (seltener) andere, die eher „auf Familienerhalt“ beraten. Ein erster Schritt wäre, dass man sich damit auseinandersetzt, in welche Richtung man ggf. berät, und sich fragt, was den eigenen Modellen an Annahmen zugrunde liegt. Dann wäre schon viel gewonnen. Als dann wären da noch die der Profession zugrunde liegenden Tendenzen, also die Annahmen, die innerhalb der Disziplin selbstverständlich (und damit: nicht hinterfragbar) sind, die man also bereits mit dem Studium aufsaugt und die implizit beinahe allen Methoden innewohnen. Hier sei eine – aufgrund des Formats „Blogtext“ leider viel zu kurze – Annäherung versucht:

Nachdem Gott an Relevanz verloren hatte und die Normen der Gemeinschaft lockerer wurden, haben Psychologen dafür gesorgt, dass diejenigen Dinge, die wir vorher „im Himmel“ verortet hatten – also das, was größer und mächtiger war als wir, aber auch das Schicksalhafte, das Unwägbare, das Nichterklärbare – auf die Erde geholt und im Menschen selbst verortet wurden. Denn nichts anderes stellen einige der zentralen psychoanalytischen Konzepte dar – so ist der Freudsche „Trieb“ beispielsweise ein halbwegs metaphysisch anmutendes Postulat, freilich hinreichend plausibel, als dass es sich zu einer für lange Zeit zentralen Kategorie der Psychologie aufschwingen konnte. Trotzdem bleibt es eine Behauptung, mit der viele der Fragen zur Ambivalenz und bisweilen auch Unerträglichkeit des Daseins beantwortet werden können. Ein Detail dieser Veränderung der Projektion weg von „oben“ (Gott) hin nach „innen“ (Triebe) ist die damit einhergehende Individualisierung. Es ist quasi „mein“ Triebschicksal: MEINE Mama hat dies oder das nicht richtig gemacht, diesen oder jenen Konflikt nicht ausgetragen, und das hat sich so und so auf MICH ausgewirkt. Verschwunden war das „Wenn Ihr nicht…, dann werdet Ihr…“, das vor noch nicht allzu langer Zeit allsonntäglich von der Kanzel herunterdonnerte. Das „Ihr“ wich dem „Ich“.

Damit einher geht eine Abwertung der Belange der Gruppe und damit der Traditionen. Bescheidenheit oder gar Demut vor den Belangen der Familie (im weiteren Sinne auch der Traditionen) ist gerade nicht, was die Psychologie kann; dazu müsste man in die Kirche gehen, aber das machen die meisten eben nicht (mehr). Psychologen sind am Ende dazu da, alles und jede Handlung zu verstehen und gemeinsam mit dem Individuum nach Lösungen zu suchen. ICH verhalte mich zu MEINEM Leben, finde MEINE Prioritäten, treffe EIGENE Entscheidungen und so weiter.

Doch zurück zum eigentlichen Thema, zu dem, was ich als eins der „großen Missverständnisse unserer Zeit“ ansehe, zumindest innerhalb des westlichen Kulturkreises:

Ich fürchte, dass viele junge Menschen einem fundamentalen Missverständnis bezüglich des Begriffs der Selbstverwirklichung aufsitzen. Ich möchte Selbstverwirklichung hier lediglich als die Versuche verstehen, die Menschen starten, um ihrem Leben einen Sinn zu geben und eben diesen Sinn zu verwirklichen. Das Problem dabei: Selbstverwirklichung kann kein absichtlicher Prozess sein, sondern ist nur zu erreichen, indem man die Aktivitäten nicht auf sich selbst, sondern eben auf den Sinn – und damit auf die Situation und den anderen Menschen – richtet. Sinn als Selbstzweck geht nicht. Selbstverwirklichung als Selbstzweck geht nicht. Ein Ich braucht immer den anderen – wie weit weg auch immer, aber die oder der andere ist die Richtung oder der „Geber“ des Sinns. Sinn kann man sich, so gedacht, nicht „nehmen“. Sinn „bekommt“ man, oder man „findet“ ihn, aber man kann ihn nicht behaupten oder aus sich selbst heraus generieren. Erst indem man sich selbst verliert, im Sinn aufgeht, findet man Sinn und damit Selbstverwirklichung (David Brooks), nicht indem man sich selbst sucht und – in diesem Fall zwingend – nichts findet (ein wenig ironisch: Schnipo Schranke – „Ich suche ständig nach mir selbst, doch da ist nichts weit und breit“).

Ansonsten sitzt man dem großen – und kaum hinterfragten – Versprechen unserer Zeit auf – der Gaukelei, man könne alles erreichen, wenn man es nur wolle. Versteht man den menschlichen Willen tatsächlich so, ist man bei Zielen und allen weiteren ökonomisch geprägten Kategorien des Coachings und wie die neuen, häufig aus der Psychologie hervorgegangenen Selbstvergewisserungspraktiken alle heißen. Die Psychologie war es, die das Individuum – wissenschaftlich fundiert – in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt hat.

Wir lernen, was Sinn ist, wenn wir Lebensläufe von Menschen betrachten, denen es gelungen ist, ihrem Leben einen Sinn zu verleihen (Charlotte Bühler). David Brooks hat das kürzlich in einzigartiger Weise vorgemacht.

Die eingangs angesprochenen Studenten nehmen quasi die Perspektive anderer auf sich selbst ein, betrachten sich durch die (angenommene, unterstellte) Perspektive anderer Menschen auf sich selbst. Aber es sind eben nicht die anderen, sondern sie selbst. Sie machen sich damit selbst zum Primat, zu einem „Ersten“ und werden genau dadurch nie erreichen, was sie eigentlich intendieren – wissen, wie man ein gutes Leben führt, wie man etwas „richtig“ macht und so weiter.

Früher haben das die Gemeinschaft und die Traditionen geregelt, heute müssen wir alles immer selbst entscheiden. Niemand nimmt uns die Entscheidungen mehr ab. Wir haben Gott und die Gemeinschaft als Maßstäbe eliminiert, was eine Befreiung war.

Wirklich?

Wir bezahlen dafür einen entsetzlichen Preis, indem wir dazu verurteilt sind, uns selbst immer wieder abzunabeln, immer wieder selbst zu entscheiden. Als Hilfsmittel holen wir uns den Blick von außen: Welchen Eindruck macht das, wenn ich jetzt so handle? Wie kommt das rüber? Genau dadurch kommen wir nicht zu uns selbst.

Das Missverständnis hat noch eine andere, womöglich „fiesere“ Ebene: viele von uns verwechseln ihre Kinder mit Projekten. Was ich damit meine, ist, dass viele der heutigen Eltern ihre Kinder nicht mehr behandeln wie Kinder – also Wesen, die etwas lernen müssen, die erst einmal Werte übernehmen müssen, damit sie später selbst Position beziehen können.

Unsere Aufgabe ist es, einen Sinn zu finden. Nach Viktor Frankl liegt der Sinn darin, in einem jeweils gegebenen Augenblick etwas anders zu machen, etwas zu verändern. Damit ich aber überhaupt etwas verändern will, muss mir erst einmal etwas behauptet werden. Ich kann das später für richtig oder falsch oder teilweise richtig oder teilweise falsch halten, oder ich kann in irgend eine denkbare Richtung abbiegen, ganz egal. Ich brauche als Kind erst einmal eine Leitung, damit ich später überhaupt etwas will – und nicht alles gleichzeitig. Denn wer immer alles hatte, was er oder sie wollte, der oder die weiß nichts über Wollen, Haben oder Sein. Die- oder derjenige ist ganz und gar BIG ME geworden, und BIG ME besteht nur aus Bedürfnissen. Ich kann alles haben, alles werden, alles sein, und das zu jeder Zeit. Das ist, was die Vielfalt der Möglichkeiten (pädagogisch korrekt formuliert: Lernen geschieht selbstgesteuert) suggeriert und als Verhaltensspur bei denen hinterlässt, die wenige oder gar keine Grenzen mehr erfahren haben.

Natürlich geschieht Lernen (auch) selbstgesteuert. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Es kommt auf die Details an: Ich muss bei der Sauberkeitserziehung keinen Druck machen wie in Zeiten der autoritären Erziehung. Ich kann warten, bis das Kind sagt: „Ich brauche keine Windel mehr.“ Aber wenn ich das Kind nicht auf den Topf setze und ihm vermittle, was ich will und für richtig halte, wird das Kind nicht darauf kommen, keine Windel mehr zu wollen. Dann trägt es mit fünf Jahren immernoch nachts eine Windel und braucht den Schnuller. Dann muss ich mich auch nicht wundern, wenn mein Kind eine ganze Armee von Seelenklempnern und Sprachverbesserern in Anspruch nimmt. Im Grunde laborieren diese Berufsgruppen heute oft an den Folgen fehlender Erziehung herum. In Zeiten autoritärer Erziehung waren die Methoden oft grundfalsch, nämlich voller Einschüchterung und Gewalt. Das Problem heute: sie fehlen nicht selten ganz und gar.

Wir könnten es besser wissen.

Jörg Heidig

Warum es oft nichts bringt zu psychologisieren, selbst wenn man quasi darum gebeten wird

In Supervisionssitzungen mit Teams ist häufig von Konflikten die Rede. Eine Möglichkeit wäre, diese Konflikte mit Mediationsmethoden zu bearbeiten. Dabei würde man die Konflikte erst einmal für „gegeben“ hinnehmen. Je nach Mediationsstil würde man dann zunächst entweder an den Gefühlen oder an Erwartungen und Zielen (oder an beidem) ansetzen:

  1. Bei der stärker „gefühlsorientierten“ Mediation würde man darauf hinarbeiten, dass die beteiligten Seiten verstehen, dass die Gefühlslagen recht ähnlich sind und sich wechselseitig bedingen und verstärken. Man könnte als dann die Frage nach dem „worst case“ stellen, etwa: „Was passiert, wenn Sie so weitermachen, wenn alles so bleibt?“ oder: „Was ist der schlimmstmögliche Ausgang?“ Auf der Grundlage der Antworten auf diese Frage kann man oft den (gemeinsamen) Wunsch ableiten, dass der „schlimmste anzunehmende Verlauf“ vermieden werden soll. Dieser Wunsch nach Vermeidung des schlimmstmöglichen Verlaufs bildet dann eine Art „Rückfallebene“ oder „Sicherheitsnetz“ für die Mediation: wenn sich die Mediation festfährt, erinnert die Mediatorin – oder erinnern sich die Beteiligten – an den gemeinsamen Wunsch der Vermeidung des „worst case“. Die Beteiligten finden dann leichter zurück in den Prozess bzw. in den Modus des (idealerweise) lösungs- oder vereinbarungsorientierten Austauschs.
  2. Bei der „zielorientierten“ Art der Mediation würde man die jeweiligen Themen, Erwartungen und Ziele aufnehmen, gemeinsam priorisieren und dann nacheinander „durchverhandeln“. Ziel ist dabei, dass durch die Verhandlung Kompromisse und Konzessionen entstehen, die dann vertraglich festgehalten werden. Im Idealfall findet man so genannte „win-win-Lösungen“. Wir geben allerdings gern zu, dass uns die so häufig beschworene „win-win-Konstellation“ bisher nicht begegnet ist. Was wir tatsächlich gefunden haben, sind alle Formen von ehrlich gemeinten Bemühungen und vorgetäuschten Manövern, Oberhandstrategien und Kompromissen. Nur die reine Lehre des tatsächlich gemeinsamen Gewinnens will sich uns in der Praxis nicht so recht zeigen. Die Hartnäckigkeit, mit der sich der Begriff dennoch in der Welt hält, erklärt sich vielleicht aus dem Umstand, dass win-win-Lösungen in der Rückschau entstehen, so wie man eben – um es mit Kierkegaard auszudrücken – die Welt vorwärts lebt und rückwärts versteht. Einfach ausgedrückt: ein kaum zufriedenstellender Kompromiss wird mit ein bißchen Zeit und kognitiver Dissonanzreduktion doch noch zum Erfolg.

Soweit zum Ansatz bei den Konflikten.

Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Konflikte in Teams in vielen Fällen wenig mit unterschiedlichen Zielen oder den verschiedenen Persönlichkeiten der Beteiligten zu tun haben, sondern schlicht mit dem Umstand, dass sich die Teammitglieder nicht sehen bzw. zu wenig Zeit haben, miteinander zu arbeiten und sich abzustimmen. Grob ausgedrückt: wer sich nicht sieht und nicht miteinander arbeitet, kann sich auch nicht leiden. So gesehen liegt die Ursache nicht in den Persönlichkeiten oder in der Verschiedenheit der Ziele oder Prioritäten, sondern in der Abwesenheit von belastbaren Beziehungen und in dem Fehlen von Zeit für die gemeinsame Koordination.

Ein Beispiel

Ein Team von Sozialarbeiterinnen ist gewachsen. Zwei Kolleginnen machen die Arbeit schon sehr lange, weil aber neue Klienten hinzugekommen sind, wurden zwei neue Kolleginnen eingestellt, beide recht jung. Im Zuge einer Teamklausur kommen Konflikte zur Sprache, die erst einmal aussehen wie Generationskonflikte. Die jüngeren Kolleginnen berichten von „eingefahrenen Gleisen“ und vom „Versanden von neuen Ideen“. Die älteren Kolleginnen berichten von „Infragestellung unserer Arbeit“ und davon, dass „wir früher nicht alles falsch gemacht haben“. Man könnte nun an den Konflikten ansetzen, mit gegenseitigen Wahrnehmungen und Feedback arbeiten und so weiter. Wir haben uns aber zunächst nach den Arbeitsabläufen erkundigt. Uns interessierte, wie die Teammitglieder ihre alltägliche Arbeit koordinieren. Heraus kam, dass die beiden Teammitglieder, die schon lange zusammenarbeiten, eine Reihe von Gewohnheiten entwickelt haben, welche die jungen Kolleginnen zunächst ganz selbstverständlich übernommen haben. Das Problem dieser Gewohnheiten war, dass sie für eine Zweier-Konstellation wunderbar funktionieren, in einem Vierer-Team aber zu Problemen führen. Zwei Personen können sich leicht im Prozess abstimmen, selbst wenn sie nicht die ganze Zeit zusammen arbeiten. Eine oder zwei gemeinsame Pausen und der tägliche informelle Austausch „zwischen Tür und Angel“ reichen aus. Man kommuniziert „nebenbei“, Kommunikation und Koordination laufen gleichsam unbeachtet und ohne große Fehler. Anders wird es, wenn sich die Zahl der Teammitglieder verdoppelt, und man keine gemeinsamen Pausen hat, sondern versetzt arbeitet. Zwar sieht man sich, aber in wechselnden Konstellationen. Die „Tür-und-Angel-Koordination“ müsste eigentlich einem strukturierteren Austausch weichen, aber genau das bemerkt man nicht, weil die jüngeren Kolleginnen unbewusst und unbemerkt die Gewohnheiten der älteren Kolleginnen übernommen haben. Man reicht sich das schnurlose Telefon weiter, ruft sich beim Schichtwechsel etwas zu, isst in wechselnden Konstellationen gemeinsam (oder nicht), schreibt manchmal etwas in die Dokumentation. Aber man hat keine übergreifende, tatsächlich gemeinsame Ebene außer einem – zwar professionell geführten, aber nicht alle Arbeitskoordinationsbedarfe abdeckenden – Übergabebuch. Auf die Frage, wann das Team sich bespricht, lautete die Antwort: wir besprechen, was anliegt, wenn wir uns sehen. Sehen werden sich aber in der Regel jeweils nur zwei Personen. Mündliche Übergaben passieren beiläufig und wenn es jemandem einfällt. Am Ende der ersten Befragung durch uns sagte ein Teammitglied plötzlich: „Wir machen alle alles.“ Das war ein treffender Ausdruck für das tatsächliche Geschehen: wie in der Zweier-Konstellation etabliert, machten alle Kolleginnen, was gerade anlag. Eine gemeinsame Besprechung gab es nicht – mit Ausnahme einer Supervisionssitzung alle zwei Monate. Wenn Struktur fehlt, wachsen Missverständnisse, weil es zu wenig Gelegenheit gibt, diese zu klären. Die Entstehung von Missverständnissen kann man sich in etwas wie folgt vorstellen: jemand tut etwas, wovon jemand anderes irritiert ist. Einmal wird dies toleriert, auch zweimal oder dreimal. Aber man wird zusehends sensibler, beginnt, Hypothesen zu bilden, die man dann aber – zunächst aus Höflichkeit, dann aufgrund mangelnder Gelegenheit und zum Schluss, weil man MIT DENEN nicht mehr reden will – nicht hinterfragt.

Was in dieser Situation half, war eine Darstellung des Wochenablaufs, wie er zu jener Zeit typischerweise stattfand. Anschließend wurde dieser Wochenablauf reflektiert. Es wurden Möglichkeiten für eine wöchentliche Teambesprechung und gelegentliche gemeinsame Pausen bzw. Mahlzeiten gesucht und vereinbart. In der Folge gingen die Konflikte zurück, die Rollen wurden klarer, man begann, sich gegenseitig zu befragen, welche Arbeitsanteile leichter fielen und welche schwerer. Es wurde respektiert, dass die Älteren manche Dinge nicht mehr machen wollten, weil sie ihnen zunehmend schwerer fielen, und es fand sich Raum für die Ideen der jungen Leute. Simpel formuliert: man baute Beziehungen auf, für die man – ohne es zu merken oder das gar zu beabsichtigen – vorher keine Zeit hatte.

Die Konflikte waren also nur eine Auswirkung, deren „psychologisierende“ Bearbeitung möglicherweise nicht zum Ziel geführt hätte. Manchmal lohnt es sich, den Blick schlicht darauf zu richten, was die jeweiligen Akteure konkret tun, wie sie ihre Arbeit koordinieren (oder nicht), wann und wie sie sich sehen und so weiter.

Ein weiteres Beispiel

Jüngst schilderten die Mitglieder eines Teams in einer Supervisionssitzung, dass sie zwar gute Beziehungen hätten und dass das Klima gut sei, dass man aber in der letzten Zeit einen steigenden Pegel schlechter Laune und länger und zäher werdende Diskussionen beobachte. Das mache den Teammitgliedern Sorgen und müsse thematisiert werden. Gleichzeitig berichteten die Teammitglieder von einer großen Vielfalt verschiedener Aufgaben, die unter einen Hut zu bekommen oft eine Herausforderung sei. Manchmal komme es zu Missverständnissen in der Kommunikation oder wichtige Aufgaben würden vergessen.

Zum Ende der ersten Runde standen zwei Themen im Raum: ein eher „hartes“ Thema (Arbeitsabläufe, Aufgabenkoordination) und ein eher „weiches“ Thema (Konflikte, „Befindlichkeiten“, „emotionale Dinge“). Unser Vorschlag lautete, zunächst das „harte“ Thema zu bearbeiten. Aus dem Team kam aber immer wieder der Wunsch, doch lieber die emotionalen Belange zuerst zu thematisieren. Nun sind beide Themenbereiche ohnehin eng verwoben, und bei Thomann & Schulz von Thun und in zahllosen anderen Büchern und Seminaren lernen wir, dass Störungen Vorrang haben. Dennoch kamen wir in einer kurzen Zwischenreflexion während einer Pause zu dem Schluss, zunächst bei den Arbeitsabläufen und vor allem bei den im Team momentan vorhandenen Praktiken der gemeinsamen Aufgabenkoordination zu bleiben. Unsere Fragen richteten sich immer wieder darauf, wie die Absprachen eigentlich genau stattfinden. Die Schilderung und Analyse mehrerer Beispiele für Missverständnisse und Koordinationsfehler brachte dann zutage, dass die „grobe“ Koordination (mittelfristige Dienstplanung, Rollenverteilung) gut klappte. Die Probleme ergaben sich eher durch kurzfristige, spontan entstehende Koordinationserfordernisse in der täglichen Arbeit.

Als die Diskussion dann wieder in Richtung der emotionalen Themen umschwang, wurden wir zunehmend unsicherer – sollten wir bei unserer Intuition bleiben und weiter die Koordinationsthemen in den Fokus stellen oder den Impulsen der Teammitglieder folgen und die emotionale Ebene thematisieren? In dieser Situation half die Frage, wo wir nach Meinung der Teammitglieder gerade in der Diskussion stehen und welche Vorschläge und Wünsche sie auf der Grundlage des bisher Besprochenen haben. Erstaunlicherweise verlief dieser Teil der Diskussion nun sehr zielgerichtet, und es entstanden innerhalb kurzer Zeit vier Gruppen von Vorschlägen, die allesamt am Thema Arbeitskoordination ansetzten.

Mit einigem Abstand betrachtet entsprach unsere Vorgehensweise einer Mischung aus Beharren auf der eigenen Intuition und „sich-in-den-Prozess-kippen-Lassen“: einerseits blieben wir intuitiv bei der – eben nicht psychologisierenden, sondern auf die konkreten Arbeitsabläufe, auf die konkreten Koordinationsprozesse fokussierenden – Ausrichtung unserer Intervention. Gleichzeitig behaupteten wir dies nicht, sondern stellten Fragen und überließen die Reflexion dem Prozess, bis sich am Ende zeigte, dass die Vorschläge der Beteiligten beinahe allesamt an der Verbesserung der Möglichkeiten der Handlungskoordination ansetzten.

Es gab in diesem Prozess für uns die Herausforderungen, mit unserer eigenen Unsicherheit umzugehen: einserseits war da der Wunsch des Teams, an Emotionen zu arbeiten. Wir meinten jedoch, dass die geschilderte Qualität der Beziehungen im Kern gut war, und dass die Konflikte eher aus der gegenwärtigen Praxis der Koordination herrührten. Unser „Festhalten“ an der Ablauffrage – ohne sie zu forcieren – hat sich in diesem Fall ausgezahlt. Es war eine „Gratwanderung“ zwischen den von der Gruppe genannten Themen und der eigenen Intuition. Unser Weg lautete: nicht diagnostizieren und konfrontieren, sondern sich in den Prozess kippen lassen, indem man fragt, was die Beteiligten konkret machen, um anstehende Aufgaben zu koordinieren. Aus den Schilderungen möglichst konkreter Beispiele konnten wir dann konkrete Anhaltspunkte herausarbeiten und Vorschläge entwickeln lassen.

Fazit

In methodischer Hinsicht haben wir es hier mit einem „doppelten Prozessfokus“ zu tun: erstens haben wir uns darauf konzentriert, was die Beteiligten konkret tun – und zwar sowohl auf der Basis der individuellen Arbeit als auch der gemeinsamen Koordination. Zweitens haben wir, nachdem Schwierigkeiten auftraten und sich die emotionale Ebene immer wieder in der Vordergrund schob, darauf beharrt, dass die Konfliktthemen aus der – auf der Grundlage von Beziehungen stattfindenden – Koordination resultieren und nicht etwa umgekehrt. Die ansich als positiv und tragfähig geschilderten Beziehungen und die ansich vorhandene Offenheit im Team hinterließen bei uns den Eindruck, dass einige der Beteiligten zwar dachten, man müsse die Beziehungen thematisieren, dass die Probleme aber nicht tatsächlich daher rührten. Diesem Gedanken folgend, haben wir dies aber nicht geäußert wie eine Art Diagnose, sondern haben uns weiter nach den Abläufen erkundigt. Das führte zur Schilderung und Analyse einiger Missverständnisse und Koordinationsfehler. Auf dieser Grundlage haben wir – wiederum ohne unsererseits zu viel zu analysieren – die Frage gestellt, welche Vorschläge die Beteiligten haben. Was folgte, waren konstruktive, auf Methoden der gemeinsamen Aufgabenkoordination gerichtete Vorschläge. Von Konflikten oder Emotionen war keine Rede mehr. Vielmehr war man plötzlich optimistisch, dass sich die Konflikte mit den besprochenen Verbesserungsmaßnahmen bzgl. Koordination und Kommunikation auflösen würden.