Fremdes Leben, falsche Liebe

Man kann sich seine Eltern nicht aussuchen. Auch nicht die Zeit, in die man geboren wurde. Ob Du Dich in der Welt, in der Du lebst, willkommen oder hineingeworfen fühlst, ist der Welt herzlich egal. Ob Du es leicht hast oder kämpfen musst, kannst Du Dir also erst einmal nicht aussuchen. Dennoch hast Du die Wahl, die Dinge so oder so zu sehen. Es gibt immer zwei Blickwinkel, aus denen Du eine Sache, einen anderen Menschen oder eine Situation betrachten kannst. Du kannst die Dinge als unveränderlich betrachten. Dann bist Du das Opfer der Umstände, Deiner Erziehung, Deiner Vorgesetzten usw. Oder Du kannst Dich fragen, welche Optionen Du hast, wie Du vielleicht anders über die Dinge denken kannst. Denn Du siehst die Dinge keineswegs so, wie die Dinge sind. Du siehst sie vielmehr so, wie Du bist. Oder anders: Die Art und Weise, wie Du die Dinge siehst, sagt weniger über die Dinge aus, als vielmehr etwas über Dich selbst. Es fängt also immer bei Dir an. 

Im Grunde gibt es zwei Arten aufzuwachsen. Entweder haben die Eltern ihr Kind angenommen und zu dem einzigartigen Menschen heranwachsen lassen, der zu werden in ihrem Kind angelegt war. Oder die Eltern haben dies nicht getan und ihre Liebe an bestimmte Forderungen geknüpft. Dann wurde das Kind nicht zu dem Menschen, der es hätte werden können, sondern dann wurde aus dem Kind, wer es werden sollte. Natürlich sind diese beiden Erziehungsstile in ihrer reinen Form eher selten. Die meisten Menschen sind also zum Teil das, was sie werden konnten, und zum Teil das, was sie werden sollten. 

Du kannst nun einmal überlegen, ob Du eher geworden bist, was Du werden solltest, oder ob Du mehr Deine Potentiale entfalten konntest. Die Antwort auf diese Frage ist wichtig. Sie bestimmt darüber, ob Du Dich selbst lieben kannst. Denn wer dafür geliebt wurde, wer sie oder er ist, der kann sich selbst auch so lieben, wie er oder sie eben ist. Wer aber für die Erfüllung von Erwartungen oder Forderungen geliebt wurde, der hat oft Probleme, sich selbst zu mögen – oder überhaupt zu kennen. Diese Menschen kennen von sich nur, was sie für andere darstellen, tun oder leisten. Wer für seine Eltern nur tat, was die Eltern wollten, wird sich später nicht mit der Betrachtung der eigenen Person zufrieden geben, sondern sie oder er wird sich immer – gewissermaßen durch eine von den Eltern übernommene und unbewusst angewöhnte Außenperspektive – anhand seiner dargestellten Eigenschaften, vollbrachten Leistungen usw. bewerten. Der Selbstwert ist dann nicht gegeben, sondern er muss immer wieder von Neuem hergestellt werden, und weil dieses Fass keinen Boden hat, wird daraus eine Lebensaufgabe, die kein Ende hat und jeden Tag von Neuem beginnt. Viele Menschen schlafen am Abend mit dem Gedanken ein, am Tag nicht genug geschafft zu haben. Das heißt so viel wie: „Ich habe den Erwartungen nicht entsprochen, ich muss noch mehr tun, noch besser sein.“ Hinter dem Perfektionismus steckt der (unbewusste) Verdacht gegen sich selbst, nicht genug zu sein.

Ob sich jemand selbst genügt oder für seinen Selbstwert immer etwas tun muss, hängt also zunächst von der Erziehung ab. Unter Erwachsenen lassen sich dementsprechend zunächst zwei Formen von Selbstbildern beobachten. Zum einen gibt es die Menschen, die sich selbst lieben können, weil sie für sich selbst und ihr so-Sein geliebt wurden. Zum anderen gibt es jene Menschen, die vor allem dafür Zuneigung erhalten haben, was sie – in Abweichung von sich selbst – dargestellt oder getan haben. Diese Menschen haben ein Selbstbild, das vor allem davon abhängt, was sie für andere sind oder leisten. Sie brauchen auch im Erwachsenenleben mehr oder weniger ständig Bestätigung dafür, dass sie in Ordnung sind. Nicht selten sind diese Menschen, was sie tun. Sie sind nicht sie selbst, sondern bestehen gleichsam aus Handlungen für andere, weil dies die Art und Weise ist, durch die sie sich erfahren, durch die sie gleichsam sind.

Es gibt eine tragische Steigerungsform, nämlich wenn die elterliche Anerkennung überhaupt nicht vorhanden war. Wenn Eltern ihr Kind mehr oder minder komplett ablehnen, entwickelt sich weder eine gesunde Selbstliebe noch ein auf die Erfüllung von Erwartungen anderer oder Leistung gerichtetes Selbstbild. In ihrer Jugend werden diese Menschen versuchen, der elterlichen Welt zu entkommen. Sie suchen sich nicht selten ein „größeres Ganzes“ und bauen eine Art kompensatorischen Selbstbildes auf, das vor allem in Abgrenzung zu den eigenen Eltern definiert wird. Weil diese Menschen wissen, wie sie gewiss nicht sein wollen und welche Fehler sie ganz bestimmt nicht wiederholen wollen, wünschen sie sich umso mehr, ganz anders zu sein und suchen nach Erfahrungen und Menschen, die sie in diesem Wunsch bestätigen. Sie bauen sich also ein neues Selbstbild auf, das ihren Wünschen von einem besseren Leben, von besseren Eigenschaften usw. entspricht. Das bedeutet aber nicht, dass sich diese Menschen selbst lieben können. Tief im Herzen bleibt das erfahrene Defizit am Leben. Sie suchen zwar nach Bestätigung und finden sie auch, aber in ihnen lebt eine starke Angst, den Maßgaben des selbst geschaffenen Bildes von sich doch nicht zu entsprechen. Diese Angst ähnelt der eines Lügners, entdeckt zu werden. Und so setzen sich diese Menschen umso mehr unter Druck, dem Bild von sich zu entsprechen, noch perfekter zu werden. Im Alltag äußert sich dies in Gedanken ähnlich diesem: „Wenn ich das noch schaffe, dann passt es endlich. Dann kann ich mich zurücklehnen, dann bin ich zufrieden.“ Aber diese Zufriedenheit kommt nicht. Ein Vorhaben folgt dem nächsten, nach kurzer Entspannung kehrt die Angst, doch nicht genug zu sein, zurück und treibt die betreffende Person zu neuen Leistungen an. Die Welt ringsum und die eigene „Performance“ werden immer perfekter, oft so perfekt, dass andere Menschen Bewunderung für die Leistungen, manchmal aber auch Angst vor den Maßstäben der Betreffenden verspüren.

Eine interessante Frage ist nun, was geschieht, wenn Menschen mit solchen kompensatorischen Selbstbildern lieben und Beziehungen führen. Du hast bestimmt schon einmal irgendwo gehört oder gelesen, dass nur lieben könne, wer sich selbst liebt, oder dass es egal sei, wen man heiratet, wenn man sich nur selbst liebe. Da ist etwas dran, aber das zu verstehen oder gar, wenn man selbst davon betroffen ist, zu ändern, ist alles andere als einfach.

Wenn ich nicht so recht weiß, wer ich bin, weil ich mein eigentliches, von meinen Eltern geschaffenes negatives Selbstbild tief in mir vergraben und mir stattdessen ein kompensatorisches Selbstbild geschaffen habe, dann suche ich mehr oder minder ständig nach Gelegenheiten, mein Selbstbild zu bestätigen. Ich handle also nicht aus mir selbst, sondern aus meinem Wunsch-Selbst heraus. So auch in der Liebe. Ich bewundere mein Gegenüber, weil ich selbst bewundert werden möchte. Ich bin großzügig mit den Fehlern des anderen („Das spielt keine Rolle. Du bist gut so. Ich liebe Dich, wie Du bist.“), weil ich hoffe, dass dann der andere auch so mit meinen Fehlern umgeht. Ich zeige aber meine Fehler nicht, weil ich sie selbst nicht sehen will. Ich lebe ja aus meinem Wunschbild heraus und will dieses Wunschbild bestätigt bekommen. Nun kann man sich aber nicht nahekommen, ohne dass der eigentliche Kern sichtbar wird. Spätestens unter Druck oder im Streit kommt mein negatives Selbstbild ans Licht. Ich kann aber, weil ich die negativen Seiten an mir vor mir selbst verberge, schlecht mit Kritik umgehen. Also schütze ich mich vor dieser Kritik: „Das war nicht so gemeint.“ ist die harmloseste Variante. „Du hast mich falsch verstanden.“ ist schon deutlicher. „Du bist doch selbst auch so.“ ist eine Steigerungsform, die deutlich macht, das man die Kritik nicht annehmen kann, weil sie das Bild, das man von sich selbst aufgebaut hat, in Gefahr bringt.

Wenn zwei Menschen mit kompensatorischen Selbstbildern zusammenkommen, lieben sich quasi nicht die Menschen selbst, sondern die Selbstbilder verbinden sich zu einer Hoffnung, endlich jemanden gefunden zu haben, der passt. Das bedeutet: Hinter dem Gefühl, dass da endlich jemand ist, der mich wirklich liebt, steckt die Hoffnung – und später im Konfliktfall: die Forderung – dass ich jemanden gefunden habe, der mein kompensatorisches Selbstbild bestätigt und mich nicht in die Gefahr bringt, mich mit mir selbst bzw. den abgelehnten Teilen meines Selbstes zu konfrontieren. Nun gibt es aber keine Beziehung ohne Probleme, Konflikte usw. Kritik wird also kommen. Da ich aber mein kompensatorisches Selbstbild wie ein Schild vor mir hertrage und die Beziehung aus diesem Wunschbild heraus führe, erlebe ich Kritik als Erschütterung nicht nur meines Selbstbilds, sondern – weil dieses Wunschbild ja der Ersatz für mein eigentliches (abgelehntes) Selbst ist – als existentiellen Angriff. Dementsprechend hart und bedrohlich sind dann oftmals die Verteidigungsstrategien. Was vielleicht als Kritik aus der Nähe, als aus Liebe heraus formulierter Wunsch gemeint war, wird als existentielle Bedrohung verstanden. Nicht selten wird dann sehr schnell mit dem Ende der Beziehung gedroht und/oder mit beinahe vollständigem Rückzug reagiert. Die Rückzugsreaktion stellt quasi das Selbstbild wieder her. Wenn ich allein bin, kann ich wieder der sein, der ich sein will. Die Drohung des Beziehungsabbruchs bringt den anderen dazu, sich zurückzunehmen und die Kritik nicht mehr zu äußern. Dass man damit die Beziehung immer weiter einschränkt, ihr so mit der Zeit die Lebendigkeit raubt und etwas tut, was man angesichts der Liebe, die man ja trotzdem spürt, eigentlich gar nicht will, wird einem kaum bewusst. Und wenn es bewusst wird, nimmt man sich vor, es nicht mehr zu tun. Weil aber der Selbstschutz, also der Schutz vor der Einsicht, dass man sich selbst eigentlich ablehnt, immer stärker ist, nimmt man die allmähliche Erosion der Liebe mehr oder minder bewusst in Kauf.

In der Anfangszeit solcher Beziehungen entwickeln Paare aus ihren kompensatorischen Selbstbildern heraus oft Phantasien gemeinsamer Stärke oder Größe. Das klingt dann in etwa so: „Was den anderen geschieht, kann uns gar nicht passieren. So etwas wie zwischen uns gibt es kein zweites Mal. Wir schaffen das.“ Diese Phantasien könnte man als eine Art „Versicherung“ oder Bollwerk gegen Kritik und Erschütterung verstehen. Freilich ist der Grat, um den es hier geht, schmal: Liebe ist etwas einzigartiges. Aber aus dem Willen, sich selbst im weiteren Leben vor der in der Kindheit erfahrenen Ablehnung zu schützen, wird, gerade wenn dies beide Partner betrifft, ein „Bündnis der Schilde“. Man versichert sich gegenseitig durch eine gewissermaßen symbiotische Verbindung, die durch die gemeinsamen Phantasien überhöht und damit gegen potentielle Kritik im Voraus geschützt wird. Ein bisweilen unbedingter Wille, es gemeinsam zu schaffen – eben wegen jener Einzigartigkeit – ist die Folge. Dieser unbedingte Wille und die beschriebenen Phantasien sind im Konfliktfall dann jene Linien oder Ausgangspunkte, die man nach Eskalationen beschwört, um in der Beziehung bleiben zu können: „Aber wir beide, wir waren doch einzigartig. Wir wollten es doch schaffen. Wer, wenn nicht wir?“

Hinzu kommt, dass die gemeinsamen Phantasien bzw. das „Bündnis der Schilde“ für die Beteiligten auch eine entlastende Funktion haben. Wenn ich mich selbst nicht kenne, weil ich mein abgelehntes Selbst nicht mag und vor mir verberge, dann bin ich mehr oder minder ständig damit beschäftigt, mein kompensatorisches Selbstbild aufrecht zu erhalten und aus diesem heraus zu handeln, denn ich muss es ja durch meine Handlungen bestätigen lassen, damit ich mir das glaube. Ich glaube ja nicht an mich selbst und brauche daher den anderen, um mein Geheimnis vor mir selbst verbergen zu können. Das kostet Kraft. Und weil es mich mit der Zeit erschöpft, diese Kraft ständig aufzubringen, lasse ich mich ggf. nur zu bereitwillig in eine Symbiose fallen, in der die Phantasie zwar gemeinsam entwickelt wird, mein Gegenüber aber fortan eine dominante und mich entlastende Rolle übernimmt. Zu meinem Geheimnis vor mir selbst („Ich will nicht wissen, dass ich mich eigentlich ablehne. Bestätige mir bitte, dass Du mich liebst, wie ich mich selbst gern sehe. Ich will nicht wissen, dass ich eigentlich anders bin.“) kommt dann noch eine weitere Selbstaufgabe hinzu. Nach der Schaffung der gemeinsamen Phantasie wird der Kraftaufwand zur Aufrechterhaltung des eigenen kompensatorischen Selbsts minimiert. Man gibt sein eigenes kompansatorisches Selbst ein Stück weit auf und ersetzt es durch die gemeinsame (kompensatorische) Phantasie. Man geht ganz in der Beziehung auf und negiert nicht nur das eigene abgelehnte (negative, durch Erziehung geprägte) Selbstbild, sondern gibt auch die Erwartungen, die aus dem kompensatorischen Selbstbild resultieren würden, weitgehend auf. So überlässt man es seinem Gegenüber, mehr oder minder vollständig zu definieren, wer man selbst ist und was man denkt, fühlt, will usw. Ist das Gegenüber ein Mensch, der anderen gern hilft und dessen kompensatorisches Selbstbild einer Helferpersönlichkeit entspricht („Ich kann mich selbst nicht leiden, aber wenn ich anderen helfe, fühle ich mich bestätigt und sicher.“), dann übernimmt dieses Gegenüber eine solche Aufgabe nur zu bereitwillig und fühlt sich gut dabei. Eine solche Beziehung kann über Jahre hinweg stabil funktionieren. Regt sich dann aber mit der Zeit doch der eine oder andere eigene Lebenswille, so glaubt man sich diesen Impuls zunächst nicht. Bringt man ihn dennoch – vielleicht als Wunsch nach mehr Eigenständigkeit – zum Ausdruck, reagiert das bislang dominante (im Selbstverständnis: helfende) Gegenüber entsprechend heftig, weil man ja nun das über Jahre bestätigte und stabilisierte kompensatorische Selbstbild des Gegenübers in Gefahr bringt. Die Beteiligten erschrecken nun womöglich darüber, wo sie hingekommen sind. Vor allem fällt es ihnen schwer zu begreifen, wie sie dort hingekommen sind.

Die bisherigen Betrachtungen führen nun zu zwei Fragen:

  1. Wie kann man lernen, sich selbst zu lieben?
  2. Lassen sich Beziehungen weiterführen, wenn die Beteiligten entdeckt haben, dass sie, anstatt sich tatsächlich zu lieben, eine gewissermaßen symbiotische Verbindung ihrer kompensatorischen Selbstbilder gelebt haben?

Bezüglich der ersten Frage gilt es voranzuschicken, dass es sich dabei wahrscheinlich um eine der schwersten Aufgaben handelt, vor der ein Mensch im Laufe seines Lebens stehen kann. Es ist auch davon auszugehen, dass diese Aufgabe im besten Sinne des Wortes eine „Lebensaufgabe“ ist, denn ihre Bewältigung ist Teil des ganzen Lebens und als solches ein langer Prozess. Wenn man als Kind nicht geliebt wurde und/oder sich nicht geliebt gefühlt hat oder schwerwiegende Ereignisse die Kindheit erschüttert haben, dann lässt sich das nicht einfach „korrigieren“. Es kommt nicht einfach und geht wieder weg wie eine Erkältung. Die Narben wird man sein ganzes Leben lang tragen, und die Eigenheiten, die man sich im Umgang mit dem eigenen Leid angewöhnt hat, bleiben. Man kann lernen, damit zu leben. Der erste Schritt besteht darin, die eigene Geschichte anzunehmen, sie nicht zu bewerten. Die meisten Betroffenen hadern mit den Erinnerungen an ihre Kindheit und mit dem Bild, das sie von ihren Eltern haben. Dieses Hadern kann in die Distanz führen und in eine andauernde negative Bewertung der Kindheit und der Eltern. Es gilt zu lernen, dass diese Sichtweise nicht hilft, sondern nur zu einer Konservierung des eigenen Leidens führt. Der zweite Schritt besteht in der Frage nach dem eigenen Selbst, nach dem, was sich entfalten will, nach dem, was man will, wer man ist und werden möchte. Der Zugang zu diesen Ebenen der eigenen Person ist schwer, weil man lange gewohnt war, diese Aspekte abzulehnen. Findet man hier Antworten, so folgt die schwerste Aufgabe. Im dritten Schritt gilt es, sich zu äußern, die eigenen Gefühle und Wünsche zu äußern, Grenzen zu setzen usw. Das erfordert in erster Linie Mut und den Willen, sich selbst zu ertragen, also die Reaktionen anderer Menschen auf das eigentliche Selbst zu ertragen. Gerade die eigenen Partner, aber auch die Eltern, so sie noch leben, werden zunächst versuchen, einen in das „alte Selbst“ bzw. in die gewohnte Beziehungskonstellation zurückzuziehen. Zur Infragestellung durch die eigene Unsicherheit in Bezug auf das eigentliche Selbst kommt so noch die Infragestellung durch das nähere Umfeld hinzu. Hier hat man also nicht nur die eigene Unsicherheit, sondern auch die Angst zu ertragen, die durch die Wünsche, Ermahnungen, Belehrungen, Zurechtweisungen und Bedrohungen der Menschen im näheren Umfeld hervorgerufen wird. Man braucht dazu viel Hoffnung und Zutrauen in die eigene Stärke – also Dinge, die man erst sehr langsam entwickelt. Aber der Weg zurück in die frühere Anpassung würde zu einer umso stärkeren Empfindung einer „falschen Liebe“ oder eines „falschen Lebens“ führen. Durch die Veränderung der Perspektive auf das eigene Leben und vor allem durch neue Handlungen (indem man eigenen Impulsen folgt) wird das Umfeld mit der Zeit anders reagieren und man kann lernen, dass mit der Zeit immer weniger negative Reaktionen (Ablehnung) erfolgen, wenn man sich äußert. Dazu braucht man aber auch neue Interaktionspartner. In vielen Fällen ist dies der vierte Schritt. Dem Äußern eigener Wünsche folgt eine Veränderung des Umfelds. Bei manchen geschieht dies sehr schnell – und oft genug folgt dann der Sturz in eine neue Symbiose aus der Hoffnung heraus, dass nun endlich alles besser würde. Es ist daher besser, all das langsam zu gestalten, damit das Selbst tatsächlich lernen kann, auch wenn dies sehr schmerzhaft ist. 

Mit den letzten Sätzen deutet sich auch eine Antwort auf die zweite Frage an: Wenn sich das tatsächliche Selbst äußert, neue Erfahrungen macht und durch neue Interaktionen lernt, dass es nicht nur abgelehnt, sondern auch akzeptiert wird, kommt es darauf an, ob das Gegenüber in der Beziehung diese Entfaltung anerkennt oder nicht. Mit einer Aufgabe des kompensatorischen Selbstes ist auch eine persönliche Veränderung verbunden, die sehr tief reichen kann. Gelingt es tatsächlich, die eigene Geschichte anzunehmen und zu sich selbst nicht mehr auf Distanz zu gehen, sondern sich selbst zu akzeptieren oder gar zu lieben, kommen die eigenen Gefühle, Wünsche und Grenzen zunehmend selbstverständlicher zum Ausdruck. Das irritiert die bisherige Beziehung zutiefst. Es kann sein, dass die Person, die das Gegenüber eigentlich liebt, eine völlig andere wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass mit solchen Veränderungen auch eine Trennung einhergeht, ist also hoch.

Wenn hier von „Schritten“ und „Lernen“ die Rede ist, dann impliziert dies möglicherweise eine Art Machbarkeit, wie man sie aus Ratgebern mit Weisheiten zur Lebensführung kennt. Sollte dieser Eindruck entstehen, so sei noch einmal betont: Es handelt sich um den wahrscheinlich schmerzlichsten und irritierendsten Entwicklungsprozess, den ein Mensch durchleben kann, abgesehen freilich von schweren Krankheiten oder lebensbedrohlichen Ereignissen.

Zurück zu Dir: Es gibt wenig, was Menschen so bewegt wie die Liebe. Viele halten die Liebe für das Wichtigste in ihrem Leben. Falls Du zu denen gehörst, die sich selbst nicht lieben, oder falls Du mit jemandem zusammen bist, von dem Du den Eindruck hast, dass es ihr oder ihm schwer fällt, sich zu lieben, dann ist dieser Text für Dich. In der Kindheit nicht oder nur für bestimmte Verhaltensweisen oder Leistungen geliebt zu werden, ist eine derart bittere Erfahrung, dass man sie nie wieder machen möchte und sich davor schützen will. Doch dieser Selbstschutz verhindert, dass man erleben kann, was man am meisten braucht: geliebt zu werden. Liebe und Verletzlichkeit sind miteinander verbunden. Die Fähigkeit, sich zu äußern und das Gefühl der Verletzlichkeit zu ertragen, das es bedeutet, sich wirklich zu zeigen, ist die Voraussetzung dafür, zu lieben und geliebt zu werden. Es ist ein Wagnis, und der Preis ist hoch. Der Preis lautet: Du gibst Deinen Selbstschutz, Deine lieb gewordenen Bilder von Dir und alle Distanz auf. Du bist da. Dein Gegenüber kann auf Dich reagieren. Du wirst wahrgenommen und anerkannt, wie Du bist. Nicht, wie Du sein sollst oder sein willst. Dazu gehören auch Dinge, die Dein Gegenüber nicht leiden kann. Aber das muss so sein. Am Anfang tut es weh. Dann ist es großartig.

Jörg Heidig

Der doppelte Boden der Lüge

Im letzten Beitrag habe ich beschrieben, wie durch elterliche Infragestellung des Kindes erst kein Selbstvertrauen entstehen kann und sich dann – quasi als Rettungsversuch in existentieller Not – ein Ersatz-Selbstbild entwickelt. Indem sich das Kind als ungeliebt erfährt oder Liebe an bestimmte Leistungen geknüpft wird, lernt das Kind, nicht sich selbst zu achten und zu vertrauen, sondern es baut ein quasi „kompensatorisches“ Wunsch-Bild von sich auf. Dieses Wunsch-Bild ist heile, verkörpert aber nicht die Realität. Betroffene handeln vor allem aus ihrem Wunsch-Bild heraus, um ihre Unsicherheit in Bezug auf sich selbst nicht spüren zu müssen und um für solche Reaktionen aus ihrem Umfeld zu sorgen, die ihrem Wunsch-Selbstbild entsprechen. Im Grunde belügen sie sich selbst: „Indem ich Leistung bringe, werde ich anerkannt.“ könnte ein Schlüsselsatz lauten. Gerade jenen, die ihr Selbstbild mit einer hohen Leistungsmotivation ersetzt haben, fällt es sehr leicht, ihre Unzulänglichkeiten in unserer heutigen Gesellschaft zu verstecken. „Wenn die Arbeit ruft, bleibt ein Schweizer nie daheim.“, singt Faber. Und das gilt nicht nur für viele Schweizer, sondern auch für viele Deutsche. Leistung und Karriere sind „sozial erwünschte“ Dinge. Maaz behauptet sogar, dass die Mehrheit der Deutschen falsche Selbst-Bilder hätten, sich also nicht vertrauten und stattdessen Ersatz-Bildern von sich hinterherjagten. Diese Menschen belügen sich selbst und machen dadurch anderen permanent vor, wie erfolgreich, selbstsicher, ausgeglichen oder unverletzt sie seien. Sie legen sich soziale Masken zu, damit sie sich selbst glauben können, sie seien so tolle Helfer oder machten eine so tolle Karriere oder seien so aufopferungsvolle Familienmenschen oder, oder, oder. Nur damit sie ihre Unsicherheit und ihre Angst nicht spüren müssen.

Man kann sich den Prozess des Entstehens oder Erlernens eines Wunsch-Selbstbildes und der dazugehörigen Handlungen in etwa so vorstellen: Ein Kind fühlt sich unverstanden oder gar ungeliebt von seinen Eltern. Es wird nach Gelegenheiten suchen, trotzdem anerkannt zu werden. Es merkt bspw. bei außergewöhnlichen Leistungen, dass es dafür gelobt wird. Oder es bemerkt, dass, wenn es sich brav und angepasst zeigt, es im Vergleich zu sonst eher in Ruhe gelassen oder sogar gemocht wird. Diese zunächst eher einzelnen Versuche und Erfahrungen werden später – dann allerdings weniger unabsichtlich, sondern bewusster – wiederholt. Das Kind lernt, nicht es selbst zu sein, sondern Rollen auszuprobieren. Die Reaktionen auf die verschiedenen Rollen werden allerdings nicht einfach erfahren wie in einem beliebigen selbstverständlichen Interaktionsfluss – wenn sich das Kind selbst vertraut, handelt es einfach, die Eltern reagieren darauf usw. -, sondern die Kinder beginnen zu beobachten, welche Handlungen welche Konsequenzen haben und erlernen die entsprechenden Muster. Diese Beobachtung der eigenen Handlungen und insbesondere der Reaktionen darauf ist ein wesentliches kommunikatives Merkmal bei Menschen, die sich nicht selbst vertrauen. Betroffene handeln nicht einfach auf der Basis ihrer Emotionen oder Überlegungen, sondern die Reaktionen der anderen werden zunächst analysiert, um daraufhin die eigenen Handlungen zu planen. Es handelt sich also um ein mehr oder minder absichtsvolles Theaterstück, was im Handlungsvollzug geschrieben wird.

Ein beobachtbares Kennzeichen solcher Theaterstücke sind „prüfende Blicke“, die anderen Menschen während der beschriebenen absichtsvollen Handlungen zugeworfen werden. Diese Blicke tauchen bisweilen mitten im Handlungsvollzug auf und fügen sich nicht so recht in den Kontext bzw. passen nicht in den Interaktionsfluss. So kann es bspw. sein, dass ein Kind weint, dabei aber seine Eltern beobachtet. Oder ein Kind handelt besonders angepasst und beobachtet verstohlen, ob seine ggf. unterwürfigen Handlungen die gewünschte Reaktion erzeugen. Oder ein ehemaliger Strafgefangener zeigt nach einer verbalen Eskalation, auf die hin er von seinem Bewährungshelfer stark konfrontiert wurde, auf einmal Reue, sein Blick geht zu Boden und er gibt zu, dass er noch lernen müsse, seine Impulse unter Kontrolle zu bringen, und dass ihn der Herr Bewährungshelfer gerade sehr „erwischt“ und „getroffen“ habe und dass er ja Recht habe mit seiner Ermahnung. Blitzt zwischendurch ein eher kalter, prüfender Blick auf, kann man zumindest skeptisch bleiben, ob es sich hier nicht um ein „deeskalierendes Rollenspiel“ handelt.

Menschliche Handlungen bekommen auf diese Weise einen „doppelten Boden“. Eigentlich fließen die Interaktionen – eine Äußerung löst beim Gegenüber eine Reaktion aus. Diese Reaktion hat eine emotionale, eine kognitive und eine handlungsbezogene Dimension. „Normalerweise“ fließt die emotionale Bewertung der Situation mehr oder minder automatisch und unreflektiert in die Reaktion ein. Es kann aber auch sein, dass die reagierende Person – etwa in als sehr wichtig empfundenen Gesprächen – den Kognitionen eine stärkere Bedeutung verleiht, indem sie nicht „automatisch“ reagiert, sondern die eigene emotionale Reaktion wahrnimmt und überlegt, was das genau bedeutet und wie sie weiter handeln möchte. Dann haben wir es mit bewussteren Handlungen zu tun. Menschen, die sich nicht vertrauen, haben aber gelernt, ihre eigenen Emotionen gar nicht erst einzubeziehen. Für sie sind die Emotionen des Gegenübers wichtiger. Es geht ja darum, das eigene Wunsch-Selbstbild bestätigen zu lassen. Also steht nicht die eigene Emotion im Vordergrund, sondern die des Gegenübers. Ich darf quasi gar nicht so handeln, wie ich wollen würde, sondern ich handle quasi so, dass mein Gegenüber mein Wunsch-Selbstbild bestätigt. Das führt mehr oder minder konsequent dazu, die eigenen Emotionen zu ignorieren. Der „eigentliche“ Interaktionsfluss findet somit gar nicht statt, weil die eigenen Emotionen ja ausgeblendet werden. Was hingegen stattfindet, ist ein „Als-ob-Interaktionsfluss“. Ich tue quasi so, als wäre alles ganz normal. Ich versuche, meinem Gegenüber dieses Gefühl zu geben. Gleichzeitig analysiere ich dessen Handlungen nicht unter Hinzunahme meiner Emotionen, sondern mit der Maßgabe, was ich tun muss, damit mich mein Gegenüber als den leistungsstarken oder erfolgreichen oder hilfreichen oder so liebevollen oder so hilfebedürftigen Menschen wahrnimmt, der ich gern sein will.

Interessant wird es, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, die beide kompensatorische Selbstbilder entwickelt haben und dazu neigen, sich nicht auf ihre Emotionen zu verlassen, sondern stattdessen gewohnt sind, ihr Gegenüber mehr oder minder zu beobachten und ihre Reaktionen auf der Basis dieser Beobachtungen hin zu planen. Stellen Sie sich bitte einmal das folgende Beispiel vor:

Eine Psychologin, Ende dreißig und seit sechs Jahren als Therapeutin tätig, hat sich den Ruf erarbeitet, mit „Härtefällen“ gut arbeiten zu können. Sie tendiert dazu, nicht lange um den heißen Brei herumzureden. Viele ihrer vornehmlich männlichen Klienten schätzen ihre direkte Art und bringen dies auch zum Ausdruck. Manchmal hat die Therapeutin das Gefühl, selbst ein eher harter Mensch zu sein. Aber, denkt sie dann, so lange es hilft, passt es schon, und ich habe mich lange genug mit mir selbst auseinandergesetzt. Selbsterfahrung während der Therapieausbildung, eine eigene Therapie, häufige Weiterbildungen. Dass sie im Privatleben zwar glücklich scheint, es aber nicht ist, spielt keine Rolle, denkt sie. Das wird schon, man muss sich um Beziehungen immer wieder kümmern. Wann sie das zuletzt getan hat? Naja. Es ist ja bald Urlaub.

Diese Therapeutin bekommt eine neue Klientin, eine junge Frau, der vom lokalen Jobcenter dringend geraten wurde, sich in psychologische Behandlung zu begeben. Die Klientin leidet an Angststörungen und lehnt psychologische Hilfe eigentlich ab. Begründung: negative Erfahrungen während stationärer Aufenthalte in der Psychiatrie. Nun sei sie aber trotzdem hier, irgendetwas müsse ja passieren, so könne es nicht weitergehen, sie könne noch nicht einmal mehr ohne Begleitung das Haus verlassen, um etwa einen möglichen Ausbildungsbetrieb oder das Berufsschulzentrum anzuschauen.

Die ersten Gespräche verlaufen weder gut noch schlecht, man analysiert gemeinsam die Kindheit, frühere Erfolgs- und Misserfolgserlebnisse, die Therapeutin lässt sich ausführlich das Erleben der jungen Frau schildern. Nach dem zweiten Gespräch beginnt die Therapeutin zu zweifeln und nach dem dritten Gespräch will die Therapeutin die Klientin – Zitat – „eigentlich nur noch loswerden“. In der Supervision sagt die Therapeutin, dass sie das Gefühl habe, die Klientin lüge sie an. Es sei, als ob die Klientin sich gar nicht ändern wolle. Sie sage zwar, dass sie Hilfe bräuchte, und dass sie sich wünsche, eine Berufsausbildung zu machen. Aber dann sitze die Klientin nur da und gucke vor sich hin. Sie, die Therapeutin, schwanke zwischen Hilflosigkeit und Wut, weil die Klientin so gar keinen Willen hätte. Sie würde nur dasitzen wie ein – Zitat – „dickes Reh, das sich die Beine gebrochen hat, nur große Augen und Selbstmitleid“.

Nach einer Analyse der Emotionen der Therapeutin wird klar, dass die wie zur Schau getragene Verletzlichkeit der Klientin in der Therapeutin Aggressionen geweckt hat. Diese Aggressionen macht die Therapeutin an dem Gefühl fest, die Klientin spiele ihr etwas vor. Nach einer Weile wird jedoch der „doppelte Boden“ der Interaktion klar: Die Klientin hat tatsächlich Symptome und versucht, damit zu leben. Sie hat allerdings große Angst vor Panikattacken und lebt mit dem ständigen Gefühl, vom Alltag überfordert zu sein. Sie hat gelernt, ihre Angst offen anzusprechen – und hat auch gelernt, dass es an manchen Stellen wie bspw. im Jobcenter, leichter wird, wenn sie ihre Angststörungen betont. Die Therapeutin bemerkte zu Recht die zur Schau getragene Ängstlichkeit und Antriebslosigkeit ihrer Klientin. Aber statt damit zu arbeiten wurde sie wütend, weil die demonstrative Verletzlichkeit sie an ihre eigenen, mehr oder minder verdrängten „weichen Seiten“ erinnerte. Ihr Wunsch-Selbstbild war das einer starken, eher dominanten Frau, die mit Klarheit und einer gewissen „Kante“, wie sie sich auszudrücken pflegt, beruflich erfolgreich ist. Menschliche Schwäche hat sie immer angeekelt, aber sie habe sich damit auseinandergesetzt und habe das im Griff. Auf die Frage hin, wann sie das letzte Mal lieb zu sich selbst war, begann die Therapeutin zu weinen.

Über falsche Selbstbilder und die Fähigkeit zu lügen

Der Verdacht, nicht echt zu sein

Es ist ein Verdacht, der einen beschleicht. Ein komisches Gefühl, das man nicht haben möchte. Gegenüber ein guter Freund. Das Gespräch wird ernster, offener. Es geht darum, was wirklich los ist. Ein Gedanke: „Das passiert selten genug. Sei froh, dass Du so einen Freund hast. Einen, der Dich leiden kann, obwohl er Dich kennt. Einen, der Dich aushält.“ Doch dann dieses Gefühl zu lügen. Nein, das kann nicht sein. Ich sage doch die Wahrheit. Irgendwie traut man sich selbst nicht über den Weg. Die rettenden Reaktionen des Gegenübers: „Mir würde es genauso gehen. Ich verstehe Dich da. Was hättest Du machen sollen?“ Erleichterung. Als hätte man darauf gewartet.

Was ist da los? Woher kommt das Gefühl, sich selbst nicht zu trauen? Als brauche man den anderen, um sich selbst zu glauben.

„Ich will nur Dein Bestes, und Du benimmst Dich so unmöglich, dass ich ganz traurig bin und nicht mehr weiß, was ich noch mit Dir machen soll! Am liebsten würde ich mir einen Strick nehmen, so böse, wie Du bist. Ich schäme mich, dass Du mein Kind bist. Ich habe mir das anders vorgestellt!“

Wie man lernt, sich selbst nicht zu vertrauen

Selbstvertrauen ist etwas, das in der Kindheit entsteht. Es kommt darauf an, ob Eltern ihrem Kind vermitteln, dass es angenommen ist. Oder ob sie ihr Kind hinterfragen, ihre Liebe an Bedingungen knüpfen oder ihm vermitteln, es sei nicht in Ordnung so, wie es ist. Die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit strebt nach Entfaltung. Diese Erkenntnis wird heute oft missverstanden, indem Kindern keine Autorität mehr gegenübergestellt wird. Doch ohne Orientierung kann sich ein Kind nicht entfalten. Doch hier geht es nicht um das Fehlen von Autorität, sondern um die Verhinderung der Entfaltung. Man darf – und sollte – einem Kind sagen, wenn es etwas falsch macht. Aber man darf ihm nicht vermitteln, dass es falsch ist. Für Dinge, die ein Kind tut, kann man das Kind kritisieren. Man darf ihm aber nicht das Gefühl geben, dass es generell unerwünscht oder unmöglich ist. Man sollte nicht mit dem Entzug der Beziehung drohen oder diesen gar durchführen. „Wir bringen Dich jetzt ins Kinderheim, wenn Du nicht aufhörst, uns zu nerven.“ ist eine prototypische Variante einer weitgehenden Infragestellung der Existenz eines Kindes.

„Mein Gefühl stimmt nicht.“ ist ein Satz, zu einer existentiellen Hinterfragung der eigenen Person führt. Anders ausgedrückt: Man kann mit diesem Satz nicht leben.

Weil man aber trotzdem lebt und mit sich und der Welt klarkommen möchte, wird diese existentielle Hinterfragung verdrängt. Man lernt, sich selbst nicht zu vertrauen und sich stattdessen ein Wunschbild von sich aufzubauen – in der Hoffnung, so nach außen das Bild eines liebenswerten Menschen zu erzeugen.

Dieses Wunschbild entspricht nicht der Realität, man handelt aber zunehmend so, als ob es der Realität entspräche. Man sorgt also in der äußeren Welt für Reaktionen, die das Wunschbild bestätigen, und zwar solange, bis wir selbst glauben, dass wir diese Person sind.

Wie sich Lebenslügen vererben

An dieser Stelle sei angemerkt, dass wir alle mehr oder weniger starke Wunsch-Selbstbilder haben und entsprechende Bestätigung brauchen. Es geht hier um die Frage, wo die Grenze zwischen einem gesunden Selbstvertrauen und der Abhängigkeit von der Bestätigung des Ersatz-Selbstbildes durch andere verläuft. Im Falle gesunden Selbstvertrauens ertrage ich es, mit meiner Meinung auch einmal allein zu bleiben. Im Falle der Abhängigkeit von der Bestätigung durch andere kenne ich mich kaum und lebe mehr oder weniger fremdbestimmt, indem ich mich an dem Ziel orientiere, in anderen möglichst solche Reaktionen hervorzurufen, die eben nicht mich, wie ich bin, sondern mein selbst geschaffenes kompensatorisches Bild von mir bestätigen.

Beispiel Helfersyndrom: Weil ich mich nicht so aushalte, wie ich bin, und weil ich die Unsicherheit, die mich in der Nähe anderer Menschen befällt, kaum ertrage, suche ich mir eine Rolle, in der ich einen herausgehobenen Status genieße. Helfern ist man dankbar. Bleibt die Dankbarkeit aber aus, reagiere ich entsprechend unsicher bzw. verärgert. Man bestätigt mich nicht – was mich entweder anspornt, noch mehr zu helfen, oder, falls dies nicht funktioniert, das jeweilige Gegenüber abzuwerten („Die haben so viele Probleme, sehen das aber gar nicht ein!“) oder mich komplett abzuwenden („So ein undankbarer Mensch! Was ich alles für ihn gemacht habe. Dafür kann ich doch mindestens ein bißchen Dankbarkeit erwarten, oder?“).

Im Grunde wiederholt man dann, was die Eltern einem vorgelebt haben, und zwar ebenso unbeabsichtigt wie unbemerkt. Viele handeln sogar in dem Glauben, dass sie völlig anders als ihre Eltern seien. Und sind von der Erkenntnis, dass dem nicht so ist, so geschockt, dass sie dies nicht wahrhaben wollen und demjenigen, der die entsprechende Konfrontation ausgesprochen hat, mit dem Abbruch der Beziehung drohen. Ihrerseits haben es die Eltern in der Regel nicht böse gemeint. Sie wussten es ihrerseits zumeist nicht besser und haben selbst nur versucht, ihre eigenen Wunden zu verbergen. Auch die Eltern hatten in der Regel Wunschbilder von sich, also – drastisch formuliert – Lebenslügen, die sie aufrecht erhalten wollten.

Die schwerste Lektion

„Dein Gefühl stimmt nicht!“ heißt im Grunde: „Ich stelle Dich in Frage, weil ich dadurch an meiner Welt festhalten kann. Ich weiß, dass ich überfordert und genervt bin, aber das gebe ich nicht zu. Ich will auch nicht wissen, warum ich so bin. Ich will, dass Du mir das Gefühl gibst, dass alles in Ordnung ist. Deshalb kann es nicht sein, dass Du so fühlst, wie Du fühlst. Schau, was ich alles für Dich getan habe! Ich meine es doch gut! Dafür darf ich auch erwarten, dass Du sorgsam mit mir umgehst. Ach, ich weiß, Du bist zu jung dazu. Aber das lernst Du schon noch. Komm, sei schön lieb, setz Dich her, Dein Anfall geht schon wieder vorbei. Ich habe Dich lieb, wenn Du lieb zu mir bist. Alles andere würde mich umbringen, und Du willst doch nicht, dass ich mir einen Strick nehme, oder?“

Diese Sätze sind eine Mischung aus Gedanken, die kaum jemand so aussprechen würde, und Sätzen, die Kindern tatsächlich gesagt werden. Durch solche Gedanken und Sätze werden Kinder manipuliert und dazu gebracht, die Welt des betreffenden Elternteils zu bestätigen. Und das alles, weil sich jemand selbst nicht lieb haben kann! Weil es ihm ausgetrieben bzw. „wegmanipuliert“ wurde. Sich selbst lieb haben – klingt einfach, aber ist wohl die schwerste Lektion, die ein Mensch im Leben lernen kann.

Menschen mit Wunsch-Selbstbildern brauchen die Bestätigung von außen und machen sich vom Urteil anderer abhängig. Sie leben quasi für die Meinung anderer und nicht für sich selbst. Weil man nicht weiß, wer man selbst ist, lässt man das von sich geschaffene Bild von anderen bestätigen. Deshalb sind die Gefühle anderer wichtiger als die eigenen Gefühle. Daher der Verdacht, im Grunde nicht echt zu sein.

Innere Kälte als Preis für das Ersatz-Selbstbild

Ein Ersatz-Selbstbild zu schaffen und zu seiner Erhaltung sich selbst und andere zu belügen, bedeutet letztlich eine Entfernung von sich selbst. Weil sich jemand nicht so annehmen kann, wie er ist und sich nicht vertraut, geht er in die Distanz zu sich selbst – aber nicht im Sinne eines reflektierenden Nachdenkens über sich, sondern im Sinne eines vom „Anders-Sein“ träumenden, das eigentliche Selbst verleugnenden Ersatz-Selbstbildes. Man sorgt durch entsprechende Handlungen für die Bestätigung durch andere und stabilisiert so das Ersatz-Selbst immer mehr, bis man sich soweit von seinem eigentlichen Selbst entfernt hat, dass man nicht mehr darauf zugreifen kann. Das Resultat ist eine beinahe vollständige Fokussierung auf die Emotionen anderer unter Vernachlässigung der eigenen Emotionen. Man „erkaltet“ in Bezug auf sich selbst – und damit auch anderen gegenüber. 

Das klingt zunächst paradox, richten Betroffene doch ihren Fokus auf die Emotionen anderer. Sie tun dies aber nicht in erster Linie empathisch, sondern zunächst in gewisser Weise „berechnend“, denn sie beobachten die Reaktionen ihres Gegenübers, um ihre eigenen Handlungen auf das Gegenüber „abzustimmen“. Wirkliche Empathie würde ein „echtes Selbst“ voraussetzen, genau diesem traut man aber nicht – und damit auch nicht den eigenen Emotionen. Der Preis für das Ersatz-Selbst ist also eine mehr oder weniger „kalte Berechnung“ des Miteinanders. Sein falsches Selbst zu erkennen würde zur Folge haben, tiefgreifend über sein Leben nachzudenken und es ggf. zu ändern. Weil man sich aber selbst nicht traut und die Reaktionen des Umfelds auf das eigentliche, unsichere, aus der Erfahrung der Nichtakzeptanz oder des Ungeliebtseins resultierende Selbst kaum ertragen kann, hat man sich ja das andere, das gute, geachtete, angesehene usw. Ersatz-Selbstbild oder Wunsch-Selbstbild geschaffen. Und damit man nie mehr die Erfahrung machen muss, nicht geliebt zu werden, hält man an diesem Ersatz-Selbstbild fest und lebt, zugespitzt formuliert, seine ganz eigene Lebenslüge – allerdings um den Preis einer gewissen Kälte zu sich selbst und zu anderen.

Wie kommt man da heraus?

Manche der bisherigen Darstellungen könnten den Eindruck erwecken, die Schaffung eines Ersatz-Selbstbildes sei ein absichtlicher Prozess, der mit einer bewussten Entscheidung beginnt. Dem ist nicht so. Niemand entscheidet das, es geschieht einfach, und zwar durch ganz selbstverständliche, alltägliche Interaktion. Allein der Umstand, all das in solcher Ausführlichkeit zu beschreiben und Worte zu finden für etwas, das unbewusst abläuft, könnte den besagten Eindruck hinterlassen. Auch die später wirksamen Ersatz-Selbstbilder sind nicht bewusst – sie ersetzen ja das Selbst um den Preis der beschriebenen Selbst-Entfremdung bzw. emotionalen „Erkaltung“. Was bewusst werden kann, ist ein gewisses Unbehagen, sind Fremdheitsgefühle in Bezug auf sich selbst, sind ggf. Symptome. Dass es sich um einen beinahe vollständigen Ersatz handelt und die damit verbundenen Reaktionen „automatisch“ ablaufen, zum Wunsch- oder Ersatz-Selbstbild oder „falschen Selbst“ (Maaz) auch ebensolche „falschen“ Emotionen gehören, wird anhand des folgenden Abschnitts über die „symbiotische Kränkung“ klar. 

Emotionen können ja eigentlich nicht falsch sein – sie sind ja da. Aber wenn die ganze Identität durch die Erfahrung des Ungeliebtseins, der existentiellen Hinterfragung usw. regelrecht ersetzt wurde, dann handelt es sich auch bei den Emotionen um zu einer Maske passenden bzw. entsprechend „berechneten“ Ersatz. Nur mit dem Umstand, dass man das dann nicht bemerkt. Aus dem Bedürfnis, mit einer existentiellen Hinterfragung einhergehenden Schmerz zu vermeiden, erwächst eine Selbst-Entfremdung, die zum Verlust des Selbstvertrauens führt. Die vielversprechende Lösung ist ein Ersatz-Selbstbild, das mühevoll aufgebaut und aufrechterhalten werden muss. Man bleibt quasi in der Verbannung der Selbst-Entfremdung, tut aber so, als wäre dem nicht so, sondern als wäre alles „heile“. Der Preis dafür ist erkaltetes oder „berechnetes“ Leben. Der Ausweg wäre, aus der Verbannung zurückzukehren, das eigene Selbst zu ertragen und langsam zu lernen, dass die anderen einen dennoch mögen – auch wenn man nicht überdurchschnittlich leistet, hilft, liebt usw. Indem man sich selbst erträgt und lernt, dass man lieb zu sich selbst sein darf, sind Korrekturen möglich. 

Die symbiotische Kränkung

Zu einer „symbiotischen Kränkung“ kommt es, wenn man seinem Gegenüber sein Ersatz-Selbstbild zwar präsentiert, das Gegenüber dieses Bild aber nicht oder nicht vollständig bestätigt, also „bei sich“ bleibt und nicht in die symbiotische Verschmelzung mit dem Ersatz-Selbstbild geht. Man erzählt also von seinen besonderen Leistungen oder tut besonders viel für sein Gegenüber oder will jeden Aspekt seines Lebens (bspw. jede einzelne Sekunde des gemeinsamen Lebens) mit dem Gegenüber teilen. Das Gegenüber geht darauf aber nur teilweise ein und handelt in anderen Teilen „abgegrenzt“, unternimmt also weiterhin etwas allein, will nicht alles teilen oder betont, dass es ihm gar nicht auf die Leistungen ankomme, sondern auf einen selbst, und dass er einen als Menschen möge und weniger wegen der besonderen Leistungen. 

Solche Erfahrungen werden für Betroffene zur existentiellen Irritation – was man unbedingt vermeiden wollte (die existentielle Hinterfragung), geschieht wieder. Die Folge: Man hat das Gefühl, sich selbst zu verlieren, wenn das Gegenüber das Wunschbild nicht bestätigt. Man fühlt sich persönlich angegriffen.

Aber so ist es ja nicht. Das meint das Gegenüber gewiss nicht. Es stellt sich nur in der eigenen Erfahrung so dar. Und die Erfahrung ist in solchen Momenten „existentiell“, das heißt, man kann sich dem nicht oder nur sehr schwer entziehen. Jenes Theaterstück, das einen eigentlich „heilen“ sollte, fällt einem nun „voll und ganz“ auf die Füße. Das ist die Erfahrungsqualität. 

Was ist aber tatsächlich passiert? Das Gegenüber hat nur wie ein normaler Mensch gehandelt – ist auf manches eingegangen und auf anderes nicht. Tatsächlich wurde nur ein wenig Luft aus dem Wunschbild gelassen.

Besonders deutlich wird dies, wenn man sich vorstellt, was geschieht, wenn Menschen mit Ersatz-Selbstbildern lieben. Das Ersatz-Ich geht dann im Gegenüber auf, sehnt sich nach vollständiger Verschmelzung und meint, endlich die eine Partnerin oder den einen Partner gefunden zu haben. Es geht einem endlich gut, man ist nicht mehr unsicher, man fühlt sich aufgehoben, bestätigt, geliebt – aber eben nicht aus sich selbst heraus, sondern nur durch den anderen.

Wenn sich nun herausstellt, dass der andere (der geliebte Mensch!) noch ein eigenes Leben hat, es ihm offensichtlich auch ohne mich gut geht, dann kommt es zur Kränkung: Er braucht mich nicht so, wie ich ihn brauche! 

Das Gegenüber fragt man dann: „Warum brauchst Du mich nicht genauso, wie ich Dich brauche?“ 

Eigentlich heißt das aber: „Ich brauche dich so sehr, ich will Zeit mit dir verbringen, will, dass du da bist und mich bestätigst, ich brauche dich als Selbstwertstütze! Ich bin gekränkt darüber, dass Du noch eine eigene Meinung hast. Ich habe doch auch keine Meinung mehr, bin mit Dir verschmolzen, will nur mit Dir, für Dich sein!“

Und dann sagt man: „Ich verletze Dich doch auch nicht so, wie Du mich!“ Was das Gegenüber freilich nicht versteht.

Man liebt das Gegenüber also nicht um seiner selbst willen. Es geht bei solcher Liebe vielmehr um die eigene Person. Um Bestätigung. Um Seelenfrieden. Darum, dass endlich Ruhe ist. Dass es keine existentiellen Hinterfragungen mehr gibt. Das weiß das Gegenüber aber nicht. Man selbst weiß es ja auch nicht. Und wenn, dann würde man es nicht sagen.

Der Ausweg liegt darin, das Gegenüber freizulassen. Aus der unausgesprochenen Verpflichtung zu entlassen, qua symbiotischer Verschmelzung das eigene Wunschbild zu bestätigen. Was auf Dauer ohnehin nicht funktionieren würde, denn irgendwann merkt jedes Gegenüber, dass etwas nicht stimmt. Dass es sich um ein Theaterstück handelt, in dem das Gegenüber eine Rolle spielt. Dass es nicht um das Gegenüber, sondern um mein Theaterstück geht. Lässt man das Gegenüber nicht frei, geht es irgendwann selbst. Oder wird gegangen. Dann sucht man sich ein neues Gegenüber und entwickelt neue Verschmelzungsphantasien.

Lässt man das Gegenüber hingegen wirklich frei, so lebt man plötzlich unsicher. Man muss sich dann selbst ertragen, ist auf sich und seine ganze erlebte existentielle Hinterfragung zurückgeworfen. Wenn man sich dann nicht wieder Halt in der Bestätigung von außen sucht, kann man lernen, sich zu finden, sich auszuhalten, sich mögen zu dürfen, sich zu achten, sich zu vertrauen. Aber das ist ein denkbar schmerzhafter Weg.

Gefangen in der Psychologisierung: Die endlose Hinterfragung seiner selbst

Der soeben beschriebene Weg kann gelingen, aber ihn zu gehen, ist wie gesagt sehr schmerzhaft. Und es gibt unterwegs viele Ablenkungen und Verlockungen, sich einzubilden, man hätte es schon geschafft und dann doch wieder in die alten Muster zu verfallen. Betrachten wir noch einmal den Entstehungs- und Korrekturprozess insgesamt:

  1. Irritation der eigenen Existenz durch die Erfahrung, nicht geliebt zu werden oder nur für bestimmte Leistungen Zuwendung zu erfahren / Erfahrung einer „existentiellen Hinterfragung“
  2. Aufbau eines „kompensatorischen“ oder „Ersatz-Selbstbildes“
  3. Interaktion mit anderen vor allem zur Bestätigung des Ersatz-Selbstbildes, zunehmend Erfahrung von Sicherheit in diesem Ersatz-Selbstbild verbunden mit entsprechenden Erfolgen, Statusgewinnen, Beziehungen etc.
  4. Ggf. Entdeckung des Ersatz-Selbstbildes und der damit verbundenen Muster im Zuge etwa einer Lebenskrise verbunden mit der Erkenntnis, sich selbst und andere zu belügen
  5. Erkenntnis, dass man selbst eigentlich immer noch so unsicher ist wie in jenen Situationen, die man nie wieder erleben wollte
  6. Versuche, die Unsicherheit zu ertragen, sich selbst auszuhalten, die entsprechenden Muster zu ändern, lieb zu sich selbst zu sein 

Letztere Versuche können vor allem gelingen, wenn man lernt, allein zu sein, seine eigene Verletzlichkeit zu erkennen und dennoch zu handeln. Bei sich zu bleiben, die eigene Verletzlichkeit nicht mehr schützen zu wollen, die Harnische der Ersatz-Selbstbilder abzulegen und für sich selbst einzustehen. Gelingt dies nicht – Alleinsein ist eine existentielle Erfahrung, bspw. wenn man in einer Teamsitzung eine abweichende Meinung hat und auf dieser beharren will, weil man gute Argumente hat und obwohl das Team als Ganzes dagegen zu sein scheint – kann es sein, dass man in einer Spirale der permanenten Selbsthinterfragung oder des andauernden Psychologisierens landet. Man hat ja einmal erkannt, dass man sich und anderen etwas vormacht. Das bedeutet auch, dass man dies wieder erkennen wird. Hält man sich dann aber nicht aus – findet man sich nicht, weil der Weg dahin zu scherzhaft ist und man nicht lernt, allein zu sein – bleibt man in einer Art Zwischenwelt gefangen. Diese Zwischenwelt besteht aus falschen Selbstbildern und entsprechend geknüpften Beziehungen auf der einen Seite und der Erkenntnis, dass diese falsch sind, und sich daran anschließender Such- und Orientierungsprozesse auf der anderen Seite. Führt man diese Such- und Orientierungsprozesse nicht zuende, ist die Gefahr groß, dass alles wieder von vorn beginnt und dass dabei die symbiotischen Phantasien mit der Zeit immer größer und bunter bzw. die „Heilungshoffnungen“ immer unrealistischer (und nicht selten: esoterischer) werden.

Fährst du deinen Porsche gegen die Wand?

Ich sitze gerade am Küchentisch, habe mir auf dem Weg von der Hochschule einen Berliner geholt und trinke Kaffee. Die letzte Vorlesung behandelte das Thema Umweltschutz, genauer gesagt Grundlagen der Ökologie. Das hat eigentlich nichts mit meinem Studium zu tun, sondern läuft unter dem Motto Studium Generale – man soll quasi über den Tellerrand hinaus gucken. Draußen scheint die Sonne und es ist ein schöner Frühlingstag, kurz habe ich überlegt, ob ich die Vorlesung ausfallen lassen soll, da unser Stundenplan eh bis unter den Rand voll ist. Aber ich habe eben doch nur kurz überlegt und bin dann geschlossen mit den anderen in den Hörsaal gegangen. Wir waren ca. 40 Studenten in unserem größten Hörsaal, viele sind nicht gekommen. Das Thema der Vorlesung lautete „Risiken und Herausforderungen, die die Menschheit bedrohen und für eine Energiewende sprechen“. Dieses Thema interessiert mich eigentlich sehr und ich probiere immer, im Rahmen meiner Möglichkeiten und Bequemlichkeiten, Umweltschutz in meinem Alltag aktiv umzusetzen.

Ich verzichte auf Plastiktüten, nehme, wenn es mir passt, das Rad anstatt des Autos und ernähre mich seit einiger Zeit mit weniger Fleisch. An sich bin ich damit eigentlich schon gut zufrieden. Wenn ich dran denke, mache ich hinter mir sogar das Licht aus, wenn ich aus dem Raum gehe, obwohl ich in fünf Minuten wiederkomme und selbst an Fair-Trade Kleidung traue ich mich langsam heran.

Also was soll man noch machen? Und die Gründe warum sind mir doch eigentlich bekannt!!!

Eigentlich sind sie doch jedem bekannt? Durch zu viel Energieverbrauch erzeugen wir C02, dies erwärmt unsere Erde, die Erde wird wärmer, das Eis schmilzt und und und?

Eintausendmal gehört, jedes Mal bleibt es uns auch für einige Sekunden in Erinnerung, aber wenn man mal ehrlich ist, probiert man diesen Gedanken so schnell wie möglich zu verdrängen, denn was soll man selber noch tun? Und im schlimmsten Fall läuft dann „nur“ Holland über? Also sind wir hier sicher? Warum sich dann Gedanken machen? Wenn es mich nicht betrifft und ich nichts ändern kann, dann genieße ich doch lieber den Sonnenschein oder guck auf Facebook, welche Party am Wochenende ansteht!

Naja nun, eine Stunde nach der Vorlesung, sitze ich hier in meiner Küche und meine Gedanken kreisen. Anscheinend lässt es mich doch nicht so kalt! Ich habe mir den Kaffee vom Vortag aufgewärmt anstatt, wie ich es sonst immer mache, ihn wegzukippen, um dann neuen zu kochen, ich will halt frischen Kaffee und das „ultimative Geschmackserlebnis“ genießen und nicht den alten Kaffee trinken, man gönnt sich ja sonst nichts?

Umweltschutz? Wo fängt das an? Wo hört das auf? Durch was hört es auf?

Die letzten Worte unseres Professors waren: „Ich habe den größten Teil meines Traumes, dass wir Menschen vernünftig genug sind, rechtzeitig zu reagieren, um unseren Planeten zu retten, aufgegeben.“

WAS HAT ER DA GESAGT? Ein Fachmann auf diesem Gebiet, ein gebildeter und erfahrener Professor? Wir werden die Kurve nicht bekommen? Kein Happy End?

Naja, wenn wir eh alle sterben, dann kann ich auch wieder anfangen zu rauchen! Warum mache ich mir dann überhaupt noch Sorgen?

Das waren einige meiner Gedankengänge, die mir auf dem Nachhauseweg kamen. Gepaart mit Gedanken wie: „Aber wir müssen doch unseren Kindern eine heile Welt hinterlassen?“ Allein der Satz : „Aber wir müssen doch unseren Kinder eine heile Welt hinterlassen!“ hängt mir aus den Ohren raus – der alltägliche Brei, den jeder durch Medien oder durch die Unterhaltung auf Feierlichkeiten regelmäßig vorgekaut bekommt oder vor allem selber kaut.

Und dann fallen mir die ganzen neuen Autos auf, die am Straßenrand stehen, eines schicker als das andere.

Mal im Ernst, wenn man einfach so einen Porsche geschenkt bekäme, dann würde man ihn doch hegen und pflegen, ihn teuer versichern, vielleicht sogar noch eine extra Garage anmieten, damit er nachts gut behütet und trocken steht.

Aber auf keinen Fall würde man ihn mit Vollgas vor die Wand fahren!

Man weiß ja, was passieren würde, man ist ja schließlich nicht doof!!!!

Das Auto wäre Kernschrott und wir wären höchst wahrscheinlich schwer verletzt und hätten ziemliche Schmerzen!

Doch warum machen wir genau das mit unserer Welt? Warum fahren wir unsere Welt mit vollem Bewusstsein gegen die Wand?

Eigentlich sollte ich jetzt gerade eine Hausarbeit über Lesetechniken schreiben, aber der Gedanke lässt mich einfach nicht los.

Wahrscheinlich ist auch genau das das Problem. Wir haben immer irgendwas zu tun! Unser Alltag ist von vorne bis hinten durchgetaktet. Wir probieren, alles unter einen Hut zu bekommen – Schule, Arbeit, Freunde, Familie, Kinder, und vor allem müssen wir uns auch um uns selbst kümmern!

Wer hat schon Bock, sich nach der Arbeit oder nach der Schule noch mit „Umweltschutz“ oder „Polschmelze“ zu beschäftigen? Und vor allem: Wenn man wirklich mal Zeit hat, wo soll man anfangen? Es gibt ein Übermaß an Angeboten! Habe ich wirklich Zeit, mich einmal in der Woche bei einer Organisation zu betätigen? Und habe ich da in zwei Wochen auch immer noch Lust drauf? Noch mehr Verpflichtungen? Und wenn ich Urlaub habe, will ich doch einfach mal ausspannen, schließlich will ich ja was vom Leben haben.

Wahrscheinlich will jeder Mensch doch einfach nur glücklich sein. Aber das Glück sieht für jeden auch anders aus. Für den einen ist Glück ein schöner Sportwagen, der andere freut sich über eine Weltreise, über das Kennenlernen anderer Kulturen oder er möchte sich unbedingt ein großes schönes Haus für sich und seine Familie leisten. Jeder hat seine eigenen Ziele, und Reichtum ist weder gut noch schlecht aber wo will man sein Haus erbauen, wenn es keinen geeigneten Platz mehr gibt, auf welchen Straßen will man mit seinem Sportwagen fahren, wenn diese mit Wasser überflutet sind?

Umweltschutz fängt im Kleinen an.

Und auch die großen Firmen, die immer für die Umweltverschmutzung verantwortlich gemacht werden, bestehen aus Menschen. Es sind die einzelnen Angestellten einer Firma, die den Ausschlag geben. Egal ob Managerin oder Angestellter, ob vollzeitbeschäftigt oder erwerbslos, egal ob Familien-Vater oder Schülerin, jeder oder jede kann in seinem Maße etwas verändern und dazu beitragen.

Genieße dein Leben aber denke dran, dass dies auch in Zukunft noch möglich sein sollte.

Gestalte Umweltschutz in deinem Leben, wie es dir möglich ist.

Also, wo fängst du an?

 

David Niemann

Burnout – Störung oder Trendsportart? Wenn Psychologen nicht mehr hilfreich sind, sondern zum Teil des Problems werden

Wo Psychologie hilfreich sein kann und wo nicht: die Gratwanderung zwischen einer Kultur der Verdrängung und einer Kultur des Psychologisierens

Wir kommen aus einer Zeit, in der seelische Probleme eher verdrängt wurden. Zwar gab es in der Regel Alltagsbezeichnungen für heute diagnostizierbare Phänomene. So wurden etwa Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen als „Kriegszitterer“ bezeichnet. Aber es war Teil der Kultur in vielen Organisationen, solche Dinge nicht zu thematisieren. Man hatte sich zusammenzureißen. In den siebziger, achtziger und neunziger Jahren veränderte sich das diesbezügliche Klima. Die Diagnostik fand Namen für Erschöpfungs- und Belastungszustände, und man fand Wege, betroffenen Menschen zu helfen. Gleichzeitig erhielt die Psychologie in vielen Bildungsgängen, Management-Trainings usw. immer mehr Raum. Man wurde in den Organisationen auf Erschöpfungs- und Belastungsphänomene aufmerksam, wurde sensibler für die Entstehung und die Faktoren, wollte ggf. helfen. So wurde es möglicher, dass Betroffene sich ohne stigmatisierende Folgen helfen lassen konnten. Das war zu Beginn sicher auch gut so. Ein wirklich betroffener Mensch musste weniger Angst haben, stigmatisiert zu werden. Zwar sind in einigen Organisationen die Echos der früheren Kultur des Verdrängens noch zu spüren, aber im Großen und Ganzen ist man heute deutlich offener, was den Umgang mit Erschöpfungs- und Belastungsphänomenen angeht. Allerdings fürchte ich, dass das Pendel an einigen Stellen zu weit ausgeschlagen ist. Die Psychologie blieb nicht nur hilfreich. Diagnosen haben leider eine Tendenz, sich auszubreiten, quasi immer generalisierter angewandt zu werden.

Wenn jemand etwas hat, soll ihm geholfen werden. Aber Teile der Psychologen- und Ärzteschaft sind hier meines Erachtens nicht mehr hilfreich, indem sie – mehr oder minder unbeabsichtigt – bewirken, dass Betroffene ihre Erschöpfungs- oder Belastungssymptome gleichsam „konservieren“. Die sechste Kur kann vielleicht doch noch helfen, aber sie kann auch ein Genuss sein, von dem man langsam abhängig wird. Man hat vielleicht versucht, gegen die Symptome anzukämpfen. Man hat es vielleicht auch gewollt. Aber dann hat der nette Psychologe gesagt, man müsse ja nicht, und man solle sich vor allem Zeit nehmen. Wie lang ist so ein Zeitraum: zwei Wochen, sechs Monate, zwei Jahre? Viele, die vor Erschöpfung aufgeben, kommen nicht mehr hoch, weil sie sich daran gewöhnen. Zur (vorübergehenden) Einschränkung gehört auch die aktive Bewältigung. Wenn es geht. Ob es geht, erfährt man nur, wenn man es probiert. Und gerade diejenigen, die schwerer wieder hochkommen, müssen es öfter probieren, weil sie sonst allzu leicht den Glauben entwickeln, dass es gar nicht mehr gehen kann. Wenn es nicht geht, gut, dann ist es so. Dafür leben wir in einem Sozialstaat. Aber ich bezweifle, dass so viele Menschen, wie heuer diagnostiziert werden, wirklich diagnostiziert werden müssen. Die Ursache liegt meines Erachtens in Wechselwirkungen zwischen verbesserten Diagnoseinstrumenten, dem Umstand, dass man damit Geld verdienen kann, der Unsicherheit vieler Menschen in Bezug auf ihre Selbstheilungskräfte und dem wachsenden „Ratgeberwissen“.

  1. Vermehrung und Verfeinerung der Diagnoseinstrumente: Die psychologische Forschung bleibt nicht stehen, sondern differenziert das vorhandene Instrumentarium immer weiter aus. Psychologen beobachten, überprüfen ihre Beobachtungen und geben dem, was der Überprüfung standhält, Namen. In den vergangenen dreißig Jahren hat sich die Psychologie aber immer weiter davon entfernt, eine hilfreiche Wissenschaft zu sein. Die universitäre Psychologie ist zu einer beinahe reinen Forschungs- und Methodenwissenschaft geworden, die naturwissenschaftliche Routinen anwendet und Ergebnisse generiert, die im wissenschaftlichen Kontext wertvoll sein mögen, für die Praxis der Psychologie aber immer weniger Relevanz besitzen.
  2. Geld verdienen: Indem Krankenkassen Hilfeleistungen bezahlen, die einem relativ starren Kriterienkatalog entsprechen müssen, sind Helfer dazu gezwungen, ihre Darstellungen und Aktivitäten dem Kriterienkatalog anzupassen. So kommt es, dass aus gesunden Menschen solche mit einer Diagnose werden, weil man ihnen sonst nicht (bezahlt) helfen könnte. Hinzu kommt, dass die Helfer-Welten in der Regel keine Instrumente zur Feststellung des Normalfalls haben, sondern nur solche für den Krankheitsfall. Und diese Messinstrumente schlagen unter Umständen auch dann aus, wenn gar nichts ist. Unter amerikanischen Psychologen und Psychiatern gab es eine heftige Diskussion darüber, ob man Donald Trump ferndiagnostizieren dürfe oder nicht. Einer der Autoren der Diagnosekriterien für Narzissmuss meinte dann, es sei egal, ob der Präsident ein Weltklasse-Narzisst sei oder nicht, entscheidend sei, ob er selbst einen Leidensdruck verspüre oder nicht. Außerdem sei die Lösung für das von vielen Psychologen gesehene Problem eine politische und keine mit psychologischen Mitteln herbeiführbare. Das schmerzhafte Fazit lautet hier: wenn man zum Psychologen geht, findet der in der Regel auch etwas, weil er ja darauf spezialisiert ist und sein Geld damit verdient. Hier ist die Ethik der Psychologie gefragt. Allerdings reagieren Psychologen oft recht irritiert, wenn man sie nach ihrer Ethik befragt. Sie reden dann von der Vermeidung von Macht oder von wertschätzender Grundhaltung. An die hinter der Psychologie als gesamter Disziplin liegenden Grundannahmen und Implikationen kommen sie mit ihrem Denken in der Regel nicht heran.
  3. Unsicherheit bzgl. der eigenen Selbstheilungskräfte: Wir leben in Zeiten, in denen wir sehr viel von Selbstreflexion, Aufarbeitung usw. halten. Das Problem hierbei ist, dass mit zunehmender Indiviadualisierung aus einer ansich ja notwendigen und hilfreichen Selbstreflexion eher eine Selbstrotation geworden ist. Das „große Ich“ („Big Me“) steht mit seinen Interessen im Mittelpunkt. Heute junge Menschen träumen häufiger von großen Taten, Erfindungen etc. als frühere Generationen, aber sie tun dies viel weniger mit dem Blick auf andere, sondern eher mit dem Blick auf sich bzw. auf das Bild von sich, das die anderen in ihnen sehen sollen. Mit dieser Fokussierung auf sich selbst geht zunehmend die Intuition verloren. Wenn ich mich immer mehr um mich selbst drehe und selbst mein Maßstab bin, weiß ich immer weniger, was richtig oder falsch ist. Dadurch geht die Intuition verloren, was mir hilft und was nicht, was gut für mich ist und was nicht. Ich werde in Seminaren zunehmend Dinge gefragt, die vor zwanzig Jahren noch selbstverständlich gewesen wären, beispielsweise ob man einem Mitarbeiter in bestimmten Situationen Grenzen setzen sollte.
  4. Ratgeberwissen: Die letzte Entwicklung wird durch einen weiteren Trend verstärkt. Die fehlende Intuition wird mit Ratgeber-Lektüre ersetzt. Daraus resultiert ein Halbwissen, das – vorgeblich der Selbstreflexion dienend – wie eine Art ständig nebenherlaufendes Korrektiv die Selbstrotation noch verstärkt. Niveau und Qualität dieser Erkenntnisse liegen in vielen Fällen auf dem Level dessen, was man als „Küchenpsychologie“ bezeichnet. Kürzlich setzte sich ein Kabarettist zu mir an den Kneipentisch. Wir kannten uns nicht, stellten einander vor, und als ich sagte, ich sei Psychologe, platzte es aus meinem Gegenüber lachend heraus: „Aber das kann doch jeder! Ein bißchen nett, ein bißchen zuhören, und fertig ist die Rechnung!“

Wann haben wir begonnen, es zu übertreiben?

Was ich mit diesen Darstellungen verdeutlichen will, ist die Gratwanderung, die es heutzutage bedeutet, als Psychologe hilfreich zu bleiben. Unser Blick richtet sich gewohnheitsmäßig noch auf die Kultur der Verdrängung. Dabei bekommen viele nicht mit, dass es mittlerweile eine Kultur des Psychologisierens gibt, in der auch früher selbstverständliche Zusammenhänge durch Psychologisierung ausgehebelt werden können. Das folgende Beispiel soll tatsächlich stattgefunden haben:

Situation: Ausbilder mit einigen Rekruten in einem Waldgebiet, vor ihnen eine ausgefahrene Panzerspur; der Ausbilder befiehlt, durch die Rinne zu kriechen; einige Rekruten tun dies, ein Rekrut bleibt stehen.

Ausbilder: „Kriechen Sie hier durch!“

Rekrut: „Nein, der Boden ist nass, und es gibt keine Gefechtserfordernis, das zu machen.“

Ausbilder: wird rot

Rekrut, noch bevor der Ausbilder etwas sagt: „Wenn Sie mich anschreien, gehe ich zum Psychologen.“

Am Ende wurde der Ausbilder laut, war der Rekrut beim Psychologen, gab es eine entsprechende Beschwerde und wurde der Ausbilder verwarnt.

Man mag von diesem Beispiel halten, was man möchte. Für die einen ist es ein Beleg, dass sich die Bundeswehr tatsächlich verändert hat und man heute nicht nur anders als früher führen soll, sondern dass es auch Konsequenzen hat, wenn man es nicht tut. Für die anderen ist es ein Beleg dafür, dass einer der wichtigsten Faktoren für die Einsatzstärke einer Einheit – die Bindung zwischen den Soldaten zum einen und die Bindung zwischen den Soldaten und ihrem jeweiligen Vorgesetzten – durch wachsende Individualisierung und Durchsetzung entsprechender Interessen und Belange zunehmend ausgehöhlt wird. Wie auch immer die Leserin oder der Leser das Beispiel bewerten mag – eines möchte ich festhalten: Wenn Psychologen dabei helfen, eine Organisation, die definitionsgemäß in der Lage sein soll, unter Druck zu funktionieren, derart in Frage zu stellen, dann hat dies Folgen für die betreffende Organisation. Ich will damit nicht den Drill früherer Jahre rechtfertigen. Die Frage, die ich stellen möchte, lautet: wie weit hat sich das Pendel mittlerweile vom Drill wegbewegt, und inwieweit haben die Folgen der Individualisierung, die ja von vielen (und auch von mir!) nach der Wende als Befreiung empfunden wurde, mittlerweile selbst problematische Situationen hervorgerufen? Wann beginnt sich der Charakter der Freiheit („Bürger in Uniform“) in einen Geist der Hinterfragung jedweder Selbstverständlichkeit zu verwandeln? Wann haben wir begonnen, es zu übertreiben? Und wo haben Psychologen dabei geholfen – und tun es noch?

Wenn aus hart erkämpften Rechten zunehmend selbstverständliche Ansprüche werden

Nicht alle Leser werden mir folgen, wenn ich das, was ich hier sagen will, mit Beispielen aus der militärischen Welt zu plausibilisieren versuche. Manchmal werden die tatsächlichen Zusammenhänge durch kontrastreiche Beispiele aber umso deutlicher. Es sei deshalb ein weiteres Beispiel aus eben dieser Welt angeführt: Wie jeder weiß, kann es gefährlich sein, in einen Auslandseinsatz zu gehen. Nun gibt es eine ganze Reihe von Soldaten, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht in einen bestimmten Auslandseinsatz gehen können. Dieses „nicht können“ ist an und für sich eine schützenswerte Einrichtung. Aber Gelegenheit macht Schule, und so gibt es eine nicht näher bestimmbare Zahl von Soldaten, die sich vermittels einer Diagnose gleichsam vor dem Auslandseinsatz schützen. Falls ich hier nicht ganz falsch liege, dann stimmt etwas nicht, und daran sind Psychologen nicht unschuldig. Das Schlimme daran: So etwas kommt für die tatsächlich von Erschöpfungs- oder Belastungssymptomen Betroffenen einem Schlag ins Gesicht gleich. Zu den oben genannten vier Punkten (verbesserte Diagnoseinstrumente bis Ratgeberwissen) kommt also noch ein fünfter Punkt hinzu. „Schlechte Beispiele machen Schule“, könnte man diesen Punkt nennen, oder „Weil sie es können“ oder schlicht „Trittbrettfahrerei“. Eine eigentlich als Hilfesystem gedachte Einrichtung wird auf diese Weise erst langsam ausgehöhlt und dann zur juristisch durchzufechtenden Farce, an die keiner mehr so richtig glaubt, gegen die aber auch keiner etwas machen kann, weil Psychologen und später Juristen die entsprechenden Rechte akribisch bewachen. Aus hart erkämpften Rechten werden so zunehmend selbstverständliche Ansprüche.

Wenn diese Beispiele noch nicht ausreichen, sei hier ein weiterer Zusammenhang dargestellt, den ich für hochgradig problematisch halte:

Wie Suggestion funktioniert

Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: Eine Lehrerin fährt zur Kur. Sie hat ein paar Jahre als Klassenlehrerin hinter sich und ihre Klasse, die sie als anstrengend erlebt hat, endlich abgegeben. Sie hat in den letzten beiden Jahren schlecht geschlafen, ihre Ärztin meinte zuletzt, dass sie schlecht aussehe („ganz grau irgendwie“). Sie hat früher viel Sport getrieben, aber in den letzten Jahren ist das ebenso eingeschlafen wie das Interesse an ihrem Mann. Man lebt so nebeneinander her. Die Möglichkeit einer Kur hat sie begeistert aufgenommen. Und dann ist da dieser Psychologe, ein bißchen jünger als die Dame, einfühlsam und verständnisvoll, mit großem Interesse für sie als Mensch. In der ersten Sitzung fragt er sie nach ihrem Berufsleben, nach ihrer Zufriedenheit, ihren Plänen, ihren Gedanken zu der Frage, was sie alles für sich tun könnte, jetzt, wo sie doch so viel für andere gemacht habe. In der nächsten Sitzung fragt er sie, wo nach ihrer Ansicht die Ursachen liegen könnten. Nachdem sie lange über ihren Beruf, das Lehrerkollegium und die abgegebene Klasse gesprochen hat, fragt er am Ende der Sitzung, ob es vielleicht noch andere Ursachen gebe, möglicherweise auch im Privatleben. Während der Tage bis zur nächsten Sitzung denkt sie nach und erzählt dem Therapeuten dann ausführlich von ihrem Mann. Wie der nette Psychologe da so sitzt und nickt, kommt er ihr wie der Gegenentwurf zu ihrem Ehemann vor. Natürlich verbietet sie sich solche Gedanken. Aber der Zweifel nagt weiter. „Wie könnte Ihr Mann Sie denn besser unterstützen? Oder anders gefragt: Was erwarten Sie eigentlich von Ihrem Mann?“ fragt er. „Das weiß ich gar nicht. Eigentlich nichts mehr.“, antwortet sie. „Inwiefern könnte das Teil des Problems sein?“, fragt er. Und so weiter. Er triggert an, sie vertieft die entsprechenden Gedanken – zweifelt immer mehr. Wenn sie nach der Kur zuhause ankommt, wird sie bereits einen Scheidungsanwalt angerufen haben.

Solcherlei sanfte, kaum merkliche Suggestionen finden – in der Regel ohne böse Absicht, wohl aber oft mit einer Art wenig bewusster Hintergrundtheorie von Gut und Böse, Zusammenbleiben oder Trennung, normaler Erschöpfung oder Burnout usw. – täglich hundertfach statt. In Alltagsgesprächen mag das angehen, problematisch wird es, wenn damit Scheinerinnerungen oder grundlegende Einstellungsänderungen provoziert werden, welche die betroffene Person zu Gefühlen, Entscheidungen usw. bewegen, die sie vorher so nicht gewollt hätte. Das Problem ist hier, dass die Person nachher mit den betreffenden Gefühlen und Entscheidungen in der Regel erst einmal sehr glücklich ist. Einen Rückschluss auf vorher und eine entsprechende Korrektur sind nicht mehr möglich, denn es ist ja augenscheinlich alles gut.

Psychologen besitzen durchaus die Macht, jemanden in Burnout, eine posttraumatische Belastungsstörung etc. „hineinzucoachen“, und zwar nur durch Fragen. Diese Fragen müssen noch nicht einmal vordergründig suggestiv sein. Eine subtile Erwähnung der entsprechenden Faktoren in einem Nebensatz und die beiläufige Wiederholung der Begriffe in anderen, ebenso beiläufigen Nebensätzen, reicht oft schon aus, denn was zwischen Psychologen und Klienten wirkt, ist vor allem die Bindung. Wenn diese geeignet ist, einen innigen Austausch entstehen zu lassen, dann sind Suggestionen mit sehr geringen Mitteln möglich. Die betreffenden Psychologen können hinterher immer behaupten, dass sie dies oder jenes nie gesagt hätten. Haben sie ja auch nicht, sie haben es nur beiläufig suggeriert, indem sie scheinbar offene Fragen gestellt haben.

Es kommt also sehr darauf an, welche „Hintergrundtheorie“ eine Psychologin oder ein Psychologe vertritt. Glaubt sie bspw. nicht an langfristige Beziehungen, sondern hängt dem Konzept der Lebensabschnittspartnerschaften an? Glaubt er bspw. daran, dass Depressionen die „normale Erkältung der Psyche“ sind, und dass Burnout dementsprechend passieren kann und mit bestimmten Schritten unter Umständen von ganz allein wieder weggeht? Oder glaubt er, dass, wer einmal Burnout hatte, wieder dort landet, wenn er nicht eine ganz lange Auszeit nimmt und sein Leben mit zunächst auch medikamentöser Unterstützung radikal ändert? Solche – oft noch nicht einmal ganz bewussten – Glaubenssätze haben, so will ich meinen, einen großen Einfluss auf das psychologische Handeln.

Was hilft, ohne dass man gleich zum Psychologen muss?

Leider gilt in der Praxis oft genug der Satz: Grenzen bemerkt man erst, wenn man dran oder darüber hinweggegangen ist. Im Nachhinein fällt vielen Betroffenen auf, dass sie die Sache kommen sehen haben. Ein latentes Gefühl der Überforderung, immer neue Zielsetzungen, es doch zu schaffen, Durchhalteparolen gegenüber sich selbst, über Monate oder Jahre hinweg immer weniger Schlaf. Erst fallen die Hobbies weg, dann folgen Schlaf- und Bewegungsmangel, schließlich kommt mit dem Stress und der Schlaflosigkeit bei manchen das Übergewicht, bei anderen der Alkohol oder der Dauerstreit zuhause. So manche Beziehung wird eher dem Stress geopfert als tatsächlichen Problemen. Schließlich landet man in der Depression, fühlt sich völlig antriebslos, kann aber kaum schlafen, leidet an Selbstzweifeln bis hin zu Selbstmordgedanken. Ist man voll und ganz „drin“, hilft in der Regel nur der Gang zum Arzt. Da können selbst versierte Psychologen oft nur einen Teil der notwendigen Hilfe leisten. Aber für den Fall, dass man es früh genug merkt – oder man von Kollegen, Familienmitgliedern oder dem Hausarzt angesprochen wird und – wie so oft in solchen Fällen – die Hinweise nicht abblockt, sondern annimmt, was man hört, kann man selbst einiges gegen Burnout tun. Dann geht man einstweilen von einer „Gesundheitsvermutung“ aus. Eine solche Vermutung unterstellt, dass man nicht krank ist, keine Störung o.ä. hat, sondern gesund ist, es zwar übertrieben hat („Erkältung der Psyche“), die Situation aber bewältigen kann. Was dann zu tun ist, hat mehr mit der Veränderung praktischer Dinge im Leben zu tun als mit tiefschürfendem Psychologisieren. Es kann auch um die Sinnfrage gehen, aber auch die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens muss nicht zwingend eine sein, bei deren Beantwortung man einen Psychologen braucht. Hier sind die Dinge, die man tun kann, ohne jemanden konsultieren zu müssen:

  1. Man kann lernen, das Handy auszumachen und weniger zu arbeiten. Gehen Sie zeitiger nach Hause und lernen Sie, dass man ersetzbar ist. Es muss nicht alles gemacht werden. Lehnen Sie sich zurück und lernen Sie, Dinge bewusst auch einmal nicht zu machen. Sie werden sehen: das geht. Das heißt nicht, dass Sie nicht mehr arbeiten sollen. Sie können sich eine Auszeit nehmen, aber gehen Sie recht bald wieder arbeiten. Ziel ist ja zu lernen, die Arbeit anders in den Griff zu kriegen. Das schaffen Sie am Ehesten durch eine Änderung der Haltung. Diese Haltung können Sie sich beibringen, indem sie die gwünschte Haltung regelrecht einüben: Lehnen Sie sich zurück und lernen Sie, in den Situationen, in denen Sie sich bisher engagiert zu Wort gemeldet haben, öfter zu schweigen.
  2. Wenn man zu viel gemacht hat, ist es gut, sich zu zwingen, nichts zu machen. Wenig hilfreich ist es, die Arbeit mit weiteren Zielen (Hobby, Sport etc.) zu ersetzen. Das verlagert nur den Druck. Lernen Sie, zeitweise nichts zu machen. Übersteht man die ersten Stunden, wird es leichter.
  3. Mit dem Nichtstun verändert sich der Fokus. Familie, Hobbies etc. werden wieder wichtiger. Man lernt so, sich ganz beiläufig um die Dinge zu kümmern, die wirklich wichtig sind. Das hat nichts mit dem hippen Selbstoptimierungs-Egoismus zu tun, der aus jeder Aktivität eine Orgie der Selbstdarstellung macht, nach dem Motto: „Guckt mal, ich kann entspannt!“
  4. Nachdem man eine Weile herumgesessen hat, kann man anfangen, sich genügend zu bewegen. 10.000 Schritte am Tag sind nicht zu viel, wenn man sich daran gewöhnt. Man darf nur wie gesagt nicht ein weiteres Projekt draus machen. Viele ersetzen den Druck auf Arbeit durch Ziele beim Sport und verlagern den Druck damit nur. Langsame Steigerung ist hier das Gebot der Stunde.
  5. Versuchen Sie, gut zu schlafen. In der Regel kommt der bessere Schlaf mit zunehmender Entspannung.
  6. Arbeiten Sie weniger und nutzen Sie die frei werdende Zeit, um etwas zu tun, das Ihnen Spaß macht. Bücher, Freunde, ein früheres Hobby beispielsweise. Legen Sie sich ein Reservat zu, das nur Ihnen gehört – zwei Abende in der Woche nur für Sie beispielsweise.
  7. Achten Sie auf Ihre Ernährung. Kontrollieren Sie, was Sie essen, und lernen Sie, sich beim Einkaufen, abends vor dem Kühlschrank und mittags in der Kantine bewusst zu entscheiden. Die Merksätze, die Sie sich in solchen und anderen Situationen immer wieder sagen können, lauten beispielsweise: „Ich kann mich entscheiden. Nichts jagt mich. Ich kann das jetzt machen, muss es aber nicht. Ich lebe entspannt.“

Noch einmal: wer wirklich schwere Symptome hat, soll zum Arzt gehen. Ich fürchte aber, dass sich das Verständnis von schweren Symptomen verschoben hat und wir insgesamt „weicher“ geworden sind – weil wir es können, weil Psychologen und andere Helfer die jeweils eigenen Annahmen („Küchenpsychologie“) bestätigen oder insgesamt mehr diagnostizieren als früher, anstatt zunächst einmal auf die Selbstheilungskräfte zu fokussieren und die häufiger werdenden Eigendiagnosen wohlwollend in Frage stellen. Es ist wie bei angeblich gestörten Kindern: in vielen Fällen wäre die Gesundheitsvermutung hilfreicher als die Diagnose, weil sie den Kontext der Normalität wahrt und nicht zur Selbststigmatisierung beiträgt („Ich habe ADHS und heiße Justin.“). Gerade bei ADHS kann eine Ernährungsumstellung (zuckerarm, viel Gemüse) in Verbindung mit kontrolliertem Medienkonsum, vermehrter Bewegung und der Erfahrung von Liebe einerseits und Grenzen andererseits in der Interaktion mit den Eltern mindestens die gleiche Wirkung entfalten wie Ritalin. Ähnlich ist es bei Burnout: wenn ich erst einmal von einer Gesundheitsvermutung ausgehe, habe ich eine Chance, die ganze Sache ohne tiefgründiges Psychologisieren zu überstehen. Denn das Psychologisieren wird schnell zum Hobby: weiß ich erst einmal, wie das geht, komme ich auf immer mehr Gedanken. Im Extremfall sind flugs Scheinerinnerungen – bspw. an frühkindliche Traumata – herbeigezaubert. Deshalb sollten sich Psychologen der suggestiven Wirkung ihrer Worte bewusst sein. Allein die Motivation zu helfen, ein paar funktionierende Methoden und ein bißchen Wissen reichen nicht.

Fazit

Der heutigen Psychologie fehlt eine Ethik – eine These, die regelmäßig auf Ablehnung stößt, weil dem Beruf ja eine Haltung und damit auch eine Ethik innewohnt. Das stimmt, soweit es sich um Hilfe handelt. Aber die Hilfebedürftigkeit hat sich über die Maßen ausgebreitet. Hilfebedürftigkeit ist eine Frage des Blickwinkels und der Lichtverhältnisse geworden, sprich: sie ist jederzeit herstellbar, auch durch simple Behauptung. Eine Diagnose zur Untermauerung findet sich schon. Anders formuliert: der Normalfall ist uns abhanden gekommen.

Es dauert eine Weile, bis man versteht, dass es manchmal hilfreicher ist, etwas nicht zu tun (zu diagnostizieren zum Beispiel). Die Ethik eines Hilfesystems kippt um, wenn man es zu sehr an Geld bindet. Ohne Geld geht es nicht, das ist eine notwendige Konzession an den Grundmodus von Tauschgeschäften. Aber man muss aufpassen, wie weit man wirtschaftliche Orientierungen in ein System hereinlässt. Die Vermehrung und Verfeinerung der Diagnosen ist Hand in Hand mit einer Verbetriebswirtschaftlichung der Helfersysteme gegangen. Hinzu kam die zunehmende Popularisierung von Diagnosen bis hin zu ihrem – ich unterstelle – strategischen Missbrauch. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass ehemals hart erkämpfte Freiheiten zunehmend zur geforderten Selbstverständlichkeit geworden sind. Waren psychologisch fundierte Interventionen einstmals auch ein emanzipatorisches Instrument, verkommen sie heute stellenweise zum billigen Argument in der Verteidigung – in manchen Fällen recht beliebig erscheinender – individueller Ansprüche. Ein Psychologe muss sich also nicht mehr nur überlegen, ob und wie er hilft, sondern muss sich fragen, bei was er hilft und wozu er möglicherweise verhilft. In vielen Fällen, so fürchte ich, ist weniger Psychologie hilfreicher als mehr Psychologie.

Jörg Heidig

Das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen und die Lebenskrise um die 50: welche Fragen helfen

Ein interessanter Blickwinkel auf das Leben bietet sich, wenn man es als Muster aus „Geben“ und „Nehmen“ betrachtet. Stark vereinfachend könnte man sagen, dass man als Kind und in der Jugend vor allem nimmt und weniger gibt. Auch während man ausgebildet wird, studiert, ausprobiert o.ä. ist man eher beim Nehmen als beim Geben.

Das mögen Betroffene anders sehen, indem sie etwa ihre Abiturzeit oder ihre Ausbildung als Quälerei empfinden. Allerdings deutet das meines Erachtens weniger auf Quälerei, sondern eher auf die Frage nach dem Sinn hin. Wer seine Ausbildung oder sein Studium als mühselig erlebt, hat für die Mühen keine gute Erklärung. Sobald die Bemühungen einen Sinn haben, können sie quasi instrumentell verstanden werden. Es reicht also in der Regel aus, sich den Sinn seiner momentanen Bemühungen zu verdeutlichen und sich selbst oder durch andere zum Durchhalten aufzufordern. Nicht umsonst zeigen so genannte Selbstimpfungstrainings einige Wirkung. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass ein nicht zu verachtender Teil der heutigen Eltern ihre Kinder erzieht, als seien alle etwas Besonderes. Ist dies der Fall, kann das Problem zwei Gestalten annehmen. Entweder die Eltern rauben ihrem Kind die Anstrengungsbereitschaft, indem immer alles als „super“ bewertet wird, was das Kind tut. Wenn dann noch eine gewisse „Helikoptermentalität“ – also überwachender und allumsorgender Schutz in allen Lebenslagen, vor allem auch bei der Austragung kindlicher Konflikte und bei (an und für sich ja oft notwendigen) Grenzsetzungen oder Maßregelungen durch Lehrer – hinzukommt, geben die betroffenen Kinder schnell auf, wenn es wirklich mal anstrengend wird. Oder die Eltern setzen ihre Kinder unter einen subtilen Leistungsdruck. Die davon betroffenen Kinder werden meist sehr geliebt und wachsen auch in diesem Bewusstsein auf, allerdings bekommen sie auch – meist gut gemeint und unterschwellig – eingeimpft, dass sie besser sein müssen als andere, um in unserer Gesellschaft zu bestehen. Die Liebe wird quasi unbewusst auf Leistung und Verdienst konditioniert (siehe dazu „Love and Merit“ von David Brooks). Grundsätzlich ist Leistungsorientierung nichts Schlechtes, gehört sie doch zu den menschlichen Grundbedürfnissen, aber unter den heute jungen Menschen gibt es nicht wenige, die mit (häufig nur empfundenen, nicht einmal tatsächlichen) Minderleistungen schlecht umgehen können, bspw. heftig weinen, wenn sie keine Eins bekommen. Die Kompetenz, mit Niederlagen oder auch nur der eigenen Durchschnittlichkeit umgehen zu können, ist bei diesen Menschen nicht oder nur gering ausgeprägt. Der Begriff des Besonderen funktioniert nur, wenn es eine jeweils größere Masse des Normalen oder Durchschnittlichen gibt. Das sollten Eltern beachten, wenn sie ihrem Nachwuchs wieder einmal sagen, sie oder er sei etwas ganz, ganz Besonderes. Natürlich sagen Eltern so etwas, und sie sollen auch nicht ganz damit aufhören, die Frage ist nur, wie oft und in welchen Situationen sie das sagen. Wie so oft macht hier die Dosis das Gift.

Zurück zum Geben und Nehmen: Es gibt Phasen im Leben, in denen man nimmt. Die Kindheit und Jugend gehören zu diesen Phasen. Vielleicht ist das ein Grund für die häufige Beschreibung der Kindheit als „unbeschwerte Zeit“. Es gibt andererseits Phasen, in denen man gibt. War die studentische Zeit – zumindest, wenn man nicht drei Jobs hatte, um sich komplett selbst zu finanzieren – auch eine jener „unbeschwerten Phasen“, tritt danach meist der „Ernst des Lebens“ auf die Bühne. Man wird Teil einer Organisation, ist mit Erwartungen konfrontiert, will sich bewähren, vielleicht sogar Karriere machen. Man kann sich plötzlich vorstellen, Kinder zu bekommen, denkt über das Heiraten nach, renoviert eine Wohnung oder sogar ein Haus. Man macht vielleicht Schulden. Und dann findet man sich plötzlich in einem anderen Leben wieder. Frei nach dem Kierkegaardschen Spruch, nach dem das Leben vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden müsse, merkt man das auch nicht gleich, sondern schiebt irgendwann zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Geburtstag an einem ganz schnöden Abend mitten in der Woche den Einkaufskorb durch den Supermarkt und merkt, dass man in der Phase des Gebens angekommen ist. Übrigens hat niemand diese Situation mit dem Wagen im Supermarkt und der damit verbundenen Empfindung der Sinnentleerung und dem sich daraus ergebenden Ärger, der sich vor allem auf andere richtet, aber das eigene Leben meint, besser beschrieben als David Foster Wallace in seinem unübertroffenen Text „Das hier ist Wasser“.

Manchen mag diese Erkenntnis treffen wie ein Schlag. Aber die Verpflichtungen und die Verdrängung tun das ihre: man macht weiter – Haus bauen, Kinder in die Schule bringen, den Job halbwegs gut machen, sich um sein Team kümmern, die Freundin oder den Kumpel trösten, weil dort gerade die Beziehung in die Brüche geht, hoffen, dass einem das erspart bleibt – oder gerade nicht? Aber dann muss man wieder aufstehen, zackzack, ab ins Auto, nur nichts vergessen, wo ist der Einkaufszettel, schnauz mich nicht so an, nein, ich komme heute erst später nach Hause, mach Du bitte die Kinder und nein, ich will jetzt nicht schon wieder diskutieren. Und so weiter. Wenn diese Routinen unterbrochen werden, weil man Urlaub hat oder zur Kur ist oder weil man beim Arzt sitzt und der einen fragt, ob man Stress hat, oder wenn jemand aus dem näheren Umfeld krank wird oder sogar stirbt, dann sind das jene Momente, in denen man das merkt: wie sehr man am Geben ist und wie wenig am Nehmen.

Das sei doch aber nichts Besonderes, könnte man einwenden, das Leben habe nun einmal Phasen des Gebens und des Nehmens, und man solle doch froh sein, dass es immernoch Menschen gebe, die gerne gäben, weil der Anteil der Hedonisten ja steige, und man solle sich einmal das Schicksal vieler Vereine ansehen und den ganzen demographischen Wandel. Auch wenn man den einen oder anderen Teil dieses Einwands für übertrieben hält – im Kern stimmt er: Phasen des Gebens und des Nehmens wechseln sich ab, und mit zunehmender Individualisierung ist die im Westen so wichtige Selbstverwirklichung in vielen Fällen zur Selbstrotation geworden. Es stimmt auch nicht ganz, dass in der Jugend nur genommen wird und in der Hochleistungsphase des Lebens, also in der Regel zwischen dem dreißigsten und dem fünfzigsten Geburtstag, nur gegeben wird. Das wurde hier so dargestellt, weil Vereinfachungen oder Übertreibungen dazu geeignet sind, solche Dinge verständlicher zu machen.

Also doch kein Problem? Nun, gewiss nicht in jedem Fall. Ich beobachte nur, dass viele Menschen gerade am – vom Zeitpunkt her höchst relativen – Ende der Hochleistungsphase, also im weitesten Sinne ein paar Jahre um den fünfzigsten Geburtstag herum, ein mitunter massives Problem mit ihrem Leben bekommen. Das ist grundsätzlich nichts Neues. Entwicklungspsychologen, allen voran Erikson, haben verschiedene Phasen des Lebens erforscht und herausgefunden, dass jede Phase ihre spezifischen Konflikte hat, mit denen sich ein Mensch konfrontiert sieht und die er für sich löst – oder nicht. In Bezug auf das eigene Leben optimistisch zu bleiben und nicht zu verbittern, hat – auch und gerade in unseren eher gottlosen Zeiten – im Grunde mit der Art und Weise der Bewältigung dieser Konflikte zu tun. Es soll hier also keineswegs versucht werden, diesen Modellen ein weiteres hinzuzufügen. Vielmehr soll das bereits Bekannte (dass es eine Krise um das fünfzigste Lebensjahr herum gibt) aus einem besonderen Blickwinkel (dem des Gebens und Nehmens) betrachtet werden, um jenen, die mit Betroffenen beruflich zu tun haben (v. a. Führungskräfte) oder ihnen helfen (Coaches, Berater, u. U. auch Trainer) ein besseres Verständnis der Krise und gleichzeitig ein Handwerkszeug zur Bearbeitung dieser Krise an die Hand zu geben. Denn wenn man weiß, warum die Krise existiert, kommt man auch auf die richtigen Fragen, die in dieser Krise helfen. Kurz gefasst lautet die Antwort: es geht in dieser Krise darum, bzgl. des bisherigen (Berufs-)Lebens Bilanz zu ziehen und sich zu fragen, was noch kommen soll und was man dafür braucht. Ganz reduziert lautet die Frage: was willst Du eigentlich? Was willst Du eigentlich – für andere und für Dich selbst?

Doch langsam: schauen wir uns die Krise erst einmal etwas genauer an, bevor wir zu den Fragen kommen. Folgende Ursachen und „Zuspitzungen“ lassen sich beobachten: nach langen Jahren engagierter Arbeit merken Menschen um die Fünfzig, dass ihnen die Dinge nicht mehr so leicht von der Hand gehen. Die Karriere, so vorhanden, hat sich verlangsamt oder stagniert seit einiger Zeit. War für viele die Arbeit lange der wichtigste Aspekt im Leben, stellen sie ihre Wertehierarchie zunehmend in Frage. Nicht wenige merken, dass sie kaum mehr etwas für sich selbst tun, sondern das meiste für andere (die Firma, die Familie, den Verein usw.). Es fällt ihnen schwer, das bisherige Level zu halten, und schwerer wiegt noch: sie sehen immer weniger Sinn darin, so weiterzumachen. Sie stellen sich die Frage: soll das jetzt immer so weitergehen? Andere bekommen ernstere gesundheitliche Probleme und merken, dass es nicht gesund wäre, so weiterzumachen. Der überwiegende Teil dieser Menschen macht (zunächst) trotzdem so weiter. Ich habe Führungskräfte erlebt, die erst nach dem dritten Herzinfarkt und dem Verdacht, dem vierten um Haaresbreite entkommen zu sein, ein Einsehen hatten und die berufliche Rolle gewechselt haben. Oft ist es in solchen Fällen auch hilfreich, die Branche zu wechseln, also bspw. aus der Wirtschaft kommend im öffentlichen Dienst weiterzumachen.

Im Wesentlichen lassen sich zwei Reaktionen in der Krise beobachten:

  1. Die gesundheitlichen Anzeichen und/oder die eigenen Zweifel werden ernst genommen. Man stellt sich den Fragen und zieht Bilanz. Man fragt sich, was man bisher erreicht hat. Man fragt sich, was man eigentlich will. Irgendwann verschwindet das „eigentlich“. Man fängt an, die neuen Dinge zu tun. Alte Freunde anzurufen, sich ein neues Hobby zu suchen, sich Zeit zu nehmen, Sport zu machen. Indem man diese Dinge tut, gewinnt man einen anderen Blick auf das Leben. Was zunächst kaum zu beantworten scheint (Was willst Du eigentlich?), wird nun immer leichter zu beantworten. In sportlichen Begriffen: man läuft seinem alten Leben davon und fängt vor Erschöpfung an zu lächeln. So lernt man, das Leben anders zu sehen. Dieser Prozess dauert lange, aber er funktioniert. Die nicht auf die sonstige Arbeit oder die im Alltag zu erbringende Leistung gerichteten Aktivitäten bringen dem Körper bei, dass es auch anders geht. Der Verstand folgt irgendwann. Viel später fragt man sich, was man in den nächsten Jahren will, wo man beruflich hin will und welche Qualifikationen, Vertiefungen etc. dafür notwendig sind. Oft führen diese Schritte zu jener tiefen Professionalität, die man schwer erklären kann, und die in manchen Modellen als „Stufe der unbewussten Kompetenz“ beschrieben wird. In vielen Fällen führt die Krise hier nicht zu einem „neuen“ Leben, wohl aber zu einem „tieferen“ und gewissermaßen auch „langsameren“ Leben, indem man einerseits wieder mehr für sich tut und das Leben mehr genießt (also im Sinne des „Nehmens“), dafür aber auch mehr weitergeben kann, etwa als Mentor oder reifere Führungskraft.
  2. Die Anzeichen werden ignoriert, und es wird weitergelebt wie bisher. Man muss leider sagen: oft in der unbewussten Anerkenntnis des eigenen, ggf. früheren Todes. Sätze wie: „Wenn es mich erwischt, dann ist es eben so.“ sind in diesen Fällen nicht selten. Es ist durchaus legitim, so zu handeln, und oft erfüllt mich ein tiefer Respekt vor diesen Menschen, die ihre Aufgabe über sich selbst stellen, manchmal erschrecke ich aber auch vor solchen Sätzen. Ich will erklären, warum. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen „Handlungsfähigkeit auch im Angesicht der Gefahr“ und „Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen“:

Handlungsfähigkeit auch im Angesicht der Gefahr: Es gibt Berufe, die vollen Einsatz erfordern, und bei deren Ausübung der volle Einsatz manchmal die Überschreitung der eigenen Belastungsgrenzen erfordert, in Extremfällen bis zum eigenen Tod. Das kann Soldaten betreffen, aber auch manche Ärzte, Polizisten oder Rettungskräfte. Auch Menschen, die auf ICE-Strecken Oberleitungen reparieren, Waldbrände in den Griff bekommen oder andere schwere und lebensgefährliche Tätigkeiten ausüben, sind davon nicht ausgenommen. In Zeiten, da unsere stereotype Vorstellung von Arbeit zunehmend die eines Büroarbeitsplatzes wird, gerät uns das Verständnis für gefährliche und volle Identifizierung und Involviertheit erfordernde Berufe zunehmend aus dem Blick. Wir sind auf Gesundheit bedacht, achten auf Grenzen usw. Aber was wären wir ohne jene Feuerwehrleute, Polizisten oder Retter, die da sind und in volles Risiko gehen, wenn es brenzlig wird?

Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen: Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum ein Mensch Geheimnisse vor sich hat, und manchmal ist der Schutz dieser Geheimnisse wichtiger als die eigene Gesundheit. Das erklärt, warum sich manche Menschen in Lebenskrisen oder bei drohenden Krankheiten scheinbar dazu entschließen, nichts zu ändern. Sie machen weiter, manchmal regelrecht, bis sie umfallen.

Haben jemandem bspw. die eigenen Eltern beigebracht, sich selbst zu hassen, dann kann es sein, dass er sich einen Beruf gesucht hat, der ihm Anerkennung bringt. Er hat sich so ein „kompensatorisches Selbstbild“ aufgebaut. Die berufliche Rolle ist eine Art „Ersatz-Ich“, das gemocht wird, Dankbarkeit oder Anerkennung erhält o. ä. Das funktioniert, ist aber anstrengend, weil die Befriedigung nur temporär ist und das künstliche Selbstbild ständig neues Futter braucht, damit es existieren kann. Das bedeutet ein permanentes Grundrauschen an Stress. Ein anderer Fall wäre, dass man bestimmte Anteile des eigenen Selbst nicht wahrhaben möchte, bspw. dass man manchmal eben nicht die tolerante, engagierte, fürsorgliche usw. Person ist, sondern Hass empfindet und am liebsten Gewalt ausüben würde, und in der Folge alles dafür tut, dass die Umwelt diese Anteile nicht wahrnimmt. Man engagiert sich dann etwa gegen Rassismus oder für Flüchtlinge, entwickelt dabei aber eine Energie und Radikalität, die sich in Härte und Konsequenz ganz und gar nicht von jener unterscheidet, die man bekämpfen möchte, ja in manchen Fällen sogar noch intoleranter und ausschließender daherkommt. Wer ein solches Selbstbild entwickelt hat, verfügt – in der extremsten Ausprägung – über gute Gründe, für sein Engagement zu sterben. Im Grunde lassen diese Menschen das eigene Ich sterben, um das kompensatorische Ich bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Wollte man diese Sichtweise zuspitzen, müsste man von „Selbstbetrug bis zum Tod“ sprechen oder mit Bertrand Russell schlicht sagen: „Manche Menschen sterben lieber als nachzudenken. Und in der Tat: sie tun es.“

Es gibt sicher Grauzonen zwischen der „Handlungsfähigkeit im Angesicht der Gefahr“ und der „Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen“. Jedoch sind die Extremformen, die letztere gebiert, in der Welt der ersteren nicht möglich. Letztere nehmen Lügen und im Extremfall mitunter schwere Straftaten in Kauf, nur um an dem kompensatorischen Selbstbild festzuhalten, welches das eigene Selbstbild, einem Balsam für die als geschunden empfundene Seele gleich, auf so sanfte und verführerische Weise ersetzt. Nur dass der Balsam ein Gift zum (eigenen) Tode ist, was oft ebenfalls sehend in Kauf genommen wird.

Mit letzteren Darstellungen wird die Gnadenlosigkeit gegenüber dem eigenen Körper, dem eigenen Schicksal und in gewisser Weise auch der eigenen Familie verständlich, die manche Menschen an den Tag legen, wenn es darum geht, eine bestimmte Krise nicht zu bewältigen bzw. sich bestimmte Fragen nicht zu stellen. Man kann dann leider nichts machen außer zu versuchen, die Beziehung aufrechtzuerhalten und in den dafür geeigneten Momenten die richtigen Fragen zu stellen. Man kann aber niemanden vor sich selbst beschützen. In den genannten Ausnahmefällen schwerer Straftaten hilft das freilich nicht. Dann muss man Anzeige erstatten.

Jörg Heidig

Wie können Polizisten mit Menschen umgehen, die an psychischen Störungen leiden?

Zunächst ist festzustellen, dass die Techniken deeskalierender und stresspräventiver Kommunikation in der Regel hilfreich sind. Ausnahmen sind beispielsweise: Menschen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss, Personen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung und mitunter Menschen mit paranoider Schizophrenie.

Hermanutz & Hermanutz (2016, S. 216f.) empfehlen in Anlehnung an Rupp (2010) folgenden Leitfaden zum Umgang mit psychisch gestörten Menschen:

  1. Vorfeld: Sollten Sie bereits vor einem Einsatz wissen, dass Sie mit psychisch gestörten Menschen in Kontakt kommen werden, sollten Sie sich die verfügbaren Informationen beschaffen (lassen). Vor einem Erstkontakt kann es zudem hilfreich sein, Kontakt zu Angehörigen aufzunehmen, nach Möglichkeit allerdings abseits der betroffenen Person.
  2. Erster Eindruck, Eigensicherung: Machen Sie sich zunächst einen ersten eigenen Eindruck. Fordern Sie ggf. Unbeteiligte auf, den Raum/Platz zu verlassen. Wahren Sie in jedem Fall zunächst Abstand und entfernen Sie potentiell gefährliche Gegenstände. Fordern Sie Ihr Gegenüber auf, sich hinzusetzen. Letzteres gilt allerdings NICHT für Menschen mit paranoider Schizophrenie, bei denen eine Aufforderung zum Hinsetzen unter Umständen zur Eskalation führen könnte.
  3. Deeskalierende Gesprächsführung: Fragen Sie nach dem Befinden. Sprechen Sie in kurzen Sätzen (handlungsbezogene Hauptsätze). Erfragen Sie ggf. eine mögliche Gewaltbereitschaft. Bleiben Sie nach Möglichkeit ruhig und überhören Sie Beleidigungen.
  4. Gegebenenfalls Zugriff: Wenn notwendig, leiten Sie den Zugriff ein.

Neben diesen allgemeinen Methoden gibt es eine Reihe von störungsspezifischen Hinweisen, die im Folgenden näher dargestellt werden sollen:

Umgang mit alkoholisierten Personen

Die für Polizisten bedeutsamste Art psychischer Störungen sind wahrscheinlich die so genannten Alkoholkonsumstörungen, denn zwischen 60 und 80 Prozent der Angriffe auf Polizisten erfolgen durch berauschte Personen, wobei der größte Teil dem Alkoholeinfluss zuzurechnen ist. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und verminderter Angst, Enthemmung und Aggression. Dieser Effekt tritt sogar auf, wenn die konsumierenden Personen glauben, sie tränken Alkohol, in Wirklichkeit aber ein geschmacksgleiches Placebo-Getränk zu sich nehmen. (Vgl. Hermanutz & Hermanutz 2016, S. 220)

Durch die verstärkte Neigung zu aggressiven Handlungen unter Alkoholeinfluss versagen die herkömmlichen und in der Regel angewandten Deeskalationsstrategien weitgehend. Deshalb steht die Eigensicherung deutlich im Vordergrund – insbesondere deshalb, weil oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist, wie gefährlich eine berauschte Person wirklich werden kann bzw. wie weit man ggf. mit Kommunikation noch kommt. (Vgl. Hermanutz & Hermanutz 2016, S. 222)

Hermanutz & Hermanutz (2016, S. 222) empfehlen folgende Handlungsstrategie:

„Während des direkten Kontaktes mit berauschten Personen sollte stets die Eigensicherung erhöht werden, beispielsweise sollte auf genugend Abstand und auf die Hände des ‚Störers‘ geachtet werden (…). Wenlge Fragen oder Aufforderungen helfen, die Aufmerksamkeit des Betroffenen zu prüfen:

  1. Die berauschte Person sollte gegebenenfalls gebeten werden, sich in einen sitzenden Zustand zu begeben oder ihre Position zu ändern,
  2. ihre Hände sichtbar zu machen und
  3. eventuelle Gegenstände wegzulegen.

Wird auf mehrmalige Ansprache hin keine Reaktion ersichtlich und dem Polizeibeamten schon hier eine negative Reaktion entgegengebracht, etwa In Form gegenteiligen Handelns, so ist ein Zugriff anzudrohen und gegebenenfalls im Rahmen der rechtlichen Vorgaben auch durchzuführen.“

Umgang mit Depressiven

Die Kennzeichen der Depression sind an anderer Stelle auf diesem Blog dargestellt worden. Zwei Aspekte sind meines Erachtens im Zusammenhang mit Depressionen für die Polizei handlungsrelevant – erstens, wenn Kolleginnen oder Kollegen im Laufe ihrer Dienstzeit depressive Episoden durchleben oder wenn Polizisten im Dienst auf depressive Menschen treffen, die sich selbst töten möchten.

1. Umgang mit Kolleginnen oder Kollegen, die depressive Episoden durchleben

Ein Gedanke hat sich im Umgang mit depressiven Menschen immer wieder als hilfreich erwiesen: man kann die Depression als „Erkältung der Psyche“ verstehen, die im Laufe eines (Berufs-)Lebens durchaus vorkommen kann. Damit „normalisiert“ man diese sehr häufig vorkommende Form psychischer Störungen ein wenig – was den Umgang mit Betroffenen in der Regel etwas erleichtert. Damit will ich nicht zu einer Verharmlosung der Depression beitragen. Eine schwere Depression bleibt eine schwere Depression, aber nicht alle Betroffenen haben gleich eine schwere Depression, und häufig schwanken die Symptome im Zeitverlauf. Wenn eine Kollegin oder ein Kollege also über eine gewisse Zeit hinweg einen freudlosen, zurückgezogenen, antriebslosen Eindruck macht, an sich selbst zu zweifeln scheint oder gar den Sinn zu leben an sich bezweifelt, dann trauen Sie sich ruhig, Interesse an dieser Kollegin oder diesem Kollegen zu zeigen, ihn darüber zu befragen, wie es ihm geht, ihn einzubeziehen usw. Baut sich dann – oder besteht bereits – ein gewisses Vertrauen, wird die Belastung durch die Depression an sich besprechbar („Bin ich krank?“), und man kann ggf. hilfreiche Hinweise liefern, den Kollegen unterstützen oder ähnliches.

2. Was können Polizisten tun, die auf eine Person stoßen, die sich töten will oder dies vorgibt?

Haben Sie bitte keine Angst vor den Selbstmorgedanken depressiver Menschen. Der Grundsatz für akute Lagen heißt: so lange sie reden, tun sie es nicht. Beginnen Sie ein Gespräch, erkundigen Sie sich nach der Selbstmordabsicht, lassen Sie sich die Geschichte erzählen und nutzen Sie sich ggf. bietende „thematische Ausfahrten“ aus dem Gespräch, um die Aufmerksamkeit der Person auf andere Dinge zu lenken. Binden Sie in jedem Fall die Aufmerksamkeit, so gut es eben geht. Sie dürfen sich dabei aber nicht unter Druck setzen, denn sonst besteht die Gefahr, dass Sie diesen Druck unbewusst (in der Stimme, durch große Besorgnis zeigende Formulierungen) weitergeben. Bauen Sie bitte in keinem Fall Druck auf.

Hier hilft, sich selbst zu sagen: „Es ist nicht mein Leben. Ich bin hier und kann versuchen zu helfen, wenn die Person mich lässt. Aber ich kann es nicht verhindern, wenn es doch passieren sollte. So etwas kann passieren. Es soll zwar nicht passieren, aber hin und wieder passiert es trotzdem. Ich bin dafür nicht verantwortlich. Ich kenne den Hergang nicht und kann nur hier und jetzt alle Methoden anwenden, die ich kenne, um die Selbsttötung zu verhindern.“

Mit einer solchen Haltung sollte es Ihnen gelingen, keinen Druck aufzubauen und den Umständen entsprechend einigermaßen gelassen zu bleiben.

Gehen Sie in eine solche Situation niemals allein, und wenn Sie zu zweit sind, wechseln Sie sich in der Gesprächsführung ab. Überlassen Sie es in keinem Fall der oder dem anderen, das Gespräch allein zu führen. Beobachten Sie, helfen Sie sich gegenseitig. Sie werden sehen: das Gespräch dreht sich mit der Zeit, nimmt Wendungen, zeigt eine Entwicklung. In der Regel flaut der unmittelbare Tötungswunsch nach einer Weile ab. Lassen Sie sich auf die Person ein, zeigen Sie Interesse, lassen Sie sich kein Thema peinlich werden, dann haben Sie die besten Chancen, das Gespräch in die richtige Richtung zu führen.

Umgang mit paranoid-schizophrenen Personen

Hermanutz & Hermanutz (2016, S. 231f.) empfehlen, paranoid-schizophrene Menschen ernst zu nehmen. Berichte eine solche Person etwa von Strahlungen, dann sei es ratsam zuzugeben, dass es durchaus solche Dinge gebe, die man wahrnehmen könne. Dann solle man etwa den Raum abschreiten und sagen, dass man selbst aber nichts wahrnehmen könne.

Es geht also Mischung aus Akzeptanz und Respekt einerseits bzw. Authentizität bezüglich der eigenen Wahrnehmungen andererseits. Man solle, so die Autoren (ebd.) weiter, sich keinesfalls in eine Art Rollenspiel begeben, etwa das Funkgerät vorgeblich als Strahlungsdetektor benutzen und die Person auf diese Weise zu etwas bewegen. Das würde bei denjenigen, die lediglich einen psychotischen Schub durchleben und sich nach dem Abklingen an den Polizeieinsatz erinnern, später zu heftigen Emotionen führen (etwa: Scham, Wut). Auch würden Polizisten, die sich im Einsatz so verhielten, bei Angehörigen keinen guten Eindruck hinterlassen.

Was Hermanutz & Hermanutz (2016, S. 231f.) hier beschreiben, ist m. E. vollkommen richtig, lässt aber den – seltenen, aber umso gefährlicheren – Fall gewaltbereiter Menschen mit paranoider Schizophrenie außer Acht. Halten wir noch einmal fest, was Paranoia eigentlich ist: eine Störung, bei der völlig richtige Schlussfolgerungen (Flucht, Schutz vor etwas) auf der Basis völlig falscher (wahnhafter, böse Absichten unterstellender) Wahrnehmungen gemacht werden. Das bedeutet, dass Betroffene sich in ihrer jeweiligen Welt völlig richtig verhalten: wenn es ein Konsortium gäbe, das die betreffende Person verfolgt, dann wäre Flucht das richtige Mittel. Handelt es sich nun um eine „normale“ paranoid-schizophrene Person, die in ihrer Welt lebt und sich in dieser Welt angemessen handelt – in der tatsächlichen Welt aber völlig unangemessen – dann sind die obigen Handlungsanweisungen alle richtig. Enthält die jeweilige eigene Welt aber Gewaltszenarien, so ist davon auszugehen, dass die betreffende Person womöglich auch selbst gewaltsam handeln könnte – und wenn, dann mit allen Selbstverständlichkeiten jener, nicht dieser Welt. Kommt dann noch die enthemmende und aggressionssteigernde Wirkung etwa von Alkohol hinzu, ist weniger Verständnis, sondern eher höchste Vorsicht geboten. Gerade die Wechselwirkungen von berauschenden Substanzen und Schizophrenie sind schwer zu erkennen und werden deshalb oft unterschätzt.

Das bedeutet schließlich: wenn Sie nicht wissen, mit wem Sie es zu tun haben, sind zunächst alle Kriterien der Eigensicherung angezeigt. Selbst wenn Sie die Situation nach einer Weile besser einschätzen können, sollten Sie bei Menschen mit paranoider Schizophrenie vorsichtig bleiben. Ich würde sogar so weit gehen: die oben dargestellten Handlungsrichtlinien von Hermanutz & Hermanutz (2016, S. 231f.) gelten nur für den Fall, dass Sie (oder Ihre Kollegen) die betreffende Person bereits kennen und/oder es in Ihrer Dienststelle bereits Erfahrungswissen mit dieser Person gibt, Sie also über entsprechende Informationen verfügen. Ansonsten bleiben Sie erst einmal vorsichtig, halten Abstand, achten auf die Hände. Machen Sie keinen Druck, wenn Sie nicht unbedingt müssen. Bitten Sie die Person nicht, sich hinzusetzen. Aber halten Sie Abstand. Lassen Sie sich erklären, was los ist. Wenn Sie den Verdacht haben, die Person könnte gewalttätig werden, fragen Sie die Gewaltbereitschaft ab. Erst wenn Sie ein Gefühl für „jene Welt“ bekommen und die Person langsam einschätzen können, sollten Sie die zunächst hohen Grenzen der Eigensicherung herabsetzen, aber nur stufenweise und langsam. Letztlich ist es ein „Herantasten“, bei dem der Selbstschutz immer beachtet werden muss.

Wie kann ich „stressvorbeugend“ kommunizieren?

Die folgenden Darstellungen gelten für Situationen, die für Polizeibeamte mehr oder minder Routine sind, für die Betroffenen/Beteiligten aber besondere, wenn nicht gar Ausnahmesituationen darstellen. Es geht in diesem Text um Techniken der stressmindernden oder stressvorbeugenden Kommunikation in angespannten Situationen. Die Darstellungen gelten nicht für Situationen, in denen ein Zugriff notwendig wird oder Alkohol oder Drogen im Spiel sind. Die Darstellungen bedeuten auch keinerlei Relativierung der Bedeutung des Eigenschutzes im Einsatz. Stellen Sie sich am besten eine Situation nach einem Unfall oder nach einem Einbruch vor. Welche Gesprächstechniken helfen Polizisten hier, das Stresserleben der Betroffenen zu begrenzen?

Wie gesagt: viele der Situationen, die für Polizeibeamte Routine sind, stellen für Betroffene eine Ausnahmesituation dar. Hier hilft es, sich (in Maßen) in die betroffenen Menschen hineinzuversetzen. Ausnahmesituationen gehen oft mit erhöhter Angst und dem Gefühl des Kontrollverlustes einher. Für Ausnahmesituationen hat „Otto Normalverbraucher“ in der Regel kein Handlungsrezept: „Wie soll ich mich verhalten? Was mache ich mit meiner Aufregung? Was, um Himmels willen, soll ich zuerst machen?“

Menschen, die bisher extrem selten oder noch nie in einer Ausnahmesituation waren, handeln zunächst mehr oder minder orientierungslos. Ihre Aufgabe als Polizistin oder Polizist ist es, in einer solchen Situation Ruhe auszustrahlen und Orientierung zu geben.

Sprechen Sie ruhig und langsam und möglichst in Hauptsätzen. Halten Sie Blickkontakt und bleiben Sie auf „Augenhöhe“ (vermeiden Sie Behandlung „von oben herab“). Wenn jemand sehr aufgeregt ist, hilft oft kurzer, beruhigender Körperkontakt (bspw. Hand auf den Unterarm). Letzteres ist aber Ermessenssache – überschreiten Sie keine Grenzen und tun Sie nichts, was Sie nicht tun wollen. Meines Erachtens ist Körperkontakt, wenn überhaupt, nur kurz und bei Personen gleichen Geschlechts angeraten.

Stellen Sie nur sehr einfache Fragen und verteilen Sie ggf. einfache Aufgaben. Viele Menschen können mit Ausnahmesituationen besser umgehen, wenn sie etwas Konkretes zu tun haben. Loben Sie kurz und direkt, beispielsweise dafür, wie gut die betroffene Person mit der Situation umgeht.

Hören Sie zu und geben Sie die Informationen, die Sie haben und geben können. Achten Sie aber darauf, dass Sie keine Informationen geben, die man nicht erfragt hat.

Sie können betroffenen Menschen auch helfen, indem Sie die Situation insofern entdramatisieren, als dass Sie sagen, dass es anderen Menschen oder Ihnen selbst, wenn Sie betroffen wären, in einer solchen Situation genauso gehen würde. Das relativiert die Überraschung über den Kontrollverlust und die eigenen Reaktionen – der Gefühlszustand der betroffenen Person wird in gewisser Weise „relativiert“, was oft eine beruhigende Wirkung hat.

Vermitteln Sie Sicherheit und Kompetenz. Dieser Eindruck entsteht vor allem dann, wenn Sie einerseits ernst und sachlich bleiben, aber auch zuhören und kurze Fragen stellen. Des Weiteren hilft es zu erläutern, wie der Ablauf ist und warum es notwendig ist, bestimmte Dinge zu tun. Vermeiden Sie Floskeln. Stellen Sie lieber dar, warum Sie etwas machen und bleiben Sie, während Sie das tun, ruhig bei der Sache. Machen Sie transparent, was Sie tun und aus welchen Gründen. Selbst wenn Sie Grenzen setzen müssen („Nein, Sie dürfen jetzt nicht…“ oder: „Das kann ich Ihnen nicht sagen…“), ist es wichtig, dass Sie Gründe angeben. Das Wörtchen „weil“ wirkt Wunder: „Das geht jetzt nicht, weil…“ oder: „Ich möchte Sie nach… fragen, weil…“ Sobald ein Mensch den Grund für etwas kennt, wird er ruhiger. Denken Sie an eine nächtliche Zugfahrt. Der Zug bleibt stehen. Vergegenwärtigen Sie sich die Reaktionen der Reisenden, wenn Sie (a) nichts erfahren oder (b) vom Zugchef zeitnah hören, warum der Zug gehalten hat. Auch wenn niemand etwas an der Situation ändern kann und die Gründe oft nicht verstanden werden – was hilft, ist, DASS eine schnelle Information gegeben wird, die das Wörtchen WEIL enthält.

Was ist Stress, und wie kann ich mit Stress umgehen?

Beginnen wir mit einem Beispiel: Susanne T. ist Mitte vierzig, Mutter eines pubertierenden Jungen und Partnerin eines wenig älteren Kollegen. Sie ist sportlich, hat Hobbies und einen großen Freundeskreis. Wenn man Susanne fragt, wie es ihr geht, lächelt sie breit und sagt, sie sei glücklich. In den letzten Jahren gab es aber einige fast unmerkliche Veränderungen – das Lächeln ist noch da, erreicht aber die Augen nicht mehr. Susanne sagt auch, dass sie ihren Job mag, dass sie gern tut, was sie tut. Und sie tut viel – arbeitet, hat Führungsverantwortung, macht nebenbei eine Weiterbildung, springt ein, wenn Kollegen krank sind, hilft im Freundeskreis, ist im Elternrat, leitet den Sportverein. „Gerade eben ging das doch alles noch ganz problemlos. Was ist denn auf einmal mit mir los?“, fragt sie sich, wenn sie manchmal – immer öfter – nachts aufwacht und nicht mehr einschlafen kann.

Erlauben Sie mir, zunächst ganz unwissenschaftlich an dieses Beispiel heranzugehen. Eine hilfreiche Metapher zum Umgang mit Stress ist die Vorstellung vom menschlichen Leben als Fass. Jawohl, als Fass: in ein Fass passt eine Menge hinein. Da sind zunächst das eigene Temperament und die Persönlichkeit (Definition Persönlichkeit: über die Zeit hinweg relativ stabile Muster des Erlebens und Verhaltens/Handelns einer Person). Die Art, wie ich mit Erlebnissen umgehe (gelassen vs. aufgeregt; emotional stabil vs. emotional instabil etc.), hat bereits einen starken Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, etwas als Stress zu erleben. Hinzu kommen die berufliche und die familiäre Situation – in beiden Bereichen gibt es Zeiten der Entspannung und stressigere Phasen. Ist die Situation in einem dieser beiden Hauptbereiche des Erwachsenenlebens angespannt, können das die meisten Menschen auch über einen längeren Zeitraum hinweg kompensieren. Gibt es in beiden Bereichen Stress, hat das oft Folgen, vor allem auf lange Sicht. Stellt man sich noch alle weiteren möglichen Betätigungen eines Menschen vor (ehrenamtliches Engagement, Hobbies etc.) wird deutlich, dass das besagte Fass auch einmal voll sein kann. Auch das halten die meisten Menschen über einen langen Zeitraum hinweg aus – die Frage ist nur, was passiert, wenn es tatsächlich zu viel wird, wenn nichts mehr in das Fass hineinpasst, wenn man alle Register gezogen und alles „durchoptimiert“ hat. Dann reagiert – in der Regel der Körper. Mit Schlaflosigkeit, erhöhtem Blutdruck usw.

Was kann man praktisch tun?

  1. den Arzt aufsuchen: Gerade in der Anfangsphase geht es oft nicht ohne Medikamente.
  2. das Leben ändern, bspw. weniger tun oder lernen, nein zu sagen
  3. gesunde Ernährung
  4. genügend Bewegung

Was wird unter Stress verstanden?

Wenn man den Begriff „Stress“ näher bestimmen möchte, findet man in der Literatur Definitionen, die sich mit den Auslösern von Stress einerseits und mit den Reaktionen auf diese Auslöser andererseits befassen. Manche Definitionen umfassen sowohl die Auslöser als auch die Reaktionen und verstehen dies als einen Prozess. Im Grunde wird deutlich, was Stress ist, wenn man sich diesen Prozess vergegenwärtigt:

Zunächst sind da die stressauslösenden Faktoren, die eine Belastung darstellen können. Das ist sehr wichtig: es handelt sich um potentielle Belastungen, denn auf ein und den selben Belastungsfaktor können Menschen höchst unterschiedlich reagieren. Das heißt, die Beanspruchung einer betroffenen Person durch eine Belastung ist eine individuelle Reaktion auf eine gegebene Belastung und kann höchst unterschiedlich ausfallen.

Stress ist nichts grundsätzlich Negatives. Im Gegenteil: ein mittleres Stressniveau wird von vielen Menschen als stimulierend und positiv erlebt. Die Frage ist, wann aus solchem als positiv empfundenen Stress der langfristig schädliche negativ erlebte Stress wird. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Warum reagieren Menschen unterschiedlich?

Den Ausschlag geben so genannte „Moderatorvariablen“. Stellen Sie sich dazu bitte ein beliebiges stressauslösendes Ereignis vor (Belastung), auf das eine betroffene Person reagiert (Beanspruchung). Diese Beanspruchung kann kurzfristige oder langfristige Folgen haben. Die besagten „Moderatorvariablen“ sind nun diejenigen Einflussgrößen, die bestimmen, ob eine Belastung eine Beanspruchung hervorruft, wie stark diese einwirkt bzw. empfunden wird und ob sie keine bzw. kurzfristige oder langfristige Folgen hat.

Die Moderatorvariablen können administrativer oder individueller Natur sein.

Zu den administrativen Einflussgrößen zählen:

  • Team: Gibt es in der jeweiligen Gruppe Debriefings nach potentiell stressauslösenden Einsätzen? Kann über belastende Erfahrungen gesprochen werden, oder werden solche Themen verdrängt?
  • Führung: Wird mit hohem Druck geführt, oder wird im Rahmen der Möglichkeiten Rücksicht auf die Belange der nachgeordneten Personen genommen? Ist die Führung „formalistisch“ orientiert oder gewährleisten die Führungskräfte einen gewissen Rückhalt? Wird unnötiger Stress vermieden? Kann über stressige Einsätze gesprochen werden? Regen die beteiligten Führungskräfte solchen Austausch an?
  • Dienstpläne: Wird der Schichtdienst gesundheitsförderlich gestaltet, oder gibt es zu viele ungünstige oder/und unvorhergesehene Wechsel?
  • Aus- und Fortbildung: Grundsätzlich gilt, dass besser ausgebildete und regelmäßig fortgebildete Menschen besser mit belastenden Situationen umgehen können, als jene Personen, die sich „der Gewohnheit ergeben“. Gerade in den von vielen Menschen als „krisenhaft“ erlebten Jahren vor bzw. um den fünfzigsten Geburtstag ist das eine entscheidende Frage. Es sind hier diejenigen besser dran, die eine bewusste Bilanz ziehen und sich fragen, was notwendig ist (u.a.: welche Qualifikationen?), um die weiteren Jahre mit dem eigenen Job zufrieden zu sein. Die Frage „Soll es das schon gewesen sein?“ kann Menschen sehr zusetzen. Es ist hier ratsam, die „Flucht nach vorn“ anzutreten, anstatt sich zurückzuziehen.

Zu den individuellen Moderatorvariablen gehören:

  • Kontrollüberzeugung: Hat eine betroffene Person eine hohe Erwartung bezüglich der Wirksamkeit bzw. des Erfolgs ihrer Handlungen (Selbstwirksamkeitserwartung), wirkt sich dies positiv auf das Stresserleben und die Stressbewältigung aus. Der Spruch „Ich kriege das schon hin.“ zu sich selbst ist allemal hilfreicher als „Das ist eh alles Mist. Das wird sowieso nichts.“ Entsprechend kann die Kommunikation im Dienstfahrzeug auf dem Weg zu einem Einsatz sehr wohl einen Einfluss auf das Stresserleben eben während dieses Einsatzes haben. Bereitet man sich klaren Auges auf die bekannt gewordenen Einsatzmodalitäten vor, trifft mögliche Vorkehrungen und geht vorsichtig, aber mit einem gesunden Maß an Wirksamkeitserwartung in den Einsatz, ist dies besser, als etwa besonders langsam zum Einsatz zu fahren und darüber zu sprechen, was nun wieder alles „Mist“ sei oder schiefgehen könnte.
  • Coping-Strategien: Das Wort „Coping“ stammt aus dem Englischen (to cope with something = etwas bewältigen). Mit so genannten Coping-Strategien sind also Bewältigungsstrategien gemeint. Es gibt zwei Arten solcher Bewältigungsstrategien – „instrumentelle“ (= langfristig nützliche) und „palliative“ (= langfristig schädliche) Bewältigungsstrategien. Langfristig nützlich sind etwa Sport, gesundes Essen, ausreichend Schlaf, eine tragfähige Partnerschaft, gute familiäre Beziehungen und nicht zuletzt auch ein zufrieden machendes Sexualleben. Solche Strategien helfen auf lange Sicht sehr, ihre Wirkung entfaltet sich aber nicht unmittelbar. Ganz anders sieht das bei den „palliativen“ Bewältigungsstrategien aus: sie wirken unmittelbar bis kurzfristig, schaden aber auf lange Sicht. Dazu gehören im Wesentlichen Ablenkung und Substanzen wie Tabak, Alkohol, Medikamente oder Drogen.
  • Weitere individuelle Moderatorvariablen sind (a) emotionale Stabilität, (b) verlässliche soziale Ressourcen (Familie, Freundeskreis), (c) eine hohe Widerstandsfähigkeit (Resilienz) gegenüber aversiven Lebensereignissen sowie (d) eine hohe Arbeits- und Lebenszufriedenheit.

Was löst Stress aus?

Bei den stressauslösenden Faktoren (Belastungen, „Stressoren“) werden operative von administrativen Stressoren unterschieden. Als besonders belastend erleben Polizeibeamte die folgenden operativen Stressoren: Überbringen von Todesnachrichten, Tod von Kollegen, Bedrohung des eigenen Lebens, Einschränkung von Kontrolle über die eigenen Handlungen. Administrative Stressoren können neben dem Führungsstil der jeweiligen Vorgesetzten etwa auch ungünstige Schichtpläne sein.

Was hilft bei Stress?

Die Maßnahmen, die gegen die Wirkungen von zu viel Stress ergriffen werden können, lassen sich anhand der Vorstellung eines Zeitstrahls systematisieren:

Vorbeugung im Vorfeld/Prävention: Hier sind zunächst die weiter oben bereits mehrfach beschriebenen Faktoren Sport/Bewegung, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf zu erwähnen. Des Weiteren sind ein kollegiales, unterstützendes Klima und Rückhalt durch Vorgesetzte vorbeugend förderlich.

Vorbereitung auf den Einsatz, „Tricks“ im Einsatz: Basis jeder Stressprävention für den Einsatz ist gutes und häufiges Training. Dadurch entsteht am Ehesten jenes Sicherheitsgefühl, das notwendig ist, um sich mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein sagen zu können: „Das ist ein ganz normaler Einsatz. Das kriegen wir hin.“ Im Einsatz selbst helfen Umbewertungen – nicht: „Schon wieder so ein sinnloser Einsatz!“, sondern: „Das ist jetzt unser Einsatz. Wir sind gut vorbereitet. Wir haben uns gebrieft. Wir gehen jetzt und machen das!“ – und Selbstinstruktionen: „Da muss ich jetzt durch!“ oder „Ich schaffe das!“ oder „Halte durch!“ Wichtig ist allerdings, dass Selbstinstruktionen nur kurzfristig wirksam sind. Als „dauerhafter Krisenmodus“ sind sie eher schädlich.

Nachsorge: Der wahrscheinlich wichtigste Faktor bei der Auseinandersetzung mit potentiell stressauslösenden Erlebnissen ist die Nachsorge bei entsprechenden Einsätzen. Hier wird die informelle Nachsorge (informelle Gespräche mit Kollegen ohne organisatorischen Rahmen) von der institutionellen Nachsorge unterschieden. Die institutionelle Nachsorge sollte (a) kurz nach dem Einsatz stattfinden (Debriefing mit kurzer Darstellung des Geschehenen und des jeweils eigenen Erlebens, keine vertiefende Auseinandersetzung, max. 60 Minuten) oder/und (b) einige Tage bis eine Woche nach dem Einsatz stattfinden (vertiefte Darstellung des Erlebens, Fokus auf längere Erzähnlungen und Auseinandersetzungen, Frage nach Träumen, nach dem persönlichen Umgang usw.; mehr Zeit, bis zu 3 Stunden). Oft reicht die kurze Variante, manchmal braucht es den zweiten Termin, in selteneren Fällen noch einen dritten Termin. Gut moderiert helfen solche Termine nicht nur der Bewältigung, sondern auch der Formung des Teams und vor allem der Steigerung der gegenseitigen Unterstützung.

Therapie: Wenn Prävention, sorgsamer Umgang mit sich selbst, Auszeiten, Einsatz-Nachsorge etc. nicht mehr helfen, ist eine Therapie angeraten. Davon sind allerdings weniger Polizisten betroffen als oft angenommen. Der Prozentsatz aller Polizisten, die im Laufe ihrer Dienstzeit eine Therapie absolvieren, liegt weit unter zehn Prozent. Gleichwohl es an vielen Stellen notwendig und ratsam ist, den Umstand, psychologischer Hilfe zu bedürfen, zu entstigmatisieren. Es ist kein Makel, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, und in den allermeisten Fällen ist man auch nicht krank. Begriffe wie „Störung“ oder „Diagnose“ sind in diesem Zusammenhang allerdings eher abschreckend als hilfreich.

Lesen Sie dazu auch den entsprechenden Text von Lasogga (2016, S. 179ff.).

Warum geht es bei Kommunikation nicht nur um die Sache an sich, sondern auch und vor allem um Selbstschutz?

Um zu verstehen, warum Selbstschutz eines der grundlegenden Merkmale menschlicher Kommunikation ist, gestatten Sie uns einige kleine Ausflüge.

Überall, wo Menschen miteinander kommunizieren, gibt es spezifische „Verteidigungsmechanismen“, die in der Regel zu Problemen in der Kommunikation und – nach vielfachen frustrierenden Erfahrungen – fast zwingend zu strategischer Kommunikation führen. Die strategische Kommunikation soll hier nicht diskreditiert werden, wird sie jedoch von der „manipulierten“ Seite bemerkt, führt dies gegebenenfalls zu noch mehr Ablenkungsmanövern und noch mehr verdeckter Kommunikation auf der Gegenseite und damit wiederum auch auf unserer Seite. Daraus kann schnell ein eskalierender Teufelskreis werden. Doch dazu später noch einmal ausführlicher. Wie gesagt: Gestatten Sie uns hier zunächst einige kleine Ausflüge, die klare Sicht am Ende lohnt sich.

Am Anfang ist der Mensch, was er bekommt (Winterhoff 2008). Am Anfang sind also nur Bedürfnisse, und der Mensch verfügt zunächst über keinerlei „Gewahr-Sein“ seiner selbst oder gar anderer Personen im Sinne dessen, was als Bewusstsein bezeichnet wird. Wenn dies zutrifft, dann wird deutlich, warum die ersten – vollständig vorsprachlichen und deshalb rational überhaupt nicht zugänglichen – Erfahrungen so prägend sind. Wenn der Mensch sein Bedürfnis ist, dann sind sein ganzes Sein und seine gesamten Erfahrungen zunächst von der Befriedigung seiner Bedürfnisse abhängig. Bei Nichtbefriedigung hingegen entstehen Ängste von existentiellem Ausmaß. Es kann wohl als eine der Urformen von Angst angesehen werden, wenn ein Säugling Hunger hat und nichts bekommt. Dies ist eine Erfahrung, gegen die Kinder noch keine Schutzmechanismen haben. Diesen ursprünglichen Zustand hat Melanie Klein den paranoid-schizoiden Modus genannt. Diese Bezeichnung ist hier nicht mit den gleichnamigen Störungsbegriffen zu verwechseln. Vielmehr meint Klein damit die Verletzbarkeit der seelischen Entwicklung durch zu wenige positive bzw. zu viele negative Erfahrungen. Alle Erfahrung in dieser Phase ist vorsprachlich, und das Kind verfügt noch über keinerlei Konzept davon, dass die Mutter eine andere Person ist. Das Kind ist „allein auf der Welt“, das heißt, das Bedürfnis des Kindes bzw. dessen Befriedigung oder Nicht-Befriedigung entspricht der Welt des Kindes. Das Kind ist also psychisch in gewisser Weise auf sich alleine gestellt, ist sich dessen allerdings nicht gewahr, denn es hat noch keine kognitive Instanz, die all dies regeln könnte. Das Kind erfährt die Welt auf einem Spektrum zwischen der Befriedigung von Bedürfnissen und existentiellen Bedrohungen. Durch den Kontakt mit der als bedrohlich erlebten Welt treten erste psychische Differenzierungen auf. Indem die Psyche versucht, mit den Bedrohungen umzugehen bzw. sie zu kontrollieren, entwickelt sich aus einem Teil des Es eine zweite Instanz. Das Ich tritt fortan als Mittler zwischen den Bedürfnissen des Kindes und der Umwelt auf. Die Herausbildung des Ichs bildet auch die Voraussetzung für die Konzeptualisierung des Selbst und des Anderen, also die Erfahrung, dass die Mutter eine andere Person ist als das Kind selbst, und dass sie die Bedürfnisse des Kindes manchmal befriedigt und manchmal nicht.

Wenn (a) sich die Instanz des Ichs langsam vom Es differenziert und das Kind die Grundlagen des Verständnisses verschiedener Personen entwickelt, und wenn (b) während der ersten Phase (paranoid-schizoider Grundmodus) genügend positive Erfahrungen gesammelt wurden, dann besteht die Chance für einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt. Dieser Schritt besteht darin, die Ambivalenz der Erfahrungen mit der Mutter zu bewältigen. Mal ist die Mutter anwesend und damit die Quelle von Nähe und Bedürfnisbefriedigung. Mal ist sie abwesend und dadurch furchteinflößende Auslöserin existentieller Bedrohungen. Beide Erfahrungen müssen in ein und derselben Person verortet werden. Wenn diese Herausforderung gelingt, ist der Grundstein für das gelegt, was als Frustrationstoleranz bezeichnet wird – eine der zentralen Funktionen des Ichs als der psychischen Instanz, die zwischen den menschlichen Bedürfnissen und der Außenwelt vermittelt. Melanie Klein hat diese Entwicklungsstufe den depressiven Modus genannt und damit die Fähigkeit zur Integration äußerst ambivalenter Erfahrungen (sowohl positiver als auch negativer Erlebnisse) in dasselbe Konzept (die Person der Mutter) bezeichnet. Das Adjektiv „depressiv“ hat hier wiederum nichts mit dem gleichnamigen Störungsbild zu tun.

Das psychische Geschehen während des ersten und zum Teil auch des zweiten Lebensjahres verläuft vollständig vorsprachlich. Geschehen in dieser Zeit psychische Verletzungen, so wiegen diese besonders schwer, denn sie betreffen die psychische Entwicklung in ihrer grundlegenden Phase und sind später mit sprachlichen Mitteln kaum bearbeitbar.

Aus den bisherigen Darstellungen wird deutlich, wie wichtig ausreichend positive Erfahrungen eines Kindes während der ersten Lebensjahre sind. Allerdings – und dies wird oft weniger betont – ist die Erfahrung der eigenen Grenzen ebenfalls von elementarer Bedeutung für die Entwicklung. Die Welt des Kindes entspricht, wie wir gesehen haben, am Anfang mehr oder minder seinen Bedürfnissen – das Kind ist, was es bekommt. In dieser Zeit werden die ersten Grundlagen für eine psychische Differenzierung gelegt, die in die Herausbildung des Ichs als zweite psychische Instanz neben dem Es mündet. Ein anderer psychoanalytischer Begriff für die Selbstbezogenheit insbesondere des ersten Lebensjahres ist der des primären Narzissmus‘. Der primäre Narzissmus bezeichnet die zwangsläufige Auf-sich-selbst-Geworfenheit des Kindes in den frühen Entwicklungsstadien – das Kind ist gleichsam seine Welt, weil es noch über keine psychischen Differenzierungen verfügt, die zwischen sich und anderen bzw. der äußeren Welt unterscheiden könnten. Wenn nun ausreichend positive Erfahrungen möglich sind, verläuft die Entwicklung ohne Beeinträchtigungen, möchte man meinen. Doch dem ist nicht immer so, wie Michael Winterhoff (2008) eindrucksvoll darstellt. Über die positiven Grunderfahrungen hinaus sind auch Grenzerfahrungen für eine gelingende psychische Entwicklung notwendig. Werden diese Grenzerfahrungen im Sinne allgemein gültiger Regeln bzw. dessen, was ein Kind nicht darf, nicht gemacht, verbleibt das Kind im Zustand des primären Narzissmus. Dies äußert sich, indem andere Menschen nicht als eigenständige Wesen, sondern als Teil der eigenen Welt betrachtet werden. Ursache dafür ist der fehlende Entwicklungsschritt, über die Integration von ambivalenten Erfahrungen – zunächst mit der Mutter und dann mit anderen Menschen – Frustrationstoleranz zu erlernen. Werden dem Kind keine Grenzen gesetzt, kann es keine oder zu wenige der besagten ambivalenten Erfahrungen machen, und die Integration der Ambivalenz in ein Konzept („Die Mutter ist manchmal da, dann ist alles gut. Aber manchmal ist sie auch nicht da, das ist zwar nicht gut, aber es ist trotzdem dieselbe Person, die mich liebt und die ich liebe.“) kann nicht erreicht werden. Nach Winterhoff (2008) kann solche eine fehlgehende Entwicklung in die Unfähigkeit, andere Menschen als selbstständige, gleichberechtigte Wesen zu behandeln, münden. Andere Personen werden dann behandelt, als seien sie Teil der eigenen Welt. Eine Tendenz zur Unfähigkeit sich unterzuordnen und ein gering ausgeprägtes Durchhaltevermögen aufgrund fehlender Frustrationstoleranz sind dann entsprechende Folgen.

Das Beispiel des Verbleibens im primären Narzissmus verweist auf einen weiteren wichtigen psychischen Entwicklungsschritt. Der zunehmende Kontakt mit der Umwelt führt immer wieder zu Konflikten zwischen den Impulsen des Es und dem, was die Umwelt erlaubt. Die Erfahrungen mit diesen Konflikten führen mit der Zeit (etwa zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr) zu einer weiteren Differenzierung des psychischen Apparats. Das Über-Ich geht als die Instanz der Regeln und Verbote, der Moral und der gesellschaftlichen Normen aus dem Ich hervor. Nach der Vorstellung Freuds übt das Über-Ich dauernd Druck auf das Ich aus, um das Es unter Kontrolle zu halten.

Das Es löst nach der psychoanalytischen Vorstellung mehr oder minder dauernd Konflikte aus, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zunächst richten sich die Impulse auf die Umwelt, und das Ich hat als Anpassungsinstanz die Aufgabe, zwischen den Impulsen des Es und der – ggf. bedrohlichen – Umwelt zu „vermitteln“. Dabei bringt das Ich zunächst eine weitere psychische Instanz hervor, die dem Ich bei der Anpassungsleistung mit Regeln und Normen behilflich ist: Im Über-Ich werden die normierenden Einflüsse von Eltern, Erziehern und Gesellschaft wirksam. Dem Ich obliegt nun die immense Aufgabe, die Bedrohungen der Umwelt, die Impulse des Es und den Druck des Über-Ichs zu integrieren. Zum Umgang mit diesen in ihrem Ausmaß angstauslösenden Impulsen bzw. zur Reduktion des durch die Gegensätzlichkeit der Anforderungen entstehenden Drucks entwickelt das Ich Abwehrmechanismen, die verhindern, dass das ganze ambivalente Ausmaß der Impulse bewusst wird. Abwehrmechanismen sind demnach im positiven Sinne als Anpassungen an die Realität zu verstehen. So macht ein Kind bspw. mehrfach die Erfahrung der Ablehnung und wird daraufhin schrittweise Mechanismen entwickeln, sich fortan anders zu verhalten. Der wohl bekannteste Abwehrmechanismus ist die Verdrängung – „was zu große Angst auslöst, findet fortan nicht mehr statt“, zumindest nicht bewusst. Das bezieht sich sowohl auf furchterregende Faktoren der Realität, indem angstauslösende Elemente gleichsam aus dem bewussten Abbild der Wirklichkeit entfernt und ins Unbewusste verdrängt werden, als auch auf diejenigen Impulse des Es, die zu starken Konflikten führen – etwa indem das Ich lernt, den Impuls zu verdrängen, die Mutter zu hassen, um wieder Zuneigung zu erfahren.

Verdrängung: Auf der Grundlage unangenehmer oder sogar schmerzhafter Erfahrungen lernt ein Mensch, Vorstellungen, die entweder mit einem bestimmten, in der betreffenden Situation nicht auslebbaren Bedürfnis verbunden sind oder die mit moralischen Maßgaben in Konflikt stehen, ins Unbewusste zu verdrängen. Da die Vorstellungen und Impulse dadurch jedoch nicht einfach verschwinden, ist immer ein gewisser Aufwand an psychischer Energie notwendig, die Verdrängung aufrecht zu erhalten.

Projektion: Der Abwehrmechanismus der Projektion bewirkt, dass eine Person Empfindungen und Wünsche, die sie an sich selbst unerträglich findet, zunächst leugnet. Bis hierher ähnelt der Vorgang der Verdrängung. Das Spezifische an der Projektion ist, dass die (im Unbewussten wirksam bleibenden) Gefühle und Impulse unbewusst einer anderen Person zugeschrieben werden. Beinahe klassische Beispiele sind besonders dominante Menschen, die ihre eigene Aggressivität leugnen und dafür andere Menschen als besonders dominant und aggressiv kritisieren. Den Mechanismus der Projektion gibt es auch in umgekehrter Richtung (Introjektion), indem sich eine Person, um bestimmte Situationen zu bewältigen, Gefühle und Verhaltensweisen anderer Personen in sich hineinprojiziert und so empfindet und handelt, wie die andere Person vermeintlich empfunden und gehandelt hätte.

Sublimierung: Manche Impulse können aus moralischen (ethische Verbote, gesellschaftliche Normen oder Traditionen) oder sozialen (bspw. wenn Ablehnung oder gar Ausschluss drohen) Gründen nicht ausgelebt werden. Gibt man diesen Impulsen hingegen ein sozial akzeptiertes Ziel, wird es möglich, diesen Wünschen dennoch nachzugeben – bspw. in dem man sie mit einer beruflichen Rolle „umhüllt“. Die klassische Variante: Sadismus „läßt sich zum Beispiel in Berufen wie Metzger, Chirurg oder Polizist abreagieren“ (Mucchielli 1980, S. 14).

Verschiebung: Manche Impulse können gegenüber bestimmten „Objekten“ – zumeist Personen, es kann sich aber auch um Institutionen oder Gruppen oder Objekte aus anderen Kategorien handeln – nicht realisiert werden – ggf. weil dies nachteilige Konsequenzen für die betreffende Person hätte. Die mit dem betreffenden Objekt verbundenen Affekte und Handlungsimpulse werden von diesem Objekt gelöst und auf ein anderes übertragen. So kann es bspw. sein, dass ein Mitarbeiter wütend über einen Kollegen ist. Der betreffende Kollege wird aber vom Team sehr geschätzt. Ihn anzugreifen hätte also ggf. negative Auswirkungen auf den Stand des Mitarbeiters. Dieser nun „verschiebt“ seine Wut auf einen anderen Kollegen, den zu beschuldigen im Kreis der Kollegen ohne Gefahr für den eigenen Status möglich ist. Diese Person dient nun als Sündenbock. Der Abwehrmechanismus der Verschiebung funktioniert nicht nur mit aggressiven Affekten, sondern auch mit Angst, etwa indem die Angst vor einem Vorgesetzten auf eine andere Person oder die Angst vor einem Familienmitglied auf eine bestimmte Klasse von Objekten (bspw. alle Tiere, die ein Fell haben) übertragen wird. Ist die Angstübertragung besonders manifest, spricht man auch von „phobischer Fixierung“.

Von erfolgreicher Problemlösung zu unbewussten Handlungsmustern

Im Laufe ihrer Entwicklung – während der Kindheit und des Heranwachsens und während der ersten beruflichen Lernprozesse – sind Menschen mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert, die sie lösen müssen. Aus den ersten Versuchen der Problemlösung bilden sich langsam Muster heraus, wie ein Mensch an die ihm gestellten Aufgaben herangeht. Die erfolgreichen Muster – zu denen auch Abwehrmechanismen gehören – festigen sich mit der Zeit und geben der betreffenden Person ein Gefühl von Sicherheit in Bezug auf kommende Herausforderungen. Es liegt in der Natur des Menschen, nicht an jede neue berufliche Situation oder jede neue Beziehung – sei es Freundschaft oder Liebe – auch neu heranzugehen. Vielmehr greift man auf das bereits erlernte Repertoire an Handlungsstrategien zurück. Vieles in diesem Repertoire festigt sich mit den Jahren soweit, dass es nicht mehr in Frage gestellt wird. Aus erfolgreichen Handlungsstrategien werden habituierte (= zur Gewohnheit gewordene und damit weniger bewusste) Handlungsstrategien. Kommt es nun zu einer Situation des Wandels und damit zu neuen Herausforderungen, so werden Menschen zunächst auf ihre geläufigen Handlungsweisen zurückgreifen und diejenigen Aspekte der Herausforderung, die tatsächlich neu sind, ausblenden bzw. vermeiden. Der Anreiz für ein derartiges Vermeidungsverhalten liegt in der Reduzierung von Angst, die durch neue Situationen zwangsläufig ausgelöst wird. Widerstände bei Veränderungen haben also eine Schutzfunktion – indem man die vermeintlichen Risiken der Veränderung ausblendet, lebt man angstfreier.

Wie ist unsere Fähigkeit zu kommunizieren entstanden?

Die Ursprünge der Kommunikation

Primaten haben wahrscheinlich durch erste Anfänge von Arbeitsteilung bzw. ersten Ansätzen gemeinsam koordinierter Handlungen Freiräume geschaffen, durch die es zur Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten kommen konnte. Indem die ersten Menschen Symbole zur Abbildung der Realität erfanden, wurde es ihnen möglich, nicht nur direkt auf Reize zu reagieren (instinktives Verhalten anderer Säugetiere), sondern sich auch bei Abwesenheit der Reize über vergangene Ereignisse oder zukünftig vielleicht eintretende Situationen auszutauschen.

Indem ein Mensch Objekte aus der Umwelt sprachlich repräsentiert, kann er – gleichsam aus der Distanz bzw. bei Nichtanwesenheit der Objekte – verschiedene Konstellationen und alternative Handlungsabläufe simulieren, das heißt, er kann denken. Deshalb hat Freud das menschliche Denken als Probehandeln bezeichnet. Das menschliche Denken ist unmittelbar an die Fähigkeit zur Sprache bzw. zur sprachlichen Repräsentation von Objekten in der Umwelt geknüpft.

Am Anfang waren also die ersten Ansätze koordinierter Handlungen im Verband (der Sippe o. ä.). Diese Koordination führte zu einigen Freiräumen – man saß vielleicht am Abend am Lagerfeuer und hatte den Freiraum, die Ereignisse des Tages zu symbolisieren. Auf der Grundlage dieser Symbolisierungen konnte man nun alternative Handlungsabläufe durchdenken und neue Strategien (bspw. für die Jagd) „planen“. Mit Sloterdijk (1995, S. 14ff.) können wir uns diese Lagerfeuersituation als „psycho-akustische Zauberkugel“ vorstellen, aus der die menschliche Fähigkeit zur Kommunikation entstanden ist. Das Zusammenwirken von Kooperation und Kommunikation bildet die Voraussetzung für die Entstehung von Kultur, und Kultur wiederum kann als das zentrale Unterscheidungsmerkmal der Menschen von anderen Säugetieren angesehen werden (Vgl. Bischof 1991, S. 35ff.; Hall 1976, S. 15; Axelrod 2009, S. 18).

Wir kommunizieren auf der Grundlage von Bedeutungen

Wir können zwar allein bzw. als Einzelne denken, aber wie wir bereits gesehen haben, ist die Fähigkeit zu denken direkt an Sprache und damit an Kommunikation geknüpft; die Fähigkeit zu denken hat sich quasi erst durch Kommunikation entwickelt. Wenn wir denken, bleibt dieser kollektive Ursprung der Kommunikation erhalten, und zwar wie folgt:

Wenn wir kommunizieren, dann geht es nicht etwa um die Dinge selbst, sondern um deren Symbolisierungen. Ein Ding und sein Symbol können weit auseinanderliegen, wie schon daran deutlich wird, dass ein Gegenstand für verschiedene Menschen ganz unterschiedliche Bedeutungen haben kann und entsprechend anders bezeichnet wird. Man kann dies an den Problemen erkennen, die Angehörige unterschiedlicher Fachrichtungen oder Branchen haben, einander zu verstehen. Man muss sich dann oft zunächst auf eine „gemeinsame Sprache“ einigen. Eine Voraussetzung, dass wir einander überhaupt verstehen, ist, dass wir über ein geteiltes Repertoire an Bedeutungen bzw. Symbolen verfügen. Wenn ich kommuniziere, habe ich eine Annahme darüber, was der andere versteht. Ich muss also wissen, was der andere, dem ich etwas sage, überhaupt verstehen kann. Der Philosoph George Herbert Mead hat diesen Vorgang einmal so beschrieben:

»Was ist nun der grundlegende Mechanismus, durch den der gesellschaftliche Prozeß angetrieben wird? Es ist der Mechanismus der Geste, der die passenden Reaktionen auf das Verhalten der verschiedenen individuellen Organismen ermöglicht, die in einen solchen Prozeß eingeschaltet sind. Innerhalb jeder gesellschaftlichen Handlung wird durch Gesten eine Anpassung der Handlungen eines Organismus an die Tätigkeit anderer Organismen verursacht. Gesten sind Bewegungen des ersten Organismus, die als spezifische Reize auf den zweiten Organismus wirken und die (gesellschaftlich) angemessenen Reaktionen auslösen. Die Geburt und Entwicklung der menschlichen Intelligenz spielte sich im Bereich der Gesten ab, durch den Prozess der Symbolisierung von Erfahrungen, den die Gesten – insbesondere vokale Gesten – möglich machten. Die Spezialisierung des Menschen auf diesem Gebiet der Gesten war im Endeffekt verantwortlich für die Entwicklung und das Wachstum der gegenwärtigen menschlichen Gesellschaft und des menschlichen Wissens mit der ganzen Kontrolle über die Natur und die menschliche Umwelt, wie sie durch die Wissenschaft ermöglicht wird.« (Mead 1973, S. 46)

Die Voraussetzung für Kommunikation: der generalisierte Andere

Meine Gesten, das, was ich etwa zeige oder sage, löst also bei meinem Gegenüber bestimmte Reaktionen aus. Welche Gesten oder Worte in einer Situation angemessen sind und bestimmte Wirkungen entfalten, ist dabei in der Regel allen Kommunikationsteilnehmern bekannt. Das Wissen darum, was in einer Gemeinschaft kommunikativ angemessen ist, was mögliche oder schickliche Reaktionen etc. sind, ist laut Mead (1973) im „generalisierten Anderen“ organisiert. Ich weiß, was eine bestimmte Aussage bei meinem Gegenüber bewirken kann, weil ich in der Lage bin, auf der Grundlage der gemeinsam geteilten Symbole die Rolle des anderen einzunehmen. Ich kann mich fragen – und unbewusst tun wir das andauernd –, was meine Handlungen bei meinem Gegenüber auslösen. Indem ich die gleichen Bedeutungen kenne wie mein Gegenüber, kann ich, indem ich mich in ihn hineinversetze (quasi über den „generalisierten Anderen“) meine eigenen Handlungen analysieren. Dadurch werde ich mir selbst überhaupt verständlich. Denken kann ich zwar alleine, aber so lange ich über soziale Dinge nachdenke und spätestens sobald ich etwas sage, impliziert dies die (gedachte oder reale) Anwesenheit eines Anderen, in den ich mich hineinversetze und über dessen angenommene (und später tatsächliche) Reaktionen ich meine eigenen Handlungen verstehen kann. Wir haben diesen Anderen soweit verinnerlicht, dass er immer anwesend ist, eben als „generalisierter Anderer“. Wir unterstellen in jedem Gespräch, dass uns unser Gegenüber jeweils versteht, und wir strukturieren unsere Äußerungen auf der Grundlage unserer Annahmen darüber, wie unsere Handlungen bei ihr oder ihm ankommen. Wir fragen nicht erst, was er versteht oder wissen möchte, sondern wir handeln auf der Grundlage unserer Annahmen darüber, wie unsere Handlungen bei ihm oder ihr ankommen.

Salopp formuliert heißt das, dass wir nie allein sind. Wir haben mindestens den generalisierten Anderen immer „mitlaufen“. Wir schätzen die Konsequenzen unserer Handlungen ein, indem wir vorwegnehmen, was unsere Handlungen beim anderen auslösen. Wir betrachten unsere eigenen Handlungen gleichsam durch die Brille unseres Gegenübers, indem wir versuchen vorwegzunehmen, wie die oder der andere auf unsere Handlungen reagieren wird. Das bedeutet auch, dass wir in der Regel nicht das sagen, was wir wirklich denken oder meinen. Vielmehr drücken wir uns so aus, dass wir beim anderen das erreichen, was wir wollen – dass er gut über uns denkt beispielsweise oder sich von uns überzeugen lässt.

Was war, was ist, was sein wird – wie unsere Perspektive auf die Zeit unsere Entscheidungen beeinflusst

Während meines Studiums kam es insbesondere in Prüfungsphasen oft vor, dass ich mich trotz anstehender Prüfungen oder nahenden Abgabeterminen für Belegarbeiten entschied, der ein oder anderen Feierlichkeit in befreundeten WGs oder dem Studentenclub beizuwohnen: „Naja auf ein Getränk kann man ja mal vorbeischauen. Ich gehe einfach 0 Uhr nach Hause, dann schaffe ich es morgen auch noch zur Prüfungsvorbereitung.“. So oder so ähnlich lautete dann meine Rechtfertigung der Abendplanung vor mir selbst. Außerdem war es ja noch lange hin bis zu den Prüfungen. Einige meiner Kommilitonen trafen den selben Entschluss und wieder andere entschieden sich dagegen, die Feier zu besuchen, um am nächsten Tag fit zu sein. Zurück zu mir und dem tatsächlichen Verlauf des Abends. Natürlich blieb es nicht bei einem Getränk, natürlich verpasste ich den 0 Uhr Ausstieg um mehrere Stunden und natürlich verschlief ich die Prüfungsvorbereitung und blieb mit einem Kater im Bett liegen. Andere Kommilitonen waren da konsequenter, tranken nur ein Getränk, verabschiedeten sich um 0 Uhr und zeigten sich auch von Überredungsversuchen, doch noch etwas länger zu bleiben es sei gerade so lustig, unbeeindruckt. Häufig waren es auch diese Kommilitonen, die, mit Blick auf die Noten, die besseren und erfolgreicheren Studierenden waren. Oft habe ich mich gefragt, was uns unterscheidet und weshalb wir so verschiedene Entscheidungen treffen.

Vor einiger Zeit stieß ich auf ein Buch von Philip Zimbardo und John Boyd – „Die neue Psychologie der Zeit“ (2011), welches bei mir für einige Aha-Momente sorgte und mit dessen Hilfe ich einen Erklärungsansatz für das oben beschriebene und viele weitere Phänomene fand. Im Prolog ihres Buches führen Zimbardo und Boyd (2011) aus, dass das Leben im Prinzip um Entscheidungen dreht. Egal ob dies banale Entscheidungen sind, wie in etwa welchen Joghurt ich kaufe oder um existenzielle, welche Frau ich heirate oder welchen Beruf ich lernen möchte. Diese Entscheidungen finden ihren Ursprung in inneren Gedankengängen und entwickeln sich zu den Auslösern tatsächlichen Handelns. Zimbardo und Boyd (2011) nehmen die Komplexität aus dem Leben, in dem sie es auf zwei Arten von Handlungen herunterbrechen. Zum einen die Handlungen die wir durchführen und zum anderen jene, die wir unterlassen. Weiter erklären sie, dass jede dieser Handlungen, ob nun durchgeführt oder nicht, entweder zu positiven oder zu negativen Folgen, bestimmten Emotionen und zu Selbstwertgefühl führen. Haben wir etwas getan, was zu positiven Folgen führt, so empfinden wir Freude und Stolz. Haben wir etwas nicht getan und erkennen im Nachgang, dass wir es besser hätten tun sollen, so sehen wir uns mit Reue und Kummer konfrontiert. Für vernünftig und klug halten wir uns, wenn wir etwas nicht getan haben und sich später herausstellt, dass dies eine sehr gute Entscheidung war, weil wir negative Folgen vermeiden konnten. Haben wir dagegen etwas getan, was wir nicht hätten tun sollen (wie beispielsweise mehr als ein Getränk trinken, nicht 0 Uhr nach Hause gehen, damit die Prüfungsvorbereitung verschlafen und eine schlechte Prüfung zu schreiben), dann fühlen wir uns dumm und töricht.

Zimbardo und Boyd (2011) (und auch mich) interessiert vor allem, wie wir zu den Entscheidungen kommen, etwas zu tun oder etwas sein zu lassen. Denn mal ehrlich, wir wollen doch alle froh und stolz sein, wir wollen klug und vernünftig handeln und uns nicht dumm und töricht verhalten. Um diese mentale Dynamik zu erklären beschäftigen sich Zimbardo und Boyd (2011) mit einem Faktor, der unsere mentalen Entscheidungen häufig unbewusst beeinflusst – unsere einseitige Zeitperspektive. In der Psychologie bezeichnet der Begriff der Zeitperspektive den Prozess, mit dem wir unsere persönlichen Erfahrungen in zeitliche Kategorien einteilen. Diese Zeitperspektive ist ein Element der psychischen bzw. subjektiven Zeit, wie auch die empfundene Dauer eines Ereignisses, unser Gefühl für die Geschwindigkeitsveränderung eines Zeitverlaufs und das Gefühl des Zeitdrucks. Dem gegenüber steht die objektive Zeit, die wir als Uhrzeit bezeichnen und die objektiv messbar ist. Eine Stunde bleibt objektiv gesehen immer eine Stunde. Verbringen wir diese Stunde allerdings mit unseren Liebsten oder mit einem angenehmen Hobby, ist diese Stunde gefühlt deutlich schneller zu Ende als wenn wir eine Stunde in der unerbittlichen Kälte des Januars auf den Bus warten.

Zimbardo und Boyd (2011) haben herausgefunden, dass wir unsere Lebenserfahrung im allgemeinen in drei Kategorien einteilen: Das, was war – die Vergangenheit; das, was ist – die Gegenwart; und das, was sein wird – die Zukunft. Nun ist es so, dass die überwiegende Mehrheit von uns eine dieser drei Zeitzonen bei ihren Entscheidungen bevorzugt und dabei die anderen vernachlässigt. Diese einseitige Zeitperspektive entsteht, so Zimbardo und Boyd (2011), genau auf dieselbe Art, wie sich auch andere Vorurteile und Voreingenommenheiten bilden. Persönliche Erfahrungen, kulturelle Einflüsse, Bildung, soziale Schicht, Religion, Region und Klimazone in der wir leben, und andere Einflüsse schlagen sich auf unsere Perspektive auf die Zeit nieder. Einen großen Einfluss haben auch die Zeitperspektiven unserer sozialen Vorbilder, unserer Familie oder anderer Bezugsgruppen. Da wir diesen Einflüssen tagtäglich und unser Leben lang ausgesetzt sind und diese Teil unseres allgemeinen Alltagswissens werden, ist uns oft nicht klar, wie wir dazu kommen eine der großen Zeitkategorien, den anderen vorzuziehen.

Nun zurück zu der Frage nach der Grundlage von Entscheidungen. Während wir darüber nachdenken, wie wir uns entscheiden, sind wir bestimmten Einflüssen ausgesetzt. Ein Teil der Menschen ist hauptsächlich den Einflüssen ausgesetzt, die sie in ihrer unmittelbaren, gegenwärtigen Situation wahrnehmen. Das sind beispielsweise ihre biologischen Triebe, ihr soziales Umfeld, das was andere tun oder wozu sie von anderen gedrängt werden oder auch die sinnlichen Reize der Situation selbst. Treffen diese Menschen ihre Entscheidungen also häufig aufgrund der aktuellen Umstände, so bezeichnen Zimbardo und Boyd (2011) diese als gegenwartsorientiert.

Für andere Menschen, die in der gleichen Situation eine Entscheidung treffen, bedeutet die Gegenwart viel weniger. Diese Menschen erinnern sich eher an ähnliche Situationen, die sie bereits erlebt haben und daran, wie sie sich in dieser vergangenen Situation verhalten haben und welche Folgen ihre Entscheidungen hatten. Zimbardo und Boyd (2011) bezeichnen diese Menschen als vergangenheitsorientiert.

Ein dritter Persönlichkeitstyp ist, nach den beiden Psychologen Zimbardo und Boyd (2011) der zukunftsorientierte Mensch. Menschen mit dieser Zeitperspektive treffen ihre Entscheidungen aufgrund der erwarteten Konsequenzen und wägen Kosten sowie Nutzen der Entscheidungsmöglichkeiten ab. Im Extremfall tun sie nur dann etwas, wenn der Gewinn überwiegt.

Zimbardo und Boyd (2011) haben in jahrzehntelanger Forschungen herausgefunden, dass wir tagtäglich Entscheidungen treffen, die hinsichtlich einer der drei Hauptperspektiven gefärbt sind, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Für uns ist diese zeitspezifische Art zu entscheiden normal und alltäglich geworden, weil wir sie gewöhnt sind. In ihren unzähligen Untersuchungen konnten die beiden Forscher zeigen, dass die drei zeitlichen Hauptkategorien jeweils in zwei unterschiedliche Paare gegliedert sind.

Sind wir eher gegenwartsorientiert, so kann das entweder hedonistisch sein, also auf Genuss, Risikofreude und Nervenkitzel ausgelegt oder fatalistisch. Das bedeutet, wir geben uns unserem Schicksal hin und glauben daran, dass unser Leben ohnehin vorbestimmt ist und wir keinen Einfluss auf dessen Verlauf haben.

Entsprechen wir eher dem Persönlichkeitstyp der Vergangenheitsorientierten gibt es zum einen die positive Sicht auf die Vergangenheit. Diese ist geprägt durch angenehme Erinnerungen an die gute alte Zeit, Familienleben und Tradition. Dem gegenüber steht eine negative Sicht auf das Vergangene. Diese negative Haltung wird gespeist durch die Erinnerung an Missbrauch, Versagen und Reuegefühlen aufgrund verpasster Chancen.

Auf die Zukunft ausgerichtet zu sein, bedeutet für uns auf der einen Seite auf Ziele hinzuarbeiten, Termine einzuhalten und unsere Pläne umzusetzen. Auf der anderen Seite steht dabei die transzendentale Sicht auf die Zukunft. Diese erlangen wir dann, wenn für uns das spirituelle Leben nach dem körperlichen Tod das Wichtigste ist.

„Na toll,“ werden einige Leser nun vermutlich denken, „da haben die Herren Psychologen mal wieder einige Schubladen entdeckt, in die sie uns stecken können.“ Nun, das mag auf den ersten Blick so anmuten. Zimbardo und Boyd (2011) sind allerdings weit davon entfernt, solch eine Einteilung vorzunehmen. Ihr Test, der ZTPI (Zimbardo Time Perspective Inventory), lässt eher ein Profil über alle sechs Zeitperspektiven hinweg entstehen. Das bedeutet, die Zeitperspektiven schließen sich nicht gegenseitig aus. Ich kann sowohl positiv als auch negativ zukunftsorientiert sein. Ich kann sowohl positiv vergangenheitsorientiert als auch fatalistisch gegenwartsorientiert sein („Früher war es besser, da hatte ich mein Leben noch selbst in der Hand.“ Jede der sechs Perspektiven erhält ihren individuellen Score unabhängig von den anderen.

„Und was hat das alles mit mir zu tun?“

Nun, bestimmte Zeitperspektiven haben für uns eine positive Wirkung. Zukunftsorientierte Menschen sind beispielsweise in der Regel erfolgreicher. Überwiegt eine der Perspektiven allerdings extrem, so kann sich durchaus eine negative Folge daraus ergeben. Eine hoch ausgeprägte fatalistische Gegenwartsperspektive in Kombination mit einer negativen Vergangenheitsorientierung können Auslöser bzw. Indikatoren für eine Depression sein.

Auf der anderen Seite können diese unterschiedlichen Zeitperspektiven auch innerhalb von Beziehungen zu Konfliktauslösern werden. Stellen wir uns einen hedonistisch gegenwartsorientierten Ehemann vor, der alles Geld der Familie sofort „auf den Kopf haut“. Der stets sehr großzügig ist, dabei allerdings nicht an morgen denkt. Er ist verheiratet mit einer zukunftsorientierten Frau, die schon drei Urlaube im Voraus und die Altersvorsorge plant. Zwischen diesen beiden wird es tendenziell die ein oder andere Spannung geben. Oder stellen wir uns ein Team vor, dessen sechs Mitglieder alle sechs Zeitperspektiven einnehmen. Auch hier entsteht Konfliktpotential. Verstehen wir also, dass es Unterschiede zwischen den Menschen auch hinsichtlich ihrer Zeitperspektive gibt, fällt es uns möglichweise leichter aufeinander zu zugehen.

Zimbardo und Boyd (2011) sind der festen Überzeugung, dass die persönliche Zeitperspektive erlernt und damit auch veränderbar ist. Wir haben also die Chance unsere Perspektive zu wechseln und unsere Entscheidungsprozesse zu optimieren. Die beiden Psychologen haben ihr Buch natürlich nicht beendet, ohne die ideale Zeitperspektive zu benennen. Es überrascht kaum, dass dieses Ideal in einer Mischung aus verschiedenen Zeitperspektiven besteht:

  • stark ausgeprägte Zeitperspektive „positive Vergangenheit“
  • moderat ausgeprägte Zeitperspektive „Zukunft“
  • moderat ausgeprägte Zeitperspektive „Gegenwartshedonismus“
  • schwach ausgeprägte Zeitperspektive „negative Vergangenheit“
  • schwach ausgeprägte Zeitperspektive „fatalistische Gegenwart“

Nach Zimbardo und Boyd (2011) bringt diese Kombination drei entscheidende Vorteile mit sich:

Die positive Orientierung auf das Vergangene gibt uns Wurzeln. Aus dieser Vergangenheit schöpfen wir unser Verständnis von uns selbst. Sie gibt uns das Gefühl der Kontinuität und der Verbundenheit mit der Familie, der Tradition und unserem kulturellen Erbe.

Die Zukunftsperspektive lässt uns voller Hoffnung, Optimismus und Kraft nach vorn blicken. Sie verleiht uns Flügel, die uns zu unseren Zielen tragen und uns die Zuversicht geben unvorhergesehene Hürden zu überwinden.

Die hedonistische Gegenwartsperspektive gibt uns die Energie und die Lebensfreude. Diese Energie motiviert uns, andere Menschen, andere Orte und uns selbst zu erkunden. Außerdem öffnet dieser Gegenwartshedonismus unsere Sinne für die Natur und die Schönheit des Lebens.

Johannes Marquard

 

Literatur:

Zimbardo, P. G., & Boyd, J. (2011). Die neue Psychologie der Zeit und wie sie Ihr Leben verändern wird. (K. Petersen, Übers.) (Taschenbuchausg). Heidelberg: Spektrum, Akad. Verl.

Weil wir es können

Fragt man sich, was Menschen antreibt, so geht der Blick gegenwärtig beinahe automatisch in Richtung Psychologie. Diese Disziplin hat wie keine zweite das Thema Motivation für sich in Beschlag genommen. Über die empirisch mitunter sehr gut fundierten Theorien hinaus stellt sich mir aber immer wieder die Frage, ob es nicht die eine oder andere eher anthropologische Konstante gibt, die wir beim Thema Motivation übersehen – gerade als ob uns die eher auf den einzelnen Menschen gerichtete Psychologie regelrecht den Blick für manche Zusammenhänge verstellte.

Eine dieser wirklich interessanten und manche Probleme recht erhellenden anthropologischen Konzepte ist die Theorie der sich über Generationen hinweg verändernden Grundlinien des menschlichen Denkens.

Der andere, von der Psychologie weithin übersehene Motivationsfaktor lässt sich am Ehesten mit der Umschreibung „Weil wir es können“ fassen.

Zuerst habe ich davon bei Jon Krakauer gelesen, der sich in seinem Buch über eine katastrophal misslungene Mount-Everest-Expedition gefragt hat, warum Menschen unter großen Anstrengungen und Gefahren in solche definitiv lebensfeindlichen Umgebungen vorstoßen – und dies nicht nur zu Wenigen, sondern mittlerweile zu Hunderten und Tausenden. Die lapidare – und zunächst verstörende – Antwort lautet: weil wir es können.

Mit diesem Satz macht auch ein Erlebnis Sinn, das ich einmal als Student hatte und das mir lange ein Rätsel war. Bei einer Party fand ich mich in einer Runde von Studenten wieder, die ich kaum kannte. Ich war damals in eine Dame aus dem betreffenden Jahrgang verliebt, weshalb ich mich sehr gern auf diese Party hatte einladen lassen, obwohl ich kaum jemanden kannte. Man unterhielt sich über die gerade absolvierten Praktika. Bei den in der gemütlichen Küchenrunde ausgetauschten Geschichten beschlich mich irgendwann das Gefühl, dass es gar nicht um die Jobs oder die Erfahrungen an und für sich ging, sondern eher darum, wer weiter weg bzw. an möglichst ungewöhnlichen Orten gearbeitet hatte. Das Praktikum im Süden Frankreichs verblasste vor dem in Ecuador. Dann wusste aber jemand „Tokio“ zu sagen, was wiederum eine Steigerung darstellte. Als mich das Thema zu nerven begann, gab ich mit ein paar Jahren Flüchtlingsarbeit im ehemaligen Jugoslawien an, was die Diskussion beendete. In jenem Moment ging es mir wohl darum, die junge Dame zu beeindrucken; im Nachhinein dachte ich aber immer wieder mit vielen Fragezeichen an diese Situation zurück.

Es wäre problemlos möglich, weitere Beispiele solcher Geschichten aufzuzählen. Anstatt in den Urlaub zu fahren und Land und Leute kennenzulernen, springen wir von Besuchermagnet zu Besuchermagnet oder von Event zu Event, machen Fotos, hasten weiter. Damit einhergehend: manchmal erwischen wir uns, wie wir, wenn wir einmal plötzlich nichts zu tun haben, regelrecht erstarren. Wellness-Hotels sind Orte, an denen sich das gut beobachten lässt: gerade eben bewegte sich der Geschäftsführer-A6 noch mit 190 Sachen über die Autobahn, dann wird gebremst, eingeparkt, ausgeladen, der Modus gewechselt, sich auf den Liegestuhl gelegt… Und dann? Nichts.

Oder was?

Warum ist das so? Warum rennen wir regelrecht, nur um quasi „in der Eile zu erstarren“? Mit den herkömmlichen Motivationstheorien ist das Phänomen allenthalben nur teilweise zu erklären. Man könnte etwas über Statusbedürfnisse usw. erzählen, aber das reicht meines Erachtens nicht aus. Gerade die stete Steigerung dessen, was wir pro Zeiteinheit schaffen/konsumieren/entspannen etc. können, stellt mich vor die Frage, was diesen Mechanismus verursacht. Klar: individuell bzw. psychologisch erklärt bin ich beim Statusbedürfnis und beim sozialen Vergleich – was der andere hat, will ich auch, gern auch mehr. Aber das erklärt noch nicht, warum auch Menschen, die erklärtermaßen anders sein und handeln wollen, ebenfalls mitmachen.

„Wir fliegen übers Wochenende mal eben nach Dubrovnik und anschließend nach Budapest. Dubrovnik ist für die Romantik und in Budapest treffen wir Freunde auf einem Festival. Mittwoch sind wir wieder da, dann geht der neue Job los.“ – Originalzitat einer jungen, sich sehr für das Thema Nachhaltigkeit engagierenden Kollegin aus dem vergangenen Sommer.

Was ist da passiert?

Mit den Möglichkeiten wachsen die Ansprüche, könnte man sagen. Aber das unterstellt eine gewisse Absicht. Ansprüche haben auf den ersten Blick etwas Absichtsvolles. Aber genau das möchte ich bezweifeln. Die absichtsvollen Überlegungen sind in der Regel verständlich und gut. Warum soll man 2000 Kilometer mit dem Auto fahren, wenn man die fragliche Strecke in wenigen Stunden – und günstiger – fliegen kann? Und sollen wir nicht auf Work-Life-Balance achten, gerade in Zeiten schneller werdender Abläufe und wachsender Belastungen? Ja, all das klingt vernünftig. Und warum sollte es wie früher ein Privileg weniger Menschen sein, bestimmte Reisen machen zu können? Nun, die Privilegien der Wenigen haben sich seither auch weiterentwickelt. Man blicke dazu nur einmal in die Yachthäfen des Mittelmeers.

Es ist ein Kreislauf zwischen Bedürfnissen und Möglichkeiten, in dem es unbewusst darum geht, was möglich ist und nicht so sehr darum, was nötig ist. Wir tun vieles, weil wir es können, nicht, weil wir es brauchen. Und es ist oft nicht der soziale Vergleich aus den psychologischen Motivationstheorien, sondern viel eher der an und für sich begrenzte Horizont des Denkens – denn unsere Entscheidungen sind in der Regel vernünftig oder lassen sich zumindest recht einfach argumentativ zurechtbiegen (Reduktion kognitiver Dissonanz). Es werden nur insgesamt immer mehr solcher Entscheidungen. Nicht nur die Zahl der Menschen steigt, sondern auch das, was man möglichweise als „Schlagzahl pro Individuum“ bezeichnen könnte.

Wir müssten uns fragen: Was brauche ich?

Aber da wir viele früher bindenden Selbstverständlichkeiten – bspw. den Kirchenbesuch am Sonntag einschließlich der (oft wirkungslosen) Erinnerung ans Maßhalten – abgeschafft haben, sind viele von uns regelrecht auf sich selbst zurückgeworfen. „Ich entscheide. Ich bin glücklich, weil ich entscheide. Ich mache die Dinge nur, wenn ich sie machen will. Ich tue nichts, das ich nicht möchte.“ So oder so ähnlich hört sich das dann in der Praxis an. Viele der heutigen Menschen leben so. Nicht zuletzt ich selbst.

Früher war das einmal ein befreiender Gedanke – raus aus den Familiengefängnissen und Zwangssystemen, weg von der gruseligen, oft genug gewaltschwangeren und regelrecht „einmahlenden“ Erziehung früherer Jahrzehnte. (Großen Teilen der Psychologie wohnt dieser „emanzipatorische Impuls“ inne.)

Hin zu? Ja genau: Wohin sollte die Reise nochmal gehen?

Es sollte eine Befreiung des Menschen werden, eine Welt ohne Druck, ohne gleichsam „gestanzte“, lebenslang in Rollen gezwungene Menschen. Anstelle dessen sind wir, fürchte ich, ins Schlaraffenland der Egomanen unterwegs – weil wir es können.

Jörg Heidig

Der Unterschied zwischen Selbstreflexion und Selbstrotation

Hat ein unsicherer Mensch den Mut, der (erlernten) Welt irgendwann seine eigene Deutung entgegenzusetzen? Das macht den Unterschied zwischen Selbstreflexion und Selbstrotation. Wer unsicher bleibt und nicht wagt, wird weiter um sich selbst rotieren, in den Äußerungen der anderen krampfhaft nach Signalen des Verständnisses und der Akzeptanz suchen, die dann in ein (simuliertes, kaum echtes) Selbst-Verständnis und eine simulierte Selbst-Akzeptanz umgewandelt werden. Mit der Folge, dass der Verdacht, man könnte nicht echt sein, immer stärker wird.

Anders formuliert: Gerade in Helferberufen sind unsichere Menschen überdurchschnittlich häufig vertreten. Für viele ist die Rolle des Helfers oder der Helferin so etwas wie ein „kompensatorisches Selbstbild“. Sie sind sich im realen Leben selbst nicht genug, mögen sich nicht, wie sie sind. Oder sie sind in sozialen Situationen unsicher, wissen bspw. in vielen Situationen nicht, wie sie handeln sollen. Erleben sie dann, wie es ist, anderen Menschen zu helfen, werden sie plötzlich ruhiger: Nun sind sie wer, haben eine Rolle, spüren Dankbarkeit. Diejenigen Inhaber von Helferberufen, auf die das zutrifft, sollten genug Selbstreflexion betrieben haben, um dies nicht nur zu wissen, sondern im Griff zu haben.

Nicht umsonst gehört eine tüchtige Portion Selbsterfahrung zu jeder guten psychologischen oder sozialpädagogischen Ausbildung – schade, dass das in den letzten beiden Jahrzehnten zugunsten der reinen Wissens- und Methodenvermittlung immer weniger geworden ist.

Meine Befürchtung ist, dass viele nur so tun, als seien sie reflektiert – die beschäftigen sich mit sich selbst mit dem Ziel der Selbstbestätigung, nicht der Selbsterkenntnis. Da liegt der Unterschied.

Jörg Heidig

Mitleid oder Mitgefühl? Ein entscheidender Unterschied…

In Seminaren mit Angehörigen von Helferberufen werden wir oft gefragt, wie es gelingt, belastende Dinge „nicht mit nach Hause zu nehmen“. Bei der Frage, wie man Grenzen ziehen und mit belastenden Situationen umgehen kann, ist es unseres Erachtens hilfreich, zwischen Mitgefühl und Mitleid zu unterscheiden.

Auf den ersten Blick scheint diese Unterscheidung eine theoretische zu sein. Man könnte beispielsweise sagen, dass Empathie in Helferberufen unerlässlich ist, und dass es egal ist, ob man Empathie nun als Mitleid oder Mitgefühl bezeichnet – Hauptsache, man fühlt etwas dabei. Wir meinen, dass es darauf ankommt, was oder wie man fühlt.

Fragen wir uns zunächst, was passiert, wenn man mit-leidet. Wir hören vielleicht die Geschichte eines traurigen Schicksals, wir sind bewegt – in uns entsteht vielleicht der Wunsch zu helfen. Was löst diesen Wunsch aus? Vielleicht die Einsicht, dass die betreffende Person Hilfe braucht, weil wir uns in einer solchen Situation auch Hilfe wünschen würden. Möglicherweise löst aber auch einfach nur das Nachvollziehen des beobachteten oder geschilderten Leids den Wunsch zu helfen aus.

Wenn es so einfach wäre, müßten wir nicht darüber sprechen; Mitleid wäre dann nichts Problematisches. Es lohnt sich deshalb, hier einmal genauer hinzuschauen: Viele Menschen, die mit professionellen Helfern zu tun hatten, meinen später, dass es manchen dieser Helfer auf eine verborgene Weise mehr um sich selbst ging und weniger um den anderen. Als würden diese Helfer etwas für ihre Hilfe erwarten – als sei die Hilfe doch nicht so selbstlos, wie sie zunächst daherkam. Als würden diejenigen, denen geholfen wurden, irgendwie verpflichtet.

Hier finden wir das Unterscheidungskriterium für das, was wir Mitgefühl auf der einen und Mitleid auf der anderen Seite nennen.

Mitgefühl ist das, was passiert, wenn man vom Schicksal des Gegenübers berührt wird, wenn man das, was man sieht oder hört, nachfühlen kann. Das Mitgefühl führt vielleicht zu Fragen, ob und wie man helfen kann. Aber das Mitgefühl bleibt in gewisser Weise meine Reaktion und das geschilderte Schicksal bleibt das der anderen Person. Ich kann helfen, wenn die andere Person dies wünscht, ich muss aber nicht helfen. Ich lebe vielmehr mit der Einsicht, dass ich nicht helfen kann, wenn die andere Person dies nicht wünscht. Und mir ist klar – und diese Einsicht ist mitunter sehr schmerzhaft – dass es – sogar auch und gerade dann, wenn ich jemanden liebe – Umstände gibt, in denen ich nicht helfen kann, so sehr ich es auch wollte.

Mitleid hingegen weist eine gleichsam zwingende Verknüpfung zwischen der empathischen Reaktion und der helfenden Handlung auf – und hat sowohl auf die helfende als auch auf die Hilfe empfangende Seite eine verpflichtende Wirkung („Ich muss helfen!“ einerseits; Gefühl der Verpflichtung zur Dankbarkeit andererseits). Mitleid kommt in diesem Sinne heischend daher. Und zwar nicht als eine vielleicht Mitleid heischende Geschichte, sondern als Hilfe antragende, bisweilen gar zumutende („übergriffige“), das Gegenüber mit der eigenen Mitleidsreaktion bisweilen regelrecht überziehende emotionale Reaktion. Dem Mitleid wohnt der helfende Handlungsimpuls inne – nicht als Frage, sondern quasi als – unterschwellig selbstverständlicher und deshalb nicht hinterfragbarer – Anspruch. Mitleid erhebt den Anspruch, dass das Gehörte oder Beobachtete tatsächlich dramatisch, schwierig, unlösbar und so weiter ist. Die helfende Handlung erhält durch diesen Anspruch etwas Entrücktes und Ehrwürdiges. Man muss dafür dankbar sein. Mitleid hängt sich regelrecht an das Gehörte oder Beobachtete, die eigene – oft nur vorgeblich helfende – Reaktion „übernimmt“ quasi das Geschehen, gerät in den Mittelpunkt, macht eine Performance aus der Hilfe, ist nicht selbstlos, sondern erwartet Dankbarkeit.

Das mag übertrieben, ja regelrecht anmaßend klingen. Was wir meinen, wird klar, wenn wir fragen, warum manche Helfer Dankbarkeit erwarten.

Die – ebenso drastische wie einfache – Antwort lautet: weil man sich selbst nicht genug ist. Weil man nicht gelernt hat, wer man ist, oder weil man nicht zufrieden ist mit dem, was oder wer man ist. Weil man vielleicht irgendwann beschlossen hat, jemand anders sein zu wollen, als man ist, und weil man deshalb seine Umgebung so manipuliert, dass sie einem das bestätigt, was man über sich hören will. Nichts ist dafür geeigneter als das Engagement – oft auch: die Aufopferung – in einer Helferrolle. Manche lösen sich regelrecht in ihrer Helferrolle auf, werden ganz und gar Helfer, sind über ihre Rolle hinaus kaum noch zu erkennen.

Wem das übertrieben vorkommt, dem mögen folgende Beispiele als Anregung für weiterführende Gedanken oder Fragen dienen:

  1. Anfang des Jahres fragte uns der Leiter einer Flüchtlingseinrichtung, wie er dafür sorgen könne, dass Teile seines Teams wieder zuhause schliefen und nicht mehr in der Einrichtung. Einige würden sich bis an die Grenze zur Erschöpfung und darüber hinaus engagieren, und das sei auf Dauer nicht gesund.
  2. Mitte des Jahres fragte eine Sozialpädagogin in einer Supervisionssitzung, wie es sein könne, dass sie beginne, ihre Klienten regelrecht zu hassen. Sie wolle das nicht, aber sie erwische sich zunehmend dabei, wie sie – auch bei minimalen Anlässen – wütend werde und bisweilen auch Hass empfinde. Sie könne manchen ihrer Klienten nicht mehr helfen.

Jörg Heidig

Erst zu viel Autorität und nun oft gar keine mehr: wie man falsche Selbstbilder prägt, und was passiert, wenn man die Prägung ganz unterlässt

Wenn man sich vorstellen möchte, wie das Selbstbild eines Menschen entsteht, ist es hilfreich, zum Prozess des Erlernens von Bedeutungen in der (frühen) Kindheit zurückzugehen. Mit der Sprache eignet sich ein Kind auch die entsprechenden Bedeutungen an – wobei die Bedeutungen nicht etwa gegeben sind, sondern sich gleichsam aus der Beziehung des jeweils sprechenden Menschen zum durch den Sprechakt bezeichneten Gegenstand ergeben. Hat ein Mensch keine Beziehung zu einem Gegenstand (etwa wenn er ihn nicht gebrauchen oder keine Erinnerungen damit verbinden kann), wird ihm dieser auch kaum etwas bedeuten. Die Eltern reagieren auf das primäre Bindungsbedürfnis ihres Kindes – sind diese Reaktionen halbwegs gleichbleibend und sicher, bildet sich daraus ein konsistentes Bindungsmuster. Durch die Reaktionen der Eltern auf ihr Kind erfährt das Kind auch etwas über sich – beispielsweise dass es geliebt wird. Ein Kind kann aus sich selbst heraus nichts über sich erfahren – alles, was ein Kind über sich weiß, haben andere (zuallererst die Eltern) in das Kind „hineingelesen“. Das Kind handelt zunächst auf der Basis seiner Bedürfnisse – und erfährt durch die Reaktionen seiner Eltern, was seine Handlungen bedeuten. Durch halbwegs gleichbleibende Reaktionen – eine spezielle Handlung des Kindes führt im Wiederholungsfall zu einer etwa gleichen oder mindestens ähnlichen Reaktion der Eltern – bilden sich mit der Zeit stabile Bedeutungs- und Handlungsmuster. So lernt ein Kind, wer es selbst ist, und wie es handeln soll. Später sind dieses Bild und die entsprechenden Handlungsmuster fast selbstverständlich und dementsprechend kaum hinterfragbar.

Bei einem so sensiblen Prozess wie der Prägung eines Selbstbildes kann es zu einer ganzen Reihe von Störungen oder Verzerrungen kommen. Eine der wahrscheinlich häufigsten Störungen tritt auf, wenn Kinder abwertend oder gar gewalttätig erzogen werden. Das Resultat ist häufig eine zutiefst unsichere Persönlichkeit. Befragt man selbstunsichere Personen, so wird man hören, dass eine so geprägte Unsicherheit nicht „weggeht“, sondern dass sie nur „kompensierbar“ ist – nicht selten durch berufliche Tätigkeit. Die berufliche Leistung und der Status, den man dadurch gewinnt, „heilt“ die Verletzungen – ein wenig, aber nie vollständig (die Wirkung bleibt meist situations- oder bereichsbezogen: berufliche Leistung reduziert die Unsicherheit in beruflichen Umgebungen, hat aber nur eine geringe und oft nur vorübergehende Wirkung auf die Lebensbereiche über die berufliche Welt hinaus). Manche entwickeln einen regelrechten „Hunger nach Leistung“, werden zu bisweilen sehr erfolgreichen Persönlichkeiten – nur eben oft mit dem Manko, dass es nie genug ist, dass sie immer weiter müssen, und dass sie sich auf jeder erklommenen Stufe wieder genauso fühlen wie am Anfang aller anderen Stufen davor. Der „Hunger“ – das Bedürfnis nach Kompensation – bleibt schwer zu stillen.

Ist man nun als Kind beispielsweise abwertend erzogen worden – hat man also über sich gelernt, „nicht genug“ zu sein, oder schlimmer noch: nichts wert zu sein – so wird man aus Gründen des Selbstschutzes lernen, dies zu verbergen, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen. Eine mögliche – und nicht seltene – Reaktion besteht im Ergreifen eines Helferberufs. Da Menschen, denen man geholfen hat, in der Regel dankbar sind, und da Hilfe einem Helfer auch die statusmäßig „höhere“, weniger verletzliche Status-Position sichert (die hilfesuchende Seite macht sich verletzlich, indem sie zugibt, Hilfe zu brauchen; die helfende Seite gewinnt an Status, weil ihr die Kompetenz zu helfen zugeschrieben wird), suchen selbstwertverletzte Menschen gern die – oft als „professionelle Distanz“ umformulierte – emotionale „Ruhe“ der statusmäßig höheren Position des Helfers auf. Drastisch formuliert: Hilfe ist eine Form von Macht, und – mit Epikur gesprochen – Macht verschafft eine gewisse „Seelenruhe“ (durch die mit der Macht einhergehende Distanz).

Weil das tatsächlich anerzogene Selbstbild schwer erträglich ist, bauen viele selbstunsichere Menschen ein „kompensatorisches Selbstbild“ auf und lernen so zu handeln, dass die Umwelt fortan vor allem das „kompensatorische Selbstbild“ bestätigt. Bei einem selbstunsicheren Menschen, der einen Helferberuf ergreift, wird das sehr deutlich: aus dem „Ich bin nicht genug!“ wird eine hohe Helfermotivation, die für anerkennende und dankbare Reaktionen sorgt – was schnell zu „Helfers Opium“ werden kann, wenn sie oder er davon nicht genug bekommen kann. Im Prinzip leben Menschen mit solchen „kompensatorischen Selbstbildern“ dann eine Art Lüge – die zwar alles andere als unverständlich ist, aber trotzdem eine Lüge bleibt. Und da man sich schlecht selbst belügen kann, weil man sein Selbstbild immer aus den Reaktionen anderer generiert, „benutzt“ man quasi die Reaktionen anderer, um seine eigene Lüge aufrechtzuerhalten. Ein trauriger, im Grunde unverschuldeter Teufelskreis, aus dem man später höchstens durch Reflexion, Infragestellung, Beratung, Supervision, Therapie o. ä. aussteigen kann.

So viel zu den „kompensatorischen Selbstbildern“. Über die Folgen von Abwertung und Gewalt in der Erziehung ist viel geforscht und geschrieben worden, und es ist auch klar, wie Beraterinnen und Therapeuten damit umgehen können – auch wenn es nicht immer hilft. Durch die Veränderung des Erziehungsstils in den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch noch eine andere „Selbstbild-Störung“ entwickelt, die – zumindest noch – zu wenig Beachtung findet angesichts der Dimensionen, die sie mittlerweile angenommen hat. Aber hier streiten sich die Geister, und ich will diesem Streit gern einen weiteren Beitrag hinzufügen:

Was passiert, wenn die ein Kind Erziehenden mehr oder minder gar nichts mehr für die Prägung eines Selbstbilds tun? Wenn die Prägung an und für sich in Frage gestellt wird? Wenn man Angst hat, zu stark zu prägen?

Aus der gut gemeinten Intention des emanzipatorischen Ansatzes ist eine Nicht-Erziehung geworden. An die Stelle von zu viel Autorität ist die Angst vor Autorität getreten. Wie soll aber ein Kind lernen, wer es ist, wenn ich mich als Mutter oder Vater unterordne, wenn ich ihm Entscheidungen überlasse, wenn ich kaum mehr reagiere?

Das Kind entwickelt dann überhaupt kein Selbstbild mehr – es bleibt quasi allein in seiner Welt, weil es die kategoriale Voraussetzung des Begreifens anderer nicht erworben hat. Diese „kategoriale Voraussetzung“ besteht in der Fähigkeit zur Anerkenntnis anderer Menschen – durch die ich dann erfahren könnte, wer ich eigentlich bin. Für eine ausführlichere und verständlichere Erklärung dieses Zusammenhangs siehe diesen Beitrag  oder Winterhoffs Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“.

Der „pädagogische Supergau“ passiert, wenn Helfer mit „kompensatorischen Selbstbildern“ auf Kinder treffen, die gar keine Grenzen mehr kennen und ein „um sich selbst rotierendes, hochgradig narzisstisches Selbstbild“ entwickelt haben: manche dieser Helfer halten den ungebremsten Ego-Trip der betroffenen Kinder für Selbstbewusstsein und argumentieren, diskutieren, beten gesund – immer in dem Glauben, dass sie von den Kindern nur das verlangen können, was sie selbst auch vertreten – womit sie den Fehler begehen, den viele Eltern und Erzieher heute unbewusst machen: Kinder zu behandeln wie Erwachsene. Die Frage, wie man überhaupt in die Lage versetzt wird, etwas vertreten zu können, stellen sie sich nicht. Haben wir Kinder früher unnötig – und teils mit verheerenden Folgen – klein gemacht, machen wir sie heute – mit ebenso verheerenden Folgen – groß.

Die zentrale Frage bleibt meines Erachtens, wie sich sichere Kinder entwickeln. Ein sicheres Kind braucht sichere Reaktionen vonseiten seiner Eltern und Erzieher. Um überhaupt Empathie zu entwickeln, gehört die Grunderfahrung, dass es Grenzen gibt, die andere Menschen setzen. Nur so merkt ein Kind, dass es (a) andere Menschen gibt, und dass diese (b) womöglich etwas anderes wollen als man selbst. So entsteht die Fähigkeit zum Verständnis anderer Menschen. Haben die selbstunsicheren Menschen, von denen oben die Rede war, oft zu viel Empathie, haben die kleinen „BIG MEs“ oft gar keine Empathie. Um es mit Jesper Juul zu sagen: Es ist ein Liebesdienst, Grenzen zu setzen. Und können es die Eltern schon nicht, dann müssen es wenigstens die am Kind arbeitenden Pädagogen können. Augenhöhe mit Fünfjährigen ist nicht nur eine pädagogische Traumtänzerei – sie ist gefährlich, weil sie Kinder zu Ego-Raketen macht. (Siehe dazu auch einen interessanten Artikel in der Welt.)

Wir glauben nur so gern daran, weil wir ja alles besser machen wollen als früher. Die Frage ist, wo der funktionierende Mittelweg zwischen „Autorität“ einerseits und dem „Vermeiden der negativen Folgen von kalter oder gar gewalttätiger Autorität“ andererseits verläuft. Jedenfalls liegt die Antwort nicht im heute stark verbreiteten „Behandeln von Kindern wie Erwachsene“, sondern eher im „Setzen von Grenzen als notwendige Entwicklungsvoraussetzung“.

Jörg Heidig

Was manche NLP-Weiterbildungen mit Pornos gemeinsam haben: erst ausziehen, dann verkaufen…

Die Ursprungsfrage der Entwicklung des so genannten „Neurolinguistischen Programmierens“ (NLP) lautete, was eigentlich an dem, das besonders erfolgreiche Psychologen bzw. Therapeuten taten, dran war. Warum waren gerade diese Menschen so erfolgreich, bzw. warum war das, was sie taten, so hilfreich, heilsam oder wirkungsvoll? Man beobachtete dann einige besonders hilfreiche Personen, analysierte, was geschah, was die Betreffenden taten, was sie wie sagten und so weiter, um anschließend daraus die Techniken herauszuarbeiten, die sich als besonders hilfreich oder wirksam erwiesen hatten. Bandler & Grinder entwarfen ein so genanntes „Meta-Modell der Sprache“ und schrieben dazu all jene Techniken auf, die sie entsprechend ihrer Leitfrage beobachtet hatten.

Wie es manchmal geschieht, wenn es Forschern gelingt, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen, kommen andere, die sich dieser Erkenntnisse (oder besser: Beschreibungen, denn viel mehr war es nicht, aber eben auch nicht weniger) bedienen und sie zu einem Geschäft machen. Heraus kam eine Toolbox, die man anwenden kann – auch ohne die dazugehörigen wissenschaftlichen Grundlagen oder ethischen Haltungen zu kennen. Der Prototyp dieser Orientierung ist ein Mensch, der NLP als Zusatzausbildung absolviert und die entsprechenden Techniken dann rückhaltlos einsetzt. Eigentlich aus einer Untersuchung über hilfreiche Kommunikation stammend, werden die so gefundenen Techniken zum persuasiven – so lange der Überzeugungsversuch offen geschieht wie im Falle eines Vertriebsmitarbeiters, der sich selbst auch so bezeichnet, bleibt die letztendliche Entscheidung immerhin noch der „Zielperson“ überlassen – oder manipulativen Instrument. In letzterem Fall wird die „Zielperson“ zum reaktiven Objekt – und zwar vermittels eines in diesem Fall zur Sozialtechnik verkommenen, ursprünglich als „hilfreich“ gedachten Methodenkanons. Man tut quasi so, als sei man hilfreich – und nutzt die Effekte aus.

Glücklicherweise begegnen mir ab und an Menschen, die nach vielen Erfahrungen, Weiterbildungen – und oft auch nach der einen oder anderen Sinnfrage – mit dieser Logik abgeschlossen haben. Sind diese Menschen beispielsweise Vertriebler, dann müssen sie nicht verkaufen, sondern sie haben sich dazu entschieden, zu fragen, ob und wie sie hilfreich sein können. Kein Geschäft zu machen, ist ihnen eine ebenso angenehme Option wie jene, ein Geschäft zu machen. Das ist es, was den Tooligan von demjenigen unterscheidet, der über sein Tun nachzudenken willens und in der Lage ist.

Jörg Heidig

Über den Zusammenhang zwischen der Art und Weise der Erziehung und der Entstehung von Störungsbildern bei Kindern

Wer hat so ein Kind nicht schon einmal gesehen: es wendet sich alle paar Sekunden etwas anderem zu, wobei es schwer ist, Kriterien dafür zu erkennen – mal sind es Geräusche, mal Dinge, mit denen andere Kinder spielen, mal scheint es darum zu gehen, Aufmerksamkeit zu erregen, und mal sieht es danach aus, als müsse schlicht überschüssige Energie abgebaut werden. Meist geht es laut, schnell und halbwegs aggressiv zu. Kaum wendet man sich um, schreit ein anderes Kind, weil es vom besagten Kandidaten was abgekriegt hat. Spürt der Betreffende dann die Sanktion kommen, fliegen prophylaktisch ein paar Sachen durch die Gegend. Kurz zusammengefasst: auszurasten scheint nicht die Ausnahme, sondern der Grundmodus zu sein.

In der Regel ist der Weg vorprogrammiert: Überforderung bei Eltern und Genervtheit oder Hilflosigkeit bei Pädagogen führen zu Diagnostik – und die in der Folge oft zu Erleichterung, später aber zu Passivität oder zu noch mehr Hilflosigkeit. Wenn es einmal soweit ist, sind guter Rat teuer und Ritalin nicht weit.

Dieser Text will keine generellen Antworten liefern oder gar „die eine Alternative“ aufzeigen. Wirkliche Verbesserungen ohne Diagnostik und Medikamente sind in der Realität nur langsam zu erreichen und das Ergebnis langen Beobachtens, Nachdenkens, Ausprobierens, wieder Beobachtens, Nachdenkens und so weiter. Wenn es einfach wäre, könnte es jede und jeder. Dann müssten wir auch nicht darüber reden.

Erstens ist es nicht einfach zu verstehen – wir wollen also fragen, wie derlei „Störungsbilder“ entstehen können. Zweitens ist es nicht einfach, hilfreiche Schritte zu finden – hierbei stehen uns zudem einige Dinge im Weg, beispielsweise die weitgehende Abwesenheit von Intuition bei manchen Eltern einschließlich des Problems, dass manch hübsche Ideologie den Realitätssinn ersetzt.

Wir wollen die aufgeworfenen Fragen umfassend beantworten, weshalb dies kein kurzer Text mit ein paar „Dos & Don’ts“ wird. Wir beginnen mit einer kurzen Reise in die Geschichte und klären zunächst, warum die Lehrmeinungen heute sind, wie sie sind. Danach stellen wir das Spektrum möglicher Erziehungsstile dar und machen an Beispielen deutlich, wie dieser oder jener Erziehungsstil in der Praxis aussieht und welche Folgen er hat. Dann wechseln wir mit Absicht die Perspektive und klären, wie unsere Fähigkeit zu kommunizieren entstanden ist, und welche Schlussfolgerungen sich daraus für die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern ergeben. Wiederum an Beispielen machen wir deutlich, wie aus der Eltern-Kind-Interaktion solche Dynamiken entstehen können, die wir gemeinhin als „Störungen“ bezeichnen. Wenn die Entstehung klar ist, werden auch die Handlungsmöglichkeiten zur Gegensteuerung klar.

Eine kurze Geschichte der Erziehungsstile
Um zu verstehen, was die meisten von uns heute für gut und richtig bei der Erziehung von Kindern halten, ist es meines Erachtens erhellend, wenn wir uns vergegenwärtigen, aus welchen Welten wir kommen, und wie sich die entsprechenden Ideen in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben. Aus Gründen der begrenzten Kapazität eines Textes wie diesem möchte ich dabei nicht in der Antike beginnen, sondern bei einer unserem heutigen kollektiven Gedächtnis noch recht zugänglichen Zeit, nämlich der wilhelminischen. Man sehe mir nach, dass ich hier nur – grob verallgemeinernd und reduzierend – die wesentlichsten Linien nachzeichnen kann.

Man stelle sich zunächst die wilhelminische Zeit vor – die Gesellschaft war verglichen mit der heutigen Zeit stark strukturiert, und die Erziehung war streng und „leibfeindlich“. Man hatte sich in Disziplin zu üben, Bedürfnissen nachzugeben war verpönt. Nicht von ungefähr war die Hysterie eine zeitgemäße Krankheit – wo sollten all die Impulse hin, wenn die gesellschaftlich vorgegebene Rolle keinen Platz dafür ließ? Werke wie „Der Untertan“ illustrieren eindringlich, welche Folgen die auf Reinlichkeit und Disziplin ausgerichtete strenge Erziehung jener Zeit hatte – von Entfaltung konnte keine Rede sein, Menschen wurden klein gehalten, mussten sich fügen, fanden ihren Sinn im Funktionieren oder in der Aufopferung für einen höheren Zweck. Am deutlichsten wird dies, wenn man sich einen von Klaus Theweleit herausgearbeiteten Zusammenhang verdeutlicht: Den Kern der nationalsozialistischen Bewegung bildeten die zwischen 1900 und 1910 Geborenen. Diese Menschen sind in der Mehrheit streng erzogen worden. Gleichzeitig haben sie den Ersten Weltkrieg nicht direkt, sondern durch Geschichten und Propagandabilder vermittelt erlebt. Diese Kombination – die Erfahrung der eigenen Kleinheit verbunden mit Heldengeschichten – bildete den Nährboden für die „Eisenphantasien“ von der eigenen Unbesiegbarkeit. „Im Feld sind wir unbesiegt geblieben!“ wird als kompensatorische Phantasie einer ganzen Generation plausibel, wenn man sich die züchtigende, unterdrückende Autorität der Erziehung jener Zeit vergegenwärtigt. Die „Männer aus Eisen“ sind ein Mythos, der geglaubt wurde, weil er sowohl der eigenen Gewalterfahrung während der Kindheit als auch der Niederlage im Herbst 1918 einen – gleichsam kompensatorischen – Sinn verlieh. Wer diese – zugegeben auf den ersten Blick nicht ganz einfach nachvollziehbaren – Thesen nachlesen will, wird bei Klaus Theweleit oder – etwas kürzer und verständlicher – Jonathan Littell fündig.

Nun ist die Welt der Nationalsozialisten bekanntlich zwischen dem Spätherbst 1944 und Mai 1945 „zusammengebrochen“ oder „untergegangen“. Die Reaktion der Bevölkerung war eine nach großen Krisen oder Zusammenbrüchen häufige – man verdrängt und besinnt sich auf das, was noch einigermaßen „heile“ geblieben ist – im Westen waren das vor allem die christlichen Werte, die man nun fleißig restaurierte. Heraus kam die später von den Achtundsechzigern als „spießig“, „miefig“ und so weiter charakterisierte Welt des Wirtschaftswunders.

Wir halten heute sehr viel von Aufarbeitung, wir wollen den Dingen kritisch ins Auge blicken. Nur wenige machen darauf aufmerksam, dass die natürliche Reaktion auf große Katastrophen eben jene der Verdrängung ist. Viele Vertreter der Erlebnisgeneration haben dementsprechend von einem „Zusammenbruch“ gesprochen und weniger von einer „Befreiung“. Anders als im Westen hat man im Osten Deutschlands das eine totalitäre System schlicht durch ein anderes ersetzt – mit bisweilen erstaunlichen Parallelen. Doch hier geht es zunächst nicht um die ehemalige Sowjetische Besatzungszone, sondern um den Westen: der Kern der 68er Bewegung waren wiederum Vierziger Jahrgänge, also Menschen, die in ihrer frühen Kindheit zum Teil Angst und Entbehrung erfahren hatten – ein Umstand, der die „Theorielastigkeit“ bzw. „emotionale Distanz“ der Revolte gut erklären kann. Man revoltierte vor allem gegen die Verdrängung der Elterngeneration. Man warf der älteren Generation vor, zunächst mitgemacht und dann geschwiegen zu haben. Damit das nie wieder passiere, wollte man fortan mündige Menschen erziehen – Menschen, die nicht einfach mitmachten, sondern frei genug seien, Nein zu sagen. Man wollte keine autoritär verformten, gestanzten Menschen mehr, sondern freie Individuen, die sich kritisch mit sich und der sie umgebenden Welt auseinandersetzen. Zugespitzt formuliert: man wollte Kinder von blinder Autorität emanzipieren. Es sollte die Verformungen (oder: Anpassungen), die Angst, Gewalt und kollektiver Drill erzeugen, nie wieder geben. Es sollte keine funktionierenden Menschen mehr geben, die auf Kommando alles ausführen, was man ihnen befiehlt, um sich dann etwa am Funktionieren zu erfreuen.

Und wenn man heute genau hinschaut: das hat man – zumindest zum Teil – geschafft. Heute junge Menschen sagen eher Nein. Sie machen nicht einfach so mit, nur weil es gefordert wird. Sie nehmen Autorität nicht mehr für selbstverständlich. Dabei ist wichtig, was „selbstverständlich“ bedeutet: wenn etwas durch sich selbst verständlich wird, ist es nicht mehr hinterfragbar. Heute kann Autorität nicht mehr selbstverständlich behauptet werden. Davon können viele Lehrer, Ausbilder und Professoren ein Lied singen: Autorität ist weniger gegeben als früher, Autorität muss sich mehr erarbeitet werden, muss ausgehandelt werden. (Das war grundsätzlich auch früher so, nur war die Autorität, wenn sie erst einmal da war, viel dauerhafter und selbstverständlicher, und der Preis war oft entsetzlich, wollte man bestehende Autoritätsverhältnisse ändern. Insofern leben wir heute in viel „flüssigeren“ oder „offeneren“ Zeiten.)

„Zumindest zum Teil“ deshalb: Der Druck schleicht sich durch die Hintertür wieder herein. Freilich geben viele Eltern ihren Kindern zu verstehen, dass sie sie lieben. Gleichzeitig machen sie ihre Kinder – unterschwellig und leise, aber deshalb nicht weniger wirksam – auf die Mechanismen des allgemein herrschenden Wettbewerbs und die Notwendigkeit des Erreichens aufmerksam.

Doch zurück zu den Achtundsechzigern: in langen Bemühungen ist es ihnen und uns in der Nachfolge in nunmehr fünfzig Jahren gelungen, die Welt zu verändern. Die Enkel leben ein bisschen so, wie es den Großeltern einst vorgeschwebt hat. Wenn es nur eine Emanzipation von blinder Autorität und gewaltsamer Erziehung gewesen wäre, die erreicht wurde, würde das niemand in Frage stellen. Ich argumentiere an keiner Stelle für irgendeine Form von „zurück“ in die alte Welt, die in vielerlei Hinsicht kälter, finsterer, ausschließender, diskriminierender war als die heutige. Die Frage ist nur, ob wir es mittlerweile nicht übertreiben.

Das gegenwärtige Spektrum der Erziehungsstile
Michael Winterhoff liefert eine gute Analyse der gegenwärtigen Erziehungsstile und zeigt die Grenze auf, über die viele der gegenwärtigen Eltern hinweggehen, ohne es zu bemerken.

Unterordnung der Kinder
In der „alten Schule“ ordnen sich die Kinder ihren Eltern unter. Die Belange der Eltern haben Vorrang, Kinder „laufen mit“. Man würde nicht auf die Idee kommen, sich in einer Unterhaltung unter Erwachsenen von Kindern unterbrechen zu lassen. Es wird gemacht, was gesagt wird, die Eltern besitzen eine selbstverständliche Autorität. Kinder werden zurechtgewiesen – nicht um sie zu unterdrücken, sondern um ihnen zu zeigen, was richtig und falsch ist, ihnen etwa Höflichkeitsformen und Werte zu vermitteln.

Augenhöhe zwischen Eltern und Kindern
In der heute in westlichen Ländern am häufigsten vorzufindenden Form der Erziehung werden Kinder wie kleine Erwachsene behandelt – sie werden ernst genommen, es wird mit ihnen diskutiert, man versucht, Kinder zu überzeugen und dazu anzuleiten, ihre Konflikte selbst zu lösen. Eltern und Erzieher werden zu Partnern, Beratern, Freunden, Kollegen und so weiter. Viele der gegenwärtig vorzufindenden Programme in Kindergärten und Grundschulen entsprechen genau dieser Vorstellung von der partnerschaftlichen Erziehungsbegleitung. Die Erfahrung vieler: so funktioniert das auch irgendwie besser, man kann Kinder tatsächlich zu mehr Autonomie und Selbststeuerung erziehen, selbst die Unterrichtsgestaltung kann auf Selbststeuerung umgestellt werden, sodass ein Lehrer kein „Instrukteur“ mehr ist, sondern zum „Begleiter“ wird. Winterhoff meint hier, dass diese Sichtweise den natürlichen Entwicklungsphasen von Kindern widerspricht – kleine Kinder können noch nicht selbst entscheiden, vielmehr müssten sie genau dies erst lernen. Indem Kinder zu früh selbst entscheiden könnten, würden wichtige Entwicklungsschritte ausgelassen. Für weiterführendes Interesse: Sie finden hier unsere Zusammenfassung des Winterhoff-Buches „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ in Form einer Präsentation im PDF-Format.

Unterordnung der Eltern
Die partnerschaftliche Erziehung ist mittlerweile in vielen westlichen Ländern so etwas wie der statistische Normalfall. Niemals in der Geschichte haben Kinder öfter zu hören bekommen, dass sie geliebt werden und etwas ganz Besonderes seien. Das Problem mit dem Begriff der Besonderheit ist, dass das Besondere einer größeren Entität von etwas Normalem oder Durchschnittlichen bedarf, sonst funktioniert der Begriff nicht. Aber gut – ein Kind auf Augenhöhe zu erziehen, es zu beteiligen, ihm etwas zu erklären, es im Rahmen bestimmter Grenzen Entscheidungen zu überlassen – all das hat keine gravierenden Folgen außer selbstbewussteren Kindern. Wenn ein Jugendlicher bereits im Kindergartenalter gelernt hat, dass er diskutieren und seine Mutter bisweilen überzeugen kann, dann sind Aushandlungsprozesse so selbstverständlich, dass sie nicht hinterfragt werden können. Also wird dieser junge Mann mit seinem Ausbilder diskutieren, bis Einsicht eintritt – oder es zur Eskalation kommt. Alle, die noch aus der „alten Schule“ stammen und mit jungen Menschen zu tun haben, werden lernen müssen, damit umzugehen. Zusammengefasst: Augenhöhe hat ungewohnte Folgen, aber ist nicht schlimm. Am Ende waren wir es selbst , die die jetzt jungen Leute großgezogen haben.

Schlimm ist nur die Übertreibung der ansich positiven Intention der Augenhöhe, nämlich die Unterordnung unter das Kind. Es gibt Eltern, die ihre Kinder in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen. Die betreffenden Kinder werden zu Hauptpersonen, noch bevor sie überhaupt wissen, dass sie Personen sind. Solche Eltern setzen keine Grenzen. Die Kinder haben qua Existenz Recht. Sätze wie: „Für mein Kind tue ich alles.“ (vor dem Kind ausgesprochen) oder: „Wenn mein Kind sagt, dass es das nicht gemacht hat, dann hat es das auch nicht gemacht.“ sprechen dafür, dass sich die betreffenden Eltern selbst aufgegeben haben und nur noch für das Kind leben. Wenn eine Mutter etwa nur ein Kind hat und dieses dann zum „Projekt“ der eigenen Selbstverwirklichung macht, dann „gestaltet“ Mutti das Kind, und es kann ja nicht sein, dass bei der „Gestaltung“ etwas schief gelaufen ist, und das „Projekt“ etwa einen Kindkollegen verhauen hat. Eine andere Mutter mag sich aufgrund fortdauernder Misserfolgserfahrungen gar nicht mehr vorstellen können, dass es mit ihr und einem Beruf und irgendeiner standardmäßig erwarteten Position in der Gesellschaft etwas wird. Sie hat die Schule erst im dritten Anlauf geschafft und schmeißt nun die zweite Ausbildung hin, um zu vermeiden, dass es wieder nichts wird. Sie meldet sich quasi von der Gesellschaft und ihren Erwartungen ab und bekommt Kinder. Das ist etwas, das ihr Kontrolle und Status verleiht. Sie hat zwar kaum Kraft, ihre Kinder zu erziehen, aber das Lächeln der Kinder sagt ihr, dass sie wenigstens das richtig gemacht hat. Und damit die Kinder lächeln, werden ihnen Wünsche erfüllt. Ein so nicht erzogenes Kind hat kein Fundament. Es kennt nur sich und seinen Verfügungsraum. Andere Menschen sind Objekte im Verfügungsraum. Und wenn die nicht machen, was man will, wird eskaliert. Geschieht dies von früh an, entwickeln die betreffenden Kinder keinerlei Notwendigkeit, sich an irgendetwas zu halten. Sie rotieren um sich selbst – unfähig zur Bindung, weil sie gar nicht wissen, dass es andere Menschen überhaupt gibt. Und was ist man, wenn man der einzige Mensch auf der Welt ist? Man ist Hauptperson in einem Film, den man nicht gucken kann, weil man weder weiß, was etwas bedeutet, noch, wer man selbst ist. Die Folge: man zappelt um sich selbst herum, ohne Sinn und Ziel, man hat den Hunger der frühkindlichen Phase, ohne diese jemals verlassen zu haben, man behandelt alles und jeden wie Objekte zur Bedürfnisbefriedigung, ohne die eigenen Bedürfnisse zu kennen. Man weiß nicht, was man will (das wechselt im Sekundentakt, je nach dem, wohin das Kind blickt), aber wehe, man bekommt es nicht (dann eskaliert das Kind im Sekundentakt).

Was hilft nun in einem solchen Fall – etwa in dem eingangs beschriebenen Fall durchgängig grenzenlosen Verhaltens? Die Antwort fällt vorerst kurz aus – die späteren Abschnitte erklären, warum die Antwort so und nicht anders lautet: Man muss „nachsozialisieren“, und zwar genau so, wie man es mit Kindern machen würde, die so jung sind, wie die Betreffenden zumindest emotional noch sind. Wenn ich in meiner Entwicklung bestimmte emotionale Reifeprozesse nicht durchlaufe – genauer gesagt: wenn ich nicht weiß, was eine Grenze ist – muss das nachgeholt werden. Das heißt, ein Kind sollte mit stabilen, klaren Reaktionen konfrontiert werden, und zwar so lange, bis sich Lern- und Gewöhnungseffekte einstellen.

Exkurs: Der Ursprung der Kommunikation
Um zu begreifen, wo unsere Fähigkeit zu kommunizieren herkommt bzw. wie sie entstanden ist, ist es hilfreich, sich die Lebenssituation der „Urhorde“ vorzustellen – und zwar zunächst als eine Ansammlung von Primaten, deren „Signale“ noch denen anderer Säugetiere entsprochen haben. Kennzeichen von „Tiersprachen“ ist es, dass ein Signal immer eine bestimmte Reaktion zur Folge hat. Eine Drohgebährde führt zu einer weiteren Drohgebährde – so lange, bis eines der beteiligten Tiere angreift oder flüchtet. Tiere „verstehen“ die Signale nicht – weder die anderer Tiere noch die eigenen. Sie reagieren direkt. Nun muss man sich vorstellen, dass eben jene Primaten irgendwann angefangen haben, sich im Verband zu verhalten, also beispielsweise bestimmte Rollen bei der Jagd auszuprägen. Durch diese Rollenverteilung, also Anfänge von Kooperation, wurde die Jagd effektiver. Durch diese steigende Effektivität entstanden Freiräume – vielleicht hockte man nun um das Feuer herum und hatte so viel zusammengejagt und -getragen, dass man ein wenig Zeit hatte. Die Fähigkeit zum Produzieren von Signalen gab es bereits – nur hatte bis dato ein Signal eine direkte Reaktion zur Folge. Man stelle sich vor, einer der beteiligten Primaten zeigt auf ein Beutestück und macht einen bestimmten Laut dazu – nicht als direktes Signal gedacht, sondern vielleicht als Bezeichnung desselben, um dem Bezeichneten nachher ein bestimmtes Attribut zu verleihen (etwa: besonders groß). Dies könnte als eine „erste signifikante Geste“ verstanden werden – keine Geste mehr im direkten Verhaltensfluss, sondern eine Geste, die etwas bezeichnet. Damit verhält sich der betreffende Primat nicht mehr nur auf Reize oder Gesten hin, sondern er benutzt eine Geste, um einem Objekt eine bestimmte Bedeutung zu verleihen. Damit wird die Bedeutung dem betreffenden Primaten bewusst. Angenommen, er wiederholt seine Zeigehandlung ein paar Mal, bis auch andere Primaten ihn nachahmen – das erste geteilte Symbol ist entstanden. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, dass auch andere Primaten mit einem bestimmten Objekt eine bestimmte Bedeutung verbinden (zum Beispiel: X = groß). Von einer ersten Bedeutung ist es zu anderen Bedeutungen nicht weit, denn nun können Unterschiede gemacht werden (beispielsweise: Y = nicht groß = klein). Nun haben wir das, was uns als Menschen von anderen Säugetieren unterscheidet: wir können Dingen Bedeutung verleihen, was wir mit Hilfe sprachlicher Symbole tun. Der Unterschied zur tierischen Körpersprache ist, dass Tiere nicht wissen, welche Bedeutung bestimmte Gesten haben (sondern direkt reagieren), Menschen hingegen schon – weil wir wissen, was ein bestimmtes Signal bedeutet, indem wir uns nicht direkt dazu verhalten (was bei körpersprachlichen Signalen trotzdem oft genug passiert, etwa wenn wir ärgerlich sind), sondern indem wir prinzipiell dazu in der Lage sind, Bedeutungen zu verstehen, indem wir ihre Konsequenzen mit Hilfe von Symbolen simulieren können. Denken ist also nichts anderes als eine Simulation von Ereignis- oder eben Handlungsketten mit Hilfe von Symbolen. Wir sind also nicht auf das Risiko des direkten Verhaltens angewiesen, sondern können uns – den entsprechenden Abstand von heftigen Affekten vorausgesetzt – von der Verhaltensverkettung „lösen“, die möglichen Konsequenzen anhand entsprechender – sprachlicher – Symbole simulieren. Das erlöst uns von dem Zwang der direkten Reaktion (Verhalten) und ermöglicht uns eine bewusste Wahl (also die Handlung).

Was hat das mit Erziehung zu tun?
Die Frage ist ganz berechtigt: was hat diese eher allgemeine Darstellung der Entstehung der Sprache mit Erziehung zu tun? Nun, die Verbindung liegt nicht direkt auf der Hand, aber sie ist von allergrößter Bedeutung für unsere Fragen.

Besonders wichtig ist die Erkenntnis, dass es für das Erkennen von Bedeutungen immer des anderen bedarf – ich könnte allein nicht wissen, welche Bedeutung ein beliebiges Ding in meiner Umgebung hat. So, wie der eine Primat auf etwas gezeigt und ein Symbol dazu geformt hat, war er ja erst einmal nur alleine. Damit die Bedeutung in die Welt kommt, bedarf es des anderen, der diese Bedeutung teilt. Wenn wir also Symbole gemeinsam benutzen, können wir uns verständigen. Wir müssen also immerhin die Fähigkeit besitzen, auf bestimmte Symbole gleich – oder zumindest ähnlich – zu reagieren. Wenn wir Symbole benutzen, benötigen wir das Wissen darüber, wie man (also der andere, viele andere, zu einem „generalisierten Anderen“ kondensierte Erfahrungen mit vielen anderen) reagiert, damit wir wissen, was bei der Nutzung eines bestimmten Symbols oder einer Handlung wahrscheinlich herauskommt.

Für die Erziehung relevant ist nun die Frage, wie die Bedeutungen in so einen kleinen Menschen kommen, wie sich dieser die Bedeutungen aneignet oder wie die Erwachsenen ihr oder ihm die Bedeutungen beibringen. Hier wird die soziale Natur des Lernens besonders deutlich. Kinder können die Welt zwar ertasten, erblicken und auf viele Weisen erfahren. Was aber welche Bedeutung hat – also letztlich: wie man auf bestimmte Symbole oder Objekte reagieren soll – das lernt ein Kind durch die Interaktion mit Erwachsenen. Wir interagieren die Bedeutungen quasi in unsere Kinder hinein.

Ein Beispiel: Wenn ein Kind hinfällt, kann das mehr oder weniger oder kaum schmerzhaft sein. Zudem wird das Kind dabei mehr oder minder erschrecken. Wer einmal länger mit Kindern zu tun hatte, wird folgenden Ablauf kennen: das Kind fällt hin, fängt sich dabei mehr oder weniger auf, rappelt sich ein ganz klein wenig auf und blickt dann seine am nächsten erreichbare Bezugsperson an. Je nach dem, was diese tut, richtet das Kind dann seine weiteren Reaktionen aus: es bleibt liegen und weint oder es schluchzt ein wenig und steht auf. Die Eltern können sich also überlegen, ob sie zum Kind eilen, ihrer eigenen Angst durch laute Ausrufe Ausdruck verleihen, das Kind aufheben, trösten und ihm damit beibringen, dass Weinen zu allergrößter Aufmerksamkeit und Sorge führt. Beim nächsten Mal versucht es das Kind gleich ein wenig direkter, lauter etc. Ein Muster bahnt sich, bis das Kind womöglich gar nicht mehr aufsteht, wenn es hingefallen ist. Die Eltern können sich andererseits auch überlegen, erstmal zu schauen, wie schlimm es eigentlich ist und sagen: „Das passiert. Steh auf und mach weiter.“ Und etwas später: „Alles gut? Tut etwas weh?“ Dann lernt das Kind, den Schmerz einzuschätzen. Freilich wird es weinen, wenn etwas sehr weh tut, aber es lernt nicht, Schmerz als Rollenspiel aufzuführen. Auf diese Weise bringen wir unseren Kindern quasi die „richtigen“ Reaktionen bei. So erlernen Kinder Bedeutungen (mehr, weniger oder kaum schmerzhaft beispielsweise).

Wie entwickeln sich „sichere“ Kinder?
So entscheidet sich auch, ob ein Kind ein sicheres oder ein unsicheres Selbstbild entwickelt. Indem wir konsistent und sicher – ein Stück weit auch gleichmütig und gleichbleibend konsequent – reagieren, lernt das Kind seine Grenzen kennen und lernt, was richtig und falsch ist. Damit ein Kind sich später bezüglich eigener Werte entscheiden kann, muss es erst einmal Werte vermittelt bekommen. Eltern brauchen dafür ihre Intuition – ich kann in der Regel intuitiv entscheiden, was richtig und falsch ist, und ich kann das auch sagen. Viele Eltern weisen ihre Kinder aber nicht mehr zurecht, lassen sich unterbrechen, stellen ihre Kinder in den Mittelpunkt. Sie diskutieren mit ihren Kindern; sie versuchen, ihre Kinder zu überzeugen.

Was dadurch in Bezug auf die psychische Entwicklung passiert, könnte in etwa wie folgt beschrieben werden: Normalerweise würden sich durch die sicheren, konsistenten Reaktionen der Eltern beim Kind eine Reihe ebenfalls sicherer Reaktionsmuster entwickeln. Diese bilden quasi das „sichere Fundament“ der später immer eigenständigeren Handlungen des Kindes. Geschieht dies nicht, haben die Kinder kein solches Fundament und müssen quasi selbst entscheiden oder herausfinden, was richtig oder falsch ist. Das können sie aber nicht, weil ihnen genau dieses Fundament ja fehlt. Sie können daher nur sich selbst zum Maßstab nehmen, und das sind – etwa bei Vierjährigen – vor allem die eigenen Bedürfnisse. So handelnde Eltern zwingen ihre Kinder geradezu, sich um sich selbst zu drehen.

Aus dem Versuch, der allzu gewaltsamen und verformenden Erziehung früherer Zeiten etwas entgegenzusetzen, sind zwar neue pädagogische Formate erwachsen, die auch funktionieren und alles in allem selbstbewusstere (und damit einhergehend auch: weniger bescheidene) junge Menschen heranwachsen lassen. Aber in der Übertreibung dieser Perspektive haben viele von uns aufgehört, Kinder als das zu behandeln, was sie sind, nämlich kleine Wesen, die erst einmal ein Fundament brauchen, von dem aus sie sich die Welt erschließen können – eben auf der Grundlage der sicheren Reaktionen seiner Eltern und Erzieher. Hat ein Kind dieses Fundament nicht, schwebt es quasi in einem leeren Raum.

Ein Beispiel: Ein Kind von Crystal konsumierenden Eltern ist zuhause mit extrem wechselhaften Handlungs- bzw. Reaktionsmustern konfrontiert und zeigt deshalb auch selbst wenig stabile Reaktionsmuster bis hin zu stärkeren Auffälligkeiten. Damit das Kind stabile Bindungen entwickeln kann und hinsichtlich einiger sprachlicher und kognitiver Defizite gefördert werden kann, weist das Jugendamt das betreffende Kind einer speziellen Betreuungsstelle zu. Dort gibt es ausgebildete Pädagogen, die viele hilfreiche Methoden kennen. Das Kind baut tatsächlich Bindungen auf, aber es kommt immer wieder zu schwereren „Ausrastern“. Diese „Ausraster“ werden dann von den Pädagogen mit dem Kind besprochen – mit dem Ziel und in der Hoffnung, dass bei dem Kind die „Einsicht“ wachse, dies oder jenes fortan nicht mehr zu tun.

Ich meine, dass diese Vorgehensweise nicht besonders hilfreich ist: was richtig oder falsch ist, lernt ein Kind im Kindergartenalter zunächst nicht durch normative Einsicht, sondern durch direkte Reaktionen. Das Kind lernt also anhand der direkten Reaktion des Pädagogen, ob es gerade etwas falsch gemacht hat. Ich kann dazu etwas erklären, aber die Erklärung hilft zunächst weniger als meine entsprechende Reaktion vorher. Ein Kind braucht zuerst ein auf stabilen Bindungs- und Reaktionsmustern beruhendes eigenes Reaktionsmuster, bevor die kognitiven Lernprozesse aufsetzen können. Selbstregulation ist zunächst ein höchst affektives Geschäft – bekomme ich Reaktionsmuster vermittelt, die mir helfen, meine direkten Impulse in den Griff zu bekommen – oder nicht.

Einwand der betreffenden Pädagogen aus der oben beschriebenen Betreuungsstelle: „Wir tun ja selbst nur das, wovon wir überzeugt sind. Wir erwarten deshalb von den Kindern auch, dass sie nur tun, wovon sie auch überzeugt sind. Unsere absolute Grundüberzeugung ist, dass Lernen selbstgesteuert passiert.“

Solcherlei Grundannahme führt dazu, dass Kinder wie kleine Erwachsene behandelt werden. Wenn ein Kind aber aufgrund chaotischer Reaktions- und Bindungsmuster bei den Eltern kein sicheres Fundament hat, wie kommt dann Sicherheit in das Kind? Durch freundliche Erklärungen? Durch Diskussionen? Nein. Durch sichere Reaktionen. Durch ein zugewandtes, bindungsorientiertes Fundament in Verbindung mit klaren Ansagen (Hauptsätze; keine langen Erklärungen) und wohlmeinender Konsequenz (wobei das Ausbleiben einer positiven Konsequenz besser ist als eine Strafe).

Was bedeutet das praktisch?
Die Leitfrage für Fälle wie den eingangs geschilderten lautet: wie kommen Grenzen und Normen in die Welt? Ein Kind muss erst einmal Bedeutungen kennen, damit es später Bedeutungen aushandeln kann. Sonst bleibt das Kind im freien Raum der Rotation um sich selbst. Hyperaktivität oder Aggressivität sind dann nur andere Namen für das Problem.

Damit möchte ich nicht behaupten, dass jeder Fall von Hyperaktivität aus den beschriebenen Dynamiken entsteht. Vielmehr meine ich, dass zu häufig mit Diagnostik auf ein Phänomen geantwortet wird, das auch aus einer Mischung aus Interaktionsdynamik, Ernährung und Medienkonsum entstanden sein könnte. Bevor man zulässt, dass einem Kind eine Diagnose verpasst wird, könnte man im Falle des Verdachts etwa auf ADHS die folgenden Interventionsmöglichkeiten anwenden:

  • Unbedingte Wertschätzung als Grundlage verbunden mit wenigen sehr klaren Regeln und gleichbleibender Konsequenz
  • Ruhe in der Ausstrahlung und ruhige, aber klare Ansagen; nicht diskutieren, sondern nach der Ansage weggehen; mit dem Ausbleiben positiver Konsequenzen anstelle von Strafen arbeiten; trotzdem genug Potential für positive Konsequenzen schaffen
  • Ernährungsumstellung in Richtung Reduktion von Kohlehydraten
  • Fernsehzeiten minimieren und für viel Bewegung sorgen
  • Beobachtung der Interaktion zwischen Kind und einem Elternteil; Feedback durch das andere Elternteil; häufige Wiederholung dieser Prozedur mit dem Ziel des Erkennens von Mustern und des Ausprobierens neuer Interaktionsmuster; wenn dies gelingt, wird es zu einem „kontinuierlichen Verbesserungsprozess“
  • Beratung durch die am Kind arbeitenden Pädagogen (die wissen häufig mehr, als sie sich zu sagen trauen)

Diagnostizieren kann man im bleibenden Zweifelsfall immernoch.

Die „Gesundheitsvermutung“ am Beispiel des Bettnässens
Bisher habe ich vor allem Beispiele aus den Bereichen „Verdacht auf ADHS“ und „Aggressivität“ verwendet. Das sind sehr populäre, viel besprochene Beispiele. Der Vollständigkeit halber will ich noch ein weniger oft diskutiertes, aber nicht minder relevantes Beispiel darstellen, nämlich das des so genannten Bettnässens. Die Ausgangssituation: ein eigentlich schon lange trockener Junge fängt im Alter von fünf Jahren an, nachts einzunässen.

Ein zunächst ganz oberflächlicher psychologischer Ansatz wäre zu fragen, wozu das gezeigte Verhalten nützlich sein könnte, welches Problem oder welchen Konflikt es (vordergründig) zu lösen scheint. Angenommen, man fragte tatsächlich nach dem Wozu der Symptome, dann würde man zwangsläufig auch zu der Frage kommen, wann es denn anders war, und was da ringsherum anders war, als es anders war. Sprich: Wann war der Kleine trocken, und was war da anders als jetzt? Dann würde man weiterdeklinieren, wann es begonnen hat, was sich rundherum verändert hat usw. Man würde eine „Entwicklungsgeschichte“ zeichnen und ggf. schon Muster entdecken.

Eine andere Herangehensweise wäre, die ganze Sache in psychoanalytischer Weise als kindlichen Konflikt zu verstehen. Da ist ein kleiner Junge, der vielleicht mehrere Jahre die volle Aufmerksamkeit seiner Mutter genossen hat, und dessen Vater seinerzeit vergleichsweise häufig zu Hause war. Dann bekam der Junge aber eine kleine Schwester (erster Konflikt). Später merkt er, dass die Aufmerksamkeit seiner Eltern außer auf ihn und auf die Schwester offensichtlich auf noch mehr Dinge verteilt wird (Haus, Beruf). Dann sind seine Eltern nicht mehr in der Weise für ihn da, die er mehrere Jahre gewohnt war (zweiter Konflikt). Nun braucht nur noch ein bißchen kindlicher Vergleich mit der Aufmerksamkeit für das Schwesterchen hinzukommen, und fertig ist die Bettnässerei.

Die Kindheitserinnerungen mancher Menschen besagen, dass sie sich als Kinder selbst Windeln angelegt haben, nachdem kleinere Geschwister hinzukamen. Will sagen: offensichtlich hat das Windeln eine gewisse Versorgungs- oder Aufmerksamkeitsfunktion. Man könnte die Bettnässerei also einstweilen als aufmerksamkeitsorientiertes Verhalten deuten. Damit ist noch niemand krank und hat auch noch niemand irgendwas falsch gemacht. Von tief liegenden – und leider nie klärbaren und deshalb in der Kommunikation darüber hoch gefährlichen – genetischen Ursachen ganz zu schweigen!

Was zunächst helfen könnte, wären meines Erachtens die folgenden Sachen:

  1. Das Kind beobachten: Wie interagiert das Kind, wann ist es entspannt, wann nicht, wie reagiert es auf seine Mutter (und ja: die Mutter bleibt hier wichtiger/bedeutsamer als der Vater, es sei denn, es gibt nur Väter, aber das ist ja selten der Fall)? Man beobachte das Kind einfach mal ein paar Tage ohne großen Input und ohne große Vermutungen. Man mache auch Videoaufnahmen (die vom ersten Tag sind nicht verwendbar, aber ab dem zweiten sind die Kinder dran gewöhnt). Als dann sehe man sich alles an und schaue in der Reflexion, was man daraus lernen kann. Wichtig: Intuition ist hier oftmals hilfreicher als psychologisches Wissen. Besonders gefährlich ist pädagogisch-psychologisches Halbwissen aus der Elternzeitung.
  2. Eine besonders wichtige Frage bleibt: Wann tritt es auf, wann ggf. nicht? Was sind die jeweiligen Rahmenbedingungen? Mit ein bißchen Geduld findet man vielleicht ein paar Muster.
  3. Bettnässer sind in der Regel sensible Kinder. Allein diese Sensibilität reicht nach meinem Dafürhalten aus, auf berufliche (und damit die Aufmerksamkeitskapazität pro Kind betreffende) Veränderungen zu reagieren. Ob diese „Gesundheitsvermutung“ zutrifft, kann man leicht prüfen: sich einfach zwei Wochen „kindkrank“ schreiben lassen und sehen, was passiert. Falls es zutrifft, als dann dem jetzigen Job Good Bye sagen und einen Job machen, der sich besser mit der Familie vereinbaren lässt. Gerade Jungs brauchen Mama, zumindest wenn sie klein sind. Das steht bisweilen anders in den Zeitungen, aber die Zeitungen werden oft von ahnungslosen HobbypsychologINNEN geschrieben, die lieber an ihre jeweiligen Lieblingsideologien glauben, als einen Blick in die Realität zu werfen.
  4. Ein schöner Versuch wäre auch, wenn Mama mit Kind für eine Woche wegfährt. Nur die beiden. Hypothese: mit genug Aufmerksamkeit (von Mama, nicht von Oma, Papa, Schwester etc.) ist die Geschichte kurz- oder mittelfristig eine andere. Vielleicht muss man klare Ansagen dazu kombinieren: indem man unsicher nach Ursachen forschend das Kind anblickt, wird es womöglich nicht besser; strahlt man dagegen eine gewisse Sicherheit aus und macht eine ganz klare Ansage (Hauptsätze!), wirkt sich das auf die Sichtweise des Kindes aus. Zumindest kann man Kindern so einige kritische Dinge beibringen: Schnuller weg, im Zimmer bleiben, bestimmte Dinge unterlassen, letztlich ja auch durchschlafen oder verschiedene Disziplinsachen wie das Händewaschen oder das „bitte“ Sagen.

Zusammenfassung
Das Kind zum Psychologen oder gar zum Psychiater schicken – das kann man immer noch. Starten würde ich zunächst mit einer Gesundheitsvermutung – erst einmal die Interaktion beobachten und vielleicht an den Rahmenbedingungen etwas ändern. Als dann ist die Frage wichtig: was haben die Eltern möglicherweise selbst dazu getan, dass es zum Problem werden konnte? (Stress gehabt, Konflikte vor den Kindern ausgetragen, lange auf Arbeit geblieben, zu viel Oma engagiert, ein Haus gebaut… ?) Erst einmal gilt es, sich selber an die sprichwörtliche eigene Nase zu fassen und etwas zu ändern. Wenn das nicht hilft, kann man immer noch losgehen und Psychologen oder Psychiater fragen. Aber Vorsicht: wenn man den Kollegen Geld gibt, finden sie in der Regel auch etwas. Sie können ja nichts anderes 😉

Jörg Heidig

Eins der großen Missverständnisse unserer Zeit

Beginnen wir mit einer Beobachtung: In meinen Lehrveranstaltungen können Studenten ihre Hausarbeitsthemen in der Regel selbst entwickeln und vorschlagen oder – im selteneren Fall – aus einer Liste wählen. Dabei fällt mir auf, dass der Anteil der auf Selbstreflexion gerichteten Themen stark angestiegen ist. War vor zehn Jahren noch geschätzt eine von zehn Arbeiten selbstreflexionsorientiert, sind es heute deutlich mehr als die Hälfte. Gleichzeitig nimmt der Betreuungsaufwand bzgl. dieser Arbeiten zu. Es scheint, als würden die betreffenden jungen Leute nach Selbstreflexion streben, diese aber nicht erreichen, ja durch das Streben danach sogar davon abgelenkt werden. Nach manchen Gesprächen habe ich das Gefühl, dass es nicht um Selbstreflexion geht, sondern um eine Selbstbetrachtung aus einer seltsamen, zunächst wenig greifbaren „dritten“ Perspektive. An der Perspektive von außen ist erst einmal nichts Ungewöhnliches – man braucht eine gewisse „Distanzierung“ (und die Schilderungen anderer), um sich selbst reflektieren zu können. Das Seltsame an der von mir beobachteten Perspektive ist, dass sie nur selten kritisch oder lernend in Bezug auf eigene Handlungen daherkommt, sondern bestätigend, festigend. Als bräuchten die betreffenden jungen Leute eine Stimme von außen, die sagt: ja, Du bist gut so, wie Du bist. Gleichzeitig erheben diese Menschen aber auch selbst den Anspruch, gut so zu sein. So dreht sich die Sache im Kreis, und wir haben es mit einer Art „Selbstbestätigung aus sich selbst heraus“ zu tun. Oder anders formuliert: es scheint, als würde man die Verdrängung externalisieren. Der Unterschied zur „normalen“ Verdrängung oder auch zur Projektion ist, das letztere einfach stattfinden – etwas, das ein Mensch nicht in sein Selbstkonzept integrieren möchte, findet nicht mehr statt oder wird quasi in anderen Personen wiederentdeckt und kritisiert. Dieser Prozess läuft nun aber „doppelt“ ab: ich verdränge bereits etwas, behaupte, dass ich gut so bin und bestätige mir dann meine Version der Dinge gleichsam selbst von außen, indem ich mich ja selbst reflektiert habe.

Solche Mechanismen sind aus der Supervision mit Angehörigen von Helferberufen bekannt, etwa wenn man sich gegenseitig doppelt oder dreifach überlagernde Abwehrmechanismen vorfindet. So bemerkt man in einer Fallreflexion möglicherweise eine gewisse Identifikation einer Beraterin mit ihrer Klientin in einer Paarberatung mit einer Frau und ihrem Lebensgefährten. Nehmen wir an, die Identifikation kann herausgearbeitet und reflektiert werden. Ergebnis ist vielleicht eine neutralere Haltung der betreffenden Beraterin im Umgang mit dem Fall und eine gewisse Orientierung an Methoden, die auch in der Mediation Anwendung finden, also etwa Abwechslung bei Befragungen (bspw. Einigung darauf, wer beginnt, dann immer abwechselnd) oder eine platzmäßig „gerechte“ Aufteilung des Whiteboards bei der Visualisierung. Solche „kleinen Dinge“ unterstützen die neutrale Haltung ungemein. Was aber durch eine solche Reflexion möglicherweise verdeckt wird und im Falle des Vorhandenseins wirklich schwer ansprechbar ist, sind grundlegende Annahmen der Beraterin über die Natur von Beziehungen, über Trennungen, über Geschlechterrollen und so weiter. So sind mir immer wieder Kolleginnen und Kollegen in verschiedenen Helferberufen begegnet, die – mehr oder weniger unbewusst – in eine Richtung beraten, coachen und so weiter. Wenn etwa eine Lehrerin zur Kur fährt, dort einem freundlichen Therapeuten begegnet, der sie versteht und alles auf der Grundlage ihrer Sichtweise bespricht, weil er ja – bei aller Professionalität – Verständnis haben muss und auch nur die eine Seite der Medaille kennen kann, dann kann die Folge sein, dass die betreffende Lehrerin noch vor ihrer Rückkehr beim Scheidungsanwalt anruft. Es gibt (häufiger) Familienberater, die eher „auf Trennung“ beraten, und (seltener) andere, die eher „auf Familienerhalt“ beraten. Ein erster Schritt wäre, dass man sich damit auseinandersetzt, in welche Richtung man ggf. berät, und sich fragt, was den eigenen Modellen an Annahmen zugrunde liegt. Dann wäre schon viel gewonnen. Als dann wären da noch die der Profession zugrunde liegenden Tendenzen, also die Annahmen, die innerhalb der Disziplin selbstverständlich (und damit: nicht hinterfragbar) sind, die man also bereits mit dem Studium aufsaugt und die implizit beinahe allen Methoden innewohnen. Hier sei eine – aufgrund des Formats „Blogtext“ leider viel zu kurze – Annäherung versucht:

Nachdem Gott an Relevanz verloren hatte und die Normen der Gemeinschaft lockerer wurden, haben Psychologen dafür gesorgt, dass diejenigen Dinge, die wir vorher „im Himmel“ verortet hatten – also das, was größer und mächtiger war als wir, aber auch das Schicksalhafte, das Unwägbare, das Nichterklärbare – auf die Erde geholt und im Menschen selbst verortet wurden. Denn nichts anderes stellen einige der zentralen psychoanalytischen Konzepte dar – so ist der Freudsche „Trieb“ beispielsweise ein halbwegs metaphysisch anmutendes Postulat, freilich hinreichend plausibel, als dass es sich zu einer für lange Zeit zentralen Kategorie der Psychologie aufschwingen konnte. Trotzdem bleibt es eine Behauptung, mit der viele der Fragen zur Ambivalenz und bisweilen auch Unerträglichkeit des Daseins beantwortet werden können. Ein Detail dieser Veränderung der Projektion weg von „oben“ (Gott) hin nach „innen“ (Triebe) ist die damit einhergehende Individualisierung. Es ist quasi „mein“ Triebschicksal: MEINE Mama hat dies oder das nicht richtig gemacht, diesen oder jenen Konflikt nicht ausgetragen, und das hat sich so und so auf MICH ausgewirkt. Verschwunden war das „Wenn Ihr nicht…, dann werdet Ihr…“, das vor noch nicht allzu langer Zeit allsonntäglich von der Kanzel herunterdonnerte. Das „Ihr“ wich dem „Ich“.

Damit einher geht eine Abwertung der Belange der Gruppe und damit der Traditionen. Bescheidenheit oder gar Demut vor den Belangen der Familie (im weiteren Sinne auch der Traditionen) ist gerade nicht, was die Psychologie kann; dazu müsste man in die Kirche gehen, aber das machen die meisten eben nicht (mehr). Psychologen sind am Ende dazu da, alles und jede Handlung zu verstehen und gemeinsam mit dem Individuum nach Lösungen zu suchen. ICH verhalte mich zu MEINEM Leben, finde MEINE Prioritäten, treffe EIGENE Entscheidungen und so weiter.

Doch zurück zum eigentlichen Thema, zu dem, was ich als eins der „großen Missverständnisse unserer Zeit“ ansehe, zumindest innerhalb des westlichen Kulturkreises:

Ich fürchte, dass viele junge Menschen einem fundamentalen Missverständnis bezüglich des Begriffs der Selbstverwirklichung aufsitzen. Ich möchte Selbstverwirklichung hier lediglich als die Versuche verstehen, die Menschen starten, um ihrem Leben einen Sinn zu geben und eben diesen Sinn zu verwirklichen. Das Problem dabei: Selbstverwirklichung kann kein absichtlicher Prozess sein, sondern ist nur zu erreichen, indem man die Aktivitäten nicht auf sich selbst, sondern eben auf den Sinn – und damit auf die Situation und den anderen Menschen – richtet. Sinn als Selbstzweck geht nicht. Selbstverwirklichung als Selbstzweck geht nicht. Ein Ich braucht immer den anderen – wie weit weg auch immer, aber die oder der andere ist die Richtung oder der „Geber“ des Sinns. Sinn kann man sich, so gedacht, nicht „nehmen“. Sinn „bekommt“ man, oder man „findet“ ihn, aber man kann ihn nicht behaupten oder aus sich selbst heraus generieren. Erst indem man sich selbst verliert, im Sinn aufgeht, findet man Sinn und damit Selbstverwirklichung (David Brooks), nicht indem man sich selbst sucht und – in diesem Fall zwingend – nichts findet (ein wenig ironisch: Schnipo Schranke – „Ich suche ständig nach mir selbst, doch da ist nichts weit und breit“).

Ansonsten sitzt man dem großen – und kaum hinterfragten – Versprechen unserer Zeit auf – der Gaukelei, man könne alles erreichen, wenn man es nur wolle. Versteht man den menschlichen Willen tatsächlich so, ist man bei Zielen und allen weiteren ökonomisch geprägten Kategorien des Coachings und wie die neuen, häufig aus der Psychologie hervorgegangenen Selbstvergewisserungspraktiken alle heißen. Die Psychologie war es, die das Individuum – wissenschaftlich fundiert – in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt hat.

Wir lernen, was Sinn ist, wenn wir Lebensläufe von Menschen betrachten, denen es gelungen ist, ihrem Leben einen Sinn zu verleihen (Charlotte Bühler). David Brooks hat das kürzlich in einzigartiger Weise vorgemacht.

Die eingangs angesprochenen Studenten nehmen quasi die Perspektive anderer auf sich selbst ein, betrachten sich durch die (angenommene, unterstellte) Perspektive anderer Menschen auf sich selbst. Aber es sind eben nicht die anderen, sondern sie selbst. Sie machen sich damit selbst zum Primat, zu einem „Ersten“ und werden genau dadurch nie erreichen, was sie eigentlich intendieren – wissen, wie man ein gutes Leben führt, wie man etwas „richtig“ macht und so weiter.

Früher haben das die Gemeinschaft und die Traditionen geregelt, heute müssen wir alles immer selbst entscheiden. Niemand nimmt uns die Entscheidungen mehr ab. Wir haben Gott und die Gemeinschaft als Maßstäbe eliminiert, was eine Befreiung war.

Wirklich?

Wir bezahlen dafür einen entsetzlichen Preis, indem wir dazu verurteilt sind, uns selbst immer wieder abzunabeln, immer wieder selbst zu entscheiden. Als Hilfsmittel holen wir uns den Blick von außen: Welchen Eindruck macht das, wenn ich jetzt so handle? Wie kommt das rüber? Genau dadurch kommen wir nicht zu uns selbst.

Das Missverständnis hat noch eine andere, womöglich „fiesere“ Ebene: viele von uns verwechseln ihre Kinder mit Projekten. Was ich damit meine, ist, dass viele der heutigen Eltern ihre Kinder nicht mehr behandeln wie Kinder – also Wesen, die etwas lernen müssen, die erst einmal Werte übernehmen müssen, damit sie später selbst Position beziehen können.

Unsere Aufgabe ist es, einen Sinn zu finden. Nach Viktor Frankl liegt der Sinn darin, in einem jeweils gegebenen Augenblick etwas anders zu machen, etwas zu verändern. Damit ich aber überhaupt etwas verändern will, muss mir erst einmal etwas behauptet werden. Ich kann das später für richtig oder falsch oder teilweise richtig oder teilweise falsch halten, oder ich kann in irgend eine denkbare Richtung abbiegen, ganz egal. Ich brauche als Kind erst einmal eine Leitung, damit ich später überhaupt etwas will – und nicht alles gleichzeitig. Denn wer immer alles hatte, was er oder sie wollte, der oder die weiß nichts über Wollen, Haben oder Sein. Die- oder derjenige ist ganz und gar BIG ME geworden, und BIG ME besteht nur aus Bedürfnissen. Ich kann alles haben, alles werden, alles sein, und das zu jeder Zeit. Das ist, was die Vielfalt der Möglichkeiten (pädagogisch korrekt formuliert: Lernen geschieht selbstgesteuert) suggeriert und als Verhaltensspur bei denen hinterlässt, die wenige oder gar keine Grenzen mehr erfahren haben.

Natürlich geschieht Lernen (auch) selbstgesteuert. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Es kommt auf die Details an: Ich muss bei der Sauberkeitserziehung keinen Druck machen wie in Zeiten der autoritären Erziehung. Ich kann warten, bis das Kind sagt: „Ich brauche keine Windel mehr.“ Aber wenn ich das Kind nicht auf den Topf setze und ihm vermittle, was ich will und für richtig halte, wird das Kind nicht darauf kommen, keine Windel mehr zu wollen. Dann trägt es mit fünf Jahren immernoch nachts eine Windel und braucht den Schnuller. Dann muss ich mich auch nicht wundern, wenn mein Kind eine ganze Armee von Seelenklempnern und Sprachverbesserern in Anspruch nimmt. Im Grunde laborieren diese Berufsgruppen heute oft an den Folgen fehlender Erziehung herum. In Zeiten autoritärer Erziehung waren die Methoden oft grundfalsch, nämlich voller Einschüchterung und Gewalt. Das Problem heute: sie fehlen nicht selten ganz und gar.

Wir könnten es besser wissen.

Jörg Heidig

Einige grundlegende Sätze über Kommunikation

Die Ursprünge der Kommunikation
Primaten haben wahrscheinlich durch erste Anfänge von Arbeitsteilung bzw. ersten Ansätzen gemeinsam koordinierter Handlungen Freiräume geschaffen, durch die es zur Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten kommen konnte. Indem die ersten Menschen Symbole zur Abbildung der Realität erfanden, wurde es ihnen möglich, nicht nur direkt auf Reize zu reagieren (instinktives Verhalten anderer Säugetiere), sondern sich auch bei Abwesenheit der Reize über vergangene Ereignisse oder zukünftig vielleicht eintretende Situationen auszutauschen.
Indem ein Mensch Objekte aus der Umwelt sprachlich repräsentiert, kann er – gleichsam aus der Distanz bzw. bei Nichtanwesenheit der Objekte – verschiedene Konstellationen und alternative Handlungsabläufe simulieren, das heißt, er kann denken. Deshalb hat Freud das menschliche Denken als Probehandeln bezeichnet. Das menschliche Denken ist unmittelbar an die Fähigkeit zur Sprache bzw. zur sprachlichen Repräsentation von Objekten in der Umwelt geknüpft.
Am Anfang waren also die ersten Ansätze koordinierter Handlungen im Verband (der Sippe o. ä.). Diese Koordination führte zu einigen Freiräumen – man saß vielleicht am Abend am Lagerfeuer und hatte den Freiraum, die Ereignisse des Tages zu symbolisieren. Auf der Grundlage dieser Symbolisierungen konnte man nun alternative Handlungsabläufe durchdenken und neue Strategien (bspw. für die Jagd) „planen“. Mit Sloterdijk (1995, S. 14ff.) können wir uns diese Lagerfeuersituation als „psycho-akustische Zauberkugel“ vorstellen, aus der die menschliche Fähigkeit zur Kommunikation entstanden ist. Das Zusammenwirken von Kooperation und Kommunikation bildet die Voraussetzung für die Entstehung von Kultur, und Kultur wiederum kann als das zentrale Unterscheidungsmerkmal der Menschen von anderen Säugetieren angesehen werden (Vgl. Bischof 1991, S. 35ff.; Hall 1976, S. 15).

Wir kommunizieren auf der Grundlage von Bedeutungen
Wir können zwar allein bzw. als Einzelne denken, aber wie wir bereits gesehen haben, ist die Fähigkeit zu denken direkt an Sprache und damit an Kommunikation geknüpft; die Fähigkeit zu denken hat sich quasi erst durch Kommunikation entwickelt. Wenn wir denken, bleibt dieser kollektive Ursprung der Kommunikation erhalten, und zwar wie folgt:
Wenn wir kommunizieren, dann geht es nicht etwa um die Dinge selbst, sondern um deren Symbolisierungen. Ein Ding und sein Symbol können weit auseinanderliegen, wie schon daran deutlich wird, dass ein Gegenstand für verschiedene Menschen ganz unterschiedliche Bedeutungen haben kann und entsprechend anders bezeichnet wird. Man kann dies an den Problemen erkennen, die Angehörige unterschiedlicher Fachrichtungen oder Branchen haben, einander zu verstehen. Man muss sich dann oft zunächst auf eine „gemeinsame Sprache“ einigen. Eine Voraussetzung, dass wir einander überhaupt verstehen, ist, dass wir über ein geteiltes Repertoire an Bedeutungen bzw. Symbolen verfügen. Wenn ich kommuniziere, habe ich eine Annahme darüber, was der andere versteht. Ich muss also wissen, was der andere, dem ich etwas sage, überhaupt verstehen kann. Der Philosoph George Herbert Mead hat diesen Vorgang einmal so beschrieben:

»Was ist nun der grundlegende Mechanismus, durch den der gesellschaftliche Prozeß angetrieben wird? Es ist der Mechanismus der Geste, der die passenden Reaktionen auf das Verhalten der verschiedenen individuellen Organismen ermöglicht, die in einen solchen Prozeß eingeschaltet sind. Innerhalb jeder gesellschaftlichen Handlung wird durch Gesten eine Anpassung der Handlungen eines Organismus an die Tätigkeit anderer Organismen verursacht. Gesten sind Bewegungen des ersten Organismus, die als spezifische Reize auf den zweiten Organismus wirken und die (gesellschaftlich) angemessenen Reaktionen auslösen. Die Geburt und Entwicklung der menschlichen Intelligenz spielte sich im Bereich der Gesten ab, durch den Prozess der Symbolisierung von Erfahrungen, den die Gesten – insbesondere vokale Gesten – möglich machten. Die Spezialisierung des Menschen auf diesem Gebiet der Gesten war im Endeffekt verantwortlich für die Entwicklung und das Wachstum der gegenwärtigen menschlichen Gesellschaft und des menschlichen Wissens mit der ganzen Kontrolle über die Natur und die menschliche Umwelt, wie sie durch die Wissenschaft ermöglicht wird.« (Mead 1973, S. 46)

Die Voraussetzung für Kommunikation: der generalisierte Andere
Meine Gesten, das, was ich etwa zeige oder sage, löst also bei meinem Gegenüber bestimmte Reaktionen aus. Welche Gesten oder Worte in einer Situation angemessen sind und bestimmte Wirkungen entfalten, ist dabei in der Regel allen Kommunikationsteilnehmern bekannt. Das Wissen darum, was in einer Gemeinschaft kommunikativ angemessen ist, was mögliche oder schickliche Reaktionen etc. sind, ist laut Mead (1973) im „generalisierten Anderen“ organisiert. Ich weiß, was eine bestimmte Aussage bei meinem Gegenüber bewirken kann, weil ich in der Lage bin, auf der Grundlage der gemeinsam geteilten Symbole die Rolle des anderen einzunehmen. Ich kann mich fragen – und unbewusst tun wir das andauernd –, was meine Handlungen bei meinem Gegenüber auslösen. Indem ich die gleichen Bedeutungen kenne wie mein Gegenüber, kann ich, indem ich mich in ihn hineinversetze (quasi über den „generalisierten Anderen“) meine eigenen Handlungen analysieren. Dadurch werde ich mir selbst überhaupt verständlich. Denken kann ich zwar alleine, aber so lange ich über soziale Dinge nachdenke und spätestens sobald ich etwas sage, impliziert dies die (gedachte oder reale) Anwesenheit eines Anderen, in den ich mich hineinversetze und über dessen angenommene (und später tatsächliche) Reaktionen ich meine eigenen Handlungen verstehen kann. Wir haben diesen Anderen soweit verinnerlicht, dass er immer anwesend ist, eben als „generalisierter Anderer“. Wir unterstellen in jedem Gespräch, dass uns unser Gegenüber jeweils versteht, und wir strukturieren unsere Äußerungen auf der Grundlage unserer Annahmen darüber, wie unsere Handlungen bei ihr oder ihm ankommen. Wir fragen nicht erst, was er versteht oder wissen möchte, sondern wir handeln auf der Grundlage unserer Annahmen darüber, wie unsere Handlungen bei ihm oder ihr ankommen.
Salopp formuliert heißt das, dass wir nie allein sind. Wir haben mindestens den generalisierten Anderen immer „mitlaufen“. Wir schätzen die Konsequenzen unserer Handlungen ein, indem wir vorwegnehmen, was unsere Handlungen beim anderen auslösen. Wir betrachten unsere eigenen Handlungen gleichsam durch die Brille unseres Gegenübers, indem wir versuchen vorwegzunehmen, wie die oder der andere auf unsere Handlungen reagieren wird. Das bedeutet auch, dass wir in der Regel nicht das sagen, was wir wirklich denken oder meinen. Vielmehr drücken wir uns so aus, dass wir beim anderen das erreichen, was wir wollen – dass er gut über uns denkt beispielsweise oder sich von uns überzeugen lässt.

Warum es bei der Kommunikation auch und vor allem um den Status geht
Kommunikationspartner kommunizieren auf Augenhöhe, wenn es keine Statusunterschiede gibt (beide Seiten streben nach Gleichheit; Partner sind etwa gleich stark). Beruht die Kommunikation andererseits auf einem Ungleichheitsverhältnis, nennt man sie komplementär (eine Seite hat die Oberhand; die andere Seite ordnet sich unter; die Handlungen beider Seiten ergänzen einander: „zu jemandem, der dominiert, gehört auch immer jemand, der sich dominieren lässt“).
Dieses Merkmal der menschlichen Kommunikation ist, wenn es um Beziehungen – private ebenso wie berufliche – geht, das bedeutsamste, denn es erklärt eine ganze Reihe von Störungen. Wenn sich eine Seite „oben“ wähnt, die andere Seite aber von Augenhöhe ausgeht, kommt es zur Eskalation, denn keine der beiden Seiten macht mit, was die andere Seite „anleiert“. Im Gegenteil: beide Seiten fühlen sich jeweils nicht akzeptiert (die Seite, die sich „oben“ wähnt) oder herabgesetzt (die Seite, die sich auf Augenhöhe wähnt). Am deutlichsten wird dies an so genannten „helfenden Beziehungen“.
Vergegenwärtigen wir uns die Bedeutsamkeit dieses Merkmals am Beispiel helfender Beziehungen: Hilfe impliziert, dass es eine Seite gibt, die etwas kann oder weiß, was der anderen Seite helfen kann bzw. das letztere nicht weiß. Diese beiden Rollen führen zu dem charakteristischen Über- bzw. Unterordnungsverhältnis von Hilfe – diejenige Seite, welche die Hilfe gewährt, steht, was den sozialen Status betrifft, über der die Hilfe empfangende Seite. Normalerweise sind Menschen in ihren Beziehungen darauf aus, ihren sozialen Status zu erhöhen, mindestens jedoch zu wahren. Zuzugeben, dass ich Hilfe brauche, macht mich hingegen verletzlich und zwingt mich zur Dankbarkeit gegenüber der Person, die mir Hilfe gewährt. Also stehe ich für den Zeitraum der Hilfe und auch danach, was meinen sozialen Status betrifft, unter der anderen Person. Genau deshalb ist es für viele so schwierig, überhaupt um Hilfe zu bitten. Andererseits erklären sich auch die Emotionen, die entstehen, wenn man Hilfe gewährt, aber keinen Dank dafür erhalten hat. Des Weiteren wird auch deutlich, warum es viele Menschen als Herabsetzung empfinden, Hilfe angeboten oder gar aufgenötigt zu bekommen, um die man nicht gebeten hat. Wie viele Eltern oder auch Vorgesetzte meinen es nur gut, wenn sie helfen wollen. Sie bieten Hilfe an, und insistieren, wenn die andere Seite die Hilfe ablehnt, weil die Hilfe anbietende Seite meint, die Hilfebedürftigkeit sei doch offensichtlich. So hilflos jemand auch wirken mag – das Problem gehört immer dem, der es hat, und wenn er meint, keins zu haben oder selbst damit klarzukommen, hilft es nicht, Hilfe anzubieten, weil die Person, die das Angebot erhält, eine Statusstufe nach unten treten und sich damit verletzlich machen müsste. Deshalb ist es so schwierig, Hilfe anzunehmen. Es wird als Anmaßung empfunden – die Hilfe anbietende Seite erhebt sich quasi über die andere, vermeintlich hilfebedürftige Seite. (Vgl. Schein 2010)
Ein Beispiel: Viele junge Menschen sind es heute aufgrund ihrer (zumeist partnerschaftlichen) Erziehung gewohnt, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Wer mit drei Jahren entscheiden konnte, was er essen möchte und in der Schule und erst recht beim Studium vieles hinterfragen durfte, ja sogar sollte, der begegnet anderen Menschen in der Regel zunächst auf Augenhöhe. In diesem Fall reicht es nicht, gegenüber diesen jungen Menschen Autorität zu behaupten, denn damit können viele nichts mehr anfangen. Autorität (eines Vorgesetzten oder Lehrmeisters) ist nicht mehr selbstverständlich (= nicht hinterfragbar), sondern muss sich tatsächlich erarbeitet werden. Beginnt ein solcher junger Mensch, sich im Prozess beweisende Autorität zu respektieren, geht er freiwillig auf der Statusleiter eine Stufe nach unten und lässt sich führen, ausbilden und helfen. Die Anerkennung vieler junger Menschen muss man sich, so paradox das klingen mag, erarbeiten. Anderenfalls mag sich ein junger Mensch zwar zunächst in die statusmäßig untergeordnete Rolle fügen. Spätestens jedoch, wenn es Probleme gibt und Druck entsteht, ist er (wie jeder andere Mensch auch) kaum oder nicht mehr in der Lage, bewusst und überlegt zu handeln, sondern aktiviert unter Druck die in der Kindheit erlernten Muster, die in der Regel auf Selbstschutz ausgerichtet sind. Wenn nun mein in der Kindheit gelernte Mechanismus der ist, dass ich mich im Zweifelsfall gegen meine Eltern durchsetzen konnte, so werde ich auch bei Problemen in der Ausbildung oder an meinem ersten Arbeitsplatz unter entsprechendem Druck versuchen, mich durchzusetzen. Das erklärt die von vielen Ausbildern, Personalverantwortlichen und Hochschullehrern heute als „Arroganz“ oder „übersteigertes Selbstbewusstsein“ beschriebenen Verhaltensweisen mancher Azubis, Studenten, Praktikanten oder Berufsanfänger in problematischen Situationen. Die jungen Leute wiederholen gleichsam ihre während der Kindheit in der Interaktion mit ihren Eltern erlernten Muster.

Kommunikation ist in der Regel auf Selbstschutz ausgerichtet
Um zu verstehen, warum Selbstschutz eines der grundlegenden Merkmale menschlicher Kommunikation ist, gestatten Sie uns einige kleine Ausflüge. Überall, wo Menschen miteinander kommunizieren, gibt es spezifische „Verteidigungsmechanismen“, die in der Regel zu Problemen in der Kommunikation und – nach vielfachen frustrierenden Erfahrungen – fast zwingend zu strategischer Kommunikation führen. Die strategische Kommunikation soll hier nicht diskreditiert werden, wird sie jedoch von der „manipulierten“ Seite bemerkt, führt dies gegebenenfalls zu noch mehr Ablenkungsmanövern und noch mehr verdeckter Kommunikation auf der Gegenseite und damit wiederum auch auf unserer Seite. Daraus kann schnell ein eskalierender Teufelskreis werden. Doch dazu später noch einmal ausführlicher. Wie gesagt: Gestatten Sie uns hier zunächst einige kleine Ausflüge, die klare Sicht am Ende lohnt sich.

Das Ich und die Abwehrmechanismen
Am Anfang ist der Mensch, was er bekommt (Winterhoff 2008). Am Anfang sind also nur Bedürfnisse, und der Mensch verfügt zunächst über keinerlei „Gewahr-Sein“ seiner selbst oder gar anderer Personen im Sinne dessen, was als Bewusstsein bezeichnet wird. Wenn dies zutrifft, dann wird deutlich, warum die ersten – vollständig vorsprachlichen und deshalb rational überhaupt nicht zugänglichen – Erfahrungen so prägend sind. Wenn der Mensch sein Bedürfnis ist, dann sind sein ganzes Sein und seine gesamten Erfahrungen zunächst von der Befriedigung seiner Bedürfnisse abhängig. Bei Nichtbefriedigung hingegen entstehen Ängste von existentiellem Ausmaß. Es kann wohl als eine der Urformen von Angst angesehen werden, wenn ein Säugling Hunger hat und nichts bekommt. Dies ist eine Erfahrung, gegen die Kinder noch keine Schutzmechanismen haben. Diesen ursprünglichen Zustand hat Melanie Klein den paranoid-schizoiden Modus genannt. Diese Bezeichnung ist hier nicht mit den gleichnamigen Störungsbegriffen zu verwechseln. Vielmehr meint Klein damit die Verletzbarkeit der seelischen Entwicklung durch zu wenige positive bzw. zu viele negative Erfahrungen. Alle Erfahrung in dieser Phase ist vorsprachlich, und das Kind verfügt noch über keinerlei Konzept davon, dass die Mutter eine andere Person ist. Das Kind ist „allein auf der Welt“, das heißt, das Bedürfnis des Kindes bzw. dessen Befriedigung oder Nicht-Befriedigung entspricht der Welt des Kindes. Das Kind ist also psychisch in gewisser Weise auf sich alleine gestellt, ist sich dessen allerdings nicht gewahr, denn es hat noch keine kognitive Instanz, die all dies regeln könnte. Das Kind erfährt die Welt auf einem Spektrum zwischen der Befriedigung von Bedürfnissen und existentiellen Bedrohungen. Durch den Kontakt mit der als bedrohlich erlebten Welt treten erste psychische Differenzierungen auf. Indem die Psyche versucht, mit den Bedrohungen umzugehen bzw. sie zu kontrollieren, entwickelt sich aus einem Teil des Es eine zweite Instanz. Das Ich tritt fortan als Mittler zwischen den Bedürfnissen des Kindes und der Umwelt auf. Die Herausbildung des Ichs bildet auch die Voraussetzung für die Konzeptualisierung des Selbst und des Anderen, also die Erfahrung, dass die Mutter eine andere Person ist als das Kind selbst, und dass sie die Bedürfnisse des Kindes manchmal befriedigt und manchmal nicht.
Wenn (a) sich die Instanz des Ichs langsam vom Es differenziert und das Kind die Grundlagen des Verständnisses verschiedener Personen entwickelt, und wenn (b) während der ersten Phase (paranoid-schizoider Grundmodus) genügend positive Erfahrungen gesammelt wurden, dann besteht die Chance für einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt. Dieser Schritt besteht darin, die Ambivalenz der Erfahrungen mit der Mutter zu bewältigen. Mal ist die Mutter anwesend und damit die Quelle von Nähe und Bedürfnisbefriedigung. Mal ist sie abwesend und dadurch furchteinflößende Auslöserin existentieller Bedrohungen. Beide Erfahrungen müssen in ein und derselben Person verortet werden. Wenn diese Herausforderung gelingt, ist der Grundstein für das gelegt, was als Frustrationstoleranz bezeichnet wird – eine der zentralen Funktionen des Ichs als der psychischen Instanz, die zwischen den menschlichen Bedürfnissen und der Außenwelt vermittelt. Melanie Klein hat diese Entwicklungsstufe den depressiven Modus genannt und damit die Fähigkeit zur Integration äußerst ambivalenter Erfahrungen (sowohl positiver als auch negativer Erlebnisse) in dasselbe Konzept (die Person der Mutter) bezeichnet. Das Adjektiv „depressiv“ hat hier wiederum nichts mit dem gleichnamigen Störungsbild zu tun.
Das psychische Geschehen während des ersten und zum Teil auch des zweiten Lebensjahres verläuft vollständig vorsprachlich. Geschehen in dieser Zeit psychische Verletzungen, so wiegen diese besonders schwer, denn sie betreffen die psychische Entwicklung in ihrer grundlegenden Phase und sind später mit sprachlichen Mitteln kaum bearbeitbar.
Aus den bisherigen Darstellungen wird deutlich, wie wichtig ausreichend positive Erfahrungen eines Kindes während der ersten Lebensjahre sind. Allerdings – und dies wird oft weniger betont – ist die Erfahrung der eigenen Grenzen ebenfalls von elementarer Bedeutung für die Entwicklung. Die Welt des Kindes entspricht, wie wir gesehen haben, am Anfang mehr oder minder seinen Bedürfnissen – das Kind ist, was es bekommt. In dieser Zeit werden die ersten Grundlagen für eine psychische Differenzierung gelegt, die in die Herausbildung des Ichs als zweite psychische Instanz neben dem Es mündet. Ein anderer psychoanalytischer Begriff für die Selbstbezogenheit insbesondere des ersten Lebensjahres ist der des primären Narzissmus‘. Der primäre Narzissmus bezeichnet die zwangsläufige Auf-sich-selbst-Geworfenheit des Kindes in den frühen Entwicklungsstadien – das Kind ist gleichsam seine Welt, weil es noch über keine psychischen Differenzierungen verfügt, die zwischen sich und anderen bzw. der äußeren Welt unterscheiden könnten. Wenn nun ausreichend positive Erfahrungen möglich sind, verläuft die Entwicklung ohne Beeinträchtigungen, möchte man meinen. Doch dem ist nicht immer so, wie Michael Winterhoff (2008) eindrucksvoll darstellt. Über die positiven Grunderfahrungen hinaus sind auch Grenzerfahrungen für eine gelingende psychische Entwicklung notwendig. Werden diese Grenzerfahrungen im Sinne allgemein gültiger Regeln bzw. dessen, was ein Kind nicht darf, nicht gemacht, verbleibt das Kind im Zustand des primären Narzissmus. Dies äußert sich, indem andere Menschen nicht als eigenständige Wesen, sondern als Teil der eigenen Welt betrachtet werden. Ursache dafür ist der fehlende Entwicklungsschritt, über die Integration von ambivalenten Erfahrungen – zunächst mit der Mutter und dann mit anderen Menschen – Frustrationstoleranz zu erlernen. Werden dem Kind keine Grenzen gesetzt, kann es keine oder zu wenige der besagten ambivalenten Erfahrungen machen, und die Integration der Ambivalenz in ein Konzept („Die Mutter ist manchmal da, dann ist alles gut. Aber manchmal ist sie auch nicht da, das ist zwar nicht gut, aber es ist trotzdem dieselbe Person, die mich liebt und die ich liebe.“) kann nicht erreicht werden. Nach Winterhoff (2008) kann solche eine fehlgehende Entwicklung in die Unfähigkeit, andere Menschen als selbstständige, gleichberechtigte Wesen zu behandeln, münden. Andere Personen werden dann behandelt, als seien sie Teil der eigenen Welt. Eine Tendenz zur Unfähigkeit sich unterzuordnen und ein gering ausgeprägtes Durchhaltevermögen aufgrund fehlender Frustrationstoleranz sind dann entsprechende Folgen.
Das Beispiel des Verbleibens im primären Narzissmus verweist auf einen weiteren wichtigen psychischen Entwicklungsschritt. Der zunehmende Kontakt mit der Umwelt führt immer wieder zu Konflikten zwischen den Impulsen des Es und dem, was die Umwelt erlaubt. Die Erfahrungen mit diesen Konflikten führen mit der Zeit (etwa zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr) zu einer weiteren Differenzierung des psychischen Apparats. Das Über-Ich geht als die Instanz der Regeln und Verbote, der Moral und der gesellschaftlichen Normen aus dem Ich hervor. Nach der Vorstellung Freuds übt das Über-Ich dauernd Druck auf das Ich aus, um das Es unter Kontrolle zu halten.
Das Es löst nach der psychoanalytischen Vorstellung mehr oder minder dauernd Konflikte aus, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zunächst richten sich die Impulse auf die Umwelt, und das Ich hat als Anpassungsinstanz die Aufgabe, zwischen den Impulsen des Es und der – ggf. bedrohlichen – Umwelt zu „vermitteln“. Dabei bringt das Ich zunächst eine weitere psychische Instanz hervor, die dem Ich bei der Anpassungsleistung mit Regeln und Normen behilflich ist: Im Über-Ich werden die normierenden Einflüsse von Eltern, Erziehern und Gesellschaft wirksam. Dem Ich obliegt nun die immense Aufgabe, die Bedrohungen der Umwelt, die Impulse des Es und den Druck des Über-Ichs zu integrieren. Zum Umgang mit diesen in ihrem Ausmaß angstauslösenden Impulsen bzw. zur Reduktion des durch die Gegensätzlichkeit der Anforderungen entstehenden Drucks entwickelt das Ich Abwehrmechanismen, die verhindern, dass das ganze ambivalente Ausmaß der Impulse bewusst wird. Abwehrmechanismen sind demnach im positiven Sinne als Anpassungen an die Realität zu verstehen. So macht ein Kind bspw. mehrfach die Erfahrung der Ablehnung und wird daraufhin schrittweise Mechanismen entwickeln, sich fortan anders zu verhalten. Der wohl bekannteste Abwehrmechanismus ist die Verdrängung – „was zu große Angst auslöst, findet fortan nicht mehr statt“, zumindest nicht bewusst. Das bezieht sich sowohl auf furchterregende Faktoren der Realität, indem angstauslösende Elemente gleichsam aus dem bewussten Abbild der Wirklichkeit entfernt und ins Unbewusste verdrängt werden, als auch auf diejenigen Impulse des Es, die zu starken Konflikten führen – etwa indem das Ich lernt, den Impuls zu verdrängen, die Mutter zu hassen, um wieder Zuneigung zu erfahren.

Verdrängung: Auf der Grundlage unangenehmer oder sogar schmerzhafter Erfahrungen lernt ein Mensch, Vorstellungen, die entweder mit einem bestimmten, in der betreffenden Situation nicht auslebbaren Bedürfnis verbunden sind oder die mit moralischen Maßgaben in Konflikt stehen, ins Unbewusste zu verdrängen. Da die Vorstellungen und Impulse dadurch jedoch nicht einfach verschwinden, ist immer ein gewisser Aufwand an psychischer Energie notwendig, die Verdrängung aufrecht zu erhalten.

Projektion: Der Abwehrmechanismus der Projektion bewirkt, dass eine Person Empfindungen und Wünsche, die sie an sich selbst unerträglich findet, zunächst leugnet. Bis hierher ähnelt der Vorgang der Verdrängung. Das Spezifische an der Projektion ist, dass die (im Unbewussten wirksam bleibenden) Gefühle und Impulse unbewusst einer anderen Person zugeschrieben werden. Beinahe klassische Beispiele sind besonders dominante Menschen, die ihre eigene Aggressivität leugnen und dafür andere Menschen als besonders dominant und aggressiv kritisieren. Den Mechanismus der Projektion gibt es auch in umgekehrter Richtung (Introjektion), indem sich eine Person, um bestimmte Situationen zu bewältigen, Gefühle und Verhaltensweisen anderer Personen in sich hineinprojiziert und so empfindet und handelt, wie die andere Person vermeintlich empfunden und gehandelt hätte.

Sublimierung: Manche Impulse können aus moralischen (ethische Verbote, gesellschaftliche Normen oder Traditionen) oder sozialen (bspw. wenn Ablehnung oder gar Ausschluss drohen) Gründen nicht ausgelebt werden. Gibt man diesen Impulsen hingegen ein sozial akzeptiertes Ziel, wird es möglich, diesen Wünschen dennoch nachzugeben – bspw. in dem man sie mit einer beruflichen Rolle „umhüllt“. Die klassische Variante: Sadismus „läßt sich zum Beispiel in Berufen wie Metzger, Chirurg oder Polizist abreagieren“ (Mucchielli 1980, S. 14).

Verschiebung: Manche Impulse können gegenüber bestimmten „Objekten“ – zumeist Personen, es kann sich aber auch um Institutionen oder Gruppen oder Objekte aus anderen Kategorien handeln – nicht realisiert werden – ggf. weil dies nachteilige Konsequenzen für die betreffende Person hätte. Die mit dem betreffenden Objekt verbundenen Affekte und Handlungsimpulse werden von diesem Objekt gelöst und auf ein anderes übertragen. So kann es bspw. sein, dass ein Mitarbeiter wütend über einen Kollegen ist. Der betreffende Kollege wird aber vom Team sehr geschätzt. Ihn anzugreifen hätte also ggf. negative Auswirkungen auf den Stand des Mitarbeiters. Dieser nun „verschiebt“ seine Wut auf einen anderen Kollegen, den zu beschuldigen im Kreis der Kollegen ohne Gefahr für den eigenen Status möglich ist. Diese Person dient nun als Sündenbock. Der Abwehrmechanismus der Verschiebung funktioniert nicht nur mit aggressiven Affekten, sondern auch mit Angst, etwa indem die Angst vor einem Vorgesetzten auf eine andere Person oder die Angst vor einem Familienmitglied auf eine bestimmte Klasse von Objekten (bspw. alle Tiere, die ein Fell haben) übertragen wird. Ist die Angstübertragung besonders manifest, spricht man auch von „phobischer Fixierung“.

Von erfolgreicher Problemlösung zu unbewussten Handlungsmustern
Im Laufe ihrer Entwicklung – während der Kindheit und des Heranwachsens und während der ersten beruflichen Lernprozesse – sind Menschen mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert, die sie lösen müssen. Aus den ersten Versuchen der Problemlösung bilden sich langsam Muster heraus, wie ein Mensch an die ihm gestellten Aufgaben herangeht. Die erfolgreichen Muster – zu denen auch Abwehrmechanismen gehören – festigen sich mit der Zeit und geben der betreffenden Person ein Gefühl von Sicherheit in Bezug auf kommende Herausforderungen. Es liegt in der Natur des Menschen, nicht an jede neue berufliche Situation oder jede neue Beziehung – sei es Freundschaft oder Liebe – auch neu heranzugehen. Vielmehr greift man auf das bereits erlernte Repertoire an Handlungsstrategien zurück. Vieles in diesem Repertoire festigt sich mit den Jahren soweit, dass es nicht mehr in Frage gestellt wird. Aus erfolgreichen Handlungsstrategien werden habituierte – und damit weniger bewusste Handlungsstrategien. Kommt es nun zu einer Situation des Wandels und damit zu neuen Herausforderungen, so werden Menschen zunächst auf ihre geläufigen Handlungsweisen zurückgreifen und diejenigen Aspekte der Herausforderung, die tatsächlich neu sind, ausblenden bzw. vermeiden. Der Anreiz für ein derartiges Vermeidungsverhalten liegt in der Reduzierung von Angst, die durch neue Situationen zwangsläufig ausgelöst wird. Widerstände bei Veränderungen haben also eine Schutzfunktion – indem man die vermeintlichen Risiken der Veränderung ausblendet, lebt man angstfreier.

Die Konformisierung der Kommunikation in Gruppen
Die Zugehörigkeit zu Gruppen erscheint als ein paradoxes Phänomen: Auf der einen Seite stehen das Zugehörigkeitsmotiv des Individuums und die generelle Verheißung von Gruppen, für bestimmte Bedürfnisse des Individuums zu sorgen. Gruppen gehören zu den urtümlichsten und unabdingbarsten Erscheinungsformen menschlichen Lebens, was insbesondere daran deutlich wird, dass jeder Mensch (a) ständig in Beziehung mit Gruppen steht und (b) die Einstellungen dieser Gruppen ihm gegenüber – zumeist mehr unbewusst als bewusst – einschätzt. Andererseits weisen Gruppen ein starkes Eigenleben auf, was sich dadurch äußert, dass Gruppen vor allem dazu tendieren, sich selbst zu erhalten. Diese Selbsterhaltung geht allerdings zu Lasten der individuellen Bedürfnisse der Gruppenmitglieder. Insofern stehen individuelle Interessen (Zugehörigkeit, Bedürfnisbefriedigung) und Gruppenbelange (möglichst spannungsfreier Selbsterhalt, Vermeidung von Veränderungen) im Gegensatz zueinander. Es ist das Wesen von Gruppen, einige Bedürfnisse zu befriedigen und andere nicht, worin der spezifisch „konservative“ Charakter (Lazar 2004) des Phänomens Gruppe liegt. Der kollektiv normierende und das Individuum zur Anpassung zwingende Charakter wird besonders am Begriff der Gruppenmentalität deutlich. Demnach verhindern Gruppen das differenzierte Denken einzelner Personen (und damit auch das Lernen von Individuen aus den Beziehungen zur Gruppe) durch eine spezifische Form anonymen Drucks. Manche Äußerungen können offen vorgebracht werden, andere werden verdeckt geäußert. Es entstehen plötzlich Stimmungen und Verhaltensweisen, die nicht direkt einzelnen Personen zugeordnet werden können. Auf dieser anonymen Ebene der Gruppenmentalität findet die Selbsterhaltung von Gruppen statt: Das Denken des Einzelnen tritt hinter das genormte Denken der „Gruppe als Ganzes“ zurück. Dabei ist die Akzeptanz der Gruppenmentalität durch das Individuum impliziter Natur – man trägt ja anonym und großteils unbewusst zur Gruppenmentalität bei. Explizit danach gefragt, werden Menschen meist behaupten, die Gruppe habe keinen oder allenfalls einen sehr geringen Einfluss auf ihr Denken. (Vgl. Bion 2001, S. 31ff.; Lazar 2004, S. 48ff.)
Gruppen können als menschheitsgeschichtlich sehr alte Formen der Daseinsvorsorge verstanden werden. Kommen Menschen zu einer Gruppe oder einem Team zusammen, bilden sich sehr schnell (oft unausgesprochene) Gruppenregeln. Die Belange der Gruppe werden wichtiger als die des einzelnen Gruppenmitglieds. Praktisch bedeutet das, dass Gruppen die Aktivitäten Einzelner nur dann belohnen, wenn sie der Gruppe als Ganzer nutzen. Die Bedürfnisse nach Wertschätzung und Status der einzelnen Gruppenmitglieder werden also nur dann befriedigt, wenn diese sich der Gruppenmentalität fügen, was auf Dauer zu einer – psychologisch gesprochen – Verengung des Fokus der Gruppe führen kann. Praktisch heißt das, dass in Gruppen nicht mehr alles sagbar ist, sondern sich eine unbewusste Selbstzensur der Gruppenmitglieder entwickelt. Damit sind eine Reihe von die Vielfalt der verfügbaren Informationen und zum Ausdruck gebrachten Meinungen einschränkenden Effekten verbunden, deren bekanntester das so genannte „Gruppendenken“ ist.
Falls Sie ein Team übernehmen, dass Ihnen, aus welchen Gründen auch immer, zunächst feindlich gegenübersteht, werden Sie diesen Gruppendruck zunächst als Widerstand zu spüren bekommen. Mit Widerstand können Sie dann nicht anders umgehen, als ihn zu akzeptieren. Oberhandtechniken oder Drohungen würden das Problem nur verschärfen. Die betreffenden Menschen sind dann durch Fragen und Dialog langsam in einen Veränderungs- und Erkenntnisprozess zu ziehen. Das kann zunächst dauern. Andererseits führt es in der Regel zu einer Verstärkung der Ablehnung, wenn man versucht, dem Widerstand mit eigenen Argumenten entgegenzutreten (etwa: „Was Sie da sagen, ist ein Gerücht. Das stimmt nicht. Es ist so und so.“; besser funktioniert: „Ich verstehe Ihre Bedenken, und auch wenn nicht alles ganz genau stimmen mag, was Sie gesagt haben, möchte ich Sie einladen, sich selbst ein Bild zu machen.“). Die beste Strategie, die starre Homogenität von Gruppenmeinungen zu verändern, ist das gezielte Erfragen und Fördern von Minderheitenmeinungen. Wenn Sie Beobachtungen anstellen und fragen, werden Sie bemerken, dass die Landschaft in einem keineswegs so homogen ist, wie es Ihnen zunächst vorgekommen sein mag. Ein Rat an Teamleiter: Kümmern Sie sich um Minderheiten! Sie sichern die Meinungsvielfalt – auch wenn die Minderheitenmeinung in der Sache sogar „falsch“ sein sollte. Psychologische Experimente haben eindrucksvoll gezeigt, dass die allermeisten Menschen – wir reden von rund 90 Prozent – vor anonymem Gruppendruck kapitulieren. Gibt es aber bereits eine Minderheit, steigt die Wahrscheinlichkeit enorm, dass Einzelne eine von der Gruppenmeinung abweichende Sicht vortragen. Wichtig dabei ist nur die Existenz einer Minderheit, unabhängig davon, wie objektiv kompetent oder inkompetent (bis hin zu offensichtlich falsch) der Standpunkt der Minderheit ist. Schließen Sie also Bündnisse mit denjenigen, die offen für Veränderungen sind, aber auch mit allen anderen, die nach „Minderheit“ aussehen. Das hilft Ihnen, im Bedarfsfall den Lernprozess schneller voranzubringen. Ein großer Teil der praktischen Arbeit in Teamentwicklungen besteht im (Wieder-)Herstellen von Meinungsvielfalt und im Ermutigen von Minderheiten. Für die betroffenen Akteure ist es eine harte Erfahrung – für die Personen mit abweichenden Meinungen ist es alles andere als einfach, angefeindet zu werden, und für die Gruppenmitglieder ist es schmerzhaft, die Erfahrung zu machen, dass sie die Anonymität und Sicherheit der Gruppe einer wirklich offenen Suche nach Lösungen vorziehen. Schaffen die Beteiligten diese Hürde, finden sie fortan zu besseren Entscheidungen und können aus Erfahrungen lernen.

Jörg Heidig