Weil am 24.09. Wahlen sind: an welchen Maßstäben orientieren wir uns eigentlich?

Wer sich an den automatisierten Trögen sozialer Medien füttern lässt, kommt schnell zu dem Schluss, dass Vorurteile und Hass zugenommen haben. Manche sehen deshalb einen Rechtsruck. Es geht nach rechts, ja, aber nicht so, wie viele fürchten. Wir leben nicht im Jahr 1923. Es gibt Unterschiede zwischen dem Deutschland, in dem die nationalsozialistische Bewegung entstand und wuchs, und dem heutigen Europa, in dem rechte Bewegungen an Fahrt aufnehmen. Der meines Erachtens fundamentale Unterschied zwischen der Zeit nach dem ersten Weltkrieg und dem heutigen Europa ist, dass es sich bei den heutigen Europäern um Menschen „später“ Gesellschaften handelt. Man lebt gern abgesichert, hat Komfortzonen, erzieht seine Kinder auf Augenhöhe. Viele von uns tun Dinge nur, weil sie es können, mehrfach im Jahr verreisen beispielsweise. Ich fürchte, dass Guido Westerwelle Recht hatte mit seiner Diagnose von der spätrömischen Dekadenz. In jedem Fall aber gibt es nicht mehr die Geburtenraten jener Tage, die ebenso chancenlose wie ungeduldige und entsprechend rabiate Generationen junger Menschen hervorbringen. Die Wutbürger des Westens sind sechzig Jahre alt und ziehen demnächst in keinen Krieg, sondern ins Altersheim. Auf die Frage, wer und was Deutschland eigentlich ist, lassen sich viele gute Antworten finden: Deutschland ist schön, schön friedlich vor allem, man findet an vielen Ecken gute Arbeit, man kann in Deutschland gut reisen und sich hervorragend bilden. Wenn wir froh wären, dass das so und nicht anders ist, und wenn uns das nicht mehr so langweilig vorkäme und wir denen etwas dankbarer wären, die das ermöglichen, und auf jene stolz wären, die uns schützen, wäre schon viel gewonnen.

Jörg Heidig