Wahrnehmung

Der folgende Text gehört zu meiner Vorlesung zur Einführung in die Psychologie an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg. Sollten Sie sich für alle Beiträge zu dieser Vorlesung interessieren, werden Sie hier fündig. Sind Sie an anderen Themen interessiert, nutzen Sie bitte die Themenliste rechts unten. Auf Smartphones wird die Themenliste ganz unten angezeigt.

Unter Wahrnehmung werden jene Prozesse verstanden, die beim Aufnehmen (durch die Sinne), Identifizieren oder Wiedererkennen (durch kognitive Prozesse) von Ereignissen und Objekten eine Rolle spielen. Der Prozess der Wahrnehmung bereitet die Reaktion auf das Wahrgenommene vor. Der Prozess der Wahrnehmung erfolgt in drei Stufen:

  1. Sensorischer Prozess (Empfindung)
  2. Perzeptuelle Organisation
  3. Identifikation/Wiedererkennung von Objekten

Im Grunde kann man sich diesen Prozess anhand der folgenden Abbildung verdeutlichen:

Schematische Darstellung des Prozesses der Wahrnehmung

Im ersten Schritt werden die Reize aufgenommen. Bei der Aufnahme wirken eine Reihe von Filtern:

Physiologische Filter sind jene Wahrnehmungseinschränkungen, die organisch bedingt und im Laufe der Evolution entstanden sind. So können wir Licht nur einen bestimmten Wellenlängenbereich wahrnehmen. Anschauliche Beispiele für physiologische Wahrnehmungsfilter bieten die unteren Wahrnehmungsschwellen:

  • Visuell: Versuche haben ergeben, dass Menschen die Flamme einer Kerze bei ansonsten dunkler Umgebung noch auf eine Entfernung von bis zu 50 Kilometern sehen können.
  • Auditiv: Gibt es keine Umgebungsgeräusche, dann sind wir fähig, das Ticken einer Armbanduhr noch in einer Entfernung von etwa sechs Metern zu hören.
  • Gustatorisch: Die Wahrnehmungsgrenze liegt beim Geschmack bei einem Teelöffel Zucker, der in ca. 7,6 Liter Wasser aufgelöst wurde.
  • Geruch: Wenn man einen Tropfen Parfum gleichmäßig in einer Dreizimmerwohnung verteilt, ist dies ein Beispiel für die untere Wahrnehmungsschwelle beim Geruch.
  • Berührung: Die geringfügigste Berührung, die Menschen noch spüren können, ist diejenige, die der Flügel einer Biene auslöst, wenn dieser aus etwa einem Zentimeter Entfernung auf unsere Wange fällt. (Beispiele aus: Gerrig & Zimbardo 2016, S. 116)

Individuelle Filter basieren auf Persönlichkeitseigenschaften (Beispiel: unsichere Menschen können körpersprachliche Signale, die auf Lügen hinweisen, besser erkennen und deuten als andere), Werten, Überzeugungen, Erinnerungen und Erwartungen. Wenn jemand etwa einen ganz bestimmten Ablauf einer Situation erwartet, nimmt er andere Dinge wahr, als wenn er diese Erwartungen nicht hätte. Ähnlich ist es mit Gewohnheiten: wenn ich etwas gewohnt bin und meine Gewohnheiten nicht in Frage stelle, werde ich kleinere Veränderungen der Situation ggf. nicht wahrnehmen. Denken Sie bspw. an lange geführte Beziehungen. Einiges im gegenseitigen Umgang ist so eingeschliffen und gewohnt, dass man unter Umständen nicht merkt, wie sich die Handlungsmuster der Partnerin oder des Partners ganz langsam ändern. Gab es dann einen heftigen Konflikt oder gar eine Trennung, nimmt man jene Dinge wahr, die man vorher womöglich nicht wahrgenommen hat.

Soziale und kulturelle Filter entstehen durch Sprache, die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft mit entsprechenden sozialen Strukturen sowie durch Kultur (Rituale und gemeinsame Gewohnheiten). Diese Klasse von Filtern bewirkt, dass wir etwas für „wahr“ halten, weil es uns durch Sprache und Kultur selbst-verständlich, das heißt: nicht hinterfragbar, geworden ist. Wir nehmen also das Verhalten unseres Gegenübers wahr und verleihen ihm eine Bedeutung durch unsere kulturelle Brille.  Was wir sehen, ist für uns die Wahrheit, muss aber nicht der Wahrheit an und für sich entsprechen, da – zumindest in der Kommunikation – Wahrheit quasi auf „kulturellen Übereinkünften“ beruht. Das bildet die Ursache für die bisweilen eklatanten Missverständnisse zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen. Deshalb sollte man sich die Fähigkeit zur Offenheit bewahren und in der Lage sein, seine eigenen individuellen und kulturell geprägten Wahrnehmungsfilter zu hinterfragen.

Im zweiten Schritt wird das Wahrgenommene zum „Perzept“ organisiert, das heißt, die Wahrnehmungsanteile aus verschiedenen Sinnesquellen werden miteinander integriert und mit früheren Wahrnehmungen in Verbindung gebracht. Letzteres dient der „vorbereitenden Einschätzung“ des Wahrgenommenen.

Im dritten Schritt wird dem Perzept eine Bedeutung verliehen – ein Objekt wird beispielsweise wiedererkannt. Dieser dritte Schritt ist in der Regel mit Emotionen verbunden – habe ich einen alten Bekannten erkannt, freue ich mich vielleicht. Sind mir hingegen eine Situation und die darin anwesenden Personen unbekannt und fällt es mir schwer, die Situation zu deuten, zeigt mir das meine emotionale Reaktion entsprechend an, was dann etwa zu vorsichtigem oder distanziertem oder unsicherem Verhalten führen kann.