Gedächtnis

Der folgende Text gehört zu meiner Vorlesung zur Einführung in die Psychologie an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg. Sollten Sie sich für alle Beiträge zu dieser Vorlesung interessieren, werden Sie hier fündig. Sind Sie an anderen Themen interessiert, nutzen Sie bitte die Themenliste rechts unten. Auf Smartphones wird die Themenliste ganz unten angezeigt.

Unter dem Begriff „Gedächtnis“ wird die mentale Fähigkeit, Informationen zu enkodieren, zu speichern und abzurufen, verstanden.

  1. Enkodieren: Prozess, durch den aus sensorischen Informationen mentale Repräsentationen werden (siehe dazu auch die Darstellungen zu den Wahrnehmungsprozessen)
  2. Speichern: Prozess der Verarbeitung in verschiedenen Gedächtnissystemen (siehe dazu weiter unten die Darstellung der einzelnen Gedächtnisarten und Gedächtnissysteme)
  3. Abrufen

Beim Abrufen werden drei Arten unterschieden:

  1. ungestütztes Erinnern: freies Reproduzieren von Erinnerungen; praktische Anwendung: offene Fragen
  2. gestütztes Erinnern: Wiedergabe von Erinnerungen mit einem Hinweisreiz; praktische Anwendung: Stichworte
  3. Wiedererkennen: Hier wird nicht nur mit Hinweisreizen gearbeitet, sondern mit in gewisser Weise „vollständigeren“ Reizen, also bspw. Gegenständen, um die es geht, oder Fotos von Tatverdächtigen. Eine Prüfung, die anhand von Multiple-Choice-Antwortvorgaben durchgeführt wird, wäre ein weiteres Anwendungsbeispiel. Wiedererkennen funktioniert deutlich besser (= fällt befragten Personen leichter) als Erinnern oder gestütztes Erinnern.

Schlussfolgerungen für Vernehmungen:

In einigen Gesprächsmodellen zur Vernehmung ist vorgesehen, mit einer freien Schilderung zu beginnen. Eine solche „Erzählaufforderung“ ist die denkbar offenste Variante der Gesprächsführung, um das freie Erinnern anzuregen. Zu schnell mit Hinweisreizen zu beginnen, birgt die Gefahr, dass die Vernehmung bereits früh in eine bestimmte Richtung gelenkt wird und eine Art „Suggestionseffekt“ entsteht. Das heißt nicht, dass nicht mit Konfrontationen (= Überprüfung von Vermutungen des Vernehmers) oder Suggestionen (= Unterstellungen, die so überprüft werden) oder Kontrasuggestionen (= Unterstellung des Gegenteils, um die Reaktion des Gegenübers zu testen bzw. sich dem Kern des Gesprächs aus einer anderen Richtung anzunähern) gearbeitet werden darf. Die Frage ist eher die des richtigen Zeitpunkts für solche Techniken. Eine zu früh eingesetzte Konfrontation kann beim Gegenüber eine Blockade bewirken. Die idealtypische Orientierung (= das heißt, dass Sie in der Realität selbstverständlich davon abweichen und Ihre Vorgehensweise an die situative Erfordernis anpassen sollten) liefern die folgenden beiden Modellvorstellungen:

  1. Das „Trichter-Modell“: Das Gespräch beginnt möglichst offen, bspw. mit einer Erzählaufforderung. Dann folgen offene Fragen. Unter normalen Umständen bewirken Fragen, die Interesse signalisieren, beim Gegenüber eine gewisse Öffnung. Unter Vernehmungsbedingungen kann es ebenfalls dazu kommen, man sollte sich diese Chance also nicht zu früh verbauen. Insbesondere bei Zeugen- bzw. Opfervernehmungen kann es hilfreich sein, zunächst für längere Zeit bei offenen Fragen zu bleiben. Echtes Interesse kann beim Gegenüber zum Vertrauensaufbau führen. Die einzige offene Frage, mit der man gerade am Anfang etwas vorsichtig sein sollte, ist die nach Handlungsgründen („Warum…?“). Nach den offenen Fragen kann man in eine Phase des genaueren Nachfragens kommen. Man bittet vielleicht um Detaillierung, fragt nach, regt zum Vergleich an. Dann testet man eigene Vermutungen („War es so und so?“). Wie gesagt: zu früh gefragt, können Tests eigener Hypothesen beim Gegenüber Widerstände oder gar Blockaden auslösen.
  2. Der „Wellen-Verlauf“: Gerade wenn man längere Gespräche führen muss oder das Gefühl hat, dass sich ein Gespräch „festfährt“, ist es mitunter sehr hilfreich, den Detaillierungsgrad des Gesprächs zu variieren. Normalerweise beginnt man ein Gespräch an irgendeinem eher allgemeinen Punkt und geht von dort aus detaillierend in die Tiefe. Fährt sich das Gespräch fest, kann man sich helfen, indem man wieder ins Allgemeine geht. Zusätzlich kann man durch neue Fragen noch den Blickwinkel auf das Problem ändern. So ergibt sich mit der Zeit eine Art Wellenform vom Allgemeinen ins Spezifische und wieder zurück ins Allgemeine und so weiter. Dieser Wechsel der Ebenen wird in der Regel vom Gegenüber als angenehm empfunden und ist durchaus geeignet, das Vertrauen zu steigern.

Das Drei-Speicher-Modell des Gedächtnisses

Bei diesem Modell handelt es sich um eine ältere Vorstellung vom Gedächtnis. Es gibt längst neuere und komplexere Modelle. Für ein Grundverständnis des Gedächtnisses ist es aber vollkommen ausreichend.

Das Drei-Speicher-Modell des Gedächtnisses

Was ist der Unterschied zwischen deklarativem und nondeklarativem Gedächtnis?

  1. Das so genannte deklarative oder explizite Gedächtnis dient der Speicherung von Wissen, bspw. Fakten und Ereignisse. Kennzeichnend ist, dass die Inhalte dieser Gedächtnisart mit Hilfe der Sprache dargestellt werden können. Dieses Wissen kann auch verändert oder manipuliert werden. Die weiter unten dargestellten Gedächtnisstrategien Wiederholung und Chunking dienen der Aneignung von Wissen.
  2. Das nondeklarative oder implizite Gedächtnis dient der Speicherung von „automatisch abrufbaren“ Fertigkeiten, bspw. motorische Abläufe. Um solche solche automatisch abrufbaren Fertigkeiten zu erlernen muss man sie ebenfalls wiederholen, allerdings deutlich öfter und eher im Sinne des Einübens. Wenn man diesen Prozess anhand des Freudschen Eisbergmodells darstellen würde, müsste man von „aneignender Befähigung“ sprechen, die von bewussten und langsamen ersten Versuchen durch Einübung langsam in den Bereich der weniger bewussten und schließlich kaum mehr bewussten Beherrschung der betreffenden Fertigkeit „absinkt“.

Gedächtnisstrategien

  1. In Bezug auf das deklarative Gedächtnis, das bewusstseinsfähig ist, gilt: Wiederholung ist wirksam. Man unterscheidet aneignende Wiederholung (Erlernen) und erhaltende Wiederholung (Vermeidung von Verlernen). Wiederholen bewahrt Informationen vor dem Verblassen im Kurzzeitgedächtnis und schafft damit die Voraussetzung für die Speicherbarkeit im Langzeitgedächtnis.
  2. Eine weitere Strategie ist das so genannte Chunking. Unter Chunking versteht man einen Prozess der „Rekonfiguration“ von Elementen, indem sie auf der Basis von Ähnlichkeit oder anderen Organisationsprinzipien gruppiert werden. Einfacher ausgedrückt: man assoziiert bestimmte, einzeln schwerer erlernbare Elemente miteinander. Diese Assoziation hilft dann beim Lernen. Die „Eselsbrücke“ ist wahrscheinlich das einfachste und beste Beispiel dafür. Chunking vergrößert die Gedächtnisspanne. Man kann sich Dinge dadurch also länger merken. Beim Chunking werden aber nicht nur neue Reize miteinander assoziiert, sondern es wird auch auf Informationen aus dem Langzeitgedächtnis zurückgegriffen. Dadurch werden leichter erinnerbare Muster geschaffen.

Gedächtniseffekte

  1. Priming: Priming besagt, dass vorangegangene Wahrnehmungen die Verarbeitung später wahrgenommener Reize beeinflussen. Die vorangegangene Verarbeitung aktiviert implizite Gedächtnisinhalte, die dann – aktiviert, aber nicht bemerkt – den weiteren Informationsverarbeitungsprozess prägen. Beispiel: Sie sitzen in einer Straßenbahn und lesen den Roman „Einer flog übers Kuckucksnest“. Die Handlung des Buches spielt in einer Psychiatrie. Die Straßenbahn hält an, und ein Mann steigt ein. Dieser Mann setzt sich Ihnen gegenüber, starrt sie an und murmelt leise. Möglicherweise erscheint Ihnen dieser Mann nun als psychisch krank. Anders wäre es, wenn Sie nicht in dem Roman gelesen, sondern aus dem Fenster geschaut hätten. Die besagte Straßenbahnhaltestelle lag vielleicht auf der Kneipenmeile Ihrer Stadt, und Sie haben vielleicht einige sichtlich angetrunkene Gruppen von Menschen gesehen. In diesem Fall mag Ihnen Ihr Gegenüber betrunken vorkommen.
  2. Mere-Exposure-Effekt: Der „Effekt des bloßen Ausgesetzseins“ besagt, dass allein die wiederholte Wahrnehmung eines bestimmten Reizes dessen positivere Bewertung zur Folge hat. Was (oder: wer) einem also – implizit – bekannter vorkommt, wird positiver beurteilt.
  3. Wahrheitseffekt: Wenn eine Aussage oft wiederholt wird, erscheint sie vielen Menschen allein dadurch wahrer. Der Effekt ist besonders stark, wenn die Betreffenden von dem fraglichen Thema keine Ahnung haben.
  4. Primacy-Recency-Effekt: Man merkt sich jene Dinge besser, die am Anfang und am Ende von Ereigniszusammenhängen stattgefunden haben bzw. am Anfang und am Ende von Reizketten stehen. Am besten nachzuvollziehen ist dieser Effekt an Zahlenreihen: Wir merken uns diejenigen Zahlen mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit, die am Anfang und am Ende von Zahlenreihen stehen.

Vergessen

„If you don’t want to lose it, use it“: Die so genannte Spurenverfallstheorie besagt, dass die Stärke der Gedächtnisspur einer Information im Gehirn („Engramm“) mit der Stärke der Verbindungen zwischen den Nervenzellen korrespondiert. Werden die Verbindungen weniger genutzt, verblassen die Gedächtnisspuren. Die Interferenztheorie geht hingegen davon aus, dass sich neue und alte Gedächtnisspuren überlagern. Das kann in beide Richtungen geschehen, indem die Gedächtnisspuren neuer Informationen ältere Spuren überlagern oder alte Gedächtnisspuren die Bildung neuer Gedächtnisspuren hemmt. Diese Hemmungseffekte sind besonders stark, wenn die gelernten Informationen sehr ähnlich sind (bspw. Telefonnummern).