Burnout – Störung oder Trendsportart? Wenn Psychologen nicht mehr hilfreich sind, sondern zum Teil des Problems werden

Wo Psychologie hilfreich sein kann und wo nicht: die Gratwanderung zwischen einer Kultur der Verdrängung und einer Kultur des Psychologisierens

Wir kommen aus einer Zeit, in der seelische Probleme eher verdrängt wurden. Zwar gab es in der Regel Alltagsbezeichnungen für heute diagnostizierbare Phänomene. So wurden etwa Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen als „Kriegszitterer“ bezeichnet. Aber es war Teil der Kultur in vielen Organisationen, solche Dinge nicht zu thematisieren. Man hatte sich zusammenzureißen. In den siebziger, achtziger und neunziger Jahren veränderte sich das diesbezügliche Klima. Die Diagnostik fand Namen für Erschöpfungs- und Belastungszustände, und man fand Wege, betroffenen Menschen zu helfen. Gleichzeitig erhielt die Psychologie in vielen Bildungsgängen, Management-Trainings usw. immer mehr Raum. Man wurde in den Organisationen auf Erschöpfungs- und Belastungsphänomene aufmerksam, wurde sensibler für die Entstehung und die Faktoren, wollte ggf. helfen. So wurde es möglicher, dass Betroffene sich ohne stigmatisierende Folgen helfen lassen konnten. Das war zu Beginn sicher auch gut so. Ein wirklich betroffener Mensch musste weniger Angst haben, stigmatisiert zu werden. Zwar sind in einigen Organisationen die Echos der früheren Kultur des Verdrängens noch zu spüren, aber im Großen und Ganzen ist man heute deutlich offener, was den Umgang mit Erschöpfungs- und Belastungsphänomenen angeht. Allerdings fürchte ich, dass das Pendel an einigen Stellen zu weit ausgeschlagen ist. Die Psychologie blieb nicht nur hilfreich. Diagnosen haben leider eine Tendenz, sich auszubreiten, quasi immer generalisierter angewandt zu werden.

Wenn jemand etwas hat, soll ihm geholfen werden. Aber Teile der Psychologen- und Ärzteschaft sind hier meines Erachtens nicht mehr hilfreich, indem sie – mehr oder minder unbeabsichtigt – bewirken, dass Betroffene ihre Erschöpfungs- oder Belastungssymptome gleichsam „konservieren“. Die sechste Kur kann vielleicht doch noch helfen, aber sie kann auch ein Genuss sein, von dem man langsam abhängig wird. Man hat vielleicht versucht, gegen die Symptome anzukämpfen. Man hat es vielleicht auch gewollt. Aber dann hat der nette Psychologe gesagt, man müsse ja nicht, und man solle sich vor allem Zeit nehmen. Wie lang ist so ein Zeitraum: zwei Wochen, sechs Monate, zwei Jahre? Viele, die vor Erschöpfung aufgeben, kommen nicht mehr hoch, weil sie sich daran gewöhnen. Zur (vorübergehenden) Einschränkung gehört auch die aktive Bewältigung. Wenn es geht. Ob es geht, erfährt man nur, wenn man es probiert. Und gerade diejenigen, die schwerer wieder hochkommen, müssen es öfter probieren, weil sie sonst allzu leicht den Glauben entwickeln, dass es gar nicht mehr gehen kann. Wenn es nicht geht, gut, dann ist es so. Dafür leben wir in einem Sozialstaat. Aber ich bezweifle, dass so viele Menschen, wie heuer diagnostiziert werden, wirklich diagnostiziert werden müssen. Die Ursache liegt meines Erachtens in Wechselwirkungen zwischen verbesserten Diagnoseinstrumenten, dem Umstand, dass man damit Geld verdienen kann, der Unsicherheit vieler Menschen in Bezug auf ihre Selbstheilungskräfte und dem wachsenden „Ratgeberwissen“.

  1. Vermehrung und Verfeinerung der Diagnoseinstrumente: Die psychologische Forschung bleibt nicht stehen, sondern differenziert das vorhandene Instrumentarium immer weiter aus. Psychologen beobachten, überprüfen ihre Beobachtungen und geben dem, was der Überprüfung standhält, Namen. In den vergangenen dreißig Jahren hat sich die Psychologie aber immer weiter davon entfernt, eine hilfreiche Wissenschaft zu sein. Die universitäre Psychologie ist zu einer beinahe reinen Forschungs- und Methodenwissenschaft geworden, die naturwissenschaftliche Routinen anwendet und Ergebnisse generiert, die im wissenschaftlichen Kontext wertvoll sein mögen, für die Praxis der Psychologie aber immer weniger Relevanz besitzen.
  2. Geld verdienen: Indem Krankenkassen Hilfeleistungen bezahlen, die einem relativ starren Kriterienkatalog entsprechen müssen, sind Helfer dazu gezwungen, ihre Darstellungen und Aktivitäten dem Kriterienkatalog anzupassen. So kommt es, dass aus gesunden Menschen solche mit einer Diagnose werden, weil man ihnen sonst nicht (bezahlt) helfen könnte. Hinzu kommt, dass die Helfer-Welten in der Regel keine Instrumente zur Feststellung des Normalfalls haben, sondern nur solche für den Krankheitsfall. Und diese Messinstrumente schlagen unter Umständen auch dann aus, wenn gar nichts ist. Unter amerikanischen Psychologen und Psychiatern gab es eine heftige Diskussion darüber, ob man Donald Trump ferndiagnostizieren dürfe oder nicht. Einer der Autoren der Diagnosekriterien für Narzissmuss meinte dann, es sei egal, ob der Präsident ein Weltklasse-Narzisst sei oder nicht, entscheidend sei, ob er selbst einen Leidensdruck verspüre oder nicht. Außerdem sei die Lösung für das von vielen Psychologen gesehene Problem eine politische und keine mit psychologischen Mitteln herbeiführbare. Das schmerzhafte Fazit lautet hier: wenn man zum Psychologen geht, findet der in der Regel auch etwas, weil er ja darauf spezialisiert ist und sein Geld damit verdient. Hier ist die Ethik der Psychologie gefragt. Allerdings reagieren Psychologen oft recht irritiert, wenn man sie nach ihrer Ethik befragt. Sie reden dann von der Vermeidung von Macht oder von wertschätzender Grundhaltung. An die hinter der Psychologie als gesamter Disziplin liegenden Grundannahmen und Implikationen kommen sie mit ihrem Denken in der Regel nicht heran.
  3. Unsicherheit bzgl. der eigenen Selbstheilungskräfte: Wir leben in Zeiten, in denen wir sehr viel von Selbstreflexion, Aufarbeitung usw. halten. Das Problem hierbei ist, dass mit zunehmender Indiviadualisierung aus einer ansich ja notwendigen und hilfreichen Selbstreflexion eher eine Selbstrotation geworden ist. Das „große Ich“ („Big Me“) steht mit seinen Interessen im Mittelpunkt. Heute junge Menschen träumen häufiger von großen Taten, Erfindungen etc. als frühere Generationen, aber sie tun dies viel weniger mit dem Blick auf andere, sondern eher mit dem Blick auf sich bzw. auf das Bild von sich, das die anderen in ihnen sehen sollen. Mit dieser Fokussierung auf sich selbst geht zunehmend die Intuition verloren. Wenn ich mich immer mehr um mich selbst drehe und selbst mein Maßstab bin, weiß ich immer weniger, was richtig oder falsch ist. Dadurch geht die Intuition verloren, was mir hilft und was nicht, was gut für mich ist und was nicht. Ich werde in Seminaren zunehmend Dinge gefragt, die vor zwanzig Jahren noch selbstverständlich gewesen wären, beispielsweise ob man einem Mitarbeiter in bestimmten Situationen Grenzen setzen sollte.
  4. Ratgeberwissen: Die letzte Entwicklung wird durch einen weiteren Trend verstärkt. Die fehlende Intuition wird mit Ratgeber-Lektüre ersetzt. Daraus resultiert ein Halbwissen, das – vorgeblich der Selbstreflexion dienend – wie eine Art ständig nebenherlaufendes Korrektiv die Selbstrotation noch verstärkt. Niveau und Qualität dieser Erkenntnisse liegen in vielen Fällen auf dem Level dessen, was man als „Küchenpsychologie“ bezeichnet. Kürzlich setzte sich ein Kabarettist zu mir an den Kneipentisch. Wir kannten uns nicht, stellten einander vor, und als ich sagte, ich sei Psychologe, platzte es aus meinem Gegenüber lachend heraus: „Aber das kann doch jeder! Ein bißchen nett, ein bißchen zuhören, und fertig ist die Rechnung!“

Wann haben wir begonnen, es zu übertreiben?

Was ich mit diesen Darstellungen verdeutlichen will, ist die Gratwanderung, die es heutzutage bedeutet, als Psychologe hilfreich zu bleiben. Unser Blick richtet sich gewohnheitsmäßig noch auf die Kultur der Verdrängung. Dabei bekommen viele nicht mit, dass es mittlerweile eine Kultur des Psychologisierens gibt, in der auch früher selbstverständliche Zusammenhänge durch Psychologisierung ausgehebelt werden können. Das folgende Beispiel soll tatsächlich stattgefunden haben:

Situation: Ausbilder mit einigen Rekruten in einem Waldgebiet, vor ihnen eine ausgefahrene Panzerspur; der Ausbilder befiehlt, durch die Rinne zu kriechen; einige Rekruten tun dies, ein Rekrut bleibt stehen.

Ausbilder: „Kriechen Sie hier durch!“

Rekrut: „Nein, der Boden ist nass, und es gibt keine Gefechtserfordernis, das zu machen.“

Ausbilder: wird rot

Rekrut, noch bevor der Ausbilder etwas sagt: „Wenn Sie mich anschreien, gehe ich zum Psychologen.“

Am Ende wurde der Ausbilder laut, war der Rekrut beim Psychologen, gab es eine entsprechende Beschwerde und wurde der Ausbilder verwarnt.

Man mag von diesem Beispiel halten, was man möchte. Für die einen ist es ein Beleg, dass sich die Bundeswehr tatsächlich verändert hat und man heute nicht nur anders als früher führen soll, sondern dass es auch Konsequenzen hat, wenn man es nicht tut. Für die anderen ist es ein Beleg dafür, dass einer der wichtigsten Faktoren für die Einsatzstärke einer Einheit – die Bindung zwischen den Soldaten zum einen und die Bindung zwischen den Soldaten und ihrem jeweiligen Vorgesetzten – durch wachsende Individualisierung und Durchsetzung entsprechender Interessen und Belange zunehmend ausgehöhlt wird. Wie auch immer die Leserin oder der Leser das Beispiel bewerten mag – eines möchte ich festhalten: Wenn Psychologen dabei helfen, eine Organisation, die definitionsgemäß in der Lage sein soll, unter Druck zu funktionieren, derart in Frage zu stellen, dann hat dies Folgen für die betreffende Organisation. Ich will damit nicht den Drill früherer Jahre rechtfertigen. Die Frage, die ich stellen möchte, lautet: wie weit hat sich das Pendel mittlerweile vom Drill wegbewegt, und inwieweit haben die Folgen der Individualisierung, die ja von vielen (und auch von mir!) nach der Wende als Befreiung empfunden wurde, mittlerweile selbst problematische Situationen hervorgerufen? Wann beginnt sich der Charakter der Freiheit („Bürger in Uniform“) in einen Geist der Hinterfragung jedweder Selbstverständlichkeit zu verwandeln? Wann haben wir begonnen, es zu übertreiben? Und wo haben Psychologen dabei geholfen – und tun es noch?

Wenn aus hart erkämpften Rechten zunehmend selbstverständliche Ansprüche werden

Nicht alle Leser werden mir folgen, wenn ich das, was ich hier sagen will, mit Beispielen aus der militärischen Welt zu plausibilisieren versuche. Manchmal werden die tatsächlichen Zusammenhänge durch kontrastreiche Beispiele aber umso deutlicher. Es sei deshalb ein weiteres Beispiel aus eben dieser Welt angeführt: Wie jeder weiß, kann es gefährlich sein, in einen Auslandseinsatz zu gehen. Nun gibt es eine ganze Reihe von Soldaten, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht in einen bestimmten Auslandseinsatz gehen können. Dieses „nicht können“ ist an und für sich eine schützenswerte Einrichtung. Aber Gelegenheit macht Schule, und so gibt es eine nicht näher bestimmbare Zahl von Soldaten, die sich vermittels einer Diagnose gleichsam vor dem Auslandseinsatz schützen. Falls ich hier nicht ganz falsch liege, dann stimmt etwas nicht, und daran sind Psychologen nicht unschuldig. Das Schlimme daran: So etwas kommt für die tatsächlich von Erschöpfungs- oder Belastungssymptomen Betroffenen einem Schlag ins Gesicht gleich. Zu den oben genannten vier Punkten (verbesserte Diagnoseinstrumente bis Ratgeberwissen) kommt also noch ein fünfter Punkt hinzu. „Schlechte Beispiele machen Schule“, könnte man diesen Punkt nennen, oder „Weil sie es können“ oder schlicht „Trittbrettfahrerei“. Eine eigentlich als Hilfesystem gedachte Einrichtung wird auf diese Weise erst langsam ausgehöhlt und dann zur juristisch durchzufechtenden Farce, an die keiner mehr so richtig glaubt, gegen die aber auch keiner etwas machen kann, weil Psychologen und später Juristen die entsprechenden Rechte akribisch bewachen. Aus hart erkämpften Rechten werden so zunehmend selbstverständliche Ansprüche.

Wenn diese Beispiele noch nicht ausreichen, sei hier ein weiterer Zusammenhang dargestellt, den ich für hochgradig problematisch halte:

Wie Suggestion funktioniert

Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: Eine Lehrerin fährt zur Kur. Sie hat ein paar Jahre als Klassenlehrerin hinter sich und ihre Klasse, die sie als anstrengend erlebt hat, endlich abgegeben. Sie hat in den letzten beiden Jahren schlecht geschlafen, ihre Ärztin meinte zuletzt, dass sie schlecht aussehe („ganz grau irgendwie“). Sie hat früher viel Sport getrieben, aber in den letzten Jahren ist das ebenso eingeschlafen wie das Interesse an ihrem Mann. Man lebt so nebeneinander her. Die Möglichkeit einer Kur hat sie begeistert aufgenommen. Und dann ist da dieser Psychologe, ein bißchen jünger als die Dame, einfühlsam und verständnisvoll, mit großem Interesse für sie als Mensch. In der ersten Sitzung fragt er sie nach ihrem Berufsleben, nach ihrer Zufriedenheit, ihren Plänen, ihren Gedanken zu der Frage, was sie alles für sich tun könnte, jetzt, wo sie doch so viel für andere gemacht habe. In der nächsten Sitzung fragt er sie, wo nach ihrer Ansicht die Ursachen liegen könnten. Nachdem sie lange über ihren Beruf, das Lehrerkollegium und die abgegebene Klasse gesprochen hat, fragt er am Ende der Sitzung, ob es vielleicht noch andere Ursachen gebe, möglicherweise auch im Privatleben. Während der Tage bis zur nächsten Sitzung denkt sie nach und erzählt dem Therapeuten dann ausführlich von ihrem Mann. Wie der nette Psychologe da so sitzt und nickt, kommt er ihr wie der Gegenentwurf zu ihrem Ehemann vor. Natürlich verbietet sie sich solche Gedanken. Aber der Zweifel nagt weiter. „Wie könnte Ihr Mann Sie denn besser unterstützen? Oder anders gefragt: Was erwarten Sie eigentlich von Ihrem Mann?“ fragt er. „Das weiß ich gar nicht. Eigentlich nichts mehr.“, antwortet sie. „Inwiefern könnte das Teil des Problems sein?“, fragt er. Und so weiter. Er triggert an, sie vertieft die entsprechenden Gedanken – zweifelt immer mehr. Wenn sie nach der Kur zuhause ankommt, wird sie bereits einen Scheidungsanwalt angerufen haben.

Solcherlei sanfte, kaum merkliche Suggestionen finden – in der Regel ohne böse Absicht, wohl aber oft mit einer Art wenig bewusster Hintergrundtheorie von Gut und Böse, Zusammenbleiben oder Trennung, normaler Erschöpfung oder Burnout usw. – täglich hundertfach statt. In Alltagsgesprächen mag das angehen, problematisch wird es, wenn damit Scheinerinnerungen oder grundlegende Einstellungsänderungen provoziert werden, welche die betroffene Person zu Gefühlen, Entscheidungen usw. bewegen, die sie vorher so nicht gewollt hätte. Das Problem ist hier, dass die Person nachher mit den betreffenden Gefühlen und Entscheidungen in der Regel erst einmal sehr glücklich ist. Einen Rückschluss auf vorher und eine entsprechende Korrektur sind nicht mehr möglich, denn es ist ja augenscheinlich alles gut.

Psychologen besitzen durchaus die Macht, jemanden in Burnout, eine posttraumatische Belastungsstörung etc. „hineinzucoachen“, und zwar nur durch Fragen. Diese Fragen müssen noch nicht einmal vordergründig suggestiv sein. Eine subtile Erwähnung der entsprechenden Faktoren in einem Nebensatz und die beiläufige Wiederholung der Begriffe in anderen, ebenso beiläufigen Nebensätzen, reicht oft schon aus, denn was zwischen Psychologen und Klienten wirkt, ist vor allem die Bindung. Wenn diese geeignet ist, einen innigen Austausch entstehen zu lassen, dann sind Suggestionen mit sehr geringen Mitteln möglich. Die betreffenden Psychologen können hinterher immer behaupten, dass sie dies oder jenes nie gesagt hätten. Haben sie ja auch nicht, sie haben es nur beiläufig suggeriert, indem sie scheinbar offene Fragen gestellt haben.

Es kommt also sehr darauf an, welche „Hintergrundtheorie“ eine Psychologin oder ein Psychologe vertritt. Glaubt sie bspw. nicht an langfristige Beziehungen, sondern hängt dem Konzept der Lebensabschnittspartnerschaften an? Glaubt er bspw. daran, dass Depressionen die „normale Erkältung der Psyche“ sind, und dass Burnout dementsprechend passieren kann und mit bestimmten Schritten unter Umständen von ganz allein wieder weggeht? Oder glaubt er, dass, wer einmal Burnout hatte, wieder dort landet, wenn er nicht eine ganz lange Auszeit nimmt und sein Leben mit zunächst auch medikamentöser Unterstützung radikal ändert? Solche – oft noch nicht einmal ganz bewussten – Glaubenssätze haben, so will ich meinen, einen großen Einfluss auf das psychologische Handeln.

Was hilft, ohne dass man gleich zum Psychologen muss?

Leider gilt in der Praxis oft genug der Satz: Grenzen bemerkt man erst, wenn man dran oder darüber hinweggegangen ist. Im Nachhinein fällt vielen Betroffenen auf, dass sie die Sache kommen sehen haben. Ein latentes Gefühl der Überforderung, immer neue Zielsetzungen, es doch zu schaffen, Durchhalteparolen gegenüber sich selbst, über Monate oder Jahre hinweg immer weniger Schlaf. Erst fallen die Hobbies weg, dann folgen Schlaf- und Bewegungsmangel, schließlich kommt mit dem Stress und der Schlaflosigkeit bei manchen das Übergewicht, bei anderen der Alkohol oder der Dauerstreit zuhause. So manche Beziehung wird eher dem Stress geopfert als tatsächlichen Problemen. Schließlich landet man in der Depression, fühlt sich völlig antriebslos, kann aber kaum schlafen, leidet an Selbstzweifeln bis hin zu Selbstmordgedanken. Ist man voll und ganz „drin“, hilft in der Regel nur der Gang zum Arzt. Da können selbst versierte Psychologen oft nur einen Teil der notwendigen Hilfe leisten. Aber für den Fall, dass man es früh genug merkt – oder man von Kollegen, Familienmitgliedern oder dem Hausarzt angesprochen wird und – wie so oft in solchen Fällen – die Hinweise nicht abblockt, sondern annimmt, was man hört, kann man selbst einiges gegen Burnout tun. Dann geht man einstweilen von einer „Gesundheitsvermutung“ aus. Eine solche Vermutung unterstellt, dass man nicht krank ist, keine Störung o.ä. hat, sondern gesund ist, es zwar übertrieben hat („Erkältung der Psyche“), die Situation aber bewältigen kann. Was dann zu tun ist, hat mehr mit der Veränderung praktischer Dinge im Leben zu tun als mit tiefschürfendem Psychologisieren. Es kann auch um die Sinnfrage gehen, aber auch die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens muss nicht zwingend eine sein, bei deren Beantwortung man einen Psychologen braucht. Hier sind die Dinge, die man tun kann, ohne jemanden konsultieren zu müssen:

  1. Man kann lernen, das Handy auszumachen und weniger zu arbeiten. Gehen Sie zeitiger nach Hause und lernen Sie, dass man ersetzbar ist. Es muss nicht alles gemacht werden. Lehnen Sie sich zurück und lernen Sie, Dinge bewusst auch einmal nicht zu machen. Sie werden sehen: das geht. Das heißt nicht, dass Sie nicht mehr arbeiten sollen. Sie können sich eine Auszeit nehmen, aber gehen Sie recht bald wieder arbeiten. Ziel ist ja zu lernen, die Arbeit anders in den Griff zu kriegen. Das schaffen Sie am Ehesten durch eine Änderung der Haltung. Diese Haltung können Sie sich beibringen, indem sie die gwünschte Haltung regelrecht einüben: Lehnen Sie sich zurück und lernen Sie, in den Situationen, in denen Sie sich bisher engagiert zu Wort gemeldet haben, öfter zu schweigen.
  2. Wenn man zu viel gemacht hat, ist es gut, sich zu zwingen, nichts zu machen. Wenig hilfreich ist es, die Arbeit mit weiteren Zielen (Hobby, Sport etc.) zu ersetzen. Das verlagert nur den Druck. Lernen Sie, zeitweise nichts zu machen. Übersteht man die ersten Stunden, wird es leichter.
  3. Mit dem Nichtstun verändert sich der Fokus. Familie, Hobbies etc. werden wieder wichtiger. Man lernt so, sich ganz beiläufig um die Dinge zu kümmern, die wirklich wichtig sind. Das hat nichts mit dem hippen Selbstoptimierungs-Egoismus zu tun, der aus jeder Aktivität eine Orgie der Selbstdarstellung macht, nach dem Motto: „Guckt mal, ich kann entspannt!“
  4. Nachdem man eine Weile herumgesessen hat, kann man anfangen, sich genügend zu bewegen. 10.000 Schritte am Tag sind nicht zu viel, wenn man sich daran gewöhnt. Man darf nur wie gesagt nicht ein weiteres Projekt draus machen. Viele ersetzen den Druck auf Arbeit durch Ziele beim Sport und verlagern den Druck damit nur. Langsame Steigerung ist hier das Gebot der Stunde.
  5. Versuchen Sie, gut zu schlafen. In der Regel kommt der bessere Schlaf mit zunehmender Entspannung.
  6. Arbeiten Sie weniger und nutzen Sie die frei werdende Zeit, um etwas zu tun, das Ihnen Spaß macht. Bücher, Freunde, ein früheres Hobby beispielsweise. Legen Sie sich ein Reservat zu, das nur Ihnen gehört – zwei Abende in der Woche nur für Sie beispielsweise.
  7. Achten Sie auf Ihre Ernährung. Kontrollieren Sie, was Sie essen, und lernen Sie, sich beim Einkaufen, abends vor dem Kühlschrank und mittags in der Kantine bewusst zu entscheiden. Die Merksätze, die Sie sich in solchen und anderen Situationen immer wieder sagen können, lauten beispielsweise: „Ich kann mich entscheiden. Nichts jagt mich. Ich kann das jetzt machen, muss es aber nicht. Ich lebe entspannt.“

Noch einmal: wer wirklich schwere Symptome hat, soll zum Arzt gehen. Ich fürchte aber, dass sich das Verständnis von schweren Symptomen verschoben hat und wir insgesamt „weicher“ geworden sind – weil wir es können, weil Psychologen und andere Helfer die jeweils eigenen Annahmen („Küchenpsychologie“) bestätigen oder insgesamt mehr diagnostizieren als früher, anstatt zunächst einmal auf die Selbstheilungskräfte zu fokussieren und die häufiger werdenden Eigendiagnosen wohlwollend in Frage stellen. Es ist wie bei angeblich gestörten Kindern: in vielen Fällen wäre die Gesundheitsvermutung hilfreicher als die Diagnose, weil sie den Kontext der Normalität wahrt und nicht zur Selbststigmatisierung beiträgt („Ich habe ADHS und heiße Justin.“). Gerade bei ADHS kann eine Ernährungsumstellung (zuckerarm, viel Gemüse) in Verbindung mit kontrolliertem Medienkonsum, vermehrter Bewegung und der Erfahrung von Liebe einerseits und Grenzen andererseits in der Interaktion mit den Eltern mindestens die gleiche Wirkung entfalten wie Ritalin. Ähnlich ist es bei Burnout: wenn ich erst einmal von einer Gesundheitsvermutung ausgehe, habe ich eine Chance, die ganze Sache ohne tiefgründiges Psychologisieren zu überstehen. Denn das Psychologisieren wird schnell zum Hobby: weiß ich erst einmal, wie das geht, komme ich auf immer mehr Gedanken. Im Extremfall sind flugs Scheinerinnerungen – bspw. an frühkindliche Traumata – herbeigezaubert. Deshalb sollten sich Psychologen der suggestiven Wirkung ihrer Worte bewusst sein. Allein die Motivation zu helfen, ein paar funktionierende Methoden und ein bißchen Wissen reichen nicht.

Fazit

Der heutigen Psychologie fehlt eine Ethik – eine These, die regelmäßig auf Ablehnung stößt, weil dem Beruf ja eine Haltung und damit auch eine Ethik innewohnt. Das stimmt, soweit es sich um Hilfe handelt. Aber die Hilfebedürftigkeit hat sich über die Maßen ausgebreitet. Hilfebedürftigkeit ist eine Frage des Blickwinkels und der Lichtverhältnisse geworden, sprich: sie ist jederzeit herstellbar, auch durch simple Behauptung. Eine Diagnose zur Untermauerung findet sich schon. Anders formuliert: der Normalfall ist uns abhanden gekommen.

Es dauert eine Weile, bis man versteht, dass es manchmal hilfreicher ist, etwas nicht zu tun (zu diagnostizieren zum Beispiel). Die Ethik eines Hilfesystems kippt um, wenn man es zu sehr an Geld bindet. Ohne Geld geht es nicht, das ist eine notwendige Konzession an den Grundmodus von Tauschgeschäften. Aber man muss aufpassen, wie weit man wirtschaftliche Orientierungen in ein System hereinlässt. Die Vermehrung und Verfeinerung der Diagnosen ist Hand in Hand mit einer Verbetriebswirtschaftlichung der Helfersysteme gegangen. Hinzu kam die zunehmende Popularisierung von Diagnosen bis hin zu ihrem – ich unterstelle – strategischen Missbrauch. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass ehemals hart erkämpfte Freiheiten zunehmend zur geforderten Selbstverständlichkeit geworden sind. Waren psychologisch fundierte Interventionen einstmals auch ein emanzipatorisches Instrument, verkommen sie heute stellenweise zum billigen Argument in der Verteidigung – in manchen Fällen recht beliebig erscheinender – individueller Ansprüche. Ein Psychologe muss sich also nicht mehr nur überlegen, ob und wie er hilft, sondern muss sich fragen, bei was er hilft und wozu er möglicherweise verhilft. In vielen Fällen, so fürchte ich, ist weniger Psychologie hilfreicher als mehr Psychologie.

Jörg Heidig

Das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen und die Lebenskrise um die 50: welche Fragen helfen

Ein interessanter Blickwinkel auf das Leben bietet sich, wenn man es als Muster aus „Geben“ und „Nehmen“ betrachtet. Stark vereinfachend könnte man sagen, dass man als Kind und in der Jugend vor allem nimmt und weniger gibt. Auch während man ausgebildet wird, studiert, ausprobiert o.ä. ist man eher beim Nehmen als beim Geben.

Das mögen Betroffene anders sehen, indem sie etwa ihre Abiturzeit oder ihre Ausbildung als Quälerei empfinden. Allerdings deutet das meines Erachtens weniger auf Quälerei, sondern eher auf die Frage nach dem Sinn hin. Wer seine Ausbildung oder sein Studium als mühselig erlebt, hat für die Mühen keine gute Erklärung. Sobald die Bemühungen einen Sinn haben, können sie quasi instrumentell verstanden werden. Es reicht also in der Regel aus, sich den Sinn seiner momentanen Bemühungen zu verdeutlichen und sich selbst oder durch andere zum Durchhalten aufzufordern. Nicht umsonst zeigen so genannte Selbstimpfungstrainings einige Wirkung. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass ein nicht zu verachtender Teil der heutigen Eltern ihre Kinder erzieht, als seien alle etwas Besonderes. Ist dies der Fall, kann das Problem zwei Gestalten annehmen. Entweder die Eltern rauben ihrem Kind die Anstrengungsbereitschaft, indem immer alles als „super“ bewertet wird, was das Kind tut. Wenn dann noch eine gewisse „Helikoptermentalität“ – also überwachender und allumsorgender Schutz in allen Lebenslagen, vor allem auch bei der Austragung kindlicher Konflikte und bei (an und für sich ja oft notwendigen) Grenzsetzungen oder Maßregelungen durch Lehrer – hinzukommt, geben die betroffenen Kinder schnell auf, wenn es wirklich mal anstrengend wird. Oder die Eltern setzen ihre Kinder unter einen subtilen Leistungsdruck. Die davon betroffenen Kinder werden meist sehr geliebt und wachsen auch in diesem Bewusstsein auf, allerdings bekommen sie auch – meist gut gemeint und unterschwellig – eingeimpft, dass sie besser sein müssen als andere, um in unserer Gesellschaft zu bestehen. Die Liebe wird quasi unbewusst auf Leistung und Verdienst konditioniert (siehe dazu „Love and Merit“ von David Brooks). Grundsätzlich ist Leistungsorientierung nichts Schlechtes, gehört sie doch zu den menschlichen Grundbedürfnissen, aber unter den heute jungen Menschen gibt es nicht wenige, die mit (häufig nur empfundenen, nicht einmal tatsächlichen) Minderleistungen schlecht umgehen können, bspw. heftig weinen, wenn sie keine Eins bekommen. Die Kompetenz, mit Niederlagen oder auch nur der eigenen Durchschnittlichkeit umgehen zu können, ist bei diesen Menschen nicht oder nur gering ausgeprägt. Der Begriff des Besonderen funktioniert nur, wenn es eine jeweils größere Masse des Normalen oder Durchschnittlichen gibt. Das sollten Eltern beachten, wenn sie ihrem Nachwuchs wieder einmal sagen, sie oder er sei etwas ganz, ganz Besonderes. Natürlich sagen Eltern so etwas, und sie sollen auch nicht ganz damit aufhören, die Frage ist nur, wie oft und in welchen Situationen sie das sagen. Wie so oft macht hier die Dosis das Gift.

Zurück zum Geben und Nehmen: Es gibt Phasen im Leben, in denen man nimmt. Die Kindheit und Jugend gehören zu diesen Phasen. Vielleicht ist das ein Grund für die häufige Beschreibung der Kindheit als „unbeschwerte Zeit“. Es gibt andererseits Phasen, in denen man gibt. War die studentische Zeit – zumindest, wenn man nicht drei Jobs hatte, um sich komplett selbst zu finanzieren – auch eine jener „unbeschwerten Phasen“, tritt danach meist der „Ernst des Lebens“ auf die Bühne. Man wird Teil einer Organisation, ist mit Erwartungen konfrontiert, will sich bewähren, vielleicht sogar Karriere machen. Man kann sich plötzlich vorstellen, Kinder zu bekommen, denkt über das Heiraten nach, renoviert eine Wohnung oder sogar ein Haus. Man macht vielleicht Schulden. Und dann findet man sich plötzlich in einem anderen Leben wieder. Frei nach dem Kierkegaardschen Spruch, nach dem das Leben vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden müsse, merkt man das auch nicht gleich, sondern schiebt irgendwann zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Geburtstag an einem ganz schnöden Abend mitten in der Woche den Einkaufskorb durch den Supermarkt und merkt, dass man in der Phase des Gebens angekommen ist. Übrigens hat niemand diese Situation mit dem Wagen im Supermarkt und der damit verbundenen Empfindung der Sinnentleerung und dem sich daraus ergebenden Ärger, der sich vor allem auf andere richtet, aber das eigene Leben meint, besser beschrieben als David Foster Wallace in seinem unübertroffenen Text „Das hier ist Wasser“.

Manchen mag diese Erkenntnis treffen wie ein Schlag. Aber die Verpflichtungen und die Verdrängung tun das ihre: man macht weiter – Haus bauen, Kinder in die Schule bringen, den Job halbwegs gut machen, sich um sein Team kümmern, die Freundin oder den Kumpel trösten, weil dort gerade die Beziehung in die Brüche geht, hoffen, dass einem das erspart bleibt – oder gerade nicht? Aber dann muss man wieder aufstehen, zackzack, ab ins Auto, nur nichts vergessen, wo ist der Einkaufszettel, schnauz mich nicht so an, nein, ich komme heute erst später nach Hause, mach Du bitte die Kinder und nein, ich will jetzt nicht schon wieder diskutieren. Und so weiter. Wenn diese Routinen unterbrochen werden, weil man Urlaub hat oder zur Kur ist oder weil man beim Arzt sitzt und der einen fragt, ob man Stress hat, oder wenn jemand aus dem näheren Umfeld krank wird oder sogar stirbt, dann sind das jene Momente, in denen man das merkt: wie sehr man am Geben ist und wie wenig am Nehmen.

Das sei doch aber nichts Besonderes, könnte man einwenden, das Leben habe nun einmal Phasen des Gebens und des Nehmens, und man solle doch froh sein, dass es immernoch Menschen gebe, die gerne gäben, weil der Anteil der Hedonisten ja steige, und man solle sich einmal das Schicksal vieler Vereine ansehen und den ganzen demographischen Wandel. Auch wenn man den einen oder anderen Teil dieses Einwands für übertrieben hält – im Kern stimmt er: Phasen des Gebens und des Nehmens wechseln sich ab, und mit zunehmender Individualisierung ist die im Westen so wichtige Selbstverwirklichung in vielen Fällen zur Selbstrotation geworden. Es stimmt auch nicht ganz, dass in der Jugend nur genommen wird und in der Hochleistungsphase des Lebens, also in der Regel zwischen dem dreißigsten und dem fünfzigsten Geburtstag, nur gegeben wird. Das wurde hier so dargestellt, weil Vereinfachungen oder Übertreibungen dazu geeignet sind, solche Dinge verständlicher zu machen.

Also doch kein Problem? Nun, gewiss nicht in jedem Fall. Ich beobachte nur, dass viele Menschen gerade am – vom Zeitpunkt her höchst relativen – Ende der Hochleistungsphase, also im weitesten Sinne ein paar Jahre um den fünfzigsten Geburtstag herum, ein mitunter massives Problem mit ihrem Leben bekommen. Das ist grundsätzlich nichts Neues. Entwicklungspsychologen, allen voran Erikson, haben verschiedene Phasen des Lebens erforscht und herausgefunden, dass jede Phase ihre spezifischen Konflikte hat, mit denen sich ein Mensch konfrontiert sieht und die er für sich löst – oder nicht. In Bezug auf das eigene Leben optimistisch zu bleiben und nicht zu verbittern, hat – auch und gerade in unseren eher gottlosen Zeiten – im Grunde mit der Art und Weise der Bewältigung dieser Konflikte zu tun. Es soll hier also keineswegs versucht werden, diesen Modellen ein weiteres hinzuzufügen. Vielmehr soll das bereits Bekannte (dass es eine Krise um das fünfzigste Lebensjahr herum gibt) aus einem besonderen Blickwinkel (dem des Gebens und Nehmens) betrachtet werden, um jenen, die mit Betroffenen beruflich zu tun haben (v. a. Führungskräfte) oder ihnen helfen (Coaches, Berater, u. U. auch Trainer) ein besseres Verständnis der Krise und gleichzeitig ein Handwerkszeug zur Bearbeitung dieser Krise an die Hand zu geben. Denn wenn man weiß, warum die Krise existiert, kommt man auch auf die richtigen Fragen, die in dieser Krise helfen. Kurz gefasst lautet die Antwort: es geht in dieser Krise darum, bzgl. des bisherigen (Berufs-)Lebens Bilanz zu ziehen und sich zu fragen, was noch kommen soll und was man dafür braucht. Ganz reduziert lautet die Frage: was willst Du eigentlich? Was willst Du eigentlich – für andere und für Dich selbst?

Doch langsam: schauen wir uns die Krise erst einmal etwas genauer an, bevor wir zu den Fragen kommen. Folgende Ursachen und „Zuspitzungen“ lassen sich beobachten: nach langen Jahren engagierter Arbeit merken Menschen um die Fünfzig, dass ihnen die Dinge nicht mehr so leicht von der Hand gehen. Die Karriere, so vorhanden, hat sich verlangsamt oder stagniert seit einiger Zeit. War für viele die Arbeit lange der wichtigste Aspekt im Leben, stellen sie ihre Wertehierarchie zunehmend in Frage. Nicht wenige merken, dass sie kaum mehr etwas für sich selbst tun, sondern das meiste für andere (die Firma, die Familie, den Verein usw.). Es fällt ihnen schwer, das bisherige Level zu halten, und schwerer wiegt noch: sie sehen immer weniger Sinn darin, so weiterzumachen. Sie stellen sich die Frage: soll das jetzt immer so weitergehen? Andere bekommen ernstere gesundheitliche Probleme und merken, dass es nicht gesund wäre, so weiterzumachen. Der überwiegende Teil dieser Menschen macht (zunächst) trotzdem so weiter. Ich habe Führungskräfte erlebt, die erst nach dem dritten Herzinfarkt und dem Verdacht, dem vierten um Haaresbreite entkommen zu sein, ein Einsehen hatten und die berufliche Rolle gewechselt haben. Oft ist es in solchen Fällen auch hilfreich, die Branche zu wechseln, also bspw. aus der Wirtschaft kommend im öffentlichen Dienst weiterzumachen.

Im Wesentlichen lassen sich zwei Reaktionen in der Krise beobachten:

  1. Die gesundheitlichen Anzeichen und/oder die eigenen Zweifel werden ernst genommen. Man stellt sich den Fragen und zieht Bilanz. Man fragt sich, was man bisher erreicht hat. Man fragt sich, was man eigentlich will. Irgendwann verschwindet das „eigentlich“. Man fängt an, die neuen Dinge zu tun. Alte Freunde anzurufen, sich ein neues Hobby zu suchen, sich Zeit zu nehmen, Sport zu machen. Indem man diese Dinge tut, gewinnt man einen anderen Blick auf das Leben. Was zunächst kaum zu beantworten scheint (Was willst Du eigentlich?), wird nun immer leichter zu beantworten. In sportlichen Begriffen: man läuft seinem alten Leben davon und fängt vor Erschöpfung an zu lächeln. So lernt man, das Leben anders zu sehen. Dieser Prozess dauert lange, aber er funktioniert. Die nicht auf die sonstige Arbeit oder die im Alltag zu erbringende Leistung gerichteten Aktivitäten bringen dem Körper bei, dass es auch anders geht. Der Verstand folgt irgendwann. Viel später fragt man sich, was man in den nächsten Jahren will, wo man beruflich hin will und welche Qualifikationen, Vertiefungen etc. dafür notwendig sind. Oft führen diese Schritte zu jener tiefen Professionalität, die man schwer erklären kann, und die in manchen Modellen als „Stufe der unbewussten Kompetenz“ beschrieben wird. In vielen Fällen führt die Krise hier nicht zu einem „neuen“ Leben, wohl aber zu einem „tieferen“ und gewissermaßen auch „langsameren“ Leben, indem man einerseits wieder mehr für sich tut und das Leben mehr genießt (also im Sinne des „Nehmens“), dafür aber auch mehr weitergeben kann, etwa als Mentor oder reifere Führungskraft.
  2. Die Anzeichen werden ignoriert, und es wird weitergelebt wie bisher. Man muss leider sagen: oft in der unbewussten Anerkenntnis des eigenen, ggf. früheren Todes. Sätze wie: „Wenn es mich erwischt, dann ist es eben so.“ sind in diesen Fällen nicht selten. Es ist durchaus legitim, so zu handeln, und oft erfüllt mich ein tiefer Respekt vor diesen Menschen, die ihre Aufgabe über sich selbst stellen, manchmal erschrecke ich aber auch vor solchen Sätzen. Ich will erklären, warum. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen „Handlungsfähigkeit auch im Angesicht der Gefahr“ und „Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen“:

Handlungsfähigkeit auch im Angesicht der Gefahr: Es gibt Berufe, die vollen Einsatz erfordern, und bei deren Ausübung der volle Einsatz manchmal die Überschreitung der eigenen Belastungsgrenzen erfordert, in Extremfällen bis zum eigenen Tod. Das kann Soldaten betreffen, aber auch manche Ärzte, Polizisten oder Rettungskräfte. Auch Menschen, die auf ICE-Strecken Oberleitungen reparieren, Waldbrände in den Griff bekommen oder andere schwere und lebensgefährliche Tätigkeiten ausüben, sind davon nicht ausgenommen. In Zeiten, da unsere stereotype Vorstellung von Arbeit zunehmend die eines Büroarbeitsplatzes wird, gerät uns das Verständnis für gefährliche und volle Identifizierung und Involviertheit erfordernde Berufe zunehmend aus dem Blick. Wir sind auf Gesundheit bedacht, achten auf Grenzen usw. Aber was wären wir ohne jene Feuerwehrleute, Polizisten oder Retter, die da sind und in volles Risiko gehen, wenn es brenzlig wird?

Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen: Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum ein Mensch Geheimnisse vor sich hat, und manchmal ist der Schutz dieser Geheimnisse wichtiger als die eigene Gesundheit. Das erklärt, warum sich manche Menschen in Lebenskrisen oder bei drohenden Krankheiten scheinbar dazu entschließen, nichts zu ändern. Sie machen weiter, manchmal regelrecht, bis sie umfallen.

Haben jemandem bspw. die eigenen Eltern beigebracht, sich selbst zu hassen, dann kann es sein, dass er sich einen Beruf gesucht hat, der ihm Anerkennung bringt. Er hat sich so ein „kompensatorisches Selbstbild“ aufgebaut. Die berufliche Rolle ist eine Art „Ersatz-Ich“, das gemocht wird, Dankbarkeit oder Anerkennung erhält o. ä. Das funktioniert, ist aber anstrengend, weil die Befriedigung nur temporär ist und das künstliche Selbstbild ständig neues Futter braucht, damit es existieren kann. Das bedeutet ein permanentes Grundrauschen an Stress. Ein anderer Fall wäre, dass man bestimmte Anteile des eigenen Selbst nicht wahrhaben möchte, bspw. dass man manchmal eben nicht die tolerante, engagierte, fürsorgliche usw. Person ist, sondern Hass empfindet und am liebsten Gewalt ausüben würde, und in der Folge alles dafür tut, dass die Umwelt diese Anteile nicht wahrnimmt. Man engagiert sich dann etwa gegen Rassismus oder für Flüchtlinge, entwickelt dabei aber eine Energie und Radikalität, die sich in Härte und Konsequenz ganz und gar nicht von jener unterscheidet, die man bekämpfen möchte, ja in manchen Fällen sogar noch intoleranter und ausschließender daherkommt. Wer ein solches Selbstbild entwickelt hat, verfügt – in der extremsten Ausprägung – über gute Gründe, für sein Engagement zu sterben. Im Grunde lassen diese Menschen das eigene Ich sterben, um das kompensatorische Ich bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Wollte man diese Sichtweise zuspitzen, müsste man von „Selbstbetrug bis zum Tod“ sprechen oder mit Bertrand Russell schlicht sagen: „Manche Menschen sterben lieber als nachzudenken. Und in der Tat: sie tun es.“

Es gibt sicher Grauzonen zwischen der „Handlungsfähigkeit im Angesicht der Gefahr“ und der „Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen“. Jedoch sind die Extremformen, die letztere gebiert, in der Welt der ersteren nicht möglich. Letztere nehmen Lügen und im Extremfall mitunter schwere Straftaten in Kauf, nur um an dem kompensatorischen Selbstbild festzuhalten, welches das eigene Selbstbild, einem Balsam für die als geschunden empfundene Seele gleich, auf so sanfte und verführerische Weise ersetzt. Nur dass der Balsam ein Gift zum (eigenen) Tode ist, was oft ebenfalls sehend in Kauf genommen wird.

Mit letzteren Darstellungen wird die Gnadenlosigkeit gegenüber dem eigenen Körper, dem eigenen Schicksal und in gewisser Weise auch der eigenen Familie verständlich, die manche Menschen an den Tag legen, wenn es darum geht, eine bestimmte Krise nicht zu bewältigen bzw. sich bestimmte Fragen nicht zu stellen. Man kann dann leider nichts machen außer zu versuchen, die Beziehung aufrechtzuerhalten und in den dafür geeigneten Momenten die richtigen Fragen zu stellen. Man kann aber niemanden vor sich selbst beschützen. In den genannten Ausnahmefällen schwerer Straftaten hilft das freilich nicht. Dann muss man Anzeige erstatten.

Jörg Heidig

Wie können Vorgesetzte Vertrauen aufbauen?

Angenommen, Sie übernehmen als junge Führungskraft einen neuen Arbeitsbereich mit einem Ihnen bisher unbekannten Team. Sie bemerken als erstes, dass das Durchschnittsalter der Mannschaft weit über dem Ihren liegt. Da geht es Ihnen im Grunde wie vielen Hauptleuten in der Bundeswehr: frisch „fertigstudiert“ kommen sie in eine Führungsverwendung und treffen auf Feldwebel, die viel länger dabei sind, den „Laden“ und die betreffende Position schon viel länger kennen, viele Tricks und Kniffe beherrschen und so weiter. Es zeugt nur von gesundem Menschenverstand, wenn man in einer solchen Konstellation nicht versucht, mit direktiven Ansagen zu führen. Oder gar versucht, sich durch Betonung der eigenen Position durchzusetzen. Formal mag das funktionieren, aber es führt zu „Dienst nach Vorschrift“, ja mehr noch zu einer defensiven, gleichsam „mauernden“ Variante von Dienst nach Vorschrift.

Das klingt dann etwa so: „Ja, also wenn der Herr Vorgesetzte sich von mir helfen lässt, dann bringe ich mich ein und sage ihm, wie der Hase läuft. Wenn er das aber nicht macht und sagt, ich bin hier der Vorgesetzte und ich weiß, wie es geht, dann sage ich mir, er weiß es ja, und mache dann, was er mir sagt. Wenn er dann aber kommt und sagt: Das und das hätten Sie mir aber sagen müssen, dann sage ich, dass er mir sagen muss, wenn ich ihm etwas sagen soll, weil ich ja nur mache, was er mir gesagt hat. Manche lernen es dann und manche nicht.“

So erziehen Menschen auf nachgeordneten Positionen nicht selten ihre Vorgesetzten – was letztere später, wenn sie „es“ dann gelernt haben, in Momenten der Offenheit nicht selten als mehr oder weniger schmerzlichen Lernprozess beschreiben.

Dieser Text handelt davon, wie Sie solche Konstellationen verhindern können, wie sie quasi Ihre „Lernkurve“ besser meistern können. Denn eine Lernkurve – oder vielmehr ein Lernprozess mit manchen Aufs und Abs – bleibt es so oder so.

Beginnen wir mit einer Beschreibung der heutigen Arbeitsumgebungen. Allgemein wird da von der Verdichtung von Aufgaben, der Beschleunigung von Abläufen und der Zunahme von Belastungen gesprochen. Ob die Belastungen und vor allem Belastungsfolgen wie Burnout tatsächlich zugenommen haben, wird kontrovers diskutiert. Was jedoch außer Frage steht, ist, dass die Aufgabenverdichtung und die allgemeine Beschleunigung Herausforderungen mit sich bringen, die bewältigt werden müssen. Will man die gegenwärtigen Herausforderungen und den Weg zu ihrer Bewältigung in eine einfache Formel bringen, so wird man bei Edgar Schein (2013) fündig (Abbildung in Anlehnung an Pichler 2013, S. 19f.; Textfelder der Abbildung sind Zitate):

humble_inquiry

Erhöhte Komplexität (die Folge von Verdichtung und Beschleunigung) erfordert mehr und bessere Kommunikation. Gelingende Kommunikation wiederum hat eine Menge mit tragfähigen Beziehungen zu tun. Damit Informationen – etwa von Mitarbeitern zu ihren Vorgesetzten – tatsächlich zur richtigen Zeit weitergegeben werden, bedarf es der Bereitschaft dazu. In diesem Sinne haben die Menschen auf nachgeordneten Positionen oft eine gewisse Macht über ihre Vorgesetzten – indem sie Informationen zurückhalten oder weitergeben, Abläufe verzögern oder beschleunigen, defensiv vorgehen oder proaktiv handeln. Freilich ist ihre Macht in der Regel nicht größer als die der Vorgesetzten, aber was bitte soll ein Vorgesetzter tun, wenn sich die Mitglieder seines Teams – scheinbar schweigend – einig sind und Informationen zurückhalten? Was also müssen Vorgesetzte tun, um nicht an eine solche „Mauer des Schweigens“ zu geraten.

Es geht darum, sich das Vertrauen der Kolleginnen und Kollegen zu erarbeiten. Die Frage ist also, wie Vertrauen entsteht. Bevor ich die Methoden darstelle, die für die Schaffung von Vertrauen nötig sind, möchte ich Ihnen aber einige Frage stellen. Meines Erachtens sind diese Fragen wichtiger als alle Methoden – insofern bleibt immer die Haltung immer wichtiger als die Technik.

Die Fragen lauten: Warum möchten Sie führen? Was treibt Sie an? Welches ist Ihr Bild vom Menschen? Auf was richtet sich Ihr Interesse? Auf Macht? Auf Menschen? Auf Ziele?

Vertrauen entsteht durch ehrliches Interesse. Interesse zeigt sich am Ehesten durch die Fähigkeit, offene und interessierte Fragen zu stellen (und weniger selbst mitzuteilen). Das klingt erst einmal ganz einfach, ist es aber nicht. Wir sind derart gewohnt, uns gegenseitig etwas mitzuteilen, dass wir dies nicht hinterfragen – und auch gar nicht merken. „Klar habe ich Interesse an meinen Mitarbeitern.“ sage ich mir und merke gar nicht, dass ich eben nicht frage, sondern eher auf die Erwartung meiner Mitarbeiter reagiere. Ich sei doch der Vorgesetzte, sagen sie, und was ich jetzt auf die Agenda für die Besprechung setzen möchte, fragen sie. Ich könnte den Spieß herumdrehen und Fragen stellen – fragen, wie man hier in diesem Team bisher an Aufgaben herangegangen ist, was lehrreiche Ereignisse waren, wie hier früher geführt wurde, wie man Absprachen getroffen hat, was man beibehalten möchte, was vielleicht verändern, was man von mir als Vorgesetztem erwartet usw. Und wenn man diese Fragen nicht nur am Anfang stellt, sondern auch später, und wenn man auch „neben dem Dienst“ (in den Pausen, beim privaten Bier) Interesse zeigt, dann werden sich die Mitarbeiter diesem Interesse kaum entziehen können.

Durch Interesse öffnen sich Menschen aber nicht nur, sondern eine interessensgeleitete, fragende Haltung dient auch der Lösung von komplexen Problemen. In der Regel sind Probleme – zumindest die nicht-trivialen, einfach lösbaren – so beschaffen, dass sie sich zunächst einmal sperrig und unzugänglich zeigen. Druck oder „klare Ansagen“ sind in der Regel nicht besonders hilfreich. Was hingegen hilft, sind Änderungen des Blickwinkels, Ideen, Lösungsversuche. Manche gehen sogar soweit zu sagen, dass es angesichts vieler komplexer Lagen gar nicht anders geht, als auszuprobieren und Fehler zu machen. Man solle deshalb seine Fehler lieber schnell machen 😉 Was ist nun aber besser zum Wechsel des Blickwinkels und zur Entwicklung von Ideen geeignet als ein gutes Gespräch? Und wie beginnt ein gutes Gespräch? Ganz bestimmt nicht mit der Suche nach einem Schuldigen. Ganz bestimmt auch nicht mit einer Ansage, wie „es“ denn nun zu machen sei. Sondern mit ein paar offenen Fragen.

Niemand hat sich meines Erachtens mit dem Thema Fragetechniken besser und hilfreicher auseinandergesetzt als Edgar Schein in seinem Buch „Humble Inquiry“. Lesen Sie deshalb weiterführend die Zusammenfassung des genannten Buchs hier (S. 18ff.).

Jörg Heidig

Wie können Polizisten mit Menschen umgehen, die an psychischen Störungen leiden?

Zunächst ist festzustellen, dass die Techniken deeskalierender und stresspräventiver Kommunikation in der Regel hilfreich sind. Ausnahmen sind beispielsweise: Menschen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss, Personen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung und mitunter Menschen mit paranoider Schizophrenie.

Hermanutz & Hermanutz (2016, S. 216f.) empfehlen in Anlehnung an Rupp (2010) folgenden Leitfaden zum Umgang mit psychisch gestörten Menschen:

  1. Vorfeld: Sollten Sie bereits vor einem Einsatz wissen, dass Sie mit psychisch gestörten Menschen in Kontakt kommen werden, sollten Sie sich die verfügbaren Informationen beschaffen (lassen). Vor einem Erstkontakt kann es zudem hilfreich sein, Kontakt zu Angehörigen aufzunehmen, nach Möglichkeit allerdings abseits der betroffenen Person.
  2. Erster Eindruck, Eigensicherung: Machen Sie sich zunächst einen ersten eigenen Eindruck. Fordern Sie ggf. Unbeteiligte auf, den Raum/Platz zu verlassen. Wahren Sie in jedem Fall zunächst Abstand und entfernen Sie potentiell gefährliche Gegenstände. Fordern Sie Ihr Gegenüber auf, sich hinzusetzen. Letzteres gilt allerdings NICHT für Menschen mit paranoider Schizophrenie, bei denen eine Aufforderung zum Hinsetzen unter Umständen zur Eskalation führen könnte.
  3. Deeskalierende Gesprächsführung: Fragen Sie nach dem Befinden. Sprechen Sie in kurzen Sätzen (handlungsbezogene Hauptsätze). Erfragen Sie ggf. eine mögliche Gewaltbereitschaft. Bleiben Sie nach Möglichkeit ruhig und überhören Sie Beleidigungen.
  4. Gegebenenfalls Zugriff: Wenn notwendig, leiten Sie den Zugriff ein.

Neben diesen allgemeinen Methoden gibt es eine Reihe von störungsspezifischen Hinweisen, die im Folgenden näher dargestellt werden sollen:

Umgang mit alkoholisierten Personen

Die für Polizisten bedeutsamste Art psychischer Störungen sind wahrscheinlich die so genannten Alkoholkonsumstörungen, denn zwischen 60 und 80 Prozent der Angriffe auf Polizisten erfolgen durch berauschte Personen, wobei der größte Teil dem Alkoholeinfluss zuzurechnen ist. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und verminderter Angst, Enthemmung und Aggression. Dieser Effekt tritt sogar auf, wenn die konsumierenden Personen glauben, sie tränken Alkohol, in Wirklichkeit aber ein geschmacksgleiches Placebo-Getränk zu sich nehmen. (Vgl. Hermanutz & Hermanutz 2016, S. 220)

Durch die verstärkte Neigung zu aggressiven Handlungen unter Alkoholeinfluss versagen die herkömmlichen und in der Regel angewandten Deeskalationsstrategien weitgehend. Deshalb steht die Eigensicherung deutlich im Vordergrund – insbesondere deshalb, weil oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist, wie gefährlich eine berauschte Person wirklich werden kann bzw. wie weit man ggf. mit Kommunikation noch kommt. (Vgl. Hermanutz & Hermanutz 2016, S. 222)

Hermanutz & Hermanutz (2016, S. 222) empfehlen folgende Handlungsstrategie:

„Während des direkten Kontaktes mit berauschten Personen sollte stets die Eigensicherung erhöht werden, beispielsweise sollte auf genugend Abstand und auf die Hände des ‚Störers‘ geachtet werden (…). Wenlge Fragen oder Aufforderungen helfen, die Aufmerksamkeit des Betroffenen zu prüfen:

  1. Die berauschte Person sollte gegebenenfalls gebeten werden, sich in einen sitzenden Zustand zu begeben oder ihre Position zu ändern,
  2. ihre Hände sichtbar zu machen und
  3. eventuelle Gegenstände wegzulegen.

Wird auf mehrmalige Ansprache hin keine Reaktion ersichtlich und dem Polizeibeamten schon hier eine negative Reaktion entgegengebracht, etwa In Form gegenteiligen Handelns, so ist ein Zugriff anzudrohen und gegebenenfalls im Rahmen der rechtlichen Vorgaben auch durchzuführen.“

Umgang mit Depressiven

Die Kennzeichen der Depression sind an anderer Stelle auf diesem Blog dargestellt worden. Zwei Aspekte sind meines Erachtens im Zusammenhang mit Depressionen für die Polizei handlungsrelevant – erstens, wenn Kolleginnen oder Kollegen im Laufe ihrer Dienstzeit depressive Episoden durchleben oder wenn Polizisten im Dienst auf depressive Menschen treffen, die sich selbst töten möchten.

1. Umgang mit Kolleginnen oder Kollegen, die depressive Episoden durchleben

Ein Gedanke hat sich im Umgang mit depressiven Menschen immer wieder als hilfreich erwiesen: man kann die Depression als „Erkältung der Psyche“ verstehen, die im Laufe eines (Berufs-)Lebens durchaus vorkommen kann. Damit „normalisiert“ man diese sehr häufig vorkommende Form psychischer Störungen ein wenig – was den Umgang mit Betroffenen in der Regel etwas erleichtert. Damit will ich nicht zu einer Verharmlosung der Depression beitragen. Eine schwere Depression bleibt eine schwere Depression, aber nicht alle Betroffenen haben gleich eine schwere Depression, und häufig schwanken die Symptome im Zeitverlauf. Wenn eine Kollegin oder ein Kollege also über eine gewisse Zeit hinweg einen freudlosen, zurückgezogenen, antriebslosen Eindruck macht, an sich selbst zu zweifeln scheint oder gar den Sinn zu leben an sich bezweifelt, dann trauen Sie sich ruhig, Interesse an dieser Kollegin oder diesem Kollegen zu zeigen, ihn darüber zu befragen, wie es ihm geht, ihn einzubeziehen usw. Baut sich dann – oder besteht bereits – ein gewisses Vertrauen, wird die Belastung durch die Depression an sich besprechbar („Bin ich krank?“), und man kann ggf. hilfreiche Hinweise liefern, den Kollegen unterstützen oder ähnliches.

2. Was können Polizisten tun, die auf eine Person stoßen, die sich töten will oder dies vorgibt?

Haben Sie bitte keine Angst vor den Selbstmorgedanken depressiver Menschen. Der Grundsatz für akute Lagen heißt: so lange sie reden, tun sie es nicht. Beginnen Sie ein Gespräch, erkundigen Sie sich nach der Selbstmordabsicht, lassen Sie sich die Geschichte erzählen und nutzen Sie sich ggf. bietende „thematische Ausfahrten“ aus dem Gespräch, um die Aufmerksamkeit der Person auf andere Dinge zu lenken. Binden Sie in jedem Fall die Aufmerksamkeit, so gut es eben geht. Sie dürfen sich dabei aber nicht unter Druck setzen, denn sonst besteht die Gefahr, dass Sie diesen Druck unbewusst (in der Stimme, durch große Besorgnis zeigende Formulierungen) weitergeben. Bauen Sie bitte in keinem Fall Druck auf.

Hier hilft, sich selbst zu sagen: „Es ist nicht mein Leben. Ich bin hier und kann versuchen zu helfen, wenn die Person mich lässt. Aber ich kann es nicht verhindern, wenn es doch passieren sollte. So etwas kann passieren. Es soll zwar nicht passieren, aber hin und wieder passiert es trotzdem. Ich bin dafür nicht verantwortlich. Ich kenne den Hergang nicht und kann nur hier und jetzt alle Methoden anwenden, die ich kenne, um die Selbsttötung zu verhindern.“

Mit einer solchen Haltung sollte es Ihnen gelingen, keinen Druck aufzubauen und den Umständen entsprechend einigermaßen gelassen zu bleiben.

Gehen Sie in eine solche Situation niemals allein, und wenn Sie zu zweit sind, wechseln Sie sich in der Gesprächsführung ab. Überlassen Sie es in keinem Fall der oder dem anderen, das Gespräch allein zu führen. Beobachten Sie, helfen Sie sich gegenseitig. Sie werden sehen: das Gespräch dreht sich mit der Zeit, nimmt Wendungen, zeigt eine Entwicklung. In der Regel flaut der unmittelbare Tötungswunsch nach einer Weile ab. Lassen Sie sich auf die Person ein, zeigen Sie Interesse, lassen Sie sich kein Thema peinlich werden, dann haben Sie die besten Chancen, das Gespräch in die richtige Richtung zu führen.

Umgang mit paranoid-schizophrenen Personen

Hermanutz & Hermanutz (2016, S. 231f.) empfehlen, paranoid-schizophrene Menschen ernst zu nehmen. Berichte eine solche Person etwa von Strahlungen, dann sei es ratsam zuzugeben, dass es durchaus solche Dinge gebe, die man wahrnehmen könne. Dann solle man etwa den Raum abschreiten und sagen, dass man selbst aber nichts wahrnehmen könne.

Es geht also Mischung aus Akzeptanz und Respekt einerseits bzw. Authentizität bezüglich der eigenen Wahrnehmungen andererseits. Man solle, so die Autoren (ebd.) weiter, sich keinesfalls in eine Art Rollenspiel begeben, etwa das Funkgerät vorgeblich als Strahlungsdetektor benutzen und die Person auf diese Weise zu etwas bewegen. Das würde bei denjenigen, die lediglich einen psychotischen Schub durchleben und sich nach dem Abklingen an den Polizeieinsatz erinnern, später zu heftigen Emotionen führen (etwa: Scham, Wut). Auch würden Polizisten, die sich im Einsatz so verhielten, bei Angehörigen keinen guten Eindruck hinterlassen.

Was Hermanutz & Hermanutz (2016, S. 231f.) hier beschreiben, ist m. E. vollkommen richtig, lässt aber den – seltenen, aber umso gefährlicheren – Fall gewaltbereiter Menschen mit paranoider Schizophrenie außer Acht. Halten wir noch einmal fest, was Paranoia eigentlich ist: eine Störung, bei der völlig richtige Schlussfolgerungen (Flucht, Schutz vor etwas) auf der Basis völlig falscher (wahnhafter, böse Absichten unterstellender) Wahrnehmungen gemacht werden. Das bedeutet, dass Betroffene sich in ihrer jeweiligen Welt völlig richtig verhalten: wenn es ein Konsortium gäbe, das die betreffende Person verfolgt, dann wäre Flucht das richtige Mittel. Handelt es sich nun um eine „normale“ paranoid-schizophrene Person, die in ihrer Welt lebt und sich in dieser Welt angemessen handelt – in der tatsächlichen Welt aber völlig unangemessen – dann sind die obigen Handlungsanweisungen alle richtig. Enthält die jeweilige eigene Welt aber Gewaltszenarien, so ist davon auszugehen, dass die betreffende Person womöglich auch selbst gewaltsam handeln könnte – und wenn, dann mit allen Selbstverständlichkeiten jener, nicht dieser Welt. Kommt dann noch die enthemmende und aggressionssteigernde Wirkung etwa von Alkohol hinzu, ist weniger Verständnis, sondern eher höchste Vorsicht geboten. Gerade die Wechselwirkungen von berauschenden Substanzen und Schizophrenie sind schwer zu erkennen und werden deshalb oft unterschätzt.

Das bedeutet schließlich: wenn Sie nicht wissen, mit wem Sie es zu tun haben, sind zunächst alle Kriterien der Eigensicherung angezeigt. Selbst wenn Sie die Situation nach einer Weile besser einschätzen können, sollten Sie bei Menschen mit paranoider Schizophrenie vorsichtig bleiben. Ich würde sogar so weit gehen: die oben dargestellten Handlungsrichtlinien von Hermanutz & Hermanutz (2016, S. 231f.) gelten nur für den Fall, dass Sie (oder Ihre Kollegen) die betreffende Person bereits kennen und/oder es in Ihrer Dienststelle bereits Erfahrungswissen mit dieser Person gibt, Sie also über entsprechende Informationen verfügen. Ansonsten bleiben Sie erst einmal vorsichtig, halten Abstand, achten auf die Hände. Machen Sie keinen Druck, wenn Sie nicht unbedingt müssen. Bitten Sie die Person nicht, sich hinzusetzen. Aber halten Sie Abstand. Lassen Sie sich erklären, was los ist. Wenn Sie den Verdacht haben, die Person könnte gewalttätig werden, fragen Sie die Gewaltbereitschaft ab. Erst wenn Sie ein Gefühl für „jene Welt“ bekommen und die Person langsam einschätzen können, sollten Sie die zunächst hohen Grenzen der Eigensicherung herabsetzen, aber nur stufenweise und langsam. Letztlich ist es ein „Herantasten“, bei dem der Selbstschutz immer beachtet werden muss.

Wie sieht eine Krisenintervention in einem Team nach einer schweren Verletzung aus?

Da gab es einen Unfall. Jemand aus dem Team ist schwer verletzt. Die anderen haben es gesehen und sind geschockt. Du sollst hingehen, um dem Team zu helfen.

Wenn der Unfall gerade erst passiert ist, sprich heute oder gestern, dann gehst Du hin und hörst Dir die Geschichten und die Bilder an. Du stellst Dich vor und fragst, wie Du hilfreich sein kannst. Dann stellst Du Fragen: Was habt Ihr gesehen? Was gehört? Was macht das mit Euch? Welche Fragen habt Ihr? Was könnt Ihr Euch erklären, was nicht? Du lässt sie erzählen. Aber Du steigst nicht tiefer ein. Es geht um das Aussprechen, nicht ums Verarbeiten. Das kommt später, mitunter viel später. In der Diskussion wird es zur Ursachen- oder gar Schuldfrage kommen. Es geht nicht darum, die Ursachen- oder Schuldfrage zu klären. Die unterschiedlichen Meinungen und Versionen der Dinge werden nebeneinandergestellt, nicht ausdiskutiert. Du wirst sehen: das hilft. Es geht um das Aussprechen, nicht um das Aufklären. An diesem Punkt musst Du konsequent bleiben. Du bist kein Ermittler. Du bist Interventionist.

Wenn „erstmal“ alles ausgesprochen ist, bringst Du die Runde zuende. Die nächsten Schritte werden geklärt. Du kannst den Anwesenden auch sagen, was ihnen nun passieren wird: einigen wird gar nichts passieren, sie werden vielleicht vorsichtiger sein, aber ohne Einschränkungen weitermachen. Einige werden träumen und mehr Angst haben, weiterzumachen, aber sie werden es tun. Die Träume werden mit der Zeit weggehen, wenn sie noch ab und an darüber reden. Und einige werden die Angst nicht so schnell wieder los. Sie werden auch träumen, aber die Träume werden nicht weggehen, sondern sich erst langsam verändern. Diese Menschen werden erst einmal nicht weitermachen, sondern sie müssen sich das Terrain erst langsam „zurückerobern“ – Stufe für Stufe, nicht gleich die ganze Treppe auf einmal. Einzelnen hilft es, ins sprichwörtliche „kalte Wasser“ zu springen, aber die meisten gehen Schritt für Schritt. Sie müssen gehen, nicht verharren. Langsam, aber gehen. Sonst entstehen blinde Flecken. Sie werden ein bißchen Begleitung brauchen und Geduld vonseiten der Führung. Dann klappt das schon wieder.

Nach einer Woche machst Du noch eine solche Runde. Diesmal gehst Du richtig rein: wie schlaft Ihr? Was träumt Ihr? Wie geht es Euch? Kommen die Bilder auch am Tag? Wie verändern sich die Bilder? Du hörst nun, wer zu welcher der eben beschriebenen drei Gruppen gehört. Wichtig: lasse sie nicht diskutieren. Die einen werden sagen, dass man sich doch nun mal zusammenreißen müsse (die erste Gruppe). Die anderen werden sich kaum trauen zu sagen, dass man die Angst nicht so schnell überwinden könne (die dritte Gruppe). Lass die Leute zu Wort kommen, aber lass sie nicht ihre Sichtweisen gegeneinander stellen, denn dann besteht die Gefahr, dass sie sich unverstanden fühlen, sich in ihren Positionen „eingraben“ und sich „festdiskutieren“. Wenn Du solchen Diskussionen Einhalt gebietest und die verschiedenen Sichtweisen nebeneinander gestellt werden, lernen die aus der ersten Gruppe, dass sie Rücksicht nehmen müssen. Und die aus der dritten Gruppe lernen, dass sie nicht „falsch“ ticken, nicht an sich selbst zweifeln müssen oder daran, ob sie für den Job möglicherweise geeignet sind. Sie lernen, sich gegenseitig besser zu verstehen und zu unterstützen.

Du wirst sehen: irgendwann geht ein tiefes Ausatmen durch die Runde und die Leute fangen an zu lächeln.

Wenn die Person, die vom Unfall betroffen war, wieder da ist, machst Du noch eine Runde. Diesmal redet vor allem die betroffene Person. Du wirst Schmerz hören und Zweifel, wie es weitergehen soll. Aber Du wirst auch Kraft sehen und den Willen, weiterzumachen, sich das Terrain zurückzuerobern, das Schock, Angst und Schmerz genommen haben. Du erkennst diesen Willen an, bleibst aber nicht dort stehen. Du explorierst auch die Zweifel. Am Ende ist die Offenheit dafür, wie es weitergeht, die heilsamste Sichtweise. Möglicherweise geht es für die betroffene Person in diesem Team weiter, aber nicht so wie bisher. Die Genesung von den Verletzungen nach einem schweren Unfall geht oft mit persönlichen Reifungsprozessen einher. Wenn sich die betroffene Person offen mit ihrer Zukunft auseinandersetzen kann, ist das ein Zeichen solcher Reife. Wichtig ist, dass die Runde das hört. Die anderen Teammitglieder sollen heute weniger die eigenen Erlebnisse noch einmal durchgehen. Wenn es notwendig ist, soll das natürlich Raum finden, aber eher kurz. Ausführlicher lässt Du sie hingegen ihre Gedanken zur Zukunft reflektieren.

Wenn Du Polizist bist und es in Deiner Gruppe einen schweren Einsatz oder eine Verletzung o. ä. gegeben hat, dann kannst Du aus den bisherigen Darstellungen folgende Lehren ziehen:

Grundätzlich gilt: verdonnere die Leute nicht dazu, sich zu öffnen, sondern setze auf Freiwilligkeit. Es gibt auch in solchen Runden wie den oben beschriebenen immer Leute, die wenig oder gar nichts sagen. Forciere nichts, denn das kann nach hinten losgehen. Oft öffnen sich Menschen erst für solche „Psycho-Themen“, wenn sie durch Erfahrungen gelernt haben, wo manche ihrer Grenzen liegen.

Unmittelbar nach dem Ereignis (am gleichen Tag oder am Tag danach) holst Du die Gruppe zusammen. Du sagst, dass Dir das wichtig ist. Du sagst, dass so etwas helfen kann, aber nicht muss. Dass Du niemanden verdonnern willst, dass die Sache freiwillig ist, dass die Leute nur sagen sollen, was sie wollen. Wenn Du jetzt einfach loslegst, bleiben auch die, die sonst nicht gekommen wären. Sie bleiben und hören zu. Wenn jemand gehen will, soll sie oder er gehen. Aber Du bietest es nicht explizit an. Du hast gesagt, dass es freiwillig ist und dass jeder nur sagen soll, was er oder sie sagen will. Das ist eine Gratwanderung zwischen Autorität und Freiwilligkeit. Dafür kann man Dich kritisieren. Aber ich sage Dir: ich würde es so machen, weil ich weiß, dass es für das Team besser ist, wenn solche Dinge im Team geteilt werden – wenn die, die nichts sagen, trotzdem zuhören. Du bist ja am Ende die Führungskraft für die ganze Gruppe. Das ist ein ganz zentraler Punkt: Du führst die ganze Gruppe, nicht eine Ansammlung einzelner Personen. Also gehören wichtige Dinge in die gesamte Gruppe. Niemand muss sich öffnen, aber dabei sein ist gut.

Für die Runde unmittelbar nach dem Ereignis (am gleichen Tag oder am Tag danach) planst Du etwa 60 Minuten ein. Wenn Du 70 brauchst, ist das nicht schlimm, wenn es nach einer halben Stunde erst einmal nichts mehr zu sagen gibt, erst recht nicht. Du fragst, was passiert ist, was die Kolleginnen und Kollegen gesehen haben, wie sie das erlebt haben. Wichtig sind hier erst einmal Beschreibungen, keine Diskussionen oder Ursachenforschungen. Es geht wie oben beschrieben um das Aussprechen, nicht um Aufklärung. Wenn Gefühle zur Sprache kommen, ist das gut. Oft sind Menschen, die direkt Emotionen zeigen, im Nachhinein besser dran als diejenigen, die das verdrängen oder zu stark versachlichen. Wenn nur wenig oder keine Gefühle zur Sprache kommen, ist das auch gut. Wichtig ist, dass sich im Team eine Kultur des Austauschs über schwierige Situationen entwickelt, dass die Kollegen einander zuhören und verstehen, dass es unterschiedliche Arten und Grade der Betroffenheit und des Umgangs mit schwierigen Situationen gibt und dass man diese unterschiedlichen Erlebensarten, Sichtweisen und Handlungsmuster nicht gegeneinander aufwiegen kann. Wächst das gegenseitige Verständnis, wächst auch die gegenseitige Unterstützung. Denn darum geht es: schwierige Lagen im Team so zu bewältigen, dass das Team leistungsfähig bleibt und die Auswirkungen der einsatzbedingten Belastungen in einem erträglichen Rahmen bleiben.

Wenn jemand aus der Gruppe ins Krankenhaus gekommen ist, besprichst Du am Ende dieser ersten Runde noch, wer wann Krankenbesuche übernimmt. Das darfst Du nicht vergessen! Und Du gehst auch selbst ins Krankenhaus. Da gibt es keine Ausnahme. Das ist für die Person, die es getroffen hat, wirklich wichtig. Wie wichtig, kannst Du Dir nur vorstellen, wenn Du selbst mal in einer solchen Lage warst. Auch wenn die Person das ggf. nie sagen wird, Du sie nicht so richtig leiden kannst oder, oder, oder. Du gehst hin. Du musst ja im Zweifel nicht allein hingehen. Und: Du gehst bei längeren Aufenthalten bitte nicht nur einmal hin, sondern zweimal (bspw. relativ am Anfang und relativ am Ende des Krankenhausaufenthalts).

Du wirst in den Tagen nach dem fraglichen Einsatz merken, ob Deine Leute noch eine weitere Runde brauchen oder nicht. Woran Du das merken wirst? Daran, dass der Einsatz immer noch Thema ist. Daran, dass die Leute anders an die Arbeit herangehen. Daran, dass sie bei manchen Dingen leicht zögern oder besonders langsam zum Einsatz fahren. Du siehst es vielleicht auch in ihren Augen. Du musst nicht Psychologie studiert haben, um das zu merken. In der Regel wirst Du es hören: es bleibt Thema; einzelne sprechen Dich vielleicht auch an.

Dann machst Du eine zweite Runde, bspw. eine Woche später. Es kann sein, dass nicht alle kommen. Das ist ok. Du nimmst Dir für die zweite Runde mehr Zeit. Diesmal geht es darum, was das mit den Leuten gemacht hat, wie es ihnen geht, wie sie schlafen, welche Bilder sie sehen, was sie ggf. träumen. Wie es Ihnen auf Arbeit geht, wie sie über den Einsatz denken, wie sich sich seither in Einsätzen fühlen, was sie brauchen, damit es ihnen besser geht, was man als Gruppe aus dem Einsatz lernen kann. Plane ruhig zwei, drei Stunden ein und gib die Runde nicht gleich auf, nur weil mal zehn Sekunden am Stück nichts gesagt wird. Das ist in solchen Runden so. Du bist als Führungskraft der Moderator. Du stellst Fragen, spiegelst, fasst zusammen, malst vielleicht etwas auf. Du diskutierst nicht. Wenn jemand Deine Rolle im Einsatz in Frage stellt, wirst Du Dich nicht rechtfertigen. Du stellst Fragen, Du fragst, was das für zukünftige Einsätze heißt, was das Team lernen kann, was Du lernen kannst. Aber Du lässt keine längeren Diskussionen über den Sinn des Einsatzes zu. Hier musst Du konsequent bleiben. In einer Art „Auskotzrunde“ ist es in Ordnung, den Sinn eines Einsatzes zu hinterfragen. Aber das muss Teil einer ersten Aussprache bleiben und darf sich nicht „festsetzen“. Ansonsten hinterfragen die Kollegen fortan nicht nur die Einsätze (was sich direkt negativ auf das Stresserleben während des Einsatzes auswirkt), sondern später auch Dich und Deine Vorgesetzten. Du darfst auch nie in das „Vorgesetztenbashing“ einstimmen. Hier musst Du klare Grenzen ziehen, sonst höhlt das die Moral der Gruppe aus und belastet Deine Beziehung zu Deinen Leuten. Merke: Solche Dinge sind immer Lernprozesse. Zu jemandem, der sich ausgiebig über vorgeordnete Ebenen auslässt, gehört auch immer jemand, der das zulässt. Sachliche Kritik ist in Ordnung und – hoffentlich – erwünscht. Nur sind endlose Bewertungen und Tratschereien eben keine sachliche Kritik. Deshalb: nicht diskutieren oder gar rechtfertigen, sondern konkretisierend nachfragen („Was meinen Sie genau?“ oder: „Was können wir für den nächsten Einsatz daraus lernen?“) und, wenn es zu viel wird, konsequent Grenzen ziehen („Es geht hier nicht darum, dass … ein dummer Befehl war. Bitte sagen Sie, was Sie zu sagen haben, damit wir daraus lernen können.“).

Auch in der zweiten Runde geht es nicht darum, abschließende Ursachenforschung zu betreiben. Es geht eher darum, die Dinge auszusprechen und die Wirkungen auf die eigene Person und die Gruppe zu reflektieren. Du wirst sehen – nach ein bis zwei Stunden „kippt“ die Stimmung in positive Richtung um. Die Leute sind erleichtert, fassen Mut, unterstützen sich, halten zusammen, wollen weitermachen… Falls dies in der zweiten Runde nicht klappt, solltest Du die Gruppe weiter beobachten und über eine dritte Runde nachdenken. Spätestens wenn die ggf. verletzte Person in den Dienst zurückkehrt, ist es Zeit für eine solche dritte und letzte Runde.

Ein Rat zum Schluss: Bitte nimm nicht jede Stimmungsschwankung in der Gruppe als Zeichen dafür, dass etwas von dem, was Du initiiert hast, nicht geklappt hat. Es ist die Natur der Prozesse nach schwerwiegenden Ereignissen, auf und ab zu schwanken. Hier ist Deine Sicherheit gefragt. Und wenn Du keine Sicherheit spürst, weil Du solche Prozesse noch nie erlebt hast, dann ist Dein Mut gefragt, Dich in diese Prozesse zu begeben in dem Wissen, dass (freiwillig) darüber zu reden hilfreich ist und dass Stimmungsschwankungen normal sind.

Jörg Heidig

Wie kann ich „stressvorbeugend“ kommunizieren?

Die folgenden Darstellungen gelten für Situationen, die für Polizeibeamte mehr oder minder Routine sind, für die Betroffenen/Beteiligten aber besondere, wenn nicht gar Ausnahmesituationen darstellen. Es geht in diesem Text um Techniken der stressmindernden oder stressvorbeugenden Kommunikation in angespannten Situationen. Die Darstellungen gelten nicht für Situationen, in denen ein Zugriff notwendig wird oder Alkohol oder Drogen im Spiel sind. Die Darstellungen bedeuten auch keinerlei Relativierung der Bedeutung des Eigenschutzes im Einsatz. Stellen Sie sich am besten eine Situation nach einem Unfall oder nach einem Einbruch vor. Welche Gesprächstechniken helfen Polizisten hier, das Stresserleben der Betroffenen zu begrenzen?

Wie gesagt: viele der Situationen, die für Polizeibeamte Routine sind, stellen für Betroffene eine Ausnahmesituation dar. Hier hilft es, sich (in Maßen) in die betroffenen Menschen hineinzuversetzen. Ausnahmesituationen gehen oft mit erhöhter Angst und dem Gefühl des Kontrollverlustes einher. Für Ausnahmesituationen hat „Otto Normalverbraucher“ in der Regel kein Handlungsrezept: „Wie soll ich mich verhalten? Was mache ich mit meiner Aufregung? Was, um Himmels willen, soll ich zuerst machen?“

Menschen, die bisher extrem selten oder noch nie in einer Ausnahmesituation waren, handeln zunächst mehr oder minder orientierungslos. Ihre Aufgabe als Polizistin oder Polizist ist es, in einer solchen Situation Ruhe auszustrahlen und Orientierung zu geben.

Sprechen Sie ruhig und langsam und möglichst in Hauptsätzen. Halten Sie Blickkontakt und bleiben Sie auf „Augenhöhe“ (vermeiden Sie Behandlung „von oben herab“). Wenn jemand sehr aufgeregt ist, hilft oft kurzer, beruhigender Körperkontakt (bspw. Hand auf den Unterarm). Letzteres ist aber Ermessenssache – überschreiten Sie keine Grenzen und tun Sie nichts, was Sie nicht tun wollen. Meines Erachtens ist Körperkontakt, wenn überhaupt, nur kurz und bei Personen gleichen Geschlechts angeraten.

Stellen Sie nur sehr einfache Fragen und verteilen Sie ggf. einfache Aufgaben. Viele Menschen können mit Ausnahmesituationen besser umgehen, wenn sie etwas Konkretes zu tun haben. Loben Sie kurz und direkt, beispielsweise dafür, wie gut die betroffene Person mit der Situation umgeht.

Hören Sie zu und geben Sie die Informationen, die Sie haben und geben können. Achten Sie aber darauf, dass Sie keine Informationen geben, die man nicht erfragt hat.

Sie können betroffenen Menschen auch helfen, indem Sie die Situation insofern entdramatisieren, als dass Sie sagen, dass es anderen Menschen oder Ihnen selbst, wenn Sie betroffen wären, in einer solchen Situation genauso gehen würde. Das relativiert die Überraschung über den Kontrollverlust und die eigenen Reaktionen – der Gefühlszustand der betroffenen Person wird in gewisser Weise „relativiert“, was oft eine beruhigende Wirkung hat.

Vermitteln Sie Sicherheit und Kompetenz. Dieser Eindruck entsteht vor allem dann, wenn Sie einerseits ernst und sachlich bleiben, aber auch zuhören und kurze Fragen stellen. Des Weiteren hilft es zu erläutern, wie der Ablauf ist und warum es notwendig ist, bestimmte Dinge zu tun. Vermeiden Sie Floskeln. Stellen Sie lieber dar, warum Sie etwas machen und bleiben Sie, während Sie das tun, ruhig bei der Sache. Machen Sie transparent, was Sie tun und aus welchen Gründen. Selbst wenn Sie Grenzen setzen müssen („Nein, Sie dürfen jetzt nicht…“ oder: „Das kann ich Ihnen nicht sagen…“), ist es wichtig, dass Sie Gründe angeben. Das Wörtchen „weil“ wirkt Wunder: „Das geht jetzt nicht, weil…“ oder: „Ich möchte Sie nach… fragen, weil…“ Sobald ein Mensch den Grund für etwas kennt, wird er ruhiger. Denken Sie an eine nächtliche Zugfahrt. Der Zug bleibt stehen. Vergegenwärtigen Sie sich die Reaktionen der Reisenden, wenn Sie (a) nichts erfahren oder (b) vom Zugchef zeitnah hören, warum der Zug gehalten hat. Auch wenn niemand etwas an der Situation ändern kann und die Gründe oft nicht verstanden werden – was hilft, ist, DASS eine schnelle Information gegeben wird, die das Wörtchen WEIL enthält.

Was ist Stress, und wie kann ich mit Stress umgehen?

Beginnen wir mit einem Beispiel: Susanne T. ist Mitte vierzig, Mutter eines pubertierenden Jungen und Partnerin eines wenig älteren Kollegen. Sie ist sportlich, hat Hobbies und einen großen Freundeskreis. Wenn man Susanne fragt, wie es ihr geht, lächelt sie breit und sagt, sie sei glücklich. In den letzten Jahren gab es aber einige fast unmerkliche Veränderungen – das Lächeln ist noch da, erreicht aber die Augen nicht mehr. Susanne sagt auch, dass sie ihren Job mag, dass sie gern tut, was sie tut. Und sie tut viel – arbeitet, hat Führungsverantwortung, macht nebenbei eine Weiterbildung, springt ein, wenn Kollegen krank sind, hilft im Freundeskreis, ist im Elternrat, leitet den Sportverein. „Gerade eben ging das doch alles noch ganz problemlos. Was ist denn auf einmal mit mir los?“, fragt sie sich, wenn sie manchmal – immer öfter – nachts aufwacht und nicht mehr einschlafen kann.

Erlauben Sie mir, zunächst ganz unwissenschaftlich an dieses Beispiel heranzugehen. Eine hilfreiche Metapher zum Umgang mit Stress ist die Vorstellung vom menschlichen Leben als Fass. Jawohl, als Fass: in ein Fass passt eine Menge hinein. Da sind zunächst das eigene Temperament und die Persönlichkeit (Definition Persönlichkeit: über die Zeit hinweg relativ stabile Muster des Erlebens und Verhaltens/Handelns einer Person). Die Art, wie ich mit Erlebnissen umgehe (gelassen vs. aufgeregt; emotional stabil vs. emotional instabil etc.), hat bereits einen starken Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, etwas als Stress zu erleben. Hinzu kommen die berufliche und die familiäre Situation – in beiden Bereichen gibt es Zeiten der Entspannung und stressigere Phasen. Ist die Situation in einem dieser beiden Hauptbereiche des Erwachsenenlebens angespannt, können das die meisten Menschen auch über einen längeren Zeitraum hinweg kompensieren. Gibt es in beiden Bereichen Stress, hat das oft Folgen, vor allem auf lange Sicht. Stellt man sich noch alle weiteren möglichen Betätigungen eines Menschen vor (ehrenamtliches Engagement, Hobbies etc.) wird deutlich, dass das besagte Fass auch einmal voll sein kann. Auch das halten die meisten Menschen über einen langen Zeitraum hinweg aus – die Frage ist nur, was passiert, wenn es tatsächlich zu viel wird, wenn nichts mehr in das Fass hineinpasst, wenn man alle Register gezogen und alles „durchoptimiert“ hat. Dann reagiert – in der Regel der Körper. Mit Schlaflosigkeit, erhöhtem Blutdruck usw.

Was kann man praktisch tun?

  1. den Arzt aufsuchen: Gerade in der Anfangsphase geht es oft nicht ohne Medikamente.
  2. das Leben ändern, bspw. weniger tun oder lernen, nein zu sagen
  3. gesunde Ernährung
  4. genügend Bewegung

Was wird unter Stress verstanden?

Wenn man den Begriff „Stress“ näher bestimmen möchte, findet man in der Literatur Definitionen, die sich mit den Auslösern von Stress einerseits und mit den Reaktionen auf diese Auslöser andererseits befassen. Manche Definitionen umfassen sowohl die Auslöser als auch die Reaktionen und verstehen dies als einen Prozess. Im Grunde wird deutlich, was Stress ist, wenn man sich diesen Prozess vergegenwärtigt:

Zunächst sind da die stressauslösenden Faktoren, die eine Belastung darstellen können. Das ist sehr wichtig: es handelt sich um potentielle Belastungen, denn auf ein und den selben Belastungsfaktor können Menschen höchst unterschiedlich reagieren. Das heißt, die Beanspruchung einer betroffenen Person durch eine Belastung ist eine individuelle Reaktion auf eine gegebene Belastung und kann höchst unterschiedlich ausfallen.

Stress ist nichts grundsätzlich Negatives. Im Gegenteil: ein mittleres Stressniveau wird von vielen Menschen als stimulierend und positiv erlebt. Die Frage ist, wann aus solchem als positiv empfundenen Stress der langfristig schädliche negativ erlebte Stress wird. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Warum reagieren Menschen unterschiedlich?

Den Ausschlag geben so genannte „Moderatorvariablen“. Stellen Sie sich dazu bitte ein beliebiges stressauslösendes Ereignis vor (Belastung), auf das eine betroffene Person reagiert (Beanspruchung). Diese Beanspruchung kann kurzfristige oder langfristige Folgen haben. Die besagten „Moderatorvariablen“ sind nun diejenigen Einflussgrößen, die bestimmen, ob eine Belastung eine Beanspruchung hervorruft, wie stark diese einwirkt bzw. empfunden wird und ob sie keine bzw. kurzfristige oder langfristige Folgen hat.

Die Moderatorvariablen können administrativer oder individueller Natur sein.

Zu den administrativen Einflussgrößen zählen:

  • Team: Gibt es in der jeweiligen Gruppe Debriefings nach potentiell stressauslösenden Einsätzen? Kann über belastende Erfahrungen gesprochen werden, oder werden solche Themen verdrängt?
  • Führung: Wird mit hohem Druck geführt, oder wird im Rahmen der Möglichkeiten Rücksicht auf die Belange der nachgeordneten Personen genommen? Ist die Führung „formalistisch“ orientiert oder gewährleisten die Führungskräfte einen gewissen Rückhalt? Wird unnötiger Stress vermieden? Kann über stressige Einsätze gesprochen werden? Regen die beteiligten Führungskräfte solchen Austausch an?
  • Dienstpläne: Wird der Schichtdienst gesundheitsförderlich gestaltet, oder gibt es zu viele ungünstige oder/und unvorhergesehene Wechsel?
  • Aus- und Fortbildung: Grundsätzlich gilt, dass besser ausgebildete und regelmäßig fortgebildete Menschen besser mit belastenden Situationen umgehen können, als jene Personen, die sich „der Gewohnheit ergeben“. Gerade in den von vielen Menschen als „krisenhaft“ erlebten Jahren vor bzw. um den fünfzigsten Geburtstag ist das eine entscheidende Frage. Es sind hier diejenigen besser dran, die eine bewusste Bilanz ziehen und sich fragen, was notwendig ist (u.a.: welche Qualifikationen?), um die weiteren Jahre mit dem eigenen Job zufrieden zu sein. Die Frage „Soll es das schon gewesen sein?“ kann Menschen sehr zusetzen. Es ist hier ratsam, die „Flucht nach vorn“ anzutreten, anstatt sich zurückzuziehen.

Zu den individuellen Moderatorvariablen gehören:

  • Kontrollüberzeugung: Hat eine betroffene Person eine hohe Erwartung bezüglich der Wirksamkeit bzw. des Erfolgs ihrer Handlungen (Selbstwirksamkeitserwartung), wirkt sich dies positiv auf das Stresserleben und die Stressbewältigung aus. Der Spruch „Ich kriege das schon hin.“ zu sich selbst ist allemal hilfreicher als „Das ist eh alles Mist. Das wird sowieso nichts.“ Entsprechend kann die Kommunikation im Dienstfahrzeug auf dem Weg zu einem Einsatz sehr wohl einen Einfluss auf das Stresserleben eben während dieses Einsatzes haben. Bereitet man sich klaren Auges auf die bekannt gewordenen Einsatzmodalitäten vor, trifft mögliche Vorkehrungen und geht vorsichtig, aber mit einem gesunden Maß an Wirksamkeitserwartung in den Einsatz, ist dies besser, als etwa besonders langsam zum Einsatz zu fahren und darüber zu sprechen, was nun wieder alles „Mist“ sei oder schiefgehen könnte.
  • Coping-Strategien: Das Wort „Coping“ stammt aus dem Englischen (to cope with something = etwas bewältigen). Mit so genannten Coping-Strategien sind also Bewältigungsstrategien gemeint. Es gibt zwei Arten solcher Bewältigungsstrategien – „instrumentelle“ (= langfristig nützliche) und „palliative“ (= langfristig schädliche) Bewältigungsstrategien. Langfristig nützlich sind etwa Sport, gesundes Essen, ausreichend Schlaf, eine tragfähige Partnerschaft, gute familiäre Beziehungen und nicht zuletzt auch ein zufrieden machendes Sexualleben. Solche Strategien helfen auf lange Sicht sehr, ihre Wirkung entfaltet sich aber nicht unmittelbar. Ganz anders sieht das bei den „palliativen“ Bewältigungsstrategien aus: sie wirken unmittelbar bis kurzfristig, schaden aber auf lange Sicht. Dazu gehören im Wesentlichen Ablenkung und Substanzen wie Tabak, Alkohol, Medikamente oder Drogen.
  • Weitere individuelle Moderatorvariablen sind (a) emotionale Stabilität, (b) verlässliche soziale Ressourcen (Familie, Freundeskreis), (c) eine hohe Widerstandsfähigkeit (Resilienz) gegenüber aversiven Lebensereignissen sowie (d) eine hohe Arbeits- und Lebenszufriedenheit.

Was löst Stress aus?

Bei den stressauslösenden Faktoren (Belastungen, „Stressoren“) werden operative von administrativen Stressoren unterschieden. Als besonders belastend erleben Polizeibeamte die folgenden operativen Stressoren: Überbringen von Todesnachrichten, Tod von Kollegen, Bedrohung des eigenen Lebens, Einschränkung von Kontrolle über die eigenen Handlungen. Administrative Stressoren können neben dem Führungsstil der jeweiligen Vorgesetzten etwa auch ungünstige Schichtpläne sein.

Was hilft bei Stress?

Die Maßnahmen, die gegen die Wirkungen von zu viel Stress ergriffen werden können, lassen sich anhand der Vorstellung eines Zeitstrahls systematisieren:

Vorbeugung im Vorfeld/Prävention: Hier sind zunächst die weiter oben bereits mehrfach beschriebenen Faktoren Sport/Bewegung, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf zu erwähnen. Des Weiteren sind ein kollegiales, unterstützendes Klima und Rückhalt durch Vorgesetzte vorbeugend förderlich.

Vorbereitung auf den Einsatz, „Tricks“ im Einsatz: Basis jeder Stressprävention für den Einsatz ist gutes und häufiges Training. Dadurch entsteht am Ehesten jenes Sicherheitsgefühl, das notwendig ist, um sich mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein sagen zu können: „Das ist ein ganz normaler Einsatz. Das kriegen wir hin.“ Im Einsatz selbst helfen Umbewertungen – nicht: „Schon wieder so ein sinnloser Einsatz!“, sondern: „Das ist jetzt unser Einsatz. Wir sind gut vorbereitet. Wir haben uns gebrieft. Wir gehen jetzt und machen das!“ – und Selbstinstruktionen: „Da muss ich jetzt durch!“ oder „Ich schaffe das!“ oder „Halte durch!“ Wichtig ist allerdings, dass Selbstinstruktionen nur kurzfristig wirksam sind. Als „dauerhafter Krisenmodus“ sind sie eher schädlich.

Nachsorge: Der wahrscheinlich wichtigste Faktor bei der Auseinandersetzung mit potentiell stressauslösenden Erlebnissen ist die Nachsorge bei entsprechenden Einsätzen. Hier wird die informelle Nachsorge (informelle Gespräche mit Kollegen ohne organisatorischen Rahmen) von der institutionellen Nachsorge unterschieden. Die institutionelle Nachsorge sollte (a) kurz nach dem Einsatz stattfinden (Debriefing mit kurzer Darstellung des Geschehenen und des jeweils eigenen Erlebens, keine vertiefende Auseinandersetzung, max. 60 Minuten) oder/und (b) einige Tage bis eine Woche nach dem Einsatz stattfinden (vertiefte Darstellung des Erlebens, Fokus auf längere Erzähnlungen und Auseinandersetzungen, Frage nach Träumen, nach dem persönlichen Umgang usw.; mehr Zeit, bis zu 3 Stunden). Oft reicht die kurze Variante, manchmal braucht es den zweiten Termin, in selteneren Fällen noch einen dritten Termin. Gut moderiert helfen solche Termine nicht nur der Bewältigung, sondern auch der Formung des Teams und vor allem der Steigerung der gegenseitigen Unterstützung.

Therapie: Wenn Prävention, sorgsamer Umgang mit sich selbst, Auszeiten, Einsatz-Nachsorge etc. nicht mehr helfen, ist eine Therapie angeraten. Davon sind allerdings weniger Polizisten betroffen als oft angenommen. Der Prozentsatz aller Polizisten, die im Laufe ihrer Dienstzeit eine Therapie absolvieren, liegt weit unter zehn Prozent. Gleichwohl es an vielen Stellen notwendig und ratsam ist, den Umstand, psychologischer Hilfe zu bedürfen, zu entstigmatisieren. Es ist kein Makel, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, und in den allermeisten Fällen ist man auch nicht krank. Begriffe wie „Störung“ oder „Diagnose“ sind in diesem Zusammenhang allerdings eher abschreckend als hilfreich.

Lesen Sie dazu auch den entsprechenden Text von Lasogga (2016, S. 179ff.).

Wie beeinflusst die Zugehörigkeit zu Gruppen die Kommunikation? Oder: Warum die Sache mit der oft beschworenen kollektiven Intelligenz nur manchmal stimmt. Oder: Warum Minderheiten wichtig sind.

Die Zugehörigkeit zu Gruppen erscheint als ein paradoxes Phänomen: Auf der einen Seite stehen das Zugehörigkeitsmotiv des Individuums und die generelle Verheißung von Gruppen, für bestimmte Bedürfnisse des Individuums zu sorgen. Gruppen gehören zu den urtümlichsten und unabdingbarsten Erscheinungsformen menschlichen Lebens, was insbesondere daran deutlich wird, dass jeder Mensch (a) ständig in Beziehung mit Gruppen steht und (b) die Einstellungen dieser Gruppen ihm gegenüber – zumeist mehr unbewusst als bewusst – einschätzt. Andererseits weisen Gruppen ein starkes Eigenleben auf, was sich dadurch äußert, dass Gruppen vor allem dazu tendieren, sich selbst zu erhalten. Diese Selbsterhaltung geht allerdings zu Lasten der individuellen Bedürfnisse der Gruppenmitglieder. Insofern stehen individuelle Interessen (Zugehörigkeit, Bedürfnisbefriedigung) und Gruppenbelange (möglichst spannungsfreier Selbsterhalt, Vermeidung von Veränderungen) im Gegensatz zueinander. Es ist das Wesen von Gruppen, einige Bedürfnisse zu befriedigen und andere nicht, worin der spezifisch „konservative“ Charakter des Phänomens Gruppe liegt. Der kollektiv normierende und das Individuum zur Anpassung zwingende Charakter wird besonders am Begriff der Gruppenmentalität deutlich. Demnach verhindern Gruppen das differenzierte Denken einzelner Personen (und damit auch das Lernen von Individuen aus den Beziehungen zur Gruppe) durch eine spezifische Form anonymen Drucks. Manche Äußerungen können offen vorgebracht werden, andere werden verdeckt geäußert. Es entstehen plötzlich Stimmungen und Verhaltensweisen, die nicht direkt einzelnen Personen zugeordnet werden können. Auf dieser anonymen Ebene der Gruppenmentalität findet die Selbsterhaltung von Gruppen statt: Das Denken des Einzelnen tritt hinter das genormte Denken der „Gruppe als Ganzes“ zurück. Dabei ist die Akzeptanz der Gruppenmentalität durch das Individuum impliziter Natur – man trägt ja anonym und großteils unbewusst zur Gruppenmentalität bei. Explizit danach gefragt, werden Menschen meist behaupten, die Gruppe habe keinen oder allenfalls einen sehr geringen Einfluss auf ihr Denken. (Vgl. Bion 2001, S. 31ff.; Lazar 2004, S. 48ff.)

Gruppen können als menschheitsgeschichtlich sehr alte Formen der Daseinsvorsorge verstanden werden. Kommen Menschen zu einer Gruppe oder einem Team zusammen, bilden sich sehr schnell (oft unausgesprochene) Gruppenregeln. Die Belange der Gruppe werden wichtiger als die des einzelnen Gruppenmitglieds. Praktisch bedeutet das, dass Gruppen die Aktivitäten Einzelner nur dann belohnen, wenn sie der Gruppe als Ganzer nutzen. Die Bedürfnisse nach Wertschätzung und Status der einzelnen Gruppenmitglieder werden also nur dann befriedigt, wenn diese sich der Gruppenmentalität fügen, was auf Dauer zu einer – psychologisch gesprochen – Verengung des Fokus der Gruppe führen kann. Praktisch heißt das, dass in Gruppen nicht mehr alles sagbar ist, sondern sich eine unbewusste Selbstzensur der Gruppenmitglieder entwickelt. Damit sind eine Reihe von die Vielfalt der verfügbaren Informationen und zum Ausdruck gebrachten Meinungen einschränkenden Effekten verbunden, deren bekanntester das so genannte „Gruppendenken“ ist.

Falls Sie ein Team übernehmen, dass Ihnen, aus welchen Gründen auch immer, zunächst feindlich gegenübersteht, werden Sie diesen Gruppendruck zunächst als Widerstand zu spüren bekommen. Mit Widerstand können Sie dann nicht anders umgehen, als ihn zu akzeptieren. Oberhandtechniken oder Drohungen würden das Problem nur verschärfen. Die betreffenden Menschen sind dann durch Fragen und Dialog langsam in einen Veränderungs- und Erkenntnisprozess zu ziehen. Das kann zunächst dauern. Andererseits führt es in der Regel zu einer Verstärkung der Ablehnung, wenn man versucht, dem Widerstand mit eigenen Argumenten entgegenzutreten (etwa: „Was Sie da sagen, ist ein Gerücht. Das stimmt nicht. Es ist so und so.“; besser funktioniert: „Ich verstehe Ihre Bedenken, und auch wenn nicht alles ganz genau stimmen mag, was Sie gesagt haben, möchte ich Sie einladen, sich selbst ein Bild zu machen.“). Die beste Strategie, die starre Homogenität von Gruppenmeinungen zu verändern, ist das gezielte Erfragen und Fördern von Minderheitenmeinungen. Wenn Sie Beobachtungen anstellen und fragen, werden Sie bemerken, dass die Landschaft in einem keineswegs so homogen ist, wie es Ihnen zunächst vorgekommen sein mag. Ein Rat an Teamleiter: Kümmern Sie sich um Minderheiten! Sie sichern die Meinungsvielfalt – auch wenn die Minderheitenmeinung in der Sache sogar „falsch“ sein sollte. Psychologische Experimente haben eindrucksvoll gezeigt, dass die allermeisten Menschen – wir reden von rund 90 Prozent – vor anonymem Gruppendruck kapitulieren. Gibt es aber bereits eine Minderheit, steigt die Wahrscheinlichkeit enorm, dass Einzelne eine von der Gruppenmeinung abweichende Sicht vortragen. Wichtig dabei ist nur die Existenz einer Minderheit, unabhängig davon, wie objektiv kompetent oder inkompetent (bis hin zu offensichtlich falsch) der Standpunkt der Minderheit ist. Schließen Sie also Bündnisse mit denjenigen, die offen für Veränderungen sind, aber auch mit allen anderen, die nach „Minderheit“ aussehen. Das hilft Ihnen, im Bedarfsfall den Lernprozess schneller voranzubringen. Ein großer Teil der praktischen Arbeit in Teamentwicklungen besteht im (Wieder-)Herstellen von Meinungsvielfalt und im Ermutigen von Minderheiten. Für die betroffenen Akteure ist es eine harte Erfahrung – für die Personen mit abweichenden Meinungen ist es alles andere als einfach, angefeindet zu werden, und für die Gruppenmitglieder ist es schmerzhaft, die Erfahrung zu machen, dass sie die Anonymität und Sicherheit der Gruppe einer wirklich offenen Suche nach Lösungen vorziehen. Schaffen die Beteiligten diese Hürde, finden sie fortan zu besseren Entscheidungen und können aus Erfahrungen lernen.

Lesen Sie zu Fragen der Teamführung und -entwicklung auch diesen Beitrag: Harmonie versus Klarheit.

Warum geht es bei Kommunikation nicht nur um die Sache an sich, sondern auch und vor allem um Selbstschutz?

Um zu verstehen, warum Selbstschutz eines der grundlegenden Merkmale menschlicher Kommunikation ist, gestatten Sie uns einige kleine Ausflüge.

Überall, wo Menschen miteinander kommunizieren, gibt es spezifische „Verteidigungsmechanismen“, die in der Regel zu Problemen in der Kommunikation und – nach vielfachen frustrierenden Erfahrungen – fast zwingend zu strategischer Kommunikation führen. Die strategische Kommunikation soll hier nicht diskreditiert werden, wird sie jedoch von der „manipulierten“ Seite bemerkt, führt dies gegebenenfalls zu noch mehr Ablenkungsmanövern und noch mehr verdeckter Kommunikation auf der Gegenseite und damit wiederum auch auf unserer Seite. Daraus kann schnell ein eskalierender Teufelskreis werden. Doch dazu später noch einmal ausführlicher. Wie gesagt: Gestatten Sie uns hier zunächst einige kleine Ausflüge, die klare Sicht am Ende lohnt sich.

Am Anfang ist der Mensch, was er bekommt (Winterhoff 2008). Am Anfang sind also nur Bedürfnisse, und der Mensch verfügt zunächst über keinerlei „Gewahr-Sein“ seiner selbst oder gar anderer Personen im Sinne dessen, was als Bewusstsein bezeichnet wird. Wenn dies zutrifft, dann wird deutlich, warum die ersten – vollständig vorsprachlichen und deshalb rational überhaupt nicht zugänglichen – Erfahrungen so prägend sind. Wenn der Mensch sein Bedürfnis ist, dann sind sein ganzes Sein und seine gesamten Erfahrungen zunächst von der Befriedigung seiner Bedürfnisse abhängig. Bei Nichtbefriedigung hingegen entstehen Ängste von existentiellem Ausmaß. Es kann wohl als eine der Urformen von Angst angesehen werden, wenn ein Säugling Hunger hat und nichts bekommt. Dies ist eine Erfahrung, gegen die Kinder noch keine Schutzmechanismen haben. Diesen ursprünglichen Zustand hat Melanie Klein den paranoid-schizoiden Modus genannt. Diese Bezeichnung ist hier nicht mit den gleichnamigen Störungsbegriffen zu verwechseln. Vielmehr meint Klein damit die Verletzbarkeit der seelischen Entwicklung durch zu wenige positive bzw. zu viele negative Erfahrungen. Alle Erfahrung in dieser Phase ist vorsprachlich, und das Kind verfügt noch über keinerlei Konzept davon, dass die Mutter eine andere Person ist. Das Kind ist „allein auf der Welt“, das heißt, das Bedürfnis des Kindes bzw. dessen Befriedigung oder Nicht-Befriedigung entspricht der Welt des Kindes. Das Kind ist also psychisch in gewisser Weise auf sich alleine gestellt, ist sich dessen allerdings nicht gewahr, denn es hat noch keine kognitive Instanz, die all dies regeln könnte. Das Kind erfährt die Welt auf einem Spektrum zwischen der Befriedigung von Bedürfnissen und existentiellen Bedrohungen. Durch den Kontakt mit der als bedrohlich erlebten Welt treten erste psychische Differenzierungen auf. Indem die Psyche versucht, mit den Bedrohungen umzugehen bzw. sie zu kontrollieren, entwickelt sich aus einem Teil des Es eine zweite Instanz. Das Ich tritt fortan als Mittler zwischen den Bedürfnissen des Kindes und der Umwelt auf. Die Herausbildung des Ichs bildet auch die Voraussetzung für die Konzeptualisierung des Selbst und des Anderen, also die Erfahrung, dass die Mutter eine andere Person ist als das Kind selbst, und dass sie die Bedürfnisse des Kindes manchmal befriedigt und manchmal nicht.

Wenn (a) sich die Instanz des Ichs langsam vom Es differenziert und das Kind die Grundlagen des Verständnisses verschiedener Personen entwickelt, und wenn (b) während der ersten Phase (paranoid-schizoider Grundmodus) genügend positive Erfahrungen gesammelt wurden, dann besteht die Chance für einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt. Dieser Schritt besteht darin, die Ambivalenz der Erfahrungen mit der Mutter zu bewältigen. Mal ist die Mutter anwesend und damit die Quelle von Nähe und Bedürfnisbefriedigung. Mal ist sie abwesend und dadurch furchteinflößende Auslöserin existentieller Bedrohungen. Beide Erfahrungen müssen in ein und derselben Person verortet werden. Wenn diese Herausforderung gelingt, ist der Grundstein für das gelegt, was als Frustrationstoleranz bezeichnet wird – eine der zentralen Funktionen des Ichs als der psychischen Instanz, die zwischen den menschlichen Bedürfnissen und der Außenwelt vermittelt. Melanie Klein hat diese Entwicklungsstufe den depressiven Modus genannt und damit die Fähigkeit zur Integration äußerst ambivalenter Erfahrungen (sowohl positiver als auch negativer Erlebnisse) in dasselbe Konzept (die Person der Mutter) bezeichnet. Das Adjektiv „depressiv“ hat hier wiederum nichts mit dem gleichnamigen Störungsbild zu tun.

Das psychische Geschehen während des ersten und zum Teil auch des zweiten Lebensjahres verläuft vollständig vorsprachlich. Geschehen in dieser Zeit psychische Verletzungen, so wiegen diese besonders schwer, denn sie betreffen die psychische Entwicklung in ihrer grundlegenden Phase und sind später mit sprachlichen Mitteln kaum bearbeitbar.

Aus den bisherigen Darstellungen wird deutlich, wie wichtig ausreichend positive Erfahrungen eines Kindes während der ersten Lebensjahre sind. Allerdings – und dies wird oft weniger betont – ist die Erfahrung der eigenen Grenzen ebenfalls von elementarer Bedeutung für die Entwicklung. Die Welt des Kindes entspricht, wie wir gesehen haben, am Anfang mehr oder minder seinen Bedürfnissen – das Kind ist, was es bekommt. In dieser Zeit werden die ersten Grundlagen für eine psychische Differenzierung gelegt, die in die Herausbildung des Ichs als zweite psychische Instanz neben dem Es mündet. Ein anderer psychoanalytischer Begriff für die Selbstbezogenheit insbesondere des ersten Lebensjahres ist der des primären Narzissmus‘. Der primäre Narzissmus bezeichnet die zwangsläufige Auf-sich-selbst-Geworfenheit des Kindes in den frühen Entwicklungsstadien – das Kind ist gleichsam seine Welt, weil es noch über keine psychischen Differenzierungen verfügt, die zwischen sich und anderen bzw. der äußeren Welt unterscheiden könnten. Wenn nun ausreichend positive Erfahrungen möglich sind, verläuft die Entwicklung ohne Beeinträchtigungen, möchte man meinen. Doch dem ist nicht immer so, wie Michael Winterhoff (2008) eindrucksvoll darstellt. Über die positiven Grunderfahrungen hinaus sind auch Grenzerfahrungen für eine gelingende psychische Entwicklung notwendig. Werden diese Grenzerfahrungen im Sinne allgemein gültiger Regeln bzw. dessen, was ein Kind nicht darf, nicht gemacht, verbleibt das Kind im Zustand des primären Narzissmus. Dies äußert sich, indem andere Menschen nicht als eigenständige Wesen, sondern als Teil der eigenen Welt betrachtet werden. Ursache dafür ist der fehlende Entwicklungsschritt, über die Integration von ambivalenten Erfahrungen – zunächst mit der Mutter und dann mit anderen Menschen – Frustrationstoleranz zu erlernen. Werden dem Kind keine Grenzen gesetzt, kann es keine oder zu wenige der besagten ambivalenten Erfahrungen machen, und die Integration der Ambivalenz in ein Konzept („Die Mutter ist manchmal da, dann ist alles gut. Aber manchmal ist sie auch nicht da, das ist zwar nicht gut, aber es ist trotzdem dieselbe Person, die mich liebt und die ich liebe.“) kann nicht erreicht werden. Nach Winterhoff (2008) kann solche eine fehlgehende Entwicklung in die Unfähigkeit, andere Menschen als selbstständige, gleichberechtigte Wesen zu behandeln, münden. Andere Personen werden dann behandelt, als seien sie Teil der eigenen Welt. Eine Tendenz zur Unfähigkeit sich unterzuordnen und ein gering ausgeprägtes Durchhaltevermögen aufgrund fehlender Frustrationstoleranz sind dann entsprechende Folgen.

Das Beispiel des Verbleibens im primären Narzissmus verweist auf einen weiteren wichtigen psychischen Entwicklungsschritt. Der zunehmende Kontakt mit der Umwelt führt immer wieder zu Konflikten zwischen den Impulsen des Es und dem, was die Umwelt erlaubt. Die Erfahrungen mit diesen Konflikten führen mit der Zeit (etwa zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr) zu einer weiteren Differenzierung des psychischen Apparats. Das Über-Ich geht als die Instanz der Regeln und Verbote, der Moral und der gesellschaftlichen Normen aus dem Ich hervor. Nach der Vorstellung Freuds übt das Über-Ich dauernd Druck auf das Ich aus, um das Es unter Kontrolle zu halten.

Das Es löst nach der psychoanalytischen Vorstellung mehr oder minder dauernd Konflikte aus, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zunächst richten sich die Impulse auf die Umwelt, und das Ich hat als Anpassungsinstanz die Aufgabe, zwischen den Impulsen des Es und der – ggf. bedrohlichen – Umwelt zu „vermitteln“. Dabei bringt das Ich zunächst eine weitere psychische Instanz hervor, die dem Ich bei der Anpassungsleistung mit Regeln und Normen behilflich ist: Im Über-Ich werden die normierenden Einflüsse von Eltern, Erziehern und Gesellschaft wirksam. Dem Ich obliegt nun die immense Aufgabe, die Bedrohungen der Umwelt, die Impulse des Es und den Druck des Über-Ichs zu integrieren. Zum Umgang mit diesen in ihrem Ausmaß angstauslösenden Impulsen bzw. zur Reduktion des durch die Gegensätzlichkeit der Anforderungen entstehenden Drucks entwickelt das Ich Abwehrmechanismen, die verhindern, dass das ganze ambivalente Ausmaß der Impulse bewusst wird. Abwehrmechanismen sind demnach im positiven Sinne als Anpassungen an die Realität zu verstehen. So macht ein Kind bspw. mehrfach die Erfahrung der Ablehnung und wird daraufhin schrittweise Mechanismen entwickeln, sich fortan anders zu verhalten. Der wohl bekannteste Abwehrmechanismus ist die Verdrängung – „was zu große Angst auslöst, findet fortan nicht mehr statt“, zumindest nicht bewusst. Das bezieht sich sowohl auf furchterregende Faktoren der Realität, indem angstauslösende Elemente gleichsam aus dem bewussten Abbild der Wirklichkeit entfernt und ins Unbewusste verdrängt werden, als auch auf diejenigen Impulse des Es, die zu starken Konflikten führen – etwa indem das Ich lernt, den Impuls zu verdrängen, die Mutter zu hassen, um wieder Zuneigung zu erfahren.

Verdrängung: Auf der Grundlage unangenehmer oder sogar schmerzhafter Erfahrungen lernt ein Mensch, Vorstellungen, die entweder mit einem bestimmten, in der betreffenden Situation nicht auslebbaren Bedürfnis verbunden sind oder die mit moralischen Maßgaben in Konflikt stehen, ins Unbewusste zu verdrängen. Da die Vorstellungen und Impulse dadurch jedoch nicht einfach verschwinden, ist immer ein gewisser Aufwand an psychischer Energie notwendig, die Verdrängung aufrecht zu erhalten.

Projektion: Der Abwehrmechanismus der Projektion bewirkt, dass eine Person Empfindungen und Wünsche, die sie an sich selbst unerträglich findet, zunächst leugnet. Bis hierher ähnelt der Vorgang der Verdrängung. Das Spezifische an der Projektion ist, dass die (im Unbewussten wirksam bleibenden) Gefühle und Impulse unbewusst einer anderen Person zugeschrieben werden. Beinahe klassische Beispiele sind besonders dominante Menschen, die ihre eigene Aggressivität leugnen und dafür andere Menschen als besonders dominant und aggressiv kritisieren. Den Mechanismus der Projektion gibt es auch in umgekehrter Richtung (Introjektion), indem sich eine Person, um bestimmte Situationen zu bewältigen, Gefühle und Verhaltensweisen anderer Personen in sich hineinprojiziert und so empfindet und handelt, wie die andere Person vermeintlich empfunden und gehandelt hätte.

Sublimierung: Manche Impulse können aus moralischen (ethische Verbote, gesellschaftliche Normen oder Traditionen) oder sozialen (bspw. wenn Ablehnung oder gar Ausschluss drohen) Gründen nicht ausgelebt werden. Gibt man diesen Impulsen hingegen ein sozial akzeptiertes Ziel, wird es möglich, diesen Wünschen dennoch nachzugeben – bspw. in dem man sie mit einer beruflichen Rolle „umhüllt“. Die klassische Variante: Sadismus „läßt sich zum Beispiel in Berufen wie Metzger, Chirurg oder Polizist abreagieren“ (Mucchielli 1980, S. 14).

Verschiebung: Manche Impulse können gegenüber bestimmten „Objekten“ – zumeist Personen, es kann sich aber auch um Institutionen oder Gruppen oder Objekte aus anderen Kategorien handeln – nicht realisiert werden – ggf. weil dies nachteilige Konsequenzen für die betreffende Person hätte. Die mit dem betreffenden Objekt verbundenen Affekte und Handlungsimpulse werden von diesem Objekt gelöst und auf ein anderes übertragen. So kann es bspw. sein, dass ein Mitarbeiter wütend über einen Kollegen ist. Der betreffende Kollege wird aber vom Team sehr geschätzt. Ihn anzugreifen hätte also ggf. negative Auswirkungen auf den Stand des Mitarbeiters. Dieser nun „verschiebt“ seine Wut auf einen anderen Kollegen, den zu beschuldigen im Kreis der Kollegen ohne Gefahr für den eigenen Status möglich ist. Diese Person dient nun als Sündenbock. Der Abwehrmechanismus der Verschiebung funktioniert nicht nur mit aggressiven Affekten, sondern auch mit Angst, etwa indem die Angst vor einem Vorgesetzten auf eine andere Person oder die Angst vor einem Familienmitglied auf eine bestimmte Klasse von Objekten (bspw. alle Tiere, die ein Fell haben) übertragen wird. Ist die Angstübertragung besonders manifest, spricht man auch von „phobischer Fixierung“.

Von erfolgreicher Problemlösung zu unbewussten Handlungsmustern

Im Laufe ihrer Entwicklung – während der Kindheit und des Heranwachsens und während der ersten beruflichen Lernprozesse – sind Menschen mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert, die sie lösen müssen. Aus den ersten Versuchen der Problemlösung bilden sich langsam Muster heraus, wie ein Mensch an die ihm gestellten Aufgaben herangeht. Die erfolgreichen Muster – zu denen auch Abwehrmechanismen gehören – festigen sich mit der Zeit und geben der betreffenden Person ein Gefühl von Sicherheit in Bezug auf kommende Herausforderungen. Es liegt in der Natur des Menschen, nicht an jede neue berufliche Situation oder jede neue Beziehung – sei es Freundschaft oder Liebe – auch neu heranzugehen. Vielmehr greift man auf das bereits erlernte Repertoire an Handlungsstrategien zurück. Vieles in diesem Repertoire festigt sich mit den Jahren soweit, dass es nicht mehr in Frage gestellt wird. Aus erfolgreichen Handlungsstrategien werden habituierte (= zur Gewohnheit gewordene und damit weniger bewusste) Handlungsstrategien. Kommt es nun zu einer Situation des Wandels und damit zu neuen Herausforderungen, so werden Menschen zunächst auf ihre geläufigen Handlungsweisen zurückgreifen und diejenigen Aspekte der Herausforderung, die tatsächlich neu sind, ausblenden bzw. vermeiden. Der Anreiz für ein derartiges Vermeidungsverhalten liegt in der Reduzierung von Angst, die durch neue Situationen zwangsläufig ausgelöst wird. Widerstände bei Veränderungen haben also eine Schutzfunktion – indem man die vermeintlichen Risiken der Veränderung ausblendet, lebt man angstfreier.

Was sind grundlegende Merkmale von Kommunikation?

Kaum ein anderer hat sich eingehender mit der Erforschung der menschlichen Kommunikation beschäftigt als Paul Watzlawick (vgl. Watzlawick et al. 1974); auf ihn gehen die so genannten fünf Axiome zurück, also fünf Grundaussagen über die Wesensmerkmale der menschlichen Kommunikation:

Man kann nicht nicht kommunizieren

Jede menschliche Handlung, auch der Versuch, nicht zu kommunizieren, sagt etwas aus und kann von anderen Menschen interpretiert werden. Watzlawick ging davon aus, dass jede Kommunikation Verhalten sei, und weil man sich nicht nicht verhalten könne, könne man auch nicht nicht kommunizieren. Selbst die größten Anstrengungen, keine Äußerungen von sich zu geben, teilen anderen Menschen etwas mit – den Wunsch, nicht dabei sein zu wollen beispielsweise oder keinen Kontakt zu wollen.

Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt

Wenn etwas gesagt wird, kann man zum einen analysieren, was gesagt wird und zum anderen, wie es gesagt wird. Bei den Inhalten gibt es, zumindest wenn alle Gesprächsteilnehmer mit den verwendeten Begriffen gleiche oder ähnliche Bedeutungen verbinden, wenig Raum für Missverständnisse. Ganz anders hingegen auf der Tonspur – beim „Wie“ der Kommunikation gibt es schier endlose Spielräume, die Dinge auszudrücken. Das Problematische daran ist, dass man hinterher immer behaupten kann, so habe man das nicht gemeint. Und man kann sich auch immer aussuchen, wie man etwas verstanden hat oder haben könnte. Wenn man einer Person also nicht wohlgesonnen ist, kann man selbst die wohlgemeintesten Worte uminterpretieren.

Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung zugleich

Kommunikation verläuft immer kreisförmig; es gibt keinen Anfangspunkt. Gleichzeitig tun wir aber so, als gäbe es einen Anfangspunkt. „Ich bin eingeschnappt, weil mein Kollege mich vorhin – wie schon so oft – angefahren hat.“, sagt die Kollegin. „Ich bin wütend auf meine Kollegin, weil sie schnippisch ist und nicht darüber reden will, was eigentlich los ist.“, sagt der Kollege. Beide sehen – jeweils in den Handlungen der anderen Seite – gute Gründe für ihre Handlungen: „Weil der andere so ist, muss ich so handeln.“ Dabei bedingen sich die Reaktionen quasi gegenseitig, und die Kommunikation wird zu einem sich selbst verstärkenden Teufelskreis. Jeder Gesprächsteilnehmer verleiht der Beziehung seine eigene Struktur auf der Basis seiner Interpretationen und geht dabei davon aus, dass die andere Seite über die gleichen Informationen verfügt. Das stimmt aber nicht. Jede Seite macht die „Ursache“ im problematischen Fall an der jeweils anderen Seite fest. Eine Frau beschwert sich, dass ihr Ehemann so distanziert sei; er gibt darauf hin zu verstehen, dass er sich zurückziehe, weil sie nörgele, woraufhin sie entgegnet, dass es kein Wunder sei, dass sie nörgele, so distanziert wie er sei. Und so weiter…

Menschliche Kommunikation kann analog oder digital sein

Diese Unterscheidung bezieht sich auf den Modus der Darstellung von Objekten. Einerseits kann man Objekte durch Analogien repräsentieren, also bspw. anhand einer Zeichnung. Andererseits kann man Objekte bezeichnen, ihnen einen Namen geben; der größte Teil gesprochener Worte gehört eher in den digitalen Bereich, die nonverbalen „Verstehensanweisungen“ eher in den analogen Bereich. Analoge Kommunikation ist deutlich älter (Gesten) und mehrdeutig (bspw. Tränen des Schmerzes und Tränen der Freude). Der Sachinhalt eines Satzes ist eindeutig,; wie er betont wird, regelt, wie der Satz verstanden wird.

Kommunikation ist entweder symmetrisch oder komplementär

Kommunikationspartner kommunizieren symmetrisch, wenn Augenhöhe herrscht, und es dementsprechend keine Statusunterschiede gibt (beide Seiten streben nach Gleichheit; Partner sind etwa gleich stark). Beruht die Kommunikation andererseits auf einem Ungleichheitsverhältnis, nennt man sie komplementär (eine Seite hat die Oberhand; die andere Seite ordnet sich unter; die Handlungen beider Seiten ergänzen einander: „zu jemandem, der dominiert, gehört auch immer jemand, der sich dominieren lässt“).

Dieses Merkmal der menschlichen Kommunikation ist, wenn es um Beziehungen – private ebenso wie berufliche – geht, das bedeutsamste, denn es erklärt eine ganze Reihe von Störungen. Wenn sich eine Seite „oben“ wähnt, die andere Seite aber von Augenhöhe ausgeht, kommt es zur Eskalation, denn keine der beiden Seiten macht mit, was die andere Seite „anleiert“. Im Gegenteil: beide Seiten fühlen sich jeweils nicht akzeptiert (die Seite, die sich „oben“ wähnt) oder herabgesetzt (die Seite, die sich auf Augenhöhe wähnt). Am deutlichsten wird dies an so genannten „helfenden Beziehungen“.

Vergegenwärtigen wir uns die Bedeutsamkeit dieses Merkmals am Beispiel helfender Beziehungen: Hilfe impliziert, dass es eine Seite gibt, die etwas kann oder weiß, was der anderen Seite helfen kann bzw. das letztere nicht weiß. Diese beiden Rollen führen zu dem charakteristischen Über- bzw. Unterordnungsverhältnis von Hilfe – diejenige Seite, welche die Hilfe gewährt, steht, was den sozialen Status betrifft, über der die Hilfe empfangende Seite. Normalerweise sind Menschen in ihren Beziehungen darauf aus, ihren sozialen Status zu erhöhen, mindestens jedoch zu wahren. Zuzugeben, dass ich Hilfe brauche, macht mich hingegen verletzlich und zwingt mich zur Dankbarkeit gegenüber der Person, die mir Hilfe gewährt. Also stehe ich für den Zeitraum der Hilfe und auch danach, was meinen sozialen Status betrifft, unter der anderen Person. Genau deshalb ist es für viele so schwierig, überhaupt um Hilfe zu bitten. Andererseits erklären sich auch die Emotionen, die entstehen, wenn man Hilfe gewährt, aber keinen Dank dafür erhalten hat. Des Weiteren wird auch deutlich, warum es viele Menschen als Herabsetzung empfinden, Hilfe angeboten oder gar aufgenötigt zu bekommen, um die man nicht gebeten hat. Wie viele Eltern oder auch Vorgesetzte meinen es nur gut, wenn sie helfen wollen. Sie bieten Hilfe an, und insistieren, wenn die andere Seite die Hilfe ablehnt, weil die Hilfe anbietende Seite meint, die Hilfebedürftigkeit sei doch offensichtlich. So hilflos jemand auch wirken mag – das Problem gehört immer dem, der es hat, und wenn er meint, keins zu haben oder selbst damit klarzukommen, hilft es nicht, Hilfe anzubieten, weil die Person, die das Angebot erhält, eine Statusstufe nach unten treten und sich damit verletzlich machen müsste. Deshalb ist es so schwierig, Hilfe anzunehmen. Es wird als Anmaßung empfunden – die Hilfe anbietende Seite erhebt sich quasi über die andere, vermeintlich hilfebedürftige Seite. (Vgl. Schein 2010)

Ein Beispiel: Viele junge Menschen sind es heute aufgrund ihrer (zumeist partnerschaftlichen) Erziehung gewohnt, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Wer mit drei Jahren entscheiden konnte, was er essen möchte und in der Schule und erst recht beim Studium vieles hinterfragen durfte, ja sogar sollte, der begegnet anderen Menschen in der Regel zunächst auf Augenhöhe. In diesem Fall reicht es nicht, gegenüber diesen jungen Menschen Autorität zu behaupten, denn damit können viele nichts mehr anfangen. Autorität (eines Vorgesetzten oder Lehrmeisters) ist nicht mehr selbstverständlich (= nicht hinterfragbar), sondern muss sich tatsächlich erarbeitet werden. Beginnt ein solcher junger Mensch, sich im Prozess beweisende Autorität zu respektieren, geht er freiwillig auf der Statusleiter eine Stufe nach unten und lässt sich führen, ausbilden und helfen. Die Anerkennung vieler junger Menschen muss man sich, so paradox das klingen mag, erarbeiten. Anderenfalls mag sich ein junger Mensch zwar zunächst in die statusmäßig untergeordnete Rolle fügen. Spätestens jedoch, wenn es Probleme gibt und Druck entsteht, ist er (wie jeder andere Mensch auch) kaum oder nicht mehr in der Lage, bewusst und überlegt zu handeln, sondern aktiviert unter Druck die in der Kindheit erlernten Muster, die in der Regel auf Selbstschutz ausgerichtet sind. Wenn nun mein in der Kindheit gelernte Mechanismus der ist, dass ich mich im Zweifelsfall gegen meine Eltern durchsetzen konnte, so werde ich auch bei Problemen in der Ausbildung oder an meinem ersten Arbeitsplatz unter entsprechendem Druck versuchen, mich durchzusetzen. Das erklärt die von vielen Ausbildern, Personalverantwortlichen und Hochschullehrern heute als „Arroganz“ oder „übersteigertes Selbstbewusstsein“ beschriebenen Verhaltensweisen mancher Azubis, Studenten, Praktikanten oder Berufsanfänger in problematischen Situationen. Die jungen Leute wiederholen gleichsam ihre während der Kindheit in der Interaktion mit ihren Eltern erlernten Muster.

Wie ist unsere Fähigkeit zu kommunizieren entstanden?

Die Ursprünge der Kommunikation

Primaten haben wahrscheinlich durch erste Anfänge von Arbeitsteilung bzw. ersten Ansätzen gemeinsam koordinierter Handlungen Freiräume geschaffen, durch die es zur Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten kommen konnte. Indem die ersten Menschen Symbole zur Abbildung der Realität erfanden, wurde es ihnen möglich, nicht nur direkt auf Reize zu reagieren (instinktives Verhalten anderer Säugetiere), sondern sich auch bei Abwesenheit der Reize über vergangene Ereignisse oder zukünftig vielleicht eintretende Situationen auszutauschen.

Indem ein Mensch Objekte aus der Umwelt sprachlich repräsentiert, kann er – gleichsam aus der Distanz bzw. bei Nichtanwesenheit der Objekte – verschiedene Konstellationen und alternative Handlungsabläufe simulieren, das heißt, er kann denken. Deshalb hat Freud das menschliche Denken als Probehandeln bezeichnet. Das menschliche Denken ist unmittelbar an die Fähigkeit zur Sprache bzw. zur sprachlichen Repräsentation von Objekten in der Umwelt geknüpft.

Am Anfang waren also die ersten Ansätze koordinierter Handlungen im Verband (der Sippe o. ä.). Diese Koordination führte zu einigen Freiräumen – man saß vielleicht am Abend am Lagerfeuer und hatte den Freiraum, die Ereignisse des Tages zu symbolisieren. Auf der Grundlage dieser Symbolisierungen konnte man nun alternative Handlungsabläufe durchdenken und neue Strategien (bspw. für die Jagd) „planen“. Mit Sloterdijk (1995, S. 14ff.) können wir uns diese Lagerfeuersituation als „psycho-akustische Zauberkugel“ vorstellen, aus der die menschliche Fähigkeit zur Kommunikation entstanden ist. Das Zusammenwirken von Kooperation und Kommunikation bildet die Voraussetzung für die Entstehung von Kultur, und Kultur wiederum kann als das zentrale Unterscheidungsmerkmal der Menschen von anderen Säugetieren angesehen werden (Vgl. Bischof 1991, S. 35ff.; Hall 1976, S. 15; Axelrod 2009, S. 18).

Wir kommunizieren auf der Grundlage von Bedeutungen

Wir können zwar allein bzw. als Einzelne denken, aber wie wir bereits gesehen haben, ist die Fähigkeit zu denken direkt an Sprache und damit an Kommunikation geknüpft; die Fähigkeit zu denken hat sich quasi erst durch Kommunikation entwickelt. Wenn wir denken, bleibt dieser kollektive Ursprung der Kommunikation erhalten, und zwar wie folgt:

Wenn wir kommunizieren, dann geht es nicht etwa um die Dinge selbst, sondern um deren Symbolisierungen. Ein Ding und sein Symbol können weit auseinanderliegen, wie schon daran deutlich wird, dass ein Gegenstand für verschiedene Menschen ganz unterschiedliche Bedeutungen haben kann und entsprechend anders bezeichnet wird. Man kann dies an den Problemen erkennen, die Angehörige unterschiedlicher Fachrichtungen oder Branchen haben, einander zu verstehen. Man muss sich dann oft zunächst auf eine „gemeinsame Sprache“ einigen. Eine Voraussetzung, dass wir einander überhaupt verstehen, ist, dass wir über ein geteiltes Repertoire an Bedeutungen bzw. Symbolen verfügen. Wenn ich kommuniziere, habe ich eine Annahme darüber, was der andere versteht. Ich muss also wissen, was der andere, dem ich etwas sage, überhaupt verstehen kann. Der Philosoph George Herbert Mead hat diesen Vorgang einmal so beschrieben:

»Was ist nun der grundlegende Mechanismus, durch den der gesellschaftliche Prozeß angetrieben wird? Es ist der Mechanismus der Geste, der die passenden Reaktionen auf das Verhalten der verschiedenen individuellen Organismen ermöglicht, die in einen solchen Prozeß eingeschaltet sind. Innerhalb jeder gesellschaftlichen Handlung wird durch Gesten eine Anpassung der Handlungen eines Organismus an die Tätigkeit anderer Organismen verursacht. Gesten sind Bewegungen des ersten Organismus, die als spezifische Reize auf den zweiten Organismus wirken und die (gesellschaftlich) angemessenen Reaktionen auslösen. Die Geburt und Entwicklung der menschlichen Intelligenz spielte sich im Bereich der Gesten ab, durch den Prozess der Symbolisierung von Erfahrungen, den die Gesten – insbesondere vokale Gesten – möglich machten. Die Spezialisierung des Menschen auf diesem Gebiet der Gesten war im Endeffekt verantwortlich für die Entwicklung und das Wachstum der gegenwärtigen menschlichen Gesellschaft und des menschlichen Wissens mit der ganzen Kontrolle über die Natur und die menschliche Umwelt, wie sie durch die Wissenschaft ermöglicht wird.« (Mead 1973, S. 46)

Die Voraussetzung für Kommunikation: der generalisierte Andere

Meine Gesten, das, was ich etwa zeige oder sage, löst also bei meinem Gegenüber bestimmte Reaktionen aus. Welche Gesten oder Worte in einer Situation angemessen sind und bestimmte Wirkungen entfalten, ist dabei in der Regel allen Kommunikationsteilnehmern bekannt. Das Wissen darum, was in einer Gemeinschaft kommunikativ angemessen ist, was mögliche oder schickliche Reaktionen etc. sind, ist laut Mead (1973) im „generalisierten Anderen“ organisiert. Ich weiß, was eine bestimmte Aussage bei meinem Gegenüber bewirken kann, weil ich in der Lage bin, auf der Grundlage der gemeinsam geteilten Symbole die Rolle des anderen einzunehmen. Ich kann mich fragen – und unbewusst tun wir das andauernd –, was meine Handlungen bei meinem Gegenüber auslösen. Indem ich die gleichen Bedeutungen kenne wie mein Gegenüber, kann ich, indem ich mich in ihn hineinversetze (quasi über den „generalisierten Anderen“) meine eigenen Handlungen analysieren. Dadurch werde ich mir selbst überhaupt verständlich. Denken kann ich zwar alleine, aber so lange ich über soziale Dinge nachdenke und spätestens sobald ich etwas sage, impliziert dies die (gedachte oder reale) Anwesenheit eines Anderen, in den ich mich hineinversetze und über dessen angenommene (und später tatsächliche) Reaktionen ich meine eigenen Handlungen verstehen kann. Wir haben diesen Anderen soweit verinnerlicht, dass er immer anwesend ist, eben als „generalisierter Anderer“. Wir unterstellen in jedem Gespräch, dass uns unser Gegenüber jeweils versteht, und wir strukturieren unsere Äußerungen auf der Grundlage unserer Annahmen darüber, wie unsere Handlungen bei ihr oder ihm ankommen. Wir fragen nicht erst, was er versteht oder wissen möchte, sondern wir handeln auf der Grundlage unserer Annahmen darüber, wie unsere Handlungen bei ihm oder ihr ankommen.

Salopp formuliert heißt das, dass wir nie allein sind. Wir haben mindestens den generalisierten Anderen immer „mitlaufen“. Wir schätzen die Konsequenzen unserer Handlungen ein, indem wir vorwegnehmen, was unsere Handlungen beim anderen auslösen. Wir betrachten unsere eigenen Handlungen gleichsam durch die Brille unseres Gegenübers, indem wir versuchen vorwegzunehmen, wie die oder der andere auf unsere Handlungen reagieren wird. Das bedeutet auch, dass wir in der Regel nicht das sagen, was wir wirklich denken oder meinen. Vielmehr drücken wir uns so aus, dass wir beim anderen das erreichen, was wir wollen – dass er gut über uns denkt beispielsweise oder sich von uns überzeugen lässt.

Was war, was ist, was sein wird – wie unsere Perspektive auf die Zeit unsere Entscheidungen beeinflusst

Während meines Studiums kam es insbesondere in Prüfungsphasen oft vor, dass ich mich trotz anstehender Prüfungen oder nahenden Abgabeterminen für Belegarbeiten entschied, der ein oder anderen Feierlichkeit in befreundeten WGs oder dem Studentenclub beizuwohnen: „Naja auf ein Getränk kann man ja mal vorbeischauen. Ich gehe einfach 0 Uhr nach Hause, dann schaffe ich es morgen auch noch zur Prüfungsvorbereitung.“. So oder so ähnlich lautete dann meine Rechtfertigung der Abendplanung vor mir selbst. Außerdem war es ja noch lange hin bis zu den Prüfungen. Einige meiner Kommilitonen trafen den selben Entschluss und wieder andere entschieden sich dagegen, die Feier zu besuchen, um am nächsten Tag fit zu sein. Zurück zu mir und dem tatsächlichen Verlauf des Abends. Natürlich blieb es nicht bei einem Getränk, natürlich verpasste ich den 0 Uhr Ausstieg um mehrere Stunden und natürlich verschlief ich die Prüfungsvorbereitung und blieb mit einem Kater im Bett liegen. Andere Kommilitonen waren da konsequenter, tranken nur ein Getränk, verabschiedeten sich um 0 Uhr und zeigten sich auch von Überredungsversuchen, doch noch etwas länger zu bleiben es sei gerade so lustig, unbeeindruckt. Häufig waren es auch diese Kommilitonen, die, mit Blick auf die Noten, die besseren und erfolgreicheren Studierenden waren. Oft habe ich mich gefragt, was uns unterscheidet und weshalb wir so verschiedene Entscheidungen treffen.

Vor einiger Zeit stieß ich auf ein Buch von Philip Zimbardo und John Boyd – „Die neue Psychologie der Zeit“ (2011), welches bei mir für einige Aha-Momente sorgte und mit dessen Hilfe ich einen Erklärungsansatz für das oben beschriebene und viele weitere Phänomene fand. Im Prolog ihres Buches führen Zimbardo und Boyd (2011) aus, dass das Leben im Prinzip um Entscheidungen dreht. Egal ob dies banale Entscheidungen sind, wie in etwa welchen Joghurt ich kaufe oder um existenzielle, welche Frau ich heirate oder welchen Beruf ich lernen möchte. Diese Entscheidungen finden ihren Ursprung in inneren Gedankengängen und entwickeln sich zu den Auslösern tatsächlichen Handelns. Zimbardo und Boyd (2011) nehmen die Komplexität aus dem Leben, in dem sie es auf zwei Arten von Handlungen herunterbrechen. Zum einen die Handlungen die wir durchführen und zum anderen jene, die wir unterlassen. Weiter erklären sie, dass jede dieser Handlungen, ob nun durchgeführt oder nicht, entweder zu positiven oder zu negativen Folgen, bestimmten Emotionen und zu Selbstwertgefühl führen. Haben wir etwas getan, was zu positiven Folgen führt, so empfinden wir Freude und Stolz. Haben wir etwas nicht getan und erkennen im Nachgang, dass wir es besser hätten tun sollen, so sehen wir uns mit Reue und Kummer konfrontiert. Für vernünftig und klug halten wir uns, wenn wir etwas nicht getan haben und sich später herausstellt, dass dies eine sehr gute Entscheidung war, weil wir negative Folgen vermeiden konnten. Haben wir dagegen etwas getan, was wir nicht hätten tun sollen (wie beispielsweise mehr als ein Getränk trinken, nicht 0 Uhr nach Hause gehen, damit die Prüfungsvorbereitung verschlafen und eine schlechte Prüfung zu schreiben), dann fühlen wir uns dumm und töricht.

Zimbardo und Boyd (2011) (und auch mich) interessiert vor allem, wie wir zu den Entscheidungen kommen, etwas zu tun oder etwas sein zu lassen. Denn mal ehrlich, wir wollen doch alle froh und stolz sein, wir wollen klug und vernünftig handeln und uns nicht dumm und töricht verhalten. Um diese mentale Dynamik zu erklären beschäftigen sich Zimbardo und Boyd (2011) mit einem Faktor, der unsere mentalen Entscheidungen häufig unbewusst beeinflusst – unsere einseitige Zeitperspektive. In der Psychologie bezeichnet der Begriff der Zeitperspektive den Prozess, mit dem wir unsere persönlichen Erfahrungen in zeitliche Kategorien einteilen. Diese Zeitperspektive ist ein Element der psychischen bzw. subjektiven Zeit, wie auch die empfundene Dauer eines Ereignisses, unser Gefühl für die Geschwindigkeitsveränderung eines Zeitverlaufs und das Gefühl des Zeitdrucks. Dem gegenüber steht die objektive Zeit, die wir als Uhrzeit bezeichnen und die objektiv messbar ist. Eine Stunde bleibt objektiv gesehen immer eine Stunde. Verbringen wir diese Stunde allerdings mit unseren Liebsten oder mit einem angenehmen Hobby, ist diese Stunde gefühlt deutlich schneller zu Ende als wenn wir eine Stunde in der unerbittlichen Kälte des Januars auf den Bus warten.

Zimbardo und Boyd (2011) haben herausgefunden, dass wir unsere Lebenserfahrung im allgemeinen in drei Kategorien einteilen: Das, was war – die Vergangenheit; das, was ist – die Gegenwart; und das, was sein wird – die Zukunft. Nun ist es so, dass die überwiegende Mehrheit von uns eine dieser drei Zeitzonen bei ihren Entscheidungen bevorzugt und dabei die anderen vernachlässigt. Diese einseitige Zeitperspektive entsteht, so Zimbardo und Boyd (2011), genau auf dieselbe Art, wie sich auch andere Vorurteile und Voreingenommenheiten bilden. Persönliche Erfahrungen, kulturelle Einflüsse, Bildung, soziale Schicht, Religion, Region und Klimazone in der wir leben, und andere Einflüsse schlagen sich auf unsere Perspektive auf die Zeit nieder. Einen großen Einfluss haben auch die Zeitperspektiven unserer sozialen Vorbilder, unserer Familie oder anderer Bezugsgruppen. Da wir diesen Einflüssen tagtäglich und unser Leben lang ausgesetzt sind und diese Teil unseres allgemeinen Alltagswissens werden, ist uns oft nicht klar, wie wir dazu kommen eine der großen Zeitkategorien, den anderen vorzuziehen.

Nun zurück zu der Frage nach der Grundlage von Entscheidungen. Während wir darüber nachdenken, wie wir uns entscheiden, sind wir bestimmten Einflüssen ausgesetzt. Ein Teil der Menschen ist hauptsächlich den Einflüssen ausgesetzt, die sie in ihrer unmittelbaren, gegenwärtigen Situation wahrnehmen. Das sind beispielsweise ihre biologischen Triebe, ihr soziales Umfeld, das was andere tun oder wozu sie von anderen gedrängt werden oder auch die sinnlichen Reize der Situation selbst. Treffen diese Menschen ihre Entscheidungen also häufig aufgrund der aktuellen Umstände, so bezeichnen Zimbardo und Boyd (2011) diese als gegenwartsorientiert.

Für andere Menschen, die in der gleichen Situation eine Entscheidung treffen, bedeutet die Gegenwart viel weniger. Diese Menschen erinnern sich eher an ähnliche Situationen, die sie bereits erlebt haben und daran, wie sie sich in dieser vergangenen Situation verhalten haben und welche Folgen ihre Entscheidungen hatten. Zimbardo und Boyd (2011) bezeichnen diese Menschen als vergangenheitsorientiert.

Ein dritter Persönlichkeitstyp ist, nach den beiden Psychologen Zimbardo und Boyd (2011) der zukunftsorientierte Mensch. Menschen mit dieser Zeitperspektive treffen ihre Entscheidungen aufgrund der erwarteten Konsequenzen und wägen Kosten sowie Nutzen der Entscheidungsmöglichkeiten ab. Im Extremfall tun sie nur dann etwas, wenn der Gewinn überwiegt.

Zimbardo und Boyd (2011) haben in jahrzehntelanger Forschungen herausgefunden, dass wir tagtäglich Entscheidungen treffen, die hinsichtlich einer der drei Hauptperspektiven gefärbt sind, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Für uns ist diese zeitspezifische Art zu entscheiden normal und alltäglich geworden, weil wir sie gewöhnt sind. In ihren unzähligen Untersuchungen konnten die beiden Forscher zeigen, dass die drei zeitlichen Hauptkategorien jeweils in zwei unterschiedliche Paare gegliedert sind.

Sind wir eher gegenwartsorientiert, so kann das entweder hedonistisch sein, also auf Genuss, Risikofreude und Nervenkitzel ausgelegt oder fatalistisch. Das bedeutet, wir geben uns unserem Schicksal hin und glauben daran, dass unser Leben ohnehin vorbestimmt ist und wir keinen Einfluss auf dessen Verlauf haben.

Entsprechen wir eher dem Persönlichkeitstyp der Vergangenheitsorientierten gibt es zum einen die positive Sicht auf die Vergangenheit. Diese ist geprägt durch angenehme Erinnerungen an die gute alte Zeit, Familienleben und Tradition. Dem gegenüber steht eine negative Sicht auf das Vergangene. Diese negative Haltung wird gespeist durch die Erinnerung an Missbrauch, Versagen und Reuegefühlen aufgrund verpasster Chancen.

Auf die Zukunft ausgerichtet zu sein, bedeutet für uns auf der einen Seite auf Ziele hinzuarbeiten, Termine einzuhalten und unsere Pläne umzusetzen. Auf der anderen Seite steht dabei die transzendentale Sicht auf die Zukunft. Diese erlangen wir dann, wenn für uns das spirituelle Leben nach dem körperlichen Tod das Wichtigste ist.

„Na toll,“ werden einige Leser nun vermutlich denken, „da haben die Herren Psychologen mal wieder einige Schubladen entdeckt, in die sie uns stecken können.“ Nun, das mag auf den ersten Blick so anmuten. Zimbardo und Boyd (2011) sind allerdings weit davon entfernt, solch eine Einteilung vorzunehmen. Ihr Test, der ZTPI (Zimbardo Time Perspective Inventory), lässt eher ein Profil über alle sechs Zeitperspektiven hinweg entstehen. Das bedeutet, die Zeitperspektiven schließen sich nicht gegenseitig aus. Ich kann sowohl positiv als auch negativ zukunftsorientiert sein. Ich kann sowohl positiv vergangenheitsorientiert als auch fatalistisch gegenwartsorientiert sein („Früher war es besser, da hatte ich mein Leben noch selbst in der Hand.“ Jede der sechs Perspektiven erhält ihren individuellen Score unabhängig von den anderen.

„Und was hat das alles mit mir zu tun?“

Nun, bestimmte Zeitperspektiven haben für uns eine positive Wirkung. Zukunftsorientierte Menschen sind beispielsweise in der Regel erfolgreicher. Überwiegt eine der Perspektiven allerdings extrem, so kann sich durchaus eine negative Folge daraus ergeben. Eine hoch ausgeprägte fatalistische Gegenwartsperspektive in Kombination mit einer negativen Vergangenheitsorientierung können Auslöser bzw. Indikatoren für eine Depression sein.

Auf der anderen Seite können diese unterschiedlichen Zeitperspektiven auch innerhalb von Beziehungen zu Konfliktauslösern werden. Stellen wir uns einen hedonistisch gegenwartsorientierten Ehemann vor, der alles Geld der Familie sofort „auf den Kopf haut“. Der stets sehr großzügig ist, dabei allerdings nicht an morgen denkt. Er ist verheiratet mit einer zukunftsorientierten Frau, die schon drei Urlaube im Voraus und die Altersvorsorge plant. Zwischen diesen beiden wird es tendenziell die ein oder andere Spannung geben. Oder stellen wir uns ein Team vor, dessen sechs Mitglieder alle sechs Zeitperspektiven einnehmen. Auch hier entsteht Konfliktpotential. Verstehen wir also, dass es Unterschiede zwischen den Menschen auch hinsichtlich ihrer Zeitperspektive gibt, fällt es uns möglichweise leichter aufeinander zu zugehen.

Zimbardo und Boyd (2011) sind der festen Überzeugung, dass die persönliche Zeitperspektive erlernt und damit auch veränderbar ist. Wir haben also die Chance unsere Perspektive zu wechseln und unsere Entscheidungsprozesse zu optimieren. Die beiden Psychologen haben ihr Buch natürlich nicht beendet, ohne die ideale Zeitperspektive zu benennen. Es überrascht kaum, dass dieses Ideal in einer Mischung aus verschiedenen Zeitperspektiven besteht:

  • stark ausgeprägte Zeitperspektive „positive Vergangenheit“
  • moderat ausgeprägte Zeitperspektive „Zukunft“
  • moderat ausgeprägte Zeitperspektive „Gegenwartshedonismus“
  • schwach ausgeprägte Zeitperspektive „negative Vergangenheit“
  • schwach ausgeprägte Zeitperspektive „fatalistische Gegenwart“

Nach Zimbardo und Boyd (2011) bringt diese Kombination drei entscheidende Vorteile mit sich:

Die positive Orientierung auf das Vergangene gibt uns Wurzeln. Aus dieser Vergangenheit schöpfen wir unser Verständnis von uns selbst. Sie gibt uns das Gefühl der Kontinuität und der Verbundenheit mit der Familie, der Tradition und unserem kulturellen Erbe.

Die Zukunftsperspektive lässt uns voller Hoffnung, Optimismus und Kraft nach vorn blicken. Sie verleiht uns Flügel, die uns zu unseren Zielen tragen und uns die Zuversicht geben unvorhergesehene Hürden zu überwinden.

Die hedonistische Gegenwartsperspektive gibt uns die Energie und die Lebensfreude. Diese Energie motiviert uns, andere Menschen, andere Orte und uns selbst zu erkunden. Außerdem öffnet dieser Gegenwartshedonismus unsere Sinne für die Natur und die Schönheit des Lebens.

Johannes Marquard

 

Literatur:

Zimbardo, P. G., & Boyd, J. (2011). Die neue Psychologie der Zeit und wie sie Ihr Leben verändern wird. (K. Petersen, Übers.) (Taschenbuchausg). Heidelberg: Spektrum, Akad. Verl.

Wenn man die Welt zum Einsturz bringen muss: über Todesnachrichten

Es gibt eine ganze Reihe von Situationen, die den meisten Menschen nie oder nur sehr selten passieren, im Berufsleben von Polizisten aber durchaus vorkommen, und die das Potential haben, psychische Belastungserscheinungen zu verursachen. Zu diesen Situationen gehören insbesondere:

  1. der Tod von Kollegen (Im Schnitt erlebt ein Polizeibeamter einmal im Laufe seiner Dienstzeit den Suizid eines Kollegen oder einer Kollegin.),
  2. die Bedrohung bzw. Gefährdung des eigenen Lebens und
  3. die Überbringung von Todesnachrichten (Bspw. waren in 2004 über 30.000 Todesnachrichten zu überbringen.) (Vgl. Lasogga 2016, S. 180)

Im Folgenden wird das Überbringen von Todesnachrichten ausführlicher dargestellt. Als Grundlage der Darstellungen dienen die entsprechenden Texte von Lasogga (2016, S. 204f.) und Rosenberg (2016). Insbesondere den letztgenannten Text möchte ich als beispielhaft hervorheben. Er stammt zwar nicht aus dem polizeilichen Kontext, ist aber hervorragend geschrieben und lässt sich m. E. recht einfach übertragen.

Mindestens genauso wichtig wie die Beachtung einiger Regeln beim Überbringen der Nachricht selbst ist die Vorbereitung. Gehen Sie in einen Raum, in dem Sie allein sind und in dem es einen Spiegel gibt. Zur Not tut es das Dienstfahrzeug. Schauen Sie sich im Spiegel an und sagen Sie mehrfach laut den Namen der Person, der Sie die Nachricht überbringen werden, und der Person, die gestorben ist. Formulieren Sie dann diejenigen Sätze, die Sie in dem Moment sagen werden, in dem Sie die Nachricht überbringen: „Frau …, ich habe schlimme Nachrichten. … ist heute gestorben.“ Nehmen Sie sich Zeit und wiederholen Sie diese Sätze, bis Sie sich vorbereitet fühlen. Dieses Gefühl werden Sie erkennen. Sprechen Sie nach dieser Übung, wenn es geht, wenig und telefonieren Sie nicht. Sie sind jetzt vorbereitet, „eingestellt“. Lassen Sie sich zum Zielort fahren. Nehmen Sie unbedingt eine Kollegin oder einen Kollegen mit – Sie überbringen zwar die Nachricht, aber machen Sie das bitte nicht allein. Überbringen Sie Todesnachrichten niemals telefonisch.

„Zuerst holst du deinen Kittel. Es interessiert mich nicht, wenn du nicht mehr weißt wo du ihn liegen gelassen hast, du findest ihn. Wenn viel Blut im Spiel war bittest du jemanden, schnell in den Keller zu gehen und dir einen neuen Kittel zu holen. Du ziehst deinen Kittel an und gehst zur Toilette. Du schaust in den Spiegel und du sagst es. Du benutzt den Namen der Mutter und du benutzt den Namen ihres Kindes. Du darfst diesen Teil auf keinen Fall verändern.

Ich zeige es dir: Wenn es meine Mutter wäre, würdest du sagen: ‚Frau Rosenberg. Ich habe ganz schreckliche Nachrichten. Naomi ist heute gestorben.‘ Du sagst es laut bis du es klar und deutlich sagen kannst. Wie laut? Laut genug. Wenn du weniger als fünf Versuche brauchst, dann machst du es zu schnell und wirst es nicht richtig machen. Du nimmst dir die Zeit, die du brauchst.

Nach der Toilette tust du nichts bevor du zu ihr gehst. Du telefonierst nicht, du sprichst nicht mit dem Medizinstudenten, du schaffst keine Ordnung. Du lässt sie niemals warten. Sie ist seine Mutter.

Wenn du in den Raum kommst, wirst du wissen wer die Mutter ist. Ja, da bin ich mir ganz sicher. Gib ihr die Hand und sag ihr wer du bist. Wenn du Zeit hast, gibst du jedem die Hand. Ja, du wirst wissen ob du Zeit hast. Du stehst niemals. Wenn kein Platz mehr frei ist, dann haben die Sofas auch Armlehnen.“ (Rosenberg 2016)

Stellen Sie sicher, dass Sie die richtige Person ansprechen, auch wenn die angesprochene Person bei der Frage, ob sie … ist, vielleicht ahnt, dass eine schreckliche Nachricht auf sie zukommt. Verwenden Sie kurze und einfache Sätze. Bereiten Sie Ihr Gegenüber auf eine „schlimme“ oder „schreckliche Nachricht“ vor. Verwenden Sie anstelle „ermordet“ oder „verunglückt“ immer „gestorben“. Sagen Sie nie „Leiche“ sondern „Ihr Mann“ oder „Ihre Tochter“. Und es handelt sich in diesem Fall auch nicht um eine „Obduktion“, sondern um eine „Untersuchung“. Bringen Sie vorher so viele Informationen wie möglich in Erfahrung, um mögliche Fragen zu beantworten. Lügen Sie nicht, sagen Sie aber nichts, nach dem Sie nicht gefragt werden. Nehmen Sie sich Zeit. Planen Sie mindestens 30 Minuten, besser eine bis zwei Stunden ein. Sie werden merken, wann Sie wieder gehen können.

Versuchen Sie, Blickkontakt zu halten. Schauen Sie weg und sehen Sie wieder hin. Auch wenn das schwer ist. Sehen Sie wieder hin. Sie sind das „Echo“, das „Gegenüber“ des Moments, in dem der (mögliche) Schock stattfindet. Nicht Sie als Person sind hier gefragt. Sie können ohnehin nichts „machen“. Ihre Präsenz ist gefragt. Das ist ein Unterschied: Sie sollen nichts „machen“, sondern Sie sollen die Nachricht überbringen und anschließend „da“ sein, gegebenenfalls Fragen beantworten. Bleiben Sie ruhig und seien Sie da. Das reicht. Schauen Sie hin. Warten Sie. Schauen Sie weg. Zählen Sie die Sekunden, beobachten Sie irgendwelche Muster auf der Tischdecke oder zählen Sie die Vögel, die am Fenster vorbei fliegen. Schauen Sie wieder hin. Atmen Sie. Seien Sie da. Es ist nicht schlimm, wenn 30 Sekunden oder länger nichts gesagt wird. Sie hören dann schon die Frage. Dann können Sie wieder loslegen. Dann haben Sie wieder etwas zu tun. Faustregel: alles, was stabilisiert, ist hilfreich. Nach Suiziden sind „Schuldfragen“ der Angehörigen zugunsten der Fragenden zu beantworten: „Nein, ich denke nicht, dass Sie Schuld haben.“

Sprechen Sie in Hauptsätzen und seien Sie da. Richten Sie die Aufmerksamkeit nach dem unmittelbaren Schock zunächst auf die Fragen der Angehörigen. Noch einmal: lügen Sie nicht, aber sagen Sie nur das, worum Sie wirklich gebeten werden. Auch wenn das nach Ihrem Gefühl zu halben Wahrheiten führt. Es ist nicht „Ihre Wahrheit“ und es geht auch nicht um „objektive Wahrheit“. Es geht um das, was in so einem Moment hilfreich ist. Richten Sie Ihr Augenmerk auf ganz praktische Dinge. Es geht bei der Bewältigung von Krisen um die unmittelbaren nächsten Schritte. Während das Bewusstsein eines Menschen unter Schock steht, hilft die Thematisierung ganz praktischer Dinge, die nächsten Schritte zu machen bzw. zu planen. Die (unausgesprochene und auch nicht auszusprechende, schon gar nicht von Ihnen!) stabilisierende Erfahrung der Betroffenen: es gibt Schritte zu gehen, Dinge zu tun.

„Du wirst entscheiden müssen, ob du sie fragst was sie bereits weiß. Wenn du sie angerufen hast und ihr gesagt hast, dass ihr Sohn angeschossen wurde, dann hast du bereits einen Teil erledigt, aber du bist noch nicht fertig. Du wirst es jetzt machen. Du lässt sie niemals warten. Sie ist seine Mutter. Jetzt lässt du die Welt einstürzen. Ja, du musst. Du sagst so etwas wie: ‚Frau Schmidt. Ich habe ganz schreckliche Nachrichten. Thomas ist heute gestorben.‘

Dann wartest du.

Du stehst nicht auf. Du kannst dich auf die Schwere deines Atems oder das Rasen deines Pulses oder den Anblick deiner Schnürsenkel an deinem Schuh konzentrieren, doch du stehst nicht auf. Du bist für sie da. Sie ist seine Mutter.

Wenn die Mutter einen anderen Sohn dabei hat und er ein Loch in die Wand geschlagen oder den Stuhl zerschlagen hat, mach dir keine Gedanken. Der, der ein Loch in die Wand geschlagen oder den Stuhl zerschlagen hat, wird besser sein als der, der nach unten schaute und sich weigerte zu weinen. Der, der ein Loch in die Wand geschlagen oder den Stuhl zerschlagen hat, wird viel einfacher sein, als die Schwester, die nach oben sieht und ihre Augen schließt, während sie sich mit Tränen füllen.“ (Rosenberg 2016)

Sie werden es mit den Reaktionen der Betroffenen zu tun bekommen, wobei das Spektrum von starken emotionalen Reaktionen bis hin zur Leugnung reichen kann. Beides sind Trauerepisoden, wobei die unmittelbare Reaktion als „direktere“ Trauerreaktion verstanden werden kann und die „stoische Leugnung“ dafür spricht, dass die betreffende Person womöglich einen längeren Trauerweg zu gehen haben wird. Aber das tut nichts zur Sache: beide Reaktionen sind natürlich und verständlich, und es ist nicht an Ihnen, die Reaktionen in Frage zu stellen. Wenn jemand regelrecht zusammenbricht, sollten Sie fragen, was oder wen die betreffende Person jetzt braucht. Wenn niemand zum Umarmen da ist, aber eine Umarmung hilfreich wäre, übernehmen Sie das – aber bitte nur von Mann zu Mann oder Frau zu Frau und auch nur, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen. Es ist deshalb gut, wenn Todesnachrichten von einer Polizistin und einem Polizisten überbracht werden.

Es gibt noch eine dritte, aber seltenere Gruppe von Reaktionen. Die Betroffenen reagieren dann sehr gelassen – die Nachricht trifft sie nicht nur scheinbar nicht, sondern tatsächlich nicht. Das ist der Fall, wenn die Angesprochenen ihren Trauerprozess bereits bewältigt haben – etwa indem sie sich Jahre vorher schon losgesagt oder anderweitig abschließend von der gestorbenen Person getrennt haben.

Manchmal gibt es Fragen, die Sie mit Nein beantworten müssen oder zu denen Sie keine Auskunft geben dürfen. Bleiben Sie dann – ebenso sanft wie konsequent – bei Ihrer Version der Dinge. Sätze wie „Dazu kann und möchte ich Ihnen nichts sagen.“ tun, wenn Sie wiederholt (Drei Mal muss nicht genug sein!) und ruhig vorgetragen werden, irgendwann ihre Wirkung. Lassen Sie sich von der emotionalen Situation an dieser Stelle nicht mitreißen. Von Ihnen wird ruhige Präsenz und Sicherheit im Auftreten erwartet. Verdeutlichen Sie, wie der Gang der Dinge ist. Wiederholen Sie das in anderen Worten bei der gleichen Frage noch einmal. Lenken Sie die Aufmerksamkeit auf praktische Dinge, auf die nächsten zu gehenden Schritte.

„Wenn sie dich fragt, wirst du ihr erzählen, was du weißt. Du lügst nicht. Aber sag nicht, dass er ermordet oder getötet wurde. Ja, ich weiß, dass er es wurde, aber das wirst du nicht sagen. Du sagst, dass er gestorben ist; das ist der Teil, bei dem du dabei warst und den du kennst. Wenn sie fragt, ob er Schmerzen hatte, musst du sehr vorsichtig sein. Wenn nicht, versicherst du es ihr schnell. Wenn ja, lügst du nicht. Aber sein Schmerz ist jetzt vorbei. Sag niemals, dass er Glück hatte, dass er keine Schmerzen hatte. Er hatte kein Glück. Sie hat kein Glück. Mach nicht dieses Gesicht. Das Ausmaß der Blödheit der Dinge, die du manchmal sagen wirst, ist unvorstellbar.

Bevor du gehst, brichst du ihr noch einmal das Herz. ‚Nein, es tut mir sehr leid, aber Sie können ihn nicht sehen. Wenn eine Person auf diese Weise stirbt, gibt es strenge Vorschriften und die Polizei muss ihn zuerst sehen. Wir können Sie nicht reinlassen. Es tut mir so leid.‘ Du sagst niemals ‚die Leiche‘. Es ist keine Leiche. Es ist ihr Sohn. Du möchtest ihr sagen, dass du weißt, dass er ihrer war. Aber sie weiß das und braucht dich nicht, um es ihr zu sagen. Stattdessen sagst du ihr, dass du ihr Zeit gibst und dass sie wiederkommen kann, falls sie Fragen hat. Mehr Fragen oder erste Fragen. Wenn sie keine Fragen hat, gibst du ihr nicht die Antworten auf die Fragen, die sie nicht gestellt hat.“ (Rosenberg 2016)

Lassen Sie eine Person nach dem Überbringen einer Todesnachricht nach Möglichkeit nicht allein. Warten Sie notfalls so lange, bis Angehörige, Freunde oder Geistliche eingetroffen sind.

*

Die Zitate stammen aus einem Gastbeitrag mit dem Titel „How to Tell a Mother Her Child is Dead“ in der New York Times vom 3. September 2016. Die Autorin, Naomi Rosenberg, ist Ärztin in der Notaufnahme am Temple University Hospital in Philadelphia (USA). Die hier zitierten Passagen des Originalbeitrags wurden zum Zwecke der Darstellung in diesem Beitrag übersetzt. Hier finden Sie den Originalbeitrag.

Jörg Heidig

Psychische Störungen

Was sind psychische Störungen?

Psychische Störungen (=psychische Krankheiten) sind signifikante/bedeutende Einschränkungen (a) der Wahrnehmung oder des Denkens, (b) der Regulation von Emotionen oder (c) des Handelns bzw. Verhaltens einer Person (vgl. Hermanutz & Hermanutz 2016, S. 212).

„Psychische Störungen beinhalten Beeinträchtigungen in Emotionen, Verhalten oder Denkprozessen, die zu persönlichem Leidensdruck führen oder die Fähigkeit einer Person blockieren, wichtige Ziele zu erreichen.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 653)‏

Wie häufig kommen psychische Störungen vor?

Psychische Krankheiten treten relativ häufig auf. Repräsentative Untersuchungen legen nahe, dass innerhalb eines Kalenderjahres etwa jeder vierte (27,7 Prozent; vgl. Hermanutz & Hermanutz 2016, S. 213) oder sogar jeder dritte Deutsche (33,3 Prozent; vgl. Wittchen & Jacobi 2012, S. 12) an einer psychischen Krankheit leidet, wobei Frauen etwas häufiger betroffen sind als Männer (etwa eine von drei Frauen hatte innerhalb der letzten 12 Monate vor dem Untersuchungszeitraum mindestens eine psychische Störung, bei Männern betraf das einen von vier). Die häufigste Störungsform sind so genannte „Störungen durch Substanzgebrauch“, wobei hier auch das Rauchen mitgezählt wird. Die ansonsten häufigsten Krankheitsformen in dieser Gruppe sind Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit, wobei auf eine alkoholkranke Frau mindestens drei alkoholkranke Männer kommen (Hermanutz & Hermanutz 2016, S. 213; Wittchen & Jacobi 2012, S. 10). Störungen, die durch Angst ausgelöst werden, folgen an zweiter Stelle. Die dritthäufigste Form psychischer Krankheiten sind Störungen der Gestimmtheit, so genannte „affektive Störungen“, wobei die Depression (Fachbegriff: Major Depression) mit etwa 60 Prozent aller Fälle die mit Abstand häufigste Störungsform in dieser Gruppe darstellt. Für eine Übersicht zu den einzelnen Störungshäufigkeiten siehe Wittchen & Jacobi (2012).

Welche Klassifikationssysteme gibt es für psychische Störungen und wozu dienen sie?

Die Teildisziplin der Psychologie, die sich mit psychischen Krankheiten beschäftigt, wird „Klinische Psychologie“ genannt. Eine Klassifikation psychischer Störungen ist notwendig, um psychologische Diagnosen zu ermöglichen. Bei psychologischen Diagnosen handelt es sich in der Regel um wissenschaftlich gesicherte Interpretation von Beobachtungen. Hierin besteht ein wesentlicher Unterschied zu medizinischen Diagnosen, die auf Befunden beruhen. Als Grundlage zur Diagnose psychischer Störungen dienen zwei bekannte Klassifikationssysteme:

  • DSM: Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders (derzeitige Version: DSM-IV-TR; Entwickler: American Psychiatric Association)‏
  • ICD: International Classification of Diseases (derzeitige Version: ICD-10; Entwickler: Weltgesundheitsorganisation)‏

Funktionen dieser Klassifikationssysteme:

  • einheitliche Fachbegriffe als Grundlage für Praktiker
  • Verständnis der Entstehung einer Störung
  • Übersicht zu Behandlungsmöglichkeiten

Was ist der Unterschied zwischen Neurosen und Psychosen? Werden diese Begriffe heute noch verwendet?

Die Unterscheidung zwischen Neurose und Psychose wurde vor langer Zeit aufgegeben, trotzdem sind die Begriffe noch sehr verbreitet. Neurotische Störungen, auch als Neurosen bezeichnet, wurden ursprünglich als relativ verbreitete psychische Probleme begriffen, bei denen eine Person keine Anzeichen einer Gehirnauffälligkeit aufwies, nicht durch stark irrationales Denken auffiel und nicht grundlegende gesellschaftliche Normen verletzte. Aber die Person stand unter subjektivem Leidensdruck, zeigte selbstschädigende Verhaltensweisen oder unangemessene Bewältigungsstrategien. Psychotische Störungen, auch als Psychosen bezeichnet, ließen sich von Neurosen hinsichtlich der Art ihrer Merkmale und des Schweregrades der mit ihnen verbundenen Probleme abgrenzen. Man glaubte, dass psychotisches Verhalten stark von den gesellschaftlichen Normen abweicht und von einer tiefen Störung des rationalen Denkens, der Emotionen und der Denkprozesse begleitet wird.

Welche Formen psychischer Störungen gibt es?

Folgende Hauptformen psychischer Störungen werden unterschieden:

  • Substanzinduzierte Störungen
  • Angststörungen
  • Affektive Störungen
  • Dissoziative Störungen
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Schizophrenie

Im Folgenden soll auf die bisher genannten Störungen näher eingegangen werden. Kriterien zur Auswahl der näher dargestellten Störungsformen waren (a) ihre relative Häufigkeit und (b) ihre Handlungsrelevanz im Rahmen von Polizeieinsätzen.

Weitere Formen, die hier aber keine nähere Betrachtung finden, sind:

  • Somatoforme Störungen „beinhalten körperliche Symptome, wie Lähmungen oder Gliederschmerzen, die ohne eine konkrete körperliche Ursache auftreten. In diese Kategorie fällt zum Beispiel auch jene Störung, die man früher als Hysterie bezeichnete.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 666)‏
  • Sexuelle Störungen: „Unter sexuellen Störungen versteht man Probleme durch sexuelle Hemmungen oder Fehlfunktionen wie auch abweichende sexuelle Praktiken.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 666)
  • Essstörungen (bspw. Anorexie oder Bulimie)‏

Was sind substanzinduzierte Störungen?

Substanzinduzierte Störungen „umfassen sowohl Abhängigkeit als auch Missbrauch von Alkohol und Drogen (einschließlich Medikamente)“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 666)‏. Die herkömmlichen Definitionen schließen auch Nikotinabhängigkeit mit ein. Raucher eingerechnet sind 16,6 Prozent der deutschen Bevölkerung im Messzeitraum eines Jahres von substanzinduzierten Störungen betroffen. Ohne Raucher (also im Wesentlichen: Alkohol, Drogen, Medikamente) beträgt der Anteil 5,7 Prozent aller Störungsfälle. Innerhalb dieser Gruppe bilden Alkoholmissbrauch und -sucht mit 4,6 Prozent aller Störungsfälle die mit Abstand größte Gruppe. Die Wirkung exzessiven Substanzkonsums besteht bei Alkohol ebenso wie bei Opioiden, Amphetaminen, Kokain und Cannabis und in schwächerer Form auch bei Nikotin und Koffein in der direkten Aktivierung des neuronalen Belohnungssystems. Diese Aktivierung kann so stark sein, dass sonstige Lebensaktivitäten vernachlässigt werden. (Vgl. Hermanutz & Hermanutz 2016)

Es besteht ein starker Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Gewalttätigkeit. Alkohol wirkt angstmindernd und enthemmend (sowohl was Agrressionen als auch sexuelles Verhalten betrifft). Da berauschte Personen verstärkt zum Angriff auf Polizeibeamte neigen, die bekannten Deeskalationsstrategien (Ignorieren von Provokationen, ruhige Körpersprache, sachliches Erklären) aber in der Regel nicht wirken (Enthemmung), sind besondere Vorsicht und erhöhter Selbstschutz geboten: „Während des direkten Kontaktes mit berauschten Personen sollte stets die Eigensicherung erhöht werden, beispielsweise sollte auf genügend Abstand und auf die Hände des ‚Störers‘ geachtet werden (…). Wenige Fragen oder Aufforderungen helfen, die Aufmerksamkeit des Betroffenen zu prüfen:

  1. Die berauschte Person sollte gegebenenfalls gebeten werden, sich in einen sitzenden Zustand zu begeben oder ihre Position zu ändern,
  2. ihre Hände sichtbar zu machen und
  3. eventuelle Gegenstände wegzulegen.

Wird auf mehrmalige Ansprache hin keine Reaktion ersichtlich und dem Polizeibeamten schon hier eine negative Reaktion entgegengebracht, etwa in Form gegenteiligen Handelns, so ist ein Zugriff anzudrohen und gegebenenfalls im Rahmen der rechtlichen Vorgaben auch durchzuführen.“ (Hermanutz & Hermanutz 2016, S. 222)

Was sind Angststörungen und welche Arten von Angststörungen gibt es?

Schätzungen haben ergeben, dass etwa 25 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens bereits einmal Symptome erlebt haben, die charakteristisch für eine der zahlreichen Angststörungen (Kessler et al., 1994) sind. Angst spielt eine Schlüsselrolle bei jeder dieser Störungen. Sie unterscheiden sich jedoch im Umfang des Angsterlebens, im Schweregrad der erlebten Angst und in den Situationen, welche die Angst auslösen.

Eine generalisierte Angststörung wird diagnostiziert, wenn eine Person über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten hinweg ein andauerndes Gefühl der Ängstlichkeit und der Besorgtheit erlebt, ohne dass dabei eine reale Bedrohung auszumachen wäre. Die Ängstlichkeit konzentriert sich meistens auf bestimmte Lebensumstände, wie beispielsweise unnötige Sorgen über die eigenen Finanzen oder den Gesundheitszustand einer geliebten Person. Die Art, wie die Angst zum Ausdruck kommt – die spezifischen Symptome also –, variiert sehr stark zwischen den einzelnen Betroffenen.

Im Gegensatz zur ständig präsenten Angst bei der generalisierten Angststörung erleben die Betroffenen einer Panikstörung unerwartete schwere Panikattacken, die jedoch nur wenige Minuten andauern. Die Attacken beginnen mit einem Gefühl starker Besorgnis, Furcht oder Schrecken. Begleitet werden diese Angstgefühle von körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Schwindel, Benommenheit oder Erstickungsgefühlen. Die Attacken sind unerwartet in der Hinsicht, dass es zumeist in der entsprechenden Situation keinen konkreten Auslöser gibt. Eine Panikstörung wird diagnostiziert, wenn eine Person wiederholt unerwartet von Panikattacken befallen wird und sie beginnt, sich andauernd Sorgen darüber zu machen, dass sie möglicherweise weiterhin von solchen Attacken befallen wird. Nach dem DSM-IV-TR muss diagnostiziert werden, ob die Panikstörung einzeln oder gemeinsam mit einer Agoraphobie auftritt.

Furcht ist eine rationale Reaktion auf eine objektiv vorhandene und erkannte Gefahr (z. B. Feuer in der Wohnung oder ein Raubüberfall), die bei einer Person entweder zu Flucht oder zu einem Gegenangriff führen kann. Im Gegensatz dazu leidet eine Person mit einer Phobie an einer beständigen und irrationalen Angst vor einem spezifischen Objekt, einer bestimmten Aktivität oder einer bestimmten Situation, die angesichts der tatsächlichen Bedrohung stark übertrieben und unbegründet ist. Das DSM-IV-TR nennt zwei Kategorien von Phobien: soziale Phobien und spezifische Phobien. Soziale Phobie ist die beständige, irrationale Angst, die bei der Antizipation öffentlicher Situationen entsteht, in denen eine Person von anderen beobachtet werden kann. Eine Person mit einer sozialen Phobie befürchtet, dass sie sich in einer peinlichen Art und Weise verhalten könnte. Spezifische Phobien treten als Reaktion auf viele verschiedene Typen von Objekten und Situationen auf. Beispiel für eine spezifische Phobie: Als Agoraphobie bezeichnet man die Angst vor öffentlichen Plätzen oder großen Räumen, wo ein Rückzug oder eine Flucht nur schwer möglich ist oder peinlich wäre. Personen, die an Agoraphobie leiden, vermeiden gewöhnlich Orte wie überfüllte Räume, Einkaufszentren, Busse oder Autobahnen. Häufig haben sie Angst, dass, falls sie außerhalb ihres Zuhauses in Schwierigkeiten geraten, zum Beispiel ihren Harndrang nicht mehr kontrollieren können oder von einer Panikattacke befallen werden, keine Hilfe verfügbar oder die Situation für sie peinlich wäre.

Zwangsstörungen werden von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen begleitet. Zwangsgedanken sind Ideen, Bilder oder Impulse (wie beispielsweise die Meinung einer Person, sie sei schmutzig), die trotz der Versuche der betroffenen Person, sie zu unterdrücken, immer wieder auftreten oder beständig vorhanden sind. Zwangsgedanken werden als ungewollter Übergriff auf das Bewusstsein erlebt. Sie erscheinen sinnlos und widerwärtig und sind für die betroffene Person inakzeptabel. Zwangshandlungen sind wiederholte, zweckorientierte Handlungen, die nach bestimmten Regeln oder in ritualisierter Art und Weise als Reaktion auf bestimmte Zwangsgedanken ausgeführt werden. Zwangshandlungen werden ausgeführt, um Unbehagen, das mit bestimmten gefürchteten Situationen einhergeht, zu verringern. Sie sind entweder unvernünftig oder eindeutig übertrieben. Typische Zwangshandlungen: Drang zu reinigen; Drang zu überprüfen, ob wirklich alle Lichter ausgeschaltet sind; Objekte oder Besitztümer zählen.

Eine posttraumatische Belastungsstörung ist durch ständiges Wiedererleben der traumatischen Ereignisse in Form von leidvollen Erinnerungen, Träumen, Halluzinationen und Flashbacks gekennzeichnet. Personen entwickeln eine posttraumatischen Belastungsstörung als Reaktion auf eine Vergewaltigung, andere lebensbedrohliche Ereignisse, schwere Verletzungen oder Naturkatastrophen. Personen können eine posttraumatische Belastungsstörung sowohl dann entwickeln, wenn sie selbst Opfer der traumatischen Ereignisse waren, als auch, wenn sie Zeugen wurden, wie andere Opfer solcher Ereignisse wurden. Menschen, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, leiden sehr wahrscheinlich auch gleichzeitig an anderen psychischen Störungen, wie zum Beispiel Depressionen, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit oder sexuellen Fehlfunktionen.

Was sind affektive Störungen und welche Arten gibt es?

Eine affektive Störung ist eine Störung des emotionalen Gleichgewichts, wie beispielsweise eine schwere Depression oder der abrupte Wechsel von einer Depression zu einer Manie.

Die Depression wurde einmal als die ‚gewöhnliche Erkältung der Psychopathologie’ bezeichnet, weil sie einerseits sehr häufig auftritt und andererseits beinahe jeder im Verlauf seines Lebens einmal an einzelnen Symptomen der Störung leidet. Kennzeichen einer Depression sind starke Selbstzweifel verbunden mit Gefühlen der Wertlosigkeit und Gedanken an Suizid (bisweilen auch Suizidversuche), eine traurige, hoffnungslose Stimmung in Kombination mit sinkendem Interesse an Freunden und Aktivitäten jeder Art, Schlaflosigkeit oder zu viel Schlaf, verringerter Appetit (oft verbunden mit Gewichtsverlust), verlangsamte Motorik, verringerte Konzentrations- und Denkfähigkeit (oft verbunden mit Vergesslichkeit).

Bipolare Störungen sind durch einen Wechsel von Phasen schwerer Depression und manischen Episoden gekennzeichnet. Eine Person in einer manischen Episode erlebt eine ungewöhnlich gehobene Stimmung und verhält sich sehr expansiv. Manchmal ist die dominierende Stimmung aber auch eher gereizt als gehoben, insbesondere, wenn die Person sich in irgendeiner Weise eingeschränkt fühlt. Während einer manischen Episode empfindet die Person häufig ein übermäßiges Selbstwertgefühl und einen unrealistischen Glauben daran, über bestimmte Fähigkeiten und Kräfte zu verfügen. Sie hat ein stark verringertes Schlafbedürfnis und beschäftigt sich übermäßig mit Arbeit, sozialen Aktivitäten oder Freizeitaktivitäten. In einer manischen Stimmung gefangen, zeigt die Person unverhältnismäßigen Optimismus, geht unnötige Risiken ein, verspricht alles und gibt unter Umständen alles her, was sie besitzt. Bipolare Störungen sind viel seltener als schwere depressive Störungen. Sie treten nur bei etwa 1,6 Prozent der Erwachsenen auf und sind zwischen Männern und Frauen in etwa gleich verteilt.

Was sind dissoziative Störungen?

Eine dissoziative Störung ist eine Unterbrechung der Integration von Identität, Gedächtnis und Bewusstsein. Es ist wichtig für Menschen, die Kontrolle über das eigene Verhalten zu erleben, einschließlich der Emotionen, Gedanken und Handlungen. Von großer Bedeutung für diese Wahrnehmung der Selbstkontrolle ist das Gefühl der Individualität – der Konsistenz verschiedener Aspekte des Selbst und der Kontinuität der Identität über Zeit und Raum hinweg. Psychologen glauben, dass in dissoziativen Zuständen die betroffenen Personen vor ihren Konflikten fliehen, indem sie diese wertvolle Konsistenz und Kontinuität aufgeben – in gewisser Weise einen Teil von sich selbst verleugnen. Das Vergessen wichtiger persönlicher Erfahrungen, ausgelöst durch psychische Faktoren und ohne das Vorhandensein einer organischen Fehlfunktion, ist ein Beispiel einer Dissoziation. Man nennt dies dissoziative Amnesie.

Die dissoziative Identitätsstörung, früher als multiple Persönlichkeitsstörung bezeichnet, ist eine dissoziative psychische Störung, bei der innerhalb eines Individuums zwei oder mehr eigenständige Persönlichkeiten existieren. Zu einem bestimmten Zeitpunkt dominiert immer eine der Persönlichkeiten das Verhalten. Die dissoziative Identitätsstörung wird im Volksmund auch Persönlichkeitsspaltung und fälschlicherweise manchmal auch Schizophrenie genannt, eine Störung, bei der die Persönlichkeit zwar oft beeinträchtigt ist, sich jedoch nicht in verschiedene Identitäten aufteilt. Bei der dissoziativen Identitätsstörung steht jede der Persönlichkeiten in einem bedeutsamen Kontrast zum ursprünglichen Selbst – sie ist vielleicht extravertiert, wenn die Person eher schüchtern ist, stark, wenn die ursprüngliche Persönlichkeit schwach ist, sexuell bestimmend, wenn die andere ängstlich und sexuell zurückhaltend ist. Jede Persönlichkeit hat eine eigene Identität, einen Namen und ein Verhaltensmuster. In manchen Fällen können Dutzende von Charakteren gleichzeitig auftreten, um einer Person in einer schwierigen Lebenssituation zu helfen. Typischerweise sind Opfer mit dissoziativer Identitätsstörung Frauen, die von schweren sexuellen oder körperlichen Misshandlungen durch Eltern, Verwandte oder enge Freunde berichten, wobei die Misshandlungen über einen langen Zeitraum während ihrer Kindheit erfolgten.

Was sind Persönlichkeitsstörungen?

Eine Persönlichkeitsstörung ist ein lang anhaltendes (chronisches), unflexibles, fehlangepasstes Muster der Wahrnehmung, des Denkens oder des Verhaltens. Solche Muster können die betroffene Person bei der Bewältigung ihres alltäglichen Lebens in sozialen und beruflichen Kontexten stark beeinträchtigen und großes Leid hervorrufen. Persönlichkeitsstörungen treten gewöhnlich erstmals in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter auf. Der DSM-IV-TR unterscheidet zehn Persönlichkeitsstörungen. Für die Polizei erscheinen vor allem zwei Persönlichkeitsstörungen handlungsrelevant – die paranoide Persönlichkeitsstörung und vor allem die antisoziale Persönlichkeitsstörung. Zum besseren Verständnis bzw. als Beispiele werden auch zwei weitere Störungen beschrieben.

Menschen mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung zeigen ein durchgängiges Muster von Misstrauen und Verdächtigungen über die Beweggründe von Menschen, mit denen sie in Kontakt stehen. Menschen, die an dieser Störung leiden, vermuten ständig, andere Menschen wollten ihnen schaden oder sie täuschen. Sie finden versteckte, unerfreuliche Bedeutungen in völlig harmlosen Situationen. Sie erwarten von ihren Freunden, Lebensgefährten oder Partnern, dass diese sich illoyal verhalten.

Die antisoziale Persönlichkeitsstörung ist durch durchgängig unverantwortliche oder gesetzeswidrige Verhaltensmuster gekennzeichnet, welche die sozialen Normen verletzen. Lügen, stehlen und sich prügeln sind gängige Verhaltensweisen. Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung empfinden keine Scham oder Reue bei ihren verletzenden Handlungen. Die Verletzung sozialer Normen beginnt schon früh in ihrem Leben – sie stören im Klassenzimmer, prügeln sich und laufen von zu Hause weg. Die Rechte anderer interessieren sie nicht. Die antisoziale Persönlichkeitsstörung tritt häufig zusammen mit anderen Störungen auf. In einer Studie wurde beispielsweise bei etwa 25 Prozent der Personen, die als opiatabhängig eingestuft wurden (z. B. Opium, Morphium und Heroin), auch eine antisoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.

Die histrionische Persönlichkeitsstörung ist durch übermäßige Emotionalität und das Heischen nach Aufmerksamkeit gekennzeichnet. Menschen mit dieser Störung möchten immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Wenn das nicht der Fall ist, tun sie unter Umständen etwas völlig Unangemessenes, nur um wieder in den Mittelpunkt zu gelangen. Betroffene äußern ihre Meinung zu einem Thema oft mit großer Dramatik, haben jedoch häufig nur wenige Belege, um sie zu stützen. Auch reagieren sie beim geringsten Anlass oft übermäßig emotional.

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung haben ein übertriebenes Gefühl ihrer eigenen Bedeutung. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit Erfolgs- und Machtphantasien und haben ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung. Diese Menschen haben häufig Probleme mit Beziehungen. Sie nehmen vieles für sich selbst in Anspruch, ohne im Gegenzug Verpflichtungen nachzukommen, nutzen andere für ihre Zwecke aus und haben Schwierigkeiten damit, die Empfindungen anderer nachzuvollziehen.

Was ist Schizophrenie?

Die Schizophrenie ist eine ernsthafte Störung der seelischen Gesundheit und kommt wahrscheinlich am ehesten dem nahe, was man gemeinhin unter dem Wort „Wahn“ versteht. Die (kulturinvariante) Auftrittswahrscheinlichkeit beträgt ca. ein Prozent der Weltbevölkerung. Mit der Schizophrenie sind extrem hohe Kosten verbunden, in Nordamerika mehr als alle Krebserkrankungen zusammen. Wörtlich bedeutung Schizophrenie etwa „gespaltener Geist“ (schizo ~ „ich spalte“; phrenos ~ „der Geist“). Damit wird jedoch nicht etwa die weiter oben beschriebene dssoziative Störung der „multiplen Persönlichkeit“ bezeichnet.

Symptome der Schizophrenie:

  • Formale Denkstörung: ungeordnetes, vernunftwidriges Denken (wahrscheinlich das wichtigste Symptom). Betroffene haben große Probleme, Gedanken logisch zu ordnen, haben ständig neue Assoziationen und verwenden oft Reime anstelle sinnvoller Worte.
  • Wahnvorstellungen: „Wahnvorstellungen sind Gedanken oder Überzeugungen, die zu den realen Tatsachen offensichtlich widersprüchlich sind. Verfolgungswahn ist der Irrglaube, andere hätten sich gegen den Betroffenen verschworen.“ (Carlson 2004, S. 626)
  • Halluzinationen: „Bei Halluzinationen, dem dritten (…) Symptom von Schizophrenie handelt es sich um Wahrnehmungen von Dingen, die aktuell nicht präsent sind. Die häufigste Fehlwahrnehmung sind akustische Halluzinationen, wobei aber auch alle anderen Sinnesmodalitäten betroffen sein können.“ (Carlson 2004, S. 626) Beispiel: Olfaktorische Halluzinationen können zu der Vermutung beitragen, andere Leute würden versuchen, die Betroffene vermittels Giftgases umzubringen.
  • Weitere Symptome: sozialer Rückzug, abgeschwächte Emotionen, „arme“ Sprache, fehlende Initiative, Anhedonie (= die Unfähigkeit, Vergnügen zu erleben).

Schizophrenie hat sehr wahrscheinlich genetische Ursachen: „Sowohl in Adoptionsstudien als auch in Zwillingsuntersuchungen wurde die Erblichkeit von Schizophrenie belegt. Sie ist einer der überzeugendsten Belege dafür, dass Schizophrenie eine biologische Störung ist“ (Carlson 2004, S. 626). Schizophrenie ist allerdings nicht auf ein einzelnes Gen zurückzuführen, denn das hieße bei dominantem Erbgang, dass 100 Prozent der Kinder schizophrener Eltern ebenfalls an Schizophrenie erkranken müssten. Die tatsächliche Inzidenz ist etwas geringer als 50 Prozent. Des Weiteren weisen einige Untersuchungen darauf hin, dass die Höhe des Alters des Vaters einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit hat, an Schizophrenie zu erkranken.

Welche Denkrichtungen gibt es in der Psychologie?

Die biologische Perspektive
Vertreter der biologischen Perspektive erklären menschliches Verhalten als Funktion körperlicher Strukturen und biochemischer Prozesse. Erfahrungen und Verhalten sind demnach als Resultate chemischer und elektrischer Prozesse zwischen Nervenzellen anzusehen. Alle psychischen Phänomene seien auf biochemische Prozesse zurückzuführen. Verhalten werde durch physische Gegebenheiten und Erbinformationen bedingt. Verhalten könne modifiziert werden, indem die ursächlichen biologischen Strukturen und Prozesse verändert würden. (Vgl. Zimbardo & Gerrig 2004, S. 13)

Forschungsfragen aus der biologischen Perspektive können beispielsweise lauten:

  • „Was passiert, wenn ein Mensch schläft?“
  • „Was geschieht im Gehirn, wenn ein Mensch lesen lernt?“

Die psychodynamische Perspektive

Nach dieser Perspektive kann davon ausgegangen werden, dass menschliches Verhalten durch innere Kräfte motiviert und angetrieben wird. Menschen handeln demnach auf Grund von biologischen Trieben und ererbten Instinkten, sowie aus dem Bedürfnis heraus, „Konflikte zwischen persönlichen Bedürfnissen und sozialen Erfordernissen zu lösen“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 13). Durch die inneren Kräfte (Triebe und Instinkte), sowie die Diskrepanzen zwischen eigenen Bedürfnissen und sozialen Normen entstehen Spannungen. Das hauptsächliche Ziel menschlichen Verhaltens wird nach der psychodynamischen Perspektive in der Reduktion dieser Spannungen gesehen. Die Reaktionen eines Organismus enden in der Befriedigung von Bedürfnissen und der Reduktion von Trieben.

„Die psychodynamischen Mechanismen der Motivation wurden am deutlichsten durch den Wiener Arzt Sigmund Freud im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert herausgearbeitet. Freuds Ideen erwuchsen aus seiner Arbeit mit psychisch gestörten Patienten; er glaubte aber, dass diese beobachteten Prinzipien für normales wie gestörtes Verhalten zuträfen. Nach Freuds psychodynamischer Theorie wird eine Person durch ein komplexes Netzwerk innerer und äußerer Kräfte gezogen und geschoben. Freuds Modell erkannte als erstes, dass die menschliche Natur nicht immer rational ist und dass Handlungen durch Motive gesteuert sein können, die dem Bewusstsein nicht zugänglich sind. Seit Freud haben viele Psychologen das psychodynamische Modell in neue Richtungen gelenkt. Freud selbst betonte die frühe Kindheit als jene Phase, in der sich die Persönlichkeit ausbildet. Neo-Freudianer haben die Theorie Freuds dahingehend erweitert, dass sie soziale Einflüsse und Interaktionen, die im Laufe des gesamten Lebens eines Individuums auftreten, mit einbeziehen.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 13f.)

Die behavioristische Perspektive

Der Behaviorismus geht davon aus, dass bestimmte Reize jeweils spezifische Reaktionen hervorrufen. Dementsprechend wird nach der behavioristischen Perspektive untersucht, „wie bestimmte Umweltstimuli bestimmte Arten des Verhaltens kontrollieren“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 14). Das erste Interesse der Behavioristen gilt den einem Verhalten vorausgehenden Bedingungen. Diese Bedingungen können als die Reize angesehen werden, die einen Organismus dazu veranlassen, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen oder es zurückzuhalten. Das Hauptinteresse der Betrachtung gilt dann den Verhaltensreaktionen, die den Reizen folgen. Dabei gilt es, die Reaktionen vorherzusagen, zu verstehen und zu kontrollieren. (Vgl. Zimbardo & Gerrig 2004, S. 14)

„Behavioristen sammeln ihre Daten typischerweise in kontrollierten Laborexperimenten (…). Sie bestehen auf präzisen Definitionen der zu untersuchenden Phänomene und auf strengen Standards für Belege, üblicherweise in quantifizierter Form. Oftmals untersuchen sie Tiere (…), da sie hierbei die Versuchsbedingungen weit umfassender kontrollieren können als bei menschlichen Versuchsteilnehmern. Behavioristen sind der Ansicht, dass die bei Tieren untersuchten grundlegenden Prozesse allgemeine Prinzipien darstellen, die für unterschiedliche Spezies Gültigkeit besitzen.
Der Behaviorismus hinterließ ein bedeutsames Erbe in der Praxis. Seine Betonung der Notwendigkeit genauen Experimentierens und sorgfältig definierter Variablen beeinflusste die meisten Bereiche der Psychologie. Obwohl die Behavioristen einen Großteil ihrer Grundlagenforschung an Tieren durchführten, wurden die Prinzipien des Behaviorismus in vielen Bereichen auf menschliche Probleme angewandt. Behavioristische Prinzipien haben einen humaneren Ansatz der Kindererziehung (durch die bevorzugte Nutzung positiver Verstärkung an Stelle von Bestrafung) erbracht, neue Therapien zur Modifikation von Verhaltensstörungen und Richtlinien zur Gestaltung idealer utopischer Gemeinschaften.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 14f.)

Behavioristen vertraten tatsächlich die Ansicht, durch genaue Lern- und Verhaltenspläne ideale Gesellschaftsformen schaffen zu können. Der Roman „Walden Two“ von B. F. Skinner, einem der bedeutendsten Behavioristen, liefert ein eindrucksvolles Beispiel der Vision einer idealen Gesellschaft.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie laufen durch das mitternächtliche Görlitz, am besten durch eine der schmalen Straßen des spärlich erleuchteten, stellenweise recht mittelalterlich und filmreif anmutenden Nikolaiviertels. Kurz vor einer besonders dunklen Ecke hören Sie ein Geräusch. Sie erschrecken, denn genau dort wollten Sie abbiegen. Und das Geräusch scheint genau hinter der Ecke hervorgekommen zu sein. Nach der ersten Schrecksekunde können Sie beim besten Willen nicht sagen, was es für ein Geräusch war, das Fauchen eines Tieres oder das Wetzen eines Messers am Bordstein. Gruselige Bilder erscheinen vor Ihrem inneren Auge, und Sie wollen sich auslachen für diese Naivität, doch es gelingt Ihnen nicht. Sie bemerken, wie ihr Puls rast und Sie beginnen zu schwitzen, je näher Sie der Ecke kommen. Warum ist das so?
Sie reagieren so, weil Ihr Körper gelernt hat, bestimmte physiologische Reaktionen wie erhöhte Herzfrequenz und Aktivität der Schweißdrüsen zu produzieren, wenn in der Umwelt ein bestimmtes Ereignis (wie beispielsweise eine leere Gasse bei Dunkelheit) in Verbindung mit einem weiteren Ereignis (ein Angst erregendes Geräusch hinter der nächsten Ecke) auftritt.

„Diese Art des Lernens wird als Klassisches Konditionieren bezeichnet. Es handelt sich um eine Grundform des Lernens, wobei ein Stimulus oder Ereignis das Auftreten eines weiteren Stimulus’ oder Ereignisses vorhersagt. Der Organismus lernt eine neue Assoziation zwischen zwei Stimuli – einem Stimulus, der zuvor die Reaktion nicht hervorrief, und einem Stimulus, der die Reaktion natürlicherweise hervorrief.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 246)

Pawlows Hunde
Die Entdeckung des Wirkungszusammenhangs des Klassischen Konditionierens geht auf einen Zufall zurück: Der russische Physiologe Iwan Pawlow (1849–1936) führte Untersuchungen zur Verdauung durch (für die er 1904 den Nobelpreis erhielt), als er rein zufällig auf das Klassische Konditionieren stieß:

„Pawlow hatte eine Methode entwickelt, die es erlaubte, Verdauungsprozesse bei Hunden zu untersuchen. Er implantierte Schläuche in ihre Drüsen und Verdauungsorgane, um die Körpersekrete in Behälter außerhalb ihres Körpers zu leiten und somit diese Sekrete messbar und analysierbar zu machen. Damit diese Sekrete produziert werden, applizierte der Assistent Pawlows Fleischpulver in den Mund der Hunde. Nachdem diese Prozedur mehrfach angewendet wurde, beobachtete Pawlow ein unerwartetes Verhalten bei seinen Hunden – sie speichelten, bevor ihnen das Pulver in den Mund gegeben wurde! In der Tat begannen sie zu speicheln, wenn sie nur das Futter sahen, und später, wenn sie den Assistenten sahen, der das Futter brachte, und sogar bereits, wenn sie die Schritte des Assistenten hörten. Jeder Stimulus, der regelhaft der Gabe von Futter vorausging, konnte den Speichelfluss in Gang bringen. Pawlow hatte also mehr oder minder durch Zufall beobachtet, dass Lernen aus der Assoziation zweier Stimuli entstehen kann.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 246 f.)

Die humanistische Perspektive

Entstanden in den 1950er Jahren, verstand sich die Humanistische Psychologie als Gegenentwurf zu den bis dahin dominanten psychodynamischen und behavioristischen Modellen. Menschen wurden aus dieser neuen Perspektive vor allem „als aktive Geschöpfe angesehen, die von Grund auf gut sind und über die Freiheit der Wahl verfügen“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 15). Des Menschen höchstes Ziel und zugleich seine Lebensaufgabe liegt – folgt man der humanistischen Perspektive – darin, „nach Wachstum und Entwicklung des eigenen Potentials zu streben“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 15).

Um zu Erkenntnissen und Schlussfolgerungen zu gelangen, betrachten humanistische Psychologen die Welt weniger durch die Brille experimenteller Methoden. Sie konzentrieren sich vielmehr auf die Lebensgeschichten von Menschen, suchen darin nach Verhaltensmustern. Es geht mehr um subjektive Erfahrungen eines Individuums und weniger um die objektive Welt, wie sie von außen stehenden Beobachtern betrachtet wird. Humanistische Psychologen vertreten einen „ganzheitlichen“ Ansatz und sehen sich selbst oft als „Phänomenologen“, also als Psychologen, „die die persönliche Sicht auf Ereignisse des einzelnen handelnden Individuums untersuchen“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 15). Die Humanistische Psychologie hatte einen starken Einfluss auf die Entwicklung neuerer psychotherapeutischer Ansätze.

Die kognitive Perspektive

Eine „weitere Herausforderung an die Beschränkungen des Behaviorismus“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 15) sei die Orientierung der Psychologie hin zur kognitiven Perspektive gewesen. Diese Umorientierung wird in der Literatur häufig als „kognitive Wende“ in der Psychologie bezeichnet. In jedem Fall hat die kognitive Wende tiefe Spuren in der jüngeren Geschichte der Psychologie hinterlassen.

„Der zentrale Fokus der kognitiven Perspektive ist das menschliche Denken und all seine wissensbasierten Prozesse – Aufmerksamkeit, Denken, Erinnern und Verstehen. Aus kognitiver Perspektive handeln Personen, weil sie denken, und Personen denken, da sie menschliche Wesen sind, die herausragend mit dieser Fähigkeit ausgestattet sind.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 15)

Verhalten wird aus dieser Sicht also nicht nur durch vorausgehende Umweltereignisse (Reize) und frühere Verhaltens-konsequenzen (z.B. Strafe) bestimmt (behavioristische Sichtweise), sondern vor allem auch durch das Denken. Insbesondere neue Verhaltensweisen, die gewohnte (gelernte) Bahnen verlassen, werden durch neue Wege des Denkens hervorgerufen. So bleibt das Verhalten nicht zwangsläufig an Umweltreize und quasi mechanische Konsequenzen gebunden.

„Ein Individuum reagiert nicht so auf die Realität, wie sie in der objektiven gegenständlichen Welt ist, sondern wie sie sich in der subjektiven Realität der inneren Welt der Gedanken und Vorstellungen des Individuums vorstellt. Kognitive Psychologen betrachten Gedanken sowohl als Ergebnis als auch als Ursache offen gezeigten Verhaltens. Dass es einem Leid tut, wenn man jemanden verletzt hat ist ein Beispiel für Gedanken als Ergebnis. Sich jedoch für sein Verhalten zu entschuldigen, nachdem es einem Leid getan hat, ist ein Beispiel für Gedanken als Ursache von Verhalten.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 15f.)

Das Interesse kognitiver Psychologen gilt höheren geistigen Prozessen, die sie auf vielen verschiedenen Ebenen betrachten. Einige Beispiele für solche Prozesse: Wahrnehmung, Gedächtnis, Sprache, Problemlösen, Entscheiden. Wir werden uns im Rahmen dieser Lehrveranstaltung noch ausführlicher mit wichtigen Aspekten der Kognitiven Psychologie beschäftigen.

Die evolutionäre Perspektive

Der Ansatz der evolutionären Perspektive liegt in dem Versuch, Erkenntnisse der Psychologie mit einem Konzept aus der Biologie zu verbinden, der Darwinschen Evolutionstheorie. Nach dieser Theorie erfolgt die Evolution durch den Prozess der natürlichen Selektion. Die Wahr-scheinlichkeit der Weitergabe von Erbinformationen ist bei den Organismen, die besser an ihre Umwelt angepasst sind, höher als bei jenen Organismen, deren Anpassung diesen Grad nicht erreicht hat. Übertragen auf eine evolutionstheoretisch denkende Psychologie bedeutet dies, dass sich geistige (und körperliche) Fähigkeiten von Menschen entwickelten, um sich an bestimmte Umweltanforderungen anzupassen. Demnach konzentrieren sich Forscher auf dem Gebiet der evolutionären Psychologie insbesondere auf Fragen nach den Bedingungen, unter denen sich das menschliche Gehirn entwickelte. (Vgl. Zimbardo & Gerrig 2004, S. 16)

„Die Menschen verbrachten 99 Prozent ihrer Evolutionsgeschichte als Jäger und Sammler, die in kleinen Gruppen während des Pleistozäns (einer Periode von etwa zwei Millionen Jahren, die vor etwa 10.000 Jahren endete) lebten. Die evolutionäre Psychologie nutzt das reiche theoretische Rahmengerüst der Evolutionsbiologie, um die zentralen Probleme adaptiven Verhaltens dieser Spezies zu identifizieren: Vermeiden von Beutejägern und Parasiten, Sammeln und Austauschen von Nahrung, Partner zur Paarung finden und behalten und gesunde Kinder großziehen. Nachdem die Anpassungsprobleme, welchen sich diese frühen Menschen gegenübersahen, identifiziert sind, können Psychologen mit evolutionärer Ausrichtung Schluss-folgerungen über die Arten geistiger Mechanismen und psychologischer Anpassungen ziehen, die sich zur Lösung solcher Probleme entwickelten. Die evolutionäre Psychologie unterscheidet sich von den anderen Perspektiven am grundlegendsten in ihrer Konzentration auf zeitlich extrem lange Prozesse der Evolution, die als zentrales Erklärungs-prinzip dienen. Beispielsweise versuchen Evolutionspsychologen die unterschied-lichen Geschlechterrollen als Produkt der Evolution anzusehen und nicht als Produkt aktueller gesellschaftlicher Zwänge. Da evolutionäre Psychologen keine Experimente ausführen können, die den Gang der Evolution variieren, müssen sie ausgesprochen erfinderisch sein, um Belege für ihre Theorien zu liefern.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 16 f.)

Die kulturvergleichende Perspektive

Neben allen inhaltlichen Kritikpunkten an den bisher genannten Perspektiven wurde in jüngerer Zeit zunehmend angemerkt, dass es sich bei der zeitgenössischen Psychologie – ganz gleich welcher Perspektive – vor allem um eine westlich geprägte Sichtweise bzw. Wissenschaft handelt. Die westliche Konzeption der menschlichen Natur sei bei der Betrachtung psychischer Vorgänge dominant und die zur Untersuchung herangezogenen Personen seien häufig Studenten bzw. weiße Amerikaner der Mittelklasse (so genannte WASPs – White AngloSaxon Protestants – die – noch – dominierende Bevölkerungsgruppe der USA).

Die Entstehung der kulturvergleichenden Perspektive der Psychologie kann als Reaktion auf die beschriebene Kritik verstanden werden. Vertreter dieser Perspektive untersuchen interkulturelle Unterschiede von Verhaltensursachen und -konsequenzen.

„Kulturvergleichende Psychologen wollen herausfinden, ob die Theorien, welche die psychologische Forschung hervorgebracht hat, auf alle Menschen oder nur auf eine engere, spezifischere Population zutreffen.
Die kulturvergleichende Perspektive lässt sich auf nahezu jeden Gegenstand psychologischer Forschung anwenden: Wird die menschliche Wahrnehmung von der Welt durch Kultur beeinflusst? Beeinflusst die Sprache, die wir sprechen, die Art und Weise, wie wir die Welt erfahren? Wie beeinflusst Kultur die Art und Weise, wie sich Kinder zu Erwachsenen entwickeln? Wie formen kulturelle Einstellungen das Erleben des höheren Alters? Wie beeinflusst Kultur unser Selbstverständnis? Beeinflusst Kultur die Art und Weise, wie Menschen ihre Gefühle ausdrücken? Beeinflusst Kultur die Häufigkeit, mit der Menschen an psychischen Störungen leiden?“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 17)

Die Erkenntnisse der kulturvergleichenden Psychologie führten – so Zimbardo & Gerrig (2004, S. 17) weiter – häufig dazu, dass die aus anderen Perspektiven gezogenen Schlüsse und Erkenntnisse in Frage zu stellen seien. So hätte man lange angenommen, dass zentrale Aspekte der Theorien Freuds weitgehend auch auf andere Kulturen übertragbar seien. Doch dies sei nur stellenweise und sehr bedingt möglich. So kritisierte der Anthropologe Bronislaw Malinowski bereits 1927 die Fokussierung auf die Vaterfigur in den Freudschen Theorien. Diese könne nicht allgemeingültig sein, da es Völker gebe, welche die Familienautorität nicht dem Vater, sondern der Mutter zuordnen (Beispiel: das Volk der Trobriander auf Neuguinea).

Zusammenfassung

„Die zeitgenössische Psychologie umfasst sieben wichtige Perspektiven: Die biologische Perspektive untersucht Beziehungen zwischen Verhalten und Mechanismen des Gehirns; die psychodynamische Perspektive sieht den Antrieb des Verhaltens in bewussten und unbewussten Motiven; die behavioristische Perspektive versteht Verhalten als durch externe Stimulusbedingungen determiniert; die humanistische Perspektive betont die einem Individuum innewohnende Fähigkeit, persönliches Wachstum zu erreichen; die kognitive Perspektive unterstreicht geistige Prozesse, die Verhaltensreaktionen beeinflussen, die evolutionäre Perspektive versteht Verhalten als einen Anpassungsmechanismus an die Umwelt, der sich im Laufe der Evolution entwickelt hat, um in der Umwelt zu überleben; die kulturvergleichende Perspektive untersucht Verhalten und seine Interpretation in kulturellen Kontexten.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 21)

Was ist Psychologie?

Die Psychologie ist eine empirische Wissenschaft. Empirisch bedeutet dabei erfahrungs-wissenschaftlich – gemeint ist damit, dass die Psychologie durch Forschungsmethoden (Beobachtung, Befragung oder Experimente) Erkenntnisse über die Realität gewinnen will. Im Wesentlichen verfolgt die Psychologie vier Ziele, nämlich das

  • Beschreiben
  • Erklären
  • Vorhersagen und
  • Verändern

menschlichen Erlebens und Verhaltens. (Vgl. Zimbardo & Gerrig 2004, S. 5 ff.)

„Viele Psychologen suchen Antworten auf die grundlegende Frage: Was ist das Wesen des Menschen? Die Psychologie beantwortet diese Frage, indem sie sowohl die Prozesse innerhalb eines Individuums als auch die Kräfte in seiner physischen und sozialen Umwelt betrachtet. So gesehen definieren wir Psychologie formal als die wissenschaftliche Untersuchung des Verhaltens von Individuen und ihren mentalen Prozessen. Lassen Sie uns die entscheidenden Begriffe dieser Definition genauer untersuchen: wissenschaftlich, Verhalten, Individuum und mental. Um Psychologie wissenschaftlich zu betreiben, müssen die psychologischen Schlussfolgerungen auf Belegen gründen, die entsprechend der Prinzipien der wissenschaftlichen Methode gesammelt wurden. Die wissenschaftliche Methode besteht aus einer Menge geordneter Schritte zur Analyse und Lösung von Problemen. Diese Methode benutzt objektiv erhobene Informationen als Faktenbasis des Schlussfolgerns. Wir werden die Merkmale der wissenschaftlichen Methode genauer (…) darstellen, wenn wir betrachten, wie Psychologen ihre Forschung durchführen. Verhalten ist das Mittel, durch welches sich der Organismus an die Umwelt anpasst. Verhalten bedeutet Aktivität. Der Gegenstand der Psychologie ist zum großen Teil das beobachtbare Verhalten von Menschen und anderen Tierarten. Lachen, weinen, rennen, schlagen, sprechen und berühren sind einige offensichtliche Beispiele von beobachtbarem Verhalten. Psychologen untersuchen, was das Individuum tut und wie es dieses Tun in einer vorgegebenen Verhaltensumgebung und im größeren sozialen und kulturellen Kontext umsetzt. Der Gegenstand psychologischer Untersuchungen ist meistens das Individuum – ein Neugeborenes, ein Athlet im Teenageralter, eine Studentin, die versucht, sich an das WG-Leben zu gewöhnen, ein Mann, der sich Mitte 40 einer Veränderung seiner Karriere gegenübersieht, oder eine Frau, die mit dem Stress zurechtkommen muss, dass sich der Zustand ihres Ehemanns aufgrund seiner Alzheimererkrankung verschlimmert hat.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 3 f.)

Herkunft des Begriffes

Historisch und sprachgeschichtlich betrachtet ist die Psychologie schlicht als Seelenkunde zu definieren. Der Ausdruck ‚Psychologie’ hat seine Wurzeln im Griechischen. Das griechische psychein bedeutet hauchen; das griechiche psyche meint Seele und logos bedeutet Wort oder Kunde. Die Psychologie ist demnach die Seelenkunde bzw. die Lehre von den seelischen Erscheinungen.

„Ps’yche [griech.] die, 1) Hauch, Atem. 2) Seele. 3) in der Antike die Verkörperung der Seele als kleines geflügeltes Wesen, als Vogel oder Mischbildung von Vogel und Mensch, in hellenist.-röm. Zeit als zarte Mädchengestalt mit Schmetterlingsflügeln, Geliebte des Amor.“ (dtv-Lexikon 1975, Bd. 14, S. 296)

Kritik am Verhaltensbegriff

Der Mensch kann schwerlich nur auf äußere verhaltensbedingende Faktoren (Umwelteinflüsse, Erziehung etc.) und innere Impulse (Persönlichkeit, Motive etc.) reduziert werden. Er kann sich grundsätzlich auch bewusst entscheiden und dementsprechend handeln.

Kann man Lügen erkennen?

Wir sind uns in der Regel unserer nonverbalen Kommunikation nicht bewusst, vielmehr setzen wir Körpersprache intuitiv ein. Man denkt nicht nach, wenn man sich an der Nase kratzt oder den anderen anlächelt und dabei anstarrt. Ebenso sind sie Reaktionen anderer auf unsere körpersprachlichen Signale kaum oder nicht bewusst, weshalb wir uns auch manchmal über Reaktionen wundern, die andere zeigen, während wir mit ihnen sprechen, oder wir wundern uns im Nachhinein beispielsweise über die Heftigkeit unserer eigenen Reaktionen im Gespräch. Wir können lernen, einen Teil unserer Körpersprache bewusst einzusetzen, etwa um das, was wir sagen wollen, durch Gesten zu unterstreichen. Man kann auch lernen, bestimmte körpersprachliche Elemente wegzulassen. Die Gefahr bei diesen rhetorischen Lernprogrammen ist, dass wir uns selbst etwas überstülpen und nachher nicht mehr authentisch wirken – was sich in der Konsequenz oft negativer auswirkt, als ein paar Fehler zu machen.

Wenn wir mit anderen kommunizieren, löst deren Körpersprache Emotionen in uns aus. Emotionen sind handlungsleitende Signale unseres Körpers – quasi „bewertet“ unser Gehirn eine Situation, indem es Emotionen produziert. Die emotionale Verarbeitung passiert automatisch; was wir davon bewusst mitbekommen, ist nur ein „nebulöses Abbild“, denn die Emotionen waren lange vor der Sprache da (andere Säugetiere haben sie ja auch), und unser Sprachzentrum ist nur begrenzt mit den emotionalen Zentren „verdrahtet“. Bewusstsein ist eine Art Nebenfunktion des Sprachzentrums. Stimmt etwas nicht – passen die Worte nicht zur Körpersprache oder passt die Mimik nicht zur Gestik, dann orientieren wir uns zunächst an der Körpersprache (Körpersprache > Mimik > Worte). Wir „erkennen“ die Körpersprache anderer wahrscheinlich, indem wir sie nachahmen. Kommunikation ist ohne dieses „Hereinholen des anderen“ unmöglich.

Wir bekommen zwar beigebracht, nicht zu lügen, tun es aber trotzdem – häufig, um anderen nicht zu nahe zu treten bzw. um uns sozial erwünscht zu verhalten. Solche Lügen erleichtern das Zusammenleben. Andere Lügen aber dienen der Täuschung, also beispielsweise der Erreichung von Zielen unter Vortäuschung falscher Tatsachen. Solche Lügen würde man gern enttarnen. Aber das ist nicht so einfach. Bekannte Mythen besagen, dass Menschen den Blickkontakt meiden, während sie lügen, oder sich beim Lügen an der Nase kratzen. Wenn es so einfach wäre, könnten Lügen leicht enttarnt werden, und wir würden uns damit gar nicht befassen, eben weil es ja jeder könnte.

Man erkennt Lügen – wenn überhaupt – am ehesten aus dem Kontext bzw. der Interaktionsdynamik heraus. Man kann körpersprachliche Signale nicht direkt interpretieren. Eher kann man zum Beispiel fragen, ob sich jemand so verhält wie immer, oder ob seine Handlungen – insbesondere die nonverbalen – von seinen üblichen Mustern abweichen. Mögliche Anzeichen könnten unter anderem ein geringeres Sprechtempo, begleitet durch einen starren Blick sein. Insbesondere Anzeichen erhöhter Angst sind ein Indiz. Man geht dem am besten durch Nachfragen auf den Grund. Wenn beispielsweise mehrere der folgenden Elemente zusammen auftreten, kann man das als Hinweis verstehen, einmal genauer nachzufragen: die Hände berühren sich gegenseitig (Hände reiben oder dergleichen) oder das Gesicht (zum Beispiel den Hals); Arme verschränken und sich zurücklehnen. Aber Vorsicht: wir können uns hier, wie bei allen körpersprachlichen Interpretationsversuchen, nie sicher sein, sondern müssen immer Kontext und Dynamik betrachten. Hilfreicher ist es deshalb, sich auf das zu konzentrieren, was das Gegenüber sagt. Faustregel: kommt die Antwort kurz und bündig, so handelt es sich wahrscheinlich um die Wahrheit. Dauert es eine Weile und folgen dann lange Erklärungen, ist das als Einladung zu verstehen, genauer nachzufragen.

Beispiel Ausweichmanöver: Auf die Frage „Bist Du fremdgegangen?“ antwortet das Gegenüber nicht mit einem schlichten „Nein.“, sondern mit einem ausweichenden „Sowas würde ich nie machen. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass Treue ganz wichtig ist. Und das ist es auch. Treue ist mir sehr wichtig.“ oder: „Ich bin seit zehn Jahren mit Dir verheiratet. Und das gern. Wieso sollte ich jetzt auf so eine Idee kommen?“

Fazit: Wenn man wissen möchte, ob jemand lügt, kann man diejenigen Signale, die auf Ehrlichkeit und Sympathie hindeuten, einstweilen ignorieren. Wenn man das tut, gibt sich ein – gegebenenfalls lügendes – Gegenüber wahrscheinlich größere Mühe, überzeugend zu wirken. Lügner werden in der Regel versuchen, unsere Sympathie zu gewinnen. Je öfter eine Aussage wiederholt wird, desto glaubwürdiger wird die Aussage – dieser Effekt ist umso stärker, je weniger Ahnung wir vom Thema haben und je sympathischer uns der jeweilige Gesprächspartner ist. Unsere besten Optionen sind also, Sympathien (einstweilen) zu ignorieren, auf Wiederholungen und Steigerungen zu achten, skeptisch zu bleiben und nachzufragen. Den Rest besorgt in der Regel die Intuition. Und: man sollte entsprechend kritische Gespräche nicht allein führen.

Wie entwickelt sich das Ich?

Der folgende Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Prozesspsychologie (Heidig & Kleinert 2011):

Am Anfang ist der Mensch, was er bekommt (Winterhoff 2008). Am Anfang sind also nur Bedürfnisse, und der Mensch verfügt zunächst über keinerlei „Gewahr-Sein“ seiner selbst oder gar anderer Personen im Sinne dessen, was als Bewusstsein bezeichnet wird. Wenn dies zutrifft, dann wird deutlich, warum die ersten – vollständig vorsprachlichen und deshalb rational überhaupt nicht zugänglichen – Erfahrungen so prägend sind. Wenn der Mensch sein Bedürfnis ist, dann sind sein ganzes Sein und seine gesamten Erfahrungen zunächst von der Befriedigung seiner Bedürfnisse abhängig. Bei Nichtbefriedigung hingegen entstehen Ängste von existentiellem Ausmaß. Es kann wohl als eine der Urformen von Angst angesehen werden, wenn ein Säugling Hunger hat und nichts bekommt. Dies ist eine Erfahrung, gegen die Kinder noch keine Schutzmechanismen haben. Diesen ursprünglichen Zustand hat Melanie Klein den paranoid-schizoiden Modus genannt. Diese Bezeichnung ist hier nicht mit den gleichnamigen Störungsbegriffen zu verwechseln. Vielmehr meint Klein damit die Verletzbarkeit der seelischen Entwicklung durch zu wenige positive bzw. zu viele negative Erfahrungen. Alle Erfahrung in dieser Phase ist vorsprachlich, und das Kind verfügt noch über keinerlei Konzept davon, dass die Mutter eine andere Person ist. Das Kind ist „allein auf der Welt“, das heißt, das Bedürfnis des Kindes bzw. dessen Befriedigung oder Nicht-Befriedigung entspricht der Welt des Kindes. Das Kind ist also psychisch in gewisser Weise auf sich alleine gestellt, ist sich dessen allerdings nicht gewahr, denn es hat noch keine kognitive Instanz, die all dies regeln könnte. Das Kind erfährt die Welt auf einem Spektrum zwischen der Befriedigung von Bedürfnissen und existentiellen Bedrohungen. Durch den Kontakt mit der als bedrohlich erlebten Welt treten erste psychische Differenzierungen auf. Indem die Psyche versucht, mit den Bedrohungen umzugehen bzw. sie zu kontrollieren, entwickelt sich aus einem Teil des Es eine zweite Instanz. Das Ich tritt fortan als Mittler zwischen den Bedürfnissen des Kindes und der Umwelt auf. Die Herausbildung des Ichs bildet auch die Voraussetzung für die Konzeptualisierung des Selbst und des Anderen, also die Erfahrung, dass die Mutter eine andere Person ist als das Kind selbst, und dass sie die Bedürfnisse des Kindes manchmal befriedigt und manchmal nicht.

Wenn (a) sich die Instanz des Ichs langsam vom Es differenziert und das Kind die Grundlagen des Verständnisses verschiedener Personen entwickelt, und wenn (b) während der ersten Phase (paranoid-schizoider Grundmodus) genügend positive Erfahrungen gesammelt wurden, dann besteht die Chance für einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt. Dieser Schritt besteht darin, die Ambivalenz der Erfahrungen mit der Mutter zu bewältigen. Mal ist die Mutter anwesend und damit die Quelle von Nähe und Bedürfnisbefriedigung. Mal ist sie abwesend und dadurch furchteinflößende Auslöserin existentieller Bedrohungen. Beide Erfahrungen müssen in ein und derselben Person verortet werden. Wenn diese Herausforderung gelingt, ist der Grundstein für das gelegt, was als Frustrationstoleranz bezeichnet wird – eine der zentralen Funktionen des Ichs als der psychischen Instanz, die zwischen den menschlichen Bedürfnissen und der Außenwelt vermittelt. Melanie Klein hat diese Entwicklungsstufe den depressiven Modus genannt und damit die Fähigkeit zur Integration äußerst ambivalenter Erfahrungen (sowohl positiver als auch negativer Erlebnisse) in dasselbe Konzept (die Person der Mutter) bezeichnet. Das Adjektiv „depressiv“ hat hier wiederum nichts mit dem gleichnamigen Störungsbild zu tun.

Das psychische Geschehen während des ersten und zum Teil auch des zweiten Lebensjahres verläuft vollständig vorsprachlich. Geschehen in dieser Zeit psychische Verletzungen, so wie-gen diese besonders schwer, denn sie betreffen die psychische Entwicklung in ihrer grundlegenden Phase und sind später mit sprachlichen Mitteln kaum bearbeitbar.

Aus den bisherigen Darstellungen wird deutlich, wie wichtig ausreichend positive Erfahrungen eines Kindes während der ersten Lebensjahre sind. Allerdings – und dies wird oft weniger betont – ist die Erfahrung der eigenen Grenzen ebenfalls von elementarer Bedeutung für die Entwicklung. Die Welt des Kindes entspricht, wie wir gesehen haben, am Anfang mehr oder minder seinen Bedürfnissen – das Kind ist, was es bekommt. In dieser Zeit werden die ersten Grundlagen für eine psychische Differenzierung gelegt, die in die Herausbildung des Ichs als zweite psychische Instanz neben dem Es mündet. Ein anderer psychoanalytischer Begriff für die Selbstbezogenheit insbesondere des ersten Lebensjahres ist der des primären Narzissmus‘. Der primäre Narzissmus bezeichnet die zwangsläufige Auf-sich-selbst-Geworfenheit des Kindes in den frühen Entwicklungsstadien – das Kind ist gleichsam seine Welt, weil es noch über keine psychischen Differenzierungen verfügt, die zwischen sich und anderen bzw. der äußeren Welt unterscheiden könnten. Wenn nun ausreichend positive Erfahrungen möglich sind, verläuft die Entwicklung ohne Beeinträchtigungen, möchte man meinen. Doch dem ist nicht immer so, wie Michael Winterhoff (2008) eindrucksvoll darstellt. Über die positiven Grunderfahrungen hinaus sind auch Grenzerfahrungen für eine gelingende psychische Entwicklung notwendig. Werden diese Grenzerfahrungen im Sinne allgemein gültiger Regeln bzw. dessen, was ein Kind nicht darf, nicht gemacht, verbleibt das Kind im Zustand des primären Narzissmus. Dies äußert sich, indem andere Menschen nicht als eigenständige Wesen, sondern als Teil der eigenen Welt betrachtet werden. Ursache dafür ist der fehlende Entwicklungsschritt, über die Integration von ambivalenten Erfahrungen – zunächst mit der Mutter und dann mit anderen Menschen – Frustrationstoleranz zu erlernen. Werden dem Kind keine Grenzen gesetzt, kann es keine oder zu wenige der besagten ambivalenten Erfahrungen machen, und die Integration der Ambivalenz in ein Konzept („Die Mutter ist manchmal da, dann ist alles gut. Aber manchmal ist sie auch nicht da, das ist zwar nicht gut, aber es ist trotzdem dieselbe Person, die mich liebt und die ich liebe.“) kann nicht erreicht werden. Nach Winterhoff (2008) kann solche eine fehlgehende Entwicklung in die Unfähigkeit, andere Menschen als selbstständige, gleichberechtigte Wesen zu behandeln, münden. Andere Personen werden dann behandelt, als seien sie Teil der eigenen Welt. Eine Tendenz zur Unfähigkeit sich unterzuordnen und ein gering ausgeprägtes Durchhaltevermögen aufgrund fehlender Frustrationstoleranz sind dann entsprechende Folgen.

Das Beispiel des Verbleibens im primären Narzissmus verweist auf einen weiteren wichtigen psychischen Entwicklungsschritt. Der zunehmende Kontakt mit der Umwelt führt immer wieder zu Konflikten zwischen den Impulsen des Es und dem, was die Umwelt erlaubt. Die Erfahrungen mit diesen Konflikten führen mit der Zeit (etwa zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr) zu einer weiteren Differenzierung des psychischen Apparats. Das Über-Ich geht als die Instanz der Regeln und Verbote, der Moral und der gesellschaftlichen Normen aus dem Ich hervor. Nach der Vorstellung Freuds übt das Über-Ich dauernd Druck auf das Ich aus, um das Es unter Kontrolle zu halten.

Das Es löst nach der psychoanalytischen Vorstellung mehr oder minder dauernd Konflikte aus, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zunächst richten sich die Impulse auf die Umwelt, und das Ich hat als Anpassungsinstanz die Aufgabe, zwischen den Impulsen des Es und der – ggf. bedrohlichen – Umwelt zu „vermitteln“. Dabei bringt das Ich zunächst eine weitere psychische Instanz hervor, die dem Ich bei der Anpassungsleistung mit Regeln und Normen behilflich ist: Im Über-Ich werden die normierenden Einflüsse von Eltern, Erziehern und Gesellschaft wirksam. Dem Ich obliegt nun die immense Aufgabe, die Bedrohungen der Umwelt, die Impulse des Es und den Druck des Über-Ichs zu integrieren. Zum Umgang mit diesen in ihrem Ausmaß angstauslösenden Impulsen bzw. zur Reduktion des durch die Gegensätzlichkeit der Anforderungen entstehenden Drucks entwickelt das Ich Abwehrmechanismen, die verhindern, dass das ganze ambivalente Ausmaß der Impulse bewusst wird. Abwehrmechanismen sind demnach im positiven Sinne als Anpassungen an die Realität zu verstehen. So macht ein Kind bspw. mehrfach die Erfahrung der Ablehnung und wird daraufhin schrittweise Mechanismen entwickeln, sich fortan anders zu verhalten. Der wohl bekannteste Abwehrmechanismus ist die Verdrängung – „was zu große Angst auslöst, findet fortan nicht mehr statt“, zumindest nicht bewusst. Das bezieht sich sowohl auf furchterregende Faktoren der Realität, indem angstauslösende Elemente gleichsam aus dem bewussten Abbild der Wirklichkeit entfernt und ins Unbewusste verdrängt werden, als auch auf diejenigen Impulse des Es, die zu starken Konflikten führen – etwa indem das Ich lernt, den Impuls zu verdrängen, die Mutter zu hassen, um wieder Zuneigung zu erfahren.

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Wie kam Freud darauf, so etwas wie ein „Unterbewusstsein“ zu vermuten?

In seiner Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse schildert Freud Phänomene, die er „Fehlleistungen“ nennt. In der Alltagssprache werden Fehlleistungen als „Freudsche Versprecher“ bezeichnet. Von einer Fehlleistung kann gesprochen werden, wenn sich ein Mensch „verspricht“, „verhört“ oder „versieht“. Die Ursache für Fehlleistungen sieht Freud in unbewussten Beweggründen, beispielsweise Intentionen, die sozialen Normen oder allgemein gültigen Anstandsgefühlen widersprechen (wenn z. B. etwas zum „Vorschwein“ kommt anstatt zum „Vorschein“). Nach Freud ist jedes Verhalten als motiviert anzusehen. Demnach sind Fehlleistungen Ausdruck bestimmter innerer Beweggründe. „Jede menschliche Handlung hat eine Ursache und einen Zweck, die entdeckt werden können durch die Analyse von Gedankenassoziationen, Träumen, Fehlern und anderen Verhaltenshinweisen auf die inneren Bewegkräfte.“ (Zimbardo & Gerrig 2004, S. 614)

Wenn nun ein Mensch Fehlleistungen produziert und diese wiederum Ursachen haben; diese Fehlleistungen dem betreffenden Menschen jedoch ohne Absicht unterlaufen, so Freuds Schlussfolgerung, dann sind die Ursachen der Fehlleistungen nicht zugänglich. Die nicht zugänglichen Ursachen sind demnach Motive, die sich der Kenntnis (Bewusstheit) und der Kontrolle entziehen. Aus diesen Überlegungen sammelte Freud erste Indizien für seine Theorie des Aufbaus der Psyche in Unbewusstes, Vorbewusstes und Bewusstes.