Was wir eigentlich wollten und was daraus geworden ist

Ich erinnere mich noch gut an meine Rückkehr aus Bosnien nach Deutschland. Das war 1999. Ich hatte knapp drei Jahre für eine humanitäre Organisation in Zentralbosnien gearbeitet – Notversorgung in Flüchtlingslagern, Bauprojekte, Flüchtlingsrückführung, einkommensschaffende Maßnahmen, Friedensarbeit. Gerade der letztgenannte Anspruch, aktiv zum Frieden beizutragen, war so kurz nach dem Krieg kaum erfüllbar. Zu groß war noch der Hass, und Ruhe blieb nur, weil genug internationales Militär vor Ort war und die Kampfkraft auf der bosnisch-serbischen Seite kurz vor Ende des Krieges merklich zurückgegangen war. Ich frage mich seither, was Frieden eigentlich ausmacht, und ich beobachte mit Schrecken, wie leichtfertig deutsche Politiker heuer unseren Frieden aufs Spielfeld internationaler Verhandlungen setzen – wie schnell „wir“ bspw. gegenüber Russland mit den Säbeln rasseln – und dabei gibt es, was die Bundeswehr angeht, derzeit bekanntlich kaum etwas zu rasseln, zumal ich bezweifle, dass es an dieser Stelle ein „wir“ gibt, sprich, dass eine Mehrheit der Deutschen eine härtere Gangart gegenüber Russland legitimieren würde.

Drei Jahre in einem von Bürgerkrieg und Armut gezeichneten Land veränderten meinen Blick. Mir fiel auf, wie viele Dinge für uns selbstverständlich sind. Die meisten sind frei von materieller Not. Viele haben Autos, mit denen sie fahren können, wohin sie wollen. Wir sind krankenversichert, kaufen in Supermärkten ein und leben vergleichsweise sicher. In jenem Sommer nach meiner Rückkehr fiel es mir schwer nachvollziehen, warum nur wenige der hiesigen Menschen diese Umstände bewusst schätzen – warum die einen die Komfortzonen unserer Zeit ebenso verschwenderisch wie achtlos genießen und die anderen sich dennoch – damals noch leise, heuer viel lauter – beschweren. Damals dachte ich, es seien einfach nur „die einen“ und „die anderen“, zwei Blicke auf ein und die selbe Welt und beide auf ihre Weise speziell – die einen zu positiv, zu verschwenderisch, die anderen zu kritisch, zu negativ, das eigentlich Gute ihres Lebens negierend. Dass beide Seiten womöglich keinen gemeinsamen Maßstab mehr haben, dass sie immer weniger verbindet, dass sich dahinter verschiedene, zunehmend unvereinbare Weltsichten verbergen, die unsere Gesellschaft heute spalten, wollte mir, damals fünfundzwanzigjährig, noch nicht recht einleuchten.

Die Demonstrationen im Herbst des Jahres 1989 waren vielleicht das erste „starke“ oder „prägende“ Erlebnis meines Lebens. Im Juli 1989, das war quasi eine meiner ersten Reisen ohne meine Eltern, nahm ich am Evangelischen Kirchentag in Leipzig teil. Gesprächsrunden in Wohnzimmern oder in Kirchen, Lesungen oder Theaterstücke an den Abenden, zwischendurch lange Nachmittage über Büchern oder bei Orgelkonzerten. Und obwohl es gar nicht so explizit um Opposition ging – klar gab es Samisdat-Schriften auf Büchertischen und wurde mehr oder minder andeutungsreich diskutiert – lag ein Zittern in der Luft, eine leise Spannung, die viele der Anwesenden verband und die nichts mit dem jeweiligen Geschehen im Moment zu tun haben musste. Jene verbindende Spannung war es, die auch bei den Demonstrationen im Herbst zu spüren war. Manche würden vielleicht sagen, dass es ein „starkes Gefühl“ war, das die Menschen verband, ein Gefühl, aus dem eine Kraft erwuchs. Jene Kraft hat seinerzeit viel bewirkt. Doch später ist etwas passiert, mit dem die Wenigsten gerechnet hatten. Die verbindende Spannung, die Kraft war mit einer Hoffnung verbunden gewesen. Vielleicht eine Hoffnung auf „Öffnung“, auf neue Möglichkeiten, auf Freiheit. Die viel beschworene Reisefreiheit war nur der vielleicht am Ehesten fassbare – und entsprechend oberflächliche – Ausdruck dieser Hoffnung auf Freiheit. Nachdem ich endlich einen Führerschein besaß, führten meine ersten längeren Reisen geradewegs nach Westen, nach Frankreich. Und ja, das war großartig! Man konnte sich bewegen, wie und wohin man wollte, man konnte essen und kaufen und ansehen, was man wollte. Besonders deutlich erinnere ich mich daran, in Straßencafés gesessen und „Grand Café“ bestellt zu haben – nur weil ich es konnte, weil der Kaffee schmeckte und weil genau das dem Kern meiner damaligen Vorstellungen von einer Reise nach Frankreich entsprach. Doch zurück zum Thema: Vielleicht war der Kern jener Hoffnung die Aussicht, dass sich für die Beteiligten noch im Laufe ihrer eigenen Lebensspanne die Dinge deutlich zum Positiven entwickelten, was auch immer das für jeden einzelnen Menschen geheißen haben mag. Der eine wollte vielleicht reisen, ein anderer lesen oder sagen, was er wollte, ein dritter wollte vielleicht seine Kinder erziehen, wie er wollte, ein vierter wollte vielleicht einfach nur in Ruhe gelassen werden. Doch genau diese Hoffnungen, so will ich meinen, sind für viele nicht aufgegangen – individuell vielleicht aus sehr verschiedenen Gründen, blickt man jedoch über ganz Ostdeutschland hinweg, so lassen sich doch einige ganz wesentliche Linien ausmachen.

Es ist ein Hohn, wenn heute von „Abgehängten“ gesprochen oder geschrieben wird. Solcherlei Herablassungen beschreiben zwar ein Phänomen, das von Weitem durchaus so anmuten kann, aber es zeugt – im weniger dramatischen Fall – von Ahnungslosigkeit oder – im tatsächlich schlimmen, weil mittlerweile Realitäten schaffenden Fall – von Vorurteilen.

Man kann dieser Tage viel über die Themen „Kultur“ und „Sozialisation“ lesen, und das auch ohne Wissenschaftler zu sein. Beiden Begriffen ist gemein, dass sie die Bedeutung der sich aus der Vergangenheit ergebenden „Gewordenheiten“, Prägungen oder – neutraler – Anknüpfungen betonen. Im Prinzip beeinflusst vorher Gesagtes später Gesagtes, ergeben sich aus erfolgreich werdenden Versuchen erfolgreich bleibende Muster, die immer weniger hinterfragt werden, wobei „Erfolg“ hier auch dysfunktionale Selbstverstärkung bedeuten kann. Unsere Kultur ist uns selbstverständlich, das heißt, wir können sie nicht hinterfragen, und wir werden alle anderen Kulturen durch die Brille unserer Selbstverständlichkeiten betrachten. Sozialisation bedeutet nichts anderes als das Hineinwachsen in eine Kultur, wobei es hier vor allem darauf ankommt, in welche Schicht oder Gruppierung einer Gesellschaft man hineinwächst. Man übernimmt in jedem Fall Gewohnheiten. Man erkennt später „seinesgleichen“ genau und fühlt sich entsprechend fremd, wenn man unter „gewohnheitsmäßig“ Fremden ist. Der französische Philosoph Didier Eribon hat mit „Rückkehr nach Reims“ vor Kurzem ein Buch vorgelegt, das in ebenso persönlicher wie soziologisch klarer Weise darstellt, welch prägende Effekte das jeweilige Herkunftsmilieu hat – man nimmt es als gegeben hin und hinterfragt es nicht – und welche Anstrengungen notwendig sind, um das eigene Milieu tatsächlich zu verlassen – in der Regel muss man mit seiner Herkunft brechen, um den Sprung zunächst zu schaffen, nur um dann ggf. zurückzukehren und zu erkennen. Das gegenseitige Erkennen von kulturellen oder gewohnheitsmäßigen Ähnlichkeiten bzw. die entsprechend tiefen Empfindungen bei Fremdheit gibt es wie gesagt nicht nur zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen (solche Unterschiede sind nur geläufiger), sondern eben auch innerhalb einer Kultur, bspw. wenn Menschen aus unterschiedlichen Schichten stammen.

In diesen kurzen theoretischen Ausführungen ist bereits das ganze gegenwärtige ostdeutsche Bild angelegt. Man muss nur genau hinsehen und nicht aufgrund allzu oberflächlicher Betrachtungen urteilen. Wenn manche Journalisten die deutsch-deutschen Fremdheiten wegzuschreiben versuchen, ähnelt das in gewisser Weise dem Versuch sehr kleiner Kinder, etwas zum Verschwinden zu bringen: wenn ich mir die Augen zuhalte, ist das betreffende Objekt weg. So ist es eben nicht. Versuchen wir also, einmal genauer hinzusehen.

Auf der einen Seite gibt es Menschen, die von der Zeit seit der Wende – wie sagt man das in heutigem Deutsch? – „profitiert“ haben (und ja, Profit ist nach wie vor etwas, das viele Menschen mehr oder minder ablehnen, vielleicht bleibt diese Ablehnung ohne Begründung, intuitiv ist sie aber da, zumindest als Skepsis). Sie konnten den tiefgreifenden Wandel für sich nutzen, haben ausprobiert, konnten machen, was sie wollten, haben sich abgenabelt von der Sozialisation bzw. sind über die Grenzen ihrer Sozialisation hinausgegangen. Diese Menschen sind, drastisch formuliert, ein bißchen wie jene Republikflüchtlinge, die in den Westen geflohen sind, um dort endlich machen zu können, was sie wollten, und denen das gelungen ist. Sie haben sich verwirklicht. Für sie ist die Globalisierung ein willkommenes Geschenk – sie reisen, arbeiten hier und da, gehen in den Möglichkeiten auf, sind Kosmopoliten. Sie leben mehrheitlich in großen Städten, genießen das Leben – schlicht, sie leben, wie sie wollen, und das nicht zuletzt, weil sie es können. Aber diese positiv gefärbte Geschichte stimmt meines Erachtens nicht ganz. In ihnen blieb eine Spur der alten Welt zurück, ein leiser Zweifel, eine Bemühtheit bezüglich der Anforderungen der neuen Welt. Für die einen ist es die Furcht, man könnte bemerken, woher sie wirklich kommen. Für die anderen ist es ein Zweifel, der sich aus der Spannung zwischen den eigentlichen – sozialisierten – Werten und den Maximen der neuen Zeit ergibt. Sind wir wirklich so individuell? Schaffen wir das? Ist das gerecht? Sind andere nicht viel „glatter“ oder „selbstbewusster“? In diesen Menschen wohnt eine ostdeutsch sozialisierte „Restunsicherheit“. Diese „Restunsicherheit“ ist es, die es diesen Menschen ermöglicht oder zumindest ermöglichen kann, jene lange beschwiegene, sich heute aber umso lauter artikulierende „andere Seite“ zu verstehen. Ohne diese Wurzeln in der anderen Sozialisation wird es schwierig, den Kern der heutigen Empörungen wirklich nachzuvollziehen. Wohl auch deshalb ist aus der sicheren Entfernung westdeutscher Redaktionen derzeit wenig Zutreffendes über den Osten zu lesen. Dafür gibt es umso mehr Ferndiagnosen und andere, um es höflich zu sagen, wenig hilfreiche Einlassungen.

Auf der anderen Seite finden wir Menschen, die es zunächst geschafft haben, in der „neuen Welt“ mitzutun, deren Fremdheitsgefühle aber irgendwann überwogen oder die es „dann doch nicht geschafft“ haben. Diese Menschen waren zunächst begeistert von den Möglichkeiten, wunderten sich dann aber, wurden später skeptisch, nur um am Ende nicht selten zu verbittern. Hier finden wir auch jene, die von vornherein zweifelten, ob sie das „schaffen“. Apropos „schaffen“ – was sollte oder soll da eigentlich geschafft werden? Und wo kommt das „Sollen“ her? Die Demonstranten des Jahres 1989 wollten nicht mehr in der DDR leben. Was sie aber wollten – dazu gab es kein gemeinsames Bild. Der schnelle Anschluss an die Bundesrepublik lag allzu nahe, aber die Konsequenzen für die eigene Biographie waren vielen nicht klar, woher auch, schließlich macht man so etwas nicht alle paar Jahre mal so einfach durch. Es gab keine Blaupausen, und vielen erschien es nur zu plausibel, dass wir die Dinge im Osten nun eben so machen wie im Westen. Dass das aber für viele Menschen nicht passte, weil sie ganz andere Dinge als die nun „notwendigen Voraussetzungen“ gelernt hatten, das wurde erst später klar. Mit diesem „Problem“ wurde in einer Weise umgegangen, die viele – zumindest unterschwellig – als herablassend empfanden: Man führte Seminare für die neuen Kulturtechniken durch („Bewerbertrainings“) und investierte viel Geld, und zwar nicht nur in Innenstädte, sondern auch in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Vorruhestandsregelungen. Wenn man diese Leistungen des Aufbaus Ost im Zusammenhang betrachtet (Sanierung UND Sozialleistungen) und ganz drastisch interpretiert, dann wird das heute an vielen Stellen sichtbare Bild plausibel: in schmucken Innenstädten sind die darin lebenden Menschen oft zu einer Art fremder Statisten geworden. Anders ausgedrückt: In manchen ostdeutschen Städten ist der „Abstand“ zwischen vergleichsweise neuen Fassaden und dem Inneren der dahinter lebenden und sich davor bewegenden Menschen in bestürzender Weise fühlbar.

Schließlich finden wir auf der anderen Seite auch jene, die es gar nicht erst probiert haben, aus welchen Gründen auch immer. Die vielleicht konsequenteste Verweigerung, irgendetwas „schaffen“ zu wollen, habe ich einmal in einer Geschichte über einen ehemaligen NVA-Offizier gehört. Wenn die Story stimmt, dann hat sich der Mann nach der Wende regelrecht „abgemeldet“, indem er sich auf sein Gartengrundstück zurückzog, tagsüber lange Spaziergänge unternahm und konsequent jede Bemühung, ihn „in Arbeit zu bringen“ vereitelte und sich im Zweifelsfall mit wahlweise ärztlicher oder juristischer Hilfe zur Wehr setzte. Auch wenn das ein Extremfall sein mag – ich unterstelle, dass jeder Ostdeutsche mehrere Personen kennt, auf die das mehr oder weniger bewusste „Abgemeldetsein“ in graduellen Abstufungen zutrifft. Die hier benannten beiden Seiten sind also keine voneinander getrennten Gruppen, sondern ein Spektrum mit vielen Stufen zwischen den beiden Enden.

Was ist nun aber der Unterschied zwischen „Abgehängten“ und „Abgemeldeten“? Der erstere Begriff ist eine Diagnose – von außen als bewertende Beschreibung verpasst. Der Begriff unterstellt, dass jemand jemanden anders „abhängt“ und wie einen alten, nicht mehr gebrauchten Waggon auf einem Abstellgleis verrotten lässt. Das mag wiederum eine drastische Metapher sein, trifft aber, denke ich, den Kern. Der letztere Begriff unterstellt eine aktive Beteiligung der handelnden Personen. Und genau das geschieht auch: nur wenige lassen sich einfach „abhängen“ ohne zu kämpfen, nur dass von diesen Kämpfen höchstens im privaten Umfeld gesprochen wird und wenig an die Öffentlichkeit dringt.

Und nun warten Sie einmal: haben wir das alles nicht schon einmal gehört? Kommt Ihnen das nicht irgendwie bekannt vor? Was nun folgt, mögen auf den ersten Blick abenteuerliche Gedanken sein, aber ich will meinen, dass es sich lohnt, dieser Spur ein wenig zu folgen…

Es gibt ein Thema, über das im Osten wie im Westen früher viel gesprochen wurde – im Westen insbesondere während des „roten Jahrzehnts“ und im Osten in den vierzig Jahren zwischen Gründung und Ende der DDR. Das Thema, das ich meine, sind „Klassenunterschiede“. Wir wissen, dass Klassenunterschiede – oder etwas „heutiger“ ausgedrückt: die soziale Herkunft – auf sehr dramatische Weise festlegen, was aus einem Menschen werden kann und was nicht. Ein Arbeitersohn an der Spitze eines Unternehmens bleibt eine Ausnahme, auch (oder gerade?) heute. Die „soziale Durchlässigkeit“ ist in Deutschland nach wie vor gering, trotz mittlerweile fast fünfzig Jahre dauernder Anstrengungen, das Gegenteil zu bewirken. Man hat in der Geschichte vielfach versucht, den Schwächeren, den Unterdrückten eine Stimme zu geben, ihnen zu Macht zu verhelfen. Was man dann oft feststellen konnte, war, dass die Unterdrückten ihre Welt gar nicht so sehr in Frage stellten wie jene, die vor allem über die Ungerechtigkeit redeten, selbst aber mehrheitlich gar nicht aus den Schichten stammten, über die sie redeten. Die Schwachen und Unterdrückten dieser Welt litten und leiden, und was ihnen hilft, ist weniger intellektuelles Geschwafel als vielmehr die konkrete Linderung ihrer Not. So auch heute: wir reden seit fünfzig Jahren über gesellschaftliche Veränderungen, aber an der sozialen Durchlässigkeit hat sich nichts geändert. Es bleibt nach wie vor ein Kampf, den Weg über die Grenzen der eigenen sozialen Herkunft hinweg zu finden. Die Gewohnheiten der jeweils „anderen Welt“ irritieren die Angehörigen der eigenen Welt derart, dass das zu Konflikten und – öfter, als man gemeinhin glauben mag – zum Bruch mit dem Kontext der eigenen Herkunft führt, mitunter die eigenen Eltern eingeschlossen. Andererseits sind die Gewohnheiten jener Schicht, in die man sich bewegt, mitunter so anders als die eigenen, dass man sich fremd vorkommt und auch fremd wahrgenommen wird – selbst wenn man die jeweils notwendigen Kulturtechniken beherrscht, beherrscht man sie meist perfekter als die „angestammten“ Mitglieder jener Schicht, was einen wiederum besonders erscheinen lässt, weil dann eine gewisse Lässigkeit und ein „über-sich-selbst-lachen-Können“ fehlen.

Nun war die DDR, wie sie war. Es hilft wenig, wie das heutzutage viele tun, die DDR zu verklären. Andererseits ist es aber ebenso wenig hilfreich, im Pathos der Überwindung eines Unrechtsstaates zu verharren. Zur Bewältigung unserer heutigen gesellschaftlichen Hausaufgaben ist es zunächst hilfreich zu fragen, was eine DDR-Sozialisation bewirkt hat. Eine Bewertung, ob das nun gut (Verklärung) oder schlecht (Unrechtsstaat!) oder verbrecherisch (Stasi!) war, kann man vornehmen, man sollte sich aber ausgehend von solchen moralischen Urteilen nicht dazu verleiten lassen, damit alle Konsequenzen vom Tisch zu wischen. Die einen sagen dann nämlich Varianten der folgenden Sätze: „Das war doch alles Mist im Osten. Haben wir doch gesagt. Warum waren wir denn 89 sonst auf der Straße? Wir waren doch froh, als es endlich vorbei war. Dann müssen wir auch mit den Konsequenzen leben. Jetzt ist es doch in jedem Fall besser als damals. Wollen wir etwa unsere Freiheit nicht? Dann verstehe ich gar nichts mehr.“ Und die anderen? Die klingen etwa so: „Das haben wir uns damals aber anders vorgestellt. Jahrzehntelang als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden, ist alles andere als lustig. Damals waren die Unterschiede nicht so groß. Da war es egal, wer Du warst. Naja, vielleicht waren auch nicht alle gleich, aber es war besser als heute. Heute zählt nur, wer sich durchsetzen kann. Und das, das haben wir damals nicht gewollt.“ Die Konsequenzen treten unabhängig von der Bewertung der Ursachen ein. Die Ursachen liegen in der DDR-typischen Sozialisation, die Konsequenzen bestehen in einer gewissen, nicht vollständigen, aber immerhin tief fühlbaren Fremdheit oder eben „Restunsicherheit“ bezüglich der heute zu verwendenden Kulturtechniken.

Wenn man also den Osten verstehen will, dann gelingt dies nur, wenn man annimmt, dass nicht alle jener Hoffnungen des Herbstes 1989 in Erfüllung gegangen sind. Wie auch, könnte man salopp nachsetzen: „Das ist ja gerade das Wesen der Hoffnung, dass man nicht weiß, was die Zukunft bringt, dass einen die Hoffnung aber leitet.“ Und man könnte noch kritischer werden und rufen: „Die Hoffnung war eine Hoffnung auf Freiheit. Da waren sich seinerzeit fast alle einig. Und wenn man frei sein will, muss man Freiheit auch ertragen! Da sind sich irgendwie nicht mehr so viele einig. Dann wisst Ihr Ostdeutschen jetzt, was Ihr lernen müsst: kommt klar mit der Freiheit!“

Wenn es denn so einfach wäre! Ich halte es für falsch zu vermuten, dass die Menschen nicht mit der Freiheit klarkommen wollten oder konnten. Die meisten, denke ich, genießen die Freiheit sogar. Man wird heuer nicht gegängelt (oder doch? „Mindestens im Jobcenter!“, würden viele rufen), man kann sich hervorragend bilden, man kann reisen – neuerdings gibt es sogar einen „Arbeitnehmermarkt“, sprich, Arbeitnehmer sind in vielen Branchen so knapp, dass sich Arbeitgeber mittlerweile recht zahm verhalten – ein Umstand, der vor fünfzehn oder zwanzig Jahren in Ostdeutschland an vielen Stellen undenkbar erschien.

Meine Vermutung ist, dass die Erwartungen an Freiheit im Osten andere sind als auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik. Man stelle sich ein Spektrum vor zwischen den „durchindividualisierten“ Menschen Westeuropas und den „sozialistischen“ Menschen Osteuropas vor. Ja, diese sozialistischen Menschen hat es gegeben, und auch wenn man heute nicht mehr stolz darauf sein kann, weil es faktisch niemanden mehr gibt, der einen dafür bewundert oder mindestens lobt, heißt das nicht, dass die Prägungen, die Sichtweisen, die Emotionen des sozialistischen Menschen von der Erdoberfläche verschwunden sind. Die Regungen des sozialistischen Menschen liegen heute eher im Verborgenen, werden weniger gezeigt, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht weitergegeben werden. Viele der heutigen Stimmungen im Osten Deutschlands werden plausibel, wenn man sich den sozialistischen Menschen – positiv gesprochen – mit seinen Anpassungsleistungen an das große Ganze oder – kritisch gesprochen – mit seiner Einordnung oder gar seinem „Eingemahlensein“ in ein System vorstellt. Ich will damit nicht behaupten, dass Ostdeutschland noch immer voller sozialistischer Menschen ist, will aber meinen, dass Ostdeutsche auf einem Spektrum zwischen Individualisierung auf der einen und Einfügung in ein System auf der anderen Seite mehrheitlich eine andere Position einnehmen als ihre Landsleute im Westen. Damit gehen andere Erwartungen an Freiheit einher. Man nimmt sich weniger Raum, äußert sich ggf. zurückhaltender – und erwartet das auch von anderen. Man erwartet auch, dass der Staat fürsorglich handelt und in gewissen Lagen auch interveniert.

Der von vielen wahrgenommene Statusunterschied zwischen Ost und West bezieht sich also nicht nur auf politische oder wirtschaftliche Stärke oder Dominanz („Wer hat denn die Straßen im Osten bezahlt?“), sondern hat auch eine habituelle Dimension. Das wäre an und für sich ein Problem, das man zwar in den Zeitungen hin und wieder beschreiben würde, das aber für den Bestand unserer Gesellschaft nicht allzu problematisch wäre. Nach dem Motto: „Da gibt es halt Unterschiede, und die einen nehmen sie so wahr und die anderen so. Und? Was ist das Problem?“ Bis vor wenigen Jahren blieb das ganze Thema also mehr oder minder ein Spielplatz für Intellektuelle, die es nicht lassen konnten, sich damit zu beschäftigen. Doch spätestens 2015 hat sich das geändert. Seither rumort es in Ostdeutschland, und das Rumoren hat auch Teile der westdeutschen Gesellschaft ergriffen. Rein äußerlich regnet sich die ganze Debatte vor allem an den Flüchtlingen ab. Dahinter steckt aber, so möchte ich vermuten, etwas Grundsätzlicheres.

Nehmen wir noch einmal die nur zum Teil oder auch nicht erfüllten Hoffnungen des Herbstes 1989 – auch unter der Einschränkung, dass es in der Natur vieler Hoffnungen liegt, nicht in Erfüllung zu gehen, und auch unter Anerkenntnis des Einwands, dass viele vielleicht gar nicht so recht wussten, worauf genau sich die Hoffnungen richteten. Das Leben wird ja frei nach Kierkegaard vorwärts gelebt und rückwärts verstanden, und da gibt es eben vorwärts die Hoffnung und rückwärts die Enttäuschung, wobei in diesem Zusammenhang die Schreibweise Ent-Täuschung treffender wäre, weil sich einige Hoffnungen eben als Täuschungen entpuppten oder – tragischer noch – einige Hoffnungen erst im Nachhinein in den Herbst 1989 hineinprojiziert wurden, der historische Moment heute also mit schwereren Hypotheken aufgeladen ist, als er eigentlich verdient hat. Nehmen wir also noch einmal die nur zum Teil oder nicht erfüllten Hoffnungen und betrachten diese im Zusammenhang mit den besagten anderen Erwartungen an Freiheit. Und betrachten wir dann einmal die Ereignisse im Sommer und Herbst 2015. Womöglich hätte sich niemand außer den „üblichen Verdächtigen“ daran gestoßen, wenn ein paar Sonderzüge mit Flüchtlingen aus Budapest nach Deutschland geholt worden wären. Aber als die „Willkommenskultur“ ansprang und sich Journalisten reihenweise nach Ungarn begaben, um sich hernach selbst dafür zu feiern, dass sie ihre Handyladegeräte an Flüchtlinge verliehen oder einer Familie Zugtickets nach Deutschland gekauft hatten (ganz nebenbei hatten sie natürlich auch schreckliche Geschichten gehört!), haben das viele nicht mehr begriffen, nach dem Motto: „Was ist los mit einem Land, dem es gut geht (eine mögliche Sicht), das aber seine Hausaufgaben noch nicht fertig hat (wahrgenommene Ungerechtigkeiten; eine weitere mögliche Sicht)?“ Diejenigen, deren Hoffnungen sich seinerzeit nicht erfüllt hatten, sahen nun die Hoffnung in den Gesichtern derer, die „Deutschland, Deutschland!“ riefen. Ein bezeichnenderes „Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Sein“ – im Prinzip eine unerwünschte Konfrontation mit der eigenen Geschichte – lässt sich kaum denken. Und wenn man dazu in der schwächeren Position ist oder glaubt zu sein – auf wen richten sich dann die Emotionen?

So macht die Sache in meinen Augen Sinn, das heißt, so wird die Sache verständlich: Jeder Mensch kennt das von sich selbst. Es gibt Wahrheiten über das eigene Leben, die man nicht oder nur sehr dosiert wissen möchte. Im Falle von als zu krass empfundenen Konfrontationen mit einer der verdrängten Wahrheiten geht der Selbstschutz an. Soziologisch betrachtet sind (und sehen sich auch selbst) die Ostdeutschen in der schwächeren Position. Das zu ertragen ist schon schwer genug. Kommen nun aber andere, die genau solche Hoffnungen haben, wie ein größerer Teil der Ostdeutschen einst hatte, dann wird das Ertragen unerträglich, dann folgen Ärger und Wut. Aber auch das wäre noch gegangen, irgendwie hätte man sich schon arrangieren können, wenn die beteiligten Politiker und Journalisten die Wut hingenommen hätten. Aber nein, es folgte das, was in solchen Situationen gar nicht hilft, sondern alles nur noch schlimmer macht: es wurde diagnostiziert, belehrt und im Zweifel sogar stark abgewertet. Und was tut jemand, der sich ärgert, aber belehrt wird, dass er sich gar nicht ärgern dürfe, und dass er gar ein „Nazi“ sei, wenn er sich ärgert? Nun, wenn man es ihm nur oft genug sagt, dann wird er sich ein bißchen so benehmen, wie man es ihm unterstellt, weil das dann die einzige einigermaßen selbstwerterhaltende Handlungsoption ist. Das heißt nicht, dass es keine Neonazis gibt. Wenn einer ein Flüchtlingsheim anzünden möchte, helfen keine Gespräche, sondern gute Ermittlungsarbeit und konsequentes polizeiliches und juristisches Handeln. Aber die ostdeutsche Empörung generalisierend mit latentem Rassismus oder gar Neonazitum in Verbindung zu bringen, macht das Problem nicht besser, sondern schlimmer, weil die so Vor-Verurteilten erst recht nicht mehr wissen, wohin mit ihren Meinungen. Von dort ist es nicht mehr weit zu dem „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“ der gewohnheitsmäßig Empörten. Als Gesellschaft sollten wir uns genau überlegen, wie vielen wir nicht mehr zuhören – und das „nur“ um des Festhaltens an einigen postmodernistischen Leitvorstellungen willen.

Bisher habe ich vor allem soziologisch und ergänzend psychologisch argumentiert. Da ich aber selbst einige Jahre in der Flüchtlingsarbeit tätig war – zunächst in einem deutschen Asylbewerberheim und später in Bosnien-Herzegowina – möchte ich hier einige persönliche Bemerkungen anfügen:

  1. Es gibt ein „migrantisches Binnenspektrum“. Ein Teil der hier Angekommenen hat tatsächlich eine Geschichte über Not, Bedrohung, Verfolgung, Vertreibung, Folter, Verstümmelung oder anderen Grausamkeiten zu erzählen. Für diejenigen ist unsere Asylgesetzgebung eigentlich gemacht, und das ist und bleibt auch gut so. Wer soll es denn wissen, wenn nicht wir Deutschen? Aber es kommen nicht nur Menschen mit einer Geschichte, die dem Zweck des Asylrechts entspricht. Es kommen auch jene, die eigentlich als „potentielle Einwanderungskandidaten“ bezeichnet werden müssten, für deren Einreise es aber keine legale Grundlage gibt, weil wir keine nennenswerten Einwanderungsgesetze haben. Also „tarnen“ diese Menschen ihre Gründe und erfinden möglicherweise asylrechtlich relevante Gründe. Schließlich, und das muss Anerkennung finden, sonst nehmen die Probleme weiter zu, kommen auch Menschen her, die keine guten Absichten hegen. Ich kenne Leute, die in der Betreuung von Migranten arbeiten und das Gefühl haben, nicht wirklich offen über die Probleme in dieser Arbeit sprechen zu können. Selbst dort! Damit meine ich nicht nur die Probleme, die durch Rassismus entstehen, sondern vor allem negative bis gefährliche Erlebnisse mit Migranten, Bedrohungen, die ausgesprochen werden, kriminelle Handlungen, von denen man erfährt. Wenn man sich zu differenziert äußert und auch die negativen Bereiche des „Binnenspektrums“ beleuchtet, erfahren diese Menschen im Kollegenkreis und vor allem von Vorgesetzten häufig Ablehnung, so als dürfe man nicht über solche Probleme sprechen. Das betrifft auch Bedenken hinsichtlich der Integrierbarkeit der großen Zahl von Migranten und der Integrierbarkeit bestimmter Gruppen. Wo kommen wir hin, wenn ein „Wir schaffen das!“ nicht mit „Was wollen wir schaffen?“ und „Wie schaffen wir das, was wir schaffen wollen?“ hinterfragt werden kann – und wenn selbst in dieser Arbeit Tätige darüber gleichsam prophylaktisch schweigen?
  2. Integration dauert viel länger, als wir uns vorstellen. Erstens gehört, und das vergessen viele in der Diskussion um Flucht, Migration, Asyl usw., zur Flucht oft auch die Rückkehr. Kriege gehen, zumindest in der Regel, nach einigen Jahren zu Ende. Dass sich Kriege selten lohnen, muss hier nicht diskutiert werden. So wie bei der Entstehung eines Krieges irgendwann die Gemäßigten von Radikalen verdrängt werden, diese radikalen Kräfte dann den Krieg vom Zaun brechen oder die Kriegserklärung einer anderen Seite mehr oder minder vorbereitet annehmen, so gewinnen, wenn sich der Krieg langsam seinem Ende entgegenneigt und sich die Kraft der Radikalen „verkämpft“ hat, die gemäßigten Kräfte wieder mehr Gewicht und übernehmen vor oder nach dem Ende des Krieges wieder das Zepter. Das ist nicht immer so, aber oft genug, als dass man nach einem Krieg in der Regel eine gewisse Beruhigung, Befriedung und „Rezivilisierung“ erwarten kann. Dann wird es auch wieder möglich, in den betroffenen Ländern zu leben. Eine besonders tragische Ausnahme bildet Afghanistan mit seinen nun bald ein halbes Jahrhundert dauernden Konflikten. Zweitens, und das ist der Kern dessen, was ich hier sagen möchte, malen wir uns, was Integration betrifft, gern romantische Bilder. Integration verlangt den Beteiligten viel ab. Es ist im Vergleich zu einem Leben in einer angestammten Kultur ein Mehrfaches an Motivation und Aufwand notwendig, seinen Weg in einem fremden Land zu gehen. Ich habe das in einem anderen Text auf diesem Blog bereits ausführlich beschrieben, weshalb ich mich an dieser Stelle entsprechend kurz fasse. Solchen Argumenten wird gern entgegengehalten, dass es so etwas wie „angestammte Kulturen“ mit entsprechend homogenen Bevölkerungen gar nicht mehr gebe, und dass Integration andauernd irgendwie und irgendwo stattfinde. Das stimmt – zum Teil. Das Argument trifft vor allem auf von der Globalisierung profitierende, mehr oder minder „kontinental“ oder gar „transkontinental“ lebende Menschen zu. Es gibt diejenigen, die aus Deutschland stammen, in Spanien geheiratet haben, ihre Kinder in Australien großziehen usw., sprich, die auf dem Globus zuhause sind. Ja. Aber was sind die Voraussetzungen für ein solches Leben? Mindestens hohe Bildung und eine sehr gute materielle Ausstattung. Und auf welche Menschen trifft das vor allem zu? Und ist es – quasi als Norm – auf alle derzeitigen Migrantengruppen verallgemeinerbar? Ist uns wirklich klar, was es heißt, größeren Gruppen aus eher „fernen“ Kulturen hier eine echte Chance zu geben? Ist uns klar, wie weit der Weg für Analphabeten und noch für deren Kinder ist? Haben wir wirklich so viel Geduld? Ich meine nicht, dass wir es lassen sollten, ich meine aber – und dass tue ich vor allem vor dem Hintergrund intensiver Beschäftigung mit dem Thema – dass wir sehr langsam machen sollten.
  3. Willkommenskultur hat mehr damit zu tun, wie sich viele Deutsche sehen wollen, und weniger damit, wie wir Deutschen wirklich sind. Man kann sich bekanntlich nicht selbst betrachten, sondern sieht sich selbst mehr oder minder durch die Augen der anderen. Wie sehen sich die Deutschen? Ich möchte diese Frage hier nicht erschöpfend beantworten, sondern möchte nur zu bedenken geben, dass die „Willkommenskultur“ in der Regel recht bald nach der Ankunft und den ersten Monaten Betreuung endet. Irgendwann kommt der Alltag der Institutionen zurück, irgendwann verliert sich das große ehrenamtliche Engagement. Meine größte Wertschätzung gilt jenen Menschen und Projekten, die es schaffen, über Jahre und alle tiefen Gräben der Frustration und der Desillusionierung hinweg kontinuierlich zu arbeiten. So wie viele Ostdeutsche nicht in der Bundesrepublik angekommen sind, so werden viele Migranten nicht in Deutschland ankommen. Das ist ein weiteres Argument, sich um diejenigen besser zu kümmern, die da sind – und den Zuzug zu regulieren. Eine kürzlich von meinem Team durchgeführte Untersuchung zeigt ziemlich genau auf, was notwendig wäre, um den sozialen Frieden in Deutschland wiederherzustellen – oder, falls das zu pathetisch formuliert ist, was getan werden müsste, um die aktuellen Spaltungen deutlich zu reduzieren und der Radikalisierung in einigen Teilen unserer Gesellschaft Einhalt zu gebieten. Es sind drei relativ machbare Dinge: (a) eine Obergrenze für den Zuzug von Migranten, (b) eine Einwanderungsgesetzgebung, die den Namen verdient, (c) zuzugeben, dass 2015 einiges falsch gelaufen ist und sich dafür zu entschuldigen. Letzteres heißt nicht, dass man Flüchtlinge nicht hätte aufnehmen sollen. Letzteres heißt, dass die Art und Weise und die Dimensionen falsch waren und das Ganze in der Gesellschaft unzureichend legitimiert war. Danach mit „Kommunikation“ irgendetwas zu berichtigen oder zu bearbeiten oder – schlimmer noch – die Leute zu belehren, machte die Sache nur schlimmer und hat zu den heute wahrnehmbaren Wirkungen geführt.

Aus einer solchen Sicht ist es kein Wunder, dass die AfD so erfolgreich wurde. Sie wird – und beinahe: muss – noch stärker werden, wenn nicht ein gewisser Sinn für die ostdeutschen (und bald gesamtdeutschen) abweichenden Sichtweisen erlernt wird. Ich rede hier nicht von den Radikalen. Ich rede hier von Menschen, die sich ehrlich unverstanden fühlen und die – außer im privaten Umfeld – nicht mehr sprechen. Für diese Menschen ist Willkommenskultur schlicht und einfach Ausdruck „elitären Wohlstandswahns“. Im Grunde könnte man einen Teil der ostdeutschen Empörung auch so formulieren: „Passt mal schön auf, den Flüchtlingen geht es irgendwann wie uns: erst werden sie angelockt und als Fachkräfte verklärt, und dann werden sie an der langen Leine der deutschen Bürokratie verhungern gelassen.“ Die etwas freundlichere Formulierung wäre: „Wir sind noch nicht einmal mit der einen Hausaufgabe fertig, da halsen wir uns die nächste, viel größere Herausforderung auf. Wir sollten froh sein, dass es läuft, und wir sollten unseren Teil dazu leisten. Aber doch nicht so! Wir sind nicht die Heilsbringer Europas und schon gar nicht der Welt.“

Zurück zum Anfang – der Versuch eines Fazits: Was wir 1989 und nach der Wende wollten, war Freiheit. Die haben wir auch bekommen. Wir haben die Freiheit unterschiedlich nutzen können – einige hatten mehr Glück als andere. Zwischen den einen und den anderen klafft heute ein tiefer Spalt – und das zeigt sich nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. Aus einem deutsch-deutschen Problem wird so ein gesamtdeutsches Problem zwischen jenen, denen die Globalisierung zu Erfolgen verhilft, und jenen, die zunehmend fassungslos bestaunen, was die anderen so treiben. Die Effekte solcher Spaltungen sind allerorts zu beobachten – in Ungarn genauso wie in den Vereinigten Staaten. Die Art und Weise, wie wir derzeit über diese Dinge sprechen, ist nicht hilfreich – im Gegenteil: die Spaltungen werden dadurch noch verstärkt. Während sich die einen entrüsten (bis hin zur Wut und natürlich angestachelt durch Radikale), meinen die anderen, die einen belehren zu müssen. Herablassung ist keine Frage der Bildung, Herablassung ist eine Frage der Haltung. Und an dieser Stelle haben – und damit tröte ich ausdrücklich nicht in das Horn jener, die „Lügenpresse“ rufen, sondern meine das ganz und gar ernst – viele Politiker und Journalisten noch viel zu lernen. Belehrung wird als Arroganz empfunden. Man schweigt dann, weil man das Gefühl bekommt, minderwertig zu sein und nicht mehr sagen zu können, was man denkt. Davon gehen die Sichtweisen aber nicht weg – im Gegenteil: Die Radikalen bekommen mehr Redezeit und mehr Zulauf.

Jörg Heidig

Veränderung beginnt im Kopf

Am 05.02.2018 teilten unter dem #Zirkeltag viele Menschen ihre Erinnerung an die Berliner Mauer. An diesem Tag existierte sie exakt 28 Jahre, zwei Monate und 27 Tage – so lange, wie sie auch einst stand. Viele nahmen den Anlass dazu, ihr bisheriges Leben zu reflektieren und erzählten kurze Geschichten darüber, inwiefern die Wiedervereinigung ihr Leben beeinflusst hatte bzw. wo und wie sie vermutlich leben würden, wenn die Mauer noch stehen würde. Parallel dazu kursierten ebenso Artikel darüber, dass sie aber nach wie vor noch existiere – zumindest in den Köpfen vieler Menschen.

Ich selber habe weder die Teilung, noch den Fall der Mauer aktiv miterlebt, da ich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Schritt auf der Erde getan hatte. Allerdings bin ich mittlerweile 27 Jahre alt und habe seitdem schon diverse Mauern kennengelernt, die in einer Vielzahl von Köpfen errichtet wurden und dort existieren. Daher kann ich meine ganz persönlichen Geschichten von ihnen erzählen.

Als Kind habe ich mir nie bewusst Gedanken über meine Herkunft und meine Identität gemacht. Für mich gab es auch nicht das „Deutsche“ und das „Griechische“ in mir. Ich bin in NRW geboren, in Berlin aufgewachsen, habe die griechische Staatsangehörigkeit, spreche beide Sprachen fließend und fühle mich zu beidem verbunden. Irgendwann, als ich älter wurde, habe ich aber dann doch bemerkt, dass es für mich Unterschiede gibt und dass ich manchmal Nina Eleni Sarakini und manchmal Νινα Ελενη Σαρακινη bin.

Als ich im Sommer 2014 Freunde von mir in Südfrankreich besuchte, ist mir aufgefallen, dass sich alle von ihnen wie selbstverständlich als Franzosen bezeichneten. Auch dann, wenn ihre Eltern einen Migrationshintergrund hatten. Aus Deutschland kannte ich das bisher nicht und irgendwie war das für mich etwas befremdlich. Dann habe ich herausgefunden warum: Ich selber bezeichne mich nicht als Deutsche und habe manchmal auch den Eindruck, ich hätte nicht das Recht dazu, dies zu tun.

Mich hat diese Erkenntnis ziemlich lange beschäftigt und ich wollte herausfinden, woran das liegt. Wie gesagt, als Kind war das nie ein Thema, aber scheinbar ist es unbemerkt zu einem geworden. Irgendwann ist mir die Schlüsselsituation wieder eingefallen, die dazu geführt hat, dass ich plötzlich daran gezweifelt habe, dass ich von anderen als dazugehörig wahrgenommen werde und mich auch selber nicht bedingungslos als dazugehörig empfinde.

Von außen gesehen war es nichts Weltbewegendes, was passierte. Nur ein einziger Satz, den meine Praxisanleiterin damals zu mir gesagt hatte, als ich in der 8. Klasse ein Praktikum in einer Redaktion absolvierte. Ich saß am Schreibtisch und adressierte gerade die Post. Ganz sauber und ordentlich schrieb ich:

An Annelise Schmidt Am Pfauenweg 7 13047 Berlin

Meine Anleiterin kam vorbei, warf einen Blick über meine Schulter und sagte dann, in einem äußerst maßregelnden Ton: „Nee, nee, nee. So nicht. Also bei uns hier in Deutschland, da schreiben wir immer noch Herr oder Frau dazu“.

Die Zurechtweisung beschäftigte mich. Vor allem zwei Äußerungen hatten mich sehr getroffen und noch Jahre später viel in mir ausgelöst: „Bei uns“ und „wir“. Innerhalb von Sekunden hatte meine Anleiterin eine Mauer zwischen uns errichtet, oder war sie die ganze Zeit schon da und ich hatte sie nur nicht gesehen?

Und dann ist mir erstmal aufgefallen, wie oft ich schon in solche Situationen geraten bin, in denen ich eben als „anders“, „nicht dazugehörig“, „exotisch“ wahrgenommen werde. Früher wurde ich oft als Türkin gehalten und selbst der Verkäufer im türkischen Supermarkt war irritiert, wenn ich mit ihm deutsch und nicht türkisch gesprochen habe. Mittlerweile bin ich mal Syrerin, Iranerin oder Inderin. Es ist wirklich spannend zu beobachten, wie groß das Bedürfnis ist, jemanden einordnen zu wollen. Wir labeln alle fleißig vor uns her und drücken einander Identitäten auf. Die Identität muss aber auch immer schön zu der Mauer passen, die wir in unserem Kopf erschaffen haben.

Ich merke immer wieder, dass mein Aussehen und meine Art und Weise deutsch zu sprechen, für viele Menschen irgendwie irritierend ist. Von dem Bankangestellten wurde ich für eine Kontoeröffnung nach meinem Geburtsort gefragt. Ich antwortete ihm, dass ich in Hagen, in NRW geboren wurde, was er mit „Aha, das ist ja interessant“ kommentierte. Nach der Bearbeitung meines Anliegens musste er aber doch noch etwas loswerden: „Mensch, sagen Sie mal, wie lange leben Sie denn schon in Deutschland?“. Etwas verwundert antwortete ich „Seit 27 Jahren, ich bin ja hier geboren“. Die Verwunderung übertrug sich auch auf ihn: „Ach was? Dafür sprechen Sie aber wirklich ausgesprochen gut Deutsch“. Ich bedankte mich und gab das Kompliment an ihn zurück.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich mal auf einer Zugfahrt, als ich mir mit 12 Jahren eine Linsensuppe im Bordrestaurant kaufen wollte. Sie wissen schon, kleiner Tresen, eine stark eingegrenzte Auswahl an Speisen und Getränken. Ich bin dann zu dem Angestellten hin und habe gesagt: „Hallo, ich hätte gerne einmal die Linsensuppe, bitte“. Völlige Irritation, Schweißausbrüche, große Augen und Stottern folgten. „Äh, äh. Ja, äh, Linsensuppe. Äh, also die da?“. Er drehte sich um und zeigte auf eine Werbetafel auf der „Linsensuppe 2,60€“ stand. – „Joa, also wie viele Linsensuppen haben Sie denn?“

– „Ja, eine. Nur die.“
– „Prima, dann nehme ich genau die“

Und wie jede Person, die mit der Ausländerbehörde zu tun hat, habe auch ich dort schon die ein oder andere Anekdote erlebt. Wie das eine mal, als ich mit einem Sachbearbeiter telefonierte: „Guten Tag, Sarakini mein Name. Ich benötige für meinen Bafög-Antrag eine Bescheinigung von Ihnen. Leider habe ich gesehen, dass Ihre Öffnungszeiten in meiner Schulzeit liegen. Da wollte ich fragen, ob ich einen Termin mit Ihnen vereinbaren könnte“. Die Antwort kam prompt und sehr durchdringend: „Nee, Termine machen wir hier gar nicht. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Menschen wie Sie nicht gerade die Zuverlässigsten sind“.

Diese Gespräche, die sich so ergeben, die ermöglichen es mir ganz gut zu erkennen, mit welchen Gedankenmustern Menschen durchs Leben gehen und es ist häufig ein Zusammenspiel aus Neugier und Interesse, mit dem mir begegnet wird. Das merke ich schon und ja, ganz oft auch eine ordentliche Portion Unbeholfenheit.

„Ähm, und? Wo kommen Sie her?“

Ich weiß nicht, wie oft Ihnen schon diese Frage gestellt wurde und ob es für Sie immer ganz eindeutig war, was Sie darauf antworten. Für mich ist es manchmal schwierig eine Antwort darauf zu geben, obwohl das eine der Fragen ist, die mir bisher am häufigsten gestellt wurde. Ich habe in all den Jahren gelernt, dass es gar nicht um die Frage geht, wo ich herkomme, sondern woher mein ausländisches Aussehen stammt. Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass ich zwei Möglichkeiten habe auf diese Frage zu antworten und inwiefern meine Antwort den weiteren Verlauf des Gespräches beeinflusst. Ich kann das Muster der Leute bedienen und ganz brav antworten, dass ich aus Griechenland komme und nochmal betonen, dass sowohl meine Mama als auch mein Papa eine griechische Staatsbürgerschaft haben. Meistens endet das Gespräch dann aber ganz schnell, schließlich ist ja alles geklärt, oder aber es folgen weiterführende Dialoge über die aktuelle politische und finanzielle Lage in Griechenland und ob meine Familie da unten am Verhungern ist.

Eine Alternative ist es, das Muster zu durchbrechen, indem ich die Erwartungen auf eine humorvolle Weise nicht erfülle, indem ich ganz ehrlich sage, wo ich denn gerade herkomme: Vom Einkaufen, aus der Hochschule oder einem Besuch aus dem Pub. Das kostet mich aber ehrlich gesagt auch viel Mut.

Besonders erschreckend ist es immer dann, wenn ich Angelegenheiten nicht erledigen kann, weil die Mauer in dem Kopf meines Gegenübers viel zu hoch und grau ist. Dann habe ich keine Chance sie etwas einzustampfen oder bunt zu bemalen, wenigstens ein bisschen. Zu hohe und eintönige Mauern können zu erheblichen Kommunikationsstörungen führen, wie ich es mal mit einer Sachbearbeiterin eines Bürgeramts erlebt habe, bei der ich mich mit folgendem Anliegen meldete:

„Guten Tag, ich würde mich gerne Ummelden und wollte fragen, welche Unterlagen ich dazu einreichen muss“. Schon beim Aussprechen starrte sie mich mit großen Augen an und fixierte meine Lippen so nach dem Motto: „Jetzt muss ich mich besonders anstrengen, um zu verstehen, was sie sagt“. Als ich fertig war, schaute sie mich weiter an antworte etwas holprig: „Du wollen machen…“ –

Ich unterbrach sie direkt: „Wissen Sie, Sie können ganz normal mit mir reden“. Wieder schaute sie meine Lippen an. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nicht gewusst, wie unangenehm das sein kann. Dann sagte sie: „Ähm, okay, also, du wollen machen was?“. Ich fürchtete schon, dass ich so nicht weit kommen würde und probierte es anders: „Will isch machen das Anmeldung fur noie Wohnunk, ey!“. Dann lächelte sie verständnisvoll und nahm ein Blatt Papier von einem Stapel und informierte mich sehr langsam und sehr deutlich: „Ah, ja. Du machen Formular, diese hier, schreiben und geben mir“. Besonders hilfreich war es, dass sie das Ganze noch gestisch untermalte. Bei „du“ zeigte sie auf mich, bei „Formular“ auf das Papier und bei „mich“ auf sich.

„Läuft doch!“, dachte ich erfreut über diesen kleinen Fortschritt, aber nur bis sich Enttäuschung und Entsetzen bei mir breitmachten und dann war da noch etwas: Angst. Was, wenn die Mauer am Ende siegt und ich in Zukunft zu keinem Bewerbungsgespräch eingeladen werde, weil mein Nachname Sarakini und nicht Schmidt oder Müller lautet? „Wenn ich Glück habe, denken die, Sara ist der Vor- und Kini der Nachname“, versuchte ich mich zu beruhigen. Trotzdem stellte ich mir die Frage, ob es meinen Kindern und Enkelkindern auch eines Tages so ergehen wird.

Wie gesagt, ich habe eher das Gefühl, dass dieses Verhalten primär geprägt ist durch Unbeholfenheit, gekoppelt mit sehr starken Gedankenmustern, die eben irgendwo herkommen. Ich freue mich darüber, wenn Menschen mich ansprechen und sich austauschen wollen und ich habe den Eindruck, dass die Unbeholfenheit immer dann besonders stark ist, wenn die Leute wenig Berührungspunkte mit Menschen haben, die eben keine deutsche Staatsbürgerschaft haben oder eben nicht aussehen wie Bernd oder Hannelore. In Sachsen habe ich auch schon viele solcher Erlebnisse gehabt. Manche waren amüsant, manche schon sehr schockierend.

Bei einem Optiker in Sachsen wurde ich darauf hingewiesen, dass ich einen Sehtest für amtliche Angelegenheiten nur machen kann, wenn ich einen deutschen Pass habe. Alternativ könne ich aber auch einfach meinen Asylantrag vorlegen. Das ist dann der Moment, wo ich dastehe und paranoid werde: „Wo sind jetzt hier die Kameras?“ und mich frage, ob ich lachen oder schreien soll. Ich hatte aber Glück. Griechenland ist ja noch in der EU, deshalb ging es auch mit dem griechischen Pass.

Das mit dem Pass ist sowieso etwas paradox. Ich habe Freunde mit einem Deutschen Pass die sagen: „Ach Nina, weißt du was? Ich werde sowieso immer gefragt wo ich denn nun wirklich herkomme. Deutscher Pass hin oder her!“ Und dann treffe ich Leute, die es völlig absurd finden, dass ich keinen deutschen Pass habe: „Hä? Aber du bist doch in Deutschland geboren. Du bist Deutsche!“

Klar, Identität, das hat auch immer was mit der Herkunft und der Kultur zu tun und natürlich prägen mich meine Einflüsse da sehr, sowohl das Griechische, als auch das Deutsche. Ich möchte aber meine Persönlichkeit nicht ausschließlich aus diesen zwei Bausteinen aufbauen. Für mich gehört da noch so viel mehr rein, als die Herkunft. Was meine Leidenschaft ist, wofür ich einstehe, was mich bewegt und was ich bewegen will, genauso wie das, was ich ablehne.

Bezogen auf die griechischen und deutschen Einflüsse mache ich es ein bisschen wie meine Oma, die als klassische Gastarbeiterin gemeinsam mit meinem Opa aus einem griechischen Dorf in Nordgriechenland nach NRW gezogen ist, um in einer Fabrik zu arbeiten. Sie kreiert ständig neue Wörter, wie z.B. „Brotáki“. Das Wort setzt sich zusammen aus dem deutschen Wort „Brot“ und der griechischen Verniedlichungsform „áki“. So wird aus einem Brot ein Brötchen.

Wissen Sie, eins ist mir wichtig. Ich möchte mich nicht als Opfer darstellen und sagen: „Das ist alles so schrecklich, so schlimm und gemein“. Ich mag diese Zuschreibung und Annahme der Opferrolle nicht. Das will ich nicht und das ist es auch nicht. Viel mehr finde ich es spannend zu erleben, mit welchen (Gedanken-)Konstrukten Menschen durchs Leben gehen, welche Mauern errichtet wurden und wie schwer es ist, diese zu durchbrechen und selbst der lebende Beweis für das Gegenteil dessen, was wir denken, ist nicht stark genug um die Mauern zu Fall zu bringen.

Manchmal, da finde ich es sehr amüsant, diese Erlebnisse zu machen. Das war nicht immer so, aber ich habe für mich festgestellt, dass Humor ein gutes Mittel sein kann, um mit solchen Situationen umzugehen. Stören und wirklich wütend macht es mich nur dann, wenn ich mitbekomme, dass ich aufgrund meines Aussehens oder eines ausländischen Passes ungerecht behandelt werde. In diesen Situationen wird mir dann bewusst, welch machtvolles Werkzeug die Sprache ist. Die hilft mir in solchen Momenten mich abzugrenzen und für mich einzustehen und dafür bin ich sehr dankbar.

Und bezogen auf die Frage, wo jemand herkommt, sollte am Ende nur entscheidend sein, dass wir alle aus dem Bauch unserer Mütter kommen und was die Mauern angeht: Veränderung beginnt im Kopf.

Nina Eleni Sarakini 14.02.2018

Died under friendly fire – warum mich mal wieder ein Linker unter Beschuss nahm

Immer wieder liest man es: Das Schlimmste unter Kameraden im Feld soll es sein, einen Soldaten der eigenen Armee zu erschießen. In diesen Momenten kommt die ganze Sinnlosigkeit eines kriegerischen Konflikts zum Tragen. So erschoss man doch gerade jemanden, der die eigenen Werte und Normen teilt und die des Gegners energisch bekämpft.

Ein Zusammenhalt gegen die Konfliktpartei wohnt aber nicht nur Soldaten an der Front inne.
Nicht selten fühlte ich mich im Häuserkampf politischer Bildner von den vermeintlichen Verbündeten unter Beschuss.

Von allen Seiten feuerte es nicht nur Kugeln, die die Gegner politischer Bildung treffen sollten, sondern offensichtlich auch moralisierende Geschosse, die die Überlegenheit bestimmter politischer Bildung durch großes Getöse geräusch- und effektvoll unterstreichen.

Der Gegner rechts von einem, egal wie weit man selbst links steht und egal wie weit entfernt rechts- jeder ist verdächtig, jeder der für die Antifa nicht nur Verständnis hat, jeder der die AFD in den politischen Diskurs einbeziehen will, jeder der die CDU für eine wählbare Partei hält, wenngleich man sich als Mittelinker versteht, ist verdächtig. Er verdächtig sich als Fahnenflüchtiger die linksmoralisierende politische Bildung zu verraten und so wird er aus einer Gemeinschaft ausgestoßen, die ein gefährliches Spiel treibt: Diese Kaste sieht sich als einzige legitime, politische Bildung zu vermitteln und nimmt dabei in Kauf einige ihrer Klienten nicht nur zu verlieren, sondern ihre Radikalisierung zuzulassen. Einmal sich und seiner Kräfte wieder bewusst, kann man beruhigt wieder in den Häuserkampf gegen die vermeintlichen Feinde ziehen und sich seiner eigenen Werte bewusst werden und dies alles auf Kosten der eigentlichen Aufgabe politischer Bildung und politischer Bildner: Das Darstellen der politischen Landschaft und deren Entwicklung auf und neben dem Boden der Verfassung nicht mehr, aber auf keinen Fall weniger!

Julian Nejkow

Wie kann man mit Vorurteilen umgehen?

Die Leitfrage dieses Textes lautet nicht: Kann man mit Vorurteilen umgehen? Die Frage lautet vielmehr: Wie kann man mit Vorurteilen umgehen?

Wie ist Kommunikation möglich, wenn sie – zumindest auf den ersten Blick – nicht möglich scheint? Ich möchte behaupten, dass Kommunikation in vielen Fällen auch gar nicht möglich sein soll, denn die Voreinstellungen der Beteiligten sind meistens derart, dass zwar vorgetragen wird, dass man ja gern kommunizieren würde, dies aber aus Gründen, die meistens an der jeweils anderen Seite festgemacht werden, nicht könnte. Wenn aber Kommunikation schon durch die Voreinstellung verhindert wird, wird die Frage nach einer geeigneten Art und Weise der Kommunikation sinnlos.

Genau das ist nach meiner Beobachtung die selbsterfüllende Prophezeiung, die jeden Tag hundertfach stattfindet: da diskutieren Menschen mit völlig unterschiedlichen – und oft von vornherein gegenläufigen oder gar feindseligen – Voreinstellungen miteinander. Es offenbart sich, dass nicht nur ihre Meinungen, sondern auch ihre Sichtweisen auf die Welt insgesamt völlig unvereinbar sind. Mag anfänglich noch Dialogbereitschaft signalisiert worden sein, führen die Diskussionen dann zur Polarisierung – und damit indirekt zur Bestätigung der jeweiligen, in der Regel bereits vorher vorhandenen Überzeugung, dass man mit der jeweils anderen Seite nicht reden könne.

Wie soll da Dialog möglich sein?

Wirklicher Dialog erfordert zunächst, dass man andere Meinungen erträgt, dass man die jeweils andere Seite nicht vor-verurteilt. Doch genau das geschieht. Anhänger des rechten Spektrums mögen in Willkommenskultur-Vertretern „linksgrün versiffte Aktivisten“ sehen, während Angehörige des linken Spektrums vielerorts „Alltagsrassismus“ oder gar „Nazis“ wittern.

Nun werden manche Leser meinen: wie soll das gehen? Man kann mit „denen“ doch unmöglich sprechen. Hier bin ich anderer Meinung: man kann wohl. Und ich gehe sogar noch weiter: wir müssen sogar. Nicht, um Rassisten zu bekehren. Vorurteile gehen nicht durch Belehrung weg. Wirkliche Rassisten wird man womöglich auch nicht durch Dialog ändern. Und Straftäter gehören hinter Schloss und Riegel. Allerdings meine ich, dass dies für Vertreter aller politischen Extreme gelten sollte.

Lassen Sie mich diese Sichtweise ein wenig genauer erläutern: stellen Sie sich bitte einmal unsere Verfassung als einen Boden vor, auf dem man stehen kann. Die meisten Einwohner Deutschlands stehen auf diesem Boden der Verfassung. Wenn einer jedoch Polizisten verletzen will, mit dem LKW in eine Ansammlung von Menschen fährt oder ein Flüchtlingswohnheim anzündet, dann steht er ganz und gar nicht auf dem Boden der Verfassung. Wir haben einen Grad der Zivilisation erreicht, auf dem wir – im Sinne der Mehrheit der Gesellschaft – solche Menschen nicht einfach töten, sondern nach Möglichkeit verhaften und quasi per Gerichtsverfahren auf den Boden der Verfassung zurückzerren. Das ist ein wichtiger Unterschied: wir verlassen nicht den Boden der Verfassung, sondern wir halten uns auch bei der Verfolgung schwerster Straftaten an die verfassungsmäßigen Vorgaben.

Nun sind die wenigsten Menschen bereit, ihre radikalen Sichtweisen in solche Taten umzusetzen. Zwischen dem Boden der Verfassung und jenen, die so weit draußen stehen, dass sie solche Taten begehen, ist es ein weiter Weg. Und dieser Weg führt durch das unwegsame Gelände der Radikalisierung. Die ersten Meter stellen quasi den Rand des Bodens der Verfassung dar. Die Wege sind hier noch gut ausgetreten, das ist die Welt der Demonstranten, die einen Galgen zur Demonstration mitbringen, mit Trillerpfeifen den Tag der Einheit vermiesen, oder die in Hamburg gegen den G20-Gipfel „demonstrieren“ und anderen Menschen gezielt Angst einjagen. Die Letzteren verlassen den Boden der Verfassung vollends, wenn sie sich, quasi an sich selbst aufgeputscht, daran machen, im Namen der Kapitalismuskritik Autos und Geschäfte zu demolieren und Polizisten anzugreifen. Solche Handlungen begehen noch vergleichsweise viele Menschen. Deutlich weniger an Zahl sind jene, die sich trauen, Anschläge auf Infrastruktur zu verüben. Das mag noch ohne explizite Tötungsabsicht geschehen. Von hier aus ist es dann aber nicht mehr weit zu gezielten Angriffen auf Polizisten und Zivilisten mit der Absicht, mindestens schwer zu verletzen, wenn nicht gar zu töten. Dann sprechen wir von Terror.

Ich möchte das Gelände zwischen dem Boden der Verfassung und dem Gebiet des tatsächlichen Terrors als „Grauzone“ bezeichnen. In dieser Grauzone gibt es viele Menschen. Die Frage ist nun: wie kommen diese Menschen zurück auf den Boden der Verfassung?

Wir können diese Aufgabe nicht der Polizei und den Gerichten überlassen. Wir leben in einer Demokratie, und Demokratie bedeutet nicht nur Meinungsfreiheit, sondern auch die „Hoffnung auf Dialog“.

Paradox ist, dass heuer viel von „Zivilgesellschaft“ gesprochen wird, aber anstatt Zivilgesellschaft wirklich zu leben, wird der Begriff oft dazu verwendet, mindestens Verwunderung über jene zu produzieren, die sich der sich an den Begriff implizit anschließenden „Multikulti-Annahme“ widersetzen. Oft wird von Vorurteilen gesprochen – mit der Konsequenz, dass mit dem Vorwurf des Vorurteils selbst eine Vor-Verurteilung geschieht. Wenn ein Lehrer in einer Klasse das Thema Migration bespricht und abweichende – ggf. auch tendenziell rassistische – Aussagen mit dem Vorwurf des Vorurteils abtut, ist nichts gewonnen.

Die meisten Trainings, die zum Thema Toleranz und Demokratisierung, gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit durchgeführt werden, haben nach meinem Dafürhalten keine Wirkung. Warum nicht? Weil die besagten Trainings vor allem belehren und damit vor allem diejenigen zufriedenstellen, die sie durchführen oder finanzieren. Belehrungen helfen nichts.

Stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie seien Rassist. Kein richtiger, kein Aktivist oder so, aber eben jemand, der Menschen anderer Rassen nicht leiden kann. Können Sie sich das überhaupt vorstellen? Nein? Ganz und gar nicht? Und Sie wüssten auch nicht, warum Sie so etwas tun sollten? Und überhaupt, wer heute noch rassistisch sei, dem fehle es an Bildung und an Empathie sowieso!

Sehen Sie, Sie können es ja auch.

Wie jetzt?

Naja, Sie können das mit den Vorurteilen auch.

Belehrung ändert an Vorurteilen leider gar nichts. Vorurteile haben blitzgescheite Menschen ebenso wie dumme. Die Blitzgescheiten können ihre Vorurteile nur besser verkleiden – oder sie tun das, was Psychoanalytiker Sublimierung nennen: wenn es sozial unerwünscht ist, einen bestimmten Trieb auszuleben, wird nicht etwa der Trieb eingedämmt, sondern der betreffende Mensch sucht sich einen Bereich, in dem er seinen Trieb halbwegs ungezwungen ausleben kann. Klassisches Beispiel: wer etwa alles zwanghaft unter Kontrolle haben muss, damit aber im normalen Leben unangenehm auffallen würde, sucht sich einen Beruf, in dem er seinem Kontrollzwang freien Lauf lassen kann. Und so kommt es, dass die Intoleranz nicht verschwindet, sondern sich neue Themen sucht. Zugespitzt könnte man behaupten, dass die Blockwarte der Neuzeit u. a. jene sind, die immer und überall Diskriminierungen, falsche Erziehungsstile, nicht-inklusive Sprachverwendungen etc. registrieren und anprangern. Immerhin in der ZEIT war kürzlich von einer queer-feministischen Gender-Stasi die Rede.

Um nicht falsch verstanden zu werden, sei hier angemerkt, dass es mir nicht um den Umgang mit radikalen Straftätern und schon gar nicht um die Verharmlosung von Straftaten geht. Wofür ich plädiere, ist mehr Offenheit und Dialogbereitschaft unter Diskussionspartnern. Wir müssen in der Lage sein und bleiben, unser Zusammenleben zu organisieren. Vor-Verurteilungen helfen da wenig. Wenn die einen meinen, dass Deutschland außer der gemeinsamen Sprache keine näher definierbare Kultur besitze, dann erscheint das ebenso wenig hilfreich wie die Einlassung, dass man überhaupt keine Migranten mehr hereinlassen solle. Während die einen sagen, dass der Kapitalismus tiefe Furchen der Ungerechtigkeit hinterlassen habe und sich – nicht zuletzt genau deshalb – die Welt im Umbruch befinde und man mit den neuen (migrantischen) Realitäten leben müsse, meinen die anderen, dass wir uns gerade jetzt auf eine Leitkultur besinnen und als Westen zusammenrücken sollten, um Migration und andere – oft als Gefahren verstandene – Themen besser in den Griff zu kriegen. Die entsprechenden Diskussionen werden derzeit in der Regel so geführt, dass am Ende polarisiertere Meinungen herrschen als vorher. Dabei wäre das Gegenteil notwendig, wenn wir langfristig handlungsfähig bleiben wollen – von der kommunalen bis hinauf zur europäischen Ebene.

Nehmen wir einmal das Beispiel der Flüchtlingsthematik: in Diskussionen beobachte ich vor allem zwei Gruppen. Die erste Gruppe sind die Vertreter der Willkommenskultur. Auf der anderen Seite stehen die Gegner. Die Sichtweisen beider Seiten kranken meines Erachtens daran, dass sie die Realität nicht vollständig anerkennen bzw. jeweils einen signifikanten Teil der Realität ausblenden. Während die Vertreter der Willkommenskultur vor allem auf die positiven Seiten der Migration schauen und bspw. die Unterscheidung zwischen Flüchtlingen und Migranten weitgehend ablehnen, ignorieren sie das „migrantische Binnenspektrum“ und verorten verfehlte Integration insbesondere beim (unterstellten) Rassismus der deutschen Mehrheit, bei der Schwierigkeit, sich durch den deutschen Behördendschungel zu finden etc. Zum besagten „migrantischen Binnenspektrum“ gehören aber nicht nur Flüchtlinge, die vorübergehend Schutz vor Krieg suchen oder sich hier integrieren möchten. Es sind – auch – wenig wünschenswerte Motivationen vorhanden – von der geplanten Ausnutzung des deutschen Sozialsystems über Partisanen, die zur Organisation der Diaspora-Finanzierung ihrer Verbände hergeschickt werden, über die gezielte Organisation von kriminellen Aktivitäten bis hin zu perspektivlosen Menschen, die, mit einer Duldung ausgestattet, ebenso angetrunken wie aggressiv in Innenstädten marodieren. Terroristen bleiben die absolute Ausnahme, aber auch diese sind darunter. Das ist Teil der Realität – ein Teil nur, aber eben ein Teil, der existiert, und mit dem man sich befassen muss. Die andere Seite ist in der Regel „generell dagegen“, und zwar gleichfalls unter Ausblendung eines Teils der Realität. Diese besagt, dass sich die Welt tatsächlich wandelt, und dass man sich dazu verhalten muss. Egal, wer gewählt wird – das Thema Migration wird in den nächsten Jahrzehnten aktuell bleiben. Eine komplette Abschottung ist wahrscheinlich unmöglich – die Steuerung der Migration und ein vernünftiges Einwanderungsgesetz hingegen nicht.

Was wäre, wenn beide Seiten den ausgeblendeten Teil der Realität jeweils anerkennen und anschließend nach Gemeinsamkeiten suchen würden?

Nun zum Praktischen: Vorurteile gehören zum Menschen wie Augen, Nase oder Hände. Sie sind so selbstverständlich, dass man sie nicht hinterfragen kann. Und wenn jemand von sich annimmt, dass sie oder er keine Vorurteile habe, dann trägt diese Annahme selbst die Gestalt eines Vorurteils. Der Grund für Vorurteile liegt in den Eigenheiten unseres Denkens. Wenn wir etwas wahrnehmen, kategorisieren wir es. Dieser Vorgang wird auf Grundlage dessen vorgenommen, was wir bereits wissen. Wird etwas wahrgenommen, für das man bereits eine Kategorie besitzt, werden die vorab erlernten Eigenschaften der betreffenden Kategorie auf das Wahrnehmungsobjekt angewandt. Wichtig ist eine Unterscheidung: Kategorisierung basiert auf Wissen. Erfahrung kann als Kriterium hinzukommen, muss aber nicht. Wissen ist also notwendig und hinreichend, Erfahrung ist allenfalls ein Zusatzkriterium. Aber ein entscheidendes, denn gerade das Wissen über Menschen anderer Sprache, Hautfarbe etc. ist oft implizit übertragen worden und basiert eben nicht auf Erfahrung. Dass Afrikaner anders riechen, Afghanen sich nicht waschen, Polen stehlen usw. sind Annahmen, die viele Menschen teilen, ohne sich dieses „Wissen“ jemals bewusst angeeignet zu haben. Vorurteile können bewusst sein, etwa wenn jemand sagt: „Polen klauen.“ oder weniger bewusst, etwa wenn die Lehrerin ihrer Klasse vor dem Besuch der polnischen Partnerschule sagt: „Lasst die Brotbüchsen lieber hier.“ Während die bewussten Vorurteile durch Erfahrung mit Menschen aus anderen Kulturen gemildert werden oder sogar ganz verschwinden, zeigen sich die weniger bewussten Vorurteile viel hartnäckiger und sind sogar bei Menschen zu finden, die bereits lange in Mischehen leben.

Wie aber kann man nun mit Vorurteilen umgehen – und das insbesondere angesichts des Umstands, dass zumindest die unbewussten Vorurteile kaum je verschwinden? Die einfachste Antwort lautet: indem ein Mensch direkte Erfahrungen mit Individuen aus einer anderen Kultur macht, lernt er Dinge, die dem Vorurteil entgegenwirken. Dem bereits vorhandenen Wissen werden also gleichsam gegenläufige Informationen entgegengestellt. Der andere Mensch ist dann nicht mehr „ein Afghane“ oder „der Syrer“, sondern er bekommt einen Namen und ein Gesicht. Er ist dann Hadjatullah, der aus Herat stammt, einen Vater und eine Mutter hat und drei Brüder und so weiter.

Nun werden wenig oder nicht dialogbereite Menschen nicht zwingend auf Migranten zugehen und sich nach ihrer Herkunft, ihrer Geschichte usw. erkundigen. Solche Begegnungen sind selten. Wenn sie jedoch organisiert werden, dann ist es weniger hilfreich, lange Reden zu führen, von Integration zu sprechen oder Migranten auf Podien auszufragen. Hilfreicher ist es, bspw. gemeinsam zu essen. Es gibt kaum eine andere auf der ganzen Welt alltägliche Tätigkeit, die mehr dazu geeignet wäre, die Erfahrung einer – zumindest rudimentären – Gleichheit zu erzeugen und die Voraussetzungen für persönliche Kontaktaufnahme, gegenseitiges Interesse und ggf. späteres Vertrauen zu schaffen, als das gemeinsame Essen. Essen schafft die normalerweise vorhandene Machtdistanz unter den Anwesenden für eine Weile aus dem Weg und sorgt für „Augenhöhe“ im wahrsten Sinne des Wortes.

Doch hier geht es weniger um die Frage nach der Begegnung zwischen angestammter Bevölkerung und (temporär) Zugewanderten, sondern eher um den Umgang mit Vorurteilen in Gesprächen unter Menschen, die sich nicht mit Migranten, sondern über Migration, Migranten usw. unterhalten. Man kann das Themenspektrum auch weit über das Thema Migration hinaus erweitern und andere polarisierende Themen einbeziehen, bspw. den G20-Gipfel in Hamburg. Bei derart polarisierenden Themen findet man sich schnell in kontroversen Diskussionen wieder. Hier geht es um die Frage, welche Techniken in polarisierten Gesprächen helfen.

Verstehen Sie die folgenden Darstellungen bitte als Katalog mit einer Reihe von Möglichkeiten. Ob eine bestimmte Technik passt, ist von drei Faktoren abhängig: der handelnden Person, dem Gegenüber (oder: Auditorium) und dem Thema, um das es geht. Ihre Aufgabe ist es, dieses „Dreieck“ in ein funktionierendes Gleichgewicht zu bringen. Ich möchte hier einen kleinen Werkzeugkasten jener Dinge vorstellen, die in polarisierenden Diskussionen helfen können – wohl wissend, dass die Wirksamkeit dieser Werkzeuge auch Grenzen hat, denn wer Diskussionen nur zur Selbstbestätigung führt, will und kann seinen Standpunkt nicht ändern.

Das ist das Problem bei Radikalisierungsprozessen: erst gibt es nur wenige Radikale und viele Gemäßigte, und die Eliten versuchen, die betreffenden Entwicklungen auszusitzen. Dann nimmt der Anteil der Radikalen zu, die Gemäßigten werden leiser. Die Eliten schwenken nun mehr und mehr auf den Kurs der Gemäßigten ein und werfen einen größeren Teil ihrer angestammten Überzeugungen dem Zeitgeist hinterher. Tun sie das zu spät, haben die Radikalen den Spaltungsprozess soweit vorangetrieben, dass die Situation „umkippt“. Dann helfen Diskussionen gar nichts mehr, dann „kracht“ es, die Gemäßigten verstummen, und Mob und (Bürger-)Kriegsteufel toben sich aus. Sind die Kräfte erschöpft und wurde genug gestorben, verlieren die Radikalen den Rückhalt, die Gemäßigten finden ihre Sprache wieder und übernehmen das Ruder. Ich glaube nicht, dass es in Deutschland soweit kommen kann. Aber ich glaube, dass es Zeit ist, den Spaltungstendenzen Einhalt zu gebieten, indem wir anders miteinander sprechen. Die folgenden Techniken können dabei helfen:

Die meines Erachtens hilfreichste Technik besteht darin, das Mitteilen der eigenen Position zu verzögern und erst einmal Fragen zu stellen. Konflikte eskalieren insbesondere dann, wenn sich die Beteiligten ihre jeweiligen Standpunkte abwechselnd und in von Runde zu Runde heftigerer Tonart mitteilen. Wird der eigenen Position hingegen erst einmal weniger Relevanz beigemessen und dem anderen Interesse entgegengebracht, wirkt sich das in der Regel deeskalierend auf die Gesprächsführung aus. Solches Interesse signalisiere ich mit Fragen, auf die ich die Antwort noch nicht kenne: Was meinen Sie genau? Was wollen Sie erreichen? Von welchen Annahmen gehen Sie aus? Wie sind Sie darauf gekommen? Was haben Sie erlebt? Ich bewerte also nicht die Meinung der anderen Seite, sondern ich interessiere mich dafür. Das verhindert eskalierende Diskussion und zeigt eine vorurteilsarme Grundhaltung meinerseits. Würde ich andernfalls die Darstellungen der anderen Seite bewerten, führte dies mit beinahe einhundertprozentiger Sicherheit in die Eskalation. Hier gelangen wir zum Kern vieler Konflikte: wir handeln ja nicht nur rational, sondern wir haben auch Emotionen, und wenn die stark sind, kommt es schnell zu automatisiertem Verhalten. Emotionen sind vor allem dann sehr stark, wenn wir uns in unserem Status verletzt fühlen oder uns im eigentlichen Wortsinn zu nahe getreten wird. Wenn ich also die Aussagen meines Gegenübers von Vornherein als „falsch“ o. ä. bezeichne, muss ich mich nicht wundern, wenn der Ton schärfer wird. Habe ich hingegen vor der Person einen grundlegenden Respekt, der sich darin äußert, dass ich nicht von vornherein bewerte, sondern Interesse zeige, dann trenne ich die Meinung von der Person und nehme eine vorurteilsarme Grundhaltung ein.

Eine zweite wirksame Technik besteht darin, sich selbst andere Fragen zu stellen. Gerät man in einer Diskussion unter Druck (= die Emotionen werden so stark, dass ich nur noch reagiere und nicht mehr agiere), dann stellt man sich in Gedanken Fragen wie: „Warum sind die so blöd?“ oder: „Was mache ich falsch?“ oder: „Wie kann ich die anderen besser überzeugen?“ Solcherlei Gedanken führen in einen Teufelskreis auch (vermeintlich) noch besseren Argumenten und Gegenargumenten und enden in Frustration. Hier hilft es, sich zurückzunehmen, durchzuatmen, einige Sekunden Pause zu machen und sich zu fragen: „Was weiß ich noch nicht?“ oder: „Was wollen die anderen wirklich?“ oder: „Wie kann ich anders denken?“ oder: „Welche Optionen habe ich?“ Sie werden sehen: solche Gedanken führen zu anderen Gesprächsverläufen und zu der Überlegung, dass man sich nicht einigen muss, wohl aber Respekt voreinander haben kann.

Was hilft, sind Gelassenheit, Ruhe und die Fähigkeit, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Man muss eine Diskussion nicht „gewinnen“. Aber man kann Respekt haben und Fragen stellen. Man kann anders denken. Das bleibt nicht ohne Wirkung auf die andere Seite und führt eher zum Nachdenken als Diskussion oder gar Belehrung. Das Fazit lautet, dass man nur die eigene Einstellung, nicht aber die Einstellung anderer ändern kann.

Vergegenwärtigen wir uns, wie viel Geld für Werbung, PR, Lobbyarbeit, Propaganda usw. ausgegeben wird, um Einstellungen zu ändern. Dabei muss man sagen: Propaganda ist umso wirksamer, je öfter sie gesendet wird und je weniger Ahnung die Empfänger haben. Jetzt können wir überlegen, wo hohe Frequenz und Ahnungslosigkeit zusammentreffen: vor dem Fernseher und in den sozialen Medien. Doch es hilft wenig, diese Dinge auf einer Grundsatzebene zu kritisieren. Was wir wirklich beeinflussen können, ist die Qualität und die Vorurteilsarmut unserer eigenen Gespräche. Eben indem ich mit Vorurteilen umgehe und sie nicht auf Grundlage eigener Vorurteile ablehne.

Nein, nein, wir sind ja die Guten, wir haben keine Vorurteile!

Aber eben die Annahme, auf der „guten Seite“ zu stehen, ist eine Bewertung und damit eine Vor-Verurteilung der anderen Seite.

Jörg Heidig

Wie ist unsere Fähigkeit zu kommunizieren entstanden?

Die Ursprünge der Kommunikation

Primaten haben wahrscheinlich durch erste Anfänge von Arbeitsteilung bzw. ersten Ansätzen gemeinsam koordinierter Handlungen Freiräume geschaffen, durch die es zur Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten kommen konnte. Indem die ersten Menschen Symbole zur Abbildung der Realität erfanden, wurde es ihnen möglich, nicht nur direkt auf Reize zu reagieren (instinktives Verhalten anderer Säugetiere), sondern sich auch bei Abwesenheit der Reize über vergangene Ereignisse oder zukünftig vielleicht eintretende Situationen auszutauschen.

Indem ein Mensch Objekte aus der Umwelt sprachlich repräsentiert, kann er – gleichsam aus der Distanz bzw. bei Nichtanwesenheit der Objekte – verschiedene Konstellationen und alternative Handlungsabläufe simulieren, das heißt, er kann denken. Deshalb hat Freud das menschliche Denken als Probehandeln bezeichnet. Das menschliche Denken ist unmittelbar an die Fähigkeit zur Sprache bzw. zur sprachlichen Repräsentation von Objekten in der Umwelt geknüpft.

Am Anfang waren also die ersten Ansätze koordinierter Handlungen im Verband (der Sippe o. ä.). Diese Koordination führte zu einigen Freiräumen – man saß vielleicht am Abend am Lagerfeuer und hatte den Freiraum, die Ereignisse des Tages zu symbolisieren. Auf der Grundlage dieser Symbolisierungen konnte man nun alternative Handlungsabläufe durchdenken und neue Strategien (bspw. für die Jagd) „planen“. Mit Sloterdijk (1995, S. 14ff.) können wir uns diese Lagerfeuersituation als „psycho-akustische Zauberkugel“ vorstellen, aus der die menschliche Fähigkeit zur Kommunikation entstanden ist. Das Zusammenwirken von Kooperation und Kommunikation bildet die Voraussetzung für die Entstehung von Kultur, und Kultur wiederum kann als das zentrale Unterscheidungsmerkmal der Menschen von anderen Säugetieren angesehen werden (Vgl. Bischof 1991, S. 35ff.; Hall 1976, S. 15; Axelrod 2009, S. 18).

Wir kommunizieren auf der Grundlage von Bedeutungen

Wir können zwar allein bzw. als Einzelne denken, aber wie wir bereits gesehen haben, ist die Fähigkeit zu denken direkt an Sprache und damit an Kommunikation geknüpft; die Fähigkeit zu denken hat sich quasi erst durch Kommunikation entwickelt. Wenn wir denken, bleibt dieser kollektive Ursprung der Kommunikation erhalten, und zwar wie folgt:

Wenn wir kommunizieren, dann geht es nicht etwa um die Dinge selbst, sondern um deren Symbolisierungen. Ein Ding und sein Symbol können weit auseinanderliegen, wie schon daran deutlich wird, dass ein Gegenstand für verschiedene Menschen ganz unterschiedliche Bedeutungen haben kann und entsprechend anders bezeichnet wird. Man kann dies an den Problemen erkennen, die Angehörige unterschiedlicher Fachrichtungen oder Branchen haben, einander zu verstehen. Man muss sich dann oft zunächst auf eine „gemeinsame Sprache“ einigen. Eine Voraussetzung, dass wir einander überhaupt verstehen, ist, dass wir über ein geteiltes Repertoire an Bedeutungen bzw. Symbolen verfügen. Wenn ich kommuniziere, habe ich eine Annahme darüber, was der andere versteht. Ich muss also wissen, was der andere, dem ich etwas sage, überhaupt verstehen kann. Der Philosoph George Herbert Mead hat diesen Vorgang einmal so beschrieben:

»Was ist nun der grundlegende Mechanismus, durch den der gesellschaftliche Prozeß angetrieben wird? Es ist der Mechanismus der Geste, der die passenden Reaktionen auf das Verhalten der verschiedenen individuellen Organismen ermöglicht, die in einen solchen Prozeß eingeschaltet sind. Innerhalb jeder gesellschaftlichen Handlung wird durch Gesten eine Anpassung der Handlungen eines Organismus an die Tätigkeit anderer Organismen verursacht. Gesten sind Bewegungen des ersten Organismus, die als spezifische Reize auf den zweiten Organismus wirken und die (gesellschaftlich) angemessenen Reaktionen auslösen. Die Geburt und Entwicklung der menschlichen Intelligenz spielte sich im Bereich der Gesten ab, durch den Prozess der Symbolisierung von Erfahrungen, den die Gesten – insbesondere vokale Gesten – möglich machten. Die Spezialisierung des Menschen auf diesem Gebiet der Gesten war im Endeffekt verantwortlich für die Entwicklung und das Wachstum der gegenwärtigen menschlichen Gesellschaft und des menschlichen Wissens mit der ganzen Kontrolle über die Natur und die menschliche Umwelt, wie sie durch die Wissenschaft ermöglicht wird.« (Mead 1973, S. 46)

Die Voraussetzung für Kommunikation: der generalisierte Andere

Meine Gesten, das, was ich etwa zeige oder sage, löst also bei meinem Gegenüber bestimmte Reaktionen aus. Welche Gesten oder Worte in einer Situation angemessen sind und bestimmte Wirkungen entfalten, ist dabei in der Regel allen Kommunikationsteilnehmern bekannt. Das Wissen darum, was in einer Gemeinschaft kommunikativ angemessen ist, was mögliche oder schickliche Reaktionen etc. sind, ist laut Mead (1973) im „generalisierten Anderen“ organisiert. Ich weiß, was eine bestimmte Aussage bei meinem Gegenüber bewirken kann, weil ich in der Lage bin, auf der Grundlage der gemeinsam geteilten Symbole die Rolle des anderen einzunehmen. Ich kann mich fragen – und unbewusst tun wir das andauernd –, was meine Handlungen bei meinem Gegenüber auslösen. Indem ich die gleichen Bedeutungen kenne wie mein Gegenüber, kann ich, indem ich mich in ihn hineinversetze (quasi über den „generalisierten Anderen“) meine eigenen Handlungen analysieren. Dadurch werde ich mir selbst überhaupt verständlich. Denken kann ich zwar alleine, aber so lange ich über soziale Dinge nachdenke und spätestens sobald ich etwas sage, impliziert dies die (gedachte oder reale) Anwesenheit eines Anderen, in den ich mich hineinversetze und über dessen angenommene (und später tatsächliche) Reaktionen ich meine eigenen Handlungen verstehen kann. Wir haben diesen Anderen soweit verinnerlicht, dass er immer anwesend ist, eben als „generalisierter Anderer“. Wir unterstellen in jedem Gespräch, dass uns unser Gegenüber jeweils versteht, und wir strukturieren unsere Äußerungen auf der Grundlage unserer Annahmen darüber, wie unsere Handlungen bei ihr oder ihm ankommen. Wir fragen nicht erst, was er versteht oder wissen möchte, sondern wir handeln auf der Grundlage unserer Annahmen darüber, wie unsere Handlungen bei ihm oder ihr ankommen.

Salopp formuliert heißt das, dass wir nie allein sind. Wir haben mindestens den generalisierten Anderen immer „mitlaufen“. Wir schätzen die Konsequenzen unserer Handlungen ein, indem wir vorwegnehmen, was unsere Handlungen beim anderen auslösen. Wir betrachten unsere eigenen Handlungen gleichsam durch die Brille unseres Gegenübers, indem wir versuchen vorwegzunehmen, wie die oder der andere auf unsere Handlungen reagieren wird. Das bedeutet auch, dass wir in der Regel nicht das sagen, was wir wirklich denken oder meinen. Vielmehr drücken wir uns so aus, dass wir beim anderen das erreichen, was wir wollen – dass er gut über uns denkt beispielsweise oder sich von uns überzeugen lässt.

Über das, was man aus guten und aus schlechten Zeiten lernen kann – oder: Worauf wir besonders aufpassen sollten

Es ist leicht, aus guten Zeiten etwas zu lernen. Gute Zeiten sorgen vor allem für den Wunsch nach noch mehr guten Zeiten. Es soll noch besser werden. Mindestens soll das Erlangte aber gehalten werden. Gute Zeiten machen bequem: man lernt, vieles für selbstverständlich zu nehmen.

Doch was machen wir, wenn die Zeiten schlechter werden? Wenn sich Menschen aus dem Kreise derer abmelden, die daran glauben, dass wir es schaffen?

Gerade eben hatten wir doch noch gute Zeiten. Was ist passiert?

Dass sich die Zeiten ändern, merkt man daran, dass es schwerer wird, aus den Geschehnissen schlau zu werden. Viele fragen sich, wie es weitergeht, wie wir mit dem Wandel umgehen sollen.

Komisch: Eigentlich geht es uns gut! Wir haben schon lange Frieden, wir leben in einem Land mit einer hohen Wirtschaftsdynamik, wir haben ein Gesundheitssystem, das niemanden ausschließt, niemand muss verhungern, und egal, welches Plaisierchen man pflegt – man findet in der Regel Gleichgesinnte. Bei allem, was es bisweilen zu meckern gibt: andernorts ist keineswegs selbstverständlich, was wir gewohnt sind. Vom Strom ohne Unterbrechung über warmes Wasser, ärztliche Versorgung bis hin zur finanziellen Grundsicherung und so weiter.

Es ist ganz einfach, diejenigen, die ihren Zweifel am Wandel (oder auch nur seiner Geschwindigkeit) haben, als ewig Gestrige, Reaktionäre, Rechte usw. abzutun. Genauso einfach ist es, sich schlimmer Vorurteile zu bedienen, diese hochzujubeln und grundsätzlich und (beinahe) immer „dagegen“ zu sein. Beide Seiten begehen drastische Vereinfachungen und gehen dementsprechend herzlich aufeinander los. Die notwendige Auseinandersetzung, der von Respekt gekennzeichnete Dialog, die Suche nach dem Machbaren geraten dabei erst aus dem Blick, später werden sie mit zunehmender Polarisierung unmöglich.

Wie dünn der zivilisatorische Firniß ist, merkt man an ganz alltäglichen Situationen. Kürzlich an der montenegrinischen Grenze: Stau vor dem Grenzübergang hinein nach Montenegro, stundenlanges Warten, die Straße nur zweispurig, plötzlich kommen von weit hinten Autos an der Warteschlange vorbei und blockieren neben uns den Fahrstreifen für die Gegenseite. Gedrängel, Gehupe, es wird ausgestiegen, gestikuliert, diskutiert, herumgeschrien, nachrückende Autos fahren sehr dicht auf, niemand soll reingelassen werden, ein alter Mann versucht zu vermitteln, fragt herum, sucht Optionen, dirigiert, ein weißer Lieferwagen schießt, fast im Straßengraben, auf einer nicht existierenden dritten Spur an allen vorbei, manche geben auf, lassen ein paar der Drängler rein, bei anderen eskaliert es weiter, am Ende ist es so schnell vorbei, wie es angefangen hatte. Wer die Gegend kennt, wird vielleicht sagen: nicht ungewöhnlich.

Es geht hier nicht um Grenzstaus in Ex-Jugoslawien, es geht um das Muster, welches hinter diesem Beispiel steckt:

In einer Kultur haben sich mit den Jahren Regeln herausgebildet – ob sie demokratisch oder autoritär entstanden sind, ist den Regeln dabei ziemlich egal. Für „Otto Normalverbraucher“ bilden diese Regeln ein beinahe unbewusstes Orientierungssystem. So wussten Ostdeutsche in der Regel intuitiv sehr genau, wann und wo sie bestimmte Dinge sagen konnten und wo nicht. In guten Zeiten werden die Regeln nicht hinterfragt, sie festigen sich weiter. Irgendwann werden die ersten unzufrieden und beginnen, die Regeln in Frage zu stellen, äußern sich, finden andere, begehen die ersten Regelbrüche. Nach einer Weile kommt der Punkt erster Drohungen und erster Gewaltanwendungen. Wenn nun etwa die Polizei und andere Organe unsicher handeln, sich an entscheidenden Stellen zurückhalten, verunsichert das die Bevölkerung. Die Akteure fühlen sich dadurch umso mehr im Recht, treten noch drastischer auf. Langsam bröselt das, was eine Zivilisation zusammenhält, auf diese Weise vor sich hin. Anfangs sind die Risse fein, kaum merkbar. Dann bringen die Leute Galgen mit auf eine Demonstration, später Pflastersteine. Dann zünden sie Polizeiautos und Häuser an. Erst ohne Menschen drin – und dann?

Was könnten wir aus den heutigen Zeiten lernen?

Am Ehesten, dass wir uns verdeutlichen sollten, was Frieden heißt. Man muss die Eskalation anschauen – also Polizisten (oder im Kriegsfall: Soldaten) befragen – um zu verstehen, was Frieden ist. Der m. E. grundlegende Fehler der Friedensbewegten ist, vor allem den Frieden anzuschauen und darüber zu reden, wie man Frieden machen könnte. Das reicht nicht. Frieden braucht eine Verfassung, einen Rahmen, und er braucht Schutz. Völlige Gewaltfreiheit hat eine zwingende Voraussetzung: den Verzicht auf Macht. Ich möchte bezweifeln, dass die Menschheit in der Lage ist, gänzlich ohne Macht und Gewalt zu leben. Macht und Gewalt sind Teil unserer Kulturen, und es bedarf in diesen Kulturen eines Lernprozesses, um die Gewalt zu zähmen. Ich meine deshalb, dass das Bewusstsein darum, was Krieg eigentlich ist, was er zeitigt, der bessere Friedensmacher ist. Wenn dieses Bewusstsein schwindet, schwadroniert es sich nur allzu leicht.

Die Konsequenzen von Kriegen haben nichts mit den Gründen zu tun, um derentwillen sie begonnen wurden. Das ist denen klar, die im Krieg gestorben sind, nur können sie es nicht mehr sagen. Hat der Krieg lange genug gedauert und kam er nah genug, ist das auch denen klar, die das Gemetzel überlebt haben. Man sehe sich ein Land nach einem Krieg an: man ist froh, dass es vorbei ist, man genießt die Ruhe, man zieht sich zurück, man verdrängt, man besinnt sich darauf, was wirklich wichtig ist, man will nur leben.

Wir sollten lernen, dass wir (eigentlich) in guten Zeiten leben. Aus dem Umstand, dass die Zeiten gerade schlechter werden, sollten wir lernen, nichts für selbstverständlich zu nehmen. Wir sollten den Frieden, der hier herrscht, achten und erhalten – und diejenigen respektieren, die ihn schützen. Dazu gehört auch, dialogbereit zu bleiben und nicht alles zu hinterfragen, nur weil man es kann.

Jörg Heidig

Wie viele Menschen können wir integrieren?

Der folgende Text ist eine Zusammenfasung meines Beitrags zum Symposium „Transitzonen und Integration“, das am 03.12.2016 an der Hochschule Zittau/Görlitz stattfand. Das Symposium war eine gemeinsame Veranstaltung des KIB-Instituts und des TRAWOS-Instituts.

Lassen Sie mich, bevor ich beginne, einige Begriffe bestimmen. Angesichts der Polarisierungen, mit denen die Diskussionen um Flucht und Migration, ganz zu schweigen von Integration, heuer geführt werden, halte ich das für notwendig. Ich beabsichtige nicht, die folgenden Begriffe abschließend zu definieren, ich will lediglich eine – hoffentlich hilfreiche – Grundlage zum Verständnis und zur Einordnung meiner Ausführungen schaffen.

Zunächst halte ich es für hilfreich, zwischen Flucht und Migration zu unterscheiden, wobei ich unter Flucht all jene Bewegungen verstehe, die von Kriegen und anderen menschengemachten Bedrohungslagen, Katatrophen usw. hervorgerufen werden. Wir werden uns in den kommenden Jahrzehnten beispielsweise mit den bisweilen drastischen Folgen des Klimawandels auseinanderzusetzen haben. Unter Migration sind meines Erachtens hingegen all jene Bewegungen zu verstehen, die aus Gründen der Verbesserung der wirtschaftlichen oder beruflichen Lage, der Gesundheitsversorgung oder anderer, eher allgemeiner Lebensumstände stattfinden. Für Flüchtlinge gelten andere gesetzliche Grundlagen als für Migranten. Hat man, wie in Deutschland der Fall, eher eine schutzorientierte Flüchtlingsgesetzgebung und weniger eine Einwanderungsgesetzgebung, gibt es einen nicht unerheblichen Anteil Migration, die als Flucht dargestellt wird. Ich gebe zudem gern zu, dass die Grenzen zwischen beiden Begriffen bisweilen schwer auszumachen sind. So mag es aus dem gleichen Land Flüchtlinge (etwa mit dem Tod bedrohte Blogger) und Migranten (etwa Menschen, die keiner unmittelbaren Bedrohungslage ausgesetzt waren) geben.

Des Weiteren sollten wir uns verdeutlichen, was bei Flucht oder Migration geschieht. Ein Mensch verlässt dabei seine Heimat und betritt ein Land, dem die Selbstverständlichkeiten seiner Heimat nicht gelten. Dies scheint erst einmal keine besonders dramatische Feststellung zu sein. Es sei denn, wir verdeutlichen uns, was das genau bedeutet. Wenn ein Mensch aufwächst, lernt er nicht nur die Sprache an und für sich. Vielmehr erlernt ein Mensch Bedeutungen und ihren Gebrauch. Dass in Deutschland Pünktlichkeit vielen Menschen beispielsweise wichtiger ist als körperliche Unversehrtheit (trotz vergleichsweise dichten Verkehrs haben wir auf vielen Strecken kein Tempolimit, was manche Anthropologen mit einer höheren Wertigkeit der Pünktlichkeit in Verbindung bringen), ist diesen Menschen selbstverständlich. Das heißt, es ist nicht hinterfragbar, pünktlich sein zu müssen, und es ist in der Konsequenz für manchen Autofahrer (vor sich selbst) legitim, die Verkehrsregeln zu brechen. Solche Selbstverständlichkeiten sind Teil der Kultur, und Kultur ist der Besitz einer Gruppe, die ich verlasse, wenn ich fliehe oder anderweitig migriere. Kultur ist kein Konzept, das man erlernen könnte. Das wollen uns manche Ratgeber weismachen, aber Kultur reicht viel tiefer als das, was beschreibbar ist. Die Techniken einer anderen Kultur zu erlernen, geht weit über das fließende Sprechen einer anderen Sprache hinaus. Im Kern besteht eine Kultur aus – kaum beschreibbaren – Annahmen über den Menschen, die Zeit, den Raum etc. Wir müssen uns nun vorstellen, dass uns unsere Kultur umhüllt – wir wissen ganz selbstverständlich, wie man etwas macht, wie man aufeinander zugeht, was sich in bestimmten Situationen schickt und was nicht. Menschen, die das Gebiet unserer Kultur betreten, wissen dies nicht. Ein Sprachkurs ist nur eine Art notwendige Voraussetzung, für das Erlernen von Kultur hinreichend ist er – so intensiv er sein mag – zunächst nicht.

Ich meine des Weiteren, dass man Kultur nicht lehren kann, sondern durch konkrete Interaktion erlernen muss. Es hilft nur bedingt, wenn mir jemand erklärt, wie die Angehörigen einer bestimmten Kultur „ticken“. Wenn ich wirklich wissen will, wie eine Kultur funktioniert, wenn ich die Techniken der betreffenden Kultur erlernen will, dann muss ich dies anhand der kulturspezifischen Reaktionen der Angehörigen der betreffenden Kultur tun. Durch die schlichte Erläuterung weiß ich noch nicht, wie sich das anfühlt, was ich konkret tun muss.

Wenn wir uns nun vorstellen, dass Kultur eine Art „Umhüllung“, bestehend aus Symbolen und den Regeln zu ihrem Gebrauch und Verständnis, darstellt, dann bedeutet Flucht oder Migration, eine Umhüllung (Heimat) zu verlassen und eine neue, fremde Umhüllung zu betreten. Man kann ein Land verlassen und sich in einem anderen zu integrieren versuchen. Man kann in einer Art Transit zwischen beiden Ländern verharren oder sich in dem neuen Land einen Ort suchen, an dem man möglichst umfassend von seiner ursprünglichen Kultur umgeben ist. Wir wollen diese unterschiedlichen Grade des Verlassens, des Ankommens und des „Schwebens“ dazwischen als „Transitzonen“ bezeichnen.

Wie bereits angedeutet, halte ich es für hilfreich, zwischen Flucht und Migration zu unterscheiden. Aufgrund des größeren Bedeutung des Flüchtlingsschutzes in der deutschen Rechtslage haben wir es in der täglichen Praxis mit einer Vermischung beider Arten zu tun – Migranten geben sich (aus individuell oft recht verständlichen Gründen) als Flüchtlinge aus. Als exemplarischer Beleg mag die Aussage der leitenden Person einer großen Erstaufnahmeeinrichtung gelten, nach der etwa die Hälfte der Ankommenden tatsächlich eine Geschichte über Krieg, Verfolgung, Bedrohung und Not zu erzählen hätten. Die andere Hälfte käme mit, weil sie es könnte. Das Problem dabei: Bei uns kommen Menschen aus anderen Ländern und dementsprechend mit anderen Selbstverständlichkeiten an. Wir kennen ihren Symbolgebrauch nicht, wir können oft gar nicht wissen, was wahr ist und was erfunden. Und bei den erfundenen Geschichten gibt es verständliche Notlügen, mindestens aber auch instrumentelle Notlügen und getarnte Interessen bis hin zur Tarnung der Absicht, im Zielland schwere bis schwerste Straftaten zu begehen. Wir können es nicht wissen, müssen es aber prüfen (zumindest das entsprechende Bundesamt und die betreffenden Gerichte). Dabei geschehen Fehler – und zwar in beide Richtungen. Des Weiteren sind Trends zu beobachten – Menschen aus bestimmten Ländern kommen in bestimmten Zeiträumen gehäuft, was teilweise mit den Ereignissen in den betreffenden Ländern nicht vollständig zu plausibilisieren ist.

Am Ende haben wir aber keine andere Möglichkeit, als den Einzelfall zu prüfen. Unsere Werte verbieten, Hilfe zu verweigern. Das Problem ist festzustellen, wem wir weiterhin helfen und wem nicht. Wir können sicher nicht jedem helfen, denn es gibt eine nicht geringe Menge Menschen, die das ausnutzen würden – von den Abhängigkeiten, die dadurch entstehen würden, ganz zu schweigen. Es wäre also dumm, die Grenzen nicht zu kontrollieren, auch wenn wir nicht alles kontrollieren können. Es geht um die Signale, die dies aussendet. Andererseits haben wir denen, die darum ersuchen, erst einmal zu helfen. Wir dürfen niemandem Hilfe verweigern, wenn er darum bittet. Wir können aber wohl seine Umstände prüfen – bei allen Fehlern, die dabei passieren. Es gibt keine andere Möglichkeit. Die Frage ist allerdings sehr wohl, wie schnell wir dies tun und wie konsequent bzw. mit welchen Konsequenzen.

Was passiert, wenn wir nicht schnell entscheiden? 

Im Grunde ist es ein einfaches Schema: jemand kommt an, stellt einen Asylantrag und wird anerkannt oder nicht. Wenn die betreffende Person als Flüchtling anerkannt wird, gibt es wieder zwei Möglichkeiten: die betreffende Person bleibt eine Weile hier und kehrt, wenn der Krieg oder die anderweitig bedrohliche Situation abflaut, in ihr Heimatland zurück – oder sie bleibt hier. Wenn die betreffende Person bleibt, gibt es wiederum zwei Möglichkeiten: sie integriert sich/wird integriert oder sie integriert sich nicht/wird nicht integriert. In letzterem Fall gerät die Person in eine Art „Limbo“, also in eine Art unbestimmter Zwischenwelt. Die „Lösung“ ist dann oft, in ein „Ghetto“ zu ziehen. Von Integration kann dann keine Rede mehr sein.

Der „psychologische Verlauf“ dieses Nicht-Ankommens ist nicht unähnlich dem, was Langzeitarbeitslosen passiert: einer Phase der Erholung nach den mitunter unvorstellbaren Strapazen der Flucht folgt eine Phase des Optimismus, der Offenheit, der Hoffnung. Wird diese Zeit jedoch mit Warten auf den Bescheid verbracht, dämpft sich die Stimmung bereits. Es gibt wenige Dinge, die einem Menschen die Hoffnung schneller und effektiver rauben können, als Ungewissheit. Kann ich bleiben? Muss ich zurück? Wenn ich bleibe, was kann ich machen?

Das Problem ist, dass die Zeitfenster der Motivierbarkeit, der Hoffnung usw. oft viel kürzer sind, als allein die Verfahren zur Entscheidung über den Aufenthaltsstatus brauchen. Die Folge ist ein langsames Abgleiten in die Hoffnungslosigkeit – die Psyche schützt sich selbst durch Teilnahmslosigkeit – oder die betreffenden Menschen beginnen, sich mit Hilfe ihrer Communities in Deutschland selbst zu organisieren. Auch dies kann zum Gelingen führen – oder nicht.

Die nicht gelingenden Ankommensprozesse stellen bzgl. der ankommenden Generation in der Regel kein Problem dar: die Herkunftskultur bleibt wirksam, und in den entsprechenden „Ghettos“ kann man leben, ohne Teil der Kultur des Ziellandes zu werden. Man verbleibt in Werten und Sprache des Herkunftslandes. Schwieriger ist es für die Nachkommen dieser nicht angekommenen Menschen: für sie ist weder die Herkunftskultur bindend (teilweise schon, aber nicht mehr vollständig sozialisierend, weil die Institutionen des Herkunftslandes fehlen) noch die Kultur des Ziellandes, was ein doppeltes Nicht-Ankommen, eine Art „Heimatlosigkeit“ bedeutet. Dies wird dann in einigen Fällen zu einem Vakuum, das nur zu empfänglich für radikale Tendenzen ist.

Ähnliche Dinge geschehen jenen, die nicht ankommen können, weil ihre Asylanträge abgelehnt werden, der Abschiebung aber bestimmte Hindernisse entgegenstehen. Diese Menschen werden – teilweise jahrelang – mehr oder minder bewusst in jenen „Limbo“ verlagert („Duldung“), der beinahe zwangsläufig in Verzweiflung (passiv) oder – selbstorganisierte – Gegenreaktionen (aktiv) führen muss.

All dies sind Argumente dafür, deutlich schnellere Verfahren zu organisieren und Einwanderungsgesetze zu verabschieden. Es ist aber auch ein Appell an diejenigen, die Integration leisten können – es liegt viel mehr Arbeit vor uns, als die Vertreter einer – an und für sich ja zunächst einmal gut gemeinten – Willkommenskultur womöglich geahnt haben. Gerade angesichts des Umstands, dass es sehr lange dauert, bis ich Sprache und Kultur erlerne – auch wenn mir die Kultur dabei entgegenkommen mag – sind wesentlich größere Anstrengungen notwendig, als wir bisher realisieren. Wir sollten die Integration nicht der Bundesagentur für Arbeit, den Jobcentern und den Jugendämtern überlassen. Es braucht viel Interaktion mit ganz normalen Deutschen – Handwerksmeistern etwa. Und es braucht womöglich eine bewusstere Steuerung des Zuzugs und der Integration, was auch heißt, dass wir eine Antwort auf die Frage brauchen, wie viele Menschen wir aufnehmen wollen und können – und wie viele davon wir integrieren wollen und können.

Jörg Heidig

Was ist eigentlich das Problem?

Menschen können sich schlecht selbst wahrnehmen. Sie brauchen dazu die anderen. Selbst vor dem Spiegel bin ich nicht allein. Wie sich ein Mensch selbst sieht, was sie oder er von sich hält, wer jemand ist – all das wird durch die anderen gemacht, ist quasi ein Kondensat aus den vielen „Rückmeldungen“, die jemand im Laufe eines Lebens erhält.

Wir betrachten uns also durch die Augen der anderen. Zuvörderst sind dabei statusrelevante Informationen wichtig. Bin ich wer? Bin ich in Ordnung so? Ich kann mich quasi nur ertragen, wie mich die anderen ertragen. Und umgekehrt: die anderen ertragen mich nur so, wie ich mich selbst ertrage.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum so viele in die Städte ziehen. Man ist dort unter Menschen, die auch gern in der Stadt sind. Man kann sich quasi durch deren Augen betrachten. Das sind womöglich die – vergleichsweise – angenehmeren Augen. Nicht die miesepetrigen Blicke der Dorfbewohner, unter denen man aufgewachsen ist – morgens schlecht drauf von zu viel Bier am Abend zuvor und zum Abend schlecht drauf, weil man bis zum nächsten Bier noch zu viel zu tun hat. Übertrieben? Wahrscheinlich.

Halten wir fest: Wir betrachten uns lieber durch die Augen derjenigen, die so sind, wie wir sein wollen.

Stellen wir uns jetzt eine Gegend vor, in der viele irgendwie nicht mehr sein möchten. Das schlägt sich nieder. Das beschleunigt den Prozess. Als jemand, der nicht hier sein möchte, sehe ich ja quasi nur andere, die auch nicht hier sein möchten. Die nächste Großstadt beginnt, regelrecht zu leuchten.

Dabei kann man auf so eine Situation auch anders reagieren. Man muss dafür gelernt haben, dass es egal ist, wo man lebt, dass es vielmehr darauf ankommt, wie man selbst in den sprichwörtlichen Wald (das Dorf, die Stadt) hineinruft. Wenn man nett ist zu seiner Gegend, dann findet man alles, was man braucht. Natürlich sind die anderen immer noch da, und sie bleiben womöglich – je nach Perspektive – sehr „anders“. Sie widersetzen sich der Verstädterung, sie frönen ihren Gewohnheiten. Sie fahren samstags mit der Feuerwehr durch das Dorf und tuten laut, quasi als sozial gerechtfertigte Einladung zu einem weiteren Besäufnis.

Klar geht die Gegend irgendwie (r)unter. Aber was ist das Problem? Merken wir das irgendwie? Wird das Leben dadurch anders? Hören wir dadurch auf zu leben? Wir hören mit gar nichts auf. Wir nehmen das nur so wahr. Weil ein Teil der anderen – in der Regel der dem jeweiligen „uns“ ähnlichere – weg geht. Weil diejenigen dann aus der Stadt anrufen und schwärmen, wie gut es war, in die Stadt zu gehen. Oft leben sie genau so wie vorher, nur eben in der Stadt. Nur das Gefühl ist besser. Es fällt leichter, sich selbst zu betrügen. Weil die anderen hier anders sind – oder man sich das zumindest einbilden kann.

Klar wird es kälter. Wir haben eine Umwälzung hinter uns – und so mancher von uns mag gedacht haben, wir hätten Zeit, die Wende aufzuarbeiten. Ach, wie wir die Aufarbeitung lieben. Alles muss geklärt werden. In jedem Keller wird Licht gemacht. Und was haben wir davon? Mitten in der weltpolitischen Atempause nach dem Kalten Krieg hat sich die nächste Umwälzung herangeschlichen – ob sie nun Globalisierung oder europäischer Integrationsprozess oder Flüchtlingskrise genannt wird: fakt ist, dass alles sehr, sehr schnell geht. Von anderen, globaleren Themen wie schmelzenden Polkappen ganz zu schweigen.

Zu viel für ein kleines Leben? Ja und nein. Ja, weil man verdrängen will. Die Verdrängung ist die historisch geläufigere Reaktion, an deren Stelle wir heute die Aufarbeitung nennen – weil wir es können. Und nein, weil (fast) alle Generationen vor uns ähnliche Themen hatten.

Was hat das alles mit der Lausitz zu tun? Wenn man genau hinsieht, sehr viel.

Jede Generation wächst heran und macht die in ihrer Jugendzeit wahrgenommenen Bedingungen unbewusst zur Grundlage des Denkens. Die Anzahl der Autos („Früher war es auf den Straßen sicherer!“), die Art der Erziehung („Früher hat man mit Autorität kein Problem gehabt. Heute darf man als Lehrer quasi gar nichts mehr!“) – und in ähnlicher Weise die seinerzeit wahrgenommene Struktur jeden Lebensbereichs – wird unbewusst zur Orientierung des Denkens. Und weil das Leben vorwärts gelebt und rückwärts verstanden wird, vergleichen wir alles mit den „Grundlinien des Denkens“ unserer jeweiligen Generation.

Ausgehend von diesen Grundlinien machen wir uns ein Bild. Wir vergleichen. Wir haben volle Straßen und Schulen gesehen. Wir haben in Betrieben mit vielen Menschen gearbeitet. Wir haben in vollen Bussen gesessen. Wir haben unsere Krisen nicht allein, sondern im Familien- oder Freundesumfeld bewältigt. Das Leben war „dichter“, unsere Städte waren „gefüllter“, auf unseren Festen war „mehr los“. Und nun?

Wir brauchen die Perspektive nur über den Horizont eines Lebens erweitern. Oder besser noch über den Horizont mehrerer Leben. Vor der Industrialisierung war hier flaches, feuchtes Land mit ein paar Hügeln zwischendrin. Schön an manchen Stellen, aber vor allem einsam und nebelig. Pückler hat sich nicht umsonst über den „platten Pfannkuchen“ Lausitz ereifert.

Was macht man im Angesicht wachsender Leere? Man frage sich, ob die Lausitzen nicht schon öfter „neben der Zeit“ oder „neben den Interessen“ gelegen haben. Und war das problematisch? Wen stört es, wenn in einem Landkreis statt 300.000 nur noch 200.000 Menschen leben? Was genau ist das Problem?

Jörg Heidig

Wie Kulturen entstehen, und was das mit interkultureller Kooperation zu tun hat

Mit diesem Beitrag versuche ich, drei Fragen zu beantworten: 

  1. Wie ist unsere Fähigkeit zu kommunizieren entstanden?
  2. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse lässt sich die Frage beantworten, wie Kultur entsteht und weitergegeben wird.
  3. Schließlich kommen wir zu einer Antwort auf die Frage, was das mit interkultureller Kooperation zu tun hat.

Es kommt alles aus der Sprache

Um zu begreifen, wo unsere Fähigkeit zu kommunizieren herkommt bzw. wie sie entstanden ist, ist es hilfreich, sich die Lebenssituation der „Urhorde“ vorzustellen – und zwar zunächst als eine Ansammlung von Primaten, deren „Signale“ noch denen anderer Säugetiere entsprochen haben. Kennzeichen von „Tiersprachen“ ist es, dass ein Signal immer eine bestimmte Reaktion zur Folge hat. Eine Drohgebährde führt zu einer weiteren Drohgebährde – so lange, bis eines der beteiligten Tiere angreift oder flüchtet. Tiere „verstehen“ die Signale nicht – weder die anderer Tiere noch die eigenen. Sie reagieren direkt. Nun muss man sich vorstellen, dass eben jene Primaten irgendwann angefangen haben, sich im Verband zu verhalten, also beispielsweise bestimmte Rollen bei der Jagd auszuprägen. Durch diese Rollenverteilung, also Anfänge von Kooperation, wurde die Jagd effektiver. Durch diese steigende Effektivität entstanden Freiräume – vielleicht hockte man nun um das Feuer herum und hatte so viel zusammengejagt und -getragen, dass man ein wenig Zeit hatte. Die Fähigkeit zum Produzieren von Signalen gab es bereits – nur hatte bis dato ein Signal eine direkte Reaktion zur Folge. Man stelle sich vor, einer der beteiligten Primaten zeigt auf ein Beutestück und macht einen bestimmten Laut dazu – und zwar nicht als direktes Signal, sondern vielleicht als Bezeichnung desselben, um dem Bezeichneten nachher ein bestimmtes Attribut zu verleihen (etwa: besonders groß). Dies könnte als eine „erste signifikante Geste“ verstanden werden – keine Geste mehr im direkten Verhaltensfluss, sondern eine Geste, die etwas bezeichnet. Damit verhält sich der betreffende Primat nicht mehr nur auf Reize oder Gesten hin, sondern er benutzt eine Geste, um einem Objekt eine bestimmte Bedeutung zu verleihen. Damit wird die Bedeutung dem betreffenden Primaten bewusst. Angenommen, er wiederholt seine Zeigehandlung ein paar Mal, bis auch andere Primaten ihn nachahmen: das erste geteilte Symbol ist entstanden. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, dass auch andere Primaten mit einem bestimmten Objekt eine bestimmte Bedeutung verbinden (zum Beispiel: X = groß). Von einer ersten Bedeutung ist es zu anderen Bedeutungen nicht weit, denn nun können Unterschiede gemacht werden (beispielsweise: Y = nicht groß = klein). Nun haben wir das, was uns als Menschen von anderen Säugetieren unterscheidet: wir können Dingen Bedeutung verleihen, was wir mit Hilfe sprachlicher Symbole tun. Der Unterschied zu tierischen „Sprachen“ ist, dass Tiere nicht wissen, welche Bedeutung bestimmte Gesten haben (sondern direkt reagieren), Menschen hingegen schon – weil wir wissen, was ein bestimmtes Signal bedeutet, indem wir uns nicht direkt dazu verhalten (was bei körpersprachlichen Signalen trotzdem oft genug passiert, etwa wenn wir ärgerlich sind), sondern indem wir prinzipiell dazu in der Lage sind, Bedeutungen zu verstehen, indem wir ihre Konsequenzen mit Hilfe von Symbolen simulieren können. Denken ist also nichts anderes als eine Simulation von Ereignis- oder eben Handlungsketten mit Hilfe von Symbolen. Wir sind also nicht auf das Risiko des direkten Verhaltens angewiesen, sondern können uns – den entsprechenden Abstand von heftigen Affekten vorausgesetzt – von der Verhaltensverkettung „lösen“ und die möglichen Konsequenzen anhand entsprechender – sprachlicher – Symbole simulieren. Das erlöst uns von dem Zwang der direkten Reaktion (Verhalten) und ermöglicht uns eine bewusste Wahl (also die Handlung).

Auf diese Weise konnten sich unsere Vorfahren aus der direkten Verkettung von Reiz-Reaktions-Abfolgen lösen – die unmittelbare Bindung des Tieres an das Geschehen im Hier und Jetzt wurde durch die Symbolisierbarkeit und die wechselseitige Weitergabemöglichkeit von Symbolen bei gleichzeitigem Verständnis gelöst. Das Denken als Probehandeln und die Thematisierung von Vergangenheit und Zukunft – als Voraussetzung für Lernen im Sinne einer Auswertung von Vergangenem und einer darauf basierenden, alternativen Planung der Zukunft – wurden möglich.

Wie entsteht Kultur?

Nun müssen wir uns weiter vorstellen, dass ein so mit „Symbolisierungskompetenz“ (also der Fähigkeit, etwas zu benennen und die Benennung interindividuell nachvollziehbar zu machen, also gemeinsam zu symbolisieren) ausgestatteter Verband unserer Vorfahren bestimmte Erfahrungen macht. Indem etwa im Falle einer ungünstigen Erfahrung die entsprechenden Ereignisse symbolisiert und denkend „ausgewertet“ werden – einschließlich der Entwicklung einer alternativen Handlungsoption -, haben wir das, was wir eine Idee nennen. Nun hatten unsere Vorfahren sicher viele Ideen – sie hatten ja auch eine ganze Reihe von Problemen. Einige dieser Ideen erwiesen sich als hilfreich oder wirksam, andere weniger. Die zum Handlungserfolg führenden Ideen wurden freilich mit Symbolen versehen – sie waren ja selbst durch Denken entstanden – und damit vom unmittelbaren Kontext des Auftretens des Bedarfs bzw. der Anwendung gelöst. Diese Symbolisierung macht die entsprechenden Ideen wiederholbar – vorausgesetzt natürlich, die entsprechenden problematischen Situationen und die Erfahrungen wurden ebenfalls signifikant symbolisiert und damit aus der – tierischen – unmittelbaren Bindung an das Hier und Jetzt gelöst. Weiterhin können wir annehmen, dass der betreffende Primatenverband die besagten Probleme immer wieder vorfand und die entsprechenden Ideen immer wieder erfolgreich anwandte. Aus der Idee wurde auf diese Weise mit der Zeit ein Muster. Angenommen, diese Muster bestanden über viele Jahre hinweg – in gleichen oder ähnlichen Situationen kamen immer wieder die gleichen Handlungsmuster zur Anwendung – andere, ursprünglich vielleicht ebenfalls vorhandene Handlungsmuster traten dabei in den Hintergrund – dann wurde die Anwendung dieser Handlungsmuster immer weiter verstärkt, immer selbstverständlicher. Die Handlungsmuster wurden durch den bleibenden Erfolg immer weiter verstärkt, bis sie durch sich selbst verständlich wurden. Das Problem dabei: wenn etwas selbstverständlich ist, ist es kaum mehr hinterfragbar. Spätestens dann sprechen wir von Kultur – ein weit über das Individuum hinausreichendes, für einen ganzen Verband gültiges „Sammelsurium“ von zu Regeln, Normen, kollektiv gültigen Restriktionen usw. geronnenen Handlungsmustern, die nicht hinterfragbar sind und mehr oder minder unbewusst weitergegeben werden. Die Betonung liegt dabei auf „geronnen“ – es handelt sich nicht etwa um konkrete Erfahrungen oder Handlungen, sondern aus der Musterbildung heraus entstandene Grundannahmen über das Wesen der Dinge oder das Wesen der Menschen (oder: andere Menschen, Tiere, Nahrung, Gott, Raum, Zeit et cetera).

Man kann sich den Kulturbegriff auf vielen Ebenen vorstellen. Jede Familie und jedes Team entwickelt mit der Zeit eine spezifische Kultur. Am Beispiel eines neu zusammengetretenen Teams lässt sich dieser Prozess einfach veranschaulichen: Das Team kommt zusammen; die Teammitglieder kannten sich vorher nicht. Die erste Besprechung steht an. Die Teamleiterin denkt sich möglicherweise, dass es für den Start günstig sein könnte, den informellen Rahmen eines gemeinsamen Essens zu wählen. Die Besprechung soll nicht förmlich ablaufen, sondern es soll Raum für die Entwicklung von Beziehungen geben. Stellen wir uns vor, ein Teammitglied geht auf ein anderes zu und spricht es an, stellt sich vor, erzählt etwas. Reagiert das angesprochene Teammitglied offen und interessiert, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Person, die auf sie zugekommen ist, dies wieder tut. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein ggf. angesprochenes Thema wieder aufgegriffen wird – zwischen diesen beiden und auch, wenn die beiden beteiligten Personen ihrerseits auf Dritte zugehen. Reagiert die angesprochene Person neutral oder negativ, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Personen noch einmal spontan miteinander sprechen. Gleichzeitig hat dies auch eine – vorerst noch geringe – Wirkung auf die Themenauswahl. Nun finden solche bilateralen Interaktionen in einem neuen Team vielfach statt. Hinzu kommen die Interaktionen im gesamten Team und in den langsam entstehenden kleinen Gruppen. Diese kleinen Gruppen sind sozusagen „Musterbildungen“ – war eine Kontaktaufnahme erfolgreich, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wieder Kontakt aufgenommen wird. Gibt es dazu noch ein gemeinsames Thema, wird man sich ggf. sogar sympathisch. Diese vielen kleinen und größeren Interaktionssequenzen führen zu einer Musterbildung – bestimmte Bindungen werden stärker, manche melden sich häufiger zu Wort als andere, bestimmte Themen kommen öfter zur Sprache, spezielle Sichtweisen breiten sich aus, die Breite des Spektrums der in der Gruppe geäußerten Meinungen nimmt ab (Das so genannte „Gruppendenken“ bezeichnet die oft vorkommende Homogenisierung des Spektrums möglicher Meinungen in einer Gruppe.) und so weiter. Über die Zeit entstehen Muster: wie beispielsweise an Projekte herangegangen wird, wer die Themen für Besprechungen festlegt, wie mit Konflikten umgegangen wird, wie „man halt bei uns die Dinge so macht“. Solche Selbstverständlichkeiten gibt es auf allen sozialen Ebenen – auf Gruppenebene, auf Abteilungsebene, auf Organisationsebene, auf örtlicher Ebene (etwa: „Die aus dem Nachbardorf haben sie nicht alle!“) oder regionaler Ebene (etwa: „Mia sann mia!“), auf nationaler Ebene und kulturräumlicher Ebene (etwa: „der Westen“) oder auch auf der Ebene von Berufsgruppen (etwa: Management-Kultur vs. Ingenieur-Kultur) oder themenbezogenen Gruppen.

Edgar Scheins Drei-Ebenen-Modell ist zwar ein speziell für den Begriff der Organisationskultur entwickeltes Modell, aber die soeben beschriebenen grundlegenden Merkmale des Kultur-Begriffs werden in einzigartiger Weise anschaulich, weshalb es hier stellvertretend für viele mögliche Definitionen und Modelle dargestellt werden soll.

Der Kulturbegriff am Beispiel von Edgar Scheins Modell der Organisationskultur

„Schein (2010b, S. 23ff.) hat ein Modell geschaffen, das sowohl Erklärungen zulässt, warum Veränderungen schwierig sind oder scheitern, als auch Hinweise darauf gibt, wie die jeweilige Spezifität einer Unternehmenslage verständlich und zugänglich wird. Demnach bilden sich, sobald Menschen miteinander kooperieren bzw. Erfahrungen teilen, mit der Zeit bestimmte Muster. Eine Gruppe, bspw. ein Arbeitsteam, kommt zusammen, um bestimmte Aufgaben zu lösen. Anfangs werden zur Lösung dieser Aufgaben Vorschläge gemacht, von denen einige aufgegriffen werden. Erweisen sich davon wiederum einige Vorschläge als erfolgreich, werden die entsprechenden Handlungsweisen beim erneuten Auftreten der betreffenden Aufgabe mit einer höheren Wahrscheinlichkeit wieder angewendet. Langsam bilden sich so aus erfolgreichen Einzelhandlungen Muster. Bleiben diese Muster erfolgreich, nehmen sie langsam die Gestalt von Überzeugungen an („So macht man das bei uns…“). Mit fortschreitender Zeit kristallisieren sich die zugrunde liegenden Prinzipien heraus und verdichten sich zu Regeln. Diese Regeln stellen – bei bleibendem Erfolg – fortan die Grundlage für das erfolgreiche Funktionieren des Teams dar und nehmen die Gestalt von Werten an, die von der Gruppe entsprechend verteidigt werden. Dauern die Existenz und der Erfolg des Teams an, werden die Werte immer weniger in Frage gestellt und mit der Zeit habituiert, also zur zunehmend unbewussten (und damit immer weniger hinterfragbaren) Gewohnheit. Die Ergebnisse dieser Entwicklung von Versuch-und-Irrtum-Erfolgen über zunächst bewusste Überzeugungen zu am Ende unbewussten Gewissheiten bezeichnet Schein als Grundannahmen. Wandel bedeutet, dass durch die Veränderung externer Bedingungen die Grundannahmen und damit das über lange Zeiträume habituierte Erfolgsrezept eines Teams oder eines ganzen Unternehmens in Frage gestellt werden, was existentielle Ängste und dementsprechende Widerstände auslöst. Veränderungen gehen also mit einer In-Frage-Stellung der existentiellen Basis bzw. des „genetischen Codes“ einer Organisation einher, indem die Kultur der Organisation – als implizite Gesamtheit des gewonnenen und tradierten Wissens – erschüttert wird.“ (Heidig et al. 2012)

das-kulturmodell-nach-edgar-schein
Abbildung: Das Drei-Ebenen-Modell der Unternehmenskultur nach Schein (2010, S. 23ff.); eigene Darstellung

Was heißt das für die interkulturelle Kooperation?

Wenn nun klar ist, was Kultur ist und wie sie entsteht, dann wird auch klar, was das Problem bei der interkulturellen Kommunikation ist – es handelt sich um unterschiedliche Selbstverständlichkeiten, die für den Träger oder die Trägerin einer Kultur kaum oder nicht hinterfragbar sind. Meine Stereotype und Vorurteile sind quasi mein Bild von den Selbstverständlichkeiten des anderen – aber gefärbt durch meine eigenen Selbstverständlichkeiten. Und da diese mir ja unbewusster Weise aus sich selbst heraus verständlich sind, hinterfrage ich sie auch nicht. Fertig ist das Missverständnis. Vorurteile sind quasi völlig normal – eine einfache Folge grundlegender Operationen unseres Geistes, beispielsweise des Kategorisierens, also des Zuordnens von Objekten zu Klassen auf der Grundlage von Merkmalen bzw. Merkmalsausprägungen und -unterschieden.

Was bei der Bearbeitung von – ohnehin und selbstverständlich auftretenden – interkulturellen Irritationen hilft, ist Dialog auf der Grundlage tragfähiger Beziehungen. Bringt mir jemand Interesse entgegen, besteht die Chance, dass ich Vertrauen aufbaue. Lerne ich den anderen kennen, tritt er gleichsam langsam „vor“ das Vorurteil, wird also einzigartiges Individuum mit Namen und Geschichte. Das heißt nicht, dass die Vorurteile oder Sterotype deshalb verschwinden würden; sie besitzen vielmehr eine erstaunliche Überlebensfähigkeit. Aber indem ich verstehe, wie der betreffende einzelne andere Mensch etwas tut, baue ich eine Beziehung auf und damit Vertrauen.

Mit einem so wachsenden gegenseitigen Verständnis schaffen wir die Voraussetzung, dass wir gemeinsam eine Arbeitsbasis schaffen – und damit eine spezifisch zwischen uns oder in unserem Team existierende kulturelle Insel, auf der wir neue, uns gemeinsame und für unsere spezifische Situation passende Handlungsmuster entwickeln. Später werden die wieder selbstverständlich. Aber das ist dann ein neues Kapitel.

Jörg Heidig

Die deutsche Minderheit auf polnisch denken

In Polen gibt es eine Reihe von – vornehmlich kulturellen – Organisationen der dort lebenden deutschen Minderheit, für die zu arbeiten ich hin und wieder die Freude habe. Dieser Text handelt von einigen interessanten Beobachtungen über Heimat, Identität und den Wandel der Kultur.

Der Wandel der Bedeutungen

Die Bedeutung der Dinge ergibt sich aus der Beziehung zu ihnen. Die Bedeutung wohnt also nicht den Dingen selbst inne, sondern ergibt sich „zwischen“ den Menschen und den Dingen. Mit Blick auf die deutsche Minderheit ist deshalb zu fragen, welche Bedeutung die kulturelle Herkunft für diejenigen hat, die nachkommen, die nicht mehr zur Erlebnisgeneration gehören. Hier ist ein Wandel festzustellen. Die „Alten“ sagen, dass die „Jungen“ sich nicht mehr für ihre Herkunft, die Traditionen und so weiter interessieren. Vielen Enkeln sei es wichtiger, die englische Sprache gut zu beherrschen, als vernünftig deutsch zu lernen. Man wolle vielfach lieber nach England gehen, anstatt in der Heimat zu bleiben.

Was ist Heimat?

An dieser Stelle scheint eine interessante Frage auf, nämlich die nach den unterschiedlichen Begriffen von „Heimat“. Für Vertriebene oder Geflohene ist „Heimat“ etwas anderes als für die dort Gebliebenen. Während die ferne Heimat irgendwann zur ehemaligen Heimat – und damit zum im Herzen mehr oder minder eingeschlossenen Sehnsuchtsort – wurde, entwickelte sich die Heimat für die anderen fort – man lebte nicht mehr in Deutschland, sondern in Polen. Die nachfolgenden Generationen sprachen immer weniger deutsch, auch bedingt durch den zeitweise immensen Druck, dem die Deutschen in Polen ausgesetzt waren. Die Enkel und Urenkel der Erlebnisgeneration sehen sich nun vor allem als Polen – mit deutschen Vorfahren oder mit einem gewissen Interesse an der deutschen Kultur, aber als Polen.

Die spezifischen Weltsichten der verschiedenen Generationen

Die Erlebnisgeneration durfte sich viele Jahre nicht zum Deutschtum bekennen, nach 1990 konnten sie das wieder und holten nach, was so viele Jahre verboten war. Die heute junge Generation ist aber erst 1990 oder später geboren. Weder die Sichtweise der Erlebnisgeneration – also eine gewisse Kontinuität deutscher Kultur über die Zeit -, noch die Sozialisation der Generationen dazwischen, die vom Kommunismus „eingemahlen“ wurden und sich nicht bekennen durften, ist für die jüngere Generation prägend. Die jungen Leute verstehen sich eher als Polen mit deutschen Wurzeln oder als Polen mit einem gewissen Interesse für die deutsche Kultur und das Erbe, auf das es in Schlesien oder etwa im Ermland hinzuweisen gilt. Aber sie bewahren dieses Erbe auf polnisch, vor dem Hintergrund ihrer Identitäten als Polen und als Menschen mit deutschen Wurzeln und/oder Interessen. Neben diesen Interessen stehen, und das eint diese jungen Menschen mit Vertretern ihrer Generation aus anderen Ländern, auch einige »europäische« Interessen. Der Austausch mit anderen Kulturen scheint vielen, zumindest nach meinem Eindruck, genauso wichtig – oder sogar wichtiger – zu sein wie das Interesse für die eigenen (deutschen) Wurzeln oder die Kultur der Heimat Polen.

Die Lebensrealität der jungen Generation sieht ganz anders aus als die der mittleren oder gar der älteren Generation. Und diese jüngere Generation definiert ihre Identität auf eigene Weise, und sie sollte auch die Möglichkeit dazu bekommen. Die Älteren tun ihren Enkeln einen Gefällen, wenn sie Geschichten erzählen. Die Werte einer Gemeinschaft und die Weisheit des Lebens stecken in Geschichten. Wenn man Werte und Identität proklamiert oder gar verlangt, erreicht man oft das Gegenteil. Identität schreibt sich fort, verändert sich – man kann nichts gegen die Veränderung tun, man kann nur mittun, indem man seine eigene Sicht der Dinge erzählt.

Man kann Geschichte auf vielerlei Weise verstehen – als Mahlstrom, der am Ende alles verschlingt, und dem man sich so lange es geht entgegenstellen muss, oder als endlose Kette von Ereignissen, die erst in der Rückschau Sinn machen – wir begreifen Veränderungen oft erst dann, wenn sie schon lange wirken. Mit letzterer Sichtweise gibt man sich und seinen Nachfahren die größere Chance, etwas zu bewahren. Es ist dann ein Bewahren ohne Zwang, und das ist eine Fähigkeit, die Europa wirklich gut gebrauchen kann – vorausgesetzt natürlich, man stellt Europa nicht in Frage. Tut man das, dann machen die hier vorgetragenen Argumente freilich keinen Sinn.

Entscheidende Fragen

Es geht für die deutsche Minderheit heute darum, sich zu fragen, wie sich die Zukunft gestalten lässt. Eine mögliche Antwort liegt meines Erachtens darin, die deutsche Minderheit auf polnisch zu denken. Wem das zunächst fremd vorkommt, der versetze sich einmal ins heutige Ostdeutschland, zum Beispiel in die Niederlausitz. Dort leben zwar noch Sorben, aber es werden weniger. Es ist gut und richtig, wenn sich diejenigen, die noch sorbisch sprechen, auf ihre Traditionen besinnen und diese so lange weitertragen, wie sie können. Aber selbst in den Dörfern, wo viele zwar noch sorbische Familiennamen tragen, aber niemand mehr sorbisch spricht, ist deshalb die sorbische Kultur noch lange nicht verschwunden. Sie wirkt fort, auch wenn die nicht mehr „hörbar“ ist.

Ein konkreter Weg, die Frage nach der Zukunft zu stellen, wäre, sich vorzustellen, wer in zehn oder mehr Jahren diejenigen sein werden, die sich für die deutsche Identität und Geschichte etwa in Masuren oder in Oberschlesien interessieren. Als nächstes kann man dann fragen, was genau diese Menschen interessieren wird. Wenn man darauf Antworten gefunden hat, kann man bereits heute Schritte einleiten, um als Organisationen der deutschen Minderheit genau das zu ermöglichen. Einige Beispiele:

  1. Wenn sich junge Menschen zwar für ihre Identität und Herkunft interessieren, dies aber auf eine Weise tun, die sich von der Art und Weise der Erlebnisgeneration unterscheidet, ist die Struktur der Zukunft möglicherweise ein nicht mehr an örtliche Vereinsstrukturen mit traditionsorientierten Begegnungs- und Kulturprogrammen gebundenes, regionales Netzwerk, das auch europäisch orientierte Projekte (Jugendaustausch, identitätsbezogene Veranstaltungen) anbietet und – losgelöst von der örtlichen Anbindung an die Bevölkerung einer bestimmten Stadt – ein regionales internetbasiertes Netzwerk organisiert, in dem auf regionale Veranstaltungen hingewiesen werden und Austausch stattfinden kann. Man kann die bisherigen, ortsbezogenen Organisationen weiterführen, muss aber damit leben, dass viele dieser Organisationen mit dem Aussterben der Erlebnisgeneration geschlossen werden. Neue, regional größere oder übergreifende Organisationen mit an der künftigen „Zielgruppe“ ausgerichteten Inhalten wären meines Erachtens eine vielversprechende Option. Einige Organisationen haben dies bereits erkannt und richten einen Teil ihrer Aktivitäten seit einiger Zeit darauf aus.
  2. In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Angehörige der deutschen Minderheit ihre Heimatregionen verlassen. Womöglich will ein Teil dieser Menschen zurückkehren, etwa wenn es um die Frage geht, wo man seinen Lebensabend verbringen möchte. Die „angestammte Heimat“ (oder: die „Heimat der Kindheit“) hat für viele Menschen einen höheren Wert als die „berufliche Heimat“ der mittleren Lebensjahrzehnte. Es wäre durchaus ein spannender Versuch, mit gezielten „Rückkehreraktionen“ auf diese Menschen zuzugehen – etwa in der Art, wie das manche ostdeutsche Regionen tun. In Zeiten der internetbasierten sozialen Netzwerke wäre das noch nicht einmal sehr teuer.
  3. Der Tourismus der Erlebnisgeneration wird nachlassen, nicht aber der allgemeine Tourismus und derjenige aus Interesse an einer Kulturlandschaft, die lange deutsch geprägt war. Die Frage wäre, wie man hierauf reagieren könnte. Wer weiß besser über die Orte, ihre Geschichte, ihre Kultur Bescheid, als die Menschen, die dort leben?

Die Organisationen der deutschen Minderheit werden sich in den kommenden zehn Jahren stark verändern. Einige Organisationen werden aus Mitgliedermangel schlicht geschlossen, andere werden weiter bestehen. Die Frage, an der sich vieles entscheidet, lautet, wie die heutigen Entscheider mit dem jetzigen Wandel umgehen.

Jörg Heidig

Wie man die frühere Heimat später in Erinnerungen einschließt

Mein früherer Kollege Zeljko Cumbo hat auf Facebook einen Text geteilt, den ich sehr interessant fand – nicht, weil er mich an meine „alten Zeiten“ in Bosnien erinnert, sondern weil er das Gefühl gut beschreibt, das viele „Ex-Jugoslawen“ damals hatten und zum Teil auch heute noch haben. Und weil der Text am Ende sehr viel mit dem Thema „Flüchtlinge“ zu tun hat, das heuer so kontrovers diskutiert wird. Ich fand den Text so gut, dass ich ihn übersetzt habe:

Ich lebe seit 1993 in Kanada, fast ein Vierteljahrhundert. Wir sind am Anfang des Krieges hergekommen, als wir gesehen haben, dass es für uns keine Rückkehr nach Sarajewo gab, und dass es auch nirgendwo anders in unserer früheren Heimat mehr einen Platz für uns gab. Vom ersten Moment an fühlten wir uns in Kanada zuhause. Wir haben dieses Land lieben gelernt, ein Land, in dem Ordnung herrscht und Arbeit, Toleranz, Sauberkeit und Liebenswürdigkeit wichtig sind. Uns ist wohl bewusst, dass die Liebenswürdigkeit der Kanadier nicht immer ehrlich ist, aber uns ist das auch nicht wichtig: die Leute sind höflich, sie haben uns in ihrem Land willkommen geheißen und uns die Möglichkeit geboten, in den Berufen zu arbeiten, die wir erlernt hatten; sie ermöglichten uns, ein normales Leben zu leben und uns nicht wie Ausländer zu fühlen; sie akzeptierten unseren Akzent in der englischen Sprache, so stark er auch gewesen sein mag.

Was könnten wir uns mehr wünschen?

Es gibt hier Menschen aus der ganzen Welt. Man sagt, Toronto sei die multikulturellste Stadt der Welt. Wenn man hierher kommt, versteht man erst, wie klein man ist, dass man nur ein Mensch ist unter den Millionen, die hierher kommen, um ihren Platz unter der Sonne zu finden. Wie schafft man es dann, dass einen jemand bemerkt und einem die Chance gibt zu zeigen, was man kann? Wie soll man sich von der Masse abheben, deren größter Teil zumal hochgebildete Menschen sind? Unter allen anderen Komponenten des anfänglichen Kulturschocks (es liegt nicht ein einziger Papierfetzen auf der Straße, man darf niemanden berühren, wenn man in einer Schlange steht oder mit dem Bus fährt, Verkehrsregeln werden strikt eingehalten, kein Hupen, wenn man während der Fahrt die Geduld verliert) war es die Erkenntnis der eigenen Größe und Bedeutung, oder besser gesagt, der eigenen Kleinheit und Bedeutungslosigkeit, die am schwersten anzunehmen war.

Aber mit der Zeit, wenn man ein wenig Selbstvertrauen gewinnt und sieht, wie viel man tatsächlich weiß und wie viel man kann, findet man zur Normalität und zum eigenen Identitätsbewusstsein zurück. Man arbeitet hierzulande viel und lange, das Leben ist stressig und vollgestopft, die Jahre vergehen in dem Rennen darum, dass man ankommt und etwas erreicht, und dann merkt man auf einmal, dass man 50 und ein paar Jahre alt ist und die besten Jahre hinter einem liegen. Wo sind die Jahre hin? Irgendwie fehlen sie mir… Ich betrachte mich selbst immer noch als einen jungen Menschen, sowohl wenn ich allein bin als auch in Gesellschaft – ich kann nicht glauben, dass jemand in mir eine Frau im mittleren Alter oder gar eine ältere Person erblickt. Die folgenden Dinge haben meinen Mann und mich in den letzten zwanzig Jahren über die Maßen beschäftigt: Arbeit finden, auf Arbeit Fortschritte machen, sich in das hiesige kapitalistische System einfügen – und das mit unserer emotionalen slawischen und im Grunde sozialistischen Seele, ein Haus kaufen, einrichten und abzahlen, Autos, Reisen, ein Kind auf bestmögliche Weise erziehen, dem Kind ermöglichen, gute Schulen zu besuchen und sich mit Dingen zu beschäftigen, die es liebt, die Eltern aus Sarajewo herholen, sich um sie bis zum heutigen Tag sorgen, mit ihnen all ihre Schwierigkeiten bewältigen – mit der Sprache, dem Verlust all dessen, was sie einst besaßen, mit der neuen Kultur, dem Geld, mit Krankheiten, mit Bekannten, mit dem Tod… Das ist eine große Verantwortung für zwei junge (und nun nicht mehr so junge) Menschen, von daher ist es kein Wunder, dass 20 Jahre vergangen sind wie nichts.

Auch wenn wir nach wie vor denken, dass der Umzug nach Kanada unter den damaligen Umständen das beste war, was wir tun konnten, und auch wenn wir sehr glücklich und stolz auf das Leben sind, das wir hier aufgebaut haben, erinnern wir uns oft an andere, weit zurückliegende Zeiten. Unsere schönsten Jahre verbrachten wir im Sarajewo der Vorkriegszeit, als wir am frühen Morgen heiße Hörnchen aus der Bäckerei auf der Bascarsija und Brezeln aus dem Kiosk neben dem Ersten Gymnasium gegessen haben, als wir uns abends getroffen haben, als wir mit der Seilbahn auf die Berge vor der Stadt gefahren sind und uns von dort oben an der Schönheit unserer Stadt erfreut haben, als wir an Wintertagen den Geruch von heißen Maronen einsogen, bis uns der Sarajewoer Smog in Nase und Augen kniff. Interessant ist, welche dieser Details die stärksten Erinnerungen an die Vergangenheit, die frühere Heimat wachrufen und bisweilen einen kleinen Tränenausbruch verursachen, bevor man sich wieder im Griff hat. Das sind nie Bücher, Filme oder Fotos, das ist immer ein vertrauter Geruch (heiße Maronen oder Wintersmog) oder der Klang eines Songs, den man lange nicht gehört hat. Unser Leben in Sarajewo kommt mir heute vor wie ein wundervoller, sorgloser Traum, eigefangen in schönen Pastelltöne und angenehmen Gerüchen, abgerundet durch ein warmes Gefühl der Sicherheit und Zufriedenheit. Trotzdem wir nicht viel hatten, war es irgendwie gut und genug. Heute lesen wir Zeitungen und Portale und verfolgen, was dort geschieht. Es gefällt uns nicht, was wir sehen und hören. Das sind jetzt andere, uns fremde Länder mit Mentalitäten und Standards, die wir nicht verstehen. Deshalb haben wir uns entschlossen, dass wir unser Sarajewo so in Erinnerung behalten, wie es einst war – aus der Erinnerung kann man es uns nicht wegnehmen – und dass wir Jugoslawien in der Seele tragen, auch wenn wir uns voll und ganz bewusst sind, dass es dieses Land schon lange nicht mehr gibt.

Vesna

Toronto, Kanada

Zum Original-Text