Das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen und die Lebenskrise um die 50: welche Fragen helfen

Ein interessanter Blickwinkel auf das Leben bietet sich, wenn man es als Muster aus „Geben“ und „Nehmen“ betrachtet. Stark vereinfachend könnte man sagen, dass man als Kind und in der Jugend vor allem nimmt und weniger gibt. Auch während man ausgebildet wird, studiert, ausprobiert o.ä. ist man eher beim Nehmen als beim Geben.

Das mögen Betroffene anders sehen, indem sie etwa ihre Abiturzeit oder ihre Ausbildung als Quälerei empfinden. Allerdings deutet das meines Erachtens weniger auf Quälerei, sondern eher auf die Frage nach dem Sinn hin. Wer seine Ausbildung oder sein Studium als mühselig erlebt, hat für die Mühen keine gute Erklärung. Sobald die Bemühungen einen Sinn haben, können sie quasi instrumentell verstanden werden. Es reicht also in der Regel aus, sich den Sinn seiner momentanen Bemühungen zu verdeutlichen und sich selbst oder durch andere zum Durchhalten aufzufordern. Nicht umsonst zeigen so genannte Selbstimpfungstrainings einige Wirkung. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass ein nicht zu verachtender Teil der heutigen Eltern ihre Kinder erzieht, als seien alle etwas Besonderes. Ist dies der Fall, kann das Problem zwei Gestalten annehmen. Entweder die Eltern rauben ihrem Kind die Anstrengungsbereitschaft, indem immer alles als „super“ bewertet wird, was das Kind tut. Wenn dann noch eine gewisse „Helikoptermentalität“ – also überwachender und allumsorgender Schutz in allen Lebenslagen, vor allem auch bei der Austragung kindlicher Konflikte und bei (an und für sich ja oft notwendigen) Grenzsetzungen oder Maßregelungen durch Lehrer – hinzukommt, geben die betroffenen Kinder schnell auf, wenn es wirklich mal anstrengend wird. Oder die Eltern setzen ihre Kinder unter einen subtilen Leistungsdruck. Die davon betroffenen Kinder werden meist sehr geliebt und wachsen auch in diesem Bewusstsein auf, allerdings bekommen sie auch – meist gut gemeint und unterschwellig – eingeimpft, dass sie besser sein müssen als andere, um in unserer Gesellschaft zu bestehen. Die Liebe wird quasi unbewusst auf Leistung und Verdienst konditioniert (siehe dazu „Love and Merit“ von David Brooks). Grundsätzlich ist Leistungsorientierung nichts Schlechtes, gehört sie doch zu den menschlichen Grundbedürfnissen, aber unter den heute jungen Menschen gibt es nicht wenige, die mit (häufig nur empfundenen, nicht einmal tatsächlichen) Minderleistungen schlecht umgehen können, bspw. heftig weinen, wenn sie keine Eins bekommen. Die Kompetenz, mit Niederlagen oder auch nur der eigenen Durchschnittlichkeit umgehen zu können, ist bei diesen Menschen nicht oder nur gering ausgeprägt. Der Begriff des Besonderen funktioniert nur, wenn es eine jeweils größere Masse des Normalen oder Durchschnittlichen gibt. Das sollten Eltern beachten, wenn sie ihrem Nachwuchs wieder einmal sagen, sie oder er sei etwas ganz, ganz Besonderes. Natürlich sagen Eltern so etwas, und sie sollen auch nicht ganz damit aufhören, die Frage ist nur, wie oft und in welchen Situationen sie das sagen. Wie so oft macht hier die Dosis das Gift.

Zurück zum Geben und Nehmen: Es gibt Phasen im Leben, in denen man nimmt. Die Kindheit und Jugend gehören zu diesen Phasen. Vielleicht ist das ein Grund für die häufige Beschreibung der Kindheit als „unbeschwerte Zeit“. Es gibt andererseits Phasen, in denen man gibt. War die studentische Zeit – zumindest, wenn man nicht drei Jobs hatte, um sich komplett selbst zu finanzieren – auch eine jener „unbeschwerten Phasen“, tritt danach meist der „Ernst des Lebens“ auf die Bühne. Man wird Teil einer Organisation, ist mit Erwartungen konfrontiert, will sich bewähren, vielleicht sogar Karriere machen. Man kann sich plötzlich vorstellen, Kinder zu bekommen, denkt über das Heiraten nach, renoviert eine Wohnung oder sogar ein Haus. Man macht vielleicht Schulden. Und dann findet man sich plötzlich in einem anderen Leben wieder. Frei nach dem Kierkegaardschen Spruch, nach dem das Leben vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden müsse, merkt man das auch nicht gleich, sondern schiebt irgendwann zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Geburtstag an einem ganz schnöden Abend mitten in der Woche den Einkaufskorb durch den Supermarkt und merkt, dass man in der Phase des Gebens angekommen ist. Übrigens hat niemand diese Situation mit dem Wagen im Supermarkt und der damit verbundenen Empfindung der Sinnentleerung und dem sich daraus ergebenden Ärger, der sich vor allem auf andere richtet, aber das eigene Leben meint, besser beschrieben als David Foster Wallace in seinem unübertroffenen Text „Das hier ist Wasser“.

Manchen mag diese Erkenntnis treffen wie ein Schlag. Aber die Verpflichtungen und die Verdrängung tun das ihre: man macht weiter – Haus bauen, Kinder in die Schule bringen, den Job halbwegs gut machen, sich um sein Team kümmern, die Freundin oder den Kumpel trösten, weil dort gerade die Beziehung in die Brüche geht, hoffen, dass einem das erspart bleibt – oder gerade nicht? Aber dann muss man wieder aufstehen, zackzack, ab ins Auto, nur nichts vergessen, wo ist der Einkaufszettel, schnauz mich nicht so an, nein, ich komme heute erst später nach Hause, mach Du bitte die Kinder und nein, ich will jetzt nicht schon wieder diskutieren. Und so weiter. Wenn diese Routinen unterbrochen werden, weil man Urlaub hat oder zur Kur ist oder weil man beim Arzt sitzt und der einen fragt, ob man Stress hat, oder wenn jemand aus dem näheren Umfeld krank wird oder sogar stirbt, dann sind das jene Momente, in denen man das merkt: wie sehr man am Geben ist und wie wenig am Nehmen.

Das sei doch aber nichts Besonderes, könnte man einwenden, das Leben habe nun einmal Phasen des Gebens und des Nehmens, und man solle doch froh sein, dass es immernoch Menschen gebe, die gerne gäben, weil der Anteil der Hedonisten ja steige, und man solle sich einmal das Schicksal vieler Vereine ansehen und den ganzen demographischen Wandel. Auch wenn man den einen oder anderen Teil dieses Einwands für übertrieben hält – im Kern stimmt er: Phasen des Gebens und des Nehmens wechseln sich ab, und mit zunehmender Individualisierung ist die im Westen so wichtige Selbstverwirklichung in vielen Fällen zur Selbstrotation geworden. Es stimmt auch nicht ganz, dass in der Jugend nur genommen wird und in der Hochleistungsphase des Lebens, also in der Regel zwischen dem dreißigsten und dem fünfzigsten Geburtstag, nur gegeben wird. Das wurde hier so dargestellt, weil Vereinfachungen oder Übertreibungen dazu geeignet sind, solche Dinge verständlicher zu machen.

Also doch kein Problem? Nun, gewiss nicht in jedem Fall. Ich beobachte nur, dass viele Menschen gerade am – vom Zeitpunkt her höchst relativen – Ende der Hochleistungsphase, also im weitesten Sinne ein paar Jahre um den fünfzigsten Geburtstag herum, ein mitunter massives Problem mit ihrem Leben bekommen. Das ist grundsätzlich nichts Neues. Entwicklungspsychologen, allen voran Erikson, haben verschiedene Phasen des Lebens erforscht und herausgefunden, dass jede Phase ihre spezifischen Konflikte hat, mit denen sich ein Mensch konfrontiert sieht und die er für sich löst – oder nicht. In Bezug auf das eigene Leben optimistisch zu bleiben und nicht zu verbittern, hat – auch und gerade in unseren eher gottlosen Zeiten – im Grunde mit der Art und Weise der Bewältigung dieser Konflikte zu tun. Es soll hier also keineswegs versucht werden, diesen Modellen ein weiteres hinzuzufügen. Vielmehr soll das bereits Bekannte (dass es eine Krise um das fünfzigste Lebensjahr herum gibt) aus einem besonderen Blickwinkel (dem des Gebens und Nehmens) betrachtet werden, um jenen, die mit Betroffenen beruflich zu tun haben (v. a. Führungskräfte) oder ihnen helfen (Coaches, Berater, u. U. auch Trainer) ein besseres Verständnis der Krise und gleichzeitig ein Handwerkszeug zur Bearbeitung dieser Krise an die Hand zu geben. Denn wenn man weiß, warum die Krise existiert, kommt man auch auf die richtigen Fragen, die in dieser Krise helfen. Kurz gefasst lautet die Antwort: es geht in dieser Krise darum, bzgl. des bisherigen (Berufs-)Lebens Bilanz zu ziehen und sich zu fragen, was noch kommen soll und was man dafür braucht. Ganz reduziert lautet die Frage: was willst Du eigentlich? Was willst Du eigentlich – für andere und für Dich selbst?

Doch langsam: schauen wir uns die Krise erst einmal etwas genauer an, bevor wir zu den Fragen kommen. Folgende Ursachen und „Zuspitzungen“ lassen sich beobachten: nach langen Jahren engagierter Arbeit merken Menschen um die Fünfzig, dass ihnen die Dinge nicht mehr so leicht von der Hand gehen. Die Karriere, so vorhanden, hat sich verlangsamt oder stagniert seit einiger Zeit. War für viele die Arbeit lange der wichtigste Aspekt im Leben, stellen sie ihre Wertehierarchie zunehmend in Frage. Nicht wenige merken, dass sie kaum mehr etwas für sich selbst tun, sondern das meiste für andere (die Firma, die Familie, den Verein usw.). Es fällt ihnen schwer, das bisherige Level zu halten, und schwerer wiegt noch: sie sehen immer weniger Sinn darin, so weiterzumachen. Sie stellen sich die Frage: soll das jetzt immer so weitergehen? Andere bekommen ernstere gesundheitliche Probleme und merken, dass es nicht gesund wäre, so weiterzumachen. Der überwiegende Teil dieser Menschen macht (zunächst) trotzdem so weiter. Ich habe Führungskräfte erlebt, die erst nach dem dritten Herzinfarkt und dem Verdacht, dem vierten um Haaresbreite entkommen zu sein, ein Einsehen hatten und die berufliche Rolle gewechselt haben. Oft ist es in solchen Fällen auch hilfreich, die Branche zu wechseln, also bspw. aus der Wirtschaft kommend im öffentlichen Dienst weiterzumachen.

Im Wesentlichen lassen sich zwei Reaktionen in der Krise beobachten:

  1. Die gesundheitlichen Anzeichen und/oder die eigenen Zweifel werden ernst genommen. Man stellt sich den Fragen und zieht Bilanz. Man fragt sich, was man bisher erreicht hat. Man fragt sich, was man eigentlich will. Irgendwann verschwindet das „eigentlich“. Man fängt an, die neuen Dinge zu tun. Alte Freunde anzurufen, sich ein neues Hobby zu suchen, sich Zeit zu nehmen, Sport zu machen. Indem man diese Dinge tut, gewinnt man einen anderen Blick auf das Leben. Was zunächst kaum zu beantworten scheint (Was willst Du eigentlich?), wird nun immer leichter zu beantworten. In sportlichen Begriffen: man läuft seinem alten Leben davon und fängt vor Erschöpfung an zu lächeln. So lernt man, das Leben anders zu sehen. Dieser Prozess dauert lange, aber er funktioniert. Die nicht auf die sonstige Arbeit oder die im Alltag zu erbringende Leistung gerichteten Aktivitäten bringen dem Körper bei, dass es auch anders geht. Der Verstand folgt irgendwann. Viel später fragt man sich, was man in den nächsten Jahren will, wo man beruflich hin will und welche Qualifikationen, Vertiefungen etc. dafür notwendig sind. Oft führen diese Schritte zu jener tiefen Professionalität, die man schwer erklären kann, und die in manchen Modellen als „Stufe der unbewussten Kompetenz“ beschrieben wird. In vielen Fällen führt die Krise hier nicht zu einem „neuen“ Leben, wohl aber zu einem „tieferen“ und gewissermaßen auch „langsameren“ Leben, indem man einerseits wieder mehr für sich tut und das Leben mehr genießt (also im Sinne des „Nehmens“), dafür aber auch mehr weitergeben kann, etwa als Mentor oder reifere Führungskraft.
  2. Die Anzeichen werden ignoriert, und es wird weitergelebt wie bisher. Man muss leider sagen: oft in der unbewussten Anerkenntnis des eigenen, ggf. früheren Todes. Sätze wie: „Wenn es mich erwischt, dann ist es eben so.“ sind in diesen Fällen nicht selten. Es ist durchaus legitim, so zu handeln, und oft erfüllt mich ein tiefer Respekt vor diesen Menschen, die ihre Aufgabe über sich selbst stellen, manchmal erschrecke ich aber auch vor solchen Sätzen. Ich will erklären, warum. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen „Handlungsfähigkeit auch im Angesicht der Gefahr“ und „Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen“:

Handlungsfähigkeit auch im Angesicht der Gefahr: Es gibt Berufe, die vollen Einsatz erfordern, und bei deren Ausübung der volle Einsatz manchmal die Überschreitung der eigenen Belastungsgrenzen erfordert, in Extremfällen bis zum eigenen Tod. Das kann Soldaten betreffen, aber auch manche Ärzte, Polizisten oder Rettungskräfte. Auch Menschen, die auf ICE-Strecken Oberleitungen reparieren, Waldbrände in den Griff bekommen oder andere schwere und lebensgefährliche Tätigkeiten ausüben, sind davon nicht ausgenommen. In Zeiten, da unsere stereotype Vorstellung von Arbeit zunehmend die eines Büroarbeitsplatzes wird, gerät uns das Verständnis für gefährliche und volle Identifizierung und Involviertheit erfordernde Berufe zunehmend aus dem Blick. Wir sind auf Gesundheit bedacht, achten auf Grenzen usw. Aber was wären wir ohne jene Feuerwehrleute, Polizisten oder Retter, die da sind und in volles Risiko gehen, wenn es brenzlig wird?

Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen: Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum ein Mensch Geheimnisse vor sich hat, und manchmal ist der Schutz dieser Geheimnisse wichtiger als die eigene Gesundheit. Das erklärt, warum sich manche Menschen in Lebenskrisen oder bei drohenden Krankheiten scheinbar dazu entschließen, nichts zu ändern. Sie machen weiter, manchmal regelrecht, bis sie umfallen.

Haben jemandem bspw. die eigenen Eltern beigebracht, sich selbst zu hassen, dann kann es sein, dass er sich einen Beruf gesucht hat, der ihm Anerkennung bringt. Er hat sich so ein „kompensatorisches Selbstbild“ aufgebaut. Die berufliche Rolle ist eine Art „Ersatz-Ich“, das gemocht wird, Dankbarkeit oder Anerkennung erhält o. ä. Das funktioniert, ist aber anstrengend, weil die Befriedigung nur temporär ist und das künstliche Selbstbild ständig neues Futter braucht, damit es existieren kann. Das bedeutet ein permanentes Grundrauschen an Stress. Ein anderer Fall wäre, dass man bestimmte Anteile des eigenen Selbst nicht wahrhaben möchte, bspw. dass man manchmal eben nicht die tolerante, engagierte, fürsorgliche usw. Person ist, sondern Hass empfindet und am liebsten Gewalt ausüben würde, und in der Folge alles dafür tut, dass die Umwelt diese Anteile nicht wahrnimmt. Man engagiert sich dann etwa gegen Rassismus oder für Flüchtlinge, entwickelt dabei aber eine Energie und Radikalität, die sich in Härte und Konsequenz ganz und gar nicht von jener unterscheidet, die man bekämpfen möchte, ja in manchen Fällen sogar noch intoleranter und ausschließender daherkommt. Wer ein solches Selbstbild entwickelt hat, verfügt – in der extremsten Ausprägung – über gute Gründe, für sein Engagement zu sterben. Im Grunde lassen diese Menschen das eigene Ich sterben, um das kompensatorische Ich bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Wollte man diese Sichtweise zuspitzen, müsste man von „Selbstbetrug bis zum Tod“ sprechen oder mit Bertrand Russell schlicht sagen: „Manche Menschen sterben lieber als nachzudenken. Und in der Tat: sie tun es.“

Es gibt sicher Grauzonen zwischen der „Handlungsfähigkeit im Angesicht der Gefahr“ und der „Opferung der eigenen Person aus psychologischen Gründen“. Jedoch sind die Extremformen, die letztere gebiert, in der Welt der ersteren nicht möglich. Letztere nehmen Lügen und im Extremfall mitunter schwere Straftaten in Kauf, nur um an dem kompensatorischen Selbstbild festzuhalten, welches das eigene Selbstbild, einem Balsam für die als geschunden empfundene Seele gleich, auf so sanfte und verführerische Weise ersetzt. Nur dass der Balsam ein Gift zum (eigenen) Tode ist, was oft ebenfalls sehend in Kauf genommen wird.

Mit letzteren Darstellungen wird die Gnadenlosigkeit gegenüber dem eigenen Körper, dem eigenen Schicksal und in gewisser Weise auch der eigenen Familie verständlich, die manche Menschen an den Tag legen, wenn es darum geht, eine bestimmte Krise nicht zu bewältigen bzw. sich bestimmte Fragen nicht zu stellen. Man kann dann leider nichts machen außer zu versuchen, die Beziehung aufrechtzuerhalten und in den dafür geeigneten Momenten die richtigen Fragen zu stellen. Man kann aber niemanden vor sich selbst beschützen. In den genannten Ausnahmefällen schwerer Straftaten hilft das freilich nicht. Dann muss man Anzeige erstatten.

Jörg Heidig

Was war, was ist, was sein wird – wie unsere Perspektive auf die Zeit unsere Entscheidungen beeinflusst

Während meines Studiums kam es insbesondere in Prüfungsphasen oft vor, dass ich mich trotz anstehender Prüfungen oder nahenden Abgabeterminen für Belegarbeiten entschied, der ein oder anderen Feierlichkeit in befreundeten WGs oder dem Studentenclub beizuwohnen: „Naja auf ein Getränk kann man ja mal vorbeischauen. Ich gehe einfach 0 Uhr nach Hause, dann schaffe ich es morgen auch noch zur Prüfungsvorbereitung.“. So oder so ähnlich lautete dann meine Rechtfertigung der Abendplanung vor mir selbst. Außerdem war es ja noch lange hin bis zu den Prüfungen. Einige meiner Kommilitonen trafen den selben Entschluss und wieder andere entschieden sich dagegen, die Feier zu besuchen, um am nächsten Tag fit zu sein. Zurück zu mir und dem tatsächlichen Verlauf des Abends. Natürlich blieb es nicht bei einem Getränk, natürlich verpasste ich den 0 Uhr Ausstieg um mehrere Stunden und natürlich verschlief ich die Prüfungsvorbereitung und blieb mit einem Kater im Bett liegen. Andere Kommilitonen waren da konsequenter, tranken nur ein Getränk, verabschiedeten sich um 0 Uhr und zeigten sich auch von Überredungsversuchen, doch noch etwas länger zu bleiben es sei gerade so lustig, unbeeindruckt. Häufig waren es auch diese Kommilitonen, die, mit Blick auf die Noten, die besseren und erfolgreicheren Studierenden waren. Oft habe ich mich gefragt, was uns unterscheidet und weshalb wir so verschiedene Entscheidungen treffen.

Vor einiger Zeit stieß ich auf ein Buch von Philip Zimbardo und John Boyd – „Die neue Psychologie der Zeit“ (2011), welches bei mir für einige Aha-Momente sorgte und mit dessen Hilfe ich einen Erklärungsansatz für das oben beschriebene und viele weitere Phänomene fand. Im Prolog ihres Buches führen Zimbardo und Boyd (2011) aus, dass das Leben im Prinzip um Entscheidungen dreht. Egal ob dies banale Entscheidungen sind, wie in etwa welchen Joghurt ich kaufe oder um existenzielle, welche Frau ich heirate oder welchen Beruf ich lernen möchte. Diese Entscheidungen finden ihren Ursprung in inneren Gedankengängen und entwickeln sich zu den Auslösern tatsächlichen Handelns. Zimbardo und Boyd (2011) nehmen die Komplexität aus dem Leben, in dem sie es auf zwei Arten von Handlungen herunterbrechen. Zum einen die Handlungen die wir durchführen und zum anderen jene, die wir unterlassen. Weiter erklären sie, dass jede dieser Handlungen, ob nun durchgeführt oder nicht, entweder zu positiven oder zu negativen Folgen, bestimmten Emotionen und zu Selbstwertgefühl führen. Haben wir etwas getan, was zu positiven Folgen führt, so empfinden wir Freude und Stolz. Haben wir etwas nicht getan und erkennen im Nachgang, dass wir es besser hätten tun sollen, so sehen wir uns mit Reue und Kummer konfrontiert. Für vernünftig und klug halten wir uns, wenn wir etwas nicht getan haben und sich später herausstellt, dass dies eine sehr gute Entscheidung war, weil wir negative Folgen vermeiden konnten. Haben wir dagegen etwas getan, was wir nicht hätten tun sollen (wie beispielsweise mehr als ein Getränk trinken, nicht 0 Uhr nach Hause gehen, damit die Prüfungsvorbereitung verschlafen und eine schlechte Prüfung zu schreiben), dann fühlen wir uns dumm und töricht.

Zimbardo und Boyd (2011) (und auch mich) interessiert vor allem, wie wir zu den Entscheidungen kommen, etwas zu tun oder etwas sein zu lassen. Denn mal ehrlich, wir wollen doch alle froh und stolz sein, wir wollen klug und vernünftig handeln und uns nicht dumm und töricht verhalten. Um diese mentale Dynamik zu erklären beschäftigen sich Zimbardo und Boyd (2011) mit einem Faktor, der unsere mentalen Entscheidungen häufig unbewusst beeinflusst – unsere einseitige Zeitperspektive. In der Psychologie bezeichnet der Begriff der Zeitperspektive den Prozess, mit dem wir unsere persönlichen Erfahrungen in zeitliche Kategorien einteilen. Diese Zeitperspektive ist ein Element der psychischen bzw. subjektiven Zeit, wie auch die empfundene Dauer eines Ereignisses, unser Gefühl für die Geschwindigkeitsveränderung eines Zeitverlaufs und das Gefühl des Zeitdrucks. Dem gegenüber steht die objektive Zeit, die wir als Uhrzeit bezeichnen und die objektiv messbar ist. Eine Stunde bleibt objektiv gesehen immer eine Stunde. Verbringen wir diese Stunde allerdings mit unseren Liebsten oder mit einem angenehmen Hobby, ist diese Stunde gefühlt deutlich schneller zu Ende als wenn wir eine Stunde in der unerbittlichen Kälte des Januars auf den Bus warten.

Zimbardo und Boyd (2011) haben herausgefunden, dass wir unsere Lebenserfahrung im allgemeinen in drei Kategorien einteilen: Das, was war – die Vergangenheit; das, was ist – die Gegenwart; und das, was sein wird – die Zukunft. Nun ist es so, dass die überwiegende Mehrheit von uns eine dieser drei Zeitzonen bei ihren Entscheidungen bevorzugt und dabei die anderen vernachlässigt. Diese einseitige Zeitperspektive entsteht, so Zimbardo und Boyd (2011), genau auf dieselbe Art, wie sich auch andere Vorurteile und Voreingenommenheiten bilden. Persönliche Erfahrungen, kulturelle Einflüsse, Bildung, soziale Schicht, Religion, Region und Klimazone in der wir leben, und andere Einflüsse schlagen sich auf unsere Perspektive auf die Zeit nieder. Einen großen Einfluss haben auch die Zeitperspektiven unserer sozialen Vorbilder, unserer Familie oder anderer Bezugsgruppen. Da wir diesen Einflüssen tagtäglich und unser Leben lang ausgesetzt sind und diese Teil unseres allgemeinen Alltagswissens werden, ist uns oft nicht klar, wie wir dazu kommen eine der großen Zeitkategorien, den anderen vorzuziehen.

Nun zurück zu der Frage nach der Grundlage von Entscheidungen. Während wir darüber nachdenken, wie wir uns entscheiden, sind wir bestimmten Einflüssen ausgesetzt. Ein Teil der Menschen ist hauptsächlich den Einflüssen ausgesetzt, die sie in ihrer unmittelbaren, gegenwärtigen Situation wahrnehmen. Das sind beispielsweise ihre biologischen Triebe, ihr soziales Umfeld, das was andere tun oder wozu sie von anderen gedrängt werden oder auch die sinnlichen Reize der Situation selbst. Treffen diese Menschen ihre Entscheidungen also häufig aufgrund der aktuellen Umstände, so bezeichnen Zimbardo und Boyd (2011) diese als gegenwartsorientiert.

Für andere Menschen, die in der gleichen Situation eine Entscheidung treffen, bedeutet die Gegenwart viel weniger. Diese Menschen erinnern sich eher an ähnliche Situationen, die sie bereits erlebt haben und daran, wie sie sich in dieser vergangenen Situation verhalten haben und welche Folgen ihre Entscheidungen hatten. Zimbardo und Boyd (2011) bezeichnen diese Menschen als vergangenheitsorientiert.

Ein dritter Persönlichkeitstyp ist, nach den beiden Psychologen Zimbardo und Boyd (2011) der zukunftsorientierte Mensch. Menschen mit dieser Zeitperspektive treffen ihre Entscheidungen aufgrund der erwarteten Konsequenzen und wägen Kosten sowie Nutzen der Entscheidungsmöglichkeiten ab. Im Extremfall tun sie nur dann etwas, wenn der Gewinn überwiegt.

Zimbardo und Boyd (2011) haben in jahrzehntelanger Forschungen herausgefunden, dass wir tagtäglich Entscheidungen treffen, die hinsichtlich einer der drei Hauptperspektiven gefärbt sind, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Für uns ist diese zeitspezifische Art zu entscheiden normal und alltäglich geworden, weil wir sie gewöhnt sind. In ihren unzähligen Untersuchungen konnten die beiden Forscher zeigen, dass die drei zeitlichen Hauptkategorien jeweils in zwei unterschiedliche Paare gegliedert sind.

Sind wir eher gegenwartsorientiert, so kann das entweder hedonistisch sein, also auf Genuss, Risikofreude und Nervenkitzel ausgelegt oder fatalistisch. Das bedeutet, wir geben uns unserem Schicksal hin und glauben daran, dass unser Leben ohnehin vorbestimmt ist und wir keinen Einfluss auf dessen Verlauf haben.

Entsprechen wir eher dem Persönlichkeitstyp der Vergangenheitsorientierten gibt es zum einen die positive Sicht auf die Vergangenheit. Diese ist geprägt durch angenehme Erinnerungen an die gute alte Zeit, Familienleben und Tradition. Dem gegenüber steht eine negative Sicht auf das Vergangene. Diese negative Haltung wird gespeist durch die Erinnerung an Missbrauch, Versagen und Reuegefühlen aufgrund verpasster Chancen.

Auf die Zukunft ausgerichtet zu sein, bedeutet für uns auf der einen Seite auf Ziele hinzuarbeiten, Termine einzuhalten und unsere Pläne umzusetzen. Auf der anderen Seite steht dabei die transzendentale Sicht auf die Zukunft. Diese erlangen wir dann, wenn für uns das spirituelle Leben nach dem körperlichen Tod das Wichtigste ist.

„Na toll,“ werden einige Leser nun vermutlich denken, „da haben die Herren Psychologen mal wieder einige Schubladen entdeckt, in die sie uns stecken können.“ Nun, das mag auf den ersten Blick so anmuten. Zimbardo und Boyd (2011) sind allerdings weit davon entfernt, solch eine Einteilung vorzunehmen. Ihr Test, der ZTPI (Zimbardo Time Perspective Inventory), lässt eher ein Profil über alle sechs Zeitperspektiven hinweg entstehen. Das bedeutet, die Zeitperspektiven schließen sich nicht gegenseitig aus. Ich kann sowohl positiv als auch negativ zukunftsorientiert sein. Ich kann sowohl positiv vergangenheitsorientiert als auch fatalistisch gegenwartsorientiert sein („Früher war es besser, da hatte ich mein Leben noch selbst in der Hand.“ Jede der sechs Perspektiven erhält ihren individuellen Score unabhängig von den anderen.

„Und was hat das alles mit mir zu tun?“

Nun, bestimmte Zeitperspektiven haben für uns eine positive Wirkung. Zukunftsorientierte Menschen sind beispielsweise in der Regel erfolgreicher. Überwiegt eine der Perspektiven allerdings extrem, so kann sich durchaus eine negative Folge daraus ergeben. Eine hoch ausgeprägte fatalistische Gegenwartsperspektive in Kombination mit einer negativen Vergangenheitsorientierung können Auslöser bzw. Indikatoren für eine Depression sein.

Auf der anderen Seite können diese unterschiedlichen Zeitperspektiven auch innerhalb von Beziehungen zu Konfliktauslösern werden. Stellen wir uns einen hedonistisch gegenwartsorientierten Ehemann vor, der alles Geld der Familie sofort „auf den Kopf haut“. Der stets sehr großzügig ist, dabei allerdings nicht an morgen denkt. Er ist verheiratet mit einer zukunftsorientierten Frau, die schon drei Urlaube im Voraus und die Altersvorsorge plant. Zwischen diesen beiden wird es tendenziell die ein oder andere Spannung geben. Oder stellen wir uns ein Team vor, dessen sechs Mitglieder alle sechs Zeitperspektiven einnehmen. Auch hier entsteht Konfliktpotential. Verstehen wir also, dass es Unterschiede zwischen den Menschen auch hinsichtlich ihrer Zeitperspektive gibt, fällt es uns möglichweise leichter aufeinander zu zugehen.

Zimbardo und Boyd (2011) sind der festen Überzeugung, dass die persönliche Zeitperspektive erlernt und damit auch veränderbar ist. Wir haben also die Chance unsere Perspektive zu wechseln und unsere Entscheidungsprozesse zu optimieren. Die beiden Psychologen haben ihr Buch natürlich nicht beendet, ohne die ideale Zeitperspektive zu benennen. Es überrascht kaum, dass dieses Ideal in einer Mischung aus verschiedenen Zeitperspektiven besteht:

  • stark ausgeprägte Zeitperspektive „positive Vergangenheit“
  • moderat ausgeprägte Zeitperspektive „Zukunft“
  • moderat ausgeprägte Zeitperspektive „Gegenwartshedonismus“
  • schwach ausgeprägte Zeitperspektive „negative Vergangenheit“
  • schwach ausgeprägte Zeitperspektive „fatalistische Gegenwart“

Nach Zimbardo und Boyd (2011) bringt diese Kombination drei entscheidende Vorteile mit sich:

Die positive Orientierung auf das Vergangene gibt uns Wurzeln. Aus dieser Vergangenheit schöpfen wir unser Verständnis von uns selbst. Sie gibt uns das Gefühl der Kontinuität und der Verbundenheit mit der Familie, der Tradition und unserem kulturellen Erbe.

Die Zukunftsperspektive lässt uns voller Hoffnung, Optimismus und Kraft nach vorn blicken. Sie verleiht uns Flügel, die uns zu unseren Zielen tragen und uns die Zuversicht geben unvorhergesehene Hürden zu überwinden.

Die hedonistische Gegenwartsperspektive gibt uns die Energie und die Lebensfreude. Diese Energie motiviert uns, andere Menschen, andere Orte und uns selbst zu erkunden. Außerdem öffnet dieser Gegenwartshedonismus unsere Sinne für die Natur und die Schönheit des Lebens.

Johannes Marquard

 

Literatur:

Zimbardo, P. G., & Boyd, J. (2011). Die neue Psychologie der Zeit und wie sie Ihr Leben verändern wird. (K. Petersen, Übers.) (Taschenbuchausg). Heidelberg: Spektrum, Akad. Verl.

Weil wir es können

Fragt man sich, was Menschen antreibt, so geht der Blick gegenwärtig beinahe automatisch in Richtung Psychologie. Diese Disziplin hat wie keine zweite das Thema Motivation für sich in Beschlag genommen. Über die empirisch mitunter sehr gut fundierten Theorien hinaus stellt sich mir aber immer wieder die Frage, ob es nicht die eine oder andere eher anthropologische Konstante gibt, die wir beim Thema Motivation übersehen – gerade als ob uns die eher auf den einzelnen Menschen gerichtete Psychologie regelrecht den Blick für manche Zusammenhänge verstellte.

Eine dieser wirklich interessanten und manche Probleme recht erhellenden anthropologischen Konzepte ist die Theorie der sich über Generationen hinweg verändernden Grundlinien des menschlichen Denkens.

Der andere, von der Psychologie weithin übersehene Motivationsfaktor lässt sich am Ehesten mit der Umschreibung „Weil wir es können“ fassen.

Zuerst habe ich davon bei Jon Krakauer gelesen, der sich in seinem Buch über eine katastrophal misslungene Mount-Everest-Expedition gefragt hat, warum Menschen unter großen Anstrengungen und Gefahren in solche definitiv lebensfeindlichen Umgebungen vorstoßen – und dies nicht nur zu Wenigen, sondern mittlerweile zu Hunderten und Tausenden. Die lapidare – und zunächst verstörende – Antwort lautet: weil wir es können.

Mit diesem Satz macht auch ein Erlebnis Sinn, das ich einmal als Student hatte und das mir lange ein Rätsel war. Bei einer Party fand ich mich in einer Runde von Studenten wieder, die ich kaum kannte. Ich war damals in eine Dame aus dem betreffenden Jahrgang verliebt, weshalb ich mich sehr gern auf diese Party hatte einladen lassen, obwohl ich kaum jemanden kannte. Man unterhielt sich über die gerade absolvierten Praktika. Bei den in der gemütlichen Küchenrunde ausgetauschten Geschichten beschlich mich irgendwann das Gefühl, dass es gar nicht um die Jobs oder die Erfahrungen an und für sich ging, sondern eher darum, wer weiter weg bzw. an möglichst ungewöhnlichen Orten gearbeitet hatte. Das Praktikum im Süden Frankreichs verblasste vor dem in Ecuador. Dann wusste aber jemand „Tokio“ zu sagen, was wiederum eine Steigerung darstellte. Als mich das Thema zu nerven begann, gab ich mit ein paar Jahren Flüchtlingsarbeit im ehemaligen Jugoslawien an, was die Diskussion beendete. In jenem Moment ging es mir wohl darum, die junge Dame zu beeindrucken; im Nachhinein dachte ich aber immer wieder mit vielen Fragezeichen an diese Situation zurück.

Es wäre problemlos möglich, weitere Beispiele solcher Geschichten aufzuzählen. Anstatt in den Urlaub zu fahren und Land und Leute kennenzulernen, springen wir von Besuchermagnet zu Besuchermagnet oder von Event zu Event, machen Fotos, hasten weiter. Damit einhergehend: manchmal erwischen wir uns, wie wir, wenn wir einmal plötzlich nichts zu tun haben, regelrecht erstarren. Wellness-Hotels sind Orte, an denen sich das gut beobachten lässt: gerade eben bewegte sich der Geschäftsführer-A6 noch mit 190 Sachen über die Autobahn, dann wird gebremst, eingeparkt, ausgeladen, der Modus gewechselt, sich auf den Liegestuhl gelegt… Und dann? Nichts.

Oder was?

Warum ist das so? Warum rennen wir regelrecht, nur um quasi „in der Eile zu erstarren“? Mit den herkömmlichen Motivationstheorien ist das Phänomen allenthalben nur teilweise zu erklären. Man könnte etwas über Statusbedürfnisse usw. erzählen, aber das reicht meines Erachtens nicht aus. Gerade die stete Steigerung dessen, was wir pro Zeiteinheit schaffen/konsumieren/entspannen etc. können, stellt mich vor die Frage, was diesen Mechanismus verursacht. Klar: individuell bzw. psychologisch erklärt bin ich beim Statusbedürfnis und beim sozialen Vergleich – was der andere hat, will ich auch, gern auch mehr. Aber das erklärt noch nicht, warum auch Menschen, die erklärtermaßen anders sein und handeln wollen, ebenfalls mitmachen.

„Wir fliegen übers Wochenende mal eben nach Dubrovnik und anschließend nach Budapest. Dubrovnik ist für die Romantik und in Budapest treffen wir Freunde auf einem Festival. Mittwoch sind wir wieder da, dann geht der neue Job los.“ – Originalzitat einer jungen, sich sehr für das Thema Nachhaltigkeit engagierenden Kollegin aus dem vergangenen Sommer.

Was ist da passiert?

Mit den Möglichkeiten wachsen die Ansprüche, könnte man sagen. Aber das unterstellt eine gewisse Absicht. Ansprüche haben auf den ersten Blick etwas Absichtsvolles. Aber genau das möchte ich bezweifeln. Die absichtsvollen Überlegungen sind in der Regel verständlich und gut. Warum soll man 2000 Kilometer mit dem Auto fahren, wenn man die fragliche Strecke in wenigen Stunden – und günstiger – fliegen kann? Und sollen wir nicht auf Work-Life-Balance achten, gerade in Zeiten schneller werdender Abläufe und wachsender Belastungen? Ja, all das klingt vernünftig. Und warum sollte es wie früher ein Privileg weniger Menschen sein, bestimmte Reisen machen zu können? Nun, die Privilegien der Wenigen haben sich seither auch weiterentwickelt. Man blicke dazu nur einmal in die Yachthäfen des Mittelmeers.

Es ist ein Kreislauf zwischen Bedürfnissen und Möglichkeiten, in dem es unbewusst darum geht, was möglich ist und nicht so sehr darum, was nötig ist. Wir tun vieles, weil wir es können, nicht, weil wir es brauchen. Und es ist oft nicht der soziale Vergleich aus den psychologischen Motivationstheorien, sondern viel eher der an und für sich begrenzte Horizont des Denkens – denn unsere Entscheidungen sind in der Regel vernünftig oder lassen sich zumindest recht einfach argumentativ zurechtbiegen (Reduktion kognitiver Dissonanz). Es werden nur insgesamt immer mehr solcher Entscheidungen. Nicht nur die Zahl der Menschen steigt, sondern auch das, was man möglichweise als „Schlagzahl pro Individuum“ bezeichnen könnte.

Wir müssten uns fragen: Was brauche ich?

Aber da wir viele früher bindenden Selbstverständlichkeiten – bspw. den Kirchenbesuch am Sonntag einschließlich der (oft wirkungslosen) Erinnerung ans Maßhalten – abgeschafft haben, sind viele von uns regelrecht auf sich selbst zurückgeworfen. „Ich entscheide. Ich bin glücklich, weil ich entscheide. Ich mache die Dinge nur, wenn ich sie machen will. Ich tue nichts, das ich nicht möchte.“ So oder so ähnlich hört sich das dann in der Praxis an. Viele der heutigen Menschen leben so. Nicht zuletzt ich selbst.

Früher war das einmal ein befreiender Gedanke – raus aus den Familiengefängnissen und Zwangssystemen, weg von der gruseligen, oft genug gewaltschwangeren und regelrecht „einmahlenden“ Erziehung früherer Jahrzehnte. (Großen Teilen der Psychologie wohnt dieser „emanzipatorische Impuls“ inne.)

Hin zu? Ja genau: Wohin sollte die Reise nochmal gehen?

Es sollte eine Befreiung des Menschen werden, eine Welt ohne Druck, ohne gleichsam „gestanzte“, lebenslang in Rollen gezwungene Menschen. Anstelle dessen sind wir, fürchte ich, ins Schlaraffenland der Egomanen unterwegs – weil wir es können.

Jörg Heidig

Der Unterschied zwischen Selbstreflexion und Selbstrotation

Hat ein unsicherer Mensch den Mut, der (erlernten) Welt irgendwann seine eigene Deutung entgegenzusetzen? Das macht den Unterschied zwischen Selbstreflexion und Selbstrotation. Wer unsicher bleibt und nicht wagt, wird weiter um sich selbst rotieren, in den Äußerungen der anderen krampfhaft nach Signalen des Verständnisses und der Akzeptanz suchen, die dann in ein (simuliertes, kaum echtes) Selbst-Verständnis und eine simulierte Selbst-Akzeptanz umgewandelt werden. Mit der Folge, dass der Verdacht, man könnte nicht echt sein, immer stärker wird.

Anders formuliert: Gerade in Helferberufen sind unsichere Menschen überdurchschnittlich häufig vertreten. Für viele ist die Rolle des Helfers oder der Helferin so etwas wie ein „kompensatorisches Selbstbild“. Sie sind sich im realen Leben selbst nicht genug, mögen sich nicht, wie sie sind. Oder sie sind in sozialen Situationen unsicher, wissen bspw. in vielen Situationen nicht, wie sie handeln sollen. Erleben sie dann, wie es ist, anderen Menschen zu helfen, werden sie plötzlich ruhiger: Nun sind sie wer, haben eine Rolle, spüren Dankbarkeit. Diejenigen Inhaber von Helferberufen, auf die das zutrifft, sollten genug Selbstreflexion betrieben haben, um dies nicht nur zu wissen, sondern im Griff zu haben.

Nicht umsonst gehört eine tüchtige Portion Selbsterfahrung zu jeder guten psychologischen oder sozialpädagogischen Ausbildung – schade, dass das in den letzten beiden Jahrzehnten zugunsten der reinen Wissens- und Methodenvermittlung immer weniger geworden ist.

Meine Befürchtung ist, dass viele nur so tun, als seien sie reflektiert – die beschäftigen sich mit sich selbst mit dem Ziel der Selbstbestätigung, nicht der Selbsterkenntnis. Da liegt der Unterschied.

Jörg Heidig

Was manche NLP-Weiterbildungen mit Pornos gemeinsam haben: erst ausziehen, dann verkaufen…

Die Ursprungsfrage der Entwicklung des so genannten „Neurolinguistischen Programmierens“ (NLP) lautete, was eigentlich an dem, das besonders erfolgreiche Psychologen bzw. Therapeuten taten, dran war. Warum waren gerade diese Menschen so erfolgreich, bzw. warum war das, was sie taten, so hilfreich, heilsam oder wirkungsvoll? Man beobachtete dann einige besonders hilfreiche Personen, analysierte, was geschah, was die Betreffenden taten, was sie wie sagten und so weiter, um anschließend daraus die Techniken herauszuarbeiten, die sich als besonders hilfreich oder wirksam erwiesen hatten. Bandler & Grinder entwarfen ein so genanntes „Meta-Modell der Sprache“ und schrieben dazu all jene Techniken auf, die sie entsprechend ihrer Leitfrage beobachtet hatten.

Wie es manchmal geschieht, wenn es Forschern gelingt, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen, kommen andere, die sich dieser Erkenntnisse (oder besser: Beschreibungen, denn viel mehr war es nicht, aber eben auch nicht weniger) bedienen und sie zu einem Geschäft machen. Heraus kam eine Toolbox, die man anwenden kann – auch ohne die dazugehörigen wissenschaftlichen Grundlagen oder ethischen Haltungen zu kennen. Der Prototyp dieser Orientierung ist ein Mensch, der NLP als Zusatzausbildung absolviert und die entsprechenden Techniken dann rückhaltlos einsetzt. Eigentlich aus einer Untersuchung über hilfreiche Kommunikation stammend, werden die so gefundenen Techniken zum persuasiven – so lange der Überzeugungsversuch offen geschieht wie im Falle eines Vertriebsmitarbeiters, der sich selbst auch so bezeichnet, bleibt die letztendliche Entscheidung immerhin noch der „Zielperson“ überlassen – oder manipulativen Instrument. In letzterem Fall wird die „Zielperson“ zum reaktiven Objekt – und zwar vermittels eines in diesem Fall zur Sozialtechnik verkommenen, ursprünglich als „hilfreich“ gedachten Methodenkanons. Man tut quasi so, als sei man hilfreich – und nutzt die Effekte aus.

Glücklicherweise begegnen mir ab und an Menschen, die nach vielen Erfahrungen, Weiterbildungen – und oft auch nach der einen oder anderen Sinnfrage – mit dieser Logik abgeschlossen haben. Sind diese Menschen beispielsweise Vertriebler, dann müssen sie nicht verkaufen, sondern sie haben sich dazu entschieden, zu fragen, ob und wie sie hilfreich sein können. Kein Geschäft zu machen, ist ihnen eine ebenso angenehme Option wie jene, ein Geschäft zu machen. Das ist es, was den Tooligan von demjenigen unterscheidet, der über sein Tun nachzudenken willens und in der Lage ist.

Jörg Heidig

Über Prioritäten, die vielleicht doch keine sind, und den Druck, den man sich selber macht

Eigentlich sieht alles gut aus im Leben meiner Klientin. Viele würden sie beneiden. Sie ist erfolgreich, das Einkommen stimmt, sie bezeichnet sich selbst als Familienernährerin, weil ihr Mann weniger verdient. Die Kinder kommen so langsam „aus dem Gröbsten raus“. „Eigentlich sieht alles gut aus.“, hat sie in den vergangenen Jahren immer wieder zu sich selbst gesagt.

Der Satz klingt wie eine Beschwörungsformel, wenn sie ihn ausspricht. Als ob sie ihn schon oft ausgesprochen hätte in der Hoffnung, dass er irgendwann stimmt.

Sie schildert ihre Arbeit. Projekte, Leitungsaufgaben, Teamprobleme, Druck, ein voller Kalender. Das ist der Normalbetrieb. Dann kommen Probleme mit den Geldgebern hinzu, Anträge wollen geschrieben und überarbeitet werden, das Geld wird knapp und knapper. Mangel ist man schon gewohnt, aber langsam wird es kritisch. Sie will aber das gerade etwas geschrumpfte Team wieder vergrößern, die frei gewordene Stelle wieder ausschreiben. Zähne zusammenbeißen, durchhalten, das wird schon wieder: „Es kann doch nicht sein, dass ausgerechnet bei den Schwächsten, also bei Kultur und Bildung, gespart wird. Langfristig ist das am teuersten.“

So geht es eine ganze Weile.

Irgendwann sagt sie: „Ich kann nicht mehr.“ Und dann sind wir schnell beim „eigentlichen“ Problem: Eigentlich kann sie nicht mehr, weil sie immer alles gibt, weil sie gute Projekte macht, nicht Nein sagen kann, weil sie sich für ihre Mitarbeiter verantwortlich fühlt und, als die Mittel für die Stellen der Kollegen nicht mehr reichen, zusätzlich noch Weiterbildungen gibt, damit Geld reinkommt. „Eigentlich will ich das nicht mehr. Ich will nicht mehr so viel Verantwortung. Ich halte das nicht mehr durch.“

Wir arbeiten daran, dass die Anfangszeiten, in denen man alles macht, weil man bekannt werden, sich etwas aufbauen und Erfahrungen machen will, längst vorbei sind. Dass man irgendwann wirklich kann, was man macht. Dass man irgendwann eine Marke ist und „es geschafft“ hat. Dass die demographische Entwicklung in Ostdeutschland nicht danach aussieht, dass kulturelle, soziale und Bildungsdienstleistungen in den nächsten zwanzig Jahren ein großartiger Wachstumsmarkt sein werden.

Dann standen zwei Möglichkeiten im Raum:

  1. Schuster, bleib bei Deinen Leisten. Tue, was Du am besten kannst. Backe kleinere Brötchen. Sag auch mal Nein. Lebe mit der Unsicherheit. Entspanne Dich. Genieße, dass Du Erfahrung hast.
  2. Mach weiter, stelle Anträge, wachse, suche nach neuen Optionen, sichere Dich ab gegen die Unsicherheit. Mach dem großen Chef Dampf, behaupte Deine Position, verteidige Kultur und Soziales in Zeiten, in denen alle nur Mangel verwalten.

Aber die Entscheidung fiel schwer. Bis eine einfache Visualisierungsmethode eine seltsame Ordnung in die Projekt- und Arbeitswelt brachte:

Man zeichne ein Diagramm. Waagerecht der Beitrag, den die Projekte zum finanziellen Gesamtbedarf liefern. Leitfrage: Was von dem, was Sie tun, bringt Geld? Die Stationen auf der Achse: Minusgeschäfte, plus/minus Null, gut ausgestattete Projekte. Senkrecht der Spaß, den man bei den betreffenden Projekten hat. Stationen auf der Achse: keine Freude, mittelmäßige Erfüllung, viel Freude/hohes Sinnerleben. Daraus ergab sich ein Schema mit vier Feldern:

  • kein Geld/keine Freude
  • kein Geld/viel Freude
  • viel Geld/keine Freude
  • viel Geld/viel Freude

Prioritätendiagramm

Dann ordnete meine Gesprächpartnerin ihre Projekte in das Schema ein. Interessanterweise ergab es sich, dass einige der größeren Projekte in dem Segment rechts oben (viel Geld/viel Freude) eingeordnet werden konnten. Eigentlich eine gute Ausgangsbasis für zukünftige Entwicklungen: Mache, was Freude macht und Geld bringt, delegiere an Kollegen oder Auftragnehmer, was Geld bringt, aber keinen Spaß mehr macht – früher hatte es das in vielen Fällen wohl getan, aber manches wurde öde mit der Zeit. Lasse, was kein Geld bringt. Die Frage war nun, was eigentlich nervt. Die Fülle der Aufgaben, die Gesamtlast, dazu die Verantwortung, auch die Finanzierung der Kollegen sicherzustellen.

Die Antwort lag dann auf der Hand: „Ich muss mich mehr auf meine Kernaufgaben konzentrieren, muss die große Verantwortung reduzieren; die Abteilung muss ein bißchen kleiner werden, darf nicht mehr wachsen.“

Wenn da die Angst nicht wäre. Die Angst, nicht mehr genug zu machen, um im Spiel zu bleiben: „Man macht das alles, weil man ja Optionen verlieren könnte.“

„Wie lange halten Sie das durch?“ lautete meine Frage.

Die Antwort fiel schwer, war aber, einmal ausgesprochen, sehr klar. Am Ende ging es um die Kunst, den eigenen Erfolg im Griff zu behalten und sich – gerade wegen dieses Erfolgs – an die denkbar schwierigen Umstände der Finanzierung sozialer, kultureller und bildungsbezogener Aufgaben in ostdeutschen Provinzlagen anzupassen.

Jörg Heidig

Wie viel Arbeit braucht der Mensch?

Nach einigem Erfolg mit unserer Görlitzer Veranstaltung „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ haben wir das Programm etwas verändert und vor allem erweitert und gehen damit am 10. Juli in Dresden noch einmal an den Start.

Matthias Schmidt, Jörg Heidig und Markus Will auf dem Görlitzer Symposium
Matthias Schmidt, Jörg Heidig und Markus Will auf dem Görlitzer Symposium

Besonders haben wir uns über die Ankündigung unseres Verlegers gefreut, dass unser neues Buch „Gesprächsführung im Jobcenter: Die Kunst, wirksam zu beraten und gesund zu bleiben“ bis zum Symposium fertig wird.

Entwurf des Buchdeckels (Unser vierter Autor, Benjamin Zips, fehlt noch.)
Entwurf des Buchdeckels (Unser vierter Autor, Benjamin Zips, fehlt noch.)