Erst zu viel Autorität und nun oft gar keine mehr: wie man falsche Selbstbilder prägt, und was passiert, wenn man die Prägung ganz unterlässt

Wenn man sich vorstellen möchte, wie das Selbstbild eines Menschen entsteht, ist es hilfreich, zum Prozess des Erlernens von Bedeutungen in der (frühen) Kindheit zurückzugehen. Mit der Sprache eignet sich ein Kind auch die entsprechenden Bedeutungen an – wobei die Bedeutungen nicht etwa gegeben sind, sondern sich gleichsam aus der Beziehung des jeweils sprechenden Menschen zum durch den Sprechakt bezeichneten Gegenstand ergeben. Hat ein Mensch keine Beziehung zu einem Gegenstand (etwa wenn er ihn nicht gebrauchen oder keine Erinnerungen damit verbinden kann), wird ihm dieser auch kaum etwas bedeuten. Die Eltern reagieren auf das primäre Bindungsbedürfnis ihres Kindes – sind diese Reaktionen halbwegs gleichbleibend und sicher, bildet sich daraus ein konsistentes Bindungsmuster. Durch die Reaktionen der Eltern auf ihr Kind erfährt das Kind auch etwas über sich – beispielsweise dass es geliebt wird. Ein Kind kann aus sich selbst heraus nichts über sich erfahren – alles, was ein Kind über sich weiß, haben andere (zuallererst die Eltern) in das Kind „hineingelesen“. Das Kind handelt zunächst auf der Basis seiner Bedürfnisse – und erfährt durch die Reaktionen seiner Eltern, was seine Handlungen bedeuten. Durch halbwegs gleichbleibende Reaktionen – eine spezielle Handlung des Kindes führt im Wiederholungsfall zu einer etwa gleichen oder mindestens ähnlichen Reaktion der Eltern – bilden sich mit der Zeit stabile Bedeutungs- und Handlungsmuster. So lernt ein Kind, wer es selbst ist, und wie es handeln soll. Später sind dieses Bild und die entsprechenden Handlungsmuster fast selbstverständlich und dementsprechend kaum hinterfragbar.

Bei einem so sensiblen Prozess wie der Prägung eines Selbstbildes kann es zu einer ganzen Reihe von Störungen oder Verzerrungen kommen. Eine der wahrscheinlich häufigsten Störungen tritt auf, wenn Kinder abwertend oder gar gewalttätig erzogen werden. Das Resultat ist häufig eine zutiefst unsichere Persönlichkeit. Befragt man selbstunsichere Personen, so wird man hören, dass eine so geprägte Unsicherheit nicht „weggeht“, sondern dass sie nur „kompensierbar“ ist – nicht selten durch berufliche Tätigkeit. Die berufliche Leistung und der Status, den man dadurch gewinnt, „heilt“ die Verletzungen – ein wenig, aber nie vollständig (die Wirkung bleibt meist situations- oder bereichsbezogen: berufliche Leistung reduziert die Unsicherheit in beruflichen Umgebungen, hat aber nur eine geringe und oft nur vorübergehende Wirkung auf die Lebensbereiche über die berufliche Welt hinaus). Manche entwickeln einen regelrechten „Hunger nach Leistung“, werden zu bisweilen sehr erfolgreichen Persönlichkeiten – nur eben oft mit dem Manko, dass es nie genug ist, dass sie immer weiter müssen, und dass sie sich auf jeder erklommenen Stufe wieder genauso fühlen wie am Anfang aller anderen Stufen davor. Der „Hunger“ – das Bedürfnis nach Kompensation – bleibt schwer zu stillen.

Ist man nun als Kind beispielsweise abwertend erzogen worden – hat man also über sich gelernt, „nicht genug“ zu sein, oder schlimmer noch: nichts wert zu sein – so wird man aus Gründen des Selbstschutzes lernen, dies zu verbergen, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen. Eine mögliche – und nicht seltene – Reaktion besteht im Ergreifen eines Helferberufs. Da Menschen, denen man geholfen hat, in der Regel dankbar sind, und da Hilfe einem Helfer auch die statusmäßig „höhere“, weniger verletzliche Status-Position sichert (die hilfesuchende Seite macht sich verletzlich, indem sie zugibt, Hilfe zu brauchen; die helfende Seite gewinnt an Status, weil ihr die Kompetenz zu helfen zugeschrieben wird), suchen selbstwertverletzte Menschen gern die – oft als „professionelle Distanz“ umformulierte – emotionale „Ruhe“ der statusmäßig höheren Position des Helfers auf. Drastisch formuliert: Hilfe ist eine Form von Macht, und – mit Epikur gesprochen – Macht verschafft eine gewisse „Seelenruhe“ (durch die mit der Macht einhergehende Distanz).

Weil das tatsächlich anerzogene Selbstbild schwer erträglich ist, bauen viele selbstunsichere Menschen ein „kompensatorisches Selbstbild“ auf und lernen so zu handeln, dass die Umwelt fortan vor allem das „kompensatorische Selbstbild“ bestätigt. Bei einem selbstunsicheren Menschen, der einen Helferberuf ergreift, wird das sehr deutlich: aus dem „Ich bin nicht genug!“ wird eine hohe Helfermotivation, die für anerkennende und dankbare Reaktionen sorgt – was schnell zu „Helfers Opium“ werden kann, wenn sie oder er davon nicht genug bekommen kann. Im Prinzip leben Menschen mit solchen „kompensatorischen Selbstbildern“ dann eine Art Lüge – die zwar alles andere als unverständlich ist, aber trotzdem eine Lüge bleibt. Und da man sich schlecht selbst belügen kann, weil man sein Selbstbild immer aus den Reaktionen anderer generiert, „benutzt“ man quasi die Reaktionen anderer, um seine eigene Lüge aufrechtzuerhalten. Ein trauriger, im Grunde unverschuldeter Teufelskreis, aus dem man später höchstens durch Reflexion, Infragestellung, Beratung, Supervision, Therapie o. ä. aussteigen kann.

So viel zu den „kompensatorischen Selbstbildern“. Über die Folgen von Abwertung und Gewalt in der Erziehung ist viel geforscht und geschrieben worden, und es ist auch klar, wie Beraterinnen und Therapeuten damit umgehen können – auch wenn es nicht immer hilft. Durch die Veränderung des Erziehungsstils in den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch noch eine andere „Selbstbild-Störung“ entwickelt, die – zumindest noch – zu wenig Beachtung findet angesichts der Dimensionen, die sie mittlerweile angenommen hat. Aber hier streiten sich die Geister, und ich will diesem Streit gern einen weiteren Beitrag hinzufügen:

Was passiert, wenn die ein Kind Erziehenden mehr oder minder gar nichts mehr für die Prägung eines Selbstbilds tun? Wenn die Prägung an und für sich in Frage gestellt wird? Wenn man Angst hat, zu stark zu prägen?

Aus der gut gemeinten Intention des emanzipatorischen Ansatzes ist eine Nicht-Erziehung geworden. An die Stelle von zu viel Autorität ist die Angst vor Autorität getreten. Wie soll aber ein Kind lernen, wer es ist, wenn ich mich als Mutter oder Vater unterordne, wenn ich ihm Entscheidungen überlasse, wenn ich kaum mehr reagiere?

Das Kind entwickelt dann überhaupt kein Selbstbild mehr – es bleibt quasi allein in seiner Welt, weil es die kategoriale Voraussetzung des Begreifens anderer nicht erworben hat. Diese „kategoriale Voraussetzung“ besteht in der Fähigkeit zur Anerkenntnis anderer Menschen – durch die ich dann erfahren könnte, wer ich eigentlich bin. Für eine ausführlichere und verständlichere Erklärung dieses Zusammenhangs siehe diesen Beitrag  oder Winterhoffs Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“.

Der „pädagogische Supergau“ passiert, wenn Helfer mit „kompensatorischen Selbstbildern“ auf Kinder treffen, die gar keine Grenzen mehr kennen und ein „um sich selbst rotierendes, hochgradig narzisstisches Selbstbild“ entwickelt haben: manche dieser Helfer halten den ungebremsten Ego-Trip der betroffenen Kinder für Selbstbewusstsein und argumentieren, diskutieren, beten gesund – immer in dem Glauben, dass sie von den Kindern nur das verlangen können, was sie selbst auch vertreten – womit sie den Fehler begehen, den viele Eltern und Erzieher heute unbewusst machen: Kinder zu behandeln wie Erwachsene. Die Frage, wie man überhaupt in die Lage versetzt wird, etwas vertreten zu können, stellen sie sich nicht. Haben wir Kinder früher unnötig – und teils mit verheerenden Folgen – klein gemacht, machen wir sie heute – mit ebenso verheerenden Folgen – groß.

Die zentrale Frage bleibt meines Erachtens, wie sich sichere Kinder entwickeln. Ein sicheres Kind braucht sichere Reaktionen vonseiten seiner Eltern und Erzieher. Um überhaupt Empathie zu entwickeln, gehört die Grunderfahrung, dass es Grenzen gibt, die andere Menschen setzen. Nur so merkt ein Kind, dass es (a) andere Menschen gibt, und dass diese (b) womöglich etwas anderes wollen als man selbst. So entsteht die Fähigkeit zum Verständnis anderer Menschen. Haben die selbstunsicheren Menschen, von denen oben die Rede war, oft zu viel Empathie, haben die kleinen „BIG MEs“ oft gar keine Empathie. Um es mit Jesper Juul zu sagen: Es ist ein Liebesdienst, Grenzen zu setzen. Und können es die Eltern schon nicht, dann müssen es wenigstens die am Kind arbeitenden Pädagogen können. Augenhöhe mit Fünfjährigen ist nicht nur eine pädagogische Traumtänzerei – sie ist gefährlich, weil sie Kinder zu Ego-Raketen macht. (Siehe dazu auch einen interessanten Artikel in der Welt.)

Wir glauben nur so gern daran, weil wir ja alles besser machen wollen als früher. Die Frage ist, wo der funktionierende Mittelweg zwischen „Autorität“ einerseits und dem „Vermeiden der negativen Folgen von kalter oder gar gewalttätiger Autorität“ andererseits verläuft. Jedenfalls liegt die Antwort nicht im heute stark verbreiteten „Behandeln von Kindern wie Erwachsene“, sondern eher im „Setzen von Grenzen als notwendige Entwicklungsvoraussetzung“.

Jörg Heidig

Veröffentlicht unter Allgemein, Pädagogische Psychologie | Hinterlasse einen Kommentar

Die deutsche Minderheit auf polnisch denken

In Polen gibt es eine Reihe von – vornehmlich kulturellen – Organisationen der dort lebenden deutschen Minderheit, für die zu arbeiten ich hin und wieder die Freude habe. Dieser Text handelt von einigen interessanten Beobachtungen über Heimat, Identität und den Wandel der Kultur.

Der Wandel der Bedeutungen

Die Bedeutung der Dinge ergibt sich aus der Beziehung zu ihnen. Die Bedeutung wohnt also nicht den Dingen selbst inne, sondern ergibt sich „zwischen“ den Menschen und den Dingen. Mit Blick auf die deutsche Minderheit ist deshalb zu fragen, welche Bedeutung die kulturelle Herkunft für diejenigen hat, die nachkommen, die nicht mehr zur Erlebnisgeneration gehören. Hier ist ein Wandel festzustellen. Die „Alten“ sagen, dass die „Jungen“ sich nicht mehr für ihre Herkunft, die Traditionen und so weiter interessieren. Vielen Enkeln sei es wichtiger, die englische Sprache gut zu beherrschen, als vernünftig deutsch zu lernen. Man wolle vielfach lieber nach England gehen, anstatt in der Heimat zu bleiben.

Was ist Heimat?

An dieser Stelle scheint eine interessante Frage auf, nämlich die nach den unterschiedlichen Begriffen von „Heimat“. Für Vertriebene oder Geflohene ist „Heimat“ etwas anderes als für die dort Gebliebenen. Während die ferne Heimat irgendwann zur ehemaligen Heimat – und damit zum im Herzen mehr oder minder eingeschlossenen Sehnsuchtsort – wurde, entwickelte sich die Heimat für die anderen fort – man lebte nicht mehr in Deutschland, sondern in Polen. Die nachfolgenden Generationen sprachen immer weniger deutsch, auch bedingt durch den zeitweise immensen Druck, dem die Deutschen in Polen ausgesetzt waren. Die Enkel und Urenkel der Erlebnisgeneration sehen sich nun vor allem als Polen – mit deutschen Vorfahren oder mit einem gewissen Interesse an der deutschen Kultur, aber als Polen.

Die spezifischen Weltsichten der verschiedenen Generationen

Die Erlebnisgeneration durfte sich viele Jahre nicht zum Deutschtum bekennen, nach 1990 konnten sie das wieder und holten nach, was so viele Jahre verboten war. Die heute junge Generation ist aber erst 1990 oder später geboren. Weder die Sichtweise der Erlebnisgeneration – also eine gewisse Kontinuität deutscher Kultur über die Zeit -, noch die Sozialisation der Generationen dazwischen, die vom Kommunismus „eingemahlen“ wurden und sich nicht bekennen durften, ist für die jüngere Generation prägend. Die jungen Leute verstehen sich eher als Polen mit deutschen Wurzeln oder als Polen mit einem gewissen Interesse für die deutsche Kultur und das Erbe, auf das es in Schlesien oder etwa im Ermland hinzuweisen gilt. Aber sie bewahren dieses Erbe auf polnisch, vor dem Hintergrund ihrer Identitäten als Polen und als Menschen mit deutschen Wurzeln und/oder Interessen. Neben diesen Interessen stehen, und das eint diese jungen Menschen mit Vertretern ihrer Generation aus anderen Ländern, auch einige »europäische« Interessen. Der Austausch mit anderen Kulturen scheint vielen, zumindest nach meinem Eindruck, genauso wichtig – oder sogar wichtiger – zu sein wie das Interesse für die eigenen (deutschen) Wurzeln oder die Kultur der Heimat Polen.

Die Lebensrealität der jungen Generation sieht ganz anders aus als die der mittleren oder gar der älteren Generation. Und diese jüngere Generation definiert ihre Identität auf eigene Weise, und sie sollte auch die Möglichkeit dazu bekommen. Die Älteren tun ihren Enkeln einen Gefällen, wenn sie Geschichten erzählen. Die Werte einer Gemeinschaft und die Weisheit des Lebens stecken in Geschichten. Wenn man Werte und Identität proklamiert oder gar verlangt, erreicht man oft das Gegenteil. Identität schreibt sich fort, verändert sich – man kann nichts gegen die Veränderung tun, man kann nur mittun, indem man seine eigene Sicht der Dinge erzählt.

Man kann Geschichte auf vielerlei Weise verstehen – als Mahlstrom, der am Ende alles verschlingt, und dem man sich so lange es geht entgegenstellen muss, oder als endlose Kette von Ereignissen, die erst in der Rückschau Sinn machen – wir begreifen Veränderungen oft erst dann, wenn sie schon lange wirken. Mit letzterer Sichtweise gibt man sich und seinen Nachfahren die größere Chance, etwas zu bewahren. Es ist dann ein Bewahren ohne Zwang, und das ist eine Fähigkeit, die Europa wirklich gut gebrauchen kann – vorausgesetzt natürlich, man stellt Europa nicht in Frage. Tut man das, dann machen die hier vorgetragenen Argumente freilich keinen Sinn.

Entscheidende Fragen

Es geht für die deutsche Minderheit heute darum, sich zu fragen, wie sich die Zukunft gestalten lässt. Eine mögliche Antwort liegt meines Erachtens darin, die deutsche Minderheit auf polnisch zu denken. Wem das zunächst fremd vorkommt, der versetze sich einmal ins heutige Ostdeutschland, zum Beispiel in die Niederlausitz. Dort leben zwar noch Sorben, aber es werden weniger. Es ist gut und richtig, wenn sich diejenigen, die noch sorbisch sprechen, auf ihre Traditionen besinnen und diese so lange weitertragen, wie sie können. Aber selbst in den Dörfern, wo viele zwar noch sorbische Familiennamen tragen, aber niemand mehr sorbisch spricht, ist deshalb die sorbische Kultur noch lange nicht verschwunden. Sie wirkt fort, auch wenn die nicht mehr „hörbar“ ist.

Ein konkreter Weg, die Frage nach der Zukunft zu stellen, wäre, sich vorzustellen, wer in zehn oder mehr Jahren diejenigen sein werden, die sich für die deutsche Identität und Geschichte etwa in Masuren oder in Oberschlesien interessieren. Als nächstes kann man dann fragen, was genau diese Menschen interessieren wird. Wenn man darauf Antworten gefunden hat, kann man bereits heute Schritte einleiten, um als Organisationen der deutschen Minderheit genau das zu ermöglichen. Einige Beispiele:

  1. Wenn sich junge Menschen zwar für ihre Identität und Herkunft interessieren, dies aber auf eine Weise tun, die sich von der Art und Weise der Erlebnisgeneration unterscheidet, ist die Struktur der Zukunft möglicherweise ein nicht mehr an örtliche Vereinsstrukturen mit traditionsorientierten Begegnungs- und Kulturprogrammen gebundenes, regionales Netzwerk, das auch europäisch orientierte Projekte (Jugendaustausch, identitätsbezogene Veranstaltungen) anbietet und – losgelöst von der örtlichen Anbindung an die Bevölkerung einer bestimmten Stadt – ein regionales internetbasiertes Netzwerk organisiert, in dem auf regionale Veranstaltungen hingewiesen werden und Austausch stattfinden kann. Man kann die bisherigen, ortsbezogenen Organisationen weiterführen, muss aber damit leben, dass viele dieser Organisationen mit dem Aussterben der Erlebnisgeneration geschlossen werden. Neue, regional größere oder übergreifende Organisationen mit an der künftigen „Zielgruppe“ ausgerichteten Inhalten wären meines Erachtens eine vielversprechende Option. Einige Organisationen haben dies bereits erkannt und richten einen Teil ihrer Aktivitäten seit einiger Zeit darauf aus.
  2. In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Angehörige der deutschen Minderheit ihre Heimatregionen verlassen. Womöglich will ein Teil dieser Menschen zurückkehren, etwa wenn es um die Frage geht, wo man seinen Lebensabend verbringen möchte. Die „angestammte Heimat“ (oder: die „Heimat der Kindheit“) hat für viele Menschen einen höheren Wert als die „berufliche Heimat“ der mittleren Lebensjahrzehnte. Es wäre durchaus ein spannender Versuch, mit gezielten „Rückkehreraktionen“ auf diese Menschen zuzugehen – etwa in der Art, wie das manche ostdeutsche Regionen tun. In Zeiten der internetbasierten sozialen Netzwerke wäre das noch nicht einmal sehr teuer.
  3. Der Tourismus der Erlebnisgeneration wird nachlassen, nicht aber der allgemeine Tourismus und derjenige aus Interesse an einer Kulturlandschaft, die lange deutsch geprägt war. Die Frage wäre, wie man hierauf reagieren könnte. Wer weiß besser über die Orte, ihre Geschichte, ihre Kultur Bescheid, als die Menschen, die dort leben?

Die Organisationen der deutschen Minderheit werden sich in den kommenden zehn Jahren stark verändern. Einige Organisationen werden aus Mitgliedermangel schlicht geschlossen, andere werden weiter bestehen. Die Frage, an der sich vieles entscheidet, lautet, wie die heutigen Entscheider mit dem jetzigen Wandel umgehen.

Jörg Heidig

Veröffentlicht unter Allgemein, Führung, Organisationspsychologie | Hinterlasse einen Kommentar

Methoden der Teamentwicklung: um was geht es essentiell?

Im Grunde kann man bei der Durchführung von Teamentwicklungen zwei Arten unterscheiden. Zum einen gibt es da die „Teamentwicklung als Intervention“, etwa wenn es schon länger Konflikte gibt, oder die Umwelt Konflikte langsam bemerkt oder gar durch Konflikte in Mitleidenschaft gezogen wird. Zum anderen gibt es die „prophylaktische Teamentwicklung“, die regelmäßig ohne konkreten Anlass durchgeführt wird, und die vor allem der Reflexion dient. Letztere Variante ist eher selten, aber wenn sie zum Einsatz kommt und sich die Effekte sogar über Jahre hinweg entfalten können, dann hat sie in der Regel eine deutlich spürbare positive Wirkung auf die Klarheit der Rollen im Team, das Ausmaß der gegenseitigen Unterstützung, das Teamklima allgemein und nicht zuletzt die Bereitschaft, Störungen anzusprechen.

Denn eines bleibt festzuhalten: Störungen, also zumeist Konflikte, gibt es sowieso. Die Frage ist nur, wie Team und Leitung damit umgehen.

 

Der Prozess, durch den sich Gruppen oder Teams bilden

Jenseits aller Phasenmodelle der Entwicklung von Gruppen oder Teams über die Zeit hinweg sind es insbesondere zwei Phasen, die Gruppen in ihrer Entwicklung durchlaufen. Hilfreicher finde ich es, wenn man anstelle von Phasen besser von „Zuständen“ redet, die eine Gruppe annehmen und zwischen denen eine Gruppe oszillieren kann. Doch bevor wir zu den beiden Zuständen kommen, sei hier zunächst erläutert, wie sich Gruppen oder Teams bilden. Unabhängig davon, ob sich eine Gruppe freiwillig zusammenfindet oder durch eine Entscheidung Dritter zusammengesetzt wird, ist der Prozess der Gruppen- oder Teambildung – also der Prozess, in dessen Rahmen sich die definitorischen Eigenschaften von Gruppen oder Teams herausbilden (Kohäsion, Interdependenz, Ziele etc.) – essentiell gleich.

Angenommen, die Mitglieder eines neuen Teams kennen sich noch nicht. Das Team trifft sich zum allerersten Mal. Die Leiterin des neuen Teams hat vielleicht für eine lockere Atmosphäre gesorgt – man kann bei einem Kaffee oder einem anderen Getränk erst einmal „ankommen“. Angenommen, ein Teammitglied geht auf ein anderes zu, stellt sich kurz vor und fragt nach dem Woher und dem beruflichen Hintergrund seines Gegenübers. Je nach dem, was das Gegenüber nun erzählt, wird die Person, welche die Initiative ergriffen hatte, reagieren. Ist die Reaktion aufmerksam und positiv, steigert das die Wahrscheinlichkeit, dass die beteiligten Personen gern wieder miteinander sprechen, sowie die Wahrscheinlichkeit, noch einmal das Thema, um das es gegangen ist, anzusprechen. Ist die Reaktion neutral-distanziert oder gar negativ, sinken die genannten Wahrscheinlichkeiten. Die Beteiligten werden dann weniger gern noch einmal spontan aufeinander zugehen, und ein angesprochenes Thema wird vielleicht weniger gern noch einmal angesprochen. Diesen grundlegenden Prozess muss man sich während der ersten Tage eines Teams und auch darüber hinaus hundertfach wiederholt und nuanciert vorstellen. Die ersten Tage sind nur deshalb von besonderer Bedeutung, weil sich hier die ersten Interaktionsmuster und Themenpfade bilden.

 

Die Macht der „Gruppenmentalität“

Phänomene wie das so genannte „Gruppendenken“ oder die viel besprochene Feststellung, dass die Gruppe mehr sei als die reine Ansammlung der zu ihr gehörenden Individuen, illustrieren den Umstand, dass sich das Wesen einer Gruppe aus der Ansammlung selbst beziehungsweise der Dynamik, die eine solche Ansammlung verursacht, ergibt. Salopp könnte man sagen: Einzeln ist der Mensch ein Wunderwerk. Zu zweit ist es bereits nicht mehr ganz einfach, und das Wunderwerk zeigt sich nicht mehr nur von der besten Seite. Ein Freund ist mithin jemand, der mich gut leiden kann, obwohl er mich kennt. Sind mehr als zwei zugange, wird es in der Regel – zumindest erst einmal – schwierig.

Schauen wir uns den Gruppenbildungsprozess noch einmal genauer an: Menschen, die sich nicht kennen, treten zu einer neuen Gruppe oder einem neuen Team zusammen. Der zunächst zu beobachtende Interaktionsprozess ist von Vorsicht und einer gewissen Rücksichtnahme gekennzeichnet. Viele sind einstweilen noch unsicher und beobachten erst einmal, wie die anderen auf ihre Äußerungen reagieren. Aus den vielen Einzelinteraktionen der ersten Tage ergeben sich bestimmte Interaktionsmuster, die sich später festigen: einige Themen werden immer häufiger angesprochen, andere geraten in den Hintergrund; einige interagieren öfter miteinander, andere bleiben neutral; manche Gruppenmitglieder mögen sich mit einer gewissen Skepsis begegnen. Wichtig ist, dass dies kein durchgängig absichtsvoller Prozess ist – es ergibt sich einfach aus den Interaktionen. Nun kommt aber zu den Einzelinteraktionen noch eine andere Ebene hinzu. In dem neuen Team gibt es ja nicht nur Interaktionen zwischen zwei Personen, sondern es gibt auch eine ganze Reihe von Interaktionsprozessen, die im gesamten Team oder in Teilen des Teams, aber eben mit mehr als zwei Beteiligten stattfinden. Hier spricht eine Person nicht mehr nur zu einem Genenüber, sondern zu mehreren gleichzeitig. Die Reaktionen kommen nun nicht mehr nur von einer Person, sondern von mehreren. Da ein Mensch seinen sozialen Status nicht selbst bestimmen kann, sondern die Informationen über seinen momentanen Status im sozialen Gefüge anhand der Reaktionen von anderen erhält, wird der beschriebene Interaktionsprozess unter mehreren Gruppenmitgliedern „selbstwertwirksam“ – ich sage nicht zwingend das, was ich tatsächlich denke, sondern ich sage das, wovon ich meine, dass dies bei den anderen solche Reaktionen hervorruft, die meinem Status oder Selbstwert zuträglich sind. Dieser Umstand bildet ein weiteres Element der Musterbildung – indem ein Gruppenmitglied beobachtet, welche Themen „en vogue“ sind, wird es vor allem solche Themen ansprechen. Das erklärt auch die Homogenisierung in den Ansichten von Gruppenmitgliedern mit der Zeit und die Abnahme in der Gruppe selbst denkbarer Alternativen – ein Umstand, der als „Gruppendenken“ bekannt wurde und der eine wesentliche Rolle bei der Verursachung einiger Krisen und Kriege spielte.

 

Mobbing als unbeabsichtigter Effekt

An dieser Stelle wird deutlich, wie Mobbing als „eigentlich unbeabsichtigter Nebeneffekt“ einer solchen Gruppenmentalität entstehen kann: ein Teammitglied (A) ist vielleicht anfangs ein wenig unsicher und hält sich deshalb etwas länger zurück. Es beobachtet, dass zwei Teammitglieder, die vergleichsweise häufig sprechen (X und Y), immer wieder kritisch auf Ideen und andere Wortmeldungen eines dritten Teammitglieds (B). Obwohl A die Ideen von B vielleicht sogar überlegenswert findet, hält sich A zurück und unterstützt B nicht, wenn die – ohnehin durch die relativ hohe Wortmeldehäufigkeit schon recht präsenten und oft zusammen auftretenden – Teammitglieder X und Y die Einlassungen von B kritisieren. Im Gegenteil: um dazuzugehören und den eigenen Status zu sichern, kann das vergleichsweise unsichere A zu folgender Doppelstrategie kommen: im Team unterstützt A die beiden „lauten“ Teammitglieder X und Y, im persönlichen Gespräch versichert A hingegen, dass sie oder er B gut verstehen kann. B wird dadurch möglichwerweise stärker verunsichert als durch eine klare und offen kommunizierende „Front“. Gewinnt dieser Prozess an Dynamik, kann er leicht zu dem werden, was man als Mobbing bezeichnet. Dies ist insbesondere dann wahrscheinlich, wenn X oder Y mit A oder weiteren Teammitgliedern in Abwesenheit von B Vermutungen darüber anstellt, warum B so und nicht anders sei, warum dies womöglich so nicht akzeptabel sei und so weiter.

So lange ein solcher Prozess noch nicht zu weit fortgeschritten ist, lässt er sich im Rahmen einer Teamentwicklung bearbeiten, indem – idealerweise an konkreten Beispielen, also beispielsweise Meinungsverschiedenheiten – unterschiedliche Sichtweisen benannt werden und dann die damit verbundenen emotionalen Zustände thematisiert werden. Ziel ist, dass die „schweigenden Minderheiten“ wie A sich irgendwann zu Wort melden und sich aus der Anonymität herausbegeben. Indem A nun auch vor X und Y eine eigene Position – möglicherweise zwischen X und Y auf der einen und B auf der anderen Seite, wird deutlich, dass es keine „homogene Mehrheit“ im Team gibt, sondern eine heterogene Meinungsvielfalt. Indem A vielleicht auch öffentlich Mitgefühl für die Emotionen von B zeit, bröckelt die – oft nur von außen als solche wahrgenommene – „Allianz“ zwischen X und Y und eine dieser beiden Personen beginnt, Verständnis für B zu zeigen. Mehr braucht es nicht – nur Verständnis und die Fähigkeit, die Unsicherheit zu ertragen, die es bedeutet, zur Kenntnis zu nehmen, dass eine Gruppe kein „harmonisches Ganzes“ ist, sondern eine „dynamische Heterogenität“ besitzt. Diese „dynamische Heterogenität“ macht viele Menschen unsicher, weil sie dann in der Regel nicht wissen, wo sie statusmäßig gerade stehen. Es braucht die Erfahrung, dass der Status eines Teammitglieds trotz des Austragens von Konflikten noch in Ordnung ist. Das erfordert aber zunächst den Mut, die Harmonie-Illusionen, die Gruppen zunächst produzieren, zu verlassen – und dies erfordert eben jene bereits angesprochene Fähigkeit zum Ertragen von Unsicherheit.

 

Worauf es bei Teamentwicklungen ankommt

Anhand des soeben geschilderten Beispiels wird deutlich, worauf es bei Teamentwicklungen ankommt. Es geht weniger um die Formulierung eines Ziels und den Einsatz möglichst geeigneter Methoden, sondern es geht darum, einen hilfreichen Interaktionsprozess zu initiieren. Das Problem dabei ist allerdings regelmäßig das folgende: Zwar werden solche Teams sagen, dass es Probleme gibt und sich etwas ändern soll – wird es aber konkret, zieht man sich schnell zurück. Eine der Fallen, in die Teamentwickler, Berater oder Moderatoren dann treten können ist die Bitte, dass doch „der Herr Experte“ einmal seine Sicht auf das Team schildern möge. Tut man dies, so erntet man im angenehmeren Fall verwundertes Schweigen, im weniger angenehmes Fall kommt es zu einer Reihe wortreicher Erläuterungen, warum die – ansonsten klugen und im passenden Fall sicher hilfreichen – Ratschläge des Experten in diesem Fall nicht funktionieren würden.

Im Grunde kommt es nach der oben beschriebenen ersten und „netten“ Phase in jedem Team zu Konflikten. Auch bestehende Teams, die jahrelang konfliktarm funktioniert haben, kann dies treffen, etwa nach Personalwechsel oder einer Veränderung der Rollenkonstellation. Die Konflikte bahnen sich an und werden bemerkt. Es gibt jedoch, wie wir bereits dargestellt haben, Gründe, so zu handeln, dass der eigene Status mindestens nicht sinkt, sondern eher steigt. Man sagt also vornehmlich solche Dinge, von denen man meint, dadurch günstige Gruppenreaktionen hervorzurufen. Der Preis: Konflikte sind zwar da, werden aber zugunsten einer möglichst allen irgendwie zu einem halbwegs stabilen Status verhelfenden „Pseudo-Harmonie“ nicht angesprochen. Werden die Konflikte dennoch stärker, erfinden sich Gruppen bisweilen eine Art „Blitzableiter“. So wird beispielsweise eine andere Gruppe zum Feindbild erklärt. Man leitet die „Konfliktenergie“ in den Kampf gegen die andere Gruppe um. Oder man wählt sich einen Führer oder eine Führerin (bisweilen auch ein Paar), die dann die Konflikte für die Gruppe regeln sollen. Wenn A und B sich streiten, so ist eine „harmonische“ Lösung, auf C zu verweisen und C zu bitten, die Sache zu entscheiden. C empfindet das dann bisweilen sogar als Kompliment, indem sein oder ihr Status steigt. Aber dies funktioniert nur so lange, bis auch C nicht mehr in der Lage ist, den Blitzableiter für die Konflikte darzustellen. Dann wird entweder neues Führungspersonal „gewählt“ („C bringt es nicht. Früher dachte ich, sie sei kompetent und so. Jetzt in der Krise zeigt sich, dass sie eben doch keine richtigen Führungsqualitäten hat. Ich würde mir wünschen, dass Du eine stärkere Rolle in unserem Team spielst.“) – oder die Konflikte müssen ausgetragen werden.

Genau darum geht es in Teamentwicklungen – die betreffenden Teams vom „Harmonie-Modus“, in dem Konflikte verdrängt werden, in den „Arbeitsmodus“ zu bringen. Das geht nur, indem Konflikte angesprochen und ausgetragen werden. Allerdings liegt die Lösung nur sehr selten in einem „von allen getragenen“ Konsens. Allein das Bestreben, dass eine Lösung „von allen getragen“ werden soll, spricht eher für eine Sehnsucht zurück in die Harmonie, denn für eine tatsächliche Bereitschaft zur konstruktiven Auseinandersetzung. Lösungen haben oft mehr mit Klarheit als mit Konsens zu tun. Und die Fähigkeit zum Konsens hat mehr mit dem Ertragen von Unsicherheit, von Unterschiedlichkeit, von Ambivalenz und so weiter zu tun als mit einer tatsächlich gemeinsam geteilten Version der Dinge. Es geht eher um die Akzeptanz, dass es auch andere Sichtweisen gibt. Im Idealfall kommt man zu der (dann gern: gemeinsamen) Einsicht, dass eben diese anderen Sichtweisen hilfreich sein können. Sind viele Sichtweisen möglich – anstelle des auf „Harmonie“ gerichteten Gruppendrucks – sind bessere Lösungen möglich. Aber die Dinge gehen dann auch langsamer. Man findet sich eher ab, man akzeptiert eher, man weiß, dass Veränderungen Zeit brauchen, und man weiß auch, dass man viele Ideen braucht, bis mal eine gute dabei ist. Und man weiß auch, dass man nur aus Fehlern lernt oder in dem Moment, wenn etwas zum ersten Mal klappt.

Als Einstieg in solche Klärungsprozesse haben sich drei Fragen als hilfreich erwiesen (reihum zu beantworten):

  • Wie waren die vergangenen Monate? Was war wichtig?
  • Wie geht es Ihnen momentan?
  • Was wünschen Sie sich für die Zukunft (von diesem Team)?

Wenn man diese – und weitere in ähnlicher Richtung liegende – Fragen behutsam und geduldig einsetzt, und vor allem mit der Zeit auch jene stärker einbezieht, die wenig oder kaum etwas sagen, wird die – oft zunächst als homogen erscheinende – Gruppenmentalität zugunsten der Artikulation von „Minderheitenmeinungen“ aufbrechen. Gefragt sind Behutsamkeit, Neutralität und Geduld. Im richtigen Moment kann auch eine Konfrontation hilfreich sein, aber nur dann, wenn bereits eine Beziehung zwischen Gruppe und Interventionist gewachsen ist. Man kann in schwierigen (was in der Regel so viel heißt wie: besonders polarisierenden Diskussionen, besonders einheitlicher Mehrheit, besonders scharfe Schuldzuweisungen) auch das reflecting team zur Hilfe nehmen oder gar eine Aufstellung. Normalerweise reicht aber auch in konfliktreichen Teams die behutsame Befragung. Wichtig ist nur, dass die moderierende Person neutral und geduldig bleibt und dem Harmoniebestreben der Gruppe nicht nachgibt. In einem Extremfall sagte ein Teilnehmer am Ende einer Teamentwicklungssitzung zu einem anderen Teammitglied: „Wenn ich Du wäre, würde ich mich heute Abend umbringen.“ Eine solche Äußerung ist denkbar krass. Aber: Die Person sagt zwar etwas über ihren Kollegen, aber sie sagt auch etwas über sich selbst: „Das, was hier passiert ist, kann ich schwer ertragen.“ Insofern reicht die Akzeptanz der Äußerung mit der Bitte, die jetzige, für die meisten Teammitglieder schwierige Situation zu ertragen, völlig aus. Alles andere hieße, der Harmonie wieder nachzugeben. Was aber dem Team nichts hilft – nur den momentanen Status- oder Selbstwertbedürfnissen einzelner Teammitglieder.

Sind Minderheitenmeinungen wieder möglich, „verflüssigen“ sich auch die Frontlinien wieder und der Teamprozess öffnet sich in Richtung Zukunft.

Jörg Heidig

 

Weiterlesen: Bion, W. (2015): Erfahrungen in Gruppen und andere Schriften. Klett-Cotta.

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Über die Erfahrung der Einheit von Theorie und Stil

Seit psychologisch begründete Interventionen immer mehr zum „Produkt“ werden, kann in vielen Publikationen eine gewisse „Entkleidung“ der Methoden beobachtet werden – es geht oft nicht mehr um die Theorie dahinter, sondern schlicht um den Wirkungszusammenhang. Was übrig bleibt, ist ein Katalog mit mehr oder weniger brauchbaren Methoden. Der Weg ist verlockend, und ich muss zugeben, dass ich ihm für einige Jahre recht gern gefolgt bin: es geht ja in der Praxis häufig um eine gute Idee. Zum fraglichen Zeitpunkt muss die Intuition einen Zusammenhang zwischen vorgefundener Situation und methodischem Erfahrungswissen herstellen. Vielleicht denkt man noch ein wenig „um die Ecke“, hat einen Einfall, was genau in dieser Situation passen könnte, und wandelt eine vorhandene Methode situationsspezifisch ab oder entwickelt aus dem Prozess heraus eine ganz eigene, nur für diese Situation passende Methode. Letzteres macht mir große Freude, und manchmal, wenn es wirklich gut gepasst hat, ärgere ich mich, dass ich die Methoden nicht aufgeschrieben habe.

Nach einigen Jahren, in denen ich viele Erfahrungen sammeln konnte und ich das Gefühl bekam, dass meine Intuition langsam besser wurde, begann ich zu ahnen, dass da außer Wissen, Erfahrung und Intuition noch etwas anderes sein musste. Auslöser war die Begegnung mit Edgar Schein, dessen bestechend klare Art, komplexe Vorgänge in Organisationen zu analysieren sowie Modelle und Interventionen zu entwickeln, mich mit der Ehrfurcht eines Schülers erfüllte. Von einigen seiner Bücher hatte ich den Eindruck, sie seien konsequente Weiterentwicklungen der Kommunikationspsychologie, ohne so genannt zu werden – bis ich begriff, dass die gemeinsamen Wurzeln bei Kurt Lewin und Carl Rogers zu suchen sind. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass zu einer solchen Qualität des Denkens mehr als Wissen und Erfahrung gehört. Dann sagte jemand zu mir: „Hören Sie auf, Bücher auszuquetschen, fangen Sie an zu lesen!“ Zunächst begriff ich gar nichts, dann ärgerte ich mich. Aber mit der Zeit, mit weiteren Erfahrungen, zu denen auch zwei größere Fehler in Beratungsprojekten gehörten, mit dem Schreiben dieses Blogs und mit der Lektüre von George Herbert Mead, Herbert Blumer und immer wieder Chris Argyris und Edgar Schein kam ich langsam, zunächst ohne es zu merken, zu einer Art eigener „Metatheorie“. Eine solche Metatheorie ist weniger psychologisch als vielmehr philosphisch, sie ist kein Standpunkt, für den man sich entscheidet, und von dem aus man argumentiert, es ist vielmehr eine Haltung, eine Art zu verstehen und sich Begriffe zu machen – eine Art, wie man Wissen entstehen lassen kann.

Eine der Folgen war, dass ich kaum mehr in Methoden dachte, sondern in der Regel zu einer Art „informeller Prozesssteuerung“ – am ehesten den Begriffen der Supervision oder der Moderation nahekommend – überging. Teamentwicklungen wurden nun nicht mehr geplant – es kam auf den Prozesseinstieg an, der in der Regel aus der Frage: „Wie kann ich hilfreich sein?“ bestand – der Rest ergab sich wie von selbst. Ob offen moderierter Austausch, Gruppenarbeit, reflecting team, Einsatz von Aufstellungsmethoden, Fallreflexion oder die Analyse der Arbeits- und Kommunikationsprozesse – die Methode ergab sich in der Regel aus dem Prozess selbst. Freilich waren Intuition, Wissen und Erfahrung noch gefragt – aber die „Metatheorie“ lenkte nun in gewisser Weise das, was zu geschehen hatte. Stil und (Meta-)Theorie wurden gewissermaßen zu einer Einheit.

Jörg Heidig

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Was manche NLP-Weiterbildungen mit Pornos gemeinsam haben: erst ausziehen, dann verkaufen…

Die Ursprungsfrage der Entwicklung des so genannten „Neurolinguistischen Programmierens“ (NLP) lautete, was eigentlich an dem, das besonders erfolgreiche Psychologen bzw. Therapeuten taten, dran war. Warum waren gerade diese Menschen so erfolgreich, bzw. warum war das, was sie taten, so hilfreich, heilsam oder wirkungsvoll? Man beobachtete dann einige besonders hilfreiche Personen, analysierte, was geschah, was die Betreffenden taten, was sie wie sagten und so weiter, um anschließend daraus die Techniken herauszuarbeiten, die sich als besonders hilfreich oder wirksam erwiesen hatten. Bandler & Grinder entwarfen ein so genanntes „Meta-Modell der Sprache“ und schrieben dazu all jene Techniken auf, die sie entsprechend ihrer Leitfrage beobachtet hatten.

Wie es manchmal geschieht, wenn es Forschern gelingt, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen, kommen andere, die sich dieser Erkenntnisse (oder besser: Beschreibungen, denn viel mehr war es nicht, aber eben auch nicht weniger) bedienen und sie zu einem Geschäft machen. Heraus kam eine Toolbox, die man anwenden kann – auch ohne die dazugehörigen wissenschaftlichen Grundlagen oder ethischen Haltungen zu kennen. Der Prototyp dieser Orientierung ist ein Mensch, der NLP als Zusatzausbildung absolviert und die entsprechenden Techniken dann rückhaltlos einsetzt. Eigentlich aus einer Untersuchung über hilfreiche Kommunikation stammend, werden die so gefundenen Techniken zum persuasiven – so lange der Überzeugungsversuch offen geschieht wie im Falle eines Vertriebsmitarbeiters, der sich selbst auch so bezeichnet, bleibt die letztendliche Entscheidung immerhin noch der „Zielperson“ überlassen – oder manipulativen Instrument. In letzterem Fall wird die „Zielperson“ zum reaktiven Objekt – und zwar vermittels eines in diesem Fall zur Sozialtechnik verkommenen, ursprünglich als „hilfreich“ gedachten Methodenkanons. Man tut quasi so, als sei man hilfreich – und nutzt die Effekte aus.

Glücklicherweise begegnen mir ab und an Menschen, die nach vielen Erfahrungen, Weiterbildungen – und oft auch nach der einen oder anderen Sinnfrage – mit dieser Logik abgeschlossen haben. Sind diese Menschen beispielsweise Vertriebler, dann müssen sie nicht verkaufen, sondern sie haben sich dazu entschieden, zu fragen, ob und wie sie hilfreich sein können. Kein Geschäft zu machen, ist ihnen eine ebenso angenehme Option wie jene, ein Geschäft zu machen. Das ist es, was den Tooligan von demjenigen unterscheidet, der über sein Tun nachzudenken willens und in der Lage ist.

Jörg Heidig

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Kann man Lügen erkennen?

Wir sind uns in der Regel unserer nonverbalen Kommunikation nicht bewusst, vielmehr setzen wir Körpersprache intuitiv ein. Man denkt nicht nach, wenn man sich an der Nase kratzt oder den anderen anlächelt und dabei anstarrt. Ebenso sind sie Reaktionen anderer auf unsere körpersprachlichen Signale kaum oder nicht bewusst, weshalb wir uns auch manchmal über Reaktionen wundern, die andere zeigen, während wir mit ihnen sprechen, oder wir wundern uns im Nachhinein beispielsweise über die Heftigkeit unserer eigenen Reaktionen im Gespräch. Wir können lernen, einen Teil unserer Körpersprache bewusst einzusetzen, etwa um das, was wir sagen wollen, durch Gesten zu unterstreichen. Man kann auch lernen, bestimmte körpersprachliche Elemente wegzulassen. Die Gefahr bei diesen rhetorischen Lernprogrammen ist, dass wir uns selbst etwas überstülpen und nachher nicht mehr authentisch wirken – was sich in der Konsequenz oft negativer auswirkt, als ein paar Fehler zu machen.

Wenn wir mit anderen kommunizieren, löst deren Körpersprache Emotionen in uns aus. Emotionen sind handlungsleitende Signale unseres Körpers – quasi „bewertet“ unser Gehirn eine Situation, indem es Emotionen produziert. Die emotionale Verarbeitung passiert automatisch; was wir davon bewusst mitbekommen, ist nur ein „nebulöses Abbild“, denn die Emotionen waren lange vor der Sprache da (andere Säugetiere haben sie ja auch), und unser Sprachzentrum ist nur begrenzt mit den emotionalen Zentren „verdrahtet“. Bewusstsein ist eine Art Nebenfunktion des Sprachzentrums. Stimmt etwas nicht – passen die Worte nicht zur Körpersprache oder passt die Mimik nicht zur Gestik, dann orientieren wir uns zunächst an der Körpersprache (Körpersprache > Mimik > Worte). Wir „erkennen“ die Körpersprache anderer wahrscheinlich, indem wir sie nachahmen. Kommunikation ist ohne dieses „Hereinholen des anderen“ unmöglich.

Wir bekommen zwar beigebracht, nicht zu lügen, tun es aber trotzdem – häufig, um anderen nicht zu nahe zu treten bzw. um uns sozial erwünscht zu verhalten. Solche Lügen erleichtern das Zusammenleben. Andere Lügen aber dienen der Täuschung, also beispielsweise der Erreichung von Zielen unter Vortäuschung falscher Tatsachen. Solche Lügen würde man gern enttarnen. Aber das ist nicht so einfach. Bekannte Mythen besagen, dass Menschen den Blickkontakt meiden, während sie lügen, oder sich beim Lügen an der Nase kratzen. Wenn es so einfach wäre, könnten Lügen leicht enttarnt werden, und wir würden uns damit gar nicht befassen, eben weil es ja jeder könnte.

Man erkennt Lügen – wenn überhaupt – am ehesten aus dem Kontext bzw. der Interaktionsdynamik heraus. Man kann körpersprachliche Signale nicht direkt interpretieren. Eher kann man zum Beispiel fragen, ob sich jemand so verhält wie immer, oder ob seine Handlungen – insbesondere die nonverbalen – von seinen üblichen Mustern abweichen. Mögliche Anzeichen könnten unter anderem ein geringeres Sprechtempo, begleitet durch einen starren Blick sein. Insbesondere Anzeichen erhöhter Angst sind ein Indiz. Man geht dem am besten durch Nachfragen auf den Grund. Wenn beispielsweise mehrere der folgenden Elemente zusammen auftreten, kann man das als Hinweis verstehen, einmal genauer nachzufragen: die Hände berühren sich gegenseitig (Hände reiben oder dergleichen) oder das Gesicht (zum Beispiel den Hals); Arme verschränken und sich zurücklehnen. Aber Vorsicht: wir können uns hier, wie bei allen körpersprachlichen Interpretationsversuchen, nie sicher sein, sondern müssen immer Kontext und Dynamik betrachten. Hilfreicher ist es deshalb, sich auf das zu konzentrieren, was das Gegenüber sagt. Faustregel: kommt die Antwort kurz und bündig, so handelt es sich wahrscheinlich um die Wahrheit. Dauert es eine Weile und folgen dann lange Erklärungen, ist das als Einladung zu verstehen, genauer nachzufragen.

Beispiel Ausweichmanöver: Auf die Frage „Bist Du fremdgegangen?“ antwortet das Gegenüber nicht mit einem schlichten „Nein.“, sondern mit einem ausweichenden „Sowas würde ich nie machen. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass Treue ganz wichtig ist. Und das ist es auch. Treue ist mir sehr wichtig.“ oder: „Ich bin seit zehn Jahren mit Dir verheiratet. Und das gern. Wieso sollte ich jetzt auf so eine Idee kommen?“

Fazit: Wenn man wissen möchte, ob jemand lügt, kann man diejenigen Signale, die auf Ehrlichkeit und Sympathie hindeuten, einstweilen ignorieren. Wenn man das tut, gibt sich ein – gegebenenfalls lügendes – Gegenüber wahrscheinlich größere Mühe, überzeugend zu wirken. Lügner werden in der Regel versuchen, unsere Sympathie zu gewinnen. Je öfter eine Aussage wiederholt wird, desto glaubwürdiger wird die Aussage – dieser Effekt ist umso stärker, je weniger Ahnung wir vom Thema haben und je sympathischer uns der jeweilige Gesprächspartner ist. Unsere besten Optionen sind also, Sympathien (einstweilen) zu ignorieren, auf Wiederholungen und Steigerungen zu achten, skeptisch zu bleiben und nachzufragen. Den Rest besorgt in der Regel die Intuition. Und: man sollte entsprechend kritische Gespräche nicht allein führen.

Veröffentlicht unter Gesprächsführung | Hinterlasse einen Kommentar

Über den Zusammenhang zwischen der Art und Weise der Erziehung und der Entstehung von Störungsbildern bei Kindern

Wer hat so ein Kind nicht schon einmal gesehen: es wendet sich alle paar Sekunden etwas anderem zu, wobei es schwer ist, Kriterien dafür zu erkennen – mal sind es Geräusche, mal Dinge, mit denen andere Kinder spielen, mal scheint es darum zu gehen, Aufmerksamkeit zu erregen, und mal sieht es danach aus, als müsse schlicht überschüssige Energie abgebaut werden. Meist geht es laut, schnell und halbwegs aggressiv zu. Kaum wendet man sich um, schreit ein anderes Kind, weil es vom besagten Kandidaten was abgekriegt hat. Spürt der Betreffende dann die Sanktion kommen, fliegen prophylaktisch ein paar Sachen durch die Gegend. Kurz zusammengefasst: auszurasten scheint nicht die Ausnahme, sondern der Grundmodus zu sein.

In der Regel ist der Weg vorprogrammiert: Überforderung bei Eltern und Genervtheit oder Hilflosigkeit bei Pädagogen führen zu Diagnostik – und die in der Folge oft zu Erleichterung, später aber zu Passivität oder zu noch mehr Hilflosigkeit. Wenn es einmal soweit ist, sind guter Rat teuer und Ritalin nicht weit.

Dieser Text will keine generellen Antworten liefern oder gar „die eine Alternative“ aufzeigen. Wirkliche Verbesserungen ohne Diagnostik und Medikamente sind in der Realität nur langsam zu erreichen und das Ergebnis langen Beobachtens, Nachdenkens, Ausprobierens, wieder Beobachtens, Nachdenkens und so weiter. Wenn es einfach wäre, könnte es jede und jeder. Dann müssten wir auch nicht darüber reden.

Erstens ist es nicht einfach zu verstehen – wir wollen also fragen, wie derlei „Störungsbilder“ entstehen können. Zweitens ist es nicht einfach, hilfreiche Schritte zu finden – hierbei stehen uns zudem einige Dinge im Weg, beispielsweise die weitgehende Abwesenheit von Intuition bei manchen Eltern einschließlich des Problems, dass manch hübsche Ideologie den Realitätssinn ersetzt.

Wir wollen die aufgeworfenen Fragen umfassend beantworten, weshalb dies kein kurzer Text mit ein paar „Dos & Don’ts“ wird. Wir beginnen mit einer kurzen Reise in die Geschichte und klären zunächst, warum die Lehrmeinungen heute sind, wie sie sind. Danach stellen wir das Spektrum möglicher Erziehungsstile dar und machen an Beispielen deutlich, wie dieser oder jener Erziehungsstil in der Praxis aussieht und welche Folgen er hat. Dann wechseln wir mit Absicht die Perspektive und klären, wie unsere Fähigkeit zu kommunizieren entstanden ist, und welche Schlussfolgerungen sich daraus für die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern ergeben. Wiederum an Beispielen machen wir deutlich, wie aus der Eltern-Kind-Interaktion solche Dynamiken entstehen können, die wir gemeinhin als „Störungen“ bezeichnen. Wenn die Entstehung klar ist, werden auch die Handlungsmöglichkeiten zur Gegensteuerung klar.

Eine kurze Geschichte der Erziehungsstile
Um zu verstehen, was die meisten von uns heute für gut und richtig bei der Erziehung von Kindern halten, ist es meines Erachtens erhellend, wenn wir uns vergegenwärtigen, aus welchen Welten wir kommen, und wie sich die entsprechenden Ideen in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben. Aus Gründen der begrenzten Kapazität eines Textes wie diesem möchte ich dabei nicht in der Antike beginnen, sondern bei einer unserem heutigen kollektiven Gedächtnis noch recht zugänglichen Zeit, nämlich der wilhelminischen. Man sehe mir nach, dass ich hier nur – grob verallgemeinernd und reduzierend – die wesentlichsten Linien nachzeichnen kann.

Man stelle sich zunächst die wilhelminische Zeit vor – die Gesellschaft war verglichen mit der heutigen Zeit stark strukturiert, und die Erziehung war streng und „leibfeindlich“. Man hatte sich in Disziplin zu üben, Bedürfnissen nachzugeben war verpönt. Nicht von ungefähr war die Hysterie eine zeitgemäße Krankheit – wo sollten all die Impulse hin, wenn die gesellschaftlich vorgegebene Rolle keinen Platz dafür ließ? Werke wie „Der Untertan“ illustrieren eindringlich, welche Folgen die auf Reinlichkeit und Disziplin ausgerichtete strenge Erziehung jener Zeit hatte – von Entfaltung konnte keine Rede sein, Menschen wurden klein gehalten, mussten sich fügen, fanden ihren Sinn im Funktionieren oder in der Aufopferung für einen höheren Zweck. Am deutlichsten wird dies, wenn man sich einen von Klaus Theweleit herausgearbeiteten Zusammenhang verdeutlicht: Den Kern der nationalsozialistischen Bewegung bildeten die zwischen 1900 und 1910 Geborenen. Diese Menschen sind in der Mehrheit streng erzogen worden. Gleichzeitig haben sie den Ersten Weltkrieg nicht direkt, sondern durch Geschichten und Propagandabilder vermittelt erlebt. Diese Kombination – die Erfahrung der eigenen Kleinheit verbunden mit Heldengeschichten – bildete den Nährboden für die „Eisenphantasien“ von der eigenen Unbesiegbarkeit. „Im Feld sind wir unbesiegt geblieben!“ wird als kompensatorische Phantasie einer ganzen Generation plausibel, wenn man sich die züchtigende, unterdrückende Autorität der Erziehung jener Zeit vergegenwärtigt. Die „Männer aus Eisen“ sind ein Mythos, der geglaubt wurde, weil er sowohl der eigenen Gewalterfahrung während der Kindheit als auch der Niederlage im Herbst 1918 einen – gleichsam kompensatorischen – Sinn verlieh. Wer diese – zugegeben auf den ersten Blick nicht ganz einfach nachvollziehbaren – Thesen nachlesen will, wird bei Klaus Theweleit oder – etwas kürzer und verständlicher – Jonathan Littell fündig.

Nun ist die Welt der Nationalsozialisten bekanntlich zwischen dem Spätherbst 1944 und Mai 1945 „zusammengebrochen“ oder „untergegangen“. Die Reaktion der Bevölkerung war eine nach großen Krisen oder Zusammenbrüchen häufige – man verdrängt und besinnt sich auf das, was noch einigermaßen „heile“ geblieben ist – im Westen waren das vor allem die christlichen Werte, die man nun fleißig restaurierte. Heraus kam die später von den Achtundsechzigern als „spießig“, „miefig“ und so weiter charakterisierte Welt des Wirtschaftswunders.

Wir halten heute sehr viel von Aufarbeitung, wir wollen den Dingen kritisch ins Auge blicken. Nur wenige machen darauf aufmerksam, dass die natürliche Reaktion auf große Katastrophen eben jene der Verdrängung ist. Viele Vertreter der Erlebnisgeneration haben dementsprechend von einem „Zusammenbruch“ gesprochen und weniger von einer „Befreiung“. Anders als im Westen hat man im Osten Deutschlands das eine totalitäre System schlicht durch ein anderes ersetzt – mit bisweilen erstaunlichen Parallelen. Doch hier geht es zunächst nicht um die ehemalige Sowjetische Besatzungszone, sondern um den Westen: der Kern der 68er Bewegung waren wiederum Vierziger Jahrgänge, also Menschen, die in ihrer frühen Kindheit zum Teil Angst und Entbehrung erfahren hatten – ein Umstand, der die „Theorielastigkeit“ bzw. „emotionale Distanz“ der Revolte gut erklären kann. Man revoltierte vor allem gegen die Verdrängung der Elterngeneration. Man warf der älteren Generation vor, zunächst mitgemacht und dann geschwiegen zu haben. Damit das nie wieder passiere, wollte man fortan mündige Menschen erziehen – Menschen, die nicht einfach mitmachten, sondern frei genug seien, Nein zu sagen. Man wollte keine autoritär verformten, gestanzten Menschen mehr, sondern freie Individuen, die sich kritisch mit sich und der sie umgebenden Welt auseinandersetzen. Zugespitzt formuliert: man wollte Kinder von blinder Autorität emanzipieren. Es sollte die Verformungen (oder: Anpassungen), die Angst, Gewalt und kollektiver Drill erzeugen, nie wieder geben. Es sollte keine funktionierenden Menschen mehr geben, die auf Kommando alles ausführen, was man ihnen befiehlt, um sich dann etwa am Funktionieren zu erfreuen.

Und wenn man heute genau hinschaut: das hat man – zumindest zum Teil – geschafft. Heute junge Menschen sagen eher Nein. Sie machen nicht einfach so mit, nur weil es gefordert wird. Sie nehmen Autorität nicht mehr für selbstverständlich. Dabei ist wichtig, was „selbstverständlich“ bedeutet: wenn etwas durch sich selbst verständlich wird, ist es nicht mehr hinterfragbar. Heute kann Autorität nicht mehr selbstverständlich behauptet werden. Davon können viele Lehrer, Ausbilder und Professoren ein Lied singen: Autorität ist weniger gegeben als früher, Autorität muss sich mehr erarbeitet werden, muss ausgehandelt werden. (Das war grundsätzlich auch früher so, nur war die Autorität, wenn sie erst einmal da war, viel dauerhafter und selbstverständlicher, und der Preis war oft entsetzlich, wollte man bestehende Autoritätsverhältnisse ändern. Insofern leben wir heute in viel „flüssigeren“ oder „offeneren“ Zeiten.)

„Zumindest zum Teil“ deshalb: Der Druck schleicht sich durch die Hintertür wieder herein. Freilich geben viele Eltern ihren Kindern zu verstehen, dass sie sie lieben. Gleichzeitig machen sie ihre Kinder – unterschwellig und leise, aber deshalb nicht weniger wirksam – auf die Mechanismen des allgemein herrschenden Wettbewerbs und die Notwendigkeit des Erreichens aufmerksam.

Doch zurück zu den Achtundsechzigern: in langen Bemühungen ist es ihnen und uns in der Nachfolge in nunmehr fünfzig Jahren gelungen, die Welt zu verändern. Die Enkel leben ein bisschen so, wie es den Großeltern einst vorgeschwebt hat. Wenn es nur eine Emanzipation von blinder Autorität und gewaltsamer Erziehung gewesen wäre, die erreicht wurde, würde das niemand in Frage stellen. Ich argumentiere an keiner Stelle für irgendeine Form von „zurück“ in die alte Welt, die in vielerlei Hinsicht kälter, finsterer, ausschließender, diskriminierender war als die heutige. Die Frage ist nur, ob wir es mittlerweile nicht übertreiben.

Das gegenwärtige Spektrum der Erziehungsstile
Michael Winterhoff liefert eine gute Analyse der gegenwärtigen Erziehungsstile und zeigt die Grenze auf, über die viele der gegenwärtigen Eltern hinweggehen, ohne es zu bemerken.

Unterordnung der Kinder
In der „alten Schule“ ordnen sich die Kinder ihren Eltern unter. Die Belange der Eltern haben Vorrang, Kinder „laufen mit“. Man würde nicht auf die Idee kommen, sich in einer Unterhaltung unter Erwachsenen von Kindern unterbrechen zu lassen. Es wird gemacht, was gesagt wird, die Eltern besitzen eine selbstverständliche Autorität. Kinder werden zurechtgewiesen – nicht um sie zu unterdrücken, sondern um ihnen zu zeigen, was richtig und falsch ist, ihnen etwa Höflichkeitsformen und Werte zu vermitteln.

Augenhöhe zwischen Eltern und Kindern
In der heute in westlichen Ländern am häufigsten vorzufindenden Form der Erziehung werden Kinder wie kleine Erwachsene behandelt – sie werden ernst genommen, es wird mit ihnen diskutiert, man versucht, Kinder zu überzeugen und dazu anzuleiten, ihre Konflikte selbst zu lösen. Eltern und Erzieher werden zu Partnern, Beratern, Freunden, Kollegen und so weiter. Viele der gegenwärtig vorzufindenden Programme in Kindergärten und Grundschulen entsprechen genau dieser Vorstellung von der partnerschaftlichen Erziehungsbegleitung. Die Erfahrung vieler: so funktioniert das auch irgendwie besser, man kann Kinder tatsächlich zu mehr Autonomie und Selbststeuerung erziehen, selbst die Unterrichtsgestaltung kann auf Selbststeuerung umgestellt werden, sodass ein Lehrer kein „Instrukteur“ mehr ist, sondern zum „Begleiter“ wird. Winterhoff meint hier, dass diese Sichtweise den natürlichen Entwicklungsphasen von Kindern widerspricht – kleine Kinder können noch nicht selbst entscheiden, vielmehr müssten sie genau dies erst lernen. Indem Kinder zu früh selbst entscheiden könnten, würden wichtige Entwicklungsschritte ausgelassen. Für weiterführendes Interesse: Sie finden hier unsere Zusammenfassung des Winterhoff-Buches „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ in Form einer Präsentation im PDF-Format.

Unterordnung der Eltern
Die partnerschaftliche Erziehung ist mittlerweile in vielen westlichen Ländern so etwas wie der statistische Normalfall. Niemals in der Geschichte haben Kinder öfter zu hören bekommen, dass sie geliebt werden und etwas ganz Besonderes seien. Das Problem mit dem Begriff der Besonderheit ist, dass das Besondere einer größeren Entität von etwas Normalem oder Durchschnittlichen bedarf, sonst funktioniert der Begriff nicht. Aber gut – ein Kind auf Augenhöhe zu erziehen, es zu beteiligen, ihm etwas zu erklären, es im Rahmen bestimmter Grenzen Entscheidungen zu überlassen – all das hat keine gravierenden Folgen außer selbstbewussteren Kindern. Wenn ein Jugendlicher bereits im Kindergartenalter gelernt hat, dass er diskutieren und seine Mutter bisweilen überzeugen kann, dann sind Aushandlungsprozesse so selbstverständlich, dass sie nicht hinterfragt werden können. Also wird dieser junge Mann mit seinem Ausbilder diskutieren, bis Einsicht eintritt – oder es zur Eskalation kommt. Alle, die noch aus der „alten Schule“ stammen und mit jungen Menschen zu tun haben, werden lernen müssen, damit umzugehen. Zusammengefasst: Augenhöhe hat ungewohnte Folgen, aber ist nicht schlimm. Am Ende waren wir es selbst , die die jetzt jungen Leute großgezogen haben.

Schlimm ist nur die Übertreibung der ansich positiven Intention der Augenhöhe, nämlich die Unterordnung unter das Kind. Es gibt Eltern, die ihre Kinder in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen. Die betreffenden Kinder werden zu Hauptpersonen, noch bevor sie überhaupt wissen, dass sie Personen sind. Solche Eltern setzen keine Grenzen. Die Kinder haben qua Existenz Recht. Sätze wie: „Für mein Kind tue ich alles.“ (vor dem Kind ausgesprochen) oder: „Wenn mein Kind sagt, dass es das nicht gemacht hat, dann hat es das auch nicht gemacht.“ sprechen dafür, dass sich die betreffenden Eltern selbst aufgegeben haben und nur noch für das Kind leben. Wenn eine Mutter etwa nur ein Kind hat und dieses dann zum „Projekt“ der eigenen Selbstverwirklichung macht, dann „gestaltet“ Mutti das Kind, und es kann ja nicht sein, dass bei der „Gestaltung“ etwas schief gelaufen ist, und das „Projekt“ etwa einen Kindkollegen verhauen hat. Eine andere Mutter mag sich aufgrund fortdauernder Misserfolgserfahrungen gar nicht mehr vorstellen können, dass es mit ihr und einem Beruf und irgendeiner standardmäßig erwarteten Position in der Gesellschaft etwas wird. Sie hat die Schule erst im dritten Anlauf geschafft und schmeißt nun die zweite Ausbildung hin, um zu vermeiden, dass es wieder nichts wird. Sie meldet sich quasi von der Gesellschaft und ihren Erwartungen ab und bekommt Kinder. Das ist etwas, das ihr Kontrolle und Status verleiht. Sie hat zwar kaum Kraft, ihre Kinder zu erziehen, aber das Lächeln der Kinder sagt ihr, dass sie wenigstens das richtig gemacht hat. Und damit die Kinder lächeln, werden ihnen Wünsche erfüllt. Ein so nicht erzogenes Kind hat kein Fundament. Es kennt nur sich und seinen Verfügungsraum. Andere Menschen sind Objekte im Verfügungsraum. Und wenn die nicht machen, was man will, wird eskaliert. Geschieht dies von früh an, entwickeln die betreffenden Kinder keinerlei Notwendigkeit, sich an irgendetwas zu halten. Sie rotieren um sich selbst – unfähig zur Bindung, weil sie gar nicht wissen, dass es andere Menschen überhaupt gibt. Und was ist man, wenn man der einzige Mensch auf der Welt ist? Man ist Hauptperson in einem Film, den man nicht gucken kann, weil man weder weiß, was etwas bedeutet, noch, wer man selbst ist. Die Folge: man zappelt um sich selbst herum, ohne Sinn und Ziel, man hat den Hunger der frühkindlichen Phase, ohne diese jemals verlassen zu haben, man behandelt alles und jeden wie Objekte zur Bedürfnisbefriedigung, ohne die eigenen Bedürfnisse zu kennen. Man weiß nicht, was man will (das wechselt im Sekundentakt, je nach dem, wohin das Kind blickt), aber wehe, man bekommt es nicht (dann eskaliert das Kind im Sekundentakt).

Was hilft nun in einem solchen Fall – etwa in dem eingangs beschriebenen Fall durchgängig grenzenlosen Verhaltens? Die Antwort fällt vorerst kurz aus – die späteren Abschnitte erklären, warum die Antwort so und nicht anders lautet: Man muss „nachsozialisieren“, und zwar genau so, wie man es mit Kindern machen würde, die so jung sind, wie die Betreffenden zumindest emotional noch sind. Wenn ich in meiner Entwicklung bestimmte emotionale Reifeprozesse nicht durchlaufe – genauer gesagt: wenn ich nicht weiß, was eine Grenze ist – muss das nachgeholt werden. Das heißt, ein Kind sollte mit stabilen, klaren Reaktionen konfrontiert werden, und zwar so lange, bis sich Lern- und Gewöhnungseffekte einstellen.

Exkurs: Der Ursprung der Kommunikation
Um zu begreifen, wo unsere Fähigkeit zu kommunizieren herkommt bzw. wie sie entstanden ist, ist es hilfreich, sich die Lebenssituation der „Urhorde“ vorzustellen – und zwar zunächst als eine Ansammlung von Primaten, deren „Signale“ noch denen anderer Säugetiere entsprochen haben. Kennzeichen von „Tiersprachen“ ist es, dass ein Signal immer eine bestimmte Reaktion zur Folge hat. Eine Drohgebährde führt zu einer weiteren Drohgebährde – so lange, bis eines der beteiligten Tiere angreift oder flüchtet. Tiere „verstehen“ die Signale nicht – weder die anderer Tiere noch die eigenen. Sie reagieren direkt. Nun muss man sich vorstellen, dass eben jene Primaten irgendwann angefangen haben, sich im Verband zu verhalten, also beispielsweise bestimmte Rollen bei der Jagd auszuprägen. Durch diese Rollenverteilung, also Anfänge von Kooperation, wurde die Jagd effektiver. Durch diese steigende Effektivität entstanden Freiräume – vielleicht hockte man nun um das Feuer herum und hatte so viel zusammengejagt und -getragen, dass man ein wenig Zeit hatte. Die Fähigkeit zum Produzieren von Signalen gab es bereits – nur hatte bis dato ein Signal eine direkte Reaktion zur Folge. Man stelle sich vor, einer der beteiligten Primaten zeigt auf ein Beutestück und macht einen bestimmten Laut dazu – nicht als direktes Signal gedacht, sondern vielleicht als Bezeichnung desselben, um dem Bezeichneten nachher ein bestimmtes Attribut zu verleihen (etwa: besonders groß). Dies könnte als eine „erste signifikante Geste“ verstanden werden – keine Geste mehr im direkten Verhaltensfluss, sondern eine Geste, die etwas bezeichnet. Damit verhält sich der betreffende Primat nicht mehr nur auf Reize oder Gesten hin, sondern er benutzt eine Geste, um einem Objekt eine bestimmte Bedeutung zu verleihen. Damit wird die Bedeutung dem betreffenden Primaten bewusst. Angenommen, er wiederholt seine Zeigehandlung ein paar Mal, bis auch andere Primaten ihn nachahmen – das erste geteilte Symbol ist entstanden. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, dass auch andere Primaten mit einem bestimmten Objekt eine bestimmte Bedeutung verbinden (zum Beispiel: X = groß). Von einer ersten Bedeutung ist es zu anderen Bedeutungen nicht weit, denn nun können Unterschiede gemacht werden (beispielsweise: Y = nicht groß = klein). Nun haben wir das, was uns als Menschen von anderen Säugetieren unterscheidet: wir können Dingen Bedeutung verleihen, was wir mit Hilfe sprachlicher Symbole tun. Der Unterschied zur tierischen Körpersprache ist, dass Tiere nicht wissen, welche Bedeutung bestimmte Gesten haben (sondern direkt reagieren), Menschen hingegen schon – weil wir wissen, was ein bestimmtes Signal bedeutet, indem wir uns nicht direkt dazu verhalten (was bei körpersprachlichen Signalen trotzdem oft genug passiert, etwa wenn wir ärgerlich sind), sondern indem wir prinzipiell dazu in der Lage sind, Bedeutungen zu verstehen, indem wir ihre Konsequenzen mit Hilfe von Symbolen simulieren können. Denken ist also nichts anderes als eine Simulation von Ereignis- oder eben Handlungsketten mit Hilfe von Symbolen. Wir sind also nicht auf das Risiko des direkten Verhaltens angewiesen, sondern können uns – den entsprechenden Abstand von heftigen Affekten vorausgesetzt – von der Verhaltensverkettung „lösen“, die möglichen Konsequenzen anhand entsprechender – sprachlicher – Symbole simulieren. Das erlöst uns von dem Zwang der direkten Reaktion (Verhalten) und ermöglicht uns eine bewusste Wahl (also die Handlung).

Was hat das mit Erziehung zu tun?
Die Frage ist ganz berechtigt: was hat diese eher allgemeine Darstellung der Entstehung der Sprache mit Erziehung zu tun? Nun, die Verbindung liegt nicht direkt auf der Hand, aber sie ist von allergrößter Bedeutung für unsere Fragen.

Besonders wichtig ist die Erkenntnis, dass es für das Erkennen von Bedeutungen immer des anderen bedarf – ich könnte allein nicht wissen, welche Bedeutung ein beliebiges Ding in meiner Umgebung hat. So, wie der eine Primat auf etwas gezeigt und ein Symbol dazu geformt hat, war er ja erst einmal nur alleine. Damit die Bedeutung in die Welt kommt, bedarf es des anderen, der diese Bedeutung teilt. Wenn wir also Symbole gemeinsam benutzen, können wir uns verständigen. Wir müssen also immerhin die Fähigkeit besitzen, auf bestimmte Symbole gleich – oder zumindest ähnlich – zu reagieren. Wenn wir Symbole benutzen, benötigen wir das Wissen darüber, wie man (also der andere, viele andere, zu einem „generalisierten Anderen“ kondensierte Erfahrungen mit vielen anderen) reagiert, damit wir wissen, was bei der Nutzung eines bestimmten Symbols oder einer Handlung wahrscheinlich herauskommt.

Für die Erziehung relevant ist nun die Frage, wie die Bedeutungen in so einen kleinen Menschen kommen, wie sich dieser die Bedeutungen aneignet oder wie die Erwachsenen ihr oder ihm die Bedeutungen beibringen. Hier wird die soziale Natur des Lernens besonders deutlich. Kinder können die Welt zwar ertasten, erblicken und auf viele Weisen erfahren. Was aber welche Bedeutung hat – also letztlich: wie man auf bestimmte Symbole oder Objekte reagieren soll – das lernt ein Kind durch die Interaktion mit Erwachsenen. Wir interagieren die Bedeutungen quasi in unsere Kinder hinein.

Ein Beispiel: Wenn ein Kind hinfällt, kann das mehr oder weniger oder kaum schmerzhaft sein. Zudem wird das Kind dabei mehr oder minder erschrecken. Wer einmal länger mit Kindern zu tun hatte, wird folgenden Ablauf kennen: das Kind fällt hin, fängt sich dabei mehr oder weniger auf, rappelt sich ein ganz klein wenig auf und blickt dann seine am nächsten erreichbare Bezugsperson an. Je nach dem, was diese tut, richtet das Kind dann seine weiteren Reaktionen aus: es bleibt liegen und weint oder es schluchzt ein wenig und steht auf. Die Eltern können sich also überlegen, ob sie zum Kind eilen, ihrer eigenen Angst durch laute Ausrufe Ausdruck verleihen, das Kind aufheben, trösten und ihm damit beibringen, dass Weinen zu allergrößter Aufmerksamkeit und Sorge führt. Beim nächsten Mal versucht es das Kind gleich ein wenig direkter, lauter etc. Ein Muster bahnt sich, bis das Kind womöglich gar nicht mehr aufsteht, wenn es hingefallen ist. Die Eltern können sich andererseits auch überlegen, erstmal zu schauen, wie schlimm es eigentlich ist und sagen: „Das passiert. Steh auf und mach weiter.“ Und etwas später: „Alles gut? Tut etwas weh?“ Dann lernt das Kind, den Schmerz einzuschätzen. Freilich wird es weinen, wenn etwas sehr weh tut, aber es lernt nicht, Schmerz als Rollenspiel aufzuführen. Auf diese Weise bringen wir unseren Kindern quasi die „richtigen“ Reaktionen bei. So erlernen Kinder Bedeutungen (mehr, weniger oder kaum schmerzhaft beispielsweise).

Wie entwickeln sich „sichere“ Kinder?
So entscheidet sich auch, ob ein Kind ein sicheres oder ein unsicheres Selbstbild entwickelt. Indem wir konsistent und sicher – ein Stück weit auch gleichmütig und gleichbleibend konsequent – reagieren, lernt das Kind seine Grenzen kennen und lernt, was richtig und falsch ist. Damit ein Kind sich später bezüglich eigener Werte entscheiden kann, muss es erst einmal Werte vermittelt bekommen. Eltern brauchen dafür ihre Intuition – ich kann in der Regel intuitiv entscheiden, was richtig und falsch ist, und ich kann das auch sagen. Viele Eltern weisen ihre Kinder aber nicht mehr zurecht, lassen sich unterbrechen, stellen ihre Kinder in den Mittelpunkt. Sie diskutieren mit ihren Kindern; sie versuchen, ihre Kinder zu überzeugen.

Was dadurch in Bezug auf die psychische Entwicklung passiert, könnte in etwa wie folgt beschrieben werden: Normalerweise würden sich durch die sicheren, konsistenten Reaktionen der Eltern beim Kind eine Reihe ebenfalls sicherer Reaktionsmuster entwickeln. Diese bilden quasi das „sichere Fundament“ der später immer eigenständigeren Handlungen des Kindes. Geschieht dies nicht, haben die Kinder kein solches Fundament und müssen quasi selbst entscheiden oder herausfinden, was richtig oder falsch ist. Das können sie aber nicht, weil ihnen genau dieses Fundament ja fehlt. Sie können daher nur sich selbst zum Maßstab nehmen, und das sind – etwa bei Vierjährigen – vor allem die eigenen Bedürfnisse. So handelnde Eltern zwingen ihre Kinder geradezu, sich um sich selbst zu drehen.

Aus dem Versuch, der allzu gewaltsamen und verformenden Erziehung früherer Zeiten etwas entgegenzusetzen, sind zwar neue pädagogische Formate erwachsen, die auch funktionieren und alles in allem selbstbewusstere (und damit einhergehend auch: weniger bescheidene) junge Menschen heranwachsen lassen. Aber in der Übertreibung dieser Perspektive haben viele von uns aufgehört, Kinder als das zu behandeln, was sie sind, nämlich kleine Wesen, die erst einmal ein Fundament brauchen, von dem aus sie sich die Welt erschließen können – eben auf der Grundlage der sicheren Reaktionen seiner Eltern und Erzieher. Hat ein Kind dieses Fundament nicht, schwebt es quasi in einem leeren Raum.

Ein Beispiel: Ein Kind von Crystal konsumierenden Eltern ist zuhause mit extrem wechselhaften Handlungs- bzw. Reaktionsmustern konfrontiert und zeigt deshalb auch selbst wenig stabile Reaktionsmuster bis hin zu stärkeren Auffälligkeiten. Damit das Kind stabile Bindungen entwickeln kann und hinsichtlich einiger sprachlicher und kognitiver Defizite gefördert werden kann, weist das Jugendamt das betreffende Kind einer speziellen Betreuungsstelle zu. Dort gibt es ausgebildete Pädagogen, die viele hilfreiche Methoden kennen. Das Kind baut tatsächlich Bindungen auf, aber es kommt immer wieder zu schwereren „Ausrastern“. Diese „Ausraster“ werden dann von den Pädagogen mit dem Kind besprochen – mit dem Ziel und in der Hoffnung, dass bei dem Kind die „Einsicht“ wachse, dies oder jenes fortan nicht mehr zu tun.

Ich meine, dass diese Vorgehensweise nicht besonders hilfreich ist: was richtig oder falsch ist, lernt ein Kind im Kindergartenalter zunächst nicht durch normative Einsicht, sondern durch direkte Reaktionen. Das Kind lernt also anhand der direkten Reaktion des Pädagogen, ob es gerade etwas falsch gemacht hat. Ich kann dazu etwas erklären, aber die Erklärung hilft zunächst weniger als meine entsprechende Reaktion vorher. Ein Kind braucht zuerst ein auf stabilen Bindungs- und Reaktionsmustern beruhendes eigenes Reaktionsmuster, bevor die kognitiven Lernprozesse aufsetzen können. Selbstregulation ist zunächst ein höchst affektives Geschäft – bekomme ich Reaktionsmuster vermittelt, die mir helfen, meine direkten Impulse in den Griff zu bekommen – oder nicht.

Einwand der betreffenden Pädagogen aus der oben beschriebenen Betreuungsstelle: „Wir tun ja selbst nur das, wovon wir überzeugt sind. Wir erwarten deshalb von den Kindern auch, dass sie nur tun, wovon sie auch überzeugt sind. Unsere absolute Grundüberzeugung ist, dass Lernen selbstgesteuert passiert.“

Solcherlei Grundannahme führt dazu, dass Kinder wie kleine Erwachsene behandelt werden. Wenn ein Kind aber aufgrund chaotischer Reaktions- und Bindungsmuster bei den Eltern kein sicheres Fundament hat, wie kommt dann Sicherheit in das Kind? Durch freundliche Erklärungen? Durch Diskussionen? Nein. Durch sichere Reaktionen. Durch ein zugewandtes, bindungsorientiertes Fundament in Verbindung mit klaren Ansagen (Hauptsätze; keine langen Erklärungen) und wohlmeinender Konsequenz (wobei das Ausbleiben einer positiven Konsequenz besser ist als eine Strafe).

Was bedeutet das praktisch?
Die Leitfrage für Fälle wie den eingangs geschilderten lautet: wie kommen Grenzen und Normen in die Welt? Ein Kind muss erst einmal Bedeutungen kennen, damit es später Bedeutungen aushandeln kann. Sonst bleibt das Kind im freien Raum der Rotation um sich selbst. Hyperaktivität oder Aggressivität sind dann nur andere Namen für das Problem.

Damit möchte ich nicht behaupten, dass jeder Fall von Hyperaktivität aus den beschriebenen Dynamiken entsteht. Vielmehr meine ich, dass zu häufig mit Diagnostik auf ein Phänomen geantwortet wird, das auch aus einer Mischung aus Interaktionsdynamik, Ernährung und Medienkonsum entstanden sein könnte. Bevor man zulässt, dass einem Kind eine Diagnose verpasst wird, könnte man im Falle des Verdachts etwa auf ADHS die folgenden Interventionsmöglichkeiten anwenden:

  • Unbedingte Wertschätzung als Grundlage verbunden mit wenigen sehr klaren Regeln und gleichbleibender Konsequenz
  • Ruhe in der Ausstrahlung und ruhige, aber klare Ansagen; nicht diskutieren, sondern nach der Ansage weggehen; mit dem Ausbleiben positiver Konsequenzen anstelle von Strafen arbeiten; trotzdem genug Potential für positive Konsequenzen schaffen
  • Ernährungsumstellung in Richtung Reduktion von Kohlehydraten
  • Fernsehzeiten minimieren und für viel Bewegung sorgen
  • Beobachtung der Interaktion zwischen Kind und einem Elternteil; Feedback durch das andere Elternteil; häufige Wiederholung dieser Prozedur mit dem Ziel des Erkennens von Mustern und des Ausprobierens neuer Interaktionsmuster; wenn dies gelingt, wird es zu einem „kontinuierlichen Verbesserungsprozess“
  • Beratung durch die am Kind arbeitenden Pädagogen (die wissen häufig mehr, als sie sich zu sagen trauen)

Diagnostizieren kann man im bleibenden Zweifelsfall immernoch.

Die „Gesundheitsvermutung“ am Beispiel des Bettnässens
Bisher habe ich vor allem Beispiele aus den Bereichen „Verdacht auf ADHS“ und „Aggressivität“ verwendet. Das sind sehr populäre, viel besprochene Beispiele. Der Vollständigkeit halber will ich noch ein weniger oft diskutiertes, aber nicht minder relevantes Beispiel darstellen, nämlich das des so genannten Bettnässens. Die Ausgangssituation: ein eigentlich schon lange trockener Junge fängt im Alter von fünf Jahren an, nachts einzunässen.

Ein zunächst ganz oberflächlicher psychologischer Ansatz wäre zu fragen, wozu das gezeigte Verhalten nützlich sein könnte, welches Problem oder welchen Konflikt es (vordergründig) zu lösen scheint. Angenommen, man fragte tatsächlich nach dem Wozu der Symptome, dann würde man zwangsläufig auch zu der Frage kommen, wann es denn anders war, und was da ringsherum anders war, als es anders war. Sprich: Wann war der Kleine trocken, und was war da anders als jetzt? Dann würde man weiterdeklinieren, wann es begonnen hat, was sich rundherum verändert hat usw. Man würde eine „Entwicklungsgeschichte“ zeichnen und ggf. schon Muster entdecken.

Eine andere Herangehensweise wäre, die ganze Sache in psychoanalytischer Weise als kindlichen Konflikt zu verstehen. Da ist ein kleiner Junge, der vielleicht mehrere Jahre die volle Aufmerksamkeit seiner Mutter genossen hat, und dessen Vater seinerzeit vergleichsweise häufig zu Hause war. Dann bekam der Junge aber eine kleine Schwester (erster Konflikt). Später merkt er, dass die Aufmerksamkeit seiner Eltern außer auf ihn und auf die Schwester offensichtlich auf noch mehr Dinge verteilt wird (Haus, Beruf). Dann sind seine Eltern nicht mehr in der Weise für ihn da, die er mehrere Jahre gewohnt war (zweiter Konflikt). Nun braucht nur noch ein bißchen kindlicher Vergleich mit der Aufmerksamkeit für das Schwesterchen hinzukommen, und fertig ist die Bettnässerei.

Die Kindheitserinnerungen mancher Menschen besagen, dass sie sich als Kinder selbst Windeln angelegt haben, nachdem kleinere Geschwister hinzukamen. Will sagen: offensichtlich hat das Windeln eine gewisse Versorgungs- oder Aufmerksamkeitsfunktion. Man könnte die Bettnässerei also einstweilen als aufmerksamkeitsorientiertes Verhalten deuten. Damit ist noch niemand krank und hat auch noch niemand irgendwas falsch gemacht. Von tief liegenden – und leider nie klärbaren und deshalb in der Kommunikation darüber hoch gefährlichen – genetischen Ursachen ganz zu schweigen!

Was zunächst helfen könnte, wären meines Erachtens die folgenden Sachen:

  1. Das Kind beobachten: Wie interagiert das Kind, wann ist es entspannt, wann nicht, wie reagiert es auf seine Mutter (und ja: die Mutter bleibt hier wichtiger/bedeutsamer als der Vater, es sei denn, es gibt nur Väter, aber das ist ja selten der Fall)? Man beobachte das Kind einfach mal ein paar Tage ohne großen Input und ohne große Vermutungen. Man mache auch Videoaufnahmen (die vom ersten Tag sind nicht verwendbar, aber ab dem zweiten sind die Kinder dran gewöhnt). Als dann sehe man sich alles an und schaue in der Reflexion, was man daraus lernen kann. Wichtig: Intuition ist hier oftmals hilfreicher als psychologisches Wissen. Besonders gefährlich ist pädagogisch-psychologisches Halbwissen aus der Elternzeitung.
  2. Eine besonders wichtige Frage bleibt: Wann tritt es auf, wann ggf. nicht? Was sind die jeweiligen Rahmenbedingungen? Mit ein bißchen Geduld findet man vielleicht ein paar Muster.
  3. Bettnässer sind in der Regel sensible Kinder. Allein diese Sensibilität reicht nach meinem Dafürhalten aus, auf berufliche (und damit die Aufmerksamkeitskapazität pro Kind betreffende) Veränderungen zu reagieren. Ob diese „Gesundheitsvermutung“ zutrifft, kann man leicht prüfen: sich einfach zwei Wochen „kindkrank“ schreiben lassen und sehen, was passiert. Falls es zutrifft, als dann dem jetzigen Job Good Bye sagen und einen Job machen, der sich besser mit der Familie vereinbaren lässt. Gerade Jungs brauchen Mama, zumindest wenn sie klein sind. Das steht bisweilen anders in den Zeitungen, aber die Zeitungen werden oft von ahnungslosen HobbypsychologINNEN geschrieben, die lieber an ihre jeweiligen Lieblingsideologien glauben, als einen Blick in die Realität zu werfen.
  4. Ein schöner Versuch wäre auch, wenn Mama mit Kind für eine Woche wegfährt. Nur die beiden. Hypothese: mit genug Aufmerksamkeit (von Mama, nicht von Oma, Papa, Schwester etc.) ist die Geschichte kurz- oder mittelfristig eine andere. Vielleicht muss man klare Ansagen dazu kombinieren: indem man unsicher nach Ursachen forschend das Kind anblickt, wird es womöglich nicht besser; strahlt man dagegen eine gewisse Sicherheit aus und macht eine ganz klare Ansage (Hauptsätze!), wirkt sich das auf die Sichtweise des Kindes aus. Zumindest kann man Kindern so einige kritische Dinge beibringen: Schnuller weg, im Zimmer bleiben, bestimmte Dinge unterlassen, letztlich ja auch durchschlafen oder verschiedene Disziplinsachen wie das Händewaschen oder das „bitte“ Sagen.

Zusammenfassung
Das Kind zum Psychologen oder gar zum Psychiater schicken – das kann man immer noch. Starten würde ich zunächst mit einer Gesundheitsvermutung – erst einmal die Interaktion beobachten und vielleicht an den Rahmenbedingungen etwas ändern. Als dann ist die Frage wichtig: was haben die Eltern möglicherweise selbst dazu getan, dass es zum Problem werden konnte? (Stress gehabt, Konflikte vor den Kindern ausgetragen, lange auf Arbeit geblieben, zu viel Oma engagiert, ein Haus gebaut… ?) Erst einmal gilt es, sich selber an die sprichwörtliche eigene Nase zu fassen und etwas zu ändern. Wenn das nicht hilft, kann man immer noch losgehen und Psychologen oder Psychiater fragen. Aber Vorsicht: wenn man den Kollegen Geld gibt, finden sie in der Regel auch etwas. Sie können ja nichts anderes ;-)

Jörg Heidig

Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar

Rezension zu unserem Buch „Prozesspsychologie“

Die Rezension ist schon vor längerer Zeit in einem Online-Magazin erschienen, aber wir sind erst dieser Tage darauf aufmerksam geworden:

„Theorie und Praxis stehen hier in einem ausgewogenen Verhältnis nebeneinander. Die Theorie ist dabei für Fachfremde wie mich verständlich erklärt. Dazu kommen Fallbeispiele aus der Unternehmenspraxis, die sehr gut nachvollziehbar sind. Das Ganze wird lebendig beschrieben, mit Wiedererkennungswert.“

Link zur Rezension

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Wie man die frühere Heimat später in Erinnerungen einschließt

Mein früherer Kollege Zeljko Cumbo hat auf Facebook einen Text geteilt, den ich sehr interessant fand – nicht, weil er mich an meine “alten Zeiten” in Bosnien erinnert, sondern weil er das Gefühl gut beschreibt, das viele “Ex-Jugoslawen” damals hatten und zum Teil auch heute noch haben. Und weil der Text am Ende sehr viel mit dem Thema “Flüchtlinge” zu tun hat, das heuer so kontrovers diskutiert wird. Ich fand den Text so gut, dass ich ihn übersetzt habe:

Ich lebe seit 1993 in Kanada, fast ein Vierteljahrhundert. Wir sind am Anfang des Krieges hergekommen, als wir gesehen haben, dass es für uns keine Rückkehr nach Sarajewo gab, und dass es auch nirgendwo anders in unserer früheren Heimat mehr einen Platz für uns gab. Vom ersten Moment an fühlten wir uns in Kanada zuhause. Wir haben dieses Land lieben gelernt, ein Land, in dem Ordnung herrscht und Arbeit, Toleranz, Sauberkeit und Liebenswürdigkeit wichtig sind. Uns ist wohl bewusst, dass die Liebenswürdigkeit der Kanadier nicht immer ehrlich ist, aber uns ist das auch nicht wichtig: die Leute sind höflich, sie haben uns in ihrem Land willkommen geheißen und uns die Möglichkeit geboten, in den Berufen zu arbeiten, die wir erlernt hatten; sie ermöglichten uns, ein normales Leben zu leben und uns nicht wie Ausländer zu fühlen; sie akzeptierten unseren Akzent in der englischen Sprache, so stark er auch gewesen sein mag.

Was könnten wir uns mehr wünschen?

Es gibt hier Menschen aus der ganzen Welt. Man sagt, Toronto sei die multikulturellste Stadt der Welt. Wenn man hierher kommt, versteht man erst, wie klein man ist, dass man nur ein Mensch ist unter den Millionen, die hierher kommen, um ihren Platz unter der Sonne zu finden. Wie schafft man es dann, dass einen jemand bemerkt und einem die Chance gibt zu zeigen, was man kann? Wie soll man sich von der Masse abheben, deren größter Teil zumal hochgebildete Menschen sind? Unter allen anderen Komponenten des anfänglichen Kulturschocks (es liegt nicht ein einziger Papierfetzen auf der Straße, man darf niemanden berühren, wenn man in einer Schlange steht oder mit dem Bus fährt, Verkehrsregeln werden strikt eingehalten, kein Hupen, wenn man während der Fahrt die Geduld verliert) war es die Erkenntnis der eigenen Größe und Bedeutung, oder besser gesagt, der eigenen Kleinheit und Bedeutungslosigkeit, die am schwersten anzunehmen war.

Aber mit der Zeit, wenn man ein wenig Selbstvertrauen gewinnt und sieht, wie viel man tatsächlich weiß und wie viel man kann, findet man zur Normalität und zum eigenen Identitätsbewusstsein zurück. Man arbeitet hierzulande viel und lange, das Leben ist stressig und vollgestopft, die Jahre vergehen in dem Rennen darum, dass man ankommt und etwas erreicht, und dann merkt man auf einmal, dass man 50 und ein paar Jahre alt ist und die besten Jahre hinter einem liegen. Wo sind die Jahre hin? Irgendwie fehlen sie mir… Ich betrachte mich selbst immer noch als einen jungen Menschen, sowohl wenn ich allein bin als auch in Gesellschaft – ich kann nicht glauben, dass jemand in mir eine Frau im mittleren Alter oder gar eine ältere Person erblickt. Die folgenden Dinge haben meinen Mann und mich in den letzten zwanzig Jahren über die Maßen beschäftigt: Arbeit finden, auf Arbeit Fortschritte machen, sich in das hiesige kapitalistische System einfügen – und das mit unserer emotionalen slawischen und im Grunde sozialistischen Seele, ein Haus kaufen, einrichten und abzahlen, Autos, Reisen, ein Kind auf bestmögliche Weise erziehen, dem Kind ermöglichen, gute Schulen zu besuchen und sich mit Dingen zu beschäftigen, die es liebt, die Eltern aus Sarajewo herholen, sich um sie bis zum heutigen Tag sorgen, mit ihnen all ihre Schwierigkeiten bewältigen – mit der Sprache, dem Verlust all dessen, was sie einst besaßen, mit der neuen Kultur, dem Geld, mit Krankheiten, mit Bekannten, mit dem Tod… Das ist eine große Verantwortung für zwei junge (und nun nicht mehr so junge) Menschen, von daher ist es kein Wunder, dass 20 Jahre vergangen sind wie nichts.

Auch wenn wir nach wie vor denken, dass der Umzug nach Kanada unter den damaligen Umständen das beste war, was wir tun konnten, und auch wenn wir sehr glücklich und stolz auf das Leben sind, das wir hier aufgebaut haben, erinnern wir uns oft an andere, weit zurückliegende Zeiten. Unsere schönsten Jahre verbrachten wir im Sarajewo der Vorkriegszeit, als wir am frühen Morgen heiße Hörnchen aus der Bäckerei auf der Bascarsija und Brezeln aus dem Kiosk neben dem Ersten Gymnasium gegessen haben, als wir uns abends getroffen haben, als wir mit der Seilbahn auf die Berge vor der Stadt gefahren sind und uns von dort oben an der Schönheit unserer Stadt erfreut haben, als wir an Wintertagen den Geruch von heißen Maronen einsogen, bis uns der Sarajewoer Smog in Nase und Augen kniff. Interessant ist, welche dieser Details die stärksten Erinnerungen an die Vergangenheit, die frühere Heimat wachrufen und bisweilen einen kleinen Tränenausbruch verursachen, bevor man sich wieder im Griff hat. Das sind nie Bücher, Filme oder Fotos, das ist immer ein vertrauter Geruch (heiße Maronen oder Wintersmog) oder der Klang eines Songs, den man lange nicht gehört hat. Unser Leben in Sarajewo kommt mir heute vor wie ein wundervoller, sorgloser Traum, eigefangen in schönen Pastelltöne und angenehmen Gerüchen, abgerundet durch ein warmes Gefühl der Sicherheit und Zufriedenheit. Trotzdem wir nicht viel hatten, war es irgendwie gut und genug. Heute lesen wir Zeitungen und Portale und verfolgen, was dort geschieht. Es gefällt uns nicht, was wir sehen und hören. Das sind jetzt andere, uns fremde Länder mit Mentalitäten und Standards, die wir nicht verstehen. Deshalb haben wir uns entschlossen, dass wir unser Sarajewo so in Erinnerung behalten, wie es einst war – aus der Erinnerung kann man es uns nicht wegnehmen – und dass wir Jugoslawien in der Seele tragen, auch wenn wir uns voll und ganz bewusst sind, dass es dieses Land schon lange nicht mehr gibt.

Vesna

Toronto, Kanada

Zum Original-Text

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Eins der großen Missverständnisse unserer Zeit

Beginnen wir mit einer Beobachtung: In meinen Lehrveranstaltungen können Studenten ihre Hausarbeitsthemen in der Regel selbst entwickeln und vorschlagen oder – im selteneren Fall – aus einer Liste wählen. Dabei fällt mir auf, dass der Anteil der auf Selbstreflexion gerichteten Themen stark angestiegen ist. War vor zehn Jahren noch geschätzt eine von zehn Arbeiten selbstreflexionsorientiert, sind es heute deutlich mehr als die Hälfte. Gleichzeitig nimmt der Betreuungsaufwand bzgl. dieser Arbeiten zu. Es scheint, als würden die betreffenden jungen Leute nach Selbstreflexion streben, diese aber nicht erreichen, ja durch das Streben danach sogar davon abgelenkt werden. Nach manchen Gesprächen habe ich das Gefühl, dass es nicht um Selbstreflexion geht, sondern um eine Selbstbetrachtung aus einer seltsamen, zunächst wenig greifbaren „dritten“ Perspektive. An der Perspektive von außen ist erst einmal nichts Ungewöhnliches – man braucht eine gewisse „Distanzierung“ (und die Schilderungen anderer), um sich selbst reflektieren zu können. Das Seltsame an der von mir beobachteten Perspektive ist, dass sie nur selten kritisch oder lernend in Bezug auf eigene Handlungen daherkommt, sondern bestätigend, festigend. Als bräuchten die betreffenden jungen Leute eine Stimme von außen, die sagt: ja, Du bist gut so, wie Du bist. Gleichzeitig erheben diese Menschen aber auch selbst den Anspruch, gut so zu sein. So dreht sich die Sache im Kreis, und wir haben es mit einer Art „Selbstbestätigung aus sich selbst heraus“ zu tun. Oder anders formuliert: es scheint, als würde man die Verdrängung externalisieren. Der Unterschied zur „normalen“ Verdrängung oder auch zur Projektion ist, das letztere einfach stattfinden – etwas, das ein Mensch nicht in sein Selbstkonzept integrieren möchte, findet nicht mehr statt oder wird quasi in anderen Personen wiederentdeckt und kritisiert. Dieser Prozess läuft nun aber „doppelt“ ab: ich verdränge bereits etwas, behaupte, dass ich gut so bin und bestätige mir dann meine Version der Dinge gleichsam selbst von außen, indem ich mich ja selbst reflektiert habe.

Solche Mechanismen sind aus der Supervision mit Angehörigen von Helferberufen bekannt, etwa wenn man sich gegenseitig doppelt oder dreifach überlagernde Abwehrmechanismen vorfindet. So bemerkt man in einer Fallreflexion möglicherweise eine gewisse Identifikation einer Beraterin mit ihrer Klientin in einer Paarberatung mit einer Frau und ihrem Lebensgefährten. Nehmen wir an, die Identifikation kann herausgearbeitet und reflektiert werden. Ergebnis ist vielleicht eine neutralere Haltung der betreffenden Beraterin im Umgang mit dem Fall und eine gewisse Orientierung an Methoden, die auch in der Mediation Anwendung finden, also etwa Abwechslung bei Befragungen (bspw. Einigung darauf, wer beginnt, dann immer abwechselnd) oder eine platzmäßig „gerechte“ Aufteilung des Whiteboards bei der Visualisierung. Solche „kleinen Dinge“ unterstützen die neutrale Haltung ungemein. Was aber durch eine solche Reflexion möglicherweise verdeckt wird und im Falle des Vorhandenseins wirklich schwer ansprechbar ist, sind grundlegende Annahmen der Beraterin über die Natur von Beziehungen, über Trennungen, über Geschlechterrollen und so weiter. So sind mir immer wieder Kolleginnen und Kollegen in verschiedenen Helferberufen begegnet, die – mehr oder weniger unbewusst – in eine Richtung beraten, coachen und so weiter. Wenn etwa eine Lehrerin zur Kur fährt, dort einem freundlichen Therapeuten begegnet, der sie versteht und alles auf der Grundlage ihrer Sichtweise bespricht, weil er ja – bei aller Professionalität – Verständnis haben muss und auch nur die eine Seite der Medaille kennen kann, dann kann die Folge sein, dass die betreffende Lehrerin noch vor ihrer Rückkehr beim Scheidungsanwalt anruft. Es gibt (häufiger) Familienberater, die eher „auf Trennung“ beraten, und (seltener) andere, die eher „auf Familienerhalt“ beraten. Ein erster Schritt wäre, dass man sich damit auseinandersetzt, in welche Richtung man ggf. berät, und sich fragt, was den eigenen Modellen an Annahmen zugrunde liegt. Dann wäre schon viel gewonnen. Als dann wären da noch die der Profession zugrunde liegenden Tendenzen, also die Annahmen, die innerhalb der Disziplin selbstverständlich (und damit: nicht hinterfragbar) sind, die man also bereits mit dem Studium aufsaugt und die implizit beinahe allen Methoden innewohnen. Hier sei eine – aufgrund des Formats „Blogtext“ leider viel zu kurze – Annäherung versucht:

Nachdem Gott an Relevanz verloren hatte und die Normen der Gemeinschaft lockerer wurden, haben Psychologen dafür gesorgt, dass diejenigen Dinge, die wir vorher „im Himmel“ verortet hatten – also das, was größer und mächtiger war als wir, aber auch das Schicksalhafte, das Unwägbare, das Nichterklärbare – auf die Erde geholt und im Menschen selbst verortet wurden. Denn nichts anderes stellen einige der zentralen psychoanalytischen Konzepte dar – so ist der Freudsche „Trieb“ beispielsweise ein halbwegs metaphysisch anmutendes Postulat, freilich hinreichend plausibel, als dass es sich zu einer für lange Zeit zentralen Kategorie der Psychologie aufschwingen konnte. Trotzdem bleibt es eine Behauptung, mit der viele der Fragen zur Ambivalenz und bisweilen auch Unerträglichkeit des Daseins beantwortet werden können. Ein Detail dieser Veränderung der Projektion weg von „oben“ (Gott) hin nach „innen“ (Triebe) ist die damit einhergehende Individualisierung. Es ist quasi „mein“ Triebschicksal: MEINE Mama hat dies oder das nicht richtig gemacht, diesen oder jenen Konflikt nicht ausgetragen, und das hat sich so und so auf MICH ausgewirkt. Verschwunden war das „Wenn Ihr nicht…, dann werdet Ihr…“, das vor noch nicht allzu langer Zeit allsonntäglich von der Kanzel herunterdonnerte. Das „Ihr“ wich dem „Ich“.

Damit einher geht eine Abwertung der Belange der Gruppe und damit der Traditionen. Bescheidenheit oder gar Demut vor den Belangen der Familie (im weiteren Sinne auch der Traditionen) ist gerade nicht, was die Psychologie kann; dazu müsste man in die Kirche gehen, aber das machen die meisten eben nicht (mehr). Psychologen sind am Ende dazu da, alles und jede Handlung zu verstehen und gemeinsam mit dem Individuum nach Lösungen zu suchen. ICH verhalte mich zu MEINEM Leben, finde MEINE Prioritäten, treffe EIGENE Entscheidungen und so weiter.

Doch zurück zum eigentlichen Thema, zu dem, was ich als eins der „großen Missverständnisse unserer Zeit“ ansehe, zumindest innerhalb des westlichen Kulturkreises:

Ich fürchte, dass viele junge Menschen einem fundamentalen Missverständnis bezüglich des Begriffs der Selbstverwirklichung aufsitzen. Ich möchte Selbstverwirklichung hier lediglich als die Versuche verstehen, die Menschen starten, um ihrem Leben einen Sinn zu geben und eben diesen Sinn zu verwirklichen. Das Problem dabei: Selbstverwirklichung kann kein absichtlicher Prozess sein, sondern ist nur zu erreichen, indem man die Aktivitäten nicht auf sich selbst, sondern eben auf den Sinn – und damit auf die Situation und den anderen Menschen – richtet. Sinn als Selbstzweck geht nicht. Selbstverwirklichung als Selbstzweck geht nicht. Ein Ich braucht immer den anderen – wie weit weg auch immer, aber die oder der andere ist die Richtung oder der „Geber“ des Sinns. Sinn kann man sich, so gedacht, nicht „nehmen“. Sinn „bekommt“ man, oder man „findet“ ihn, aber man kann ihn nicht behaupten oder aus sich selbst heraus generieren. Erst indem man sich selbst verliert, im Sinn aufgeht, findet man Sinn und damit Selbstverwirklichung (David Brooks), nicht indem man sich selbst sucht und – in diesem Fall zwingend – nichts findet (ein wenig ironisch: Schnipo Schranke - „Ich suche ständig nach mir selbst, doch da ist nichts weit und breit“).

Ansonsten sitzt man dem großen – und kaum hinterfragten – Versprechen unserer Zeit auf – der Gaukelei, man könne alles erreichen, wenn man es nur wolle. Versteht man den menschlichen Willen tatsächlich so, ist man bei Zielen und allen weiteren ökonomisch geprägten Kategorien des Coachings und wie die neuen, häufig aus der Psychologie hervorgegangenen Selbstvergewisserungspraktiken alle heißen. Die Psychologie war es, die das Individuum – wissenschaftlich fundiert – in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt hat.

Wir lernen, was Sinn ist, wenn wir Lebensläufe von Menschen betrachten, denen es gelungen ist, ihrem Leben einen Sinn zu verleihen (Charlotte Bühler). David Brooks hat das kürzlich in einzigartiger Weise vorgemacht.

Die eingangs angesprochenen Studenten nehmen quasi die Perspektive anderer auf sich selbst ein, betrachten sich durch die (angenommene, unterstellte) Perspektive anderer Menschen auf sich selbst. Aber es sind eben nicht die anderen, sondern sie selbst. Sie machen sich damit selbst zum Primat, zu einem „Ersten“ und werden genau dadurch nie erreichen, was sie eigentlich intendieren – wissen, wie man ein gutes Leben führt, wie man etwas „richtig“ macht und so weiter.

Früher haben das die Gemeinschaft und die Traditionen geregelt, heute müssen wir alles immer selbst entscheiden. Niemand nimmt uns die Entscheidungen mehr ab. Wir haben Gott und die Gemeinschaft als Maßstäbe eliminiert, was eine Befreiung war.

Wirklich?

Wir bezahlen dafür einen entsetzlichen Preis, indem wir dazu verurteilt sind, uns selbst immer wieder abzunabeln, immer wieder selbst zu entscheiden. Als Hilfsmittel holen wir uns den Blick von außen: Welchen Eindruck macht das, wenn ich jetzt so handle? Wie kommt das rüber? Genau dadurch kommen wir nicht zu uns selbst.

Das Missverständnis hat noch eine andere, womöglich „fiesere“ Ebene: viele von uns verwechseln ihre Kinder mit Projekten. Was ich damit meine, ist, dass viele der heutigen Eltern ihre Kinder nicht mehr behandeln wie Kinder – also Wesen, die etwas lernen müssen, die erst einmal Werte übernehmen müssen, damit sie später selbst Position beziehen können.

Unsere Aufgabe ist es, einen Sinn zu finden. Nach Viktor Frankl liegt der Sinn darin, in einem jeweils gegebenen Augenblick etwas anders zu machen, etwas zu verändern. Damit ich aber überhaupt etwas verändern will, muss mir erst einmal etwas behauptet werden. Ich kann das später für richtig oder falsch oder teilweise richtig oder teilweise falsch halten, oder ich kann in irgend eine denkbare Richtung abbiegen, ganz egal. Ich brauche als Kind erst einmal eine Leitung, damit ich später überhaupt etwas will – und nicht alles gleichzeitig. Denn wer immer alles hatte, was er oder sie wollte, der oder die weiß nichts über Wollen, Haben oder Sein. Die- oder derjenige ist ganz und gar BIG ME geworden, und BIG ME besteht nur aus Bedürfnissen. Ich kann alles haben, alles werden, alles sein, und das zu jeder Zeit. Das ist, was die Vielfalt der Möglichkeiten (pädagogisch korrekt formuliert: Lernen geschieht selbstgesteuert) suggeriert und als Verhaltensspur bei denen hinterlässt, die wenige oder gar keine Grenzen mehr erfahren haben.

Natürlich geschieht Lernen (auch) selbstgesteuert. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Es kommt auf die Details an: Ich muss bei der Sauberkeitserziehung keinen Druck machen wie in Zeiten der autoritären Erziehung. Ich kann warten, bis das Kind sagt: „Ich brauche keine Windel mehr.“ Aber wenn ich das Kind nicht auf den Topf setze und ihm vermittle, was ich will und für richtig halte, wird das Kind nicht darauf kommen, keine Windel mehr zu wollen. Dann trägt es mit fünf Jahren immernoch nachts eine Windel und braucht den Schnuller. Dann muss ich mich auch nicht wundern, wenn mein Kind eine ganze Armee von Seelenklempnern und Sprachverbesserern in Anspruch nimmt. Im Grunde laborieren diese Berufsgruppen heute oft an den Folgen fehlender Erziehung herum. In Zeiten autoritärer Erziehung waren die Methoden oft grundfalsch, nämlich voller Einschüchterung und Gewalt. Das Problem heute: sie fehlen nicht selten ganz und gar.

Wir könnten es besser wissen.

Jörg Heidig

Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar